POETRY SLAM REGENSBURG


Dichterwettstreit ... und eines der letzten großen Abenteuer für Fans von Literatur und Intelligenz

 

Poetry Slam (deutsch: Dichterwettstreit) ist ein literarischer Vortragswettbewerb in dem Autoren innerhalb einer bestimmten Zeit selbstgeschriebene Texte vortragen und sich dem Votum der Zuschauer stellen. Bewertet werden sowohl der Inhalt der Texte als auch die Art des Vortrags. Ausgehend von den USA hat diese Form der literarischen Kultur seit Ende der 80er Jahre einen einzigartigen Siegeszug um die Welt angetreten.

Seit April 2001 veranstaltet das Kulturzentrum Alte Mälzerei den Regensburger Poetry Slam. Mit seinem stets erstklassigen Line Up und seinen seit Jahren fast durchwegs ausverkauften Vorstellungen gehört der Mälze-Slam zu den führenden Veranstaltungen dieser Art in Süddeutschland. In mehr als 100 Slams standen inzwischen mehr als 1000 Poeten auf der Mälze-Bühne. Viele inzwischen erfolgreiche Regensburger Dichter und Autoren hatten hier ihren ersten öffentlichen Auftritt. Aber auch die Elite der deutschsprachigen Slampoeten hat längst das besondere Ambiente und das aufmerksame wie enthusiastische Publikum in der Alten Mälzerei entdeckt. Vor allem beim Jahreshöhepunkt, dem „Poetry Super Slam“ im Rahmen des United Comedy-Festivals geben sich in schöner Regelmäßigkeit die bekanntesten Slammer Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und National Poetry Slam Champions ein Stelldichein.

Der Poetry Slam Regensburg ist grundsätzlich offen. Teilnehmen kann wer sich am Abend in die Liste der Poeten einträgt. Erlaubt ist alles, was selbst verfasst ist. Maximal zwölf AutorInnen werden ausgelost und lesen in zwei Vorrundenblocks maximal fünf Minuten. Die nach jedem Block ermittelten Gruppensieger treten im Finale mit einem neuen Text, von ebenfalls fünf Minuten gegeneinander an. Das Publikum entscheidet schließlich über den Sieger. Stand 2016

„Poetry Slam erlebt in jüngster Zeit eine rasante Entwicklung. Das Dichten um die Wette zieht Publikum an, wie nie zuvor. Denn jeder Abend ist eine Wundertüte ... und zeigt, welches Potential im Poetry Slam steckt, wie unterhaltsam es sein kann, wenn sich intelligente Köpfe mit ihrer Sprachfindigkeit, ihrem Wortwitz, ihrer Ausdrucksstärke bekämpfen – und zwar live und in echt!“ (Der Spiegel)


Doppelsieg der Slampoeten aus Berlin
United Comedy: Die Österreicherin Lisa Eckhart und Felix Lobrecht gewinnen den Super Slam in der Alten Mälze in Regensburg.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Ein beliebtes Thema des Berliner Zeichners Tom für seine herzerfrischenden „Touché“-Strips ist die alterslose Esoterikerin, die Bäume umarmt. Beim Poetry Super Slam stellte ein junger Mann in zeittypischer Kapuzenkleidung eine eigene Variante zur Schau: In der Pause umarmte er innig eine der Säulen in der Alten Mälze. Inmitten der dicht gedrängten Zuhörer umschlang er verträumt das kühl gestrichene Objekt. Ob er durch das atemlose Gedicht „Der Baum“ des Offenbacher Slampoeten Samuel Kramer oder die Tagträumereien von „Captain-Not-Gonna-Happen“ inspiriert wurde, ließ sich nicht eruieren.
Jippie und Yeah vor vollem Haus
Wie beliebt das nach strengen Regeln ablaufende Poetry-Schauspiel nach wie vor ist, zeigte sich bereits vor Beginn an der Schlange, die sich die halbe Galgenbergstraße hinunterzog. Hemdsärmelig routiniert musste Moderator Ko Bylanzky einige Mühe darauf verwenden, Ruhe in den vollbesetzten Raum zu bringen, um die Begrüßungsrituale für die elf Teilnehmenden einüben zu können: „Jippie für die Neuen, die noch nie hier waren – und Yeah!!! für alte Bekannte!“
Als bereits Eingeführte stellte er die Bambergerin Jasmin Reithmeier vor, die aus ihrer Kladde vergnügt Erinnerungen an ihre Schulzeit vortrug. „Früher war alles besser“, zitierte sie halbironisch ihre Großmutter, denn „die letzte, richtig geile Generation sind wir!“ Einen rapartigen, drakonischen Ritt durch die Menschheits- und Weltgeschichte absolvierte anschließend Kramer mit seinem atemlosen Baum-Gedicht. Bei ihm sind es vom romantischen Makro- zum nüchternen Mikrokosmos nur wenige Wörter.
Bitterböses Schüttelgereimtes
Mit einem etwas holprig vorgetragenen Text über eine unappetitliche Lesung – „Literatur muss aufwühlen…“ – erntete der Münchner Wolfram Heinrich als Oldie des Super Slam nur mäßig Anerkennung.Weit besser kam der berlin-brandenburgische Landesmeister Felix Lobrecht mit seiner lakonischen Selbstironie an. Mit entlarvenden Pointen über öde Studentenpartys ging er als Sieger der ersten Hälfte mit der androgynen Lisa Eckhart ins Rennen um die Endauswahl. Diese punktete nach einer gewitzten Reimerei der Regensburgerin Theresa Reichel übers eigene Leben mit einem bitterbösen, schüttelgereimten Text über die Jesusgeschichte. Derb Anstößiges wechselte mit sarkastischer Niederträchtigkeit und genüsslich ausgekosteter Gemeinheit.
Im Finale mit Lobrecht setzte die in Berlin lebende Wienerin, die perfekt gestylt an David Bowie erinnerte, noch eins drauf. Süffisant zerlegte sie mit ihrem „3-Punkte-Plan“, einem hochpolitischen Rundumschlag, jeglichen gesellschaftlichen und religiösen Konsens. Mit charmant eingesetztem Akzent scheint die Österreicherin die Großmeister ihrer Heimat, von Helmut Qualtinger bis Josef Hader nicht nur beerben, sondern gleich übertreffen zu wollen. Ihre Schüttelreime hören sich an wie lebendig gewordene schwarz-gallige Karikaturen von Manfred Deix. Das Lachen blieb dennoch keinem der Zuhörer in der Mälze im Hals stecken, wenn die österreichische Slam-Meisterin lustvoll vom Leder zog.
Dagegen wirkte ihr Konkurrent Lobrecht mit seiner trockenen Berliner Schnauze beinahe gemütlich. Dennoch forderte das Publikum den tendenziell überforderten Moderator Bylanzky lautstark auf, „beide, beide…!!“ zu Siegern zu erklären. Der beugte sich dem Votum, was mit einem Beifallsturm quittiert wurde.
Siegerverdächtig war auch, das sei noch nachgetragen, die neu erzählte Wilhelm-Busch-Geschichte von den bösen Buben Max und Moritz. Der Münchner Alex Burkhardt packte jede Menge aktuelle politische Themen und gesellschaftliche Missstände in seine gelungene, scharfzüngige Nachreimerei. Konziliant der grimmige Schluss: „Ach ein Glück ist‘s jetzt vorbei / mit der Übertäterei!“ Bis zum nächsten Poetry Slam im April am gleichen Ort. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2016

