PRESSE/TEXTE

 

Einladung zum großen Gelächter
"TanzhochX“ bei den Sommertanztagen Regensburg. Sieben Choreografinnen aus Nürnberg, Straubing und Regensburg stellten neue Produktionen vom Solo bis zum Gruppenstück in der Alten Mälze vor.

Im Rahmen der attraktiven Sommertanztage hat es bei der vierten Ausgabe des neuen, von der Stadt mitgetragenen, Formats „TanzhochX“ Einiges zu sehen gegeben. Im Tanzsaal der Mälzerei in Regensburg präsentierten diesmal junge Talente der Region und Vertreterinnen der bayerischen Tanzszene sieben Choreografien. Viel Zeit blieb jeweils nicht, um sich auf die unterschiedlichen Tanzsprachen, den persönlichen Ausdruck und die Ideen der verschiedenen Choreografinnen einzustellen. Bei narrativen Stücken, wie dem wunderbar ironisch-heiteren „SchuhWieDu“ oder dem „Duett“ um zwei Musikinstrumente, war das keine Schwierigkeit. Herausfordernder dagegen zeigte sich schon Eva Egers Solo „Onehundredandfiftyfeettothe-fish“ oder auch das mit mathematisch-esoterischen Formeln beschriebene Duett „Origami“.

Den schwierigen Anfang machte die aus Teublitz stammende Tänzerin und Pädagogin Laura Meißauer mit ihrem kurzen Solo „Aufbruch“. Das Besondere an ihrer etwas verschlüsselt wirkenden Choreografie war die Musik, die der eng an der Außenwand des Tanzsaals aufgereihte Heart Chor live vortrug. Der Zugang zu dem zwischen einem In-sich-Gezogensein und dem unbeholfen wirkenden Aufbruch, der kein Ziel zu haben schien, wurde durch die Ablenkung des Chors erschwert. Gänzlich unbeschwert, witzig und leicht wirkte dagegen ihr Trio „SchuhWieDu“, das sie mit Annette Vogel und Sophia Ebenbichler zusammen erarbeitete und tanzte. In Anlehnung an ‚Kleider machen Leute’ hinterfragten die Tänzerinnen mit roten Pumps und Fellschühchen, tiefernster Yogaoptimierungs-Persiflage und gegenseitigen Triezereien in gelungener Weise die Erkenntnistiefe solch äußerlicher Merkmale. Vogel und Ebenbichler tanzten noch einmal gemeinsam. In ihrem Stück „Duett“ verkörperten sie die beiden Instrumente Geige und Klavier einer bewegenden Komposition.

In einem weiteren Duett, welches Tanja Halenke und Maria Golubova vom Nürnberger Staatstheater gemeinsam choreografiert haben, loteten die beiden Tänzerinnen zu einem groovenden Techno-Pop die Abstraktion des Faltens beim japanischen Origami aus. In schwarzen Seidenjacken entfalteten sie in ausgreifenden Sprüngen, vielen Bodenformen und Paarfiguren synchrone Stärke, allerdings gelegentlich auch kleine Unsicherheiten. Die in Russland geborene Golubova stellte später in ihrem Solo „Niemand war’s“ die Leidenschaftlichkeit und Strenge des spanischen Flamencos in neuer Form dar. Romantisch wie Feen erschienen dagegen die fünf Tänzerinnen der Kotch&Rhapsody Tanzcompany in Heidi Hubers Choreografie „Industry“ in ihren leicht fließenden hellblauen Trägerkleidern. Zwischen der Fremdbestimmtheit einer roboterhaften Taktung im beruflichen Alltag und der menschlichen Freiheit, die sich in einer schnellen Leichtigkeit zeigt, entstand eine erhellende Spannung.

Provokation und Verletzlichkeit, aggressives Auftrumpfen und Eingeschüchtertsein, stereotypes Gehabe und natürliche Intimität brachte die Tänzerin Eva Eger in ihrer teils kryptisch-surrealen, teils ironisch herausfordernden Choreografie mit einem englischen Endlostitel zusammen. Mit präzise abgezirkelten Bewegungen, die sie zeitweise reflektierend auf Englisch kommentierte, ließ sie Bilder von Klischees und Stereotypen in den Köpfen entstehen und hebelt sie damit wieder aus. Jede ihrer Gesten und Bewegungen lud sie mit Bedeutung und Affekt auf und stellte sie zugleich geschickt infrage. Spannend, hochemotional und streitbar, lud die Leiterin der „Tanzakademie Helene Krippner“ zum großen Gelächter ein, das sich aus Selbsterkenntnis speist. tanznetz.de 3.7.2018

 

 

Zeitgenössischen Tanz erleben
SOMMERTANZTAGE Velodrom, Alte Mälzerei und Museumsschiff Ruthof sind die Treffpunkte


Der zeitgenössische Tanz ist als spannende und aktuelle Kunstform inzwischen fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. Das Tanzensemble am Theater Regensburg begeistert regelmäßig mit ihren Produktionen. Die Regensburger Tanztage setzen seit vielen Jahren im Herbst immer wieder internationale Glanzlichter des Genres. Nach dem Erfolg der "Sommertanztage" in den letzten beiden Jahren, wird auch in diesem Sommer wieder eine Auswahl an spannenden neuen Tanzproduktionen zu erleben sein.
Möglich wurde diese neue Veranstaltungsreihe, die überwiegend für die junge regionale Tanzszene gedacht ist, durch die von der Alten Mälzerei und dem Kulturreferat der Stadt Regensburg entwickelte "Tanzinitiative Regensburg". "Das Kulturreferat leistet hier wirklich großartige Unterstützung. Von der Beratung der Tanzschaffenden bis zur konkreten Produktionsförderung." (Hans Krottenthaler)
Eröffnet wird das diesjährige kleine Festival mit der "Tanz.Fabrik!Sechs" im Velodrom.  Die TänzerInnen am Theater Regensburg haben hier die Möglichkeit, selbst als Choreografen tätig zu werden. Am 30. Juni sowie am 4. und 9. Juli (jeweils 19.30 Uhr) zeigen Mitglieder des Ensembles insgesamt neun Choreografien zum Thema "Enneagramm", einem Modell aus der menschlichen Typenforschung.
Die Veranstaltung "TanzhochX" bietet am 1. Juli (20 Uhr) im Theater der Alten Mälzerei den wichtigsten Vertretern und jungen Talenten aus Regensburg und der Region gemeinsam mit Leuten der Tanzszene Bayern die Gelegenheit, sich mit ihren aktuellen Arbeiten vorzustellen.
Am 13. Juli (21.20 Uhr und 23 Uhr) zeigen die beiden Choreografinnen Katrin Hofreiter aus Regensburg und Katharina Weinhuber aus Linz auf dem Museumsschiff Ruthof ihr gemeinsam entwickeltes Stück "Zwischenräume": Sie können von den Künstlern und vom Betrachter entdeckt werden und offenbaren nicht nur Offensichtliches.
Die neue Tanzproduktion "WegZeit" des Tanztheater Annette Vogel handelt von Hast, Stress und Zeitmangel unter dem heute viele Menschen leiden. Die Choreografin hat das Stück frei nach dem Roman von Michael Ende mit ihren sechs Tänzern und im Austausch mit mehreren Kindern entwickelt. Zu sehen am 27. und 28. Juli um 20 Uhr und am 29. Juli um 15 Uhr, im Theater der Alten Mälzerei
Die "Sommertanztage" sind Teil der "Tanzinitiative Regensburg", veranstaltet vom Kulturzentrum Alte Mälzerei mit Unterstützung der Stadt Regensburg/Kulturreferat. Tickets gibt es an den jeweiligen Spielorten. Reservierungen sind unter Telefon 0941-788810 bzw. 507 2424 (Velodrom) möglich. Mittelbayerische Zeitung, 12.6.2018

 

Die Alte Mälzerei wird 30
Der Geburtstag der Regensburger Kultlocation wird am Montag, 30. April, mit mehreren Live-Acts gefeiert.


Regensburg. Alt ist nur die äußere Fassade. Das Programm aus Konzerten, Kabarett, Theater, Lesungen und zeitgenössischem Tanz im Kulturzentrum Alte Mälzerei bewegt sich stets am Puls der Zeit. Rund 150 Live-Veranstaltungen gehen jährlich über die Mälzerei-Bühnen.
Zum laufenden Programm kommen immer wieder neue Projekte, Veranstaltungsreihen und Festivals: Vom Kleinkunstfestival über die Regensburger Tanztage bis zum Regensburg Popkultur Festival. Neben der Präsentation aktueller nationaler und internationaler Größen in den verschiedenen Sparten hat die Förderung der regionalen Szene eine besondere Bedeutung. Die Heimspiel-Reihe für regionale Bands steht hier neben dem U20-Poetry Slam, den Sommertanztagen und dem Kabarett-Nachwuchs-Preis. Dabei ist die Alte Mälzerei nicht nur Veranstaltungs-, sondern auch Produktionsstätte und kreatives Zentrum und bietet ein umfangreiches Kurs- und Fortbildungsangebot. Auf den vier Etagen und in mehr als 20 Räumen des Gebäudes sind regelmäßig Menschen in den unterschiedlichen Sparten aktiv von den Musikerübungs- räumen über die Künstlerateliers bis zum Theatersaal. Jährlich finden dort mehr als 200 Workshops statt.
Als wichtiger Ort der Kommunikation und Begegnung ist das Kulturzentrum auch ein Identitätspunkt für den gesamten Stadtteil. Insgesamt fanden in der Alten Mälzerei bislang rund 6000 Veranstaltungen mit weit mehr als einer Million Besuchern statt. Ende letzten Jahres wurde die Alte Mälzerei vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien mit dem Spielstättenprogrammpreis 2017 ausgezeichnet. „Ein Preis, auf den wir sehr stolz sind. Eine schöne Anerkennung für unsere inhaltliche und konzeptionelle Arbeit in den zurückliegenden Jahren“, sagt Geschäftsführer Hans Krottenthaler.
Am 30. April feiert die Alte Mälzerei das 30-jährige Bestehen mit einer großen Geburtstagsparty mit mehreren Live-Acts und DJs auf drei Etagen. Zum Line-Up gehören Isolation Berlin, Swutscher und Unlimited Culture sowie die DJs Achim Sechzig Bogdahn und Markus Otto Köbnik, Thomas Atzmann, das Hurricane Soundsystem, und auch die Gebrüder Teichmann kommen zum Mälze-Geburtstag nach Regensburg. Die Tickets kosten 12 Euro im Vorverkauf. Mittelbayerische Zeitung, 27.4.2018

 

 

„Hier wird erzeugt, geprobt und aufgeführt“
Kulturzentrum Alte Mälzerei prägt seit 30 Jahren mit einem vielfältigen Programm die Stadt

Von Miriam Graf
Regensburg. Das Kulturzentrum Alte Mälzerei wird 30 Jahre alt und feiert den Geburtstag am 30. April mit einer großen Party. Das Fünf-Sparten-Haus hat sich als feste Größe der Regensburger Kulturszene etabliert. Geschäftsführer Hans Krottenthaler hat mit der Donau-Post darüber gesprochen, was die Mälze ausmacht.
Konzerte, Kabarett, Theater, Lesungen und Tanz – das Kulturzentrum Alte Mälzerei ist ein Fünf-Sparten-Haus mit über 150 Live-Veranstaltungen im Jahr. Teil des Programms sind unter anderem die Regensburger Tanztage, die Poetry und Song Slams, die Heimspiel-Reihe mit Festival, das Open Air am Grieser Spitz, das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival und das Regensburg Popkultur Festival. „Das macht die Alte Mälzerei aus: Neben dem laufenden Programm konzipieren und realisieren wir auch immer wieder neue Projekte, Veranstaltungsreihen und Festivals“, sagte Krottenthaler. "Einige dieser Formate haben sich inzwischen fest in Regensburg etabliert." Die Vielfalt des Programms mit seinen verschiedenen Reihen und Schwerpunkten gibt das neue Faltblatt zum Geburtstag wider.
Die Mälze wurde am 30. April 1988 gegründet, als eine Kneipe mit Kulturprogramm. Damals wurde nur der große Raum in Erdgeschoss genutzt. „Es gab zuvor keine feste Kultureinrichtung dieser Art in Regensburg“, sagte Krottenthaler. Die Alte Mälzerei wurde gut angenommen und war von Anfang an gut besucht.
Gestartet mit einer Schreibmaschine und Kassettenrekorder
Krottenthaler hat Sozialpädagogik und Betriebswirtschaft studiert und zudem eine Sozial- und Kulturmanagementausbildung absolviert. Er arbeitet seit 1990 bei der Mälze. „Damals hatten wir eine Schreibmaschine, ein Telefon und einen Kassettenrekorder“, erzählt er. "Die Bands verschickten damals zu Demozwecken noch Musikkasetten. Seither hat sich natürlich viel verändert."
Der Geburtstag wurde zunächst als Überlebensfest gefeiert
Jedes überstandene Jahr wurde gefeiert: „Am Anfang wurde der 30. April immer als Überlebensfest gefeiert. Das haben wir dann quasi so beibehalten.“ Dabei musste die Mälze spätestens ab 1993 nicht mehr ums Überleben fürchten, denn in dem Jahr wurde es städtisches Kulturzentrum, das ganze Haus wurde ausgebaut und wird seitdem als Veranstaltungs- und Produktionsstätte genutzt.
Rund 6000 Veranstaltungen fanden bisher in der Mälzerei statt. Seit 1994 ist Krottenthaler für die Programmplanung zuständig. Vielfalt, Aktualität und Qualität sind für ihn wichtig Kriterien bei der  Programmauswahl, aber natürlich auch die Wirtschaftlichkeit.
Mälze erhielt den Programmpreis „Applaus 2017“
Im vergangenen Jahr wurde die Alte Mälzerei vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien mit dem Spielstättenprogrammpreis „Applaus 2017“ ausgezeichnet. „Darauf sind wir natürlich schon stolz. Das ist auch eine schöne Anerkennung für unsere inhaltliche und konzeptionelle Arbeit."
Das Kulturzentrum ist aber mehr als nur ein Veranstaltungsort, es ist auch „Produktionsort und kreatives Zentrum für ein breites Publikum“. Auf vier Etagen und in mehr als 20 dafür zur Verfügung stehenden Räumen sind regelmäßig Menschen in den unterschiedlichen Sparten aktiv. „Es ist jeden Tag viel Leben im Haus. Hier wird produziert, geprobt und zur Aufführung gebracht.“ Die Künstler mieten die Übungsräume, wobei die Gesamtmiete auf alle Mieter umgelegt wird. Dadurch ist die Nutzung der Räume sehr kostengünstig. Im Moment proben 45 Bands und Einzelmusiker in den Proberäumen und acht bildende Künstler arbeiten in den Ateliers. „Viele der Bands die hier proben bekommen hier auch wieder Auftrittsmöglichkeiten“, sagt Krottenthaler. Im Haus finden jährlich auch über 200 Workshops statt.
Das Kulturzentrum kooperiert aber auch gern mit anderen Häusern in der Stadt oder nutzt auch besondere Orte wie die Minoritenkirche bei Tanzveranstaltungen.
Größere Konzerte fanden bislang häufig im Antoniushaus statt, das nun saniert werden muss. „Das ist sehr bedauerlich. Damit verlieren wir zumindest vorübergend einen wichtigen und kostengünstigen Veranstaltungsort“, sagte Krottenthaler.
Die Mälzerei erhält als Kulturzentrum einen Zuschuss der Stadt. Den größten Teil der Einnahmen erwirtschaftet die Mälzerei aber durch den Ticketverkauf und die Vermietung der Räume. In diesem Jahr geht es etwas leichter, berichtet Krottenthaler, denn der Preis „Applaus“ war mit 20 000 Euro dotiert.

Geburtstagsparty
Am 30. April feiert die Mälze ab 20.30 Uhr den 30. Geburtstag Auf drei Etagen gibt es Bands, Liveacts und DJs. Zum Line-Up gehören Isolation Berlin, Swutscher, die DJs Achim Bogdahn, Markus Könbik, die Gebrüder Teichmann und Thomas Atzmann sowie die Reggae-Band Unlimited Culture und das Hurricane Soundsystem. Der Eintritt kostet 12 Euro im Vorverkauf. Donau-Post, 17.4.2018

 

 

Mit bärenhafter Bühnenpräsenz
Das 23. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival endet mit der „Nacht der Sieger“ und einer faustdicken Überraschung


von Peter Geiger Regensburg. Kabarett – ist das nicht jene Veranstaltung, in der Idealisten, die am Zustand und der Verlogenheit der Welt längst schon verzweifelten, ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen? Und zwar in so himmelschreiend komischer Weise, dass sich das versammelte Publikum vor Lachen biegt. Sodann enthemmt applaudiert. Und am Ende lauthals „Zugabe“ schreit. Ja, so war’s auch am Samstagabend in der voll besetzten Alten Mälzerei, beim „United Comedy 2018“, dem 23. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival. Da nämlich stand die „Nacht der Sieger“ auf dem Terminplan. Das ist zwar ein bisschen gelogen und könnte für Idealisten schon so etwas wie die Vorstufe zu einer Enttäuschung darstellen. Denn eigentlich überstehen von den fünf Bewerbern nur zwei diesen Abend als Sieger. Derjenige nämlich, der den Preis der fünfköpfigen Jury gewinnt. Und der andere, der die Herzen des Publikums zu erobern vermag. Aber die Sprache der Getränke-Werbung und des Bier-Sponsorentums – sie vertraut im Gegensatz zu dem, was da im Dienste der Entlarvung und Demaskierung auf der Bühne stattfindet, viel lieber aufs Windelweiche und Honigsüße.
Er macht jedes Honigkuchenpferd zum sauertöpfischen Griesgram
Am präzisesten erkannt hat das wohl Peter Fischer, Musikkabarettist aus München, der mit glänzend entblößter Oberzahnreihe die Bühne bespringt. Und während er damit jedes Honigkuchenpferd zum sauertöpfischen Griesgram degradiert, blufft er ins Publikum: „Dieses Grinsen ist echt!“ Sodann trumpft er grandios auf, mit seinem Piano, bedient sich beim Ragtime ebenso wie beim Boogie und klingt zwischendrin wie der musikalische Zwischenkieferknochen von Elton John und Ben Folds und ist textlich bei Kreisler, Roski und Mey in die Lehre gegangen. Er reimt Geduld auf Geld. Und einen heftigen Publikumslacher erwidert er: „Das war noch gar kein Gag!“ Das war brillant gekontert – prompt sprach ihm das Publikum seinen Preis zu.
Helmuth Steierwald dagegen ist ein anderes Kaliber. Als einziger Bewerber des Abends vertraut er allein auf seine Stimme und das Mikro – und ist trotzdem (nicht nur in den Augen der Jury) der Wandlungsfähigste und derjenige, der die tiefsten Abgründe sichtbar werden lässt. Gleich zu Beginn klärt er uns auf: In Wirklichkeit sei „Helmuth“ ja ein Pseudonym, er heiße Emir und sei der Sohn eines Iraners und einer Türkin. Außerdem übe er den Beruf des Lebensmittelchemikers aus.
Stahlgewitterartige Lachsalven
Klingt jetzt ein wenig dröge? Ist in Wirklichkeit aber von umwerfender Wucht. Denn der Poetry-Slam-gestählte 27-Jährige vollbarttragende Doktorand (sein Forschungsthema ist die menschliche Niere) hat eine bärenhafte Bühnenpräsenz. Und versteht es quasi aus dem Stand, sein Publikum so diabolisch einzuseifen und einzulullen, dass es sich schockgefrostet wiederfindet, im Lachschauer. „Immer wieder werde ich gefragt: Feierst Du eigentlich Weihnachten?“ Es folgt eine bedeutungsschwangere Pause. „Wir feiern zuhause den 11. September.“ Irritation. Eisernes Schweigen. „Da hat meine Mutter Geburtstag.“ Stahlgewitterartige Lachsalven. Das ist die Fallhöhe, von der Helmuth Steigerwald aus operiert.
Schade war, dass der Kandidat mit dem rundesten Programm, der rappende und die Reime kickende Bumillo aus Rosenheim am Ende leer ausging. Dieses Schicksal freilich teilte er mit der höchst sympathischen und noch ziemlich jungen Niederbayerin Andrea Limmer, die mit breitestem Grinsen und Ukulele wirklich sehr herzig war. Ebenso wenig zu grämen braucht sich Christina Baumer – die rotblonde Lokalmatadorin aus der Oberpfalz. Als „Chris und Tina“ spaltete sie ihre Persönlichkeit auf und offeriert dem Publikum höchst Komisches und Niedrigschwelligstes. Sodass am Ende Moderator Jörg Schur doch recht behalten sollte, mit seinem im Boxkampfstyle hinausgebrüllten Motto „Nacht der Sieger“! Mittelbayerische Zeitung, 25.3.2018

 

 

Die Leute zahlen für den ganzen Rocko
Entertainer Schamoni lässt in der Regensburger Alten Mälzerei durchblicken, wer er wirklich ist. Das kommt beim Publikum an.


Von Daniel Pfeifer
Regensburg. Rocko Schamoni ist einfach ein begnadeter... ähm... Also er macht wirklich fantastische... Wie soll man sagen? Er ist zumindest für das, was er tut, wahnsinnig bekannt und beliebt. Gut, wer sich für Rocko Schamoni interessiert und das hier liest, weiß es wohl selbst am besten. Am Mittwochabend war der kultige norddeutsche Musiker, Autor, Ex-Clubbesitzer und Entertainer in der Alten Mälze in Regensburg zu Gast.
Ein Videointro läutet die „Rocko-Schamoni-Schau“ ein. Es zeigt den Künstler in der Garderobe, in Selbstzweifel verheddert. Im nahtlosen Übergang spurtet er auf die vollgerümpelte Mälze-Bühne an einen kleinen Lese-Tisch. Einige Minuten liest er kleine Geschichten, von Altersdummheit und den eigenartigen Menschen, die sein Leben bevölkern.
Gegen den Mainstream
So besonders an das ungeschriebene Bühnen-Protokoll für Autoren und Kabarettisten hält er sich dabei nicht. Er schweift ab, improvisiert, spielt wie ein gelangweilter Teenie mit dem Mini-Mischpult, an das sein Mikro angeschlossen ist und nimmt die übliche Publikums-Schleimerei aufs Korn. Von wegen „bestes Publikum, tollste Stadt überhaupt“ und so.
Ziemlich Meta. 51 Jahre alt, davon 36 auf der Bühne und trotzdem noch gegen den Mainstream. Aber was erwartet man schon von jemandem, der sagt, er sei 1981 einer der ersten Punker von Lütjenburg gewesen? Einer, der nie die großen Hits hatte oder die Wahnsinns-Bestseller, aber trotzdem Zuschauer und Künstlerkollegen irgendwie in den Bann zieht. Seine zweistündige Show ist ein bisschen wie eine coole, alternative Radiosendung, die zu einer so späten Uhrzeit läuft, dass alle Regeln und Quoten über Bord geworfen wurden. Immer wieder kurze, launig vorgetragene Textausschnitte zwischen einer bunten Auswahl von Songs, die Rocko an der Gitarre zusammen mit Musikpartner Matthias Strzoda spielt. Das ist auch das Herz von King Rocko Schamoni: die Musik. Als Jugendlicher ließ er sich vom Punk aus Großbritannien verführen, schmiss die Realschule und machte dann eine Töpferlehre mit anderen schwererziehbaren Jugendlichen. Doch dann zog er nach Hamburg, machte im Keller eines alten Hauses im Schanzenviertel den Pudel Club auf, wo Helge Schneider seinen ersten Hamburg-Auftritt hatte.
Mit Depression gekämpft
Als King Rocko Schamoni veröffentlichte er Songs, wie das 1999 erfolgreiche „Der Mond“, kandidierte für die Satirepartei DIE PARTEI und schrieb halb-autobiografische Bücher wie „Dorfpunks“. Darüber hinaus ist er Teil des Künstlertrios „Studio Braun“ mit Heinz Strunk und Jacques Palminger. Sie verstünden sich so gut, erzählte er in einem Interview, weil alle drei ihr Leben lang mit Depression zu kämpfen hatten.
Das versuchte Rocko Schamoni auch bei seiner Schau in der Mälze nicht zu verbergen. Die Leute zahlen für genau das: den Menschen Rocko mit allem, Licht und Schatten, Fehlern und Texthängern, Comedy und traurigen Liedern. Er ist einer, der es wirklich kapiert hat. Das Leben im Hamburger Underground und genauso diesen ganzen Bühnen-Mist. Einer, der einen Raum lesen kann. Der nicht einfach „Und jetzt alle mitsingen“ wie eine robotisierte Anweisung seinen Zuhörern im Dunkel der Mälze an den Kopf wirft. Einer, der nicht zwanghaft einen Witz aus allem machen muss. Einer, der zum Schluss zwei Lieder spielt, die keine Pointe haben.
Im Abseits der Bühnenstrahler begleitet er mit schweifendem Blick und glühender Kippe im Mundwinkel Matthias Strzoda bei dessen eigenem Song „Ein altmodischer Tanz“ – Melancholie im Dreivierteltakt. Direkt übernommen aus einem vergessenen Lied der tragisch jung verstorbenen englischen Sängerin Sandy Denny von 1974. „Leben heißt sterben lernen“ ist Rockos letztes Lied. Unter dem Applaus der Zuhörer verlässt er die Bühne. Mittelbayerische Zeitung, 8.3.2018

 

Cosby bietet Pop mit Mitsingfaktor
Die Münchner Band stellte ihr neues Album „Milestone“ in der Regensburger Mälze vor – leider vor leeren Reihen.


Von Paul Bockholt
Regensburg. Es ist so eine Sache mit deutschem Pop. In den letzten Jahren hat sich viel getan in den Charts. Viel mehr deutsche Musiker sind mittlerweile dort vertreten. Damit geht aber auch einher, dass sich nur selten etwas vom Einheitsbrei abhebt; nicht nur bei den großen Nummern, sondern auch im Indie-Pop. Cosby schaffen es trotzdem, mit ihrer Musik im Gedächtnis zu bleiben. Mit guten Einfällen und einer tollen Show.
20 Minuten vor Beginn ist die Alte Mälzerei noch größtenteils leer. Und der Raum vor der Bühne wird sich auch im Laufe des Abends nur bis zur Hälfte füllen. Das ist schade für Veranstalter und Musiker. Cosby selbst sagen, dass der Gig in Regensburg im Lauf ihrer Tour der mit den schlechtesten Verkaufszahlen gewesen sei. Am grundsätzlich fehlenden Interesse lag es vielleicht gar nicht, sondern wohl eher an der vorlesungsfreien Zeit in der Studentenstadt Regensburg. Doch Cosby gehen mit den leeren Reihen souverän um: Die Sängerin bittet das Publikum, nah an die Bühne zu rücken, und schon wirkt der Raum nicht mehr so leer. Zuvor spielt aber erstmal die Vorband, besser: der Vor-Mann. Malik Harris groovt das Publikum ganz allein mit seinem Loopgerät mit gut geschrieben Singer-Songwriter-Nummern ein. Die sind ein gutes Stück ruhiger als die teils recht krachigen Tanznummern der Hauptband. Doch in der schönen Wohnzimmeratmosphäre vor der Hauptbühne der Mälze passt das sehr gut. Nicht zuletzt, weil Malik auch Entertainer-Qualitäten beweist und mit einigen gut plazierten Witzen die Stimmung schön locker macht.
Fast gruselig perfekt
Cosby lassen zunächst auf sich warten. Als es endlich losgeht, nimmt Sängerin Marie Kobylka, die im Laufe des Abends schier unendliche Ausdauer beim ausgelassenen Tanzen beweist und dabei trotzdem jeden Ton glasklar trifft, auf der Klavierbank Platz. Schon der erste Song zeigt zwei der größten Qualitäten von Cosby auf. Erstens: Technisch ist alles fast ein bisschen gruselig perfekt. Der Sound von Cosby klingt nicht nach Newcomer, sondern vielmehr nach arrivierter Pop-Ikone. Stilistisch lässt er sich irgendwo zwischen MGMT und Naked and Famous verorten. Jeder Ton sitzt und ist gut abgemischt, Christoph Werner glänzt sowohl am Keyboard als auch mit einigen schön im Set platzierten Gitarren-Soli. Kilian Reischl, der den seltenen Anblick eines nicht ausnahmslos stoisch dastehenden Bassisten bietet, spielt einen tollen funky Bass und ist dabei genauso präzise und gefühlvoll wie Schlagzeuger Robin Karow.
Die drei Herren halten sich meist im Hintergrund. Sie bringen Marie Kobylka zur Geltung, die trotz ihrer sehr energetischen Präsenz auf der Bühne jeden Ton exakt trifft und ihre kraftvollen Höhen gut einzusetzen weiß. Ihr ist es auch zu verdanken, dass das zu Beginn noch scheue Publikum am Ende des Abends fast bis zum letzten Mann tanzt. Ihren Lohn haben sich die Musiker mit einer treibenden Show und viel Schweiß verdient: Sie ernten kräftigen Applaus – und wenn man die Augen schließt, kann man nicht glauben, dass die Mälze nicht einmal zur Hälfte ausverkauft ist.
Hinhörtipp: „Everlong“
Zwei Zugaben machen den Abend perfekt. Die Refrains der Songs beschränken sich meist auf aneinandergereihte Vokale, was einen guten Mitsing-Faktor ergibt. Wenn Cosby weiterhin so kreativ und leidenschaftlich Songs schreiben und auf die Bühne bringen, könnten sie bald die nächste große Nummer im Elektro-Pop werden.
Ein besonders empfehlenswerter Anspieltipp ist das Cosby-Cover des Foo-Fighters-Songs „Everlong“, das auch am Montagabend in Regensburg zu hören war. Es zeigt exemplarisch, wie Cosby trotz klassischem Sound allein mit pfiffigen Ideen etwas ganz Besonderes aus einem eigentlich simplen Stück machen können. Das und die Stimme von Kobylka machen diese Version dem Original mindestens ebenbürtig. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2018

 

 

Dieser Mann schluckt auch Luftstangen
Marc Haller bringt Tische zum Tanzen und gibt Zauberei einen tieferen Sinn. Die Gäste in der Alten Mälzerei sind hin und weg.


Von Florian Sendtner
Regensburg.„Der Applaus ist das Brot des Künstlers.“ Kurze Pause. „Jetzt wissen Sie auch, warum ich so dünn bin.“ Erwin aus der Schweiz steht auf der Bühne der Alten Mälzerei: schwarze Brille, schwarze Fliege, schwarze Weste. Und rote Kniestrümpfe zur Hochwasserhose. Dazu das linkisch-schüchterne Gehabe von einem, der zum ersten Mal auf der Bühne steht. Das stimmt nicht ganz: Marc Haller, 30 Jahre alt, Absolvent diverser Zauber- und Schauspielschulen, räumt gerade einen Preis nach dem andern ab. Und die ausverkaufte Mälzerei bekommt in einem zweistündigen buchstäblich bezaubernden Programm vorgeführt, dass das nicht von ungefähr kommt.
Erwin knotet seine Fingern und berichtet aufgekratzt, wie sehr es ihn gefreut habe, für 5000 Euro engagiert zu werden. Man wundert sich schon über die astronomische Summe, aber die Pointe kommt erst: „Ich habe die 5000 Euro dann auch recht zügig überwiesen.“ Im nächsten Moment hat Erwin einen Zauberwürfel in der Hand, müht sich erst vergeblich damit ab, wirft ihn schließlich in die Luft – und fängt einen Würfel auf, der gelöst ist. „Jetzt wissen Sie auch, wie das in der Schweiz funktioniert, wie man aus Multikulti Monokulti macht!“
Ein Glas Limo aus dem Ärmel
Die Zauberei hat bei Marc Haller meistens eine tiefere Bedeutung, aber während man noch darüber nachdenkt, ist der gelöste Zauberwürfel zur Handgranate mutiert und explodiert, und der Meister ist schon wieder bei der nächsten Nummer: ein Glas Limo aus dem Ärmel zaubern oder Schwarzgeld – große, blinkende Münzen – aus der Luft zu greifen, wobei er nicht versäumt, auf das spezifisch Schweizerische dieser Darbietung hinzuweisen.  Das Erfolgsgeheimnis dieses Zauberers liegt darin, dass Marc Haller die Magie der Zauberkunst nicht nur mit Kabarett verknüpft, sondern auch der Emotionalität gehörig Raum gibt. Da verblüfft er mit einer rein mathematischen Denksportaufgabe, fragt einen Zuschauer nach dessen Jahrgang, der nennt 1960, Haller schreibt „60“ auf eine Tafel und dann in Windeseile in vier Reihen 16 Zahlen darunter, die in jeder erdenklichen Reihenfolge (hoch, quer, diagonal) immer 60 ergeben. Und im nächsten Moment löst er, wieder auf einer großen Tafel, ein „Lebenspuzzle“, dessen verquere Teile er immer wieder zu einem Ganzen zusammenfügt, das wundersamerweise auch noch in den gleichen Rahmen wie zuvor passt.
Am Krawattl gepackt
Wenn er auch noch zum Kanon von Pachelbel seinen Großvater wiederauferstehen und sich von ihm sanft streicheln lässt, schrammt das ganze schon hart an der Grenze zum Kitsch entlang. Aber die Zuschauer lassen ihm alles durchgehen. Dieser Erwin versteht es meisterhaft, sein Publikum emotional am Krawattl zu packen und nicht mehr loszulassen.
Man fühlt sich bereits rundum aufgehoben, da bittet Marc Haller wieder einen Mann aus dem Publikum auf die Bühne und dirigiert ihn dort mit der größten Höflichkeit herum: er möge sich doch bitte ein kleines bisschen weiter nach links stellen: „Einfach in die Mitte der Falltür, sonst tut’s bisschen weh!“ In dem Fall ist das natürlich nur ein kleiner Gag nebenbei, aber gedankliche Falltüren tun sich bei Erwin am laufenden Band auf. Da hält er sich das Mikrophon nach einer Playback-Panne ans laut pochende Herz, anschließend ans Hirn, es ertönen Faxgeräusche und als er es versehentlich zwischen die Beine hält, hört man eine sich vor Eigenlob überschlagende Wahlkampfrede von Donald Trump.
Zwischendurch wird das Publikum mit Kalauern bei der Stange gehalten, dabei könnte Marc Haller seinen Zuschauern durchaus ein bisschen mehr zumuten. Aber wenn er am Ende als lebende Sanduhr den Sand abwechselnd aus der linken und dann wieder aus der rechten Faust rieseln lässt, und der Sand kein Ende zu nehmen scheint, gibt es sowieso rauschenden Beifall.

Verklemmt und liebenswürdig
Zauberei und Schauspiel
Marc Haller ist ein Hansdampf in allen Gassen. Bereits mit 14 Jahren von der Zauberei begeistert, führte sein Weg ihn nach Verscio (TI) in die Scuola Teatro Dimitri, dann in die Lee Strassberg-Schauspielschule nach New York und nach Wien.
Das Alter Ego
Das schrullige Alter Ego ist „Erwin aus der Schweiz“. Der schräge, etwas verklemmte, jedoch stets liebenswürdige Schweizer ist die Hauptfigur in seiner Show, die eine raffinierte Mischung aus klassischer Comedy und Zauberei ist.
Mittelbayerische Zeitung, 19.2.2018

 

 

Wo die wilden Gitarren-Soli klingen
Wishbone Ash zeigen ein harmonisches Best-of in der Alten Mälzerei und eine ehrfurchtgebietende musikalische Qualität.


Daniel Pfeifer. Regensburg. Das Gitarrensolo – ein akut vom Aussterben bedrohtes Stilmittel. Ihren natürlichen Lebensraum in den Hitparaden hat es weitgehend verloren, verdrängt vom hochanpassungsfähigen Rap-Break oder Bassdrop. Heute findet man es vor allem in den Nischen der Musikwelt, in dunklen Kellern, Bars und auf Rockfestivals. Experten konnten am Mittwochabend im Regensburger Rockmusik-Biotop der Alten Mälze ein besonders seltenes und farbenfrohes Exemplar bewundern: Wishbone Ash heißt es und ist ein Paradebeispiel für den Twin-Guitar-Sound. Wie viele ihrer Gattung haben sie ein äußerst langes Leben.
Seit 1969 existiert die legendäre britische Rockband um Frontmann und Gitarristen Andy Powell. Längst allerdings nicht mehr in Originalbesetzung. Der berühmte Gitarrenpartner Powells, Ted Turner, ist nicht mehr Teil der Band. Auch Bass und Schlagzeug wurden inzwischen ersetzt. Und Achtung Verwechslungsgefahr: Auch der ehemaligen Bassist der Band, Martin Turner, tourt heute noch unter dem Namen „Martin Turner‘s Wishbone Ash“.
Der neue Gitarrist des Originals ist seit einem halben Jahr Mark Abrahams und hat große Fußstapfen zu füllen. Denn Wishbone Ash ist ähnlich wie Jeff Beck und Jimmy Page in den legendären „Yardbirds“ ein Stempel der Gitarrengeschichte, als eines der berühmtesten Gitarrenduos der 70er, mit Synchron-Solos von einer Viertelstunde und mehr. Mit Progrock-Symphonien wie „Phoenix“ schafften sie Stoner-Hymnen für die Ewigkeit.
Über vier dutzend (Live-)Alben brachten sie über die Jahrzehnte heraus. Bis heute jedoch leben sie von den Geniestreichen der ersten Jahre, ihrem Debütalbum und den Nachfolgern „Pilgrimage“ und „Argus“. Um die Jahrtausendwende kamen auch unverständliche Alben dazu, die der Legendenbildung eher nachträglich sind, in denen Techno und Dance die vielschichtige melodische Musik der Band überschwemmte. Alben, die so einige Fans der ersten Stunde, die in der Mälze am Mittwoch den Großteil ausmachten, wohl entweder gar nicht erst kannten oder lieber verdrängen. Zumindest die Liveshows sind eine stilistisch harmonische Best-of-Revue.
Die Alte Mälzerei nimmt ihre Rolle als Bewahrer der musikalischen Vielfalt wieder mal verantwortungsvoll wahr: Voll besucht und mit einer Band, die schon Stadien bespielt hat und für die seinerzeit sogar Deep Purple Werbung gemacht hatte. Eine Band, die heute vielleicht keine Hitmaschine mehr ist wie in den 70ern und auch etwas in Vergessenheit geraten ist, aber deren Feuer auf der Bühne kaum weniger hell brennt und deren ehrfurchtgebietende musikalische Qualität an der E-Gitarre auch nach einem knappen halben Jahrhundert an nichts eingebüßt hat. Mittelbayerische Zeitung, 19.1.2018

 

Ein Abend mit Familie Schmidbauer
Auf seiner „Bei Mir“-Tour präsentiert der Liedermacher Werner Schmidbauer einen besonderen Bühnengast: seinen Sohn Valentin.


