BAYERNSLAM 2010 REGENSBURG
1. BAYERISCHE
POETRY SLAM
MEISTERSCHAFTEN
13.-15. Mai 2010
Wenn Sprache zur Spitze mutiert
Christian Ritter gewinnt die bayerische Meisterschaft – nach dreieinhalb heißen Stunden.
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Der Bayern Slam 2010 – das ist nicht irgendein Wettbewerb. Es ist die erste bayerische Meisterschaft der Poetry-Slam-Künstler überhaupt. Wer hier gewinnt, hat den optimalen Startplatz für die Deutsche Meisterschaft. Riesig ist am Samstagabend das Interesse am Wettstreit der zehn Finalisten. „Wir haben den Saal voll bekommen!“, jubeln die moderierenden DJs Ko Bylanzky und Rayl Patzak zu Beginn der großen Ausscheidung im Regensburger Velodrom.
Der Poetry Slam in der ehrwürdigen Theaterhalle – kein Problem! Das Publikum ist bestens drauf. Im Hintergrund der Bühne gibt der samtig blaue Vorhang dem Bayern Slam einen extrem würdigen Anstrich. Eine kleine rote Lampe hält auf der Konsole von DJ Patzak trotzig dagegen. Statt in Lichtorgel-Geflimmer stehen im Fokus sanft ausgeleuchtete Poeten und Wortkunst pur.
Dennoch ist einiges anders: Während bei „normalen“ Slams das Publikum johlend, trampelnd oder buhend über Sieg oder Niederlage entscheidet, wurden diesmal vor Beginn fünf Juroren aus dem Publikum gefischt, die nach jedem Auftritt ihre Wertungsnoten in die Höhe strecken. Statt dass der Saal nach den Performances kocht, herrscht meist atemberaubende Stille.
Das „Flammende Mikro“
Selbst Klemens Unger wetzt ungeduldig auf seinem Stuhl, bis die jeweilige Note steht. Der Kulturreferent, der bei der Frage zu Beginn des Dichterwettstreits, wer zum ersten Mal einen Slam besucht, unumwunden per Handzeichen seine Premiere eingesteht, wird während der kommenden dreieinhalb Stunden infiziert und zum Fan. Als er zum Schluss das von der MZ gestiftete „Flammende Mikro“ dem Sieger überreicht, findet er knapp und präzise die richtigen Worte: „Starke Nummer!“
Von neun Uhr abends bis eine halbe Stunde nach Mitternacht dauert der Wettkampf – für das Publikum ein Hochgenuss! Drei Ausscheidungsrunden, in denen die Künstler in fünfminütigen Beiträgen ihr Bestes geben.
Diese Kunst packt zu Recht: Sprachlich gewitzt, gespitzt, stilistisch bis in die letzte Silbe ausgefeilt, inhaltlich so kunstvoll gedrechselt, so fantasievoll und dabei entlarvend, intelligent Wirklichkeit analysierend und gleichzeitig Traumwelten fabrizierend, witzig, aber manchmal auch zutiefst berührend, von der Darstellungskunst her mal bloßer Vortrag – mal echte Schauspielkunst mit vollem Körpereinsatz: Poetry Slam ist alles!
Worte von brillanter Schlagkraft
Der amtierende Weltmeister Joaquin Zihuatanejo, Stargast dieses von der Alten Mälzerei initiierten und durchgeführten Festivals, heizt nun mit einem Love Poem den Saal an. Er zeigt, was alles machbar ist, wie die Worte in Bewegung übergehen und ihre unschlagbare Kraft dadurch nur noch brillanter wirkt.
Danach die bayerische Auswahl, die ebenfalls Brillantes zu bieten hat: Lucas Fassnacht aus Nürnberg legt mit einem Rap über gierige Banker, Politiker, dreist verdummende Medien und unersättliche Unternehmen furios los. Der Ausbruchsversuch seines Otto-Normal-Verbrauchten bleibt im System stecken, in der „Norma-Lidl-tät“. Fassnacht gehört zu den dreien, die in der letzten Runde um den Titel kämpfen. Und er tut es extrem mutig, mit einem Text über Nazis, die sich darin gefallen, kleine Kinder zu töten. Das betroffene Publikum wird ganz leise –bis zum stürmischen Applaus.