 

Wichtig ist, dass man jedes Wort sagen will
Beim ersten U-20 Poetry Slam in der Alten Mälzerei wagten sich zwölf Jung-Poeten - teilweise zum ersten Mal - mit ihren Texten auf die Bühne.


Von Andrea Deyerl.
Sven Hörmann aus Neumarkt war einer der Jung-Poeten, die sich beim ersten U-20 Slam in der Mälze ans Mikro trauten.
Nervös war Christoph nicht. Dafür ist er schon zu lange dabei. Klarer Vorteil gegenüber denen, die ganz frisch anfangen mit dem Dichten. Denn beim U-20 Poetry Slam in der Alten Mälze stehen neben Christoph Schwarzfischer ganz gewollt junge Poeten auf der Bühne, die ihr Lampenfieber das erste Mal überwinden.
Astrid Kötterl und David Häuser, die beiden Jüngsten im Mälze-Team, haben den U20-Slam auf die Beine gestellt. Im Vorfeld hatten sie unter anderem bei Poerty-Slam-Workshops die Werbetrommel gerührt (kult.de berichtete).
Am Donnerstag, 3. Mai trauten sich dann tatsächlich zwölf Jung-Slamer auf die Bühne in der Mälze. „Bei mir war der erste Auftritt ein komisches Gefühl“, erinnert sich der 20-jährige Christoph. „Zuerst habe ich mich nicht zurechtgefunden auf der Bühne.“ Doch Spaß gemacht hat es von Anfang an. Und als er dann das erste Lob einheimste, waren alle Zweifel vorbei.
Worüber er so schreibt? „Das Alter bestimmt die Themen. Es geht um Sachen, die einem durch den Kopf gehen.“ Und nach einer kleinen Pause fügt Christoph schmunzelnd hinzu: „Meine ersten Texte drehten sich um Alkohol.“ Von großen politischen Themen sollte man seiner Meinung nach die Finger lassen. Die nämlich könne man in den fünf Minuten, die man pro Auftritt Zeit hat, nicht abhandeln. Doch ansonsten kann jedes Thema funktionieren. Lustig, ernst, nachdenklich, mit viel Sinn oder mit weniger Sinn – egal. „Wichtig ist eigentlich nur, dass man jedes Wort, das man auf der Bühne sagt, auch wirklich sagen will.“
Die Texte der anderen Poeten handelten oft von der Zukunft, davon, zu sich selbst zu finden. Zwei davon waren auch Kabarett-Preis-verdächtig und sorgten für laute Lacher. Das honorierte auch die Jury. Fünf (Fach-)Leute aus dem Publikum wurden vorab von Moderator Ko Bylanzky mit Block und Stift ausgestattet und durften nach jedem Auftritt Punkte von null bis zehn vergeben.
Die meisten davon gingen tatsächlich an den Regensburger Christoph Schwarzfischer, der seinen Text, der immer noch ein bisschen von Alkohol, aber auch von großen Gefühlen handelte, perfekt durchdacht, vorbereitet und ausgefeilt hatte. Auf Platz zwei und drei Lena Hacker aus Bayreuth und Sven Hörmann aus Neumarkt mit ihren spaßigen Texten.
Der U-20 Poetry Slam soll, trotz der enormen Vorarbeit, die nötig ist, ab jetzt regelmäßig stattfinden. Mälze-Chef Hans Krottenthaler erhofft sich dadurch mehr Nachwuchs für und in Regensburg, das sich zur Poetry Slam-Hochburg gemausert hat.
Wer Lust bekommen hat, ist jederzeit herzlich willkommen in der Gemeinschaft der Poeten. „Am besten, man geht so ein, zweimal hin zu einem Slam und schaut es sich an“, rät Christoph. Außerdem solle man einfach den Kontakt zu den Anderen suchen. „Das sind auch nur Menschen.“ Und meistens sogar recht nette. Mittelbayerische Zeitung, 4.5.2012