Von Michael Scheiner
Regensburg. „Den Song“, gibt Werner Schmidbauer mit verheißungsvoller Miene preis, habe er vorher nie öffentlich gespielt, „der existierte eigentlich nur in meinem Kopf“. Das Vorher bezieht der Liederschreiber auf die Zeit vor seiner Solotour, die im vergangenen Herbst gestartet ist und bis zum Frühjahr andauert. Es war die Zeit, als der Aiblinger mit seinem langjährigen Partner Martin Kälberer und dem sizilianischen Cantautore Pippo Pollina große Erfolge feierte, die mit einem ausverkauften Konzert in der Arena von Verona ihren Höhepunkt fand.
Danach nahm sich der bayerische Barde eine Auszeit, löste oder unterbrach die Partnerschaft mit Kälberer und kehrte nach einem Jahr zurück auf die Bühne. Mit dabei, mehrere akustische Gitarren, einige Mundharmonikas – „mein Orchester“ – und eine Auswahl „bekannter, alter und fast vergessener Lieder“, an die er sich bei der Recherche wieder erinnerte.
Die Alte Mälzerei gehörte für Schmidbauer als Wunschspielort unbedingt in den Tourplan, verbindet er doch jede Menge Erinnerungen an Auftritte, eine Liveaufnahme und „das tolle Team um Hans Krottenthaler“ damit. Vor voll besetzten Stuhlreihen – das Konzert war lange vorher ausverkauft – erzählt er kurz vor der Pause, wie ihm besagter Song nach einem Konzert mit Chuck Berry in der Olympiahalle 1980 durch den Kopf geschossen sei. In einem wilden Bluesritt, bei dem er sich auf der Harp begleitet, singt er, wie „ich Chuck in der Fußgängerzone begegnet bin“ und der ihn einlädt nach Amerika mitzukommen.
Dann wird er moralisch
Aber angesichts von „dirty Donald“ lehnt Schmidbauer lieber ab: „I bleib’ lieber da!“ Der launig-pointierte R&B-Song, der an die Anfangsjahre der Münchner Spider Murphy Gang erinnert, wo sich Schmidbauer damals ja bewegte, fällt hörbar aus dem musikalischen Rahmen, in welchem sich Schmidbauer heute bewegt.
Bewegt er sich im ersten Teil des Konzertes mit Liedern aus seinen Alben „Momentnsammler“ und „oiweiweida“ eher in Bereichen persönlicher Geschichten, Liebesliedern und Balladen, wird er in der zweiten Hälfte immer mal wieder allgemein gesellschaftlicher und moralisch deutlicher.
Aus dem Nichts tritt Valentin
Beim „Lied zum Mitjammern“ ergießt er mit lustvollem Sarkasmus Hohn und Spott über Bürger, die in ihrer Wohlstandsblase nichts besseres zu tun haben, als unablässig den Niedergang zu beschwören. „Mei geht’s uns heit wieda schlecht!“ singt das Publikum den Refrain voller Begeisterung mit. Schmidbauer ist reflektiert, kennt viele Zwischentöne, und nähert sich dennoch mit diesem Lied einem anderen Liedermacher-Original – Hans Söllner – an, der eher böse Attacken reitet.
Schon im nächsten Song, „Novembermeer“, schiebt er alles „grau und neblig(e)“ wieder beiseite und macht sich „auf`n Weg / auffa in de Sonna“. Dabei wird er von einer unsichtbaren Zweitstimme unterstützt. Die entpuppt sich dann als Valentin Schmidbauer. Der in Berlin lebende 29-jährige Sohn, ebenfalls ein Liedermacher, war bereits früher gelegentlich mit seinem berühmten Vater zu hören. Als besserer Instrumentalist von den beiden, präsentierte er sich vor dem durchweg sehr wohlwollenden Publikum mit zwei seiner eigenen Songs.
Auf des Vaters Spuren reißt der stimmlich mit einem leicht dunkleren Timbre ausgestattete Songschreiber persönlich schwierige Lebenssituationen an – und gelangt auch zu einer positiven, optimistischen Stimmung. Wobei er, auch das gehört dazu, deutlich poetischer bildhafter textet, als der eher prosaisch und gradlinig veranlagte Dad, mit dem er „eine Fetzngaudi und endlich wieder viel Zeit zum reden, quatschen und lachen“ hat. Ganz im Sinn „Lacha und lebm“, den der Vater neben „wo bleibt die Musik?“, „Des Leben“ und andere auch in seinem stimmigen Soloprogramm hat. Gemeinsam zogen die beiden am Schluss noch über die „Zeit der Deppen“ her – den Text aktualisiert und aufgemöbelt. Mittelbayerische Zeitung, 18.1.2018

 

 

Großer Auftritt für Kleinkunst
Das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival steht wieder bevor. Wer lachen will, sollte sich diese sieben Termine merken.


Comedy und Zauberei mit dem Erwin aus der Schweiz
Mit seiner Kunstfigur „Erwin aus der Schweiz“ sorgt Marc Haller, der Gewinner des „Prix Walo 2013“ und des „Swiss Talent Award 2014“, schon seit ein paar Jahren für ausverkaufte Häuser in der Schweiz wie auch in Österreich. Nun setzt er seine Erfolgsgeschichte in Deutschland fort. Am Samstag, den 17. Februar, kommt er in die Alte Mälzerei nach Regensburg. Der schräge, etwas verklemmte jedoch stets liebenswürdige Schweizer Erwin ist die Hauptfigur in seiner Show. Und diese Show hat es in sich! Sie ist nicht klassische Comedy und auch nicht klassische Zauberei. Sondern eine raffinierte Mischung aus beidem.
Kabarett und Musik mit Hosea Ratschiller und RaDeschnig
Der Kabarettist Hosea Ratschiller erhielt für „Der allerletzte Tag der Menschheit“ 2016 den Österreichischen Kabarettpreis und 2017 den „Salzburger Stier“ und hat somit den Oscar und den Golden Globe der deutschsprachigen Kleinkunst abgeräumt. Mit dieser lustvoll satirischen Collage ist ihm ein facettenreiches, aktuelles Endzeit-Szenario gelungen, das mit intelligentem Witz, mildem Spott und respektvoller Nähe zu Karl Kraus das Abgründige unserer Gegenwart aufdeckt. Am 24. Februar in der Alten Mälzerei in circa 43 Rollen zu sehen: Hosea Ratschiller; Musik: RaDeschnig
Internationaler Dichterwettstreit: Wortsport
Poetry Slam ist Wortsport, ist rasante Darbietung zeitgenössischer Literatur, ist eine Lesung der ganz anderen Art mit Publikumsabstimmung und eines der letzten großen Abenteuer für Fans von Literatur und Intelligenz. Der Poetry Slam in der Mälzerei gehört zu den beliebtesten Veranstaltungen dieser Art in Süddeutschland. Saison-Höhepunkt des Jahres ist der Super Slam am 2. März. Dieser gilt als Offene Regensburger Poetry Slam Meisterschaft und vereint eine Auswahl von Champions aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.
Impro-Match des Jahres: Fastfood vs. Quintessenz
Die Besten gegen die Besten, lautet das Motto beim alljährlichen Improvisationstheater-Höhepunkt. Beim Gipfeltreffen der Improtheater-Großmächte wird zwar traditionell mehr mit- als gegeneinander gespielt und Attacken werden lediglich auf das Zwerchfell geritten. Aber am Ende kann es nur einen Gewinner geben. Aus Österreich kommen diesmal die fantastischen Quintessenz Impro um sich mit Deutschlands erfolgreichstem Impro-Team vom Fastfood-Theater zu messen. Ein Muss also für Fans von schneller Spontan-Comedy! Die Auseinandersetzung steht am 3. März in der Alten Mälzerei an.
Die Science Busters erklären wieder die Welt
Topwissenschaft und Spitzenhumor müssen keine Feinde sein! Das beweisen der Kabarettist Martin Puntigam, Wissenschafts-Blogger Florian Freistetter und Molekularbiologe Helmut Jungwirth mit Experimenten und Pointen. Zum zehnjährigen Jubiläum beantworten die Science Busters alle Fragen, die seit der Erdentstehung noch offen sind: Kann man in einem Schwarzen Loch zu spät kommen? Wie entsorgt man eine Raumstation? Ist der Leib Christi glutenfrei? Die Show wurde mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2016 und dem Salzburger Stier 2018 ausgezeichnet. Am 9. März kann man sie im Antoniushaus in Regensburg erleben.
Die Absurd-komischen Liedermacher Simon & Jan
Simon & Jan kombinieren sanfte, melodiöse Kompositionen – gespielt auf zwei Akustik-Gitarren – mit scharfzüngigen, oft absurd-komischen Texten. Dafür werden die neuen Shooting-Stars der Kabarett-Szene mit Preisen geradezu überschüttet. Im vergangenen Jahr erhielten sie den Deutschen Kleinkunstpreis und den Bayerischen Kabarettpreis und ihre Videos werden hunderttausendfach geklickt. Simon& Jan verkörpern die Generation der Liedermacher 2.0 aufs Vortrefflichste. Zum Festival kommen sie am 17. März mit ihrem neuen Programm „Halleluja!“ in die Alte Mälze.
Am 24. März werden in der Mälze die Sieger gekrönt
Im Rahmen des Festivals wird in diesem Jahr wieder der Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis Regensburg vergeben. Aus einer bayernweiten Ausschreibung wurden in einer Vorauswahl fünf Teilnehmer ausgewählt, die am Abend des 24. März mit einem Programm von 20 Minuten in der Alten Mälzerei auftreten. Eine Jury und das Publikum bestimmen, wie die Preise vergeben werden. Mit dabei sein werden: Andrea Limmer aus Niederbayern, Christina Baumer aus der Oberpfalz, Bumillo und Peter Fischer (aus Oberbayern sowie Helmuth Steierwald aus Mittelfranken. Die Moderation übernimmt Jörg Schur. Mittelbayerische Zeitung, 16.1.2018

 

Konzert des Jahres 2017
Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2017 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2017 heißt: KÄPTN PENG & DIE TENTAKEL VON DELPHI - knapp vor KOFELGSCHROA. Gratulation nach Berlin. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2017 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2017: Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016), Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi (2017)

 

Rappen über Tolstoi und Mathe
Käptn Peng besingt ein sinnloses Leben in ausverkauften Sälen. Der „Sockosoph“ trifft in Regensburg begeisterte Fans.


Von Daniel Pfeifer Oh Käptn, mein Käptn! Wie gut kann Hip Hop schon sein, wenn man ein abgeschlossenes Literatur- und Philosophie-Studium braucht, um zu verstehen, worum es in den Texten geht? Nun ja, die Berliner Band Käptn Peng & die Tentakel von Delphi ist erst fünf Jahre alt, hat es aber geschafft, aus dem Stand heraus eine unglaubliche Fangemeinde aufzubauen. Am Donnerstagabend spielte die Formation im ausverkauften Antoniushaus Regensburg. Zu erleben war ein gewaltiges zweieinhalbstündiges Konzert voller Existenzialismus und Nonsens.

Um jetzt mal die Musik der Band mit dem sehr langen Namen zusammenzufassen, vier Zeilen aus „Sockosophie“ aus ihrem Durchbruchalbum 2013: „Identität ist etwas Überpersönliches, Ja und Nein sind nichts Unversöhnliches. Schwarz und Weiß sind beide Licht und die Nonexistenz, die gibt es nicht.“ Gut, um den Kontext zu verstehen, muss man wissen, dass der Song ein Streitgespräch von Frontmann Robert Gwisdek mit einer Socke auf seiner Hand ist, über den Ursprung allen Seins und die Relativität der menschlichen Wahrnehmung.

Für den Deutschen Filmpreis nominiert
Zu den Dada-Texten passte die abgefahrene Bühnenshow der Band: Allein das Instrumente-Arrangement der beiden Perkussionisten erstreckt sich über Kuchenbleche und Töpfe, Triangeln, Glöckchen und eigentlich alles, was ungewöhnliche Sounds erzeugen kann. Und so komplex die Texte von Frontmann Gwisdek auch sind, warf er immer wieder Freestyles zwischen die Songs, in denen er auch mal über Tolstoi und Mathematik rappt. Nicht schlecht die Impro-Fähigkeiten, aber eigentlich ist Gwisdek ja auch studierter Schauspieler und er war sogar schon einmal für den Deutschen Filmpreis nominiert. Dass so etwas in der Studentenstadt Regensburg phänomenal ankommt, kann man sich denken. Und tatsächlich hätte man das Publikum im Antoniushaus auch mit einer Studenten-Fachschaftssitzung verwechseln können.

Vor einigen Monaten brachte die fünfköpfige Band um die Gwisdek-Brüder Robert (Käptn Peng) und Johannes (Shaban) auf ihrem eigenen Label ihr aktuelles Album heraus: „Das Nullte Kapitel“. Seitdem touren sie durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Von Regensburg aus ging es am nächsten Tag direkt weiter nach Graz, ins Orpheum. Natürlich auch ausverkauft. In ihren Texten mögen sie sich mit der Sinnlosigkeit des Lebens auseinandersetzen, in der harten Realität sind sie aber zielgerichtet auf Erfolgskurs. Mittelbayerische Zeitung, 11.12.2017

 

 

Der Mensch in der Welt: ein Panoptikum
Verzaubernd und verstörend: Zum Abschluss der Tanztage zeigte das „Balé Teatro Guaíra“ Stücke deutscher Choreografen.


Von Michael Scheiner
Regensburg.Sie rempeln, treten, schlagen einander. Zwei Männer, Tänzer, boxen, knuffen, umkreisen sich wie Jungs, die nur im spielerischen Ernst – hier dem Tanz – zugeben können, dass sie sich hingezogen fühlen zueinander, vielleicht sogar insgeheim verliebt sind. Es ist der Charme, der die Attraktivität eines Menschen ausmacht. Ihm erliegen wir alle – außer vielleicht auf ausgesprochene Misanthropen. Beim letzten Abend der 20. Regensburger Tanztage mit dem brasilianischen Ensemble „Balé Teatro Guaíra“ macht die Choreografie des Ulmers Roberto Scafati deutlich, welche Kraft und emotionale Intelligenz diesem Phänomen innewohnt.
„Charme“ ist während eines künstlerischen Austauschs drei deutscher Choreografen mit der Tanztruppe im brasilianischen Curitiba entstanden. Neben Scafati waren daran Katja Wachter aus München mit „I Share“ und der Berliner Christoph Winkler mit dem programmatischen Stück „Lost My Choreographer on My Way to the Dressing Room“ („Auf dem Weg zum Umkleideraum bin ich meines Choreografen verlustig gegangen“) beteiligt. Daraus ist der Tanzabend „Balé Teatro Guaíra tanzt Wachter – Winkler – Scafati“ entstanden, mit dem das Ensemble erstmals tourt. Ihr Auftritt im voll besetzten Uni-Theater war ein letzter Höhepunkt des Tanz-Festivals.
Ein tapsiger Tango
Der dicke Nebel, der die Bühne anfänglich einhüllt und eher uncharmant an London mit seinen gruseligen Ripper-Mythen erinnert, verzieht sich wie die Tänzer, die scheinbar planlos aneinander vorbeihasten. Angelockt von unwiderstehlicher Anziehung, dem Charme Einzelner, treten dann Tänzer mal als Paar auf, wo sich ein spröder Teil eher widersetzt, nachgibt und wieder verhärtet. Bei einem anderen wird charmant antichambriert, ein Charmebolzen gewinnt die Herzen mit strahlendem Leuchten, und eine Männergruppe zelebriert die Verehrung einer Diva in einem zeremoniellen Ritual. Auch wunderbar komische Situationen leuchtet ein Paar beim Tango aus, wenn „seine“ tapsigen Annäherungsversuche von „ihr“ brüsk abgewehrt werden. Insgesamt etwas langatmig, überzeugte „Charme“ mit raumgreifendem Ensembletanz, Duetten und Kleingruppen. Ausdrucksstark und mit emotionaler Vehemenz getanzt, strotzt es einmal von kraftsprühender Energie, um dann wieder in eine ironisch-distanzierte Leichtigkeit zu wechseln.
Teilen bis zur Ausbeutung
Einem bitterbösen Kommentar übers „Teilen“ im digitalen Zeitalter gleicht Wachters manchmal etwas plakative Tanzerzählung „I share“. Geteilt wird heute vieles. Manchen Anhängern gilt „sharing“ als Heilsversprechen. Auf Facebook im Netz und anderen Plattformen geteiltwerden Gefühle und Klamotten. Meist ist es kein Teilen wie von Graswurzelbewegungen propagiert, sondern es stecken neue Formen der Ausbeutung und Ausnutzung dahinter.
Sie führen zu zwanghaftem Verhalten und einem Verlust an Individualität, wunderbar dargestellt durch kollektives Daumen rauf, Daumen runter. Tänzer hängen mit Klebeband aneinander fest – und wer vom Teilen mit anderen genug hat, wird mit zunehmender Gewalt gefüttert oder bedrängt. Diese ambivalente gesellschaftliche Entwicklung wird über elektronischer Musik und düsteren Sounds mit deftigem Witz in Szene gesetzt und tänzerisch mitreißend erzählt.
Spürbar abstrakter entfaltet sich anschließend Winklers Choreografie, die „von der veränderten Beziehung zwischen Tänzern und Choreografen handelt“, wie nachzulesen ist. Über brachialen basslastigen Klängen, welche die Lautsprecher und manche Zuhörer an ihre Grenzen bringen, entwickeln fünf Tänzer skulpturale Figurationen und surreal anmutende Abläufe. Von spröden insektenhaften Formen zu kühlen Begegnungen, bis hin zu improvisiert wirkenden Tanzbildern entsteht ein eigenartiges, beziehungsloses Panoptikum. Es ist ein kalter und vielfach auch ratloser Blick, der auf die Protagonisten gerichtet ist und zaudernd um Verständnis ringt – so wie die Tänzer um Verständigung.

Alle acht Vorstellungen der diesjährigen Jubiläumsausgabe der 20. Regensburger Tanztage waren komplett ausverkauft.
Höhepunkt war das Gastspiel von Wim Vandekeybus/ Ultima Vez mit „In Spite of Wishing and Wanting“ im ausverkauften Velodrom.
In den letzten 20 Jahren waren über 200 Vorstellungen mit Künstlern aus 40 Ländern zu erleben.
Die Regensburger Tanztage 2018 werden voraussichtlich im Zeitraum zwischen 9. und 25. November stattfinden. Die Sommertanztage sind für Juli 2018 in Planung.

Mittelbayerische Zeitung, 5.12.2017

 

Sie zeigen, dass es anders geht
Die Demograffics aus Regensburg machen gemeinsam mit Flüchtlingen Hip Hop. Nun erhalten sie den Bayerischen Popkulturpreis.


Von Daniel Peifer
Regensburg.„Das Herz von Hiphop ist, dass man alles mit allem verbinden kann. Sämtliche Kulturen, Backgrounds, egal wo man herkommt, egal was für eine Sprache man spricht. Hiphop bringt Leute zusammen, um eine Message zu feiern.“ Das sagt nicht irgendwer, sondern Maniac, der Motor der Regensburger Hip-Hop-Szene. Zusammen mit Ralph Mild alias DJ Rufflow bekommt der Rapper mit dem bürgerlichen Namen Achim Schneemann am Dienstag in München den Bayerischen Popkulturpreis 2017 in der Kategorie Inklusion verliehen.
Maniac und DJ Rufflow bilden das erfolgreiche Duo Demograffics und haben in den letzten zwei Jahren die Refugee Rap Quad aufgebaut, in der sie Hip Hop, die Sprache der sozial Benachteiligten, Vergessenen und Abgeschriebenen, solchen Menschen beibringen, die noch nicht einmal die deutsche Sprache richtig beherrschen. Mit vier geflüchteten Jungs aus Afghanistan, Syrien und dem Senegal schreiben, produzieren und performen sie auf professionellem Niveau und helfen ihnen dadurch zu einem besseren Stand im neuen Leben und einer musikalischen Berufung.
Angefangen hat das 2015 bei einem Schul-Workshop, den Maniac und Rufflow in Kelheim gaben. Der inzwischen 23-jährige Ousmane aus dem Senegal kann sich genau erinnern. „Er kam her: ‚Ich sehe dich, ich mag deinen Style, ich glaube, du kannst Hip Hop machen‘“, erzählt Ousmane. Im Senegal hatte er den Hiphop für sich entdeckt, beugte sich dann aber dem Willen seines Vaters, der dagegen war. Nun sitzt er in der Alten Mälzerei in Regensburg, kurz bevor es beim Benefit#2-Konzert auf die Bühne geht, mit schneeweißem Cap und einem breitem Lächeln, in dem aber auch immer der Ernst seiner Vergangenheit mitschwingt. „Ich schreibe Texte darüber, was ich war, über Politik, vor was ich Angst habe,“ schildert er. Und seine Texte sind ehrlich und direkt, egal ob auf Deutsch, Englisch, Französisch oder in seiner Muttersprache Wollof.
Jede Woche wird gearbeitet
Ein paar Schritte entfernt, in einem kleinen Probenraum im dritten Stock der Mälze, liegt das Studio der Demograffics. Vollgeräumt mit Kisten, Instrumenten, einem Sofa und uralten Bürostühlen. Dort trifft sich die Refugee Rap Squad jede Woche. Maniac selbst ist quasi jeden Tag dort, an dem er nicht irgendwo auf der Bühne steht. „Uns geht es darum, den Jungs eine Plattform zu geben und zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass man etwas machen kann und mit der Musik etwas bewegen kann“, erklärt Maniac den Hintergrundgedanken des Projekts. Nicht nur als Beschäftigungstherapie, sondern absolut professionell, mit ausgefeilten Tracks, Musikvideos und Live-Auftritten. „Integration gelingt da nebenbei. Nebenbei wird Deutsch gelernt, Selbstwertgefühl aufgebaut, Selbstständigkeit aufgebaut.“ So weit soll es gehen, dass die vier Jungs als eigenständige Rap Crew existieren können. Am 15. Dezember spielen sie auf dem Stage-for-Peace-Festival in Nürnberg, komplett allein ohne die Rückendeckung der Demograffics.
Samstag Abend, zwei Stunden vor dem Benefit#2-Konzert sitzt auf einem Barstuhl neben Ousmane der 22-jährige Timo. Er kommt gerade von der Arbeit. Nun bereitet er sich auf den Soundcheck vor. Denn das Konzert nimmt er sehr ernst, er will wieder und wieder daran feilen, dass später alles perfekt läuft.
Kennengelernt hat er die Demograffics am selben Tag wie Klassenkamerad Ousmane. Eigentlich stammt Timo aus Afghanistan, lebte aber nach einer Flucht seit seiner Jugend im Iran. „Da ist sowas verboten. Pop und Klassik geht, aber Rap nicht“, erzählt er über das Land, aus dem er kommt.
Einfach tun, was man liebt
Kunstfreiheit gebe es dort nicht. Lieder über Mädchen schreiben: keine Chance. Genauso wenig übers Feiern oder generell ein befreites Leben. Wer sich damit auf die Bühne stellen wolle, habe schlimmstenfalls zu fürchten, im Knast zu landen. Hier in Deutschland, mit Hilfe der Demograffics, habe er jetzt die Freiheit zu tun, was er liebt und über die Themen zu schreiben, die ihn bewegen. Letzte Woche bekam Timo nun aber Post. Abschiebung. Sein Blick senkt sich, die breite Brust vom Soundcheck auf der Bühne sinkt in sich zusammen. Wie es jetzt weitergeht, weiß er nicht.
Das sind die Schattenseiten, auch für Maniac. „Das ist für uns natürlich richtig scheiße, weil der Timo uns ans Herz gewachsen ist“, sagt er: „Denn Timo ist das perfekte Beispiel für Integration: Er hat einen festen Job als Friseur, er hat seinen Nebenjob bei Refugee Rap Squad, der macht sein Ding, der hat hier seine Freunde, der hat ein Leben aufgebaut. Und darum macht’s das umso schwerer für uns, wenn dann so eine Nachricht kommt.“ Mittelbayerische Zeitung, 4.12.2017

 

Emotionale Wucht, mutige Antigrazie
Fünf Tänzer stellten preisgekrönte Choreografien und Performances am Universitätstheater in Regensburg vor.

Von Michael Scheiner
Regensburg. Befreit und fast verächtlich wirft er die Maske beiseite. Steht und schaut herausfordernd ins Publikum. Dieses fokussiert im voll besetzten Theaterraum der Universität mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Tänzer, der sich aus dem Dunkel hervorgearbeitet hat. Mit seiner Choreografie „Kifwebe.01“ eröffnete Miguel Mavatiko aus dem Kongo die diesjährige Solotanznacht. Hinter der hölzernen Maske kommt kein schwarzes, wie erwartet, sondern ein weißes Gesicht zum Vorschein. Geschminkt wie bei traditionellen Ritualen mancher afrikanischer Völker, provoziert diese Konfrontation weitere assoziative Vorstellungen. Mit Ausdrucksmitteln des Breakdance und Hip-Hop-Formen beschwört der Tänzer Geister von Verstorbenen, denn „Kifwebe ist der Geist des Tanzes“. Neben der abgelegten Maske und dem ausdrucksstarken Tanz spielt auch die Musik eine wesentliche Rolle. Eine Jazznummer stellt die Verbindung zur afroamerikanischen Kultur her, bevor Mavatiko seine Choreografie mit der souligen Selbstbehauptung „Every Nigger is a Star“ des jamaikanischen Sängers Boris Gardiner triumphal abschließt.

Schmerz, Wut, Ratlosigkeit
Für seine Performance von „Separation Among Us“ ist der slowenische Tänzer Jernej Bizjak ausgezeichnet worden. Emrecan Tanis setzt mit seiner schnellen, von Bizjak mit emotionaler Wucht getanzten Choreografie dem „im Irak verschwundenen Tänzer Adil Faraj ein Denkmal“, wie es im Programm heißt. Angetrieben von einem hartnäckigen, maschinellen Groove bringt Bizjak mit nacktem Oberkörper und bodenlangem Rock eine ganze Palette von Schmerz, Wut bis zur Ratlosigkeit packend zum Ausdruck. Auch hier spielt, wie bei weiteren Tanzstücken die Musik eine bedeutende Rolle, ohne dass im Programm darauf hingewiesen wird. Als Leiter eines Musikclubs sollte Hans Krottenthaler von der Mälzerei eigentlich klar sein, dass solche Informationen in das auch sonst eher dürftig gehaltene Programm-Info gehören.
Musikalisch fast bedrohlich tastet sich der Franzose Benoit Couchot in seine eigene Choreografie „Mutiko ala Neska“. Spinnenartig tupfen seine Beine den schwarzen Tanzbelag ab, verbiegt sich sein Körper in grotesken Formen und schüttelfrostartigen Schaudern, als wolle ein kampfbereites Insekt seine Gegner einschüchtern.

Abenteuerliche Verbiegungen
Obwohl durchaus muskulös, wirkt der schlanke, fast nackte Mann mit dem hochgesteckten Haar manchmal wie ein ausgezehrter Hungerkünstler. Das machen die extreme Überdehnung des Oberkörpers und Verbiegungen der Gliedmaßen aus, die einem fast den Atem stocken lassen. Mit beeindruckender Antigrazie hinterfragt der mit Publikumspreisen bedachte Franzose auf diese Weise das zu Unrecht bei uns in Verruf geratene Genderthema: „Welcher Gedanke steckt eigentlich hinter den Geschlechtern?“
Witz bringt der Finne Samuli Emery mit seiner verblüffend originellen Performance von „We Do This. We Don’t Talk“ von Barnaby Booth ins Spiel. Wie bei kleinen Videoschnipseln, tausendfach auf Facebook verbreitet, in denen eine Geste oder eine kurzer Bewegungsablauf mehrfach oder gar endlos hintereinander abgespielt wird, produziert Emery alltägliche Verlegenheitsmuster und Bewegungen. Als hänge eine altmodische Schallplatte immer wieder, bis die Nadel ein Stück weiterspringt, spiegeln sich in Mimik und Gestik des hinreißenden Tänzers Gefühlszustände, die wir an uns normalerweise kaum bewusst wahrnehmen. Ein wunderbar vergnüglicher und zugleich reflexiv angelegter Tanzspaß zu Diskosounds und Atemgeräuschen.
„? I mA“ interpretiert die Italienerin Erika Silgoner rückwärts verschoben mit ihrer Choreografie Identitätsfragen. Zu elektronisch sägenden und bohrenden Geräuschen, teilweise auch still von Gloria Ferrari kraftvoll getanzt, pocht sie auf darauf, wahrgenommen zu werden, dann geht ihr wieder die Luft aus. Ausdehnung und ein mutloses Zusammensacken liegen hier eng beinander – überzeugen aber nur teilweise. Dennoch ein faszinierender Tanzabend voller Überraschungen und starker Eindrücke. Mittelbayerische Zeitung, 27.11.2017

 

Magisches Spiel mit Bildern
Das Sosani Tanztheater überzeugte im Regensburger Kunstforum nur bedingt mit seinem „Captured in motion“.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.„Captured in motion“, in der Bewegung festgehalten, nennt Thea Sosani die Variation einer Choreografie, mit der sie und ihre Company im Kunstforum im Stadtpark reüssierten. Im Sommer hatte sie das Ensemble damit im Historischen Museum den Kreuzgang und die Minoritenkirche tanzend erschlossen. Im Rahmen der Regensburger Tanztage passte es sich den räumlichen Gegebenheiten des Grafiksaals mit einem abgewandelten Konzept an. In dem architektonisch heiklen Raum waren an drei Seiten Bildtafeln mit Motiven der Tanzperformance aufgebaut. Gemacht hat sie Fotograf Hubert Lankes.
Tänzer verschmolzen mit den Bildern
Den anfänglichen Ausstellungscharakter verloren die Bilder, als sie nach und nach in die aktuelle Performance mit einbezogen wurden. Ana Hauck, Tänzerin und Hohepriesterin, bugsierte die beweglichen Tafeln in den Tanzraum und verknüpfte auf diese Weise das zweidimensionale Bild der Fotografie mit der Dreidimensionalität des realen Tanzes. Sie selbst tauchte hinter ihrem Bild auf, das sie mit einem Papagei zeigt. In einzelnen Bildern verschmolzen die Tänzerinnen Ramona Reißaus und Julia Koderer, wie auch der beeindruckende Pasha Darouiche mit ihren eigenen Abbildern. Ein verblüffendes und schönes Spiel, das einerseits Spaß machte und bei dem die Wahrnehmung herausgefordert war.
Dennoch war die Performance im Kunstforum nur bedingt ein Erfolg. Zum einen boten die historisch und architektonisch anders gelagerten Räume am Dachauplatz mehr realen und imaginativen Raum. Dadurch war die Choreografie deutlich dynamischer, tänzerisch spannender und konnte sich ganz anders entfalten. Zudem boten sie mit anderen Licht- und Dunkeleffekten, Steinfiguren und unterschiedlichen Ebenen spielerisch und szenisch mehr Möglichkeiten.
Zerrbild eines militärischen Vorgangs
Im Kunstforum wirkte Hauck mit ihren Schritten, mit denen sie das Machtinsignium Vogel/Papagei herum trug, manchmal fast wie eine Parodie. An anderer Stelle erschien ihr Auftritt wie das Zerrbild eines militärischen Vorgangs. Die Tänzer selbst, allen voran Darouiche mit fliegendem Wams während eines beeindruckenden Solos, waren mit Leidenschaft bei der Sache. In ihren Duetten und einer hinreißenden „menage a droit“ entwickelten sie spielerische Freude und eine sinnlich-packende Energie, die zweitweise den Raum zu weiten schien. Bis auf kleinere Ungenauigkeiten in der Synchronizität überzeugte das Ensemble von der geräuschhaften Begrüßung in knisternden Plastikröcken bis zu den dramatischen Gruppenszenen. Bringt man noch die eigenen Erwartungen mit ins Spiel, ist „Captured in motion“ besser gelungen, als vorab befürchtet. Dennoch ist der Eindruck eines lückenhaften Resultats entstanden, wobei der komische Vogel dabei kaum eine Rolle spielt. Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2017

 

Mit Orangenhälften zum Speed-Dating
Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie: Ultima Vez zeigte bei den Regensburger Tanztagen eine beeindruckende Choreographie.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie ungebärdige junge Hengste fegen Tänzer in Straßenkleidung über die von hinten und seitlich beleuchtete Bühne. Die Enden ihrer Hemdkragen halten sie wie Trensen mit den Zähnen fest. Mit Riesensprüngen, Hufe scharren und bocksbeinigen Hüpfern nehmen sie den durchgehend bis an die hintere Mauer offenen Raum voll in Anspruch. Bis auf wenige Zentimeter galoppieren sie vorn an die Rampe, um bedrohlich nahe vor den Zuschauern mitten im Lauf zu stoppen. Es ist eines von vielen starken Bildern, welche die Choreographie „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus zu einem der aufregendsten und zugleich spektakulärsten Eindrücke der Regensburger Tanztage zeit ihres Bestehens macht.
Sie verkörpern Freiheit, Eigenständigkeit und Autonomie. Pferde sind in Filmen und Geschichten Symbol für die Unterwerfung des Ungezähmten – sei es mit Gewalt oder Einfühlungsvermögen. Beides bricht sich auch in dem rasanten Tanzstück Bahn. Einmal ohrfeigt eine Gruppe im Kollektiv zwei streitende Tänzer im Wechsel, von denen einer dem anderen Worte streitig macht, die „ich gekauft habe“. Es sind allerdings nicht die „letzten Worte“, die ein fliegender Händler in einem der beiden Kurzfilme, die den Tanz auf anderer Ebene fortführen und gliedern, an einen Gewaltherrscher verkaufen will. Diese slapstickartige Groteske setzt Assoziationen an die bitterböse Seite der Monty-Python-Truppe frei und kommentiert solchermaßen die Themen des Stücks auf ironisch gebrochene Weise. Strukturierend wirken Sprechszenen, die perspektivisch zwischen äußerer Hinwendung zum Publikum und Innenschau wechseln. Umspielt von traumverlorenen Tänzern hat sich die Bedeutung der Monologe, die hauptsächlich in italienisch, französisch und englisch erfolgten, nur bedingt erschlossen. Im Streit um den Anspruch auf eine (Vor-)Herrschaft unter den Tänzern spielen sie aber eine gewichtige Rolle.
Ungezähmtes Begehren
Geschaffen hat der belgische Choreograf und Fotograf sein spektakuläres Tanzstück für elf Männer vor knapp zwei Jahrzehnten. David Byrne, Frontmann der einstigen New-Wave-Band „Talking Heads“, hat dazu eine phänomenale Musik geschrieben. Vandekeybus, der weltweit als Choreograf Ansehen genießt, hat das Aufsehen erregende Stück jüngst wieder aufgenommen und neu einstudiert. Das zeitweise ungemein schnelle Tempo, die starke physische Präsenz der Tanzenden, deren Schweiß und maskuline Ausstrahlung man fast zu riechen glaubt, und atemberaubende Sprünge und Gruppenaktionen, die eine hohes Maß an Risiko beinhalten, geben dem Stück auch heute noch eine radikale Aktualität. Zwischen Vertrauen und Angst, Eleganz und testosterongeschwängerter Wucht durchlaufen die Tänzer vom Straßenanzug bis zur völligen Nacktheit viele Stadien und transportieren wechselnde kulturelle Codes.
Es ist eine von Leidenschaft und Energie durchdrungene, berstende Erzählung „über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens“, wie es im Programmheft dazu heißt. Sinnlich und fordernd zeigt sie sich, im Versuch eines nackten „Ungezähmten“ zu onanieren ebenso, wie im elegant gehaltenen Speed-Dating mit Orangenhälften. Während einer großartigen Tanzszene mit wechselnden Konstellationen hatte ein manipulativer „Obertänzer“ Orangen kunstvoll zerschnitten. Anschließend haben nur die Tänzer mit den jeweils passenden Hälften zueinandergefunden und sind in einen zärtlichen Reigen versunken. Einige anekdotenhafte Szenen, wie der Flohdirektor mit seinen „drei Freundinnen“, von denen Annemarie ins Publikum ausbüchste und wieder gefunden werden musste, verknüpften sich lose mit den Fäden von Macht, Dominanz und bildstarken Fantasien.
Als würden sie gleich losfliegen
„I fly, I fly“, ich fliege, jubeln gegen Ende die am Boden liegenden Tänzer im Velodrom. Ein weiteres Motiv von Freiheit und Selbstbestimmung. Heftig schlagen sie mit Armen und Händen, verlängert mit flatternden Papierblättern. Die Bühne ist mit Federn bedeckt, von oben regnet es ununterbrochen weitere Federflocken. Aus der Bäuchlingshaltung schnellen die Männer in Shorts und Hemden wie von Katapulten geschleudert immer wieder hoch, hängen sekundenlang fast waagrecht in der Luft und erwecken den Anschein, als würden sie gleich über die Zuschauer hinweg davonfliegen.
Es ist das letzte intensive Bild des berauschenden Tanzstücks. Es ist dominiert von sinnlichen Bildern der Anziehung und Begierden, fantastischen Momenten, befreiend komischen Einfällen und aufwühlenden Eindrücken heftiger Angstausbrüche oder drastischen Dominanzgehabes. Die Schlussszene knüpfte wieder an den Anfang an, danach gab es nur noch tosenden Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2017

 

Bundespreis für die Alte Mälzerei
Der APPLAUS wurde in Dresden für „herausragende Livemusikprogramme vergeben“. Auch das Regensburger Kulturzentrum ist dabei.


Der APPLAUS wurde in Dresden für „herausragende Livemusikprogramme vergeben“. Auch das Regensburger Kulturzentrum ist dabei.
Regensburg. Mit dem Musikpreis „APPLAUS – Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“ prämierte die Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters im Alten Schlachthof in Dresden insgesamt 86 Clubbetreiber und Veranstalter. Ausgezeichnet wurden kulturell herausragende Livemusikprogramme, die maßgeblich zum Erhalt der kulturellen Vielfalt in Deutschland beitragen. Zu den Preisträgern gehörte auch das Kulturzentrum Alte Mälzerei in Regensburg.
Der Spielstättenprogrammpreis APPLAUS ist der höchstdotierte Bundesmusikpreis in Deutschland. Eine unabhängige Jury, bestehend aus fachkundigen Mitgliedern der deutschen Musikbranche, wählt deutschlandweit Veranstalter aus, die für ihr Programm ausgezeichnet und gefördert werden. Kriterien bei der Vergabe dieses Preises sind unter anderem "eine qualitativ anspruchsvolle, trendsetzende und kreative Programmkonzeption und -realisation“, des Weiteren „angemessene Konditionen für die ausübenden Künstlerinnen und Künstler sowie „ein hoher Anteil lokaler Bands und Nachwuchskünstler“. Alle diese Punkte erfüllt das Programm der Alten Mälzerei nach Meinung der Jury im besonderen Maße.
„Wir freuen uns natürlich sehr über diese Auszeichnung, Eine großartige Bestätigung unserer Arbeit. Das unterstreicht die Bedeutung und den Stellenwert der Mälzerei für Regensburg und den gesamten ostbayerischen Raum“, freut sich Geschäftsführer Hans Krottenthaler.
Der Spielstättenprogrammpreis ist nicht nur eine Würdigung der kreativen Programmplanung. Er ist mit 20 000 Euro auch mit einer konkreten finanziellen Förderung verbunden. „Das gibt uns die Möglichkeit, unsere verschiedenen Projekte und Veranstaltungsreihen insbesondere zur Förderung regionaler Musiktalente fortzuführen bzw. noch weiter auszubauen.“ Der Spielstättenprogrammpreis verbindet diese Auszeichnung mit mehr öffentlicher Aufmerksamkeit für die musikalischen Angebote der Clubs. Mittelbayerische Zeitung, 3.11.2017

 

Gute Laune am Indie-Lagerfeuer
Impala Ray fallen durch die Instrumentierung ihrer Songs aus dem Rahmen. In der Mälze mischten sie sich auch unters Publikum.