Lasse Samström aus Ingolstadt sorgt mit seinem Schüttel-Gedicht „Stirbelwurm“ über einen Ausflug durch das wirbelsturm-erschütterte St. Pauli, „wo die Netten waren nutt“, für viel Gelächter. Andivalent aus Landshut liefert einen berührenden Rap, in dem er den Drogen-Tod eines Freundes und die eigene Rettung verarbeitet hat. Michael Jakob aus Weißenburg wütet über die Bühne und fordert ein Abschiednehmen von den Trugbildern des ersten und des Second Life.
Moritz Kienemann aus München – auch er schafft's in die letzte Runde – statuiert glänzend ein ums andere Exempel seines Postbeziehungstraumas. Bumillo aus Freising buxiert mit seiner Jammen-statt-Jammern-Session den Regensburger Thomas Spitzer, der sich mit dem angeblich beginnenden Avatar-Zeitalter auseinandersetzt, mit Minimalst-Vorsprung aus dem Rennen. Selmar Klein begeistert als Getriebener seiner Interessen, der nach dem Motto schreibt: „Dada is' Muss“. Nur Ariane Hussy aus Passau, beim Super Slam des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals Zweite, kann mit ihrem „Mädchentext“ nicht landen.
Christian Ritter aus Bamberg pustet mit seiner Collage aus Fernsehschnipseln aus Nachrichtensendungen und Soaps TV-Süchtlingen das Hirn frei. Er schafft es nicht nur durch alle drei Runden, sondern legt jedes Mal zeitmäßig eine Punktlandung hin. Er ist nach diesem Abend der Meister, „wohlverdient“, wie Unger sagt. Ritters Text, in dem er verkatert in einer fremden Wohnung aufwacht, sich am Telefon als Eismann-Vertreter ausgibt und die Freundinnen der Wohnungsbesitzerin ungerührt und vergnügt einer Razzia preisgibt, ist eine Perle des schwarzen Humors, die noch nachwirken wird, wenn er bei der Deutschen Meisterschaft schon den nächsten Geniestreich in den Wettstreit schickt. Mittelbayerische Zeitung, 17.5.2010
We are Slamily: Die Familie der Live-Poeten
Der 19-jährige David Friedrich hat den Nachwuchswettbewerb des Bayern Slam gewonnen. Er ist stolzes Mitglied im Club der slammenden Dichter.
Von Helene Vilsmeier, MZ
Regensburg . Er dichtet, rappt, philosophiert, gerät vor dem Publikum in Rage, gestikuliert, wirft mit Wortspielen um sich und reißt Witze zum Abbrechen – David Friedrich aus München überzeugte beim U20-Wettbewerb der bayerischen Poetry-Slam- Meisterschaft durch Facettenreichtum, starke Bühnenpräsenz, Dynamik und Humor. Die Jury – die sich aus Jugendlichen aus dem Publikum rekrutierte – war begeistert und katapultierte den 19-Jährigen als Punktbesten ins Finale.
„An Deinen Worten ist nichts dran“ – metaphorisch sprach der Finalist über Menschen, die Masken tragen, um ihre wahre Identität zu verstecken, das aufgesetzte Lächeln und das zwanghafte Reden am Frühstückstisch und den fehlenden Mut, die alltägliche Monotonie zu durchbrechen.
Damit sicherte er sich den Sieg – doch für den Nachwuchsdichter geht es beim Poetry Slam um weitaus mehr als ums Gewinnen: „Wir sind eine ‚Slamily‘ – eine Slam-Family. Das Besondere am Poetry Slam ist, mit anderen Slammern rumzutouren, zusammen in Hostels abzusteigen, zu feiern und Leute kennenzulernen.“ So entsteht eine Gemeinschaft, in der die alteingesessenen Poeten den Anfängern mit Rat und Tat zur Seite stehen und nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen.