 

Bayernslam 2012 vom 17. bis 19. Mai in Bamberg

Guten Tag! Ganz Bayern fiebert dem 19. Mai entgegen. Nicht etwa, weil dann ein großes Fußballspiel o.ä. stattfände, nein, am 19. Mai steigt das Finale des BAYERSLAM 2012 in Bamberg.
Zum zweiten Mal nach Regensburg 2010 werden die bayerischen Meisterschaften im Poetry Slam ausgetragen. 40 Teilnehmer werden ihr Bestes geben, um Bayernmeister in 2 Kategorien zu werden. Auf keinen Fall wird es einen Wiederholungssieger geben, denn der amtierende Bayernmeister Christian Ritter (Bamberg) tritt nicht an, organisiert stattdessen in Zusammenarbeit mit Nora Gomringer und der Landesgartenschau den BAYERNSLAM 2012. Dort, auf dem Gelände der Landesgartenschau, wird der Bayernslam tagsüber und abends stattfinden. Nachts steht der morph club als Anlaufstelle bereit. By critter on 23. April 2012

 

Ein Forum für den Nachwuchs
Wortsport: Beim U-20 Poetry Slam in der Mälze sollen junge Poeten auf die Bühne.



Regensburg. Die Großen machen’s vor. Der „normale“ Poetry Slam hat sich bereits über Regensburgs Grenzen hinweg einen Namen gemacht. Nun soll sich auch der Nachwuchs auf die Bühne wagen. Beim U20-Slam am Donnerstag, 3. Mai sind die jungen Poeten unter sich.

Von Andrea Deyerl. 66 Poetry Slams gab es bereits im Kulturzentrum Alte Mälzerei. Währenddessen standen rund 800 Poeten auf der Bühne, viele davon haben sich inzwischen in der Szene einen Namen gemacht. Seit der ersten Veranstaltung im April 2001 entwickelte sich der Poetry Slam in Regensburg mit durchschnittlich 300 Besuchern zu einem der größten Bayerns. Da kann es schon mal passieren, dass gerade junge, unerfahrene Talente kalte Füße bekommen.
Deswegen soll es nun am Donnerstag, 3. Mai einen U20-Slam geben, bei dem auch junge Poeten sich trauen dürfen, ihr Können aneinander zu messen. „Die Idee dazu hatten wir schon lange, aber die Umsetzung ist bisher immer an der enorm aufwendigen Vorarbeit gescheitert“, erzählt Mälze-Chef Hans Krottenthaler. Doch mit Astrid Kötterl, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, und dem neuen Auszubildenden David Häuser kamen im September vergangenen Jahres zwei junge Leute ins Team, die sich mit Vergnügen um dieses Projekt annahmen.
Um unter den unter 20-Jährigen Lust auf den Wortsport zu verbreiten, organisierten Kötterl und Häuser Poetry-Slam-Workshops an Regensburger Schulen. Unterstützung kam vom Münchner Verein Planet Slam e.V.
Auf diesem Weg erreichte das Orga-Team 30 Schüler. Das ist freilich keine Garantie für 30 Jung-Poeten, die beim ersten U20-Slam die Bühne stürmen, aber: „Es haben sich schon ein paar aus dem Workshop angemeldet“, erzählt Astrid Kötterl.
Kein Wunder, denn während der Workshops bekamen die Schüler nicht nur Denkanstöße für mögliche Themen, sondern ihnen wurden auch die Grundsteine des Texte Schreibens erklärt. „Mit kleinen Übungen brachten die Workshopleiter den Stein ins Rollen“, weiß Astrid Kötterl, „außerdem erklärten sie den Teilnehmern, dass Performance, Körperhaltung, Mimik und Lautstärke genauso wichtig sind wie der Text“. Und nach dem Workshop hatte jeder Schüler einen kleinen Teil vom ersten Meisterwerk, welches – nach dem Feinschliff – schon aufführungsreif wäre.
Ein paar Anmeldungen kann die Mälze schon verzeichnen, doch es müssen sich noch mehr trauen! Gerade, weil das Niveau des Poetry Slams in Regensburg so hoch ist, könnte es in ein paar Jahren am einheimischen Nachwuchs mangeln. Viele der Jung-Poeten haben Angst, neben den „großen“ Wortsportlern, die meist Mitte, Ende 20 sind, zu verblassen und wagen sich daher gar nicht auf die Bühne. „Wir wollen jetzt ein Forum für den Nachwuchs bieten“, unterstreicht Hans Krottenthaler.
Wem es nun in den Fingern juckt, der ist herzlich eingeladen, loszutexten und sich anzumelden. Erlaubt ist grundsätzlich alles. Es gibt nur wenige Regeln beim Poetry Slam: Die Texte müssen selbst verfasst werden und dürfen nicht länger als fünf Minuten sein.
Am Freitag, 27. April findet ein regulärer Poetry Slam statt. Vorher wird es einen Intensiv-Kurzworkshop geben, in dem die Jung-Poeten letzte Fragen stellen dürfen, ihnen Mut gemacht wird und sie sich schließlich auf den Auftritt am 3. Mai vorbereiten können.
Weitere Informationen erteilt die Alte Mälze unter der Telefonnummer: (0941) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 25.4.2012