Von Paul Bockholt, MZ
Wenn man abends frisch aus Arbeit oder Uni kommt, kann man schon mal mies gelaunt sein. Die Sonne macht sich rar, der Winter naht mit düsteren Tagen. Doch in der Alten Mälzerei gab es am Donnerstagabend hochwirksame musikalische Gute-Laune-Pillen.
Im fast ausverkauften Haus, darunter überraschend viele ältere Semester, läutet die Vorband The Red Aerostat mit einem musikalischen Faustschlag den Abend ein. Mit ihrem härteren Musikstil und technisch besserer Darbietung stehlen sie der Hauptband – im Nachhinein betrachtet – fast die Show. The Red Aerostat verkaufen sich als Vorband unter Wert. Unter ihren vielen gut geschriebenen Songs finden sich einige mit Hitpotenzial. Nicht oft erlebt man die Forderung des Publikums nach einer Zugabe noch vor dem Main-Act.
Jedenfalls ist der Menge schon gut eingeheizt, als Impala Ray die Bühne betreten. Doch was ist das? Sie steigen gleich wieder runter! Allerdings in Richtung Zuschauerraum. Die ersten beiden Songs spielen sie inmitten von gespannt lauschenden und beeindruckend stillen Zuschauern bei regelrechter Lagerfeueratmosphäre. Das ist cool, bodenständig und kommt gut an.
In der Interaktion mit den Fans zeigt sich bei Frontmann Rainer Gärtner, Sänger und Gitarrist, was der Zyniker an ihm argwöhnisch beäugt: Er scheint unglaublich gut gelaunt zu sein. Er und Drummer Dominik Haider strahlen auf der Bühne geradezu um die Wette, wenn letzterer nicht gerade bei seinen Vollblut-Drum-Passagen die Zähne fletscht.
Mit Hackbrett und Tuba
Hackbrettspielerin Carmen Unterhofer und Tubistin Nicola Missel wirken neben all der Energie, die von ihren männlichen Band-Kollegen ausgeht, fast ein wenig lethargisch beim Lächeln. Allerdings sind die beiden auch durch das Gewicht beziehungsweise die stationäre Natur ihrer Instrumente eingeschränkt.
Die Tuba fällt leider im Laufe des Abends immer wieder einmal durch den Mix. Das ist besonders deshalb schade, weil sie als Bassersatz dient. Das Hackbrett gibt deutlich mehr Pepp zum soliden Sound von Impala Ray. In der Welt der verwechselbaren Indie-Bands, die alle einen ähnlichen Sound und noch ähnlicheres Songwriting haben – und Impala Ray muss dazu gezählt werden –, gibt die einzigartige Instrumentierung ihrer Songs einen echten Wiedererkennungswert.
Den findet man auch in den noch unveröffentlichten Songs wieder, die sie an diesem Abend spielen. Nach der „From the Valley to the Sea“-Tour will die Band wieder ins Studio gehen. Es wird, das ist heute zu hören, wohl ein gutes „Bay-Folk“-Album. So nennen Impala Ray ihren Stil. Das steht doppeldeutig für den Lebensstil der Bay-Area von San Francisco, aber auch für die bayerische Tradition, in der sich die Musiker aus München sehen.
Der Brückenschlag zwischen den Kulturen macht Spaß. Da ist es es auch nicht schlimm, wenn im Lauf des Abends einzelne Töne und Schläge danebengehen. Die Stimmung ist einfach viel zu gut. Impala Ray wissen, wie man Party macht und haben den passenden Feel-Good-Indie-Folk im Gepäck.
Der Zyniker findet das Gehabe dann vielleicht ein wenig aufgesetzt und ein bisschen zu „Hippie“, aber selbst der größte Miesmacher kann sich der guten Stimmung, die von der Bühne aufs Publikum überschwappt, nicht erwehren. Wo man auch hinsieht: Alle im Raum haben ein leicht verträumtes Lächeln im Gesicht, gerade dann, wenn der Leadsänger eine seiner zwar stellenweise belanglosen, aber liebevoll und mit seinem zutiefst sympathischen Lachen vorgetragenen Zwischengeschichten erzählt.
Atmosphäre der Verbundenheit
Impala Ray scheinen vor allem eine große Mission zu haben: eine Atmosphäre der Verbundenheit zu schaffen. Das mag vor einem Jahr in der Mälze, damals vor halb so großem Publikum noch einfacher gewesen sein. Aber auch die größere Menge erliegt schnell dem Charme der Band. Ganz zum Schluss steigen die Musiker noch einmal von der Bühne runter und spielen mitten im Publikum. Hier endet der Bogen, der zu Beginn des Abends gespannt wurde. Ein herzerwärmender Abschluss. Mittelbayerische Zeitung, 6.11.2017

 

 

Elf Männer tanzen „Instinkte der Liebe“
Die Regensburger Tanztage bieten zum Jubiläum ein geballtes Programm mit hochklassigen Ensembles und Choreografien.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. In den Wäldern um Regensburg herum wurde schon vor Jahrtausenden Göttern, Dämonen und Wetterphänomenen tanzend gehuldigt. Nun kann man höchstens mit viel geistiger Verrenkung behaupten, dass die „Regensburger Tanztage“ daran anknüpfen. Dennoch steckt auch im heutigen Tanz und Tanztheater noch ein wenig von der DNA früher Tanzrituale. Beschworen werden heute andere Sujets, die Liebe, das Gewissen, gesellschaftliche Kälte. Auch die Formen haben sich geändert und sich mit neuen Ausdrucksmitteln und technischen Möglichkeiten verbündet. Gleich geblieben sind Leidenschaft und ekstatische Glut, mit der getanzt wird und manchmal auch die Berauschtheit, die versucht wird zu erreichen.
Heuer jährt sich das spannende Tanzspektakel zum 20. Mal. Vom 3. November bis Anfang Dezember stehen acht internationale und regionale Ensembles und Themenabende auf dem Programm. Zudem bietet das Sosani Tanztheater einen Intensiv-Workshop an. Kaum jemand hätte 1998 damit gerechnet, dass die Tanztage einmal ein solches Jubiläum feiern würden. Möglich geworden ist es, weil Hans Krottenthaler und sein Mälze-Team engagierte Kooperationspartner und Sponsoren gefunden haben, die die Tanztage seit langem unterstützen.
Als Krottenthaler Ende der 90er Jahre loslegte, glich das Ganze einem Experiment. Ein Versuchsballon, der praktisch aus dem Stand auf ein großes Interesse beim Publikum stieß. Der Versuchsballon hob ab und die Tanztage konnten sich schon nach kurzer Zeit einen festen Platz im Kulturleben der Stadt sichern.
Eine weltweite Tanzsensation
Getrieben von einem noch immer wachsenden Interesse, einer ständigen Lust am Experiment und Auseinandersetzen mit aktuellen Themen, haben sie sich über die Region hinaus zu einem Fixpunkt entwickelt. Mit der Verbindung von regionaler Szene und internationalen Positionen haben sich die Regensburger Tanztage auch überregional einen Namen gemacht.
Herausragend im Programm zum 20-jährigen Jubiläum dürfte der Auftritt des Ensembles „Ultima Vez“ mit der Choreografie „In Spite of Wishing and Wanting“ des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus werden. Vor knapp 20 Jahren hat der Belgier diesen Tanz über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens für elf Männer geschaffen. Es wurde eine weltweite Tanzsensation.
Nun hat der Star-Choreograf dieses erregende Stück wieder aufgenommen und bringt es am Sonntag, 12. November (20 Uhr), ins Velodrom. Das Vertraute und das Befremdliche des Maskulinen werden in einer organischen Symbiose aus Tanz, Theater und Film sichtbar gemacht.
Und das alles zur grandiosen Musik von David Byrne, dem Mastermind der einstigen Kultband „Talking Heads“. Nicht weniger spannend dürften die Tanzabende „Shakespeare Dreams“ von Yuki Mori und Alessio Burani (3. November, 19.30 Uhr) im Velodrom und der Auftritt des brasilianischen Ensembles „Balé Teatro Guaira“ am Freitag, 1. Dezember (20 Uhr) im Uni- Theater sein.
Drei Bewegungssprachen
Der dreiteilige Tanzabend, an dem die Tanztage als Koproduzent beteiligt sind, ist in Zusammenarbeit mit den Choreografen Katja Wachter, Christoph Winkler und Roberto Scafati entstanden. Drei Bewegungssprachen, drei Sujets, verbunden durch die tänzerische Brillanz eines erstklassigen Ensembles. Eine neue Produktion stellt das Sosani Tanztheater im Kunstforum Ostdeutsche Galerie vor. „Captured in Motion“ ist eine Choreografie von Thea Sosani, in der sie die Bewegungskunst des Tanzes mit der den Augenblick fixierenden Kunst der Fotografie verbindet (19. November). Ein dreitägiger Workshop, der Start einer Tanz-Akademie und die beliebte Worldbeat Festival-Party im Theater der Alten Mälzerei vervollständigen das Programm der Tanztage.
Zudem wird auch wieder ein neuer Tanzfilm gezeigt. „El Septimo Sentido – I Am A Dancer“ ist ein Film über Migration im Kunstsektor (27. und 28. November, Filmgalerie). Mittelbayerische Zeitung, 24.10.2017

 

 

Eine Messe mit dreckigem Bluesrock
Der faszinierende Reverend John Lee Hooker zelebrierte seine Frohbotschaft in der Alten Mälzerei in Regensburg.


Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg.Gebt mir ein Halleluja! Populäre Kirchenmusik hat in Deutschland immer ein bisschen den Anschluss an populäre Musik verloren. Zeit, dass da mal einer kommt aus dem Land, in dem die Worte Kirchenmusik und cool keine Gegensätze sein müssen. Am Mittwochabend kam er dann. Hebt die Hände für den ehrwürdigen Reverend John Lee Hooker Jr. und seine Bluesband! Bei seinem Konzert in der Alten Mälzerei brachte der mehrfach Grammy-nominierte Blues- und Gospelsänger und Sohn des legendären John Lee Hooker die frohe Botschaft in Form von gutem alten dreckigen Bluesrock, knalligem Funk und Soul.
Der Weg nach ganz, ganz unten und die Errettung durch frommen Glauben – diese frohe Botschaft ist für den 65-Jährigen aus der ehemals prächtigen und heute verfallenden US-Stadt Detroit nicht sehr weit hergeholt. Mit 15 Jahren fing er an, harte Drogen zu nehmen, verbrachte viele Jahre seines Lebens dafür im Gefängnis, wurde zweimal angeschossen, wandelte sich zum Alkoholiker, verlor Frau und Haus. Genug Stoff also für mehr Blues-Songs, als jemand je schreiben könnte. Wäre da nicht der dramatische Lebenswandel vom drogenabhängigen John Lee Hooker Jr. zum erzchristlichen und geweihten Prediger Reverend John Lee Hooker Jr.
Auf Tuchfühlung zum Publikum
Heute ist er seit knapp 20 Jahren trocken und verschiebt die Gospel-Messen von Kirchen wieder auf Bühnen weltweit. Die gewaltige Power und die Fähigkeit, das Publikum zum Mitsingen, zum Mitklatschen und zum „Halleluja“-Rufen zu bringen, besitzt er wie kaum ein anderer. Bei jedem Lied lief er von einer Ecke der (zugegeben sehr kleinen) Mälzerei-Bühne zur anderen lehnte sich bis auf Tuchfühlung in die Zuschauermassen hinein. Zusätzlich zu dieser mitreißenden Show machen er und seine Musiker nebenbei auch noch verdammt gute Musik. Schlagzeuger, Bassist und E-Organist kommen aus Berlin, nur den Gitarristen als zweifellos wichtigsten instrumentellen Teil der Bluesmusik hat er aus den USA mitgebracht: Jeffrey James Horan. Der junge Musiker ist auf der Bühne eine Wucht und so etwas wie die Reinkarnation von Stevie Ray Vaughn.
Eineinhalb Stunden dauerte die Mittwochsmesse des Reverend John Lee Hooker Jr. in der Alten Mälzerei insgesamt. Darin enthalten waren Songs aus seinem Grammy-nominierten Album „The Healer“, Cover von Bluessongs seines Vaters John Lee Hooker und der Inbegriff des Gospelsongs als emotionales Highlight: Amazing Grace. Ein Lied, geschrieben von einem Sklavenhändler, der in einem Sturm auf See nahe an der schmalen Grenze zum Jenseits stand und durch diese Nahtod-Erfahrung zu Gott fand. Ein Lied wie maßgeschneidert für den faszinierenden Prediger des Blues, John Lee Hooker Jr. Mittelbayerische Zeitung, 13.10.2017

 

Mälze tickt zu Schnipo Schranke aus
Das in Hamburg angesiedelte Mädchen-Duo bietet im „Underground“ der Alten Mälzerei in Regensburg musikalische Liebesakte.


Von Peter Geiger, MZ
Regensburg. Es gibt eine uralte Weisheit im Pop, die besagt: Hüte Dich vor Musikern und Bands mit lustigen Namen! Beispiele wie Gottlieb Wendehals oder Geier Sturzflug dürften schon genügen, um der Argumentationskette die nötige Feuerfestigkeit zu verleihen. Aber, wie immer im Leben: Es gibt auch Ausnahmen von der Regel. Und die heißt Schnipo Schranke.
Um die Sache mit dem Namen in gebotener Kürze abzuhandeln: Geprägt wurde diese kofferwortartige Abkürzung wohl an Imbissständen und bedeutet so viel wie Schnitzel mit Pommes, die ihrerseits mit Ketchup und Majo (früher mal Rotweiß – und dieser Signalfarben wegen eben Schranke) angerichtet sind. Eingespeist in den komischen Diskurs hat den Begriff Kurt Krömer (für die jüngeren Leser: war ganz am Anfang mal lustig und auch bei der ARD), und so gelangte er zu Fritzi Ernst und Daniela Reis. Die hatten gerade gemeinsam ihr Musikstudium in Frankfurt am Main – Flöte die eine, Cello die andere – geschmissen und sich entschieden, freiberuflich nach „irgendwas mit Fame“ zu trachten. Und gründeten deshalb 2014 ihr Duo. Wurden sodann vom Hamburger Alt-Punk Rocko Schamoni entdeckt. Der soll sie, so besagt‘s die Legende, via Facebook kontaktiert und in Hamburg erfolgreich ans Label „Buback“ weiterempfohlen haben.
Verschleppte Drum-Beats
In Regensburg ist der Underground, also der Keller der Alten Mälzerei, bis auf den allerletzten Stehplatz gefüllt, bei einem gefühlten Frauenanteil von rund Zweidritteln. Für Neulinge in Sachen Schnipo Schranke ist zunächst nicht ganz klar, weshalb die Hütte von Beginn an brennt und die Anwesenden so austicken. Denn musikalisch ist das Gebotene eher pointen- und abwechslungsarm. Zwei Keyboards, ein Schlagzeug, die Instrumente werden im fliegenden Wechsel bedient.
Richtig, wer jetzt im Kopf mitgerechnet hat, hat’s schon bemerkt: Mit Ente Schulz (kein Witz, der heißt wirklich so und ist im echten Leben mit Daniela Reis verheiratet) ist ein Gastmusiker an Bord. Am interessantesten sind noch die verschleppten Drum-Beats; ansonsten dominieren Klavier- und Synthesizerklänge – und die beiden kaum unterscheidbaren weiblichen Gesangsstimmen.
Aber diese Kritik läuft deshalb völlig ins Leere, weil Schnipo Schranke viel mehr gelingt als das, was mit herkömmlichen Muckertums-Maßstäben zu messen wäre: Die beiden ganz in Weiß gekleideten (dazu: jeweils schwarzer Lippenstift) repräsentieren auch als Live-Band eine Art von Lebensgefühl, das sofort zum Vorbild und zum Role-Model taugt. Ihre Texte zeichnen sich dabei durch so viel Offenheit, Witz und auch Originalität in den Reimen aus, dass einzelne Passagen das Zeug dazu haben, den idiomatischen Haushalt unserer Alltagssprache zu bereichern. Allein, was sie in ihrem programmatischen „Schnipo-Song“ zum Besten geben, zeugt von großer Virtuosität im Umgang mit Sprache: „Wir sind Schnipo Schranke / Lieblingsschulfach Tanke / Körbchengröße Schlafsackfutter / Gewicht zu zweit wie deine Mutter / Lebensmotto: Drauf geschissen / Lieblingssportart: Zungenküssen / Und sorgt es auch für Augendrehen / Berufswunsch: Irgendwas mit Fame.“
Jenseits der Gürtellinie
Dass die beiden gleichzeitig eine Affinität zum Fäkalen auszeichnet, kann man als problematisch empfinden. Muss man aber auch nicht, wenn man bedenkt, dass die beiden sich heutzutage in einer Pop-Welt bewegen, in der die Zone unter der Gürtellinie sich zum wahrscheinlich meist beackerten Feld entwickelt hat. Insofern stehen sie mit ihrem Hang zu selbstironischen Bekenntnissen eher in einer Tradition der Unbekümmertheit und der adoleszenten Frechheit, deren Ursprünge ins Kabarett der 1920er Jahre zurückreichen – und die auch im Pop Nachfolgerinnen gefunden hat. Namen wie Nina Hagen, Ideal, Die Braut haut ins Auge oder die Lassie-Singers bürgen diesbezüglich für eine ebenso weibliche wie alltagsnahe Songpoetik.
Schnipo Schranke nutzen die Kräfte, die Gefühle wie Melancholie oder Frust entfalten – und segeln so quer zu Wohlfühllyrics, wie sie kürzlich Jan Böhmermann mit „Menschen Leben Tanzen Welt“ demaskiert hat. Schnipo Schranke aber leisten mehr als das: Sie bieten gleichzeitig prima und großflächige Identifikationsmöglichkeiten. Mittelbayerische Zeitung, 9.10.2017

 

 

Düstere Songs voll Zerbrechlichkeit
Cherilyn MacNeil stellte in der Alten Mälze Songs aus ihrem neuen Album vor. Den Text der Zugabe vergaß sie.


Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Sorry“, kichert Cherilyn MacNeil auf der Bühne halb belustigt, halb selbst ungläubig, sie habe die erste Zeile des Songs vergessen. Die Musikerin, Sängerin und Komponistin von Dear Reader klampfte mehrmals die Akkordfolgen, mit denen das Lied von Joni Mitchell beginnt. Es ist die letzte von mehreren Zugaben, mit denen sich die Band bei ihrem Gig in der Alten Mälzerei in Regensburg von einem hellauf begeisterten Publikum verabschiedet. Beim dritten oder vierten Anlauf auf der akustischen Gitarre schließlich lachte MacNeil erleichtert auf: „I got it!“ – und sang mit ihrer markanten Stimme „Both Sides Now“ ihrer Lieblings-Singer-Songwriterin.
Die Verehrung für die große kanadische Musikerin bricht sich immer wieder – oft ein wenig versteckt – in Songs von MacNeil Bahn. Vor allem wenn sie selbst zur akustischen Gitarre greift, klingt das häufig an. Überwiegend allerdings stand sie während des Konzertes hinter dem Keyboard und nutzte zwei Mikrofone zum Singen. Eines für die Solostimme und das andere, mit einem dunkleren, weicheren Klangbild, wenn sie mit den Bandmitgliedern zusammen im Chor gesungen hat.
Songs sind von Texten dominiert
Das kam immer wieder vor, denn trotz ausgefeilter und manchmal artifiziell schräger Arrangements, sind die Songs dominiert von den Texten und dem Gesang. Bei ihrem ersten Auftritt vor drei Jahren hat die in Berlin lebende Frontfrau das Album „Rivonia“ vorgestellt. Aus diesem hatte sie diesmal den pathetischen Mini-Hit „Down Under, Mining“ und das sozialkritische „City of Gold“ in leicht variierten Fassungen mit im Programm.
Den Einstieg machte sie diesmal allerdings mit dem ersten Song des neuen Albums „Day Fever“ (Hysterie), das im Frühjahr erschienen ist. „Oh, The Sky“ beginnt mit einer mehrstimmigen, vokalen Einlage aus Leadstimme und vokalen Lauten. Da hinein platzte ein verstörend grelles „Ping“ vom Keyboard, das sich wie der Ton einer Überwachungsmaschine im Zimmer eines schwerkranken Patienten anhört. Mit einem starren, aber kräftigen Groove begann das Schlagzeug einen beunruhigenden Akzent zu setzen, der ebenso unerwartet wieder abbrach wie die Stimmen. Es ist eine etwas düstere, deprimierende Stimmung, die der Song vermittelt. Diese herrscht auch in anderen Songs, wie dem trauernden Rückblick „(‚Cos you know me) Then, Not Now“, vor, in welchem MacNeil mit kritischer Distanz eine verflossene Liebe besingt.
Schwebend und geheimnisvoll
Musikalisch sind diese zarten und zugleich kantigen Popperlen dagegen keineswegs schwer oder gar niederdrückend. Im Gegenteil wirken die kargen, reduzierten Arrangements oft leicht, schwebend und geheimnisvoll. So als spiele das, was in den poetisch-elegischen Texten ausgedrückt wird, wie in einem leichten Nebel – unwirklich bis zu einem gewissen Grad. Dann aber wieder erschreckend nah, wenn die Singer-Songwriterin mit ihrer einprägsamen und hohen Stimme vom Kind singt, das in ihr sitzt und sein Verlangen verzweifelt nach außen schreit – „Tie Me To The Ground“.
Die gläserne Zerbrechlichkeit des Songs gewinnt in ihrem Gesang eine Wucht, die fast den Atem stocken lässt. Das überwiegend junge und weibliche Publikum saugt diese ambivalenten Stimmungen begeistert auf. Darin kommt auch etwas vom (süd-)afrikanischen Erbe der gebürtigen Johannisburgerin zum Vorschein. In Popsongs im südlichen Afrika werden ernste Themen häufig mit einer rhythmisch beschwingten Leichtigkeit verknüpft, die wie ein Tanz daherkommt.
MacNeil nutzt dieses Erbe in den Tiefenschichten ihrer Songs, die vordergründig deutlich stärker im aktuellen Popgeschehen angesiedelt sind. Ihren manchmal verstörend schönen Melodien verpasst sie oft kantige Rhythmen, von der russischen Drummerin Olga Nosova mit Verve und klanglichen Finessen hervorragend umgesetzt. Melodische und klangliche Akzente setzten die New Yorkerin Evelyn Saylor am Keyboard und auf der Mandoline und der androgyne Bassist Stellan Veloce auf einem elektronischen Cello. Alle drei Bandmitglieder sangen zudem a capella und als Background die jeweiligen Refrains. Mittelbayerische Zeitung, 7.10.2017

 

Kunst mit Affinität zum Kitsch
Die extravagante Tanzperformance„Sculpture in Motion“ geriet zu einer Show abseits aller gängigen Standards.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.Es war ein wenig spektakulär und extravagant – die Tanzperformance „Sculpture in Motion“. Manchmal tauchte sie ab in eine somnambule Stimmung oder schrammte gnadenlos am Kitsch entlang, wenn Ana Hauck hocherhobenen Hauptes über den Steinfußboden des Kirchenraums schritt und einen Papagei wie eine Monstranz über ihrer feuerroten Perücke trug. Dann wusste man nicht, ob man lauthals loslachen oder sich doch lieber wieder aufs Gesamtbild konzentrieren sollte. Das enthielt immer auch etwas Erhabenes, Majestätisches, das die Albernheit des Plüschvogels weit in den Hintergrund rückte.
Mit ihrem neuen Projekt hat die Choreografin Thea Sosani eine aufregende Tanzerkundung geschaffen, die konzeptionell ein wenig an die getanzte Eröffnung der Elbphilharmonie von Sasha Waltz erinnerte. Bei den Sommertanztagen der Alten Mälzerei erlebte sie ihre Premiere im Historischen Museum. Mit den Tänzern des Sosani-Tanztheaters, Musikern, Schauspielerin Ana Hauck und Gasttänzerin Natia Bunturi aus Georgien erfuhren die Zuschauer eine Museumsführung der besonderen Art.
Ausgehend von der Eingangshalle, wo Ramona Reißaus und Julia Koderer den Treppenaufgang heruntertanzten, lockte Hauck das Publikum durch den Kreuzgang und Teile des ehemaligen Klosters bis in den Altarraum und schließlich den Hauptraum der unbestuhlten Minoritenkirche. Über die Steinfußböden, zwischen Säulen und steinernen Skulpturen bewegten sich die Tänzerinnen mit ihren steifen, raschelnden Röcken. Sie machen Halt, ein Metronom, Cello (Tina Molle) und eine Bratsche (Martina Spörl) brachten die zwischen Traum, geronnener Geschichte und Ermächtigungsvorstellungen oszillierende Szenerie klanglich in Schwingung.
Eine an einer Säule festgekettete Tänzerin (Bunturi) befreite sich mit Hilfe des Vogels, bevor der kraftvoll-geschmeidige Pasha Darouiche die wandernden Menschen in Empfang nahm. Zwischen den Bildern des Kulturpreisträgers Paul Schinner hindurch lockte er sie mit einem hinreißenden Solo über die Stufen hinunter in den weiträumigen Kirchenraum, wo sich nach und nach die anderen Tänzerinnen dazu gesellten.
Zu live gespielten Klängen von Heinz Grobmeier und Helmut C. Kaiser und Musik von Arvo Pärt entfalteten sie hier ein zeremonielles Szenario aus Bewegung, Tanz und Ritualen, die manchmal an Beschwörungen oder religiöse Riten erinnerten. In Solos, Duetten und Gruppentänzen entfaltete sich ein ermutigendes, mitreißendes energetisches Potenzial, das dem riesigen Raum eine ungewohnte Atmosphäre verlieh.
Der Vogel, erklärte Thea Sosani anschließend, stehe für sie „für Weiblichkeit und Selbstermächtigung“. Vielleicht hätte sie statt des plappernden Papageis aber besser einen Falken, der zur mittelalterlichen Adelswelt passt, oder einen Raben genommen. Mittelbayerische Zeitung, 1.8.2017

 

Fünf Mal zeitgenössischer Tanz im Sommer
Aufführung Die Sommertanztage starten in der Alten Mälzerei, im Velodrom und im Historischen Museum Regensburg


Regensburg. Der zeitgenössische Tanz hat in den zurückliegenden Jahren in Regensburg eine sehr positive Entwicklung genommen. Als spannende und aktuelle Kunstform ist der Tanz inzwischen fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. Insbesondere die Regensburger Tanztage setzen seit vielen Jahren im Herbst immer wieder Glanzlichter des Genres. Nach dem Erfolg der ersten "Sommertanztage" im letzten Jahr, wird nun auch in diesem Sommer an fünf Veranstaltungstagen eine kleine Auswahl an neuen Tanzproduktionen zu erleben sein.
Unter dem Titel "Tanz Hoch X" sind am 8. Juli (20 Uhr) im Theater der Alten Mälzerei mehrere Produktionen der Tanzszene Bayern zu sehen. Mit dabei sein werden an diesem Abend Tanzkompanie VierArt, Tanztheater Annette Vogel, Martina Feiertag und Dian Nova Saputra, Laura Meißauer, Andreas Schlögl und Sophia Ebenbichler.
Am 15 und 16. Juli (jeweils 19.30 Uhr im Velodrom) gibt die "Tanz.Fabrik!Fünf" den Tänzern am Theater Regensburg die Möglichkeit eigene Choreografien zu zeigen. Die Stücke von  Tsung-Hsien Chen, Simone Elliott, Tiana Lara Hogan, Louisa Poletti, eine Gemeinschaftsarbeit von Simone Elliott, Alessio Burani und Simonefrederick Scacchetti, sowie   die Arbeit der Gastchoreografin Natalia Rodina, beschäftigen sich u.a. mit dem Einfluss der sozialen Medien auf unser Bild von der Welt.
In einem spannenden neuen Projekt bringt das Historische Museum Regensburg Meisterwerke aus der Kunst des Mittelalters und der Renaissance mit zeitgemäßen Formaten, wie dem zeitgenössischen Tanz, zusammen. Am 28. Juli (20 Uhr) und 29. Juli (16 und 20 Uhr) spürt das Sosani Tanztheater in seiner Performance "Sculpture in Motion" (Choreografie Thea Sosani) der einzigartigen Energie und Atmosphäre der historischen Räume und Skulpturen in Minoritenkirche und angrenzendem Kreuzgang nach.
Die "Sommertanztage" sind Teil der "Tanzinitiative Regensburg", veranstaltet vom Kulturzentrum Alte Mälzerei mit Unterstützung der Stadt Regensburg/Kulturreferat. Tickets gibt es an den jeweiligen Spielorten und unter Telefon 0941-788810. Mittelbayerische Zeitung, 7.7.2017

 

Seelenqualen als Kammerspiel vertanzt
„Du in Mir“ von Alexandra Karabelas erzählt von tiefen Verletzungen und wirkt zeitweise bedrohlich wie ein Thriller.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Es macht ein wenig den Anschein einer Versuchsanordnung: Über die metallene Feuerleiter steigt man bis in die luftige Höhe des zweiten Stocks. Durch den Notausgang betreten die Besucher den ins Dunkel getauchten Theaterraum. Von unten aus dem Keller der Alten Mälzerei wummert die Bassdrum eines Schlagzeugs. Mit dichten Schlagfolgen wird es auch noch die bevorstehende Performance immer wieder unfreiwillig dumpf unterfüttern. Innen steht in der Mitte ein Mikrofon, etwas entfernt ein Stuhl, noch weiter weg eine Matratze mit aufgeschlagenem Bettzeug. Davor am Kopfende liegt ein aufgerissenes Päckchen mit hellem Sand. Drumherum an den Wänden lose verteilt ein paar wenige Stühle.
Eine offene Anordnung, die Zuschauer sollen sich frei bewegen während der gut halbstündigen Tanzperformance „Du in Mir“ von Alexandra Karabelas. Die Choreografin nennt es „ein getanztes Kammerspiel über den Missbrauch von Körper, Seele und Geist“. Der Passauer Tänzer Andreas Schlögl und die Performerin und Choreografin Katrin Hofreiter aus Regensburg sind die Akteure, die ohne klare Begrenzung den Theatersaal in eine Bühne verwandeln. Sie folgen einer Dramaturgie, die ihren Ausgang in einem literarischen Text hat, einem mehrseitigen Gedicht des Autors und Opernlibrettisten Christoph Klimke.
Das Gedicht endet in Hundegebell
Anfänglich zitiert Schlögl aus dem Gedicht, wobei im verwaschenen Gemurmel der Inhalt nur bruchstückhaft zu verstehen ist: „Leben … Träume … allein … das Fenster ist zu … Dschungel.“ Wütendes Hundegebell in einer Videosequenz beendet den rezitierenden Monolog. Klappe, Dunkel. Die nächste Sequenz spielt am Boden. Schlögl quält sich ab, sein Körper bäumt sich auf, wirft sich herum, kämpft, krümmt sich und rollt sich in Embryonalhaltung zusammen, während die Frau scheinbar völlig teilnahmslos herumsteht oder desinteressiert auf einem Stuhl hängt.
Ein Programm mit dem Text Klimkes gibt es nicht, so dass nicht nachvollzogen werden kann, inwieweit die Körperperformance einen direkten oder „übersetzten“ Bezug zu dessen Inhalten nimmt. Eine Antwort Karabelas’ im anschließenden Gespräch, dass sie vom ursprünglichen Gedicht immer mehr reduziert, „weggelassen und in den Körper des Tänzers verlagert“ habe, wirft letztlich mehr Fragen auf, als sie offenlegt.
„Du in Mir“ weist eine oberflächliche Parallele zu einem frühen Werk Klimkes auf – „Du mein Ich“. Die Verschmelzung zweier Menschen und die aus einer solchen Konstellation resultierenden Qualen, Verletzungen und inneren Blessuren zeigen sich in Karabelas’ Inszenierung in verschiedener Weise. Eine weitere Videosequenz zeigt kreischende Vögel, die unwillkürlich an die bedrohliche Stimmung in Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ denken lässt. Hofreiter, die fast nur passiv als an- oder abwesende Figur präsent ist, nimmt dennoch maximalen Raum ein, sie ist steter Bezugspunkt. In den wenigen Szenen, wo sie als Person im knallroten Bademantel die Bewegungen Schlögls imitiert oder die Säule im Raum – statt den Partner – umarmt, wirkt sie nachgerade affig.
Ein Gespinst mit losen Fäden
Starke Eindrücke hinterlassen Sequenzen, in denen sich Schlögl minutenlang völlig ungelenk und wackelig auf Knien fortbewegt. Schwankend und unsicher ist auch sein Stand auf dem Rand der Matratze, währenddessen er Sand durch seine Finger gleiten lässt. Das Leben zerrinnt, zurück bleibt Staub. Die Inszenierung von „Du in Mir“ wirkt fragmentarisch, wie ein Gespinst mit losen Fäden, bei dem unklar ist, wie sie zu verknüpfen sind. Eine echte Herausforderung – mit vollem Körpereinsatz und leidenschaftlicher Ausstrahlung zur Aufführung gebracht. Mittelbayerische Zeitung, 29.5.2017

 

 

Großstadtprosa vom bösen Märchenonkel
Max Goldt seziert deutsch-deutsche Befindlichkeiten und hinterfragt befremdliche Episoden in der arabischen Wüste.


Von Flortian Sendtner
Regensburg. Mit dem nach wie vor quicklebendigen Ressentiment der Wessis, speziell der Bayern, gegenüber den Ossis ist es so eine Sache. Der konservative Patriot müsste es sich ja von Rechts wegen verbieten, er müsste seine Landsleute in Sachsen und Thüringen von Herzen lieben, doch er schafft es ums Verrecken nicht. Ein Ergebnis dieses Dilemmas sind verdrucksten Wallungen wie die gerade mal wieder erhobene Forderung nach der Abschaffung des Solidaritätsbeitrages.
Was für ein göttliches Gelächter geht demgegenüber durch den Saal der Alten Mälzerei, wenn Max Goldt ebendieses Ressentiment eiskalt ausbuchstabiert, wenn auch im Modus des „Was wäre, wenn?“. Bei Goldt klingt das kurz und schmerzlos so: „Wenn zum Beispiel Kohl gesagt hätte: ‚Der Osten stinkt. Den Osten nehmen wir nicht. Den Osten kriegt General Jaruzelski.‘“
Schenkelklopfer vor Erkenntnislust
Wenn es Sache des Schriftstellers ist, die klandestin herumwabernden kollektiven Gedanken zu lesen und sie zur Belehrung und Belustigung des Lesers auszuformulieren und offen auszusprechen, dann ist Max Goldt – man kann es nicht anders sagen – Gold wert. Ganz gleich, ob es sich um die größte Banalität und den hinterletzten Schnickschnack handelt oder eben um des Vaterlandes höchstes Gut: Goldt kennt kein Erbarmen, Goldt insistiert, nimmt das Geschnatter und Geplapper beim Wort, dreht jeden Buchstaben um, schüttelt die Besinnungslosigkeit so lange durch, bis das Publikum wiehert vor Erkenntnislust.
In Regensburg schaut Max Goldt ziemlich regelmäßig vorbei, erst vor eineinhalb Jahren war er hier. Und das Erstaunliche ist: Max Goldt, der vielfach preisgekrönte Dichter, ist trotz allem ein Mensch und wird als solcher von Jahr zu Jahr älter. Allein sein Auditorium scheint immer gleich jung zu bleiben. Nur vereinzelt sieht man in der ausverkauften Mälzerei ältere Semester, die vermutlich schon in den 90er-Jahren „Onkel Max’ Kulturtagebuch“ in der Satirezeitschrift „Titanic“ gelesen haben.
Aber es ist ja auch kein Wunder. Denn niemand betreibt die Kunst der permanenten Grenzüberschreitung zwischen Plauderei und Tiefsinn, zwischen U- und E-Musik der Sprache so konsequent und so elegant wie Max Goldt. Im einlullenden Tonfall des Märchenonkels verliest er einen einzigen, nichtendenwollenden Erlebnis- bzw. gerne auch Besinnungsaufsatz, der in jedem Nebensatz blitzschnell das Thema wechselt, stets sprungbereit zur Attacke.
Der aufgeschlitzte Falke aus Katar
Es beginnt mit dem Abenteuer „Charlies Tante in der Wüste“, einem Trip ins arabische Emirat Katar, wo sich Max Goldt u.a. fassungslos zeigen lässt, wie mal eben ein Falke aufgeschlitzt wird – nur um sicherzugehen, dass das lebende Millionärsspielzeug auch wirklich kerngesund und seinen Preis wert ist, anschließend wird der Vogel wieder zugenäht. Die von Goldt ungerührt mitgeteilten Assoziationen bei dieser Prozedur würde jeder andere noch nicht mal seinem Psychoanalytiker erzählen, so peinlich wären sie ihm, doch Goldt kennt da gar nichts. Er spuckt buchstäblich alles aus, aber eben so charmant und gleichzeitig fulminant, dass er sich am Ende glänzend aus der Affäre zieht.
„Charlies Tante in der Wüste“ ist ein Beispiel für Goldts permanente Eigenbearbeitung. Die 2005 veröffentlichte Geschichte ist nun, hübsch aufgemöbelt, in das fünfhundertseitige „Lippen abwischen und lächeln“ (2016) aufgenommen worden, verfeinert durch den Hinweis, man müsse es dem Staat Katar zugutehalten, dass er den Besucher am Ende nicht an der Wiederausreise gehindert habe.
Stoff für eine mittlere Strafkolumne böte auch die Mälzerei. Da werden, noch während Max Goldt auf dem Podium sitzt und Bücher signiert, ohne Erbarmen bereits die Stühle gestapelt. Jeder Satz zwischen Leser und Autor muss dreimal brüllend wiederholt werden, Goldt verschreibt sich ob des ohrenbetäubenden Lärms beim Signieren und runzelt indigniert die Stirn. Man denkt an die Pianistin in Katar, die „mit hartem Anschlag und beschränktem Repertoire“ glänzt: „Alle fünfzehn Minuten wurde das Stück ‚Feelings‘ gespielt, und zwar mit der Zartheit eines Teppichklopfers.“ Mittelbayerische Zeitung, 13.5.2017

 

Kleine Hänger mit guter Laune überspielt
Die Sportfreunde Stiller wirken aber immer noch wie eine aufgeregte Schulband. In Regensburg jubeln ihnen die Fans zu.


Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Die Sportfreunde Stiller, Deutschlands liebste Poprock-Boyband, schaute am Freitag im Regensburger Antoniushaus vorbei. Mit einem lange im Voraus ausverkauften Haus voll treuer Fans im Rücken zogen die drei Oberbayern eine zweistündige Best-of-Show ihrer beliebtesten Hits ab. Ein bisschen „Applaus, Applaus“, ein bisschen „Zündet ein Leuchtsignal, in New York, Rio, Rosenheim“ und ganz zum Schluss noch Konfettiregen in den Farben des FC Bayern. Dazu ein bisschen aus ihrem neuen Album „Sturm & Stille“, das Ende 2016 herauskam. Das erreichte zwar kurzzeitig Platz eins der deutschen Albumcharts, kam aber bei Kritikern und vielen Fans nicht so gut an. Nur die Single „Das Geschenk“ schaffte es dann trotzdem noch in die eine oder andere Nachmittags-Radioshow.
Aber ein einziges verspottetes Album macht den „Sportis“ noch lange nichts aus. Die drei ewigen Lausbuben halten sich seit immerhin über 20 Jahren zäh auf der Bühne. Früher im kleinen Germering, heute europaweit. Viel verändert haben sie sich nicht. Dabei, und das schockiert jetzt vielleicht einige, sind die „Sportis“ alle schon gediegene Herren über 40. Dass sie auf der Bühne immer noch wirken wie eine aufgeregte Schulband, ist ihre Trumpfkarte.
Als die Band auf der Bühne im Antoniushaus steht, strahlt sie in einer Laune, als hätte sie sich schon das ganze Jahr nur auf das Konzert in Regensburg gefreut. Zwischen jedem Lied machen die Musiker Quatsch, reden über alte Zeiten oder schleimen, dass doch die Leute hier die aller-allerbesten überhaupt sind. Sie schaffen es, jedem Zuhörer das Gefühl zu geben, ein bisschen mit alten Kumpels abzuhängen. Damit überspielen sie clever, dass sie auch immer mal wieder den Text vergessen, der Sound aus den Lautsprechern manchmal ein bisschen breiig klingt und Leadsänger Peter Brugger halt auch kein Eric Clapton ist, der jedes Gitarren-Riff fehlerfrei und gefühlvoll hinbekommt. Stattdessen erzählt er leidenschaftlich die Geschichte, als er mit seinen Bandkollegen Florian Weber und Andi Erhard damals, 2001, das „heißeste Konzert unserer Karriere“ in der stickigen alten Mälzerei gespielt hatte.
Später macht die Band noch Werbung für das Geburtstagsfest des Kultclubs und promotet noch ein bisschen die Vorband „Kytes“: Eine blutjunge Indie-Band aus München, quasi die Mando Diao Oberbayerns.
Zusammengefasst: Obwohl es kaum eine Faschingsparty, Hochzeit oder Sportfeier im ganzen Land gibt, auf der eine Band oder der DJ nicht mindestens einmal „ein Kompliment“ oder einen anderen Gute-Laune-Hit der Münchner Jungs spielen, sind sie auf dem Boden und sympathisch geblieben. Wie sie sich selbst auf der Bühne des Antoniushaus nannten: „die bescheidenste Band der Welt“. Mittelbayerische Zeitung, 2.5.2017

 

Die Pfunde, das Alter, die Männer
Lizzy Aumeier teilt in ihrem Programm „Ja, ich will“ kräftig aus. Sie setzt sich dabei über alle Konventionen frech hinweg.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Wenn Lizzy Aumeier nach Regensburg kommt, dann füllen sich die Hallen. Allzu gerne hören die Menschen ihre Ansichten über das Leben, ihr Gewicht und die Männer. Wenn die Kabarettistin mit der Schönheit kokettiert, dann tut sie dies mit einer Penetranz, die bei feinfühligeren Zuschauern unweigerlich zum Fremdschämen führt. Lizzy Aumeiers fülliger Körper ist ihr Kapital, den sie einsetzt, um sich wieder und wieder coram publico selbst lächerlich zu machen. Sie macht auch im Antoniushaus den Männern im Publikum augenzwinkernd Avancen, die sowohl den 16-jährigen Marcel als auch den 38-jährigen David in Verlegenheit stürzen – sehr zum Vergnügen des Publikums. Mit lasziven Bewegungen zeigt sie sich provokant unangepasst an das geltende Schönheitsideal. Sie macht sich nicht nur über sich selbst lustig, sondern auch über das Diktat der Schönheit und des Ständig-erotisch-sein-müssens. Lizzy Aumeier gibt die aufdringliche, sexuell unbefriedigte Frau in den Wechseljahren, ständig auf der Suche nach männlichem Frischfleisch. So karikiert sie den Stereotyp des alternden Mannes, der sich mit jungen Mädchen schmückt.
Lizzy Aumeier setzt sich über alle Konventionen frech hinweg. Vordergründig macht sie sich über sich selbst lustig, doch tatsächlich hält sie die Fahne hoch für das Bewusstsein des „Normalen“ und „Menschlichen“ im Gegensatz zum Diktat eines „aufgetunten“ und selbstoptimierten Lebens.
Lizzy Aumeier steht in ihrem Programm „Ja, ich will“ mit der russischen Musikerin Svetlana Klimova auf der Bühne. Die Pianistin und Violinistin präsentierte dem Publikum faszinierende Musikeinlagen mit Klavier und Geige auf höchstem Niveau und absolut mitreißend. Die musikalischen Einlagen, die sie zusammen mit Aumeier am Kontrabass gab, zählten zu den Höhepunkten des Abends.
Lizzy Aumeier teilte auch Seitenhiebe auf die Politik aus. Den türkischen Präsidenten Erdogan setzt sie an erste Stelle ihrer Liste derjenigen, denen sie Ebola an den Hals wünscht. Alexander Dobrindt ist für sie der lebendige Beweis dafür, dass auf Gehirnversagen nicht unbedingt der Tod folge. Donald Trump werde zwar Zeit seines Lebens von der Intelligenz verfolgt, die ihn jedoch nie erreiche. Der AfD als Partei gesteht die Kabarettistin keinerlei Regierungskompetenz zu: „Die AfD kann das Land nicht regieren. Das wäre so, als würde das Ordnungsamt die Wohnung putzen!“
Die Kabarettistin grast das Feld der aktuellen Themen konsequent ab. Von grünen Smoothies, gesundheitsbewussten Joggern („Sterben mit Anlauf“), Veganern, Spargel („Öko-Dildo“) hin zu den Schweizern („deren Orgasmus endet mit ,Ricolaaa‘“) und Markus Söder, dem „fränkischen Chippendale“. Die wichtigste Erkenntnis des Abends ist: „Schokolade ist eine Art Gemüse, denn die Kakaobohnen wachsen schließlich an einem Strauch. Und was an einem Strauch hängt, ist Gemüse!“  Mittelbayerische Zeitung, 24.4.2017

 

Tampons heißen künftig „Wollberg(s)“
Beim Finale des T&T-Kleinkunstfestivals treffen unterschiedliche Kabarettistinnen aufeinander – mit unterschiedlichem Erfolg.


Von Michael Scheiner
Regensburg. Als „Gipfeltreffen der Powerfrauen“ ist im Vorfeld der Auftritt von Lisa Catena aus der Bern und Magda Leeb aus Wien beim Finale des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei angekündigt worden. Sieht man mal großzügig über die Schräglage nie vorhandener „Powermänner“ hinweg, waren die Gipfel der beiden Kabarettistinnen einigermaßen überschaubar. Also so Mittelgebirge, ältere Mittelgebirge, Harz oder Rothaargebirge vielleicht, aber keineswegs Alpen, wie man aus der Herkunft der beiden Frauen schließen könnte.
Auf unterschiedliche Weise thematisierten beide ihre geografisch-nationale Herkunft. Wobei die Schweizerin insgesamt ihr Programm deutlich stärker auf das Verhältnis zum Nachbarland Deutschland und seinen Bewohnern ausgerichtet hat, als die Österreicherin. Die spielte mehr mit dem Publikum, reagierte auf Zurufe, improvisierte selbstironisch und präsentierte sich als gewiefte Stand-Up-Comedian, die auch mit unerwarteten Situationen gewitzt umgehen kann. Als sie auf die Frage nach einem „Ungemach“, das jemanden in letzter Zeit widerfahren sei, aus dem Zuschauerraum ein „Wolbergs“ hingeworfen bekam und Lacher aufkamen, hakte sie nach. Das sei wohl „eine Insiderg`schicht“ rätselte sie und fragte nach wer das sei. Dem knappen „OB“ setzte sie sich, nach einem kurzen Moment der Verwirrung, auf die Spur zu einem Monatshygiene-Artikel für Frauen, dem Tampon gleichen Namens. Künftig würden die „neuen o.b.“, spöttelte sie spontan, „Wollberg(s) heißen“ und brachte gleich noch folgsame Schafe ins nicht abgekartete Spiel. Unter Beifall und Gelächter mahnte sie, dass man „als Frau nie vorsichtig genug sein“ könne. Vielleicht hat sie hinterher noch jemand vom Mälze-Team über die Hintergründe ihrer seltsam passenden Witzelei aufgeklärt.
Trendige Babyoptimierung
Pointiert lästerte sich „das Bastardl“, wie sich Leeb ihrer „polnisch-kommunistischen-anarchistisch-österreichischen Abkommenschaft“ nach selbst bezeichnete, von der Multi-Tasking-Fähigkeit der Frauen über ein strunzlangweiliges Frühstück mit einer depperten Freundin bis zur trendigen Babyoptimierung. Immer wieder aufgelockert durch improvisierte Songs, die sie mit elektronischen Loops und kurzen Gesangsphrasen zu knackigen Beats frisierte. Wortspiele über Verlegenheitsbegriffe und „unsagbares bei Familienfeiern“ waren nun nicht die großen Brüller. Dennoch bekam Leeb verdientermaßen anhaltenden Beifall für ihre Spontanität und Lust am Spaß.
Diesen sieht Catena weit und breit bei keinem Extremisten, denen sie sich verbal zugewandt hatte. „Stellen sie sich einen lustigen Taliban vor“, ermunterte sie ihr Publikum im der zu zwei Drittel besetzten Mälze, und konstatierte, dass Extremisten alles können – „nur nicht lachen“. In ihrem für den Doppelauftritt abgespeckten aktuellen Programm – ein wenig politisch, ein wenig gesellschaftskritisch, ein wenig männerkritisch – hüpfte sie von bayerischer Bier(un)seligkeit, Fußballleidenschaft, den statistischen Merkmalen der Durchschnittsdeutschen bis zum „Bürger mit Frustrationshintergrund“ mal hierhin, mal dorthin. Mit launiger Pointenkette und milder Kritik schlendert sie von einem Gedanken zum nächsten, vom halb garen Ulk zum beiläufigen Spaß.
Satire, die nicht wehtut
Beim Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz erkennt sie einen veritablen „culture clash“. Deshalb würden die Deutschen das Wesen der direkten Demokratie, wie es die Eidgenossen in einem perfektionierten System austarieren, immer falsch verstehen. Das alles ist nicht schlecht, wenn auch manchmal wenig zusammenhängend und ausgesprochen milde zugespitzt – Satire, die nicht wehtut. Die aber auch nur selten einmal zum Nach- oder Um-die-Ecke-denken anregt. Angesichts von Catenas Leitspruch ist das wenig verwunderlich: „Satire darf alles – nur darf sie nicht unlustig sein!“ Sie darf aber auch gern mehr sein, als ein mittelschichtskritisches Bonmot im Stil von „wann wurde Essen zum sozialen Schwanzvergleich?“ Für den nächsten Gipfel darf sich die Schweizerin ein höheres Ziel mit steilerem Anstieg aussuchen. Mittelbayerische Zeitung, 10.4.2017

 

Festival
Gstanzel über Landeier und Zuagroaste
Martin Frank und Sebastian Daller & Bänd begeistern beim Thurn und Taxis-Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei.


Von Peter Geiger, MZ
Regensburg. Wenn an einem Abend Namen wie „Eichenseer“ oder „Blabl“ fallen und obendrein vom „Frauenbund“ die Rede ist, dann ist man wohl in einem Wirtshaus gelandet, wo der Pfarrgemeinderat gerade zusammentritt und seinen Vorstand wählt oder Ehrennadeln überreicht. Am Samstagabend in der Alten Mälzerei freilich signalisierten die immer wieder aufbrandenden Lachstürme, dass der Zweck der Zusammenkunft wesentlich heiterer war. Denn mit Martin Frank und seinem Gstanzl-Kollegen Sebastian Daller enterten zwei Träger des "Thurn und Taxis kabarettpreies" die Bühne.  Und die leisten das, was sich einst die „Dorfgeschichte“ auf die (Druck-)Fahnen geschrieben hatte: Nämlich das Landleben einer Reflexion zu unterziehen. Dazu sind, auch im 21. Jahrhundert, Begriffe wie „Blabl“ oder „Frauenbund“ unverzichtbar.
Dreh- und Angelpunkt beim 24-jährigen Wahlmünchener Martin Frank ist die Oma. Die hat ihn, den Landwirtssohn, nämlich groß gezogen. Und hat ihm beigebracht, dass man überall, wo man hinkommt, „Grüß Gott“ sagen muss. Diese im Schatten des Hutthurmer Misthaufens ausgesprochene großmütterliche Ermahnung freilich offenbart im urbanen U-Bahn-Dschungel ihre praktischen Grenzen: Nicht nur, weil man auf grüßunwillige Zuagroaste trifft, sondern auch, weil mit dieser Art von Naivität selbst in einer „Weltstadt mit Herz“ kein Staat zu machen ist. Weshalb der Singlestatus von Martin, dem Landei, Longplayer-Ausmaße erreicht hat. Was wiederum die Eichenseer Hildegard, die Frauenbundvorsitzende, dazu motiviert hat, Gebetskerzen anzuzünden. Für den Martin. Sehr, sehr lustig.
Wenn Sebastian Daller mit seinen beiden „Bänd“-Musikern die Bühne betritt, dann freilich wird nicht nur der dialektale Akzent verschoben. Teugn gehört schon zu Niederbayern, die dort praktizierten gestürzten Diphthonge aber offenbaren, dass der Gstanzlsänger noch zur Sprachfamilie der Oberpfälzer gehört. Auch inhaltlich wechselt die Gangart: Daller stellt sich, im wahrsten Wortsinne, mit seiner Ziehharmonika in die Tradition bayerischer Spottsänger und intoniert mit kraftvoller Stimme Schnadahüpfeln genauso wie Balladen. In denen geht es um Garagenfeiern zum 60. Geburtstag vom Reitmeier Toni, bei der ein Rollbraten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Oder um den Beerdigungszug zu Ehren vom Blabl Fritz, an dem Schützenverein wie Frauenbund teilnehmen. Aber weil der Pfarrer über den Toten nichts Böses sagen darf, raspelt er stattdessen Süßholz und dichtet dem zeitlebens in der NPD Aktiven an, er sei ein „Liebhaber der Heimat“ gewesen. Resümee: Der romantisierende wie auch der kritische Blick auf das eigene Herkommen bergen ein großes Quantum an Potenzial. Und garantieren dem Publikum einen lachmuskelaktivierenden Abend, mit regional hochgezogenen Pointen. Mittelbayerische Zeitung, 27.3.2017

 

 

Festival
Mit Auster im Mund den Aufstand ausrufen
Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam eröffneten das Kleinkunstfestival der Alten Mälzerei – vollkommen ungeniert.


Von Daniel Pfeiffer, MZ
Regensburg. Die Kabarettisten Martin Puntigam und Matthias Egersdörfer eröffneten am Dienstagabend in der Alten Mälzerei das 22. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy. Mit trockenem, rassigem Humor, mit ungewöhnlichen Sketches und tausendundeiner grantigen Beschimpfung zerbröselten sie die Grenzen dessen, über was man sich in aller Öffentlichkeit zu lachen traut.
Dicke, Frauen, Katholiken? – Klar! Massenmord, Vergewaltigung, Kannibalismus? – Warum nicht! Schon bezeichnend, dass das einzige Raunen erst dann durch das Publikum ging, als es Matthias Egersdörfer wagte, Regensburger Bier zu beleidigen. Irgendwo hat der Spaß ja auch mal ein Loch.
Aber damit konnte man rechnen. Wenn der „Franken-Tatort“-Darsteller Egersdörfer und der Kabarettist Puntigam aus Graz loslegen, bleibt kein Stein auf dem anderen. „Ich hab sowas wie heut’ eigentlich gar nimmer nötig“, startete Egersdörfer nach hoheitsvollem Einzug zur 1980er-Jahre-Ballade „Power of Love“ frech, „in so einem voll verwanzten Jugendzentrum hier zu spielen.“ Auch das Publikum bekam sein Fett weg. Dabei stand das Programm auf einem schmalen Grat. Dass die Sticheleien harmlos und witzig blieben, lag auch daran, dass sich beide Künstler vor allem über sich selbst lustig machten.
Das Publikum vergaß, dass hier nur Rollen gespielt wurden
Im ersten Sketch ging es über die absurden Interaktionen zwischen einem aalglatt geschleckten Flirt-Trainer und einem leicht debilen Angler, der mit Hang zur Psychose und einer gesunden Skepsis gegenüber Genitalhygiene ausgestattet war. Auch eine Frau aus dem Publikum musste da als Opfer fragwürdiger Anbandl-Versuche herhalten. Die Dynamik zwischen dem bedächtigen Wiener und dem cholerischen, laut fränkelnden Nürnberger machte aus jedem sinnfreien Wortwechsel ein komödiantisches Kunststückchen. Beide agierten so überzeugend, dass man schnell vergaß, dass sie nur Rollen spielten.
Egersdörfer und Puntigam versuchten nicht krampfhaft, zu aktuellen oder politischen Themen Stellung zu nehmen. Ihr Programm kam zeitlos und so richtig politisch inkorrekt daher. Erst in der zweiten Hälfte kommentierten sie gesellschaftspolitische Zustände – zum Beispiel, als das Duo während eines netten Austern-Abendessens einen großflächigen Aufruf zur kommunistischen Volksrevolution proklamierte. Leider diskutierten Egersdörfer und Puntigam die Ideale des Kampfs „Proletariat gegen das Großkapital“ kaputt – aber eines muss man den beiden lassen: Halbe Sachen machen sie nicht. Denn das Austern-Essen war nicht nur so eine pantomimisch dargestellte Metapher für die Bourgeoisie. Eine halbe Stunde lang schaufelten die beiden Kabarettisten tatsächlich Austern, gebuttertes Weißbrot und Schaumwein auf der Bühne in sich hinein.
Die beste Antwort auf einen fiesen Witz: mitlachen
Die „Erlösung“, wie Puntigam/Egersdörfer ihr Programm genannt haben, konnte am Ende wohl weder der Franke, noch der Wiener bringen. Aber stattdessen vielleicht die Erkenntnis, dass Humor eben doch nicht vor den Grenzen des Anstands Halt machen muss. Und dass es die wohl beste Antwort auf einen fiesen Witz auf die eigenen Kosten ist, einfach über sich selbst mitzulachen.
Das Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy läuft noch bis 8. April in der Alten Mälzerei, Info: www.alte-maelzerei.de Mittelbayerische Zeitung, 9.3.2017

 

Es wird wieder lustig in Regensburg
Das 22. Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei setzt heuer auf Duos, Doppelabende und Gipfeltreffen.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Seit der ersten Ausgabe 1996 waren beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival mehr als 500 Künstlerinnen und Künstler aus 16 Ländern zu Gast. Dabei bringt das Festival nicht nur nationale und internationale Größen auf die Bühne. Es präsentiert auch immer wieder neue Veranstaltungsformen und junge Talente aus den Bereichen Kabarett, Comedy, Slapstick, Satire, Improvisationstheater und Musik. Im 22. Jahr seines Bestehens setzt das Festival nun einen Schwerpunkt auf Duos und Doppelabende.
Den Anfang machen am 7. März der Fürther Ober-Grantler Matthias Egersdörfer, der sich auch als Leiter der fränkischen „Tatort“-Spurensicherung einen Namen machte, und der österreichische Autor, Schauspieler und Kabarettist Martin Puntigam. Der gebürtige Grazer ist Mitbegründer von „Science Busters“, einer Veranstaltungsreihe in Wien, die Wissenschaft auf hohem humoristischen Niveau zu erklären versucht. Das gemeinsame Programm „Erlösung“, für das das Duo 2015 mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde, verspricht nichts weniger als „eine Wiedergutmachung für alle Kränkungen der Vergangenheit“. Die Wiener „Presse“ urteilte darüber: „herrlich hinterfotzig!“
Die Abgründe der Provinz
Nicht nur für diesen Auftritt, sondern immer zu zweit sind „Ohne Rolf“ aus der Schweiz. Statt zu sprechen, blättern die Luzerner Kabarettisten Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg in Plakaten, auf denen Wörter oder ganze Sätze stehen, mit denen sie in einen witzigen Dialog treten. Die passende kabarettistische Kommunikationsform in Zeiten von Kurznachrichtendiensten und Chatrooms. 2014 ging das Duo sogar mit einer chinesischen Fassung auf Gastspiel-Reise nach Fernost. Mit ihrem Programm „Schreibhals“ gastieren sie am 11. März in der Mälzerei.
Hagen Rether steht am 17. März ganz alleine auf der großen Bühne des Antoniushauses. Sein Soloprogramm „Liebe“, das er seit vielen Jahren immer wieder runderneuert, bietet scharfzüngiges, politisches Kabarett mit gesellschaftspolitischen Themen wie Religion, Massenmedien, Kapitalismus, Konsumgesellschaft und Globalisierung. Wichtiger Bestandteil seiner Auftritte sind seine musikalischen Ausflüge ans Piano. Rether ist regelmäßiger TV-Gast in „Neues aus der Anstalt“ und dem „Satire Gipfel“.
Nach Egersdörfer und Puntigam kommt es am 18. März zum erneuten Schlagabtausch zwischen Österreich und Deutschland. Die Improtheater-Helden aus Wien, Improvista Social Club, treffen auf Deutschlands erfolgreiches Impro-Team Fastfood-Theater. Beim Gipfeltreffen wird aber traditionell mehr mit- als gegeneinander gespielt. Die Teams fordern sich gegenseitig zu improvisierten Sketchen, Parodien und Schmonzetten heraus. Das Publikum bestimmt, wohin der Impro-Hase läuft. Überraschende Wendungen und Stehgreif-Gags sorgen für Spontan-Comedy auf hohem Niveau.
Der Musikkabarettist Sebastian Daller aus Teugn im Landkreis Kelheim kennt die Abgründe der niederbayerischen Provinz, er lebt dort schließlich auch. Daller ist Lehrer für Deutsch und Latein am Mainburger Gymnasium.
Ein weiterer Doppelabend steht am 25. März an. Die Träger des Thurn-und-Taxis-Kabarettpreises Martin Frank (2016) und Sebastian Daller (2014) eint ihre Herkunft aus Niederbayern. Aufgewachsen auf dem elterlichen Hof in der Nähe von Passau, debütierte Frank als 19-Jähriger mit seinem Soloprogramm „Ich pubertiere!“ Inzwischen studiert er Schauspiel in München, nimmt Gesangsunterricht und macht mit seinen Landbuben-Geschichten von sich Reden. Sebastian Daller kennt man aus Helmut Schleichs „SchleichFernsehen“. Seine Texte blicken in die Abgründe der niederbayerischen Provinz. Über die Tagespolitik macht er sich in spöttischen Gstanzln lustig. Begleitet wird er von Hanna Hampel an der Geige und Sebastian Meier an der Tuba.
Gipfeltreffen folgt Gipfeltreffen
Der Poetry Super Slam am 7. April gilt als Höhepunkt im süddeutschen Wortsport-Jahreskalender und vereint nationale wie internationale Champions aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Mit dabei sind dieses Mal Meister aus Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen, Österreich und Mecklenburg-Vorpommern.
Am 8. April biegt das diesjährige Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in die letzte Runde. Wieder heißt es Gipfeltreffen, dieses Mal Österreich versus Schweiz. Die Wienerin Magda Leeb ist nicht nur eine großartige Kabarettistin, sie wurde im vergangenen Jahr auch zur „Besten deutschsprachigen Impro-Spielerin“ gewählt. Bei ihrem letztjährigen Kurzauftritt beim Austria-Abend entfachte sie Begeisterungsstürme.
Ebenbürtig ist ihr die Schweizerin Lisa Catena, die in ihrem Heimatland sämtliche Preise abräumte. Von der Schweizer Warte aus kommentiert sie die politische Großwetterlage in Deutschland. Catena ist auch eine begnadete Musikerin. Ein lustvoller Biss in die Wade der Tagespolitik, ausgeführt von zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2017

 

Die ganz große Song-Slam-Vielfalt
Humor und Melancholie: Auf dem Siegerpodest in der Mälze trafen sich mit Otto Schellinger und KLIMT die Gegensätze.

Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Musik ist ja schon eine ziemliche Geschmackssache. Der eine steht auf Pop, der andere auf Jazz und der nächste ist nur zufrieden, wenn der Blues mitschwingt. Ernsthaft zu sagen, dass ein Musiker besser ist oder schlechter als ein anderer, ist meistens höchst umstritten. Während gerade die Entscheidungen bei Grammy-Verleihung und „Deutschland sucht den Superstar“ gewohnt von allen Seiten kritisiert werden, setzt Regensburg dagegen. Mit weniger Ernst und mehr purer Freude an der Musik.

Großer Besucherandrang
Der Songwriter-Wettbewerb „Mälze Song Slam“ ging am Donnerstagabend in die zweite Runde. Acht Musiker traten dort gegeneinander an, immer im Kampf eins gegen eins. Die Regeln sind die selben wie beim klassischen Poetry-Slam. Jeder hat streng begrenzte Zeit auf der Bühne: Acht Minuten. Die Lieder müssen selbst geschrieben sein, und am Ende entscheidet das Publikum per Applaus-Lautstärke. Von den vier Vorrundensiegern wählen die Zuschauer am Ende die zwei Sieger aus. Für die geht es dann im Dezember zum Jahresfinale. Zur zweiten Auflage des Song Slam war die Mälze mit 200 Zuhörern ziemlich voll. „Das erste Mal im Dezember letztes Jahr war schon super. Und jetzt war’s sogar noch besser“, freut sich Yannick Twelkmeyer, der den Slam ins Leben gerufen hat.
Auch dieses Mal war die Vielfalt der Musiker wieder groß. Das ging von Helga Brunninger aus Landshut, die luftig-lockeren Pop auf Bairisch sang, bis zu Om Hari Lasar, dem bayrischen Jimi Hendrix, der mit E-Gitarre, englischen Texten und viel Soul auf die Bühne ging.

Bunte Geschichten aus dem Leben
Die beiden Sieger lassen wir selbst erzählen: Otto Schellinger aus München, der an der Gitarre mit humorvollen und temperamentvollen Liedern die Zuhörer begeisterte, und KLIMT aus der Regensburger Region, als einzige mit Piano und mit den wohl gefühlvollsten Songs.
„Das finde ich das tolle an Song Slams: die Vielfalt“, erzählt KLIMT, „man trifft hier so coole Leute. Wir verstehen uns alle super. Eigentlich hassen wir alle dieses Konkurrenzding.“ Da stimmt ihr auch Otto Schellinger zu. Der Song Slam habe Spaß gemacht, aber das einzig schlimme sei, dass eben so viele gute Musiker rausfliegen, stellt er fest. Deshalb versuchte er sich auch nicht zu verstellen oder zu sehr auf Konkurrenzkampf einzustellen: „Aber ich habe mit schon Gedanken gemacht, welche Stücke ich auswähle. Stücke, die nicht zu ernst oder zu witzig sind. Aber ich schreibe ja meine Lieder nicht mit so einem Wettbewerb im Hinterkopf.“ Die Texte des Münchners sind sprachlich clever und erzählen bunte Geschichten aus dem ganz normalen Leben. „Man muss einfach im Alltag sensibel sein. Eigentlich sind Liedtexte überall. Beim Flaschensammler oder im Altersheim, wo Menschen vor sich hinvegetieren. Für soetwas habe ich meine Sinne geschärft“, erklärt er den Schreibprozess für seine Sieger-Songs.
Zu KLIMT kommen die Stücke ganz organisch beim Klimpern am Klavier, manchmal in der Küche, manchmal nachts im Bett: „Bei mir ist es immer ein Gefühl, das da passiert. Und das muss ich dann sofort einfangen.“ Auch die Entscheidung, auf Englisch zu singen, traf sie aus dem Herz heraus. „Ich hab’s auf Bairisch probiert, aber da klingt es immer so cheesy, über Gefühle zu singen“, lacht sie. Umso mehr freute sie sich, beim Publikum so gut angekommen zu sein. „Und in der Mälze spielt doch einfach jeder gerne. Ich freue mich voll!“
Der nächste Song Slam findet am 26. Mai statt. Voraussichtlich gibt es dann noch einen weiteren Wettbewerb im September, bevor im Dezember dann die Sieger der einzelnen Slams zum große Finale zusammenkommen. Mittelbayerische Zeitung, 19.2.2017

 

KONZERT DES JAHRES 2016

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2016 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2016 heißt: MOOP MAMA Gratulation nach München. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2016 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016)


Bejubelter Striptease am Schlagzeug
Die fränkische Band Gankino Circus begeistert in der Mälze mit einer speedigen Mischung aus Dialekt und Balkanbeats.


Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Im westmittelfränkischen Dietenhofen verläuft das Leben nach klaren Regeln und einfachen Werten. Einmal im Jahr ist „Sexy Kerwa“ und das Musikmachen wird von einer Generation zur nächsten vererbt. „In der 5. Generation“ schließlich, beteuerte Gitarrist und Vielschwafler Ralf Wieland mit treuem Augenaufschlag, sei Gankino Circus rausgekommen. Die wohl krudeste Mischung aus Folk, Klezmer, dreimal gedrechselten Erzählungen und fränkischer Mundart, gepaart mit nostalgischem Charme, die sich ein Nichtfranke vorstellen kann. In der Alten Mälze mischten die vier musizierenden und gelegentlich tobenden Mannsbilder ein zunächst freundlich-abwartendes, bunt gemischtes Publikum auf. Mit einem Striptease, einer zeremoniellen Inszenierung und musikalischem Mischmasch aus der halben Welt gelang ihnen das so gut, dass der Beifall am Ende kein Ende nehmen wollte.
Tratsch und ein rülpsender Werwolf
Das Kabarett im Musikkabarett, wie die erfrischende Band verkauft wird, erschöpfte sich weitgehend in den vergnüglichen, mehr abstrusen denn absurden Moderationen des Bühnenderwisch Wieland. In langen, mäandernden Erzählungen erging er sich in dorfgeschichtlichem Tratsch, zur Tante Irene aus Oberschlesien, einem Werwolf der die Bayernhymne rülpst und Rock’n’Roll-Stories vom Großvater. Mit dem Opa gelang dem hervorragenden, wandlungsfähigen Musiker – selbiges Lob trifft auf alle vier Instrumentalisten zu – die Kurve von der finno-bulgarisch-rumänisch-alpenländischen Folklore hin zur modernen Tanzmusik (Mehr unter www.gankinocircus.de). Unter dem Einfluss amerikanischer GIs aus Memphis habe der Opa nämlich in den 50er Jahren den „westmittelfränggischen Rock’n’Roll“ erfunden – was die Band unverzüglich unter Beweis stellte.
Unruhe kam im gut besetzten Saal auf, als eine Gruppe angeheiterter Jungspunde den tänzerischen Schwung der Musik aufnahmen und der Band die Show zu stehlen begannen. Letztlich setzten sich die Franken mit nachhaltiger Leidenschaft und verdoppelter Geschwindigkeit durch. Vor allem Schlagzeuger Johannes Sens tobte zeitweise auf seinem reduzierten Instrumentarium, dass man Angst haben konnte, die Besen mit denen er über die Snare und ein kleines Becken hinwegfegte fliegen einem demnächst um die Ohren. Es kam anders.
Dadaistisches Solo
Zunächst zelebrierte Akkordeonspieler Maximilian Eder ein dadaistisches Solo auf der in die Bühnenmitte gerückten Snare-Trommel. Das gipfelte darin, dass er mit seinem langen Kinnbart, den er mit den Fingern bündelte, das Fell der Trommel wie mit einem Besen rhythmisch bearbeitete. Zum Schießen komisch! Damit gebührt den Franken ohne Zweifel die bayerische Humorkrone.
Weil sein bartloser Bandkollege Sens da nicht mithalten konnte, drehte der die Geschwindigkeit seiner speedigen Schlagzeugstöcke immer höher. An die Schlagrate eines Martin Grubinger kam er allerdings trotz hysterisch stürmischer Soli auf der Cajòn, einer hölzernen Kiste, nicht ganz heran. Das glich der schweißglänzende Berserker mit einem Striptease hinter seinem Drumset aus. Währenddessen spielte er munter weiter. Nach vielen Verrenkungen um aus Hose und schweißnassem Hemd zu schlüpfen, wurde deutlich, dass hier keine spezifische Humorvariante der Chippendales praktiziert wurde. Sens kämpfte sich triumphierend in ein dunkelrotes Trikot des SV Dietenhofen 09 – und ließ sich vom begeisterten Publikum feiern.
Nostalgisch gewendet, sang Klarinettist Simon Schorndanner als Zugabe Freddie Quinns Hymne „Heimweh (brennend heißer Wüstensand)“ mit einer dialektgefärbten Leidenschaft, die an Freddie Mercury erinnerte, dem der „Sohn des Dietenhofener Arztes“ erheblich ähnelt. Mittelbayerische Zeitung, 16.1.2016

 

Möge der Bessere gewinnen
Die Mälze ruft eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben: Beim Song Slam treten ab 15. Dezember jeweils acht Solokünstler mit ihren Songs gegeneinander an.


Datum: 11. Dezember 2016
Text: Maria Stich 

Acht Songwriter, jeweils acht Minuten Zeit – mit den Song Slams bringt die Mälze im Dezember eine neue Veranstaltungsreihe nach Regensburg, die sich in Metropolen bereits fest etabliert hat. Hans Krottenthaler ist sich sicher, dass das in Regensburg ebenfalls gut funktionieren wird. „Auch Regensburg verfügt über eine breite Musikszene mit vielen großartigen Talenten, das hat nicht nur das Popkultur Festival bewiesen“, so der Geschäftsführer der Mälze.
Das Konzept ist einfach: Ähnlich wie bei den beliebten Poetry Slams messen sich bei den Song Slams Künstler untereinander und wetteifern um die Gunst des Publikums. Antreten dürfen nur einzelne Liedermacher oder Singer-Songwriter, die für die Darbietung selbstgeschriebener Lieder jeweils acht Minuten Zeit haben – begleitet auf Gitarre, Klavier, Kazoo oder anderen Instrumenten, für die man die Bühne nicht aufwändig umbauen muss. Das Publikum entscheidet durch seinen Applaus über die Gewinner – erst in schnell getakteten K.O.-Vorrunden und dann im großen Finale. In der ersten Runde des Regensburger Song Slams treten sowohl diverse überregionale Song-Slam-Gewinner als auch regionale Künstler auf. „Der Song Slam in der Mälze ist in erster Linie als Plattform für Nachwuchskünstler gedacht. Er soll talentierte Songschreiber motivieren und ihnen als Sprungbrett dienen“, erklärt Krottenthaler.
Auf die Frage, ob es denn eher ein Wettbewerb für Hobbykünstler oder für Professionelle ist, antwortet er aber, der Slam sei grundsätzlich für alle offen: „Egal ob jung oder alt, ob jemand gerade seinen ersten Song geschrieben hat oder sich gar nicht mehr daran erinnern kann. Möglich sind alle Arten von akustischer Musik, Songs in beliebiger Sprache, egal ob ernst oder eher lustig.“ Interessierte Teilnehmer können sich per Mail für den 15. Dezember anmelden, es sind noch Plätze frei. Moderiert wird das Ganze vom Regensburger Allround-Talent Johannes Molz, der selbst schon an vielen Song Slams teilgenommen hat. In Zukunft soll es alle zwei Monate Song Slams geben, aus denen jeweils zwei Gewinner hervorgehen, die sich alle Ende 2017 beim Battle um den Jahressieg wieder gegenüber treten werden. „Es wird eine sehr authentische, natürliche und emotionale Form der künstlerischen Darbietung. Das Publikum ist im Gegensatz zu normalen Konzerten unmittelbar beteiligt, weil es über den Gewinner des Abends entscheidet“, fasst Krottenthaler das Besondere der neuen Veranstaltungsreihe zusammen.
Los geht’s am 15. Dezember um 20 Uhr, Tickets gibt’s an der Abendkasse. Anmeldungen sind per E-Mail an songslamregensburg@gmail.com möglich. www.kult.de

 

Bairisch, düster und voller Energie
„Dreiviertelblut“ ernten vom Publikum in der Mälze Jubelstürme. Ihre Musik klingt wie ein Novembermorgen im Donaunebel.


Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg.Tief unter unserem Bayernland, weitab der idyllischen Fluren, und noch weiter ab unseres weiß-blauen Himmel, da lebt der Grottenolm. Ein melancholisches Tierchen, das sich nirgends wohler fühlt, als in der kühlen Dunkelheit tiefer Höhlen, in wohliger Finsternis. Ob der Grottenolm gerne Musik hört, kann die Wissenschaft bislang nicht abschließend klären. Aber eines ist sicher: Würde uns der Grottenolm eine Band empfehlen, dann wäre das mit großer Sicherheit die Band Dreiviertelblut.
Die außergewöhnliche Gruppe um „Bananafishbones“-Sänger Sebastian Horn und Filmkomponist Gerd Baumann hat vor zwei Monaten ihre neue Platte „Finsterlieder“ herausgebracht, und begeisterte am späten Mittwochabend die Zuhörer in der restlos ausverkauften alten Mälze in Regensburg.
Wie der Name ihres neuen Albums vermuten lässt, fühlt sich die Musik von Dreiviertelblut am wohlsten in der Dunkelheit, oder zumindest im düsteren Zwielicht. Eine wilde musikalische Mischung aus tieftraurigen Gedanken über Tod, Verlust und Reue, melancholischem, sanften Walzer und auf der anderen Seite bombastische Fanfaren, absurd-komische Texte und pressender Blasmusik zwischen Stubenmusik, Mariachi und Ska.
Die Geheimwaffe von Dreiviertelblut sind dabei nicht nur die tiefgründigen Texte von Sebastian Horn, allesamt geschrieben auf Bairisch. Sondern vor allem die Virtuosität der restlichen Musiker und die einzigartigen Klang-Atmosphären, die sie dort auf der Bühne erschaffen. Das musikalische Äquivalent zu einem Novembermorgen im Donaunebel: Ein warmer, heimatlicher Sound aus dumpfen Kontrabass, dem sanften Flügelhorn von Dominic Glöbl, der virtuosen Klarinette von Florian Riedl, zart gezupfter Nylongitarre und dem weinenden Wehklagen der Slide-Gitarre. Dazwischen immer wieder fetziger Folk-Pop, rassige Zigeunermusik mit elektrischer Gitarre, treibendem Schlagzeug und Jazztrompete, bei dem man am liebsten mittanzen möchte.
All das hört sich nicht nach einem sehr angenehmen Mittwoch Abend an. Eher so, als müsste man sich Gedanken über das Innenleben der sieben Musiker von Dreiviertelblut machen. Wer sich auf Dreiviertelblut einlässt, versinkt aber nicht in Depression, sondern lernt vielleicht am ehesten, das Leben wieder zu schätzen. Man macht es einfach wie der Grottenolm und verbündet sich mit der Dunkelheit. Mittelbayerische Zeitung, 16.12.2016

 

 

Moop Mama machen zünftige Blasmusik sexy
Die Münchner „Urban Brass“-Band spielte im lange ausverkauften Antoniushaus in Regensburg: Das Fazit lautet: Es war cool!

Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Das Programm der urigen Gaststätte Antoniushaus in Regensburg letzte Woche: Schafkopf-Treff, Politik-Stammtisch, Weihnachtsfeier des Seniorenkreises – und am Donnerstag Abend zünftige Blasmusik. Auf der Bühne steht der nette Münchner Bub Keno Langbein. Er springt in die Luft, ihm fliegen die Schweißperlen von der Backe. Daneben pfeffert Markus Kesselbauer in sein Saxophon, bis die Adern auf der Stirn hervorploppen. Höchstens eine Armlänge entfernt reißen hunderte schwitzige aneinandergepresste Körper ihre Hände in die Luft. Unter einem Heiligenschein von Stroboskop-Scheinwerfern, umhüllt von klebrigem Dampf und eingerahmt von Verstärkertürmen stehen sie: Moop Mama – die zarteste Versuchung, seit sich Hip-Hop und Bläsermusik in Liebe gepaart haben.
„Urban Brass“ nennen sie die Mischung aus Rap auf einem akustisch eingespielten Beat von Trompete, Posaune, Marschtrommel, Sousaphon und Saxophon. Im Mai veröffentlichten sie ihr drittes Album: „M.O.O.P.Topia“. Bei ihrer Tournee durch Deutschland und Österreich kamen sie nach langer Zeit auch wieder in Regensburg vorbei, diesmal mit Support-Rapper Roger Rekless. Beim letzten Auftritt noch in der der Alten Mälze, füllten sie nun die größere Halle des Antoniushaus im Kasernenviertel. Ausverkauft.
„Es war cool! Man hat den Leuten angesehen, dass sie echt Bock hatten. Aber es ist schon eine recht eigene Location“, meint Rapper MC Keno später. „Es war heute echt ein bisschen absurd: Da waren drei Weihnachtsfeiern parallel zu unserem Konzert. Denen sind wahrscheinlich die Lebkuchen vom Teller gerutscht“, lacht er.
Eine ungewohnte Location
Ein katholisches Pfarrzentrum zwischen einer katholischen Kirche und einem katholischen Friedhof: tatsächlich eine ungewöhnliche Bühne für eine der wohl heißesten Livebands Bayerns, die sonst mehr auf Festivals und in Clubs unterwegs ist. Und deren Texte nicht zimperlich mit der Kirche umgehen. „Alle Kinder lieben einfach, wen sie woll’n. Bis auf Piet. Der is‘ Katholik“, startet die zweite Strophe der neuen Ohrwurm-Single „Alle Kinder“, die sie mit Alt-Hiphopper Jan Delay aufgenommen haben.
Denn auf der einen Seite haben Moop Mama die Mission, Bläsermusik wieder sexy zu machen. So nennt es zumindest Mama-Gründer Marcus Kesselbauer vor kurzem im MDR-Interview. (Den Satz „Make Blasmusik great again“ hat uns Sänger MC Keno persönlich verboten). Auf der anderen Seite finden sich in fast allen Songs auch politische Statements. Den Vorwurf einiger Kritiker, es damit manchmal zu übertreiben, kommentiert Keno gelassen: „Wir haben mit den Texten auf jeden Fall den Anspruch, ein bisschen die Gesellschaft mit zu kommentieren. Ob das jetzt weltverbesserisch ist, nur weil andere das nicht tun... Mei: Wenn wir etwas verbessern können, find ich’s auch gut.“ Ein kraftvolles Statement war da auch, dass die Band, deren Konzerte von heißer, aufgeladener Stimmung und pressendem Bass leben, ihren Auftritt sehr still begannen. Mit „Meermenschen“, einer gefühlvollen und genial scharfzüngigen Ballade zur Tragödie und politischer Schlammschlacht rund um Kriegsflüchtlinge.
Darauf folgten über zwei Stunden Frontal-Brassmusik. Die zehnköpfige Truppe, meist studierte Profimusiker, hielt ein Tempo und musikalisches Niveau, bei dem jedem normalen Menschen die Lunge schlapp gemacht hätte. Sie schafften es so locker, dass sie auch einfach mal für einen Song durch das Publikumsmeer marschierten. Selbst Peter Laib, heimlicher Star von Moop Mama mit seinem gewaltigen Sousaphon, eine Variation der Tuba und mindestens 100 Prozent cooler als jeder E-Bass aus dem DJ-Pult.
Auf der Bühne „einfach geil“
Die Power-Auftritte von Moop Mama sind härtere Arbeit, als man meint, gibt MC Keno später zu, der auf der Bühne trotz fieser Erkältung alles gegeben hat: „Touren ist sehr anstrengend, aber der Spaßfaktor ist halt sehr hoch. Man hält das alles gern aus, weil’s einfach richtig geil ist. Wenn man krank ist, macht Touren sofort überhaupt keinen Spaß mehr. Alles wird anstrengender. Man merkt plötzlich, dass man in einem wackelnden Bett schläft, dass man jeden Tag eine andere Dusche benutzen muss und nie in einem richtigen Bett schlafen kann und nie seine Ruhe hat. Aber man steht’s durch und steht wieder auf der Bühne und es ist einfach geil.“ Mittelbayerische Zeitung, 11.12.2016

 

 

Schwere Kost bei packender Solotanznacht
Fünf Preisträger vom Stuttgarter Festival stellten ihre preisgekrönten Choreografien im Regensburger Uni-Theater vor.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Das ist immer das Beste,“ strahlt ein älterer Besucher im Foyer des Uni-Theaters und zieht anerkennend die Luft zwischen den Zähnen. „Bei der Solotanznacht siehst du, was international los ist“, erklärt er seine Wahl für die ausverkaufte Veranstaltung, „so verschiedene Tänzer – auch wenn ich nicht alles verstanden habe.“ Die Tänzerinnen und zwei Tänzer stellten bei den diesjährigen Regensburger Tanztagen ihre Choreografien aus fünf Ländern vor. Alle sind Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals in Stuttgart, das im März stattgefunden hat.
Es ist eine Herausforderung für – oft junge – Tänzer, sich allein auf die Bühne vor das neugierige, wissbegierige und oft auch kritische Publikum zu stellen – eine körperlich ungeheuer fordernde, aber auch mentale und psychische Anstrengung. Nimmt man den Applaus des vorwiegend jungen Publikums im Theatersaal als Gradmesser, überzeugten alle fünf Tanzenden, sie wurden lauthals gefeiert.
Zwischen Göttin und Teufelsbrut
Exzessiv und begeistert hat es bei der kanadischen Tänzerin Sarah Murphy geklungen. Mit leuchtendroten Lippen und hochgestecktem Haarschopf schlüpfte sie in der Choreografie „Enfant“ des Niederländers Joeri Dubbe in die Rolle eines Kindes, auf welches vielfältige äußere Einflüsse einstürmen. Zwischen indischer Göttin und kindlicher Teufelsbrut entfaltete sie in einer Art Strampelanzug eine Fülle an tapsigen, krabbelnden, stürmischen Bewegungen. Sie stand versunken und lauschte, während sich die Bewegung in die Mimik und wenige Gesten verlagerte, trotzte Bedrängungen, spielte mit Klängen oder verkrümmte sich ängstlich. Damit gewann Murphy mit ihrem hinreißenden Ausdruck den ersten Preis in den Kategorien Tanz und Choreografie, zusätzlich noch den speziellen Videodance Preis.
Kindliche Ausdrucksformen kamen auch in Hoor Malas selbst geschaffener Choreografie „Regression“ zum Vorschein. Die syrische Künstlerin geht - in halb zerrissener Kleidung – - der Frage nach, was der Krieg mit dem Menschen anstellt. Ein ätzend sägender Sound unterstreicht das bedrohliche Szenario, bei dem Malas im kalten Licht an der hinteren Betonwand des Theaters hochgeht – und vergeblich zu fliehen versucht. Unsicherheit, Angst und Schrecken sind in ihren abwehrenden und später aggressiv-tobenden Bewegungen eingeschrieben. Manchmal kann sie einem damit fast den Atem nehmen. Beim Wettbewerb gelang der Syrerin damit der Sprung ins Finale.
Etwas leichtere Kost bot der bunt gekleidete belgische Tänzer Louis Thuriot mit der Choreografie „Balance“, ebenfalls eine Eigenarbeit. In einer Hockehaltung nahm er mit weit schwingenden Armen mit wenigen Schritten die gesamte Bühne für sich ein. Schwungvoll ging es auch weiter, wenn der große schlanke Tänzer-Choreograf mit exzentrisch-ironischen Bewegungen und Ausdrucksformen um Selbstkontrolle rang. Gesellschaftlicher Erwartungsdruck war das Thema, dem er sich in seiner immer wieder ins clownesk-komödiantische kippenden Performance beschäftigte. Direkt erkennbar oder als narratives Element nachvollziehbar war das nicht unbedingt gleich, aber Thuriots tänzerisches Gespür und spielerische Groteske machten die abstrakte Materie wenigstens vergnüglich – auch in Verbindung mit wunderbarer Musik.
An die Schattenrisse expressionistischer Filme, wie Wegeners „Der Golem“, erinnerte gelegentlich Ravid Abarbanels bizarr-verknäuelter Tanz „Underneath“. Die hochgewachsene Israelin beschäftigte sich in ihrer Choreografie in ekstatisch-packender Weise mit den Abwehrmechanismen des menschlichen Körpers bei Angst und Stress. Berührend und stark, werden in ihren zwischen Zittern und Lachen pendelnden emotionalen Bewegungen und Formen Assoziationen zum Ausdruckstanz der 20er Jahre wach.
Derwischmönche in Trance
In eine ganze andere Richtungen gehen die Vorstellungen bei dem Ägypter Mounir Ali, der mit „What about Dante“ den dritten Preis im Bereich Tanz gewonnen hat. Aus einer Lichtgasse kommend, drehte er sich in einem wie Derwischmönche in spiritueller Trance. Begleitet von heftigen Atemgeräuschen sang der mit Pluderhose und Anzugweste gekleidete Tänzer ein arabisches Lied dazu. Erweitert zum gesamten Bühnenraum erlebt der 29-Jährige in dieser anrührend persönlichen Performance die Berührung von Himmel und Hölle - eine Art Fegefeuer also, durch das er muss, bis er den Schritt hinaus machen kann.
Inhaltlich kein einfacher oder einfach abzuhakender Abend, barg die Solotanznacht auch heuer wieder starke Überraschungen und bewegende Eindrücke. Was allerdings nicht zwingend notwendig erscheint, ist die Lautstärke im Theater. Die erreicht immer wieder einmal Dimensionen, die an die körperliche Schmerzgrenze reicht. Mittelbayerische Zeitung, 22.11.2016

 

 

 

Regensburger Tanztage  
Hubbard Street II auf Höhenflug bei den Tanztagen


Von Raimund Meisenberger
Ein ausverkauftes Haus im Regensburger Velodrom, ein Publikum mit Altersschnitt unter 50, sachkundig und schier grenzenlos begeisterungsfähig, wenn man ihm entsprechende Angebote macht. Das tun die Regensburger Tanztage seit 19 Jahren, indem sie die regionale Szene stärken und den Blick in die internationale Tanzwelt öffnen. Mit Engagements wie diesem: Je drei Tänzerinnen und drei Tänzer der Nachwuchsabteilung der Compagnie Hubbard Street aus Chicago stellten dem bayerischen Publikum am Sonntagabend fünf Stücke zeitgenössischer US-Choreografen vor − und wurden dafür am Ende in vielen Vorhängen euphorisch bejubelt.
Ganz anders als das Bayerische Staatsballett II im Vorjahr geht es Hubbard Street II nicht darum, ein Kaleidoskop der tänzerischen Stile und Möglichkeiten aufzufächern, die Compagnie aus Chicago fokussiert sich voll auf die Bewegungssprache des zeitgenössischen Tanzes. Sei es als poetisch fließendes Pas-de-deux in Alejandro Cerrudos "Never was" oder als gruppenchoreografische Versuchsanordnung in Bryan Arias "Changed Its Affection" zum Thema Individuum gegen Masse. Die Tanztage werden abgeschlossen am Samstag und Sonntag im Theater der Regensburger Universität mit der Solotanznacht von internationalen Preisträgern.
Mehr zum Thema lesen Sie am 15. November im Feuilleton der Passauer Neuen Presse.
Passauer Neue Presse, 15.11.2016

 

 

Im Hippieoutfit zum Voodoo-Dance
Das Juniorensemble der renommierten Company Hubbard Street Dance Chicago (HSDC) gibt sich im Regensburger Velodrom die Ehre.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Kurze Vorstellungsrunde in sieben Minuten. Im ausverkauften Velodrom sagen sechs junge Tänzer der amerikanischen Compagnie „Hubbard Street 2“ im fleischfarbenen Bühnendress „Hello“. Die Stimme, die Wilson, Andy, Natalie, Yue Ru, Nicole und Isaac vorstellt und erklärt, was derjenige gerade tänzerisch macht, kommt aus dem Off. Die Tänzer tun das zur gewitzten Choreografie ihres künstlerischen Leiters Terence Marling, was sie können – tanzen.
Das Juniorensemble ist die Nachwuchschmiede der renommierten Company Hubbard Street Dance Chicago (HSDC), in der die späteren HSDC-Tänzer weiter ausgebildet werden. Zwischen 17 und 25 Jahren alt, kommen die Talente bereits mit einer klassischen Ausbildung in die bedeutende Theaterstadt am Michigansee, wo sie im Bereich das modernen Tanz mit all seinen Facetten weitermachen – vom Hip-Hop über Street Dance bis hin zu Contemporary Dance.
Schwere Schläge, die wie rhythmischer Donner oder Kanonen ein bedrohliches Szenario abstecken, entwickeln im nachfolgenden Duett „Never was“ von Hauschoreograf Alejandor Cerruda eine düstere Stimmung. Wenig Licht, das die Tänzer zunächst nur in Konturen zeichnet, unterstreicht dieses Gefühl noch. Einer tanzt synchron dem anderen hinterher, bevor sie im lauten Fanfarenklang barocker Musik von Händel und Purcell als Paar zu einem Duett zusammenfinden.
Zelebrierte Magie
Langsam, wie mehrere der präsentierten Stücke, kriecht auch „Floating after times“ von Peter Chu über die nur von einer großartigen Lichtführung eingehegten Bühne. In einem fesselnden Reigen formiert sich die rot gewandete Gruppe in wechselnden Konstellationen – Duos, Trios, Solos bis zum Ensembletanz – zu immer neuen Bildern. Die Tänzer verbinden sich, übersteigen sich, lösen sich und schleifen sich gegen Widerstände über den Boden, bis ihnen am Schluss das Leben wie Sand durch die Finger rinnt. Ein erhabener, schneller Reigen, voller Pathos, der seine Weltpremiere in Regensburg erlebt – und entfernt an an Stravinskys Frühlingsopfer denken lässt.
Auch in die beiden längeren Choreografien nach der Pause, „Clan(device)“ von Alice Klock und „Changed in its Affection“ von Bryan Arias, bilden Langsamkeit bis zum temporären Stillstand und bedächtige Bewegungen häufig genutzte Mittel. In Klocks Stück, zu dem sie selbst auch Musik beigesteuert hat, ziehen heftige Luftgeräusche die Aufmerksamkeit auf den Menschen als solchen. Leidet jemand? Strengt sich jemand übermäßig an? Der Tanz des hippiesk bunt gekleideten Völkchens wird zum Voodoo-, zum Tempel-, zum spirituellen Tanz, Anleihen bei indischen und javanischen Einflüssen inklusive. Magie wird zelebriert, selbst der große Zauberer wird zum Leben erweckt. Auf die realen gesellschaftlichen Verhältnisse will man das gar nicht übertragen wissen.
Bob Dylans „The Times They Are a-Changin’“ liefert den Soundtrack für einen gewitzten Ausklang von Arias selbstkritischer Choreografie über die eigene Identität. Ironisch und süffisant spießt er die Beweihräucherung – und wahrscheinliche Selbstbeweihräucherung – vermeintlicher und echter Größen auf und lässt sie im Lachen der Zuschauer untergehen.
Ein faszinierendes Erlebnis
Die Idee von sich selbst, die man daraus ableitet, welchen Einfluss man selbst auf Menschen um sich herum hat, wirkt in der Produktion allerdings etwas zu sehr ausgewalzt. Die Leichtigkeit und unbedingte Beweglichkeit, mit der diese junge Truppe die verschiedenen choreografischen Handschriften integriert, ist ein faszinierendes Erlebnis. Das ebenfalls weit überwiegend junge Publikum, ein toller Erfolg für die Veranstalter von der Mälzerei, honoriert es mit heftigem Trampeln und stürmischen Beifall. Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2016

 

Bonbönchen und weibliche Blues Brothers
Die 14. Internationale Aids-Tanzgala im Velodrom ist spannend und kurzweilig, mit viel Witz, Erotik und sehr Persönlichem.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. „Das ist noch einmal ein Bonbönchen für die Damen“, kündigte Ivica Novakovic das letzte Ensemble der Aids-Tanzgala im komplett ausverkauften Velodrom an. Bei der niederländischen Gruppe „Introdans“ und ihrer Choreografie „Three“ gehe es um Präzision, Physis und Kraft – um alles eben, „was Männer so ausmacht“. Dem Überschwang des Moderators schlossen sich wenig später die Zuschauer mit Trampeln und Hochrufen an. Die für den niederländischen Tanzpreis „The Swan“ nominierte Choreografie des Amerikaners Robert Battle war eine der witzigsten und mitreißendsten Produktionen des an guten Tanzstücken reichen Abends. Die Tänzer Lucas Donner, Gijs Hanegraaf und Tiago Barreiros sind einfach zum Niederknien. Im knappen blauen Turndress plusterten sie sich wie spätpubertierende Jungs auf, überboten sich an kraftstrotzender Männlichkeit und zeigten sich verspielt zärtlich.
Hocherotisch, wenn auch konventionell beim Objekt gegenseitigen Begehrens, war auch das kurze Stück „Callas“ der chilenischen Choreografin Estefania Miranda. Zu einer Arie aus „La Traviata“ tanzten Olive Lopez und Winston Ricardo Arnon aus Surinam sehr geschmeidig die Begegnung der Diva mit dem reichen Reeder Aristoteles Onassis. Sie zelebrierten die Episode mit muskulöser Leichtigkeit – doch fehlte noch etwas knisternde Anziehungskraft, die zweifellos zwischen diesen Figuren geherrscht hat.
Ein latent gefährliches Spiel
Ein weiteres Männerstück zeigten Landerer & Company mit „Play“: Felix Landerers Choreografie pendelte zwischen männlich konnotierter Aggression und Groteske. Da wird sich aufgemandelt, in die Brust geworfen, der eine zurechtgerückt, der andere beiseite geschoben. Sie schmiegen sich aneinander, betteln um Zuwendung. Es ist ein teils weiches, teils latent gefährliches Spiel voller schöner Bewegungsabläufe und stolzer Haltungen, in Alltagskleidung zu spannend designtem Sound elegant und mit durchdringender Klarheit getanzt. Als Uraufführung stellte der in New York lebende Norweger Jon Ole Olstad sein stark autobiografisch gefärbtes Solo „Container Ship“ vor. Der große Künstler scheint über mehr Gelenke zu verfügen als jeder normale Mensch. Wie eine Raupe, die sich ver- und gleich wieder entpuppt, tanzte, schlängelte, wand er sich am Boden, schnellte hoch in die Luft und wirbelte um sich, dass einem schwindelig werden konnte. Es war eines der eigenwilligsten tänzerischen Statements des Abends, krass in seiner ungewohnten Ausdrucksweise, unter die Haut gehend.
Tanz und Sprache kombiniert
Demgegenüber bestach Jutta Leidholds Soloperformance „Me plus X“ in einem Kostüm, das von zwei Windmaschinen in flatternde Formen gebracht wurde, durch ihr poetisches Spiel. Durch Licht und Bewegung ist es in einem ständigen Fluss und erzeugt effektvoll-leuchtende Bilder.
Selbstreflexiv formulierten Brit Rodemund und Ami Shulman die Bewegungen und inneren Vorgänge in „7 Dialogues“ parallel zum Tanz in einer sprachlichen Beschreibung. Die Tänzerinnen der erst Anfang des Jahres neu gegründeten Berliner Compagnie „Dance On Ensemble“ zeigten einen Ausschnitt dieser Choreografie über eigene Haltungen und Erfahrungen.
Ebenfalls zwei Frauen, Veronica Bracaccini und Maria Focaraccio von der „Lablanca Movement Factory“, läuteten den großartigen und ziemlich kurzweiligen Abend mit einem knackigen Groove ein. Angeregt von Videospielen und modernen Medien stiefelten sie in einer Mischung aus weiblichen Blues Brothers und erotisch aufgeladener Discobraut durch die originelle Choreografie „Mensch“ des Spaniers Julio C. Quintanilla.
Aus Dunkelheit und Stille heraus beginnt Simone Elliotts Stück „Jarred“ („Durchgeschüttelt“), das sie für Ensemblekollegen vom Theater Regensburg choreografiert hat. Dabei geht es um das Verhältnis von Gruppe und Einzelnem. Wie ein vielgliedriges Wesen versucht die Gruppe alle, die ihren eigenen Weg gehen, wieder zurückzuholen, sich einzuverleiben. Das geschieht schmeichelnd, zerrend und ist – auch über einsam-klagende Flötenmusik – ein schmerzhaftes und melancholisches Unterfangen. Großartig getanzt, geht das Ensemble zurück in die Stille. Mittelbayerische Zeitung, 12. November 2016

 

Ein Happy End fürs Publikum
Beziehung ist nicht nur Schmusen, sondern macht richtig Arbeit: „Sweat Baby Sweat“ des Belgiers Jan Martens tanzt es vor.


Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Beziehung ist harte Arbeit. Niemals nur verliebte Tändelei, sondern auch hartnäckiges Ringen zwischen Dominanz und Nachgiebigkeit, ein immerwährendes Austarieren der partnerschaftlichen Balance, nie endendes Nachjustieren des eigenen und des gemeinsamen Schwerpunkts. Nachlesen kann man das in den Büchern von Paartherapeuten – sehen und hautnah miterleben konnte man es beim enthusiastisch beklatschten Auftakt der Regensburger Tanztage.
„Sweat Baby Sweat“ heißt voller Ironie die Choreografie des Belgiers Jan Martens, die seit Jahren bei Festivals und als Gastspiel auf internationalen Bühnen gezeigt wird. Die verschwitzte Erotik, die der Titel suggeriert, wird schon durch die unspektakuläre Unterwäsche der Tänzer konterkariert: Steven Michel in leicht verwaschenen Boxers, Kimmy Ligtvoegt in rosa Baumwollschlüpfer und Alletage-BH.
Natürlich geht es in diesem rund einstündigen Tanzstück auch um Sexualität. Doch die körperliche Nähe ist vor allem ein Kraft- und Balanceakt. Was die Leiber miteinander anstellen, erinnert mitunter an die Hochleistungsakrobatik chinesischer Staatscircusse, weit entfernt vom romantischen Verschmelzen in Weichzeichner, das uns der Liebeskitsch in Literatur und Film als einzig erstrebenswertes Glück suggeriert. Wie in Zeitlupe und hochkonzentriert arbeiten sich Mann und Frau aneinander und miteinander ab. Im Slo-Mo-Purzelbaum ist kaum noch erkennbar, welches Bein, welcher Arm zu wem gehört. Die Gliedmaßen greifen ineinander, bewegen sich wie ein lebender Mechanismus. Dazu passt die anschwellende Musik, ein lauter werdender, stampfender Rhythmus wie von gut geölten Kolben.
Die Evolution einer Beziehung nimmt Fahrt auf, die Frau mit den kupferroten Haaren und der bärtige Naturbursche zeigen Bewegungsserien mit kleinen Varianten, Anziehung und Abstoßung, Anspannung und Entspannung. Sie hängt an seinen Lippen, er kann den Blick nicht von ihr lassen. Er trägt sie auf Händen, sie klammert sich an ihn. Klischees werden zitiert und gleich wieder aufgelöst. Jetzt hängt der Mann sich der Frau an den Hals, sucht Schutz und Geborgenheit.

Die Regensburger Tanztage 2016

Die Regensburger Tanztage dauern noch bis zum 19. November und enden mit einer Solotanznacht internationaler Preisträger. Die Internationale Aids-Tanzgala findet am Samstag, 12. November, um 19.30 Uhr im Velodrom statt. Hubbard Street II tritt am Sonntag 13. November, um 19.30 Uhr im Velodrom auf. Die Solotanznacht findet am Freitag, 18. November, und Samstag, 19. November, jeweils um 20 Uhr im Theater der Universität statt.

Der Tanzfilm „Mr. Gaga“ ist am 15. und 16. November jeweils um 18.45 Uhr in der Filmgalerie zu sehen. Der Jalla Worldbeat Club macht am Fr., 18. November, um 21.30 Uhr in der Alten Mälzerei Party.


So geht es fort, zwischendurch ein minutenlanger Kuss. Nach 40 Minuten glänzt der Rücken des Tänzers doch schweißnass. Das hypnotisch monotone Finale leitet die 18-Minuten-Version von Cat Powers einschmeichelndem Nu-Folk-Song „Willie Deadwilder“ ein. Im Hintergrund erscheinen bekannte Liebes-Verse der Popmusik-Geschichte: „You Give Me Fever“, „You Make Me Feel Like A Natural Woman“, „You And Me Baby Ain’t Nothing But Mammals“: Die wiederholten Bewegungsabfolgen gehen über in ein stoßendes Pulsieren, wie im Porno, nur ohne Sex. Am Ende kriechen Mann und Frau wie Einzeller aus der Ursuppe zuckend ins Dunkel der Bühne – getrennt.
Die ganze Mühe umsonst? Oder beginnt der Kreislauf des (Liebes-)Lebens einfach von vorne? Ein ordentliches Happy End erlebt es an diesem Abend nur das tanzbegeisterte Publikum. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2016

 

 

Das Drama einer Liebe liegt in der Form
Tanztage: „My Everlasting“ – ein hervorragendes Tanz-Stück des Choreographen Stephen Shropshire


Von Gabriele Mayer, MZ Regensburg.
Jede Generation ist stolz auf manche Erfindungen, obwohl sie doch oft die Wiederholung von längst Dagewesenem sind, das dem Vergessen, der Abgetanheit, der Suche nach Abwechslung anheimgefallen ist – und den Neuerungen wird es irgendwann genauso gehen. Ballett war, nachdem er sich aus Adelstraditionen und dem Opernhaften befreit hat, Tanz pur auf großer Bühne.
Dann kam der vielfältige freie Tanz, als Abstreifen der Konvention der Formen, es kam das Tanz-Theater, wobei die Symbiose von Theater und Tanz bisweilen zur beidseitigen Verflachung führte. Und das andere, das technisch brillante, schwerelose Ballett europäischer Tradition zelebriert oft nur noch abgehobene Formen und wurde ersetzt durch betont Rhythmisches, Körperbetontes, Erdverhaftetes. Ein neuer Purismus hat sich daraus entwickelt, der sich auch schon erschöpft und oft nicht mehr recht auf Inhalte und Gefühle beziehen kann.
Das Interessante der exzellenten Choreographie „My Everlasting“ von Stephen Shropshire ist nun, dass er all diese Ausdrucksweisen und konträren Entwicklungen nicht als veraltet hinter sich lassen will, aber auch nicht verflacht oder als leere Hüllen anbietet. Sondern, dass sein Stück für eine Tänzerin und einen Tänzer den Verlust bedauert, und etwas wiederherstellen will, aber sich nur mit Trümmern konfrontiert sieht. So wie auch eine frühere Intaktheit der Beziehungen zwischen Mann und Frau sich heute nicht einfach wiederherstellen lassen will.
Diffizile Haltungen und Schritte
Neue Formen und Inhalte – und Form und Inhalt gehören zusammen – werden zwar reichlich ausprobiert, aber schwer gefunden, oder verlieren sich unerkannt. Und auch hergebrachte Formen werden von dem beispielhaften Paar auf der Bühne herbeizitiert und als untauglich verworfen und finden keinen Halt in einem als tragfähig akzeptierten Gefühl. In dem Stück drücken sie sich durch diffizile Bewegungen, Haltungen, Schritte und Gesten aus, die vielerlei Tanz- und Kultur-Traditionen aufgreifen. Die Tragödie, die dabei erzählt wird: Dass sich aus der Einstellung von Ablehnung und Konflikt kein konstruktiver, dauerhafter Sinn ergibt.
Vom Ende her betrachtet ist dieses Stück der zerrissenen Gesten und Haltungen eine Liebesgeschichte, die nicht glücken will, egal welche Formen, Regeln und Versatzstücke eingesetzt werden, weil die Frau sich die Führungsvorschläge des Mannes zwar immer wieder ein Stück weit gefallen lässt, um sich dann aber auf sich selbst zu besinnen und sich dagegen zu wehren, frei und eigen sein will, und ihn zurückstößt, aber beiden dann nichts weiter einfällt.
Später tauschen sie die Rollen und sie diktiert dem Mann die Haltungen, der sie nachahmt. Doch noch weniger an konstruktivem Austausch kommt zustande, höchstens Hampelmännisches, und er dreht ihr außerdem den Rücken zu. In ihrem Widerpart erschöpft sich die Frau, der Mann ist traurig, einsam und weint. Alles was an Bewegungs-Beziehungs-Formen versucht wird, ist ungemein reichhaltig und reflektiert, nützt dem Paar aber nichts, und das Erzählerische wird gesprengt. Auf brillante Weise bringt dies die Choreographie im Detail und in der Gesamtkonzeption zum Ausdruck.
Und am Beginn? Tritt die Frau solo auf. Es ist auch ein Ausprobieren und Verinnerlichen der Bewegungen, des Repertoires, die die Tradition und die Gegenwart ihr anbieten. Sie scheint zu fragen: Wie passen bestimmte Formen mit bestimmten Gefühlen, Empfindungen und Bedeutungen zusammen? Zu einem Ergebnis kommt sie nicht so recht, vielleicht weil sie allein ist, aber man den Anderen zur Ausbildung bestimmter Gefühle braucht.
Am Ende steht eine Art Einklang
Was wir auf der Bühne des Uni-Theaters sehen, ist auch möglich geworden durch die Präzision und Ausdruckskraft der Französin Aimee Lagrange und des Finnen Jussi Noussiainen. Es ist das Drama zwischen dem wackeligen Neuen und dem Hergebrachten, das nicht mehr tragfähig scheint, aber Verlust und zudem Preisgabe von Kontinuität bedeutet. Es ist das Drama zwischen Formen und Konventionen und den Bedeutungen, die sie automatisch aus sich heraus verfestigen und die sich gegen das Lebendige verselbständigen. Aber ohne Formen geht es auch nicht.
Am Ende des Stücks gelingt eine Art moderater Einklang zwischen Mann und Frau: aus Erschöpfung, und nur aus einer gewissen Entfernung zueinander. Erst hier setzt tastend und erlösend auf der von Anfang bis Ende kulissenlosen Bühne eine sehr leise Begleit-Melodie ein. Mittelbayerische Zeitung, 8.11.2016

 

 

 

Die Kunst wurde am Wochenende gepusht
Beim Popkultur-Festival präsentierte sich die Kreativszene vielseitig. Die 60 Veranstaltungen stießen auf großes Interesse.

Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Das Popkultur-Festival am Wochenende in Regensburg zog unter dem Titel „Push2016“ viele Menschen an 20 verschiedene Veranstaltungsorte. Mehr als 60 Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Kleinkunst, Theater, Literatur, Tanz, Film und bildende Kunst gaben einen hervorragenden Überblick über das Schaffen der jungen Künstler und Kreativen. Das Festival bildete ein über die ganze Stadt verankertes Forum der „jungen Kunstszene“ Regensburg, auf dem sich die Kunstschaffenden ebenso wie die Kunstinteressierten und auch die Zufallsrezipienten tummelten.

Kunstwerk zerstört
Die „junge“ Kreativszene? „Die älteren künstlerisch Tätigen betrifft das doch genauso. Kunst ist unabhängig vom Alter. Kunst kann jeder machen“, sagt Künstler Sigurd Roscher, der zusammen mit Vincent Pollak am Viereimer Platz eine „Kleinstadt“ aus alten Pappkartons baute. Diese Installation fiel den Passanten ins Auge, regte zu Diskussionen und zu Fragen an. „Wir haben viel positive Resonanz, aber ich bin mir nicht sicher, ob alle Passanten verstehen, dass das Kunst ist, was wir hier machen.

Künstler bauten am Viereimer Platz eine „Kleinstadt“ aus Pappkartons. Foto: altrofoto.de
Wenn man so etwas öfter machen würde, dann wären die Menschen auch sicher aufgeschlossener. Ich finde das ziemlich spannend“, sagt der Künstler Roscher. Tatsächlich scheint es auch einige Menschen zu geben, denen Roschers und Pollaks Installation gar nicht gefallen hat. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde sie zerstört.

Nicht so leicht kaputt zu machen war das Upcycle-Projekt mit alten Autoreifen, aus denen Möbel „gebaut“ wurden. Spontan machten die Passanten mit und freuten sich darüber, teilhaben zu können. Laura, eine der Akteurinnen dieses Kunstprojektes, bestätigte: „Viele Leute, die vorbeikommen, bleiben stehen und nehmen es an. Sie sind froh darüber, dass man aus alten Sachen wieder etwas Neues macht. Die Stimmung ist positiv. Ich persönlich würde es gut finden, wenn man so etwas wie das Popkulturfestival öfter in Regensburg machen würde, schließlich ist Regensburg doch sehr künstlerisch geprägt. Mit solchen Veranstaltungen kann man Menschen inspirieren!“

24 Stunden Instagram-Regensburg
Während des Festivals konnten die Besucher drei Tage lang von Veranstaltung zu Veranstaltung pilgern, ohne an ein Ende zu kommen, zum Beispiel zur Instagram-Ausstellung in das Künstlerhaus Andreasstadel. Eva Karl (Schauspielerin, Autorin, Bloggerin) hatte zusammen mit dem Fotografen Florian Hammerich eine Ausstellung aus über 1300 eingesandten Instagram-Fotos zum Thema #regensburg 0-24 Uhr zusammengestellt. 130 Fotos wurden im Künstlerhaus aufgehängt. Diejenigen, deren Instagram-Foto ausgewählt worden war, freuten sich: „Ich bin sehr glücklich, dass mein Foto dabei ist“, sagte Dani Rosenhammer.

Für Eva Karl ist das Popkulturfestival eine tolle Sache: „Ich finde es total spannend und komme aus dem Herumrennen von Veranstaltung zu Veranstaltung gar nicht raus. Es macht viel Spaß, weil man ganz niederschwellig mit vielen Leuten ins Gespräch kommt. Allerdings hätte ich mir mehr Studenten erwartet. Vielleicht muss man in Zukunft die Universität noch mehr mit einbeziehen.“

Auch Künstler Florian Toperngpong, der an der Organisation des Festivals beteiligt war, zeigte sich zufrieden. „Die Leute kommen, die Veranstaltungen werden besucht, die Resonanz ist groß, auch bei solchen Leuten, die durch Zufall irgendwo hängen bleiben, wie bei der Installation am Viereimer Platz.“ Schauspieler und Autor Lars Smekal war mit mehreren Veranstaltungen beim Popkulturfestival vertreten. „Die Leute haben sehr positiv auf die Veranstaltungen reagiert, denn es ist für jeden etwas dabei.“ Er bezeichnet das Festival als eine Art „Werkschau, was Regensburg im Kreativbereich zu bieten hat. Durch das Zusammentreffen kann und soll auch Neues entstehen. Mit dem Festival geht Regensburg einen guten Schritt in die richtige Richtung. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Wertschätzung, die man als Kunstschaffender beim Popkulturfestival bekommt, auch an den anderen Tagen im Jahr besteht.“

Im Andreasstadel ließen sich Fabelwesen und Freaks zeichnen.
Lars Smekal erzählte am Rande der „Lesung anonym“, die er im Café Couch durchgeführt hat und bei der anonyme Texte von Schauspielern vorgetragen werden, über eine andere Kunstaktion in Regensburg: „Wir haben Thesen über das Künstlerdasein in Regensburg formuliert. Doch anstatt sich auf den Diskurs einzulassen, den wir anregen wollten, wurde unsere Aktion von bestimmten Leuten, ohne überhaupt zu wissen, was die Inhalte unserer Aktion waren, als Quatsch ab getan. Ich glaube aber, dass dieser Dialog unglaublich wichtig wäre für eine Weiterentwicklung.“ Das Popkultur-Festival jedenfalls findet er „großartig. Man hat die Möglichkeit, als Besucher viel zu entdecken und kennen zu lernen. Von meiner Seite als Künstler aus ist das aber ähnlich. Man lernt neue Kollegen aus der Szene kennen, neue Besucher, denen ich vielleicht bisher noch kein Begriff war, werden auf meine Kunst aufmerksam.“

Diskussionen über die Förderung der Kunstszene
Ob die Stadt Regensburg noch mehr für die Förderung der Kunstszene tun könnte, darüber herrschten bei den jungen Kreativen in Regensburg während Festivals durchaus unterschiedliche Meinungen. Toperngpong sagt: „Beim Popkultur-Festival in Regensburg sind ziemlich alle kreativen Köpfe aus Regensburg mit dabei. Man kennt sich. In Regensburg hat sich auch viel Positives entwickelt, was die Kreativszene anbelangt. Das Deggingerhaus finde ich sehr positiv, auch das Popkultur-Festival. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Es nützt meiner Meinung auch nach auch nichts, künstlich da jetzt Geld rein zu pumpen und zu erwarten, dass dann exponenziell mehr gute Kultur und Kunst dabei rauskommt. Es muss einfach der entsprechende Nährboden da sein und hier müsste man ansetzen. Dazu bräuchte es, wenn man wirklich Regensburg zu einer kulturell und künstlerisch interessanteren Stadt machen will, eine Kunsthochschule oder eine Gestaltungshochschule.“

Künstlerkollege Sigurd Roscher sieht das Thema relativ entspannt: „Ich glaube nicht, dass die Regensburger Kunstszene noch mehr Förderung braucht. Ich bin eigentlich zufrieden. Man muss halt selber was machen! Netzwerken, fragen: Wo kann ich?, Wie läuft das? Und dann geht sich immer was aus! Eine gewisse Grundherausforderung muss sein, es darf auch nicht zu leicht sein! Sonst ist irgendwann alles voll mit Zeug!“

Auch im Transition-Laden hat Fränze Weber ihre eigene Meinung: „Ich finde es super, wenn so etwas wie das Popkultur-Festival in Regensburg passiert. Man sieht, was alles so möglich ist und was alles in der Stadt kreativ ist und wie sich das vernetzt. Ich würde es allerdings schon gut finden, wenn in Regensburg noch mehr für die kreative junge Szene gemacht würde, vor allem im Bereich der Ressourcenschonung. Da kann man noch ganz viel machen und ich würde mir wünschen, dass da die Stadt noch rühriger wird und die Leute mehr in Kontakt treten können. Das Popkultur-Festival hilft schon sehr viel, aber es könnten noch mehr solche Aktionen stattfinden. Für mich kann es da gar nicht genug geben.“
Mittelbayerische Zeitung, 30.10.2016

 

Selbstironische Köpfe auf der Bühne
Das Popkultur-Festival präsentiert ab Freitagabend junge Kultur in Regensburg. Es gibt mehr als 60 Veranstaltungen.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Wer etwas über die junge, kreative Szene in Regensburg erfahren will, sollte sich das Wochenende freihalten. Beim zweiten Popkultur-Festival Push2016 präsentieren sich junge Künstler und Kreative aus der Region in mehr als 60 Veranstaltungen. Das Festivalgeschehen verteilt sich über die ganze Stadt an 20 Spielorten.
In einer einzigartigen Verbindung aus Jugendkultur, Popkultur und Kreativwirtschaft wird am Wochenende in Regensburg ein bunter und auch avantgardistischer Kulturteppich gewebt, der ein Abbild der jungen Kreativszene in Regensburg werden soll. Nach dem Erfolg des ersten Popkultur-Festivals im Jahr 2014 hatte die Stadt im Mai 2015 beschlossen, in diesem Jahr eine Neuauflage in Kooperation mit dem Kulturzeltzentrum Alte Mälzerei (Leitung Hans Krottenthaler) zu starten.

Aktuelle Kunst der Stadt

Mit dem Festival sollen zeitgenössische künstlerische Positionen aus Regensburg vorgestellt werden. Neben Konzerten und Performances werden partizipative Projekte und auch einige völlig neu entwickelte Formate präsentiert. Push2016 lockt auch mit Veranstaltungen für spezielle Spielorte und mit Aktionen im öffentlichen Raum. Die Veranstalter versprechen „inhaltliche und ästhetische Vielfalt“.
Der Besucher des Popkultur-Festivals hat am Wochenende die Qual der Wahl. Es gibt allein 16 Musikveranstaltungen, die die verschiedensten Ausprägungen moderner Musik vorstellen. Von Trash-Metal über Dreampop und Psychedelic Pop bis hin zu Raddamadadda Funk, Melancholy Rave oder audiovisuellen Kunstwerken und vielem mehr ist bei Push 2016 alles geboten, was jung und neu ist und die Palette der modernen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten darstellt. ist bei Push 2016 alles geboten, was jung und neu ist und die Palette der modernen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten darstellt.
Eva Karl (Bloggerin, Schauspielerin und Autorin) ist eine der Kreativen des Festivals. Am Donnerstagabend hat sie die Instagram-Ausstellung „Regensburg 24“ im Künstlerhaus Andreasstadel (4. Stock) aufgehängt. „Ich bin wirklich gespannt, ob sich alles zu einer spannenden und gleichzeitig harmonische Sache fügen wird.“

Noch kurz’n Foto für Instagram

„Wir haben daran seit April gearbeitet und sind extrem zappelig, aber auch überwältigt vom Aufwand! Die Vernissage wird mit DJ Arok auf jeden Fall funky!“, sagt Eva Karl. Auch auf die Podiumsdiskussion „Warte, noch kurz’n Foto für Instagram“ mit Holger Schellkopf, Dani Rosenhammer, Gerd Hecht und Julia Sperber warten sie und ihr Kreativ-Kollege Florian Hammerich gespannt. „Wir holen nicht nur einen fachkundigen Mix an Gesprächspartnern, sondern auch schlagfertige, lustige, selbstironische Regensburger Köpfe auf die Bühne. Wir freuen uns schon besonders auf die Bilderanalyse am Schluss!“ Die junge Regensburger Kreative kann den Beginn des Festivals kaum erwarten: „Hans Krottenthaler hat da wirklich ein hervorragendes Programm hingelegt. Wenn ich nicht selber Teil des Programms wäre, würde ich komplett ausflippen und von einem Ort zum andern rennen, um alles mitzuerleben. Wir hatten im Social Media Bereich wirklich viel Response und super Zuspruch – auch was den Blog betrifft. Hoffentlich geht das bei der Live-Berichterstattung auf Snapchat, Facebook und Instagram so weiter! Ich bin total nervös, kann´s kaum erwarten und werde am Montag in ein tiefes Post-Popkultur-Loch fallen…".