Vor vier Jahren stand David mit seinem Partner Ivo Rick zum ersten Mal auf der Dichterbühne. Geübt hat er bei regelmäßigen Slam-Workshops in der Schauburg, dem Theater der Jugend in München. Solche Workshops für angehende Dichter finden in den meisten deutschen Poetry-Slam-Städten statt. David hat Glück, denn München hat die größte Slam-Szene Bayerns: „Alleine in München gibt es drei Poetry Slams und sehr viele in der Umgebung.“ Auch seine Mitstreiter im Finale kommen alle aus der Gegend: Leonie Mühlen aus Landsberg, Sonja Popp aus München, Fridolin Kerner aus Gauting. Und natürlich kennt er sie alle, Dank der Gemeinschaft der „Slamily“.
In der bayerischen Hauptstadt findet einmal im Monat der „Substanz Slam“, der bekannteste Poetry Slam Europas, statt. Er verhalf David auf seiner Karriereleiter nach oben. „Ich war drei, vier Mal dabei und habe im März 2009 gewonnen. Das war der letzte Schliff.“ Daraufhin lud ihn unter anderem Lars Ruppel, einer der bekanntesten deutschen Slampoeten, zu Wettkämpfen in Mainz und Frankfurt ein.
Bei den nationalen Meisterschaften war David einmal als Moderator und zweimal im U20-Teamwettbewerb dabei. Den Deutschland-Slam im Herbst 2010 wird er nicht verpassen. „Der Sieger des Bayern-Slam nimmt automatisch am deutschsprachigen Wettbewerb teil“, erklärt Moderator Ko Bilanzky.
David freut sich darauf, durch die deutschen Metropolen zu touren, doch im beschaulicheren Regensburg fühlt er sich auch sehr wohl: „Regensburg hat in Bayern einen der besten Slams. Die Stimmung in der Mälze ist super, das Publikum jung und der Funke springt wahnsinnig gut über.“ Der Nachwuchs der Dichter-Familie strotzt vor Ideenreichtum, Talent, Können und jugendlicher Begeisterung. Mit Sicherheit sprang der Funke auf die begeisterten Zuhörer über. Mittelbayerische Zeitung, 17.5.2010
Reimende Echsen im Literaturassic Park
DICHTKUNST Poesie aus Leidenschaft: Mit preisgekrönten Wortkünstlern hat der BayernSlam 2010 begonnen.
VON HELENE VILSMEIER, MZ
REGENSBURG. Von den Dichterbühnen der Welt ins Herz der Oberpfalz - die besten Poeten Deutschlands und der amtierende Poetry Slam-Weltmeister, Joaquin Zihuatanejo aus Texas, kamen nach Regensburg und bescherten dem Publikum ein u8nvergessliches poetisches Abenteuer. Sie stimmten ein auf d8ie allerersten Bayerischen Meisterschaften der Slammer - "ein historischer Moment", wie Moderator Ko Bylanzky voll Stolz bei der Eröffnung in der Alten Mälzerei befand.
"Ich bin ein Straßenpoet und schreibe über schlimme Dinge", verkündete Joaquin Zihuatanejo, der 2009 die Weltmeisterschaft in Paris gewann. Der Einwanderer-Sohn ist politisch und sozialkritisch, spricht über die Hoffnung, dass Menschen jeder Herkunft friedlich zusammenleben können. Er philosophiert über die guten alten Zeiten, "back in the days", als Sonntage noch heilig waren und im Fernsehen immer "coole Shows" liefen. Er nennt die drei Dinge, die seinen texanischen Landsleuten heilig sind: "Jesus Christus, Football und der Wall-Mart, weil man in dem Einkaufszentrum von Patronen bis Tampons alles bekommt." Allen die sich beschweren, weil George W. Bush acht Jahre lang ihr Präsident war, bietet er die Stirn: "Er war davor vier Jahre lang mein Gouverneur. Ich hatte also ganze zwölf Jahre mit ihm zu tun." Die preisgekrönte deutsche Lyrikerin Nora Gomringer steht ihm als Dolmetscherin zur Seite und Zihuatanejo beweist mit Pathos, Charme und Humor, dass er zu Recht der Meister ist.