 

1. Bayerische Poetry Slam Meisterschaften
BayernSlam 2010 in Regensburg

Im Mai 2010 veranstaltet das Kulturzentrum Alte Mälzerei zusammen mit der Stadt Regensburg im Rahmen des kulturellen Jahresthemas "..10 Aufbruch"  die 1.Bayerischen Poetry Slam Meisterschaften in Regensburg.

Alleine in Bayern finden mittlerweile regelmäßig mehr als 30 Poetry Slams statt. Die Bayerischen Poetry Slam-Meisterschaften vereinen erstmals die besten jungen Autoren aus dem gesamten Freistaat um in einem dreitägigen Wettkampf in zwei Altersgruppen (unter und über 20 Jahre) ihre Preisträger zu ermitteln. Alle regelmäßigen bayerischen Poetry Slams schicken dazu ihren erfolgreichsten Poeten in die (Dichter)Schlacht. Über 50 Teilnehmer aus allen Teilen Bayerns, von Lindau bis Aschaffenburg, von Passau bis Neu Ulm versuchen mit ihren Texten und ihrer Performance das Publikum zu begeistern. Regensburg ist als eine der bayerischen Slamhochburgen der ideale erste Austragungsort des Bayernslams.     

"Von den Dichterbühnen der Welt ins Herz der Oberpfalz", schreibt die Mittelbayerische Zeitung über die Eröffnungsshow bei der einige der besten Poeten Deutschlands und der amtierende Poetry Slam-Weltmeister, Joaquin Zihuatanejo aus Texas, dem Publikum schon zum Auftakt ein unvergesslich poetisches Abenteuer bescheren. Die erste Wettbewerbsveranstaltung ist der U20-Slam. Jugendliche und junge Erwachsene bis 20 Jahren dichten um die Gunst des Publikums und den Titel des U20-Champions! Beim U20-Wettbewerb treten 14 Teilnehmer aus 10 Städten gegeneinander an. Das Stechen der punktbesten aus der ersten Runde erreichen Leonie Mühlen (Landsberg), Sonja Popp (München), Friedolin Kerner (Gauting) und David Friedrich (München). 1. Bayerischer U20-Poetry Slam Champion wird David Friedrich.

Die Stimmung beim großen Finale im ausverkauften Velodrom ist atemberaubend und die Spannung bis zuletzt nicht zu überbieten. Kurz nach Mitternacht überreicht der Kulturreferent der Stadt Regensburg Klemens Unger die Trophäe mit dem "flammenden Mikro" an den 1. Bayerischen Poetry Slam Champion 2010 Christian Ritter aus Bamberg. Knapp dahinter folgen Moritz Kienemann aus München und Lucas Fassnacht aus Nürnberg. 24 Teilnehmer aus 23 bayerischen Städten kämpften um den prestigeträchtigen Titel des 1. Bayerischen Poetry Slam-Champions. Mit insgesamt mehr als 1300 Besucher an drei Veranstaltungstagen und einem grandiosen Finale im Theater Velodrom ist der Bayern-Slam 2010 großartige Werbung für junge Literatur und ein kulturelles Highlight, das auch überregional ausschließlich Lob und Anerkennung erntete.

 

 

Wenn Sprache zur Spitze mutiert
Christian Ritter gewinnt die bayerische Meisterschaft – nach dreieinhalb heißen Stunden.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Der Bayern Slam 2010 – das ist nicht irgendein Wettbewerb. Es ist die erste bayerische Meisterschaft der Poetry-Slam-Künstler überhaupt. Wer hier gewinnt, hat den optimalen Startplatz für die Deutsche Meisterschaft. Riesig ist am Samstagabend das Interesse am Wettstreit der zehn Finalisten. „Wir haben den Saal voll bekommen!“, jubeln die moderierenden DJs Ko Bylanzky und Rayl Patzak zu Beginn der großen Ausscheidung im Regensburger Velodrom.
Der Poetry Slam in der ehrwürdigen Theaterhalle – kein Problem! Das Publikum ist bestens drauf. Im Hintergrund der Bühne gibt der samtig blaue Vorhang dem Bayern Slam einen extrem würdigen Anstrich. Eine kleine rote Lampe hält auf der Konsole von DJ Patzak trotzig dagegen. Statt in Lichtorgel-Geflimmer stehen im Fokus sanft ausgeleuchtete Poeten und Wortkunst pur.
Dennoch ist einiges anders: Während bei „normalen“ Slams das Publikum johlend, trampelnd oder buhend über Sieg oder Niederlage entscheidet, wurden diesmal vor Beginn fünf Juroren aus dem Publikum gefischt, die nach jedem Auftritt ihre Wertungsnoten in die Höhe strecken. Statt dass der Saal nach den Performances kocht, herrscht meist atemberaubende Stille.