Das Festival
Programm
Das Programm liegt im Deggingerhaus aus, kann aber auch unter www.regensburg-popkuturfestival.de und www.facebook.com/regensburgpopkulturfestival/ eingesehen werden.
Eintritt
Ein Eintrittsbändchen kostet fünf Euro und berechtigt zu allen nicht ausverkauften Veranstaltungen. Die Festival-Bändchen gibt es an allen Spielstätten beim Einlass. Workshops und Nachmittagsveranstaltungen sind frei.
Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2016

 

 

Die Tanztage und eine intime Beziehung
Regensburg bringt internationalen Tanz auf die Bühne. Von 4. bis 19. November zeigen die Regensburger Tanztage an vier Orten aktuelle Strömungen des zeitgenössischen Tanzes.

Leidenschaftliche Stücke zur Mann-Frau-Beziehung
Am Anfang dieser Tanztage stehen zwei grandiose Duette: Jan Martens aus Belgien und Stephen Shropshire aus den USA haben zwei so unterschiedliche wie leidenschaftliche Stücke zur Mann-Frau-Beziehung geschaffen, für die sie vom Publikum und den Medien gleichermaßen gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Jan Martens gilt als der Shooting-Star der belgischen Tanzszene. „Sweat Baby Sweat“ wurde auf den größten internationalen Tanzfestivals bejubelt (Freitag, 4. November, 20 Uhr, im Theater der Universität). Der amerikanische Choreograf Stephen Shropshire zählt zu den Vertretern einer puren und äußerst körperlichen Tanzkunst. „My Everlasting“ (Sonntag, 6. Novmeber, um 20 Uhr, im Theater der Univeristät) ist das zweite international gefeierte Duett dieses Festivals.

Preisträger aus Ägypten und Syrien zu Gast
Die Solotanznacht vereint an zwei Abenden internationale Preisträger aus mehreren Ländern (Freitag, 18. November, und Samstag, 19. November, jeweils 20 Uhr, im Theater der Universität). Diese zwei Veranstaltungen zeigen herausragende junge Tänzer und Tänzerinnen mit ihren prämierten Stücken und bieten einen Einblick in die neuesten Entwicklungen der internationalen Tanzszene. Zu erleben sind: Louis Thuriot (Belgien) mit seiner Choreographie „Balance, Sarah Murphy (Kanada) mit „Enfant“, Ravid Abarbanel (Israel) mit „Underneath“. Daneben sind in diesem Jahr auch zwei Preisträger aus Ägypten und Syrien mit ihren bewegenden Arbeiten zu erleben: Mounir Ali (Ägypten) mit „What about Dante“ und Hoor Malas (Syrien) mit „Regression“.

Regensburg trifft auf Italien: Schönheiten des Lebens
Das Theater Regensburg Tanz unter der Leitung von Yuki Mori – aktuell mit seiner Produktion „The House“ für den Theaterpreis Faust nominiert – hat den Gastchoreografen Giuseppe Spota aus Italien eingeladen, um mit ihm die Tanzspielzeit zu eröffnen (Motag, 7. November, 19.30 Uhr, im Velodrom). Wie „Loops“, der Titel des Abends, andeutet, nehmen sowohl Spota als auch Mori die Bilder des Kreisens und des Strömens als Ausgangspunkt ihrer Kreationen. Spota lässt sein Stück am Nullpunkt beginnen: Wenige Farben, minimale Bewegungen. Erst allmählich kommen Vielfalt und Dynamik ins Spiel, um in einem andauernden Strömen die Schönheiten des Lebens zu feiern.

Aids-Tanzgala mit renommierten Ensembles und Solotänzern
Die internationale Aids-Tanzgala findet in diesem Jahr bereits zum 14. Mal statt (Samstag, 12. November, 19.30 Uhr im Velodrom). Sie bietet wieder ein hochkarätiges Programm aus international renommierten Tanzensembles, Solotänzern und Tänzerinnen. Eingeladen sind unter anderem Landerer&Company aus Hannover, die Tanzcompagnie Konzert Theater Bern und das Dance on Ensemble aus Berlin. Natürlich wird auch das Theater Regensburg Tanz mit speziellen Beiträgen an diesem Abend dabei sein.

Kult-Company mit jungen Tänzern aus allen Teilen der USA
Weiterer Höhepunkt der Tanztage 2016: das Gastspiel der Hubbard Street II aus Chicago (Sonntag, 13. November, 19.30 Uhr, im Velodrom). Die jungen Tänzer der Kult-Company kommen aus allen Teilen Amerikas und begeistern mit ihrer Vielseitigkeit und Dynamik. Ihr Repertoire umfasst prämierte Arbeiten der vielversprechendsten Choreographen des Landes. Nach Regensburg kommen sie mit ihrem neuen Programm und einer Weltpremiere.

Party mit Arabic-Pop, Afrohouse und groovigem Latin
Fernab aller konventionellen Party-Konzepte bietet der Jalla Worldbeat Club die besondere Mischung aus Weltmusik und Clubkultur, wie sie aktuell in allen Großstädten Europas angesagt ist. Begeisterte Musikfans lassen sich mitreißen und tanzen zu Ethnoklängen mit Clubcharakter: treibende Balkan-Beats, griechische Pop-Perlen, ausgewählter Arabic-Pop, Afrohouse und grooviger Latin, gepaart mit zeitgenössischem Clubsound, HipHop und Dancehall. Die Musikauswahl der Jalla-DJs bringt die Tanzflächen zum Kochen (Freitag, 18. November, 21.30 Uhr, im Theater Regensburg).

Film und Workshop
Mr. Gaga
Am Dienstag, 11. November, und Mittwoch, 16. November, (jeweils 18.45 Uhr) läuft in der Filmgalerie der Tanzfilm Mr. Gaga. Der Film gewährt intime Einblicke in das Leben und Arbeiten des Ausnahme-Choreografen Ohad Naharin.
Tanztheater
Von Dienstag, 1. November, bis Samstag 5. November, findet in der Alte Mälzerei der Intensiv-Workshop Sosani Tanztheater statt. Der Kurs bietet Einblick in die Arbeitsweisen des zeitgenössischen Tanztheaters.
Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2016

 

Abschied in der Mälze
Acht Jahre lang haben Simeon Soul Charger aus Ohio ihr Publikum weltweit begeistert. Im November soll dann endgültig Schluss sein. Am Donnerstag gaben sie ihr letztes Konzert in Regensburg.

Datum: 14. Oktober 2016
Text: Ulrike Ammer
www.kult.de

Zu dritt rocken Simeon Soul Charger ein letztes Mal in der Alten Mälzerei.
Es hat alles wie im Märchen begonnen, aber jedes Märchen hat nun auch mal sein Ende. In diesem Fall ein lautes mit ordentlich Wumms. Über 600 Konzerte haben Simeon Soul Charger auf dem Buckel. Nach Deutschland kamen die vier Jungs eher zufällig und waren doch seit 2011 nicht mehr aus der Konzertlandschaft wegzudenken – nur selten schaffen es Bands ein so vielschichtiges Publikum zu begeistern und immer wieder neue Leute für sich zu begeistern.
Beim ihrem letzten Besuch in der Mälze im Januar hat man es Sänger Aaron schon ein bisschen angesehen, dass da was nicht stimmt… kurze Zeit darauf wurde bekannt, dass die laufende Tour ihre letzte sein wird und nur noch mit Gitarrist Rick Phillips, Bassist Spider Monkey und Drummer Joe Kidd abgerockt wird. Ein waghalsiges Vorhaben – hat doch ein Sänger und Frontmann meist die tragende Rolle. Doch das Trio konnte ihre Klasse beibehalten. Zwar wurde bei den ein oder anderen Songs etwas rumgetrickst und abgespeckt, doch wer hätte ahnen können, welche Stimmgewalten sich hinter den Instrumenten versteckt hatten? Und das kommt an. Die Alte Mälzerei war am Donnerstag gesteckt voll und das Publikum begeistert. Die Wehmut konnte man ihnen ansehen – nach zwei Stunden voller Leistung mit eigenen Liedern und Coversongs fiel die Zugabe dann doch etwas länger aus und jede Note der Gitarrensoli musste voll ausgekostet werden.
Nach den Konzerten in Bamberg, Triftern und Landshut, das vielleicht sogar live im Internet gestreamt werden kann, ist dann auch für die letzten drei Bandmitglieder Schluss mit dem Projekt „Simeon Soul Charger“. In Regensburg hätten sie am liebsten nie aufgehört zu spielen, aber mit einer letzten Verbeugung und einer Einladung an alle, zu ihrem aller-aller letzten Auftritt im November zu kommen, war es dann doch Zeit sich zu verabschieden. Die Brüder Rick und Spider wollen weiterhin die Musikszene in Europa unsicher machen. Ein Hauch von psychedelischem Rock wird uns also erhalten bleiben.

 

Das Tor zum Pop-Paradies war offen
Heißer Auftritt von „Element Of Crime“ – und die erfrischende Erkenntnis, dass es Spaß macht, wenn alles scheißegal ist.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Nein, nein! Hier geht es nicht um die Musik. Jedenfalls nicht in erster Linie. Hier geht es um die Inhalte. Um schön-traurige Lieder, um Gefühle. Nach drei Tagen Jazz aus allen Rohren dauert es einige Momente, bis man sich umgestellt hat. Da steht einer im Rampenlicht und fragt „Wo ist die Flasche, die wärmt? Ist der Mensch, der uns treibt?“ Sven Regener braucht keine Aufwärmphase, kein „Hoppla, jetzt komme ich“. Pünktlicher als jeder Maurer steht er mit den Jungs von „Element Of Crime“ auf der Bühne im Antoniushaus. Demokratisch schwitzend, wie alle in dem Saal mit dem Charme einer pubertätsverseuchten Sporthalle. Die heftigen Gewitter vor Beginn des Konzertes haben die Luft im Gebäude auf gepflegtes Saunaniveau gebracht. „Ja, großartig“, verschaffte sich hinterher eine Besucherin Luft, „aber sehr, sehr heiß!“
Selbst der gut gelaunte Regener, Gitarrist, Trompeter und genialer Texter der Band, meinte irgendwann befriedigt, dass „wir oft bei Veranstaltungen mit schlechtem Gewissen auf der geschützten und überdachten Bühne stehen“. Diesmal wären sie gleichermaßen alle in Schweiß gebadet. Das aber hielt weder die Band vom Spielen ab, noch das Publikum davon, fast jeden Song begeistert aufzunehmen. „Immer so weiter“, „Zu oft allein“, „Du hast die Wahl“ – kaum erklangen die ersten Akkorde, jubelten entzückte Anhänger, als stünden die „Fab Four“ da oben. Hier war offensichtlich eine völlig ausgehungerte, generationenübergreifende Element-Of-Crime-Gemeinde versammelt. Dieser hatte sich mit dem lange vorher ausverkauften Konzert – durchfeuchtete Schwüle hin oder her – ein Tor zum (Pop-)Paradies geöffnet.
In einer seiner knappen Moderationen sinnierte Sänger Regener bestätigend, dass es definitiv „vor 1994 gewesen sein muss“, dass die Band zuletzt – und zum einzigen Mal – in der Donaustadt zu Gast war. „Damals spielten wir“, soweit reichte die Erinnerung noch zurück, „in einer Diskothek!“ Möglicherweise hat der Doyen der Band damals noch englisch gesungen, denn erst nach einigen wenig erfolgreichen Alben begann die Band ab Anfang der 90er Jahre Songs auf deutsch aufzunehmen.
Songs in gemächlichem Tempo
Aus dieser frühen Phase sang Regener das tragische Liebeslied „Weißes Papier“, das gut und gern auch als Anti-Liebeslied durchgehen könnte. Zuhörer hängten sich einfach ein und sangen Textzeile für Textzeile der Ballade mit. Da es bei Regener selten einen richtigen Refrain gibt, kennen viele Anhänger ganze Lieder von Anfang bis Ende auswendig. Eifrig schmettern sie „Sag nicht, dass das gar nicht nötig wär / Denn schmerzhaft wird es erst hinterher / Wenn wieder hochkommt, was früher mal war / dann lieber so rein und so dumm sein wie weißes Papier“.
Ernüchternd lapidare Schilderungen aus dem alltäglichen Leben, den miesen, einfachen oder belanglosen Erfahrungen sind das Markenzeichen Regeners und der Band. Da passt es nur zu gut, dass sie auch ein Lied mit Bezug zu Rainer Werner Fassbinders Film „Liebe ist kälter als der Tod“ geschrieben und auf dem Album „Lieblingsfarben und Tiere“ veröffentlicht haben. Wie viele Songs der Band hat es einen Dreiviertel-Rhythmus und schiebt in eher gemächlichem Tempo eine melancholisch-deprimierte Stimmung vor sich her. „Wenn du sie siehst, grüss sie von mir. / Sag ihr, hier sei alles im Lot (…)“. Im Grunde weiß natürlich jeder, dass nichts, aber auch gar nichts im Lot ist, „(…) denn irgendwas ist immer, irgendwas ist immer und Liebe ist kälter als der Tod“.
Diese völlig unromantische, scheinbar leidenschaftslose Haltung, die auch den überwältigenden Erfolg vom Roman „Herr Lehman“ ausgemacht hat, hat Regener nur einmal öffentlich durchbrochen. Ein Interview mit Zündfunk-Autor Erich Renz vom Bayerischen Rundfunk über das Urheberrecht und die Auswirkungen kostenlosen Streamens gipfelte im Vorwurf, dass „man uns (den Künstlern, Anm. d. Red.) ins Gesicht pinkelt!“ Regener redete sich derart in Rage, dass sein „Wutausbruch“ damals eine bundesweite Diskussion über die Beteiligung von Künstlern an der Verwertung ihrer Kunst ausgelöst hatte.
„Delmenhorst“ durfte nicht fehlen
Von der Missachtung von „Werten, die von uns Künstlern geschaffen werden“, wie er damals schimpfte, war bei seinem Auftritt im Antoniushaus natürlich nichts zu spüren. Im Gegenteil, hier ließ ihn das dicht gedrängt stehende Publikum hochleben. Es feierte jedes Lied, selbst wenn manches an die Schlager der Flippers oder den auf europäisch gebürsteten Country eines Gunter Gabriel klang. Und Regener ließ sich von der Euphorie mittragen, warf mehrfach seine Arme euphorisch in die Luft. Musikalisch liegt die Stärke der Band weniger bei einer besonderen Originalität, wichtig ist eine gute Wiedererkennbarkeit.
Dafür kommt die Band seit jeher mit einem guten Dutzend Akkorden aus. Ein überaus beachtlicher Erfolg für eine mehr als drei Jahrzehnte währende Karriere. Dass da immer wieder Assoziationen zu diesem oder jenen Popsong auftauchen – geschenkt. Das abrupte Ende ihres lang erwarteten Gigs milderten „Element Of Crime“ mit drei Zugaben. Da durfte der einzige wirkliche Hit „Delmenhorst“ nicht fehlen. Die Zeile „Erst wenn alles scheißegal ist“, gestand eine Freundin während des Konzerts, habe sie einst elementar getröstet. Denn dann „…macht das Leben wieder Spaß.“ Yes! Mittelbayerische Zeitung, 13.7.2016

 

 

Festival
Knallbunte Körper im Stadtraum
Die Regensburger Tanztage gibt’s erstmals als Sommerspecial. Star der Reihe ist eine Truppe, die leibhaftige Bilder kreiert.


Von Marianne Sperb, MZ
Regensburg. Willi Dorner und seiner Truppe ist mit einer an sich simplen Idee ein Kunststück gelungen. Die Formation besetzt Stadträume mit choreografierten Bildern. Die Tänzer, Performer und Parkour-Läufer setzen sich in Fensternischen, belegen Treppen, gruppieren sich an Brunnen, türmen sich auf Sockeln. Die Körper in knallbunten Trikots erstarren jeweils für wenige Minuten zum tableau vivant, zum leibhaftigen Bild, das sich in die Köpfe der Betrachter brennt, bevor sich die Szene auflöst und die Truppe zur nächsten Station weiter zieht.
Willi Dorner hatte seinem Projekt „Bodies in Urban Spaces“ anfangs selbst keine großen Erfolgschancen gegeben. Heute ist er klüger: Das Kunstprojekt wird weltweit gefeiert, in rund 100 Metropolen, von Paris bis New York, war „Cie. Willi Dorner“ bereits zu Gast. Jetzt kommt die Truppe nach Regensburg. Der Auftritt, zu den Tanztagen der Alten Mälzerei Ende 2015 angekündigt, gab den Anstoß für mehr: Rund um das Gastspiel der Österreicher hat Alte-Mälzerei-Chef Hans Krottenthaler ein gar nicht so kleines Sommerfestival gestrickt.
Die Alte Mälzerei, längst ein Hotspot für zeitgenössischen Tanz, entwickelt sich zum Tanz-Zentrum. 2015 gab es eine Reihe von Gesprächen über die Förderung der Regensburger Szene, es ging etwa um Probenräume und Ausstattung. Daraus entstand die „Tanzinitiative Regensburg 2016“. Im Konzept, erarbeitet von Alter Mälzerei, freier Szene und Kulturamt, sind zum Beispiel feste Zeiten für Tanzensembles verankert. Künftig sollen pro Jahr zwei oder drei Zeitfenster von je fünf bis sechs Tagen in der Alten Mälzerei reserviert sein. Choreografen können dann en bloc neue Produktionen entwickeln und dabei auch auf Beratung und Equipment der Mälzerei zurückgreifen. Die Stadt unterstützt die Initiative finanziell.
Neues von angesagten Tänzern
Die Tanztage, heiß geliebtes Highlight im Kulturkalender, erobern den Sommer. In der siebenteiligen Reihe präsentieren junge Regensburger Choreografen aktuelle Produktionen. Angesagte Protagonisten der Szene und einige Tänzer des Theaters Regensburg zeigen Tanz am Puls der Zeit. Auftakt ist mit „Kammerspiele“. Vier Choreografinnen erforschen Möglichkeiten des Raums: Amalia Darie und Eva Eger („Hypostase“), Helma Ebkemeier („Glückstage“) und Berenika Kmiec mit ihrer Company Raum B („The Screaming Chair“). Sie hinterfragen den Menschen als vermeintlich dauernde Einheit, definieren den Körper als Ort von Glück und untersuchen, wie die Anwesenheit von Körper auf den Raum wirkt.
Thea Sosani zeigt radikale und schonungslose Bilder. In „Gegenwärtiger Mensch – 5 Stationen“ führt sie an Abgründe der menschlichen Psyche, nimmt dem Stoff durch Humor aber auch die Schwere. Die Zuschauer wandern mit dem Stück im Leeren Beutel von Raum zu Raum.
Das Konfident Kollektiv vereint Tänzer der freien Szene mit Tänzern des Theaters. Martina Feiertag, Tine Schmid und Dominic Braunersreuther haben mit Alessio Burani, Simonefrederick Scacchetti und Yosuke Kusano „Inmotion“ erarbeitet, einen mehrteiligen Tanzabend.
Die Sommertanztage 2016
„Bodies in Urban Spaces“ ist das Herzstück der Sommertanztage. Choreografin Esther Steinkogel sondierte drei Tage lang mit Hans Krottenthaler 50 potentielle Schauplätze für die Performance – die Brunnen am Bismarckplatz oder die Freitreppe am Alten Rathaus. „Für Regensburg kann ich mir das Projekt gut vorstellen“, sagt Krottenthaler. Der Blick hat sich ans Welterbe gewöhnt. In der stark frequentierten Altstadt nimmt man Schönheiten und Besonderheiten kaum noch wahr. Die Performance schenkt überraschende Perspektiven, öffnet die Augen für die Stadt und produziert Bilder, sich festhaken.
Unvergesslicher Blick auf die Stadt
20 Regensburger wirken mit: Parkour-Läufer, Tänzer, Menschen, die fit und beweglich sind. Sie investieren viel Aufwand in die Sache und trainieren ab 18. Juli täglich sechs Stunden für den Parcours. Die Stadt wird am 23. Juli zu zwei Terminen bespielt; Start ist voraussichtlich am Neupfarrplatz. Viele Passanten dürften sich als Zuschauer spontan anschließen. So, wie am 23. Juli, werden sie Regensburg nie wieder sehen. Krottenthaler ist überzeugt: „Wer zum Beispiel die Rathaustreppe mit den Körpern gesehen hat, wird das nicht mehr vergessen. Er wird die Szene immer, wenn er am Rathaus vorbei geht, wieder vor sich sehen.“ Mittelbayerische Zeitung, 5.7.2016

 

 

Countrymusik
Kinky Friedman, der Menschenfreund
Auf der Bühne der Alten Mälzerei gibt sich der 71-jährige Künstler und Aktivist aus Texas als cooler Hund.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Texaner sind harte Hunde! Das weiß man(n) nicht erst seit „Dallas“. Doch in der Seifenoper verkörperte J. R. Ewing diesen Männertyp so exzellent wie kaum ein anderer vor oder nach diesem grandiosen Bösewicht – allerdings ohne zu bemerken, dass er sich mit seinen Auftritten öfter zum Affen machte. Davor ist auch Kinky Friedman, Countrymusiker und Autor aus Texas, zeitlebens nie zurückgeschreckt.
Als unabhängiger Kandidat für das Amt des Gouverneurs von Texas setzte sich der „politische Amateur“, wie er sich selbst bezeichnet, selbstbewusst dem Scheitern aus. Darin liegt Größe, denn „der letzte jüdische Troubadour“ – auch eine seiner vielen Eigencharakterisierungen – ist trotz der Ernsthaftigkeit seiner politischen und auch künstlerischen Ambitionen nie dem Volk oder anderen in den sprichwörtlichen Hintern gekrochen. Wie er in seinen Songs und Krimiromanen kein Blatt vor den Mund nimmt, hält er es offenkundig auch in seinem Leben.
Auf der Bühne der Alten Mälzerei legt der 71-jährige Künstler und Aktivist aus Texas den coolen Hund mit dicker Zigarre, voller Whiskeyflasche und Armyjacke an den Tag. Das gehört zum Image und zur Show. Die Zigarre ist längst kalt und vom Whiskey wird eher genippt, als getrunken. Nüchtern ist Friedman dennoch nicht auf der Bühne gestanden. In der direkten Begegnung zeigt er sich dann aber, wie in seinen Songs, als freundlicher Kerl, mitfühlender Beobachter und – im Grunde seines Herzens verzweifelter – Menschenfreund.
Schattenseite des „american way of life“
Mit knorriger Sprechstimme singt er von Abgehängten, Outsidern und den Tränen in den Augen von Kindern. Melancholisch und trüb tropft die Tragik des Lebens gewissermaßen aus „Mama’s Hungry Eyes“. Mit seinen alten und einigen ganz neuen Liedern, bei der er sogar noch Texthänger produziert, erzählt der Kinkster Geschichten, als würden sie sich eben vor seinen Augen abspielen. Wie bei Folklegende Pete Seeger oder Hank Williams singt er über reale Begebenheiten. Über Beobachtungen aus dem Alltag und vom Leben der Menschen, die sich auf der dunkleren, der Schattenseite des „american way of life“ abstrampeln müssen.
Der heisere Schrei einer kropfkranken Möve
Das macht er mal mit sarkastischem Humor und pointierter Ironie in starken Sprüchen, doch die neueren Songs wirken meist schwermütig. Man wundert sich, dass Friedman kaum seufzt zwischen den Strophen, die er in leicht melodischem Sprechgesang vor sich hin brummt. Schwierig wird’s, wenn er mal mit der Stimme in die Höhe muss. Das hört sich dann eher wie der heisere Schrei einer kropfkranken Möve an.
Trotzdem: Ein beeindruckendes Konzert eines alternden Entertainers mit wackliger Stimme, musikalischen Schwächen, bärbeißigem Humor – und einer riesigen Ausstrahlung. Mittelbayerische Zeitung, 13.5.2016

 

Der Kabarettpreis geht nach Passau
Martin Frank schlägt aus den Unterschieden von Stadt und Land kräftig Humorfunken – und siegt beim Regensburger Festival.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg.Ein Schwarzer, der sich endlich als Neger fühlen möchte. Zwei „Laddshosen“ in Wadlstrümpfen beim Heislbau’n. Und ein volltrunkener Feuerwehrkommandant aus Alteglofsheim, der mehr Durst als Brände löscht: Beim Wettstreit um den Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis landeten der Münchner Simon Pierce, „De Laddshosen“ und Lokalmatador „Bobbe“ Robert Ehlis gemeinsam auf dem ungeliebten dritten Platz.
Die drei Finalisten überzeugten die vierköpfige Jury (Susanne Wiedamann von der Mittelbayerischen Zeitung, Franz Schoppe als Vertreter des Preisstifters, Kulturamtschefin Christiana Schmidbauer und Mälzerei-Manager Hans Krottenthaler) mit ihren engagierten Vorstellungen nicht ganz. Dennoch konnten die Comedians und Mundart-Volksmusik-Kabarettisten, wie sich das oberbayerische Laddshosen-Duo bezeichnet, mit je 300 Euro, Bierseidl und Blumensträußen nach Hause fahren.
Einen kräftigen Aufschlag bekam der Würzburger Robert Alan für den zweiten Platz bei der „Nacht der Sieger“. „Was hast du nur aus deinem Leben gemacht?“ fragte sich der Schiffermützeträger selbstkritisch. „Dein Opa war Nazi, dein Vater Hippie und du? Du bist vegan!“ Alan beherrscht das Spiel mit angedeuteten Pointen und Unausgesprochenem. Er schildert treffliche Erlebnisse beim Ostseeurlaub mit den Eltern und gießt er feinen Spott über jugendlich-großspuriges Gehabe.
„Politik ist mir egal!“
Im „Titten-Song“ bekennt sich Alan unverfroren zu männlich-verfänglicher Einseitigkeit: „Politik ist mir egal!“ Sein Spott macht nicht vor Rentnern an der Supermarktkasse halt und entlädt sich frech und ungeniert im „perfekten Lovesong“. 2015 gewann der jungenhafte Spötter, dessen Ähnlichkeit mit Michel von Lönneberga durch die für einen Franken unpassend wirkende Schiffermütze verstärkt wird, in Passau das Scharfrichterbeil. Diesmal reichten die Doppeldeutigkeiten des musikalischen Kleinkünstlers nur für den zweiten Preis.
Einige waren sich Jury und Publikum über den 23-jährigen Schauspielschüler Martin Frank aus Hutthurm bei Passau. Für seine treuherzigen Auslassungen über die Unterschiede zwischen Land- und Stadtleben sprach ihm die Jury den mit 1200 Euro dotierten ersten Preis zu.
Begeisterte Zuhörer setzten mit ihrem Votum für den Niederbayern noch eins drauf. Damit konnte Frank auch den Publikumspreis mit nach Hause nehmen. Wobei nicht ganz klar ist, wo sein Zuhause ist: Ist es noch der Misthaufen mit Bauernhof und erzieherisch tätiger Oma im Bayerischen Wald oder schon die Großstadt München, wo er als wohlerzogenes Landei ununterbrochen aneckt?
Aus diesem Gegensatz, den er mit zutraulichem Augenaufschlag und naiv-arglosem Auftreten großartig in Szene setzt, schlägt Frank jede Menge Humorfunken. Die lassen das entzückte Publikum kaum zu Atem kommen, wenn er in der U-Bahn auf Gucci-Frau, suspekte Turbanträger und andere Großstadtverdächtige trifft. Bei seiner Abschiedsarie von Händel für das – tote – Hendl, die er singt, um einem Feriengast aus Duisburg zu Gefallen zu sein, lagen ihm die Zuhörer zu Füssen. Damit sicherte er sich den undotierten Publikumspreis.
Die lautesten Fans hat Robert Ehlis
Landleben in unverhohlen derber Schlawiner-Pose inszenierte auch der Alteglofsheimer, der – gemessen am Beifall – der heimliche Favorit des Abends war, für den „wichtigsten Nachwuchspreis in Bayern“: Robert Ehlis hatte die lautesten Fans im Auditorium. Mit einer klamaukigen Parodie über Integrationsschwierigkeiten eines Preiß’n in einem oberpfälzischen Nest erhielt er viel Sympathie –und 2015 bereits mehrere regionale Kabarettpreise als unterhaltsames Nachwuchstalent. Mittelbayerische Zeitung, 21.3.2016

Das Finale beim Festival
Das Festival: Das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei ging zum 21. Mal über die Bühne. Zwischen 19. Februar und 20. März waren an sieben Abenden internationale Kabarett-Größen zu erleben.
Das Finale: Bei der Nacht der Sieger konkurrierten fünf Kandidaten aus Bayern um den ersten Platz: Robert „Bobbe“ Ehlis (Oberpfalz), Simon Pearce (Oberbayern), De Laddshosen (Oberbayern), Robert Alan (Unterfranken) und Martin Frank (Niederbayern).

 

 

Kleinkunst
Doppelsieg der Slampoeten aus Berlin
United Comedy: Die Österreicherin Lisa Eckhart und Felix Lobrecht gewinnen den Super Slam in der Alten Mälze in Regensburg.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Ein beliebtes Thema des Berliner Zeichners Tom für seine herzerfrischenden „Touché“-Strips ist die alterslose Esoterikerin, die Bäume umarmt. Beim Poetry Super Slam stellte ein junger Mann in zeittypischer Kapuzenkleidung eine eigene Variante zur Schau: In der Pause umarmte er innig eine der Säulen in der Alten Mälze. Inmitten der dicht gedrängten Zuhörer umschlang er verträumt das kühl gestrichene Objekt. Ob er durch das atemlose Gedicht „Der Baum“ des Offenbacher Slampoeten Samuel Kramer oder die Tagträumereien von „Captain-Not-Gonna-Happen“ inspiriert wurde, ließ sich nicht eruieren.
Jippie und Yeah vor vollem Haus
Wie beliebt das nach strengen Regeln ablaufende Poetry-Schauspiel nach wie vor ist, zeigte sich bereits vor Beginn an der Schlange, die sich die halbe Galgenbergstraße hinunterzog. Hemdsärmelig routiniert musste Moderator Ko Bylanzky einige Mühe darauf verwenden, Ruhe in den vollbesetzten Raum zu bringen, um die Begrüßungsrituale für die elf Teilnehmenden einüben zu können: „Jippie für die Neuen, die noch nie hier waren – und Yeah!!! für alte Bekannte!“
Als bereits Eingeführte stellte er die Bambergerin Jasmin Reithmeier vor, die aus ihrer Kladde vergnügt Erinnerungen an ihre Schulzeit vortrug. „Früher war alles besser“, zitierte sie halbironisch ihre Großmutter, denn „die letzte, richtig geile Generation sind wir!“ Einen rapartigen, drakonischen Ritt durch die Menschheits- und Weltgeschichte absolvierte anschließend Kramer mit seinem atemlosen Baum-Gedicht. Bei ihm sind es vom romantischen Makro- zum nüchternen Mikrokosmos nur wenige Wörter.
Bitterböses Schüttelgereimtes
Mit einem etwas holprig vorgetragenen Text über eine unappetitliche Lesung – „Literatur muss aufwühlen…“ – erntete der Münchner Wolfram Heinrich als Oldie des Super Slam nur mäßig Anerkennung. Weit besser kam der berlin-brandenburgische Landesmeister Felix Lobrecht mit seiner lakonischen Selbstironie an. Mit entlarvenden Pointen über öde Studentenpartys ging er als Sieger der ersten Hälfte mit der androgynen Lisa Eckhart ins Rennen um die Endauswahl. Diese punktete nach einer gewitzten Reimerei der Regensburgerin Theresa Reichel übers eigene Leben mit einem bitterbösen, schüttelgereimten Text über die Jesusgeschichte. Derb Anstößiges wechselte mit sarkastischer Niederträchtigkeit und genüsslich ausgekosteter Gemeinheit.
Im Finale mit Lobrecht setzte die in Berlin lebende Wienerin, die perfekt gestylt an David Bowie erinnerte, noch eins drauf. Süffisant zerlegte sie mit ihrem „3-Punkte-Plan“, einem hochpolitischen Rundumschlag, jeglichen gesellschaftlichen und religiösen Konsens. Mit charmant eingesetztem Akzent scheint die Österreicherin die Großmeister ihrer Heimat, von Helmut Qualtinger bis Josef Hader nicht nur beerben, sondern gleich übertreffen zu wollen. Ihre Schüttelreime hören sich an wie lebendig gewordene schwarz-gallige Karikaturen von Manfred Deix. Das Lachen blieb dennoch keinem der Zuhörer in der Mälze im Hals stecken, wenn die österreichische Slam-Meisterin lustvoll vom Leder zog.
Dagegen wirkte ihr Konkurrent Lobrecht mit seiner trockenen Berliner Schnauze beinahe gemütlich. Dennoch forderte das Publikum den tendenziell überforderten Moderator Bylanzky lautstark auf, „beide, beide…!!“ zu Siegern zu erklären. Der beugte sich dem Votum, was mit einem Beifallsturm quittiert wurde.
Siegerverdächtig war auch, das sei noch nachgetragen, die neu erzählte Wilhelm-Busch-Geschichte von den bösen Buben Max und Moritz. Der Münchner Alex Burkhardt packte jede Menge aktuelle politische Themen und gesellschaftliche Missstände in seine gelungene, scharfzüngige Nachreimerei. Konziliant der grimmige Schluss: „Ach ein Glück ist‘s jetzt vorbei / mit der Übertäterei!“ Bis zum nächsten Poetry Slam im April am gleichen Ort. Mittelbayerische Zeitung, 7.3.2016

 

 

Kleinkunst
Österreichs Humor: Das ist der Gipfel!
Die Alte Mälzerei Regensburg zeigt großartigen Kabarett-Import. Der Austria-Abend wurde zum Höhenflug.

Von Daniel Pfeifer, MZ
Regensburg. Eigentlich haben wir unsere südöstlichen Nachbarn ja ganz lieb. Auch wenn sie uns Piefkes nennen, und wir ihnen den noch uncharmanteren Spitznamen Schluchtenscheißer verpasst haben. Trotz, oder vielleicht sogar wegen dieser freundschaftlichen Sticheleien ist der wunderbar einzigartige österreichische Humor das wohl beliebteste Exportgut aus Österreich, nach Mozartkugeln und Rainhard Fendrich.
Zum 21. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival importierte die Alte Mälzerei zum Austria-Abend am Freitagabend drei großartige Kabarettisten: Das Duo Kaufmann-Herberstein, den „Soko Wien“-Star Gregor Seberg und, in Vertretung für den Erkrankten Otto Jaus, die Wiener Powerfrau Magda Leeb.

Lust auf Kleinkunst? Hier das Programm des Festivals
Um die respektvolle Begrüßung der Gäste kümmerte sich Hannes Ringlstetter: indem er dem „Liedermachertrauma“ seiner Jugend musikalisch an der Gitarre Luft machte und gehörig Österreichs Nationalhelden – Falci, STS und Josef Hader – durch den Kakao zog. Nach einigen Anekdoten über die kulturellen Schluchten zwischen Deutschen und Österreichern durfte Ringlstetter als Moderator dann die ersten Gäste ankündigen:
Das junge Duo Kaufmann-Herberstein war einzig und allein für den Auftritt in Regensburg angereist. Zu ihrer Deutschland-Premiere spielte das Duo in der bis auf den allerletzten Platz ausverkauften Alten Mälzerei aus ihrem neuen Programm „Stadt. Land. Flucht.“ Darin geht es vor allem um die Stereotypen, die einem in den Großstädten Austrias so über den Weg laufen. Und natürlich um Liebe auf Österreichisch: vom ganz normalen Wahnsinn mit den Schwiegereltern bis zum Sex im Steirisch G’red, der so unerotisch ist, wie Sex nur sein kann.

Die Überraschung des Abends: Magda Leeb
Nach der aufgedrehten, musikalischen ersten Hälfte kam für den erkrankten Otto Jaus kurzfristig die Wienerin Magda Leeb auf die Bühne. Die Kabarettistin, die selbst in ihrer Heimat eher unbekannt ist, war die große Überraschung des Abends. Selbstironisch arbeitete sie die österreichische „Ah geh“-Mentalität auf und die gravierende Unterschiede zwischen Kronen-Zeitung und der Süddeutschen. Für ihren lockeren, energiegeladenen Auftritt erntete sie donnernden Applaus.
Zum Grande Finale kam Gregor Seberg auf die Bühne, bei uns vor allem bekannt dank seiner Hauptrolle in der „Soko Wien“. Auch als Kabarettist macht sich der Schauspieler aus Graz großartig. Er brachte das typische Granteln mit, und den dunkelschwarzen Humor aus Wien, auch wenn der typischerweise in Deutschland nicht immer funktioniert.
Wenn es ans österreichische Politkabarett ging, machte es sich Gregor Seberg leicht: Auf einer Leinwand zeigte er wortlos die abstrusen Facebook-Wahlwerbeslogans von Richard Lugner und seiner 57 Jahre jüngeren Ehefrau, sowie Ausschnitte aus dem österreichischen Parlament. Wer solche Politiker hat, braucht eigentlich gar keine Kabarettisten mehr. Immerhin: In Regensburg sind sie immer willkommen. Mittelbayerische Zeitung, 29.2.2016

 

Kleinkunstfestival: Götterfunken blitzen vom Matterhorn
This Maag und das Duo Christoph & Lollo: ein prachtvolles Gipfeltreffen zum Auftakt von United Comedy 2016 in Regensburg.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Das war voller Einsatz, mit Händen, Füßen, Kopf und Mund – oder anders gesehen: körperlich, klanglich und mental. Von der Spitze des Matterhorns dirigierte der Kabarettist This Maag sein Publikum beim Absingen der Europahymne, Schillers „Ode an die Freude“. Mit gestimmten Glocken zwischen den Zehen, in den Händen und im Mund schellte sich der Wahlberliner durch den schönen Götterfunken zum Elysium. Sein eigenwilliges schwyzerisches Arrangement endete in einem lärmenden Glöckchen-Crescendo. Selbiges ging allerdings im tobenden Beifall und Gelächter der Besucher unter. Verschwitzt hangelte sich der gebürtige Luzerner von der kleinen Leiter hinter der Bergspitze hinunter und sammelte freudestrahlend seine löchrigen Socken – „Reverenz an Emmental“ – und Wanderschuhe ein, derer er sich vor der hochmusikalischen Klettertour entledigt hatte.
Das Alphorn aus dem Rucksäckli
Als dominantes Requisit diente der berühmte Alpengipfel dem Kabarettisten als multiples Mittel bei der Integration der EU-Bevölkerung in die Großschweiz. Beim Gipfeltreffen auf der kleinen Bühne der Alten Mälzerei war sogar noch Platz für einen überdimensionierten Rucksack. An dessen Inhalt – „Wie nennt man den kleineren… richtig: ein Rucksäckli!“ – entzündeten sich im Verlauf des ausnehmend vergnüglichen Abends noch etliche Pointen.
So zog oder besser schob This Maag nach einem Kopfüber-Stunt in den Riesentornister ein Alphorn 2.0 daraus hervor. Dem „Scheißhorn“ aus zusammengesteckten Kunststoffrohren folgte die „Schweizer Edition“ einer „Melodica mit Euter“. Entwickelt von Bergbauern in der dünnen Alpenluft. Der Integrationskurs des blauäugigen Strahlemannes für die eingebürgerten Neu-Schweizer, „Brüssel hat den Beitritt eben entschieden“, umfasste mehrere Schritte.
Dem Sprachkurs folgten eine „Humorintegration“ mit köstlich gespielten Bilderrätseln, ein Sportkurs im „neutralen Schwingen“ unter Publikumsbeteiligung und die gemeinsam gesungene Hymne. In seiner humorvoll pointierten Beschränkung auf kulturelle Unterschiede und sprachliche Untiefen klingt bei dem sympathischen Mittvierziger der alles über- und umragende Emil Steinberger wie das Echo über einem  tiefen Schweizer Bergsee an. Ein echtes Rundum-Vergnügen.
Danach war es für das österreichische Duo Christoph & Lollo nicht ganz einfach, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Die Wiener Musikkabarettisten eierten mit spitzfindigem Geplauder, politischen Songs, spontanem Witz und seichtem Quark durch ihr Programm. Lücken zwischen ihren Liedermacher-Songs, die sie wahlweise als „schlechtestes“ oder „bestes Lied“ ankündigten, füllten sie mit improvisierter Plauderei.
In boshaften Kommentaren bekam die eigene Regierung und Politkaste ihr Fett weg. „Wir (Österreicher) haben für Sie die Grenze dicht gemacht“, stichelten sie boshaft zur Entwicklung der deutsch-österreichischen Flüchtlingspolitik. „Wir sind die letzten Ausländer, die hereingelassen worden sind“. In einem schrägen „Rock’n’Roll“ jammerten sie über die Tristesse tingelnder Rockmusiker.
Eine Runde später präsentierte sich Sänger Christoph trotz scheinbarer Unbeholfenheit und Gehemmtheit als die „bessere Hälfte“ zu Hause. „Ich koche selber“ ist ein köstlicher, auf den Kopf gestellter Rundumschlag gegen das perfektionistische Dasein als Lifestyle-(Haus-)Frau. Im lässig-bösen „Wenn wir Polizisten wären“ kommen all die Ausflüchte und menschlichen Bequemlichkeiten zum Ausdruck, mit denen man sich die Arbeit möglichst einfach und stressfrei gestalten möchte.
Zwischen Wader und Qualtinger
In einer eigenwilligen Mischung aus loser Direktheit, der Bösartigkeit des Qualtingerschen Humors und der staubtrockenen Politernsthaftigkeit eines Hannes Wader hat sich das Duo eine kreative Nische geschaffen. Da wird schon mal mit groben Politparolen um sich geschmissen und kräftig ironisch überzeichnet. Aber erst im Runterschlucken des sanft vor sich hinschwappenden Geklampfes werden die groben Spitzen und Pointen richtig erfasst. Die sind meist gut zwischen romantischen Melodien und Lagerfeuerharmonien versteckt.
Dann gehen die zwei aber auch wieder aus der Deckung und poltern über verbreitete Fantasien einer „gemäßigten Diktatur“ oder die „Möglichkeiten der Lebensführung“ zwischen „Fenchelrohkost und Bierdurchfall“. Ein prachtvolles Gipfeltreffen zum Auftakt des Kleinkunstfestivals United Comedy 2016 – weiter so!