Aus dem nationalen Lager war der deutsche Poetry Slam-Meister Philiupp "Scharri" Scharrenberg aus Stuttgart angereist. Er mimte einen Hypochonder mit Migräne, kaputtem Magen, Tinnitus, Milzbrand und Thrombose. Weil "krank not dead ist" schwingt er trotz Schmerzen das Tanzbeim beim "Immun-Walk" und packt als "Maserfucker" seine Rap-Skills aus. Er macht Werbung für "Marihuana-Jones - Auf der Suche nach dem heiligen Gras - erstmals in THC und Breitwand."
Als Trio PauL - "Poesie aus Leidenschaft" - gewannen er und die die Münchner Heiner Lange und Christian Bumeder alias Bumillo den deutschen Teamwettbewerb 2009. Sie spielen ein Pack geiziger Bänker, das sich um der Karriere willen keine freie Minute gönnt. "Eine halbe Stunde Lesen kostet mich 1500 Euro, zwei Stunden Sex mit meiner rau 6000 Euro", rechnet Scharrenberg. Ihr erstes Gebot lautet: "Du sollst die Bank lieben wie Dich selbst." Die drei Poeten sind Virtuosen des gesprochenen Wortes. Sie spielen damit, verändern es und schaffen neue Kreationen. "Wir sind reimende Echsen im Literaturassic Park."
In eine traumwandlerische Welt der Philosophie und Sinnsuche entführt das Musikprojekt "Großraumdichten", das gesprochene Poesie mit elektronischen Beats vereint. Die Slammer Pauline Füg aus Eichstätt und Tobias Heyel aus Stuttgart sinnieren über den Trott des Alltags und gesellschaftliche Zwänge.
Mit atemberaubend schönen, mal verträumten und mal galaktischen Klängen lässt DJ Ludwig Berger aus Eichstätt die Worte lebendig werden. Seine eindringlichen Melodien und die nachdenklichen Texte bilden eine wundersame Melange, die noch lange nachklingt. Mittelbayerische Zeitung, 15.5.2010
Willkommen zu den 1. BAYERISCHEN POETRY SLAM MEISTERSCHAFTEN in Regensburg.
Poetry Slam ist Wortsport, ist rasante Darbietung zeitgenössischer Literatur, ist eine Lesung der ganz anderen Art mit Publikumsabstimmung und ... eines der letzten großen Abenteuer für Fans von Literatur und Intelligenz (Mittelbayerische Zeitung). Einmal im Jahr treffen die besten deutschsprachigen Bühnendichter aufeinander, um verbal ihre Kräfte zu messen. Vom 13. bis 15 Mai kämpfen nun erstmals die besten bayerischen Poeten in zwei Kategorien um den begehrten Titel "Bayerischer Poetry Slam Meister." Die Zuschauer, die schlussendlich über den Sieger entscheiden, erwarten unter der künstlerischen Leitung von Ko Bylanzky und Rayk Patzak drei Tage Poesie mit rund 50 Teilnehmern aus 25 bayerischen Städten.
Veranstalter ist das Kulturzentrum Alte Mälzerei und die Stadt Regensburg im Rahmen des kulturellen Jahresthemas "..10 Aufbruch" in Kooperation mit dem Theater Regensburg, wo im Velodrom auch das große Finale stattfindet. Ehrengast und Schirmherr der Bayerischen Poetry Slam-Meisterschaften ist der Erfinder des Poetry Slams, Marc Kelly Smith aus Chicago.
Wir wünschen allen Poetry Slam Fans, und allen, die es durch diese Meisterschaften vielleicht werden, viel Spaß und spannende Unterhaltung.