Das „Flammende Mikro“
Selbst Klemens Unger wetzt ungeduldig auf seinem Stuhl, bis die jeweilige Note steht. Der Kulturreferent, der bei der Frage zu Beginn des Dichterwettstreits, wer zum ersten Mal einen Slam besucht, unumwunden per Handzeichen seine Premiere eingesteht, wird während der kommenden dreieinhalb Stunden infiziert und zum Fan. Als er zum Schluss das von der MZ gestiftete „Flammende Mikro“ dem Sieger überreicht, findet er knapp und präzise die richtigen Worte: „Starke Nummer!“
Von neun Uhr abends bis eine halbe Stunde nach Mitternacht dauert der Wettkampf – für das Publikum ein Hochgenuss! Drei Ausscheidungsrunden, in denen die Künstler in fünfminütigen Beiträgen ihr Bestes geben.
Diese Kunst packt zu Recht: Sprachlich gewitzt, gespitzt, stilistisch bis in die letzte Silbe ausgefeilt, inhaltlich so kunstvoll gedrechselt, so fantasievoll und dabei entlarvend, intelligent Wirklichkeit analysierend und gleichzeitig Traumwelten fabrizierend, witzig, aber manchmal auch zutiefst berührend, von der Darstellungskunst her mal bloßer Vortrag – mal echte Schauspielkunst mit vollem Körpereinsatz: Poetry Slam ist alles!

Worte von brillanter Schlagkraft
Der amtierende Weltmeister Joaquin Zihuatanejo, Stargast dieses von der Alten Mälzerei initiierten und durchgeführten Festivals, heizt nun mit einem Love Poem den Saal an. Er zeigt, was alles machbar ist, wie die Worte in Bewegung übergehen und ihre unschlagbare Kraft dadurch nur noch brillanter wirkt.
Danach die bayerische Auswahl, die ebenfalls Brillantes zu bieten hat: Lucas Fassnacht aus Nürnberg legt mit einem Rap über gierige Banker, Politiker, dreist verdummende Medien und unersättliche Unternehmen furios los. Der Ausbruchsversuch seines Otto-Normal-Verbrauchten bleibt im System stecken, in der „Norma-Lidl-tät“. Fassnacht gehört zu den dreien, die in der letzten Runde um den Titel kämpfen. Und er tut es extrem mutig, mit einem Text über Nazis, die sich darin gefallen, kleine Kinder zu töten. Das betroffene Publikum wird ganz leise –bis zum stürmischen Applaus.
Lasse Samström aus Ingolstadt sorgt mit seinem Schüttel-Gedicht „Stirbelwurm“ über einen Ausflug durch das wirbelsturm-erschütterte St. Pauli, „wo die Netten waren nutt“, für viel Gelächter. Andivalent aus Landshut liefert einen berührenden Rap, in dem er den Drogen-Tod eines Freundes und die eigene Rettung verarbeitet hat. Michael Jakob aus Weißenburg wütet über die Bühne und fordert ein Abschiednehmen von den Trugbildern des ersten und des Second Life.
Moritz Kienemann aus München – auch er schafft's in die letzte Runde – statuiert glänzend ein ums andere Exempel seines Postbeziehungstraumas. Bumillo aus Freising buxiert mit seiner Jammen-statt-Jammern-Session den Regensburger Thomas Spitzer, der sich mit dem angeblich beginnenden Avatar-Zeitalter auseinandersetzt, mit Minimalst-Vorsprung aus dem Rennen. Selmar Klein begeistert als Getriebener seiner Interessen, der nach dem Motto schreibt: „Dada is' Muss“. Nur Ariane Hussy aus Passau, beim Super Slam des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals Zweite, kann mit ihrem „Mädchentext“ nicht landen.
Christian Ritter aus Bamberg pustet mit seiner Collage aus Fernsehschnipseln aus Nachrichtensendungen und Soaps TV-Süchtlingen das Hirn frei. Er schafft es nicht nur durch alle drei Runden, sondern legt jedes Mal zeitmäßig eine Punktlandung hin. Er ist nach diesem Abend der Meister, „wohlverdient“, wie Unger sagt. Ritters Text, in dem er verkatert in einer fremden Wohnung aufwacht, sich am Telefon als Eismann-Vertreter ausgibt und die Freundinnen der Wohnungsbesitzerin ungerührt und vergnügt einer Razzia preisgibt, ist eine Perle des schwarzen Humors, die noch nachwirken wird, wenn er bei der Deutschen Meisterschaft schon den nächsten Geniestreich in den Wettstreit schickt. Mittelbayerische Zeitung, 17.5.2010

 

We are Slamily: Die Familie der Live-Poeten
Der 19-jährige David Friedrich hat den Nachwuchswettbewerb des Bayern Slam gewonnen. Er ist stolzes Mitglied im Club der slammenden Dichter.