 

 

 

Kleinkunstfestival:
Newcomer Bobbe neben der Kinseher

Das Internationale T&T-Kleinkunstfestival United Comedy kürt am 19. März einen Preisträger. Vorher geht es Schlag auf Schlag.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Der Weg zum Ruhm“, könnte man die strapazierte Metapher von der steinigen Mühsal abwandeln, „ist mit Preisen gepflastert“. Im Bereich kabarettistischer Kleinkunst gibt es besonders viele davon. Gut 100 Siegerkränze suchen in Deutschland Jahr für Jahr preiswürdige Häupter. Aus diesem Feld hat sich der Regensburger Thurn und Taxis Kabarettpreis neben den bekannten Platzhirschen Deutscher Kleinkunstpreis, Passauer Scharfrichterbeil und Salzburger Stier nach vorne gekämpft und zwischenzeitlich einen gewichtigen Platz erobert.
Im Rahmen des diesjährigen Kleinkunstfestivals „United Comedy“ in der Alten Mälzerei wird der Thurn und Taxis Kabarettpreis zum elften Mal vergeben. Aus 28 Bewerbungen haben sich fünf Teilnehmer für den Wettbewerb in der großen „Nacht der Sieger“ (19. März, 20 Uhr) in der Alten Mälzerei qualifiziert. Moderiert von Jörg Schur vom Münchner Fastfood Improtheater treten zwei Oberbayern, Simon Pearce und das Duo De Laddshosen, der Standesbeamte Martin Frank aus dem niederbayerischen Hutthurm, Robert Alan aus Unterfranken und Robert „Da Bobbe“ Ehlis gegeneinander an.
Lokalmatador aus Alteglofsheim
Lokalmatador des Abends ist ohne Zweifel Da Bobbe. Er kommt aus Alteglofsheim im östlichen Landkreis Regensburg und stellt sich mit Ausschnitten aus seinem ersten eigenen Kabarettprogramm vor. „Facklfotz’n“ feierte im März 2015 Premiere.
Der Alteglofsheimer spielt auf der Steirischen Harmonika und erzählt Geschichten aus dem Leben – urig, deftig, garniert mit schauspielerischem Talent. Mit seinem volksnahen Humor begeistert er auf zahlreichen Dorffesten. Vergangenes Jahr konnte er den Ostbayerischen Kabarettpreis und den Publikumspreis des Oberpfälzer Kabarettpreises einheimsen.
Eröffnet wird das 21. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy 2016 mit einem kabarettistischen Gipfeltreffen. Den Doppelabend am Samstag, 20. Februar (20.30 Uhr), teilen sich der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Kabarettist This Maag und Christoph & Lollo, „Österreichs schrägstes Komiker-Duo“. Während der Eidgenosse dem Publikum die Lebensgewohnheiten seiner Landsleute näher bringen will, gehören abgründiger Humor und Protestlieder zum Markenzeichen der Austro-Kabarettisten. Letztes Jahr wurden sie dafür mit dem renommierten „Salzburger Stier“ ausgezeichnet.
Gipfeltreffen der Slammer
Insgesamt bietet das Festival zwischen dem 20. Februar und der „Nacht der Sieger“ wieder viele spannende Neuentdeckungen und absolute Stars der internationalen Szene. Neben der Eröffnungsshow gehören ein großer Austria-Kabarettabend (26. Februar, 20 Uhr, Mälze) mit Otto Jaus, Greger Seberg, dem jungen Duo Kaufmann-Herberstein und Hannes Ringelstetter als Moderator, ein Impro-Ländermatch (27. Februar, 20 Uhr, Mälze) und ein Poetry Super Slam (4. März, 20 Uhr, Mälze) zum Programm. Mit Künstlern aus mehreren deutschsprachigen Ländern ist der edle Dichterwettstreit international besetzt. Überhaupt gehört die Poetry Slam, eine rasante Darbietung zeitgenössischer Literatur, längst zu den beliebtesten Veranstaltungen dieser Art im süddeutschen Raum. Saison-Höhepunkt ist der Poetry Super Slam mit mehreren internationalen Preisträgern.
Zu den Höhepunkten der sieben Festivalabende gehören auch Auftritte des österreichischen Kabarettpreisträgers Severin Groebner  am 5. März (20.30 Uhr, Mälze) und der Nockherberg-Bavaria Luise Kinseher. Die Münchnerin aus Geiselhöring ist Bayerische Kabarettpreisträgerin und hat auch sonst einige Auszeichnungen, eine stattliche Filmographie und mehrere Soloprogramme vorzuweisen. Damit arbeitet sie regelmäßig ihre To-do-Liste ab: Publikum unterhalten, saumäßig lustig sein, Klimawandel aufhalten, Mama anrufen, Klopapier kaufen, neuen passenden Mann finden, fürs Alter vorsorgen. Da hilft nur eins: „Ruhe bewahren!“, wie sie mit ihrem aktuellen Programm durchzuatmen versucht. Mittelbayerische Zeitung, 6.2.2016

 

 

Kosmonaut in schwarzer Ewigkeit
„Das Leben ist (k)eine Kunst“: Wladimir Kaminer doziert in Regensburg über die Zumutungen des realexistierenden Alltags.



Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. 1971 wartet ein kleiner Junge in einem Moskauer Kindergarten auf den groß angekündigten Fotografen, der die Kinder „für die Ewigkeit“ ablichten soll. Der Fotograf kommt zuerst ewig nicht, man mutmaßt schon, er sei ein Trinker, aber als er dann drei Tage später, als sich die extra herausgeputzten Kinder längst wieder schmutzig gemacht haben, doch noch auftaucht und jedes Kindergartenkind fotografiert – die Mädchen als Ballerina, die Jungs als Kosmonaut – da wird das Versprechen mit der Ewigkeit doch noch eingelöst. Denn 2015, also einen Wimpernschlag später, erinnert sich der Kosmonaut Wladimir Kaminer an die Kosmonauten-Ballerina-Prozedur von damals – jedes Kind steckte den Kopf durch eine Papierwand, die entsprechend bemalt war – und schreibt eine Glosse darüber, die unter der Überschrift „Jede Ewigkeit ist schnell vorbei“ das letzte Kapitel seines neuen Buchs „Das Leben ist (k)eine Kunst“ wird. Im ausverkauften Regensburger Antoniussaal, dessen sowjetischer Charme für eine solche Veranstaltung wie geschaffen ist, las Kaminer nun aus dem Buch – jedenfalls: wenn er nicht gerade abschweifte, und das tat er die meiste Zeit. „Das erzähl’ ich später! Ich verzettel mich!“ Neben frei erzählten Moritaten von seiner Mutter, die seit 23 Jahren bei der Volkshochschule Englisch lernt, einem kurzen Exkurs zum Thema „Es gab keinen Sex im Sozialismus“, einem kleinen Abstecher in die allzu „spontane Vegetation“, wegen der Kaminer seinen Schrebergarten abgeben musste, sowie noch zig anderen Neben- und Untergeschichten, ist das Kapitel „Jede Ewigkeit ist schnell vorbei“ dann das einzige aus dem neuen Buch, das Kaminer wirklich vorliest.
Blitzartig stürzt die Story ins Absurde
Aber diese vier Seiten haben es in sichIn Sekundenbruchteilen dreht er alles ins Absurde. Gibt es irgendwas, was der Mann vielleicht mal ernst nehmen kann? Doch, gibt es. Mitten in der aberwitzigsten Satire jubelt er einem kurz aufblitzende, wie nebenbei erwähnte ewige Wahrheiten unter, um die anderswo ein Mordsaufhebens. Man muss bei Wladimir Kaminer ja schon lachen, bevor er den ersten Satz zu Ende gelesen hat. gemacht würde.In der Ewigkeitsglosse ist das zuerst die Feststellung, dass Kinder sich für die Ewigkeit gar nicht begeistern können. Denn als Vierjähriger habe man „stets mit Ewigkeiten aller Art zu kämpfen“, die nichts als „anstrengende, lästige Angelegenheiten“ seien. Jeder Erwachsene, der noch einen Rest an Erinnerung an seine Kindheit hat, kann das nur bestätigen. „Wir rasen in einer komischen eiförmigen Rakete durch eine schwarze Ewigkeit, von einem betrunkenen Fotografen auf eine Papierwand gepinselt.“ Wladimir Kaminer Und am Ende mündet die so banal daherkommende Kindergartengeschichte auf einmal in einen Satz, der die ganze Sowjetunion geschichtsphilosophisch auf den Punkt bringt: „Unsere kommunistische Zukunft ist im Handumdrehen Vergangenheit geworden, ohne auch nur für eine Sekunde Gegenwart gewesen zu sein.“ Aber keine Angst, die Kapitalismusfans, die jetzt gerade losjubeln wollen, bekommen auch noch kurz Bescheid: „Die kapitalistische Vergangenheit wird heute als begehrtes Ziel, als bestmöglichstes Zukunftsmodell gepriesen.“ Aber was ist denn nun bitte die Gegenwart? „Und wir selbst rasen in einer komischen eiförmigen Rakete durch eine schwarze Ewigkeit, von einem betrunkenen Fotografen auf eine Papierwand gepinselt.“ Wusch! Plötzlich findet man sich in einer Shakespeare-Tragödie wieder.
Tragödien voller humoristischem Potenzial
Selbstverständlich geht es im nächsten Moment (wie bei Shakespeare) wieder satirisch und komödiantisch weiter. Die Geschichte „Die Syrer packen aus“ handelt von einem Paket, das aufgrund der Abwesenheit der Adressatin bei den neuen syrischen Nachbarn abgegeben wird – die es sofort auspacken. Sie denken, es sei eine Spende, und die Kindersachen, die in dem Paket sind, passen den Kleinen ja auch wie angegossen. Kaminer kann sich einen kurzen Kommentar zu dieser Geschichte nicht verkneifen: „Tragödien haben ein großes humoristisches Potenzial.“ Tragödien? Kaminer meint die Flüchtlingstragödie, die hierzulande flugs zur „Flüchtlingskrise“ umgelogen wird (als läge die unerträgliche Belastung auf Seiten der Europäer). Es habe keinen Sinn, angesichts einer Tragödie nur zu weinen. „Von hinten“ betrachtet, sei eine Tragödie „gar nicht tragisch“. Sondern oft saukomisch. Wohl wahr. Ein befreiendes Lachen erfüllt den Antoniussaal. Mittelbayerische Zeitung, 29.1.2016

 

Misantrophie aus Mittelfranken
Mit spontaner Publikumsbeschimpfung erntet Matthias Egersdörfer in Regensburg Applaus. So richtig böse wird er leider nie.



Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Am Anfang stehen Rotz und Schleim. Aus der Trachea oder Luftröhre – wie der gemeine Frangge sächdd – hochgezogen, gern auch hin- und hergeschoben, nie ausgespuckt. Es reicht, wenn Matthias Egersdörfer die zugehörigen Geräusche imitiert. Leicht schief steht er auf der Bühne. Dem Publikum in der Alten Mälze halb zugewandt, den leicht abschätzigen Blick von schräg links auf eine niesende Zuhörerin gerichtet. Sie kommt dem Kabarettisten aus dem mittelfränkischen Lauf an der Pegnitz gerade recht: „Hast wohl gedacht, bevor ich sterb’ will ich mich noch mal bled anredn lassen?“ Das tut Egersdörfer jedenfalls genüsslich.
Sein Publikum? „G’schwaddel!“
Er hat die Lacher auch auf seiner Seite, als er danach über einen größeren Teil seines Publikums herfällt: „Beim Simon Räddel in Berlin (…) sitz’n andere drin“, lässt er seinem Frust über den Auftritt in Regensburg freien Lauf. „Kein so’n G’schwaddel!“ Mehr oder weniger angewidert lässt er den Blick über den voll besetzten Clubraum schweifen. Sein Glück, dass die humorbegabten Oberpfälzer dem übellaunigen Misanthropen nichts krumm nehmen. Sie lachen über die grobschlächtigen Possen, die Egersdörfer auf ihre Kosten reißt ebenso vergnügt und mit lustvoller Schadenfreude, wie über seine derben Sprüche, die er über sich, seine Frau, seine „zwei bitterbösen Schwestern“ und das übrige Personal seiner aktuellen Show „Vom Ding her“ ablästert.
Etwas schmierig und schräg
Diese haut er den erwartungsvollen Zuhörern regelrecht um die Ohren. Fränggisch schräg, in breitem Dialekt, wie dereinst auch der urfränkische Humorist und Komiker Herbert Hisel, mit dem er durchaus manches gemeinsam hat. Viele seiner oft flachen Pointen zünden erst durch die exzessiv ausgelebte Mundart. Die gehört so untrennbar zur etwas schmierigen Figur des schrägen Witzbolds wie seine schlechte Laune und seine dosiert eingesetzten Wutausbrüche.Die sind gelebte Sozialisation, erklärt Egersdörfer. Er sei in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, in dem „permanent geschrien wurde“. Von der Mutter nach unten zur Großmutter, von dieser nach oben und von den hinterhältigen Schwestern, die ganz oben im Haus gewohnt hätten, zu allen anderen. Wie er auf die familiären Verhältnisse und von dort zum Kaufhausdetektiv, in die Sauna-Badeanstalt und durch „einen psychedelischen Farbstrudel“ mit einem Zeitsprung wie einst bei den legendären „Time Bandits“ der Python-Komiker Terry Gilliam und Michael Palin in die eigene Kindheit kommt, hat fast humoristische Größe.
Schlagfertigkeit hat er drauf
Von der lebensnotwendigen morgendlichen Tasse Kaffee ausgehend, auf die ihm speiübel wird, mäandert Egersdörfer in einem ungehobelten Strudel durch die Widrigkeiten des – eigenen – Lebens. Genießerisch breitet er aus, wie er als Siebenjähriger in „brauner Strumpfhose und gelbem Hemd“ – auf der Bühne trägt er Knallrot und altmodischen Anzug – Ameisen und andere Insekten zu Tode gequält hat. Solange, bis „der kalte Wind des Imperialismus“ in Form von Kriegsspielen „durch unsere Kindheit geweht ist!“Seine Stärke ist es, spontan auf Äußerungen aus dem Publikum reagieren zu können. Als sein Mikrofon streikt und er seinen Wortschwall unterbrechen muss, damit „Dieter – einen Applaus!“ die Batterien wechseln kann, beginnen einige Zuhörer zu buhen. „Es ist schon erniedrigend“, nimmt er die gespielten Unmutsäußerungen auf, „wenn Männer bei einem zu pfeifen beginnen!“ Mitten im johlenden Gelächter tauchte er wieder im Sauna-Tauchbecken ab und zwischen üppigen Nixen im Waldsee wieder auf.
Das Programm selbst gibt insgesamt außer einigen drolligen Pointen, bedröppelter Selbstbezichtigung und einem kindischen Gebrauch von Fäkalausdrücken wenig her. Manchmal kratzt Egersdörfer mit seinem derben Humor an der Tür zum dadaistischen Blödsinn, ohne diese aber wirklich aufzustoßen. Letztlich bleibt er mit leichten Knalleffekten, unappetitlichen Geschichten und halbgarem Witz im Vorraum zur wirklich packenden Bosheit stehen. Mittelbayerische Zeitung, 24.1.2016

 

Die Realität überholt auch böseste Raps
Ziemlich laut und extrem cool, bei nahezu 40 Grad: die angesagten Rapper der „Antilopengang“ in der Regensburger Mälzerei.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Ein Löwe liegt mitten auf dem Weg zum Häuschen im Grünen. Von hinten spaziert händchenhaltend eine Multikultifamilie heran. Ein kleines Mädchen liebkost den mächtigen König der Tiere, neben dem sich ein Kaninchen kuschelt. Über allem – ein Regenbogen. Harmonie pur, garantiert nicht von Helene Fischer. Denn durch die einträchtige Bilderbuch-Idylle zieht sich in bedenklicher Frakturschrift „antilopengang“ und „aversion“. Auch ohne die aggressive Wucht des Titels müsste jedem Betrachter außerhalb eines frommen Bibelkreises sofort klar sein, dass bei der Gestaltung des aktuellen Albums der Band vom Niederrhein nur handfeste Satire am Werk gewesen sein kann.
Vor etwa einem Jahr konnte man auf vielen Kanälen, gelegentlich auch im Radio, einen Rapsong hören, der elektrisierte. „Und Günter Grass schreibt ein neues Gedicht / und Beate Zschäpe hört U2 (…) Und aus dem Jenseits lacht Jürgen Möllemann / Und der Holger Apfel fällt nicht weit Stamm / Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an (…)“.
Ohne Aufforderung gehen Hunderte Arme hoch
Inzwischen ist das böse Lied zur Hymne für die Antifa und die linksalternative Szene geworden. Bis in etablierte grüne Kreise hinein wird es verzückt mitgesummt, erinnert es doch manch ergraute Granden an die eigene rebellische Jugend. Beim ausverkauften Auftritt in der Alten Mälzerei hoben sich die Rapper aus Aachen und Düsseldorf ihren Szenehit selbstredend bis zum Schluss auf. Doch kaum hatten Koljah, Danger Dan, Panik Panzer und DJ Müllmann Moses Cool den Rapsong angestimmt, gingen auch ohne Aufforderung Hunderte Arme hoch und wippten locker im entspannten Groove. Gleichzeitig schmetterte ein Chor aus eben so vielen Kehlen den Refrain lautstark mit.
Wenn auch viele im enthusiastischen Publikum erst einmal bei Wikipedia nachschauen müssen, wer denn dieser „Möllemann“ gewesen ist, ist jedem klar, dass mit einem „Apfel“ namens Holger der zurückgetretene Vorsitzende der rechtsradikalen Partei NPD gemeint ist.
Ironie ist ein bevorzugtes Stilmittel
„Als wir das Lied geschrieben haben“, kündigte Panik Panzer den letzten Song an, sei es schlimm in Deutschland gewesen. „Heute, nach einem Jahr, ist es noch viel schrecklicher“, schimpft der musikalische Aktivist von der Bühne. Tatsächlich ging in den letzten Tagen eine Meldung vom Bundeskriminalamt durch die Medien, dass von über 220 Brandanschlägen auf Unterkünfte für Flüchtlinge alleine in diesem Jahr lediglich vier aufgeklärt worden sind.
In vielen ihrer oft knallharten und kritischen Texte weist die Antilopen Gang auf gesellschaftliche und politische Missstände hin. Es geht um Schule, um Images – das eigene und das der zuhörenden Kids – um Drogen, „Aschenbecher“ und die Gefühlslagen der Jungen von heute. Manchmal auch um krude Ideen, wie im „Enkeltrick“. Ironie ist ein bevorzugtes Stilmittel, das die Songpoeten gewitzt einsetzen, ohne damit ihre zugespitzten „messages“, die Aussagen zu verwässern. Dass sie einen Nerv treffen, wird deutlich, wenn viele im Publikum fast jeden Song mitsingen. Das tröstete ein wenig über die zeitweise miserable Tonqualität in der Alten Mälzerei und die aufgerissenen Lautstärkeregler hinweg, die das Konzert stellenweise arg anstrengend machten. Mittelbayerische Zeitung, 7.12.2015

 

King Rocko: Unser Mann für Stockholm
Wir wollen eine Mauer bauen, eine Mauer der Liebe: Rocko Schamoni singt in Regensburg von den wahren Dingen des Lebens.


Von Florian Sendtner
Regensburg. 1964, als die gesamte westliche Welt auf die Berliner Mauer starrte, machte Joseph Beuys den Vorschlag, die Mauer aus ästhetischen Gründen um fünf Zentimeter zu erhöhen. Mit dem deutschen Schlager ist es im Prinzip genauso: Man müsste oft nur eine Schippe drauflegen, eine Schippe Schmelz, Schmalz und Schmonzes, und schon würde die Sache erträglich, ja geradezu angenehm. Mit anderen Worten: Man braucht sich nicht zu wundern, dass das Publikum scharenweise Rocko Schamoni zuläuft und musikalische Scharlatane wie Xavier Naidoo zunehmend auf Ablehnung stoßen. Am Freitag rockte Rocko die ausverkaufte Mälzerei und hinterließ ein tiefbeglücktes Auditorium, dem er, zusammen mit seinem Bühnenpartner Tex Matthias Strzoda (Gitarre und Gesang), einen Höhepunkt nach dem anderen bescherte.
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Niemand außer Rocko Schamoni. „Wir wollen eine Mauer bauen!“ ist das umjubelte Highlight am Ende der ersten Halbzeit seiner ausgefeilten Bühnenshow. Eher meditative Leseelemente, die Rocko allein bestreitet, wechseln sich mit fetzigen Rockblöcken ab, zu denen Herr Strzoda die Bühne erklimmt.
Und schließlich, als Knaller vor der Pause: der „Mauer“-Hit, mit dem Rocko Schamoni seit zehn Jahren Furore macht. Sie hat ein notorisch schlechtes Image, die Mauer, dabei ist das ganz falsch, denn: „Die meisten Menschen haben Probleme, die Gründe dafür sind immer gleich, sie leiden unter zuviel Nähe, und irgendwann bricht dann der Deich.“ Doch die Lösung liegt auf der Hand: „Wir wollen eine Mauer bauen, wir brauchen eine Mauer im Kopf“, beschwört Rocko Schamoni im Duett mit Tex Matthias Strzoda eindringlich das Publikum, zu der unwiderstehlichen Melodie, die man aus dem Werbespot „Hoffentlich Allianz versichert“ kennt.
Die Mälzerei ist kurz vor der Raserei. Die Mauer, das ist allen Zuhörern augenblicklich klar, ist sowohl individualpsychologisch als auch politisch die Lösung aller Probleme. Man hat sofort die Losung von Chlodwig Poth vor Augen, die das Impressum der Titanic ziert: „Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag.“ Mut zur Mauer! Und das nächste Mal bitte fünf Zentimeter höher!
Zwischendurch referiert Rocko Schamoni über Sinn und Zweck von Brückenschlössern, das richtige Einsenden brillanter Manuskripte an renommierte Verlage und die verschiedenen Arten der Dummheit. Dumm ist ja nicht gleich dumm. Männer sind z.B. eher sprachdumm, Frauen meist mehr raumdumm. Wenn also eine Frau, die sich in einem Raum nicht auskennt, einen Mann um Auskunft bittet, so ergibt sich „die klassische lose-lose-Situation“. Und zwischendurch werden Songs gecovert, z.B. von den Lassie Singers, bei denen Rocko Schamoni ja auch mit von der Partie war: „Ist das wieder so ’ne Phase“. Und, pünktlich zum zehnten Amtsjubiläum, der Hammerblues „Angela, was hat die Macht aus dir gemacht?“, mit eingespieltem Streichorchester, Pauken und Trompeten.
Der Abend steuert dem Finale entgegen: „Ein richtiges Leben – ich kann es nicht finden in einer falschen Welt!“ Adorno, mit dem ganzen Eigentlichkeitspathos des Schlagers hinausgesungen in die Welt – das ist mehr als eine Schippe obendraufgelegt. Die Mauer steht, sie wankt nicht, und die Proportionen nähern sich dem goldenen Schnitt.
Nach der dritten Zugabe wird im Publikum mit leuchtenden Handys gewinkt, gewankt, gewunken. Wie wohl ein Leben aussehen müsste, das jederzeit vom letzten Schlager sich leiten ließe, fragt sich Herr Keuner bei Brecht. Rocko Schamoni kommt der Antwort verdammt nahe, zumindest was den letzten Schlager angeht. Wenn Deutschland noch einen Rest an Verstand hat, dann schickt es Rocko Schamoni zum Grand Prix, und nicht diesen Nichtskönner und Totalversager von Naidoo. Adorno, soviel steht fest, würde für Schamoni stimmen. Diese Frage aber, und das wird jetzt mit erschreckender Deutlichkeit klar, hat man sich bei der Grand-Prix-Vorauswahl noch nie gestellt: Für wen würde Adorno stimmen? Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2015

 

 

Konzert des Jahres 2015
Nach LA BRASS BANDA im letzten Jahr bieten wir für 2015 zur Auswahl: Schmidbauer & Kälberer,  Willy Michl, Senore Matze Rossi, Monobo Son, Rootz Radicals, Ten Years After, Boppin' B, Simeon Soul Charger, Egotronic, Dicht & Ergreifend, Dub Spencer & Trance Gill, Kinky Friedman, Keller Steff, American Songbirds, Mitch Ryder, Attwenger, Jamaram, Francoise Castello, Heimspiel-Festival, Poison Idea, Naked Lunch, Big John Bates, Grand Slam, Subhumans, Hendrik Röver Y Los Miticos, G. Rag Y Los Hermanos Patchekos, Tram des Balkans, Ohrbooten, Fanfara Kalashnikov, Takano Ukichi To Chichibu-Shachu, Eläkeläiset, Die Orsons, Sternschnuppe(r)nnacht, Joris, The Hirsch Effekt,  Akua Naru, Ganes, Digger Barnes, Young Chinese Dogs, Fiva, Demograffics, Strayin' Sparrows, Egersdörfer & Fast Zu Fürth, Rock'n'Roses, Steaming Satellites, Randy Hansen, Bernadette La Hengst, Vait, King Rocko Schamoni, Ecco Di Lorenzo, Ringsgwandl, Antilopen Gang ... und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2015 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2014:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), Thew Notwist (2013), La Brass Banda (2014)

 

 

Ein Sog aus Emotion und Bewegung
Mit der wieder ausverkauften Solotanznacht vor einem begeisterten Publikum gingen die Regensburger Tanztage 2015 zu Ende.


Von Gabriele Pinkert, MZ
Regensburg. In Regensburg gibt es mittlerweile eine große tanzbegeisterte Szene, und die Regensburger Tanztage haben zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Bester Beweis sind stets die Wartenden, die trotz ausverkaufter Vorstellung bis zuletzt hartnäckig hoffen. So auch am vergangenen Samstag, als die Solotanznacht die diesjährigen Tanztage im Uni-Theater beschloss.
Von Beginn an wurde das Publikum in einen Strudel von Faszination und Emotion gesaugt: Ein berauschender Mix aus Bewegung, Geräuschkulissen und Geschichten, ein Abend, der gewaltige Bilder hinterließ. Da war Veronika Akopova, die sich schon zu Beginn aus ihrem Strickkostüm fädelte, das der Darstellung aufeinanderfolgender Bewegungsabläufe sich bewegender Körper diente.
Ein komischer Dialog mit Gott
In der Choreografie von Beatrice Panero packte Pasquale Lombardi das begeisterte Publikum mit animalischen Kräften: ausladende, formschön vereinnahmende Bewegungen wechselten sich mit ruckartig zuckender Körpersprache zu zerstörerischen Beats ab und verbildlichten den Jäger, der zum Gejagten wird, den Herrscher, der beherrscht wird.
Die Israelin Tamar Grosz stellte in ihrer Tanzkomödie klar, dass sie keinesfalls auf Begriffe wie Jüdin, Veganerin, Frau oder Lesbe reduziert werden möchte; stark und selbstbewusst trotzte sie in einem Zwiegespräch Gott, der ihr zunächst aus innerer Beklemmnis, aus Zweifeln und Ängsten über sich und die Welt zu helfen versprach – und sie dann doch als hoffnungslosen Fall mit sich alleine ließ.
So manchem stockte der Atem bei der Choreografie „Note for him“. Mit unfassbarer Beweglichkeit und betörender Präsenz beherrschte Simona Machovicová einen Koffer, der für kurze Sequenzen im übertragenen Sinne die kleinen Geheimnisse von Frauen preisgab. Wenn es eine Verschmelzung von Spinnenfrau, Superwoman und clownesker Feengestalt gibt – dann konnte sie an diesem Abend in einer herausragenden slowakischen Tänzerin entdeckt werden.
Erinnerungen an die erste Liebe
Auf ganz andere Weise fesselte Jon Ole Olstad das Publikum: Mit seinen improvisierten Bewegungsabläufen zu Pianomusik gab er tiefe Emotionen preis und nahm das Publikum in die Erinnerungswelt seiner ersten großen Liebe mit. Einer einleitenden Fragerunde an die Zuschauer folgte seine eigene Antwort: Seine Sprache – ganz natürlich und rein – zog wohl jeden in den Bann und schaffte es, eigene Erinnerungen aufleben zu lassen, mindestens aber Erinnerung an die Erinnerung – und damit bedingungsloses Verständnis zu entfachen.
Veranstalter Hans Krottenthaler freut sich über die wachsende Nachfrage bei den Tanzabenden, sieht aber auch Verbesserungsbedarf: „So schön es ist, eine solche Begeisterung zu erfahren, so schade ist es, doch viele Kartenwünsche absagen zu müssen, weil der Platz begrenzt ist“. Ein gutes Zeichen für den Tanz. Und ein Appell an die Stadt und ihre Veranstalter, mehr daraus zu machen. Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2015

 

 

 

Ein weltüberwuchernder Rausch
Die 605 Collectice Dance Company aus Vancouver verdrehte dem Publikum bei den Regensburger Tanztagen völlig den Kopf.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Tempo, Dynamik, Stopp und (E)Motion. Die kanadische 605 Collective Dance Company hat bei den Regensburger Tanztagen im Uni-Theater einer Menge Menschen den Kopf verdreht. Entweder war den Besuchern schwindelig von der enormen Beschleunigung, der sie über eine Stunde ausgesetzt waren. Einige waren von den tiefen Frequenzen und unerbittlich pochenden elektronischen Klängen körperlich durchgerüttelt worden. Und viele wussten erst einmal nicht wohin mit ihrer Faszination, den wirbelnden Bildern und wilden Emotionen.
Die sechsköpfige Truppe aus Vancouver, der ganz im Südwesten des riesigen Landes liegenden Multikulti-Stadt, gehört ohne Zweifel zu den Glanzlichtern der diesjährigen, bereits 18. Ausgabe des internationalen Tanzfestivals. In vier Abschnitten blätterte die Gruppe ihr innovatives „Inheritor Album“ auf. Beklemmende Raum- und Machtsituationen wurden sichtbar. Animalische Bewegungsmuster und wilde Emotionen brachen hervor. Rätselhafte Schwächeanfälle, kollektive motorische Rituale und rasend schnelle Abläufe.
Dieser jede Sekunde neu entstehende Tanz aus unerbittlichem Wettbewerb, nicht-intellektuellem körperlichen Begreifen und unbedingtem Vertrauen riss so gut wie jeden Beobachter fort. Neben Formen und Abläufen, die an eine musikalische Struktur gekoppelt sind, folgte er einer inneren Choreografie, die bis ins vormenschliche Erdzeitalter zurückzugehen schien. Es war ein faszinierendes und erschütterndes Erlebnis, das durch moderne Licht- und Videotechnik und zeitgemäße Musik zwischen Geräusch und Klang keineswegs auf den Kopf gestellt wurde. Im Gegenteil: Grell bohrende Klänge und durchdringend schwere Rhythmen trugen mit animierten Video- und Lichtprojektionen zum berauschenden Eindruck bei.
Moderne und klassische Elemente
Von Anfang an zeigten die drei Tänzerinnen und Tänzer deutlich woher sie kommen und wo sie sich zugehörig fühlen. Ihr Auftritt in T-Shirts und Alltagsklamotten verweist auf eine junge kreative Szene, die Straßenkünste wie Breakdance und Hip-Hop gleichermaßen in ihr künstlerisches Konzept verwebt wie modernes Tanztheater und klassische Elemente. Choreografien und eine eigene Tanzsprache werden gemeinsam im Kollektiv entwickelt. Darin spielt auch die Improvisation eine wichtige Rolle. Erkennbar wird das am ständigen Augenkontakt und blitzschnellen Reaktionen auf die Sprünge, Sprints, Bewegungen und urplötzliche Stopps der jeweils anderen. Manchmal schienen die Tänzer regelrecht zu fliegen, wurden mitten im Sprung von den anderen aufgefangen. In einem anderen Abschnitt des Albums verbanden sie sich zu Gliederfüßlern, während ein unterirdisches Grollen körperlich fassbare Erdbewegungen suggerierte.
Querverbindungen zur Comic-Art, zur SF-Animation und zu östlichen Meditationstechniken ließen diesen Tanzabend zu einer Art Weltüberwucherung werden. Ordnung stellt sich zufällig – manchmal – ein, emotionales Mit- und Durcheinander und körperhaftes Erleben sind die eigentliche Essenz des Lebens. Hinreißend: Das Kollektiv mit Laura Avery, Justine Chambers, Lisa Gelley, Shay Kuebler, Josh Martin, David Raymond (Tanzende), Miwa Matreyek (Video-Animation) und Jason Dubois (Lichtdesign).
Die Regensburger Tanztage enden am Wochenende mit der Solotanznacht internationaler Preisträger am 20. und 21. November, jeweils 20 Uhr, im Theater an der Universität. Mittelbayerische Zeitung, 20.11.2015

 

Verspielte Lolitas und ekstatische Paare
Talente aus München, Linz und Regensburg tippten in der Alten Mälzerei große Themen an: ausdrucksstark und mit jeder Faser.

Von Gabriele Pinkert, MZ
Regensburg. Eine eigene Sparte im Rahmen der Regensburger Tanztage ist speziell den Nachwuchskünstlern gewidmet. In der Rubrik „Junger Tanz“ lag am vergangenen Sonntagabend der Schwerpunkt auf drei Orten und vier Schulen: Mit dabei im Theatersaal der Alten Mälzerei, wo die „Publikumslieblinge“ das Programm bestritten, waren diesmal Tänzer der Iwanson Schule aus München, vom IDA-Institute der Anton Bruckner Universität Linz sowie von den Regensburger Tanzakademien von Helene Krippner und Bonivento Dazzi.
Vor den Worten Rainer-Maria Rilkes „Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag, den reinen Raum vor uns, in den die Blumen unendlich aufgehn. Immer ist es Welt und niemals Nirgends ohne Nicht...“ bewegte sich Amalia Darie zu volkstümlich anmutenden Klängen wie ein Pflänzchen, das sich nach dem Licht reckt. Irgendwann tauchte ein Mann auf, der in einer Parallelwelt zu leben schien.
Zwischen Nähe und Distanz
Die Choreographie stieß philosophische Gedanken an: Wie eine Pflanze, die blühen und sich entwickeln will – so ist es mit der Begegnung zwischen Menschen: die Verbindungen sind da, aber jeder durchlebt stets auch eigene Phasen, weshalb der andere unerkannt bleibt. Darin kann man die Unvollkommenheit genauso wie Schutz vor Übergriffigkeit, vor Vereinnahmung und Verlust der eigenen Persönlichkeit sehen. Es bleibt die Frage: Ist es wert zu leben, wenn man nichts riskiert und deshalb nichts zu verlieren hat?
Mit Jens Trachsel und Francesca Merolla kam dann reinste, fast kindlich anmutende und absolut überzeugende Tanzfreude auf die Bühne, die durchweg begeisterte: Mit ihrem Spiel um einen – teilweise imaginären – Ball stellten sie klar, dass es immer verschiedene Sichtweisen auf die unterschiedlichen Dinge im Leben gibt und jeder individuelle Ansprüche darauf geltend macht.
In „C’est la vie“ ließ Martina Feiertag lauter verspielte Lolitas wie Puppen tanzen und gewährte einen köstlich humorvollen Blick in die Herzenswelt frisch verliebter junger Mädchen. Sie können genauso aufgedreht durch die Gegend quietschen wie unsicher am kurzen Rocksaum nesteln. Sie versuchen sich ladylike auf dem großen Parkett und zerren anschließend im Überschwang der Gefühle aus der schicken Handtasche wie aus einer Brotbox alles erdenklich Essbare, um es in sich hineinzustopfen und endlich völlig erschöpft zu Boden zu sinken.
Ekstase in pixelhaften Sequenzen
Franziska Hillerbrand tastete in ihrem Stück „Moving Unsouth“ den uns zur Verfügung stehenden Raum ab, um zu fragen ob es wirklich die tatsächlich messbare Strecke sein muss, die echte Bewegung ermöglicht.
Leidenschaftlich getanzte Leidenschaft lieferte das Stück „The Purge“ von der Iwanson Schule München: Mit Sprachfetzen und Taschenlampen beleuchtete die Choreografie von Bui Rouch in pixelhaften Ausschnitten Sequenzen ekstatischer Partnerschaft. Und während Enyer Ruiz und Jerca Roznik einen Erklärungsversuch zum Thema Anziehung zwischen zwei Menschen ablieferten, elektrisierten Martina Feiertag und Alessio Burani „Mit jeder Faser“ (so der Titel des Stücks) im wahrsten Sinne des Wortes das Publikum und lieferten aufregende Bilder mit ihren spannungsgeladenen Körpern.
Insgesamt gestattete der gelungene Abend erfrischende Einblicke in den aktuellen jungen Tanz und gab neue Denkanstöße zu großen Themen – in einer Bandbreite und mit so viel Ausdrucksstärke präsentiert, wie man sie gern häufiger auf der Bühne sehen würde. Mittelbayerische Zeitung, 17.11.2015

 

Tanztage starten mit Standing Ovations
Die Deutschlandpremiere der Choreografie „Numb“ von Thea Sosani wird im Regensburger Uni-Theater stürmisch gefeiert.