Euer BayernSlam-Team 2010
DO 13.5. | 20 Uhr | Mälzerei-Club | 5 €
BAYERNSLAM - ERÖFFNUNGSSHOW mit Joaquin Zihuatanejo, Nora E. Gomringer, PauL, Philipp Scharrenberg, Großraumdichten
Vom 13. bis 15. Mai finden in Regensburg zum ersten Mal die Bayerischen Meisterschaften im Poetry Slam statt. Die Eröffnungsshow bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt der Poesie jenseits von Wettbewerb und Regelwerk.
Der Mann, der den Poetry Slam in den 80-er Jahren in Chicago erfunden hat, kann entgegen ersten Ankündigungen nicht dabei sein, wenn aus dem mehrtägigen Dichterwettstreit ein bayerischer Meister hervorgeht. Marc Kelly Smith hatte einen Unfall, statt seiner kommt der amtierende Poetry Slam Weltmeister aus Denton, Texas: Joaquin Zihuatanejo, Nachfahre mexikanischer Einwanderer, dessen eindringliche, fast beschwörend vorgetragene Texte sich unter anderem mit Leben und Kultur der Chicano in den USA auseinandersetzen.
Darüber hinaus begrüßen wir mit Philipp Scharrenberg und PauL die aktuellen deutschsprachigen Meister sowie mit Nora Gomringer eine preisgekrönte Lyrikerin der Slam Poetry in Deutschland. Für den musikalischen Part ist das Trio GROSSRAUMDICHTEN verantwortlich, die gesprochene Poesie mit elektronischen Beats vereinen und ebenso wie DJ Rayl Patzak, der den Abend an den Plattenspielern begleitet, die Gedichte zum Tanzen bringt.
FR 14.5. | 13.30 Uhr | Mälzerei-Theater| Eintritt frei
BAYERNSLAM - U20-Wettbewerb
Jugendliche und junge Erwachsene bis 20 Jahren dichten um den Titel des U20-Champions.
Marilisa (Schweinfurt) - Jonathan Baumgärtner (Schweinfurt) - Leonie Mühlen (Landsberg) - Fridolin Kerner (Gauting) - Sonja Popp (München) - David Friedrich (München) - Sarah Finkel (Landshut) -Sven Meinhardt (Regensburg) - Astrid Kötterl (Regensburg) - Alex Ratschinskij (Augsburg) - Laura Kiening (Augsburg) - Eva Nüsslein (Würzburg) - Arne Palluck (Bayreuth) - Herr Gammler (Bamberg)
FR 14.5. | 19 Uhr | Mälzerei-Club | 5 €
BAYERNSLAM - Einzelwettbewerb: Vorrunde I und II
In zwei Vorrunden treten 24 Teilnehmer aus 23 bayerischen Städten gegeneinander an.
Vorrunde I: Christian Ritter (Bamberg), Bumillo (Freising), Michael Jakob (Weißenburg), Clara Nielsen (Landsberg), Lucas Fassnacht (Nürnberg), Frau Wortwahl (Fürth), Nils Rusche (Würzburg), Max Kehrbaum (Kaufbeuren), Carmen Wegge (Buchloe), Andivalent (Landshut), Ernst Froh (Rosenheim), Martin Geier (Schwabach)
Vorrunde II: Franziska Holzheimer (Eichstätt), Peter Landshuter (Ansbach), Moritz Kienemann (München Substanz), Thomas Spitzer (Regensburg), Ariane Hussy (Passau), Alex Burkhard (Lindau), Heiner Lange (München Kiez), Lasse Samström (Ingolstadt), Selmar Klein (Bayreuth), Bybercap (Erlangen), Kaleb Erdmann (Gröbenzell), Michael Friedrichs (Augsburg)
FR 14.5. | 23.30 Uhr | Mälzerei-Underground | Eintritt frei
Rap Slam und After-Show-Party
SA 15.5. | 21 Uhr | Velodrom | 8 €
BAYERNSLAM - Finale
Beim großen Finale im Velodrom kämpfen die besten der beiden Vorrunden in zwei Finalrunden und einem alles entscheidenden Stechen um den prestigeträchtigen Titel des 1. Bayerischen Poetry Slam-Champions.