Von Helene Vilsmeier, MZ
Regensburg . Er dichtet, rappt, philosophiert, gerät vor dem Publikum in Rage, gestikuliert, wirft mit Wortspielen um sich und reißt Witze zum Abbrechen – David Friedrich aus München überzeugte beim U20-Wettbewerb der bayerischen Poetry-Slam- Meisterschaft durch Facettenreichtum, starke Bühnenpräsenz, Dynamik und Humor. Die Jury – die sich aus Jugendlichen aus dem Publikum rekrutierte – war begeistert und katapultierte den 19-Jährigen als Punktbesten ins Finale.
„An Deinen Worten ist nichts dran“ – metaphorisch sprach der Finalist über Menschen, die Masken tragen, um ihre wahre Identität zu verstecken, das aufgesetzte Lächeln und das zwanghafte Reden am Frühstückstisch und den fehlenden Mut, die alltägliche Monotonie zu durchbrechen.
Damit sicherte er sich den Sieg – doch für den Nachwuchsdichter geht es beim Poetry Slam um weitaus mehr als ums Gewinnen: „Wir sind eine ‚Slamily‘ – eine Slam-Family. Das Besondere am Poetry Slam ist, mit anderen Slammern rumzutouren, zusammen in Hostels abzusteigen, zu feiern und Leute kennenzulernen.“ So entsteht eine Gemeinschaft, in der die alteingesessenen Poeten den Anfängern mit Rat und Tat zur Seite stehen und nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen.
Vor vier Jahren stand David mit seinem Partner Ivo Rick zum ersten Mal auf der Dichterbühne. Geübt hat er bei regelmäßigen Slam-Workshops in der Schauburg, dem Theater der Jugend in München. Solche Workshops für angehende Dichter finden in den meisten deutschen Poetry-Slam-Städten statt. David hat Glück, denn München hat die größte Slam-Szene Bayerns: „Alleine in München gibt es drei Poetry Slams und sehr viele in der Umgebung.“ Auch seine Mitstreiter im Finale kommen alle aus der Gegend: Leonie Mühlen aus Landsberg, Sonja Popp aus München, Fridolin Kerner aus Gauting. Und natürlich kennt er sie alle, Dank der Gemeinschaft der „Slamily“.
In der bayerischen Hauptstadt findet einmal im Monat der „Substanz Slam“, der bekannteste Poetry Slam Europas, statt. Er verhalf David auf seiner Karriereleiter nach oben. „Ich war drei, vier Mal dabei und habe im März 2009 gewonnen. Das war der letzte Schliff.“ Daraufhin lud ihn unter anderem Lars Ruppel, einer der bekanntesten deutschen Slampoeten, zu Wettkämpfen in Mainz und Frankfurt ein.
Bei den nationalen Meisterschaften war David einmal als Moderator und zweimal im U20-Teamwettbewerb dabei. Den Deutschland-Slam im Herbst 2010 wird er nicht verpassen. „Der Sieger des Bayern-Slam nimmt automatisch am deutschsprachigen Wettbewerb teil“, erklärt Moderator Ko Bilanzky.
David freut sich darauf, durch die deutschen Metropolen zu touren, doch im beschaulicheren Regensburg fühlt er sich auch sehr wohl: „Regensburg hat in Bayern einen der besten Slams. Die Stimmung in der Mälze ist super, das Publikum jung und der Funke springt wahnsinnig gut über.“ Der Nachwuchs der Dichter-Familie strotzt vor Ideenreichtum, Talent, Können und jugendlicher Begeisterung. Mit Sicherheit sprang der Funke auf die begeisterten Zuhörer über. Mittelbayerische Zeitung, 17.5.2010

 

Reimende Echsen im Literaturassic Park
DICHTKUNST Poesie aus Leidenschaft: Mit preisgekrönten Wortkünstlern hat der BayernSlam 2010 begonnen.

VON HELENE VILSMEIER, MZ
REGENSBURG. Von den Dichterbühnen der Welt ins Herz der Oberpfalz - die besten Poeten Deutschlands und der amtierende Poetry Slam-Weltmeister, Joaquin Zihuatanejo aus Texas, kamen nach Regensburg und bescherten dem Publikum ein u8nvergessliches poetisches Abenteuer. Sie stimmten ein auf d8ie allerersten Bayerischen Meisterschaften der Slammer - "ein historischer Moment", wie Moderator Ko Bylanzky voll Stolz bei der Eröffnung in der Alten Mälzerei befand.

"Ich bin ein Straßenpoet und schreibe über schlimme Dinge", verkündete Joaquin Zihuatanejo, der 2009 die Weltmeisterschaft in Paris gewann. Der Einwanderer-Sohn ist politisch und sozialkritisch, spricht über die Hoffnung, dass Menschen jeder Herkunft friedlich zusammenleben können. Er philosophiert über die guten alten Zeiten, "back in the days", als Sonntage noch heilig waren und im Fernsehen immer "coole Shows" liefen. Er nennt die drei Dinge, die seinen texanischen Landsleuten heilig sind: "Jesus Christus, Football und der Wall-Mart, weil man in dem Einkaufszentrum von Patronen bis Tampons alles bekommt." Allen die sich beschweren, weil George W. Bush acht Jahre lang ihr Präsident war, bietet er die Stirn: "Er war davor vier Jahre lang mein Gouverneur. Ich hatte also ganze zwölf Jahre mit ihm zu tun." Die preisgekrönte deutsche Lyrikerin Nora Gomringer steht ihm als Dolmetscherin zur Seite und Zihuatanejo beweist mit Pathos, Charme und Humor, dass er zu Recht der Meister ist.
Aus dem nationalen Lager war der deutsche Poetry Slam-Meister Philiupp "Scharri" Scharrenberg aus Stuttgart angereist. Er mimte einen Hypochonder mit Migräne, kaputtem Magen, Tinnitus, Milzbrand und Thrombose. Weil "krank not dead ist" schwingt er trotz Schmerzen das Tanzbeim beim "Immun-Walk" und packt als "Maserfucker" seine Rap-Skills aus. Er macht Werbung für "Marihuana-Jones - Auf der Suche nach dem heiligen Gras - erstmals in THC und Breitwand."