Von Michael Scheiner
Regensburg.„Es war bombastisch! Vielen Dank.“ Garniert mit einem kleinen Herz hat der erste Facebook-Eintrag bei Thea Sosani die Stimmung des Publikums nach der Deutschlandpremiere von „Numb – Erstarrt“ auf den Punkt gebracht. Es dauerte stockend lange Sekunden, bis die gefangenen Zuschauer im Theater der Universität Luft geholt hatten. Dann brachen sich stürmischer Applaus und Beifallsrufe aber richtiggehend Bahn, begeisterte Jubler sprangen aus ihren Sitzen.
Knapp eineinhalb Stunden dauert das Tanzstück, mit dem die neu formierte Gruppe der georgische Choreografin Thea Sosani vor wenigen Wochen Weltpremiere in Tiflis hatte. Es ist das erste abendfüllende Bühnenwerk Sosanis. Mit einer Videoprojektion verloren wehender Gardinenstores und dreier Mädchen, die unter diffusen schwierigen Bedingungen leben, skizziert sie die Ausgangsbasis. Den durch Lichtkegel markierten Kreisen der isolierten, nunmehr erwachsenen jungen Frauen nähert sich ein junger Mann im Michael-Jackson-Stil. Untermalt und angetrieben von mal heftig groovender moderner Musik, mal geistlichen Chorgesängen beginnt ein heftiges Werben.
Wie Motten umschwirren und umgarnen die Frauen aufgeregt den schicken Adonis (Pasha Darouiche), spannen ihn sich gegenseitig aus, plustern sich auf, werfen sich leidenschaftlich ins Rennen. Bei diesem intensiven Buhlen und tänzerisch ungeheuer emotional, mit viel Witz und mimischer Expression gezeichneten Liebesleben treffen herkömmliche Rollenbilder auf feminines Selbstbewusstsein, schwache auf starke Charaktere, Hysterie auf Dominanz. Auf einmal ist es vorbei. Alles nur eine Illusion? Zerbröselt unter alten Mustern und Konflikten? Bevor sich Depression breit macht, zerrt eine der Frauen – vermutlich Schwestern – zwei Männer aus den Vorhanggängen und wirft sie den anderen vor die Füße. Ein noch intensiveres Spiel um Glück und Leidenschaften beginnt, durchsetzt mit slapstickartigen Bildern, groteskem Gehabe und tänzerisch wie schauspielerisch formulierter Gier nach Lust und Liebe. Auch wenn am Ende wieder Gardinen im Wind wehen: Es bleibt in einem letztlich undurchschaubaren Beziehungsgeflecht offen.
Spannungsreiches Zusammenspiel
Sosani sind Bilder von enormer Eindringlichkeit gelungen. Dem steht die gänzlich unabstrakte, kraftvolle Choreografie, die sie in jederzeit nachvollziehbaren, fesselnden Bewegungen erzählt, in nichts nach. Das Ensemble agiert wie aus einem Guss und geht jede Sekunde voll im spannungsreichen Zusammenspiel auf. Selbst wenn man einige Längen konstatiert – tänzerische Regungen und Ausformulierungen des fünfköpfigen Ensembles machen alles wett.
Den Anfang beim Eröffnungsabend der Regensburger Tanztage machte „Henro Boke – Das Erreichen eines eigentümlichen Gemütszustands“ von und mit Ute Steinberger, dem Leiter der Passauer Tanztage Andy Schlögl und Volker Michl. Inhaltlich orientiert sich die Gemeinschaftsproduktion an Gerald Knolls Reisebericht „Pilgern auf Japanisch“. Unter einer Wäscheleine mit japanischen Schriftzeichen schlüpfen die Tanzenden in (Pilger-)Schuhe, die nicht recht passen wollen. Dieser tänzerische Eindruck prägt am Ende auch die Choreografie als Ganzes. Die verheddert sich trotz interessanter Einfälle und schöner Sololeistungen in tänzerischem Gefälle, Momenten gefährdender Unsicherheit und undurchsichtiger Ideen.
Was völlig fehlte: Ein Begrüßung durch Veranstalter oder einen prominenten Vertreter der Stadt. Das wirkt – ganz anders als die Tanzdarbietungen – etwas stoffelig und unprofessionell. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2015

 

 

Regensburger Tanztage auf dem Höhenflug

FESTIVAL Die Reihe ist regelmäßig ausverkauft. Am 6. November startet Ausgabe 18 - mit vollem Haus. Hans Krottenthaler hat schon mal Nachsachlag organisiert.

Von Marianne Sperb (MZ)
Regensburg. Regensburg ist tanzverliebt. Hans Krottenthaler, Initiator und Organisator der Regensburger Tanztage, merkt das immer im Herbst: Die Tickets für Vorstellungen sind ruckzuck weg. 2014 waren alle acht Termine ausgebucht, selbst á la longue gesehen ist die Quote ähnlich hoch. Am 6. November startet die 18. Auflage mit – genau: einem ausverkauften Abend.
Zwei Teams bestreiten mit außergewöhnlichen Premieren die Eröffnung. Das Trio Ute Steinberger (Regensburg), Volker Michl (München) und Andy Schlögl (Passau) tauchen in „Henro Boke, oder: Das Erreichen eines eigentümlichen Gemütszustands“ in fremde Sitten und Rituale ein. Das Sosani Tanztheater aus Georgien, seit 2009 in Regensburg daheim, umkreist in „Numb – Erstarrt“ die großen Fragen zu Liebe und Leidenschaft an Hand von drei Frauenfiguren. Der Abend markiert eines der Ziele der Reihe: der regionalen Szene eine Plattform zu schenken. „Da sind wir gerne Komplizen und gehen mit Premieren oder Uraufführungen ins Risiko“, sagt Krottenthaler. Er hat schon Nachschlag organisiert: einen Zusatztermin am 8. November.

Neuer, urbaner Tanzstil
Einen zweiten Blick richtet das Tanztage-Team auf den großen Horizont, auf hochklassige nationale oder internationale Produktionen, die den Maßstab setzen und auch die überregionale Resonanz von Publikum und Kritik garantieren. 2015 ist die Aids-Tanzgala ein Zugpferd aus dieser Klasse, unter Leitung von Yuki Mori vom Theater Regensburg und mit Stars etwa aus Italien und der Schweiz. An der Gala lässt sich auch ganz gut der Wandel im Tanz ablesen: Bei der ersten Gala waren noch neun von zehn Choreografien auf Spitze getanzt. Glanzlichter aus der Schublade „international“ setzt außerdem die Solotanznacht der Preisträger, die aus Norwegen, Israel, Russland, Italien und der Slowakei kommen. Der Abend gibt einen Überblick über aktuelle Trends im Tanz und ist „tänzerisch ein Hochgenuss“, so Krottenthaler. Einen eigenen Abend bestreitet die 605 Collective Dance Company aus Kanada mit „Inheritor Album“. Das Ensemble vertritt eine neue Generation, erarbeitet seine Stücke im Kollektiv und greift auf, was sich an neuen, urbanen Tanzstilen entwickelt.
Die Tanztage arbeiten mit einer Reihe Regensburger Einrichtungen. Yuki Moris neuer Tanzkrimi „The House“ vom Theater Regensburg reiht sich in die Tanztage ein. Unter dem Titel „Junger Tanz – Publikumslieblinge“ präsentieren sich Talente etwa aus den Tanzakademien Helene Krippner oder Bonivento-Dazzi. Und in Kooperation mit der Filmgalerie sind 2015 „choreographic captures“ zu sehen, ein neues Format, das Video, Choreografie, Film und Kunst mixt. Die filmischen Miniaturen in Werbeclip-Länge dauern maximal 60 Sekunden. 40 prämierte Kurzstreifen sind in ein Abendpaket geschnürt; im bildstarken Schnelldurchlauf geht’s um politische Themen und Gefühlswelten.

Körperskulpturen in der Altstadt
Erstmals machen die Tanztage einen Ausfallschritt in die Sommersaison hinein: Cie. Willi Dorner aus Österreich besetzen Orte, Plätze, Nischen in der Altstadt, biegen sich zu Körperskulpturen und pflanzen uns neue Bilder von der Welterbestadt in die Köpfe. Das rund um den Globus gefeierte Projekt „Bodies in Urban Spaces“ wurde in Paris, Linz oder auch schon in New York verwirklicht und ist nicht etwa eine Art Tanz-Flashmob: Der Parcours ist vorab festgelegt und sorgsam choreografiert. Witterungsbedingt kommt Willi Dorner erst Ende Juli – und beschert uns unlöschbare Blicke auf die eigene Stadt. Mittelbayerische Zeitung, 24.10.2015

 

Max Goldt: Im Grandhotel der Sprache
Alles eine Frage des Stils: Der Wort-Dandy sucht in Regensburg Schönheit und Wahrheit abseits des großen Flusses.


Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Max Goldt war schon immer eine Diva. Als er vor fünf Jahren in der Mälze signierte, verweigerte er sich leicht indigniert der Bitte, auf der Vorderseite des Booklets seiner neuen CD zu unterschreiben. Der Grafiker habe sich schließlich nicht die ganze Mühe gemacht, damit er nun mit dem dicken schwarzen Edding drübermale. Der Autor blätterte ein Weilchen nach einer in seinen Augen geeigneteren Stelle. Dort erst platzierte er langsam und sorgfältig seine weiten Schnörkel.
Max Goldts über die Jahrzehnte gepflegtes und verfeinertes Stilempfinden verbietet auch das übliche Lesungsfoto, auf dem der Autor sein neues Buch in die Kamera hält. Darum gebeten, schüttelt der 56-Jährige kaum merklich den Kopf. „Nein“, sagt er und lächelt fein und überlegen. Das ist ihm dann doch zu billig. Ohne Buch aber gerne. Goldt ist ein Snob. Er darf das.
Lesungen des Berliners sind Messen des guten Geschmacks, Inseln des klugen, vornehmen Denkens inmitten einer – nicht nur sprachlich – immer verrohteren Welt. Der Witz des langjährigen „Titanic“-Kolumnisten beruht häufig – Eckhard Henscheid nicht unähnlich – auf der enormen Fallhöhe zwischen altmodisch verschraubter, gehobener Sprache und Banalität oder Derbheit des Gegenstands. Seine Sprache ist wie ein elegantes Grandhotel, sein weicher Bariton der weiche, hochflorige Teppich im Foyer, der alles Laute dämpft und in dem man fast versinkt.
Der Spießer schnappt nach Luft
Genießerisch zitiert Goldt die rohen Gesellen und Grobiane, die ihm mehr bellend als sprechend in Bahnabteilen und Supermärkten unterkommen, äfft schnippisch Girlies nach, deren Wortschatz aus kaum mehr als „super“ besteht, wickelt Satzgirlanden um den deutschen Spießer, bis der nach Luft schnappt.
Großes Gelächter ruft in der – überraschenderweise nicht vollständig ausverkauften – Mälze sein Text „Ein Querulant hört was knarren“ hervor, in dem er sich über freizeitgeplagte ältere Herren auslässt, die früher Leserbriefe mit „querulatorischen Interpunktionsexzessen“ verfassten und nun vorzugsweise als Klimabezweifler das Internet zumüllen und die Medien als Lügenpresse beschimpfen. Dabei, so Goldt, sei das Problem der heutigen Medien keineswegs, dass sie lügen, sondern dass sie geschwätzig seien und viel zu viel digitalen Speicherraum zur Verfügung haben.
Ein Kommentar zu Pegida, wie bereits vermutet wurde, ist der Text über das „vagabundierende Oppositionsbedürfnis“ nicht. Goldt hat ihn bereits 2008 verfasst. Er ist eben wirklich, bei aller Komik, ein sehr genauer Beobachter des gesellschaftlichen Alltags – und deshalb vielleicht auch ihr Seismograf.
Ein undogmatischer Oberlehrer
„Räusper“ heißt das nagelneue Buch von Max Goldt, in dem er als Doppelseiten in der Titanic erschienene Comics von Katz & Goldt in Dramolette umgewandelt hat. Darin finden sich wieder schön absurde Gespräche, die eigentlich erst in Goldts Lesung ihre volle Pracht entfalten. Da wird nachts um zwei auf dem Waldkäuzchensteig über Genderfragen diskutiert und ein „lockerer Typ“ pirscht sich in einer „anti-heteronormativen Gaststätte“ an ein Ehepaar heran.
„Keine Lesung ohne Sprachkritik“, sagt Goldt, obwohl er selbst lieber von „Spracherörterung“ spricht. Dumme Angewohnheiten lässt er uns nicht durchgehen. Es gebe Menschen, die einen Kausalzusammenhang gar nicht mehr anders gestalten können als mit der Floskel „von daher“ und es schaffen, sie in nur zwei Minuten fünf Mal zu verwenden, mahnt Goldt. Gleich prüft der schuldbewusste Deutschsprecher still das eigene Vokabular.
Zu lernen gibt es bei Goldt immer allerhand. Zum Beispiel, dass ein Vize immer ein Stellvertreter und ein „Vize-Weltmeister“ deshalb blanker Unsinn ist. Denn seit wann ist der Gescheiterte der Stellvertreter des Siegers? Und altmodisch kann nur etwas sein, das auch wirklich einmal in Mode gewesen ist. Eierstichbrühe zum Beispiel.
Goldt ist Moralist und nicht nur vom Habitus her ein Oberlehrer, ein undogmatischer allerdings. Welche Richtung seine mäandernden Texte einschlagen, ist nie vorhersehbar. Gewiss ist nur: Goldt macht sich mit nichts und niemandem gemein. In das allseitige Gewitzel über die „Schakelines“ aus dem Osten stimmt er nicht ein. „Es grenzt ans Piepegale, wie jemand sein Kind nennt.“ Und der Kaltduscher Goldt wundert sich, warum ein Volk von Warmduschern ausgerechnet diese Vokabel als Beschimpfung verwendet. Der Mainstream plätschert eben häufig in die falsche Richtung.
Mit Goldt lässt man sich in die Nebenflüsse und Umleitungen locken. Und kehrt mit Schätzen zurück: mit „Lebenszähigkeit“, der „grammatischen Todestranssexualität“ und der schönsten aller Aufwachfragen: „Habe ich interessant geträumt oder interessant gelebt?“. Diva kommt eben doch von „göttlich“. Mittelbayerische Zeitung, 30.10.2015

 

Einsamer Held mit rotem Luftballon
„Herz über Kopf“ und mit offenen Armen wird Senkrechtstarter Joris im Regensburger Antoniushaus von seinen Fans empfangen.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Mit dem Liebes- und Kummerlied „Herz über Kopf“ hat Joris Buchholz, der sich auf der Bühne Joris nennt, einen Hit gelandet. Aus dem Stand marrschierte er im Frühjahr mit dem Album „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ und der Singleauskoppelung in die Charts deutschsprachiger Länder. Sein Konzert in Regensburg musste also wegen der großen Nachfrage von der Mälze ins Antoniushaus verlegt werden. Dort startete der smarte Popmusiker mit „Schnee“ – ein leiser nachdenklicher Song, der mit poetischen Bildern die Widersprüche und wechselhaften Stimmungen auf dem Weg ins Erwachsensein offenlegt. Dass er darin vom Ich zum Du springt und imaginierte „Schneeglocken anlegt“ – geschenkt. Sein leicht angerauter, eindringlicher Gesang entschädigt für manche textliche Unebenheit.
Immerhin ist der Multiinstrumentalist, er spielt neben Gitarre auch Klavier und Schlagzeug, erst 25 und muss noch seine Bachelorarbeit für die Popakademie Mannheim abliefern. Dort hat der Musiker auch alle Mitglieder seiner Band kennengelernt, die er beim Konzert kurz mit Vornamen vorstellt. Auf Facebook und der Homepage werden die vier Jungs dagegen ignoriert. Dabei liefern sie den mal flächig-flockigen Indie-Popsound mit der gleichen Leidenschaft, wie sie es bei „Hollywood“ in soulig-ekstatischen Solobeiträgen krachen lassen.
Im Unterschied zu Alexander Lys, der als Support seine anschaulich gehaltenen Songs – „1 Million Dollar Kampf“, „schrei so lauf du kannst“ – über eine Loop-Station mit elektronischen Grooves und Patterns begleitete, präsentiert sich Joris altmodisch. Viele Autoren faseln verzückt von „handgemachter, ehrlicher Musik“, wenn Bands mit Schlagzeug, Gitarren und richtigen Keyboards auftreten – wie Joris und seine exzellente Band.
Natürlich hat die Elektronik auch bei einem so leidenschaftlich auftretenden Musiker ihren Platz. So sampelt Joris Sequenzen seines trunkenen Gesangs und verlängert das Pathos damit in die Unendlichkeit. In der Show vermischt sich unbekümmerter Jungs-Charme mit dem Kitsch eines roten Herz-Luftballons, wüstem instrumentalen Getöse und dem Pathos des einsamen Helden, der mit Hingabe eine sehr einfache Ballade im Walzerrhythmus auf dem Klavier zum Besten gibt. Einige Texte stecken voller schablonenhafter Allgemeinplätze. Aber der Texter, Komponist und angehende Popstar steht ja auch erst am Anfang einer vermutlich steilen Karriere.
Mittelbayerische Zeitung, 7.10.2015

 

U20Slam: Appenzell kann nicht nur Käse
Erste spannende Vorrunden beim U20Slam2015 in der Regensburger Mälze: Die leiseren Texte haben es beim Publikum schwerer.

Regensburg. Nach monatelanger Vorfreude ist der Poetry Slam in Regensburg eingezogen. Die U20-Meisterschaft verwandelt die Stadt in eine Metropole für Sprachkünstler, ein Zentrum junger Poesie. In der Mälze, dem Kulturtempel an den Hängen des Galgenbergs, startete am Donnerstagabend die Vorrunde. 66 Slammer unter 20 Jahren standen gegeneinander an und mussten versuchen, das Publikum auf ihre Seite zu bringen, nur mit der Macht ihrer Worte.
Fünf Jurymitglieder, fünf Paar strenge Augen, die dem Text nach dem Auftritt die entscheidende Wertung zwischen einem und zehn Punkten geben. Fünf Minuten Zeit bleibt den Poeten dazu. Fünf Minuten müssen reichen, dem Publikum das Herz auszuschütten. Danach bleibt nur noch Hoffen, dass es reicht. Im Keller der Mälze war das Licht gedimmt, die Zuhörer saßen auf dem Boden. Die zufällig unter den Gästen ausgewählte Jury mitten unter ihnen. Auf der Bühne machten die Moderatoren Temye Tesfu und Stefan Dörsing, seines Zeichens Vize-„Master of the Uni-Vers“ der Uni Regensburg, Stimmung. Teilnehmer aus dem ganzen deutschsprachigen Raum standen gespannt bereit.
Die Performance kann noch retten
Einen Stock höher liefen die Vorrunden bereits. Unter den elf Teilnehmern im Club der alten Mälzerei waren Slammer aus Berlin, Österreich, und auch aus Regensburg. Sheila Glück, eine der wenigen Hoffnungen für die Regensburger Szene, schaffte den Sprung unter die besten vier, mit 26,3 von 30 möglichen Punkten (Die höchste und niedrigste Wertung der Juroren wird traditionell gestrichen). Die Qualifikation für das Halbfinale am Freitagabend.
Mit ihr wird der Schweizer Joel Perrin auf der Bühne stehen. Er zeigte, dass Appenzeller nicht nur weltbekannten Käse fabrizieren können, sondern auch clevere Sprachkunst. Den knappen Einzug ins Halbfinale hätte er nie erwartet, schließlich hatte er erst Tage zuvor seinen Text geschrieben. Am Ende überzeugte er mit seiner lockeren, ausschweifenden Geschichte über die Armee seiner Heimat Schweiz. „Es geht um die Geschichte, die man erzählt, aber mit der Performance kann man noch viel rausreißen“, gibt er als Tipp weiter.
Unter der deutschen Gürtellinie
Das junge Publikum, von dem zum Teil ein Drittel noch nie auf einem Poetry Slam war, ist laut dem Schweizer Fluch und Segen zugleich. Es ist zum einen sehr unberechenbar und deshalb spannend, auf der anderen Seite gibt es ernster Poesie und künstlerischer Lyrik oft keine Chance. „Leise Texte haben es grundsätzlich schwerer“, erzählt Joel Perrin. Er hat sich für eine lustige Geschichte entschieden, mit vielen Lachern. Wie die meisten Sieger der Vorrunden. Ob Joel den Sprung ins Finale schafft? Er ist skeptisch. Die Konkurrenz ist hart, aber herzlich. „Mir hat vorhin eine Deutsche gesagt, wir Schweizer sind alle so berechnend“, ­­scherzt er. „Ich finde, wir haben einfach einen derberen Humor. Wir gehen auch mal unter die deutsche Gürtellinie.“ Mittelbayersiche Zeitung, 12.6.2015

 

 

Bei Humorlosigkeit hört der Spaß auf
Der Schweizer Schnellsprecher Andreas Thiel lieferte das Finale furioso des Regensburger Comedy-Festivals in der Mälzerei.


Von Stephan Grotz, MZ
Regensburg.Das Outfit von Andreas Thiel ist Programm. Der Schweizer Satiriker betritt die Bühne stets wie aus dem Ei gepellt: im hellen Dreiteiler, mit Schlips – und knallrotem Irokesenschnitt. Die ungewöhnliche Kombination hat ihm bereits zum Titel „Anarchist im Anzug“ verholfen. Eine explosive Mischung war daher beim Regensburger Thurn und Taxis Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei zu erwarten. Am Freitag setzte Thiel dort den Schlusspunkt mit seinem Soloprogramm „Macht, Politsatire 4“.
Die erste Überraschung: Thiel, geboren in Bern, der Hauptstadt des Langsam-Sprechens, beherrscht akzentfreies Hochdeutsch, und zwar in einem Tempo, dass man Mühe hat, dem Satiriker durch den Dschungel seiner Themen zu folgen. Daher lautet sein Tipp: „Bayern ist ein katholischer Kanton. Sie müssen nicht verstehen, sondern nur glauben, was ich sage.“
Wenn man nicht lachen darf, war es kein Witz
Thiel liebt es, mit Tabus zu spielen und Grenzen, auch die des guten Geschmacks, auszuloten. Die Frage ist für ihn nicht, ob man bei einem rassistischen Witz lachen darf – man muss sogar, denn es ist ja ein Witz. Er probiert es gleich aus: „Warum sind Italiener so klein? Weil die Mütter ihren Söhnen immer sagen: Wenn du mal groß bist, musst du arbeiten“. Das Publikum kugelt sich, Experiment gelungen. Das ist übrigens auch der Unterschied zum einem Terroristen: Der Satiriker zielt auf das Zwerchfell seiner Opfer und hat getroffen, wenn das Publikum lacht. Beim Terroristen kann das Opfer nur lachen, wenn der daneben schießt.
Er lacht nicht nur über andere
Humorlosigkeit ist etwas, bei dem Thiel keinen Spaß versteht: „Sie ist die Schwester der Intoleranz und die Tante des Rassismus“. Es gebe mittlerweile so viele Bereiche des täglichen Lebens, die von heiligem Ernst umzäunt sind, die Ernährungsgewohnheiten etwa. Seine entwaffnende Frage an Vegetarier: „Wenn man Tiere nicht essen darf – warum sind sie dann aus Fleisch?“
Am schlimmsten sind Satiriker, wenn sie alles und jeden durch den Kakao ziehen, nur nicht sich selbst. Anders bei Thiel, der seine Grenzen kennt: „Gestern träumte ich elitäres Zeug, was selbst mir zu hoch war. Ich war bei einer Quizshow auf ,arte‘. Habe mich in meinen Träumen wieder einmal übernommen.“ Der Umgang mit der eigenen Beschränktheit ist reine Ansichtssache: „Früher hielt ich mich für gescheiter als die anderen. Nach einem Intelligenztest mußte ich diese Idee aufgeben. Jetzt denke ich: Die meisten sind dümmer als ich.“
Mit Dada auf Island
So richtig überdreht wird Thiels Potpourri mit einer minutenlangen, unglaublich gekonnt vorgetragenen Suada über Island. Der Reisebericht driftet ins Absurde ab: Ein Bauchnabel wird zum See, um den ein Zug herumfährt. Im ersten Waggon sitzt ein Flamingo auf einem Marmeladenglas. Am Endpunkt der Reise „sitze ich und rede mit dem Salat, weil der sein Herz im Kopf hat“. Das ist dadaistische Sprachartistik vom Feinsten. Die Zuschauer quittieren sie mit Gelächter, aber auch mit staunend offenem Mund. „Unglaublich, was man sich mit dieser Frisur alles erlauben darf“, sagt Thiel und grinst ins Publikum. Wenn es wirklich an der Frisur liegt, sollte Andreas Thiel den nächsten Friseurtermin noch etwas hinauszögern. Mittelbayerische Zeitung, 30.3.2015

Alphornblues und Plastiktütenrap
Der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn feiert in Regensburg Wiederauferstehung – mit starker Musik, aber teils mauen Texten.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg.In den Anfangsjahren des Bairisch Diatonischen Jodelwahnsinns vor bald 30 Jahren gab es ein Programm mit dem Titel „Phönix aus der Asche“. Bewahrheiten sollte sich das erst viel später. Die Asche, das war die Zeit seit 2002: das Trio löste sich auf, jeder ging seiner Wege. Wer hätte gedacht, dass 2015 immer noch soviel Glut da ist, dass der Jodelwahnsinn sich noch einmal erhebt? Zwar ohne das Markenzeichen, die rothaarige Monika Drasch mit ihrer grünen Geige. Aber trotzdem wiedererkennbar. Dafür sorgt Petra Amasreiter mit ihrem mühelos vollendeten Geigenspiel. Die beiden Herren, Josef Brustmann und Otto Göttler, sind sowieso noch ganz die Alten.
Und gute Gründe, einen Zwiefachen auf McDonald’s zu singen, gibt es heute höchstens noch mehr als in den 80er, als Dagegensein noch kein Fremdwort war. Und an Abgründen, die sich in der Zwischenzeit aufgetan haben und die besungen sein wollen, fehlt es auch nicht. Der wiedergeborene Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn legt los mit einem atemlosen Facebook-Song („Sie hats gwusst, und er hats gwusst, und du möchst es gern wissen“), spielt zwischendurch einen Nonsenseschweinereiwalzer und landet schließlich bei einem wüsten Schneekanonenrock, der den Irrsinn der Beschneiungsanlagen angemessen in Musik umsetzt.
Die Zuschauer musizieren mit
Jeder der Drei spielt mindestens fünf Instrumente, darunter so ausgefallene wie die Singende Säge, die von Otto Göttler mit dem Geigenbogen gestrichen wird und jaulend-jammernde Töne von sich gibt. Und als ob das noch nicht genug wäre, muss das Publikum auch noch herhalten. Mit Plastiktüten, deren Rascheln sich als astreines Rhythmusinstrument erweist, gern auch als Alphornstütze: Josef Brustmann hievt ein fünf Meter langes Alphorn über die Köpfe der Zuschauer und bittet einen Mann, aufzustehen und das Ende des Alphorns auf seiner Schulter aufruhen zu lassen. Brustmann bläst derweil fast stereo abwechselnd in das Alphorn und in eine Trompete.
Die Sprüch, die vor allem Josef Brustmann zwischendurch zum Besten gibt, hauen einen nicht direkt um („De Dummen moana allerweil, de andern san aa bläd“), und auch die Texte sind nicht immer der Knaller. Da ist ein Gstanzl auf Gustl Mollath schon obere Preisklasse: „Sieben Jahr unschuldig eigsperrt, des is a Sauerei / Aber der Typ von Seitenbacher Müsli is immer no frei!“ Oft muss man sich zufriedengeben mit Versen wie dem auf Sigmund Freud: „Was wär das Leben ohne ihn / Den Mann aus Wien“. Manchmal kommen sie schon sehr harmlos und nett daher.
Es muss gar nicht immer witzig sein
Dabei ist das Trio gesanglich ziemlich klasse. Wie Petra Amasreiter die zweite Stimme zu Josef Brustmann singt und Otto Göttler den Bass dazu, das ergibt einen satten, runden Klang. Aber die Highlights sind dennoch die Instrumentalstücke. Da bleibt der Phönix nicht an irgendwelchen mehr oder weniger gelungenen Textzeilen hängen, sondern hebt wirklich ab, befreit vom Zwang, immer witzig sein zu müssen.
Das Glanzstück des Abends ist der Maxglaner Zigeunerfaschingsmarsch. Wie die Drei diesen melancholisch-munteren Antimarsch (kein Mensch kann auf die Melodie marschieren!) mit zwei Hörnern und der gezupften Geige hinlegen, das ist richtig stark. Und dazu noch die kurze Erläuterung, dass Tobi Reiser, der Erfinder der Stubenmusi und begeisterte Nazi, heute noch als Urheber dieses Stücks gilt und seine Erben immer noch Gema-Gebühren dafür einstreichen.
Ein den Opfern gestohlener Marsch
Die Wahrheit aber ist, dass Tobi Reiser den „Marsch“ von Musikanten des Zigeunerlagers des Salzburger Stadtteils Maxglan abgestaubt hat. Von 1940 bis 1943 waren mehrere hundert Sinti dort interniert. Leni Riefenstahl rekrutierte aus diesem Zwangsarbeitslager ihre Komparsen. 1943 wurden die Gefangenen nach Auschwitz deportiert und ermordet. Mittelbayerische Zeitung, 28.3.2015

 

Lacht kaputt, was euch kaputt macht
Hagen Rether erteilt dem unmündigen Staatsbürger in Regensburg eine bitterböse Lektion. Da bleibt wenig Unterhaltungswert.


Von Stephan Grotz, MZ
Regensburg. Kaum jemand macht so anstrengendes Kabarett wie Hagen Rether. Dabei macht der TV-bekannte Künstler von seiner äußeren Erscheinung her einen ganz entspannenden Eindruck: Anzug, die Haare akkurat zum Pferdeschwanz gekämmt, eine sanfte Stimme, die mit leise vorgetragenem rheinischem Singsang spricht. Am Freitagabend konnten die Zuschauer im ausverkauften Regensburger Antoniushaus erleben, wie schnell sich ein Rheinländer überall zu Hause fühlt. Rether erzählte anfangs jovial von seinen Eindrücken in der Domstadt: „Herrliches Wetter, tolle Cafés – ich war dann noch ein bisschen am Rhein spazieren.“
Doch Hagen Rether ist nicht gekommen, um beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival ein paar hinterfotzige Nettigkeiten zu verbreiten. Sogleich ist er bei seinem Thema: „Und sonst? Wie ist die Freiheit?“ Rethers Tipp: Die Freiheit genießen, solange es noch geht. „So satt und so sicher waren wir noch nie. Besser wird’s nicht mehr.“ Das verdeutlicht Rether mit einer Litanei der geschundenen Staaten von Syrien über Sierra Leone, von der Ukraine bis zum Jemen. Obwohl: So richtig umgehen mit unserer Freiheit können wir eigentlich auch nicht.
Statt entspannter Gelassenheit gibt es überall Druck und unnötigen Zwang in unserer Gesellschaft: Möglichst jung das Abitur machen! Dabei werden die Menschen heute 90 Jahre alt, und so stehen die Jungen erst mal „rum im Leben“. Kaum können sie dann was, werden sie mit 61 Jahren aus dem Berufsleben gekegelt. Das Ergebnis: Die händeringend gesuchten Fachkräfte sind dann „noch 30 Jahre lang mit den Stöcken im Wald unterwegs“.
Wir rennen den falschen Ideologien hinterher
Das Schlimmste bei dieser Fixierung auf die Frühe ist: sie macht aggressiv und uns zu Wutbürgern. Eine Wurzel des Übels ist der viel zu frühe Schulbeginn am Morgen. Aber Rether weiß: „Der frühe Vogel fängt höchstens den frühen Wurm. Den späten bekommt er gar nicht zu sehen.“ Doch statt zu relaxen, rennen wir den falschen Ideologien hinterher, die die Medien in den Talkshows verkünden und die sie in den Politmagazinen dann auseinandernehmen. Kein Wunder, dass jetzt ein paar Redliche Ernst machen in der Blockupy-Bewegung. Was sind da schon ein paar brennende Autos in Frankfurt gegenüber Getreidespekulationen an den Börsen, die ganze Landstriche dem Hungertod preisgeben? „Linke Gewalt“ markiert daher für Rether einen Qualitätsunterschied gegenüber der „rechten Gewalt“. Das demolierte Schaufenster bei einem Juwelier ist nur Sachbeschädigung; ein farbiges Kind aus der U-Bahn zu werfen, ist Mord. Wer den Unterschied nicht bemerkt, hat einen „Jägerzaun im Kopf“.
Doch den Zaun hat niemand anderer aufgestellt als wir selbst: Wir haben uns nach Rethers Diagnose selbst stillgestellt in der Komfortzone, saturiert sind wir in die Selbstentmündigung geglitten. Für unsere Bequemlichkeit ist uns nichts zu schade, auch nicht unsere Freiheit. Ironie des Ganzen: Wir wissen das alle längst, wir regen uns auch auf – und wir machen weiter wie bisher.
Zu viel Ernst und Zorn schaden
Gift und Galle spuckt Hagen Rether im sanften Ton. Er möchte nicht beitragen zur wohlfeilen kabarettistischen Veräppelung von gerade angesagten Politikern und Medienstars. Dafür ist Rether das Kabarett viel zu heilig, als dass er es in die Niederungen einer konsensfähigen Comedy zerren möchte. Humor darf nicht den Untertanengeist befördern – sonst belächelt man die Politiker bloß , anstatt sie zu bekämpfen. Der Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse darf aber auch nichts Verkrampftes und Pedantisches an sich haben. Zu viel Ernst und Zorn schaden auch: „Was reg’ ich mich auf?!“, fragt sich Hagen Rether immer wieder selbst.
Es ist eine Art Gesinnungshumor mit gesellschaftlichem Auftrag, den Hagen Rether seinem Publikum präsentiert. Lachen, weil es lustig ist, wäre viel zu einfach. Amüsement geht hier nur mit der richtigen – politischen und sozialkritischen – Einstellung. Lacht kaputt, was euch kaputt macht. Das kann auf die Dauer sehr anstrengend sein. Mittelbayerische Zeitung, 23.3.2015


Hagen Rether und United Comedy

Hagen Rether, 1969 in Bukarest geboren, lebt in Essen. Er hat zahlreiche Preise erhalten. Seit 2002 ist er Mitglied des Netzwerks attac, der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und unterstützt Medica mondiale. Markante Requisiten seiner Auftritte sind ein Konzertflügel, den er „gelangweilt“ und akribisch reinigt, Putzlappen, Reinigungsspray und Bananen. Hagen Rether ist regelmäßig Gast in Sendungen wie „Mitternachtsspitzen“, Neues aus der Anstalt“ und „Satire Gipfel“.

Beim 20. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival „United Comedy 2015“ feiert der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn sein Comeback: am Donnerstag, 26. März, 20 Uhr, in der Alten Mälzerei Regensburg. Finale: Andreas Thiel, Schweizer Satiriker und Anarchist im Anzug, präsentiert sein tiefschwarzes Programm „Macht, Politsatire 4“: am Freitag, 27. März, 20.30 Uhr, in der Alten Mälzerei. Karten: Alte Mälzerei, (09 41) 78 88 10 und www.alte-maelzerei.de. Mittelbayerische Zeitung, 23.3.2015

 

 

Ein virtuoser Hofnarr mit Flügeln
Der Blonde Engel aus Linz beim Kleinkunstfestival in der Alten Mälzerei Regensburg: Er singt um sein Leben – und gewinnt.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Immerhin: wenn man bei Google „Blonder Engel“ eingibt, spuckt die Internetkrake fünf Bilder aus, und drei davon sind ein Treffer. Sie zeigen einen sehr schlanken jungen Mann mit entblößtem Oberkörper, langen blonden Haaren und aerodynamischer Brille, der zur Gitarre singt. Ach ja, und Flügel hat er auch noch. Mit anderen Worten: das, was der Mann als solcher in den letzten 100 000 Jahren mit dem Begriff blonder Engel verbunden hat, ist auf dem absteigenden Ast. Und der Blonde Engel aus Linz ist auf dem Vormarsch. Am Donnerstagabend hat er die Alte Mälzerei geentert, beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival 2015. Mit links.
„Griaßeich“, sagt der Blonde Engel, und ab da redet er ungelogen drei Stunden in einem atemberaubenden Tempo auf seine Zuhörer ein. Also wenn er nicht gerade singt. Genauer gesagt: Dann, wenn er gerade singt, ganz besonders, denn der Blonde Engel unterbricht sich andauernd selbst, erklärt diese Textzeile, übersetzt jenes österreichische Dialektwort, erzählt zwischen dritter und vierter Strophe noch schnell einen kleinen Roman. Und kommt kurz auf das Klischee vom morbiden Wien und den hypochondrischen Wienern zu sprechen. Warum Klischee? Naja, wenn man sich Angela Merkels Mundwinkel anschaut, müsste die eigentlich eine Wienerin sein.
Er erinnert an eine Figur von Woody Allen
Irgendwie erinnert der Blonde Engel an den Hofnarren, den Woody Allen in seinem Film „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ 1972 gespielt hat: ein Unterhaltungskünstler, der eigentlich mit der Königin anbandelt, aber an deren Keuschheitsgürtel scheitert, und im übrigen um sein Leben singt und feixt. Denn wenn der König bei einem Scherz nicht lachen sollte, wird der Hofnarr geköpft, vielmehr: Der Hofnarr wird so und so geköpft, zu offensichtlich sind seine Absichten, den Keuschheitsgürtel der Königin zu überwinden. Hofnarr ist natürlich die altertümliche Bezeichnung. Heute heißt das Comedian. Enthauptet wird er am Schluss trotzdem. So also ist das zu verstehen mit dem Passauer Scharfrichterbeil. Der Blonde Engel hat den Kabarett-Preis 2013 schon mal gewonnen.
Gleichzeitig lässt der Blonde Engel immer wieder Ludwig Hirsch anklingen, die leisen, dunkelgrauen Lieder, die indes jeden Moment umkippen können zur Parodie ihrer selbst. Und auf einmal meint man, Heino zu hören, wie er Rammstein rauf und runter rammentert. Das tiefe C schafft der Blonde Engel locker. Und das entsprechende Metal-Rock-Begleitgewummer würde er auch jederzeit hinkriegen, allein mit seiner exzellent beherrschten Gitarre. Die wiederum tauscht er schon mal flugs mit einem Banjo und singt flott von seiner Sehnsucht, ein Countryboy zu sein – nur, dass ihm seine Gräserallergie einen Strich durch die Rechnung macht.
Manchmal verliert er sich in billige Kalauer
Leider verliert sich der Blonde Barde mehr als einmal in billige Kalauer. Manche sind so trist („I bin der Liederschreibermafioso, in meim Gitarrenkoffer drin, da liegt a Gwehr“), dass man unwillkürlich Troubadix beim Festbankett vor Augen hat, gefesselt und geknebelt: Nein, du wirst nicht singen! Aber dann entschädigt er einen wieder mit einer traurigen Ballade in D-Dur, in der er das deutsch-österreichische Verhältnis auf den Punkt bringt: „Die gemeinsame Sprache ist letztendlich, was uns trennt.“ Wohl wahr! Wieviel einfacher wäre es, wenn in Wien Chinesisch gesprochen würde! Man würde sich gegenseitig mit Respekt gegenübertreten. Kein bayerischer Finanzminister würde auf die Idee kommen, gegenüber der österreichischen Bundesregierung einen überheblichen Ton anzuschlagen.
Sagenhaft des Blonden Engels Talent, aus ein paar vom Publikum zugerufenen Stichwörtern einen Blues zu komponieren. Friedhof, Klimawandel, Alufelge, Sandkasten, Kakteen, Lufthansa-Streik – der blonde Engel macht sich auf der Stelle einen Reim drauf. Und als Zugabe erscheint er dann tatsächlich noch mit nacktem Oberkörper und weißen Federflügeln. Singt den „Ismus-Boogie“, analysiert gleich Josef Hader den deutschen Schlager und vollendet zu guter Letzt Schlauhard Karpfendeal mit einer Hymne auf den Radldynamo: „Dynamo-dy-na-mo“ Das Publikum leuchtet auf wie hundert Radllichter. Mittelbayerische Zeitung, 21.3.2015


United Comedy 2015

Beim 20. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival „United Comedy 2015“ feiert der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn sein Comeback. Im