POETRY SLAM REGENSBURG
Seit April 2001 veranstaltet die Alte Mälzerei in Zusammenarbeit mit den Machern des größten Poetry Slams Europas im Münchner Substanz, Ko Bylanzky und Rayl Patzak den Regensburger Poetry Slam, der sich im Laufe der Zeit zu einem der führenden Poetry Slams Bayerns entwickelt hat und von Poeten und Publikum gleichermaßen geschätzt wird. „Vom Liebesgedicht über Free-Style-Rap bis zur witzigsten Prosa. Beim Poetry Slam kann man alles erleben. Die Mälzerei war ausverkauft. Die Stimmung atemberaubend,“ berichtete die Mittelbayerischen Zeitung über die Premiere. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Weit mehr als 400 Poeten standen inzwischen auf der Mälze-Bühne. Viele inzwischen erfolgreiche Regensburger Dichter und Autoren hatten hier ihren ersten öffentlichen Auftritt. Roland Scherer gewann mit seinen slawophilen Geschichten den ersten Poetry Slam, las wenig später auf dem renommierten Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin und erhielt u.a. 2003 den Bayerisch-Schwäbischen Literaturpreis. Langjähriges Aushängeschild war jedoch Rekordchampion Jela B. alias Daniela Bauer mit ihren rhythmischen Gedichten, die insgesamt fünf Mal gewann, auch auf Poetry Slams außerhalb Regensburgs große Erfolge feierte und 2001 und 2003 als Vertreterin Regensburgs nur hauchdünn das Finale der Deutschsprachigen Meisterschaften verpasste. Später sorgen der Storyteller Philipp Noß und der 22-jährige Rap-Poet Anatol für Furore. Der mehrfache Champion Philipp Noß wurde mit seinen amüsanten Kurzgeschichten gar für die erste Staffel des Fernseh-Poetry-Slams des WDR entdeckt. Aktuell ist Thomas Spitzer der erfolgreichste Regensburger Slamer.
Aber auch die Elite der deutschsprachigen Slampoeten hat längst das gemütliche Ambiente und das aufmerksame wie enthusiastische Publikum in der Alten Mälzerei entdeckt. Vor allem beim heimlichen Jahreshöhepunkt, dem „Poetry Super Slam“ im Rahmen des United Comedy-Festivals geben sich in schöner Regelmäßigkeit die bekanntesten Slammer Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und National Poetry Slam Champions wie Bas Böttcher, Gabriel Vetter, Sebastian Krämer, Lydia Daher, FIVA oder Volker Strübing ein Stelldichein.
Der Poetry Slam Regensburg ist grundsätzlich offen. Teilnehmen kann wer sich am Abend in die Liste der Poeten einträgt. Erlaubt ist alles, was selbst verfasst ist. Maximal zwölf AutorInnen werden ausgelost und lesen in zwei Vorrundenblocks maximal fünf Minuten. Die nach jedem Block ermittelten Gruppensieger treten im Finale mit einem neuen Text, von ebenfalls fünf Minuten gegeneinander an. Das Publikum entscheidet schließlich über den Sieger.
„Poetry Slam erlebt in jüngster Zeit eine rasante Entwicklung. Das Dichten um die Wette zieht Publikum an, wie nie zuvor. Denn jeder Abend ist eine Wundertüte ... und zeigt, welches Potential im Poetry Slam steckt, wie unterhaltsam es sein kann, wenn sich intelligente Köpfe mit ihrer Sprachfindigkeit, ihrem Wortwitz, ihrer Ausdrucksstärke bekämpfen – und zwar live und in echt!“ (Der Spiegel)
Überraschungsei aus buntem Wortgefetz
DICHTKUNST Spannend, vielseitig und unterhaltsam: Der Poetry Super Slam beschert der Mälze ein volles Haus.