Als Trio PauL - "Poesie aus Leidenschaft" - gewannen er und die die Münchner Heiner Lange und Christian Bumeder alias Bumillo den deutschen Teamwettbewerb 2009. Sie spielen ein Pack geiziger Bänker, das sich um der Karriere willen keine freie Minute gönnt. "Eine halbe Stunde Lesen kostet mich 1500 Euro, zwei Stunden Sex mit meiner rau 6000 Euro", rechnet Scharrenberg. Ihr erstes Gebot lautet: "Du sollst die Bank lieben wie Dich selbst." Die drei Poeten sind Virtuosen des gesprochenen Wortes. Sie spielen damit, verändern es und schaffen neue Kreationen. "Wir sind reimende Echsen im Literaturassic Park."
In eine traumwandlerische Welt der Philosophie und Sinnsuche entführt das Musikprojekt "Großraumdichten", das gesprochene Poesie mit elektronischen Beats vereint. Die Slammer Pauline Füg aus Eichstätt und Tobias Heyel aus Stuttgart sinnieren über den Trott des Alltags und gesellschaftliche Zwänge.
Mit atemberaubend schönen, mal verträumten und mal galaktischen Klängen lässt DJ Ludwig Berger aus Eichstätt die Worte lebendig werden. Seine eindringlichen Melodien und die nachdenklichen Texte bilden eine wundersame Melange, die noch lange nachklingt. Mittelbayerische Zeitung, 15.5.2010

 

Überraschungsei aus buntem Wortgefetz
DICHTKUNST Spannend, vielseitig und unterhaltsam: Der Poetry Super Slam beschert der Mälze ein volles Haus.

VON SUSANNE WIEDAMANN, MZ
REGENSBURG. Am Karsamstag einen Dichterwettstreit vor Publikum auszutragen, zeugt von Mut. Doch die Macher des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals �United Comedy 2010� behalten recht. Der Saal in der Alten Mälzerei ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, rund ein Viertel der Zuschauer bezeugt mit hochgerecktem Arm, das erste Mal bei einem Slam zu sein. Spannung kommt auf. Auch an Dichtern herrscht kein Mangel: Neben sechs geladenen Gästen melden sich elf weitere Poeten an. Drei müssen vertröstet werden, denn mit 14 Auftretenden ist das Programm rappelvoll. Fünf Minuten bekommt jeder, um mit seinem Selbstgeschriebenen das Publikum zu betören, das den Sieger kürt.
Dreieinhalb Stunden dauert die Prozedur. DJ Rayl Patzak lässt zu Beginn die Scheiben kreisen und bringt das Publikum mit harten Rhythmen auf Kurs. Patzak und Ko Bylanzky führen als Slam Master durch den Abend, erklären Regeln, losen die Auftritte aus, sagen die Künstler an, fassen nach jeder Runde die Darbietungen kurz zusammen, damit das Publikum klatschend seine Wertung abgeben kann. Und sie haben das absolute Gehör, wer beim Publikum die Nummer Eins ist.
Creme de la Creme der Szene
Die Konkurrenz ist groß, nicht nur, weil mit den Gästen die Creme de la Creme der Szene aufgeboten ist: Renato Kaiser ist der erfolgsreichste Slam-Poet der Schweiz. Und die deutschen Slamer Pauline Füg aus Eichstätt, Julian Heun und PEH aus Berlin, Björn Dune aus Dublin/München und Ariane Hussy aus Passau sammeln Slam-Siege wie andere Leute Briefmarken.
Doch auch die angereisten Überraschungs-Slamer haben viel drauf. Nicole Huber amüsiert mit ihrer international affair �An Englishman in Regensburg�, bei der ein Engländer seine liebe Not mit dem Oberpfälzischen hat, während seine Liebste dem Englischen beim Sex entschieden mehr abgewinnen kann. Thomas Spitzer bezaubert das Publikum mit seinem satirischen Märchen einer hässlichen Prinzessin, die mit Backfett im Gesicht und schiefer Krone auf dem Kopf ihr Glück sucht � und nach Glasschuhen, wie sie Aschenputtel trug. Doch der Glasbläser, den sie um Glasschuhe bittet, �machte ein Gesicht, wie ein Pferdeflüsterer, wenn das Pferd zurückflüstert� und kann nicht helfen.
Der Aasgeier ist platt
Die Lacher auf seiner Seite hat auch Benno Kreuzmaier, der sich schelmisch als �echte Alternative� zu den jungen, auswendig vorsprechenden, lustigen Poeten anpreist. Doch für ihn selbst unerwartet landet er mit seinem Endlos-Gedicht �Der Parkfriedhof� einen Treffer, in dem sich ein Geier nach dem anderen, seinen plattgefahrenen Artgenossen essend, überfahren lässt. Englisches ist unter den vorgestellten Werken , Absurdes aus Alliterastan, buntes Wortgefetz � und höchst artifizielle Texte, intelligent, mitreißend, emotional berührend. Der von der Krankheit des Dichtens befallene Renato Kaiser hadert mit seiner literarischen Qualität: Lehrer soll er werden, raten die Eltern. Doch: �Was immer ich schreibe, ist vielleicht nicht so klug. Um nicht Lehrer zu werden, ist`s allemal genug�, rettet sich Kaiser.
Julian Heun besticht sprachlich und von seiner ausgefeilten Performance her mit seiner Zementa Meier, die ein mathetriefendes Banakldiktat schaffen muss. Mit hoher Slamerkunst schafft er es ins Finale. Finalistin der zweiten Runde ist Ariane Hussy, die für den erkrankten �Der Koschuh� eingesprungen ist, und die eine wilde, witzige Speed-Dating-Story einer Sammlerin von Vaginalzäpfchen rauschhaft und rasant über dem Publikum abfahren lässt. Auch im Finale treibt sie skurrile Blüten. Doch der Sieger des Abends ist Julian Heun, der mit seiner Darstellung eines ungeschickt die Liebe Suchenden den meisten Applaus erhält. Ein gewitztes sprachliches Meisterwerk � und ein klasse Ausklang eines spannenden Abends. Mittelbayerische Zeitung, 6.4.2010