VON SUSANNE WIEDAMANN, MZ
REGENSBURG. Am Karsamstag einen Dichterwettstreit vor Publikum auszutragen, zeugt von Mut. Doch die Macher des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals „United Comedy 2010“ behalten recht. Der Saal in der Alten Mälzerei ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, rund ein Viertel der Zuschauer bezeugt mit hochgerecktem Arm, das erste Mal bei einem Slam zu sein. Spannung kommt auf. Auch an Dichtern herrscht kein Mangel: Neben sechs geladenen Gästen melden sich elf weitere Poeten an. Drei müssen vertröstet werden, denn mit 14 Auftretenden ist das Programm rappelvoll. Fünf Minuten bekommt jeder, um mit seinem Selbstgeschriebenen das Publikum zu betören, das den Sieger kürt.
Dreieinhalb Stunden dauert die Prozedur. DJ Rayl Patzak lässt zu Beginn die Scheiben kreisen und bringt das Publikum mit harten Rhythmen auf Kurs. Patzak und Ko Bylanzky führen als Slam Master durch den Abend, erklären Regeln, losen die Auftritte aus, sagen die Künstler an, fassen nach jeder Runde die Darbietungen kurz zusammen, damit das Publikum klatschend seine Wertung abgeben kann. Und sie haben das absolute Gehör, wer beim Publikum die Nummer Eins ist.
Creme de la Creme der Szene
Die Konkurrenz ist groß, nicht nur, weil mit den Gästen die Creme de la Creme der Szene aufgeboten ist: Renato Kaiser ist der erfolgsreichste Slam-Poet der Schweiz. Und die deutschen Slamer Pauline Füg aus Eichstätt, Julian Heun und PEH aus Berlin, Björn Dune aus Dublin/München und Ariane Hussy aus Passau sammeln Slam-Siege wie andere Leute Briefmarken.
Doch auch die angereisten Überraschungs-Slamer haben viel drauf. Nicole Huber amüsiert mit ihrer international affair „An Englishman in Regensburg“, bei der ein Engländer seine liebe Not mit dem Oberpfälzischen hat, während seine Liebste dem Englischen beim Sex entschieden mehr abgewinnen kann. Thomas Spitzer bezaubert das Publikum mit seinem satirischen Märchen einer hässlichen Prinzessin, die mit Backfett im Gesicht und schiefer Krone auf dem Kopf ihr Glück sucht – und nach Glasschuhen, wie sie Aschenputtel trug. Doch der Glasbläser, den sie um Glasschuhe bittet, „machte ein Gesicht, wie ein Pferdeflüsterer, wenn das Pferd zurückflüstert“ und kann nicht helfen.
Der Aasgeier ist platt
Die Lacher auf seiner Seite hat auch Benno Kreuzmaier, der sich schelmisch als „echte Alternative“ zu den jungen, auswendig vorsprechenden, lustigen Poeten anpreist. Doch für ihn selbst unerwartet landet er mit seinem Endlos-Gedicht „Der Parkfriedhof“ einen Treffer, in dem sich ein Geier nach dem anderen, seinen plattgefahrenen Artgenossen essend, überfahren lässt. Englisches ist unter den vorgestellten Werken , Absurdes aus Alliterastan, buntes Wortgefetz – und höchst artifizielle Texte, intelligent, mitreißend, emotional berührend. Der von der Krankheit des Dichtens befallene Renato Kaiser hadert mit seiner literarischen Qualität: Lehrer soll er werden, raten die Eltern. Doch: „Was immer ich schreibe, ist vielleicht nicht so klug. Um nicht Lehrer zu werden, ist`s allemal genug“, rettet sich Kaiser.
Julian Heun besticht sprachlich und von seiner ausgefeilten Performance her mit seiner Zementa Meier, die ein mathetriefendes Banakldiktat schaffen muss. Mit hoher Slamerkunst schafft er es ins Finale. Finalistin der zweiten Runde ist Ariane Hussy, die für den erkrankten „Der Koschuh“ eingesprungen ist, und die eine wilde, witzige Speed-Dating-Story einer Sammlerin von Vaginalzäpfchen rauschhaft und rasant über dem Publikum abfahren lässt. Auch im Finale treibt sie skurrile Blüten. Doch der Sieger des Abends ist Julian Heun, der mit seiner Darstellung eines ungeschickt die Liebe Suchenden den meisten Applaus erhält. Ein gewitztes sprachliches Meisterwerk – und ein klasse Ausklang eines spannenden Abends. Mittelbayerische Zeitung, 6.4.2010
Vor dem weißen Blatt sind alle Dichter gleich
POETRY SLAM Der Poeten-Wettstreit ist eines der letzten großen Abenteuer – für Fans von Literatur und Intelligenz
VON SUSANNE WIEDAMANN, MZ
REGENSBURG. Gleich zu Beginn hämmert Moderator Rayl Patzak den 14 Teilnehmern die Spielregeln für den Poetry Super Slam im Rahmen des United Comedy-Festivals ein: „Der Poet, sein Text, sein Körper, seine Stimme, sonst nichts!“ Gefordert ist Textkunst pur von jeweils maximal fünf Minuten Dauer. Worauf Patzak und Ko Bylanzky akribisch achten.
Ausverkauft ist die Mälze. Kein Wunder: Poetry Slam ist eines der letzten echten Abenteuer. Jeder kann sich mit Selbstgetextetem präsentieren. Egal, ob versierter Autor oder 15jährige Literaturelevin, ob wütender Anarchist oder Liebeslyriker romantischster Prägung. Das Publikum weiß nie, was kommt. Auch heute reicht das Repertoire von Versuchen bis zur hohen Kunst. Viel Amüsantes ist darunter, wie Thomas Spitzers Spiel mit den Klischees in der Uni-Mathecaféte, Ludwig Stubers Miniaturen über Rentner, Tauben und eine Maus im Bierglas oder die Zeit-Ergüsse von Karsten aus Hamburg: „Wenn man eine Eintagsfliege ist, braucht man kein Schaltjahr und hat jeden Tag Geburtstag.“ Ausgesprochen witzig ist der erste Teil von Kai Stoppels „Murphy's Law“, in dem die Spinne Murphy die diplomatische Zurückhaltung des Ich-Erzählers gnadenlos ausnützt und mit einer besoffenen Spinnen-Partygesellschaft die Wohnung seiner Freundin verwüstet. Leider ist die Story zu lang: Abpfiff! Das Publikum muss auf's Ende warten.
Andere Poeten ergehen sich in Tiefgründigem. Wie die junge Slamerin Jessica Plap, die mit Germany's-Next-Top-Model abrechnet, oder die junge Rapperin Simona Santoro. Sowohl Witzig-Skurriles als auch Ernstes wissen die Slamer der Premium-Klasse aufzugreifen. Stefan Abermann aus Wien zeigt in einem grandios ausgearbeitetem Text einen Weg aus dem Datenmissbrauchs-Dschungel. Nils Rusche malt in einer Art Horrorelegie die Weltbedrohung durch intrigante Tauben an die Wand.
Zurecht liegen Clara Nielsen aus Bamberg und Philipp Scharrenberg aus Stuttgart in der Gunst des Publikums ganz vorne und dürfen sich den Sieg teilen. Ihre Geschichten sind inhaltlich raffiniert und mitreißend und dabei stilistisch – vor allem bei Clara Nielsen – allerfeinste Poesie. Ihr Text über die 180-Grad-Wendung einer Ent-Liebten ist eine Perle der Slamkunst. Und ihr Abschiedstext einer Lebensüberdrüssigen ist sehr berührend.
Philipp Scharrenberg ist ein Poet des lauten Trommelwirbels und der unglaublichen Vielfalt. Seine Antwort auf die Frage „Wo kommen die kleinen Dichter her?“ in fünf Akten ist die wortreiche Ode eines Besessenen an die Literatur, vergnüglich und doch reich an Erkenntnissen wie: „Vor dem weißen Blatt sind alle Dichter gleich.“ Mittelbayerische Zeitung, 31.3.2009