 

Vor dem weißen Blatt sind alle Dichter gleich
POETRY SLAM Der Poeten-Wettstreit ist eines der letzten großen Abenteuer � für Fans von Literatur und Intelligenz

VON SUSANNE WIEDAMANN, MZ
REGENSBURG. Gleich zu Beginn hämmert Moderator Rayl Patzak den 14 Teilnehmern die Spielregeln für den Poetry Super Slam im Rahmen des United Comedy-Festivals ein: �Der Poet, sein Text, sein Körper, seine Stimme, sonst nichts!� Gefordert ist Textkunst pur von jeweils maximal fünf Minuten Dauer. Worauf Patzak und Ko Bylanzky akribisch achten.

Ausverkauft ist die Mälze. Kein Wunder: Poetry Slam ist eines der letzten echten Abenteuer. Jeder kann sich mit Selbstgetextetem präsentieren. Egal, ob versierter Autor oder 15jährige Literaturelevin, ob wütender Anarchist oder Liebeslyriker romantischster Prägung. Das Publikum weiß nie, was kommt. Auch heute reicht das Repertoire von Versuchen bis zur hohen Kunst. Viel Amüsantes ist darunter, wie Thomas Spitzers Spiel mit den Klischees in der Uni-Mathecaféte, Ludwig Stubers Miniaturen über Rentner, Tauben und eine Maus im Bierglas oder die Zeit-Ergüsse von Karsten aus Hamburg: �Wenn man eine Eintagsfliege ist, braucht man kein Schaltjahr und hat jeden Tag Geburtstag.� Ausgesprochen witzig ist der erste Teil von Kai Stoppels �Murphy's Law�, in dem die Spinne Murphy die diplomatische Zurückhaltung des Ich-Erzählers gnadenlos ausnützt und mit einer besoffenen Spinnen-Partygesellschaft die Wohnung seiner Freundin verwüstet. Leider ist die Story zu lang: Abpfiff! Das Publikum muss auf's Ende warten.

Andere Poeten ergehen sich in Tiefgründigem. Wie die junge Slamerin Jessica Plap, die mit Germany's-Next-Top-Model abrechnet, oder die junge Rapperin Simona Santoro. Sowohl Witzig-Skurriles als auch Ernstes wissen die Slamer der Premium-Klasse aufzugreifen. Stefan Abermann aus Wien zeigt in einem grandios ausgearbeitetem Text einen Weg aus dem Datenmissbrauchs-Dschungel. Nils Rusche malt in einer Art Horrorelegie die Weltbedrohung durch intrigante Tauben an die Wand.
Zurecht liegen Clara Nielsen aus Bamberg und Philipp Scharrenberg aus Stuttgart in der Gunst des Publikums ganz vorne und dürfen sich den Sieg teilen. Ihre Geschichten sind inhaltlich raffiniert und mitreißend und dabei stilistisch � vor allem bei Clara Nielsen � allerfeinste Poesie. Ihr Text über die 180-Grad-Wendung einer Ent-Liebten ist eine Perle der Slamkunst. Und ihr Abschiedstext einer Lebensüberdrüssigen ist sehr berührend.
Philipp Scharrenberg ist ein Poet des lauten Trommelwirbels und der unglaublichen Vielfalt. Seine Antwort auf die Frage �Wo kommen die kleinen Dichter her?� in fünf Akten ist die wortreiche Ode eines Besessenen an die Literatur, vergnüglich und doch reich an Erkenntnissen wie: �Vor dem weißen Blatt sind alle Dichter gleich.� Mittelbayerische Zeitung, 31.3.2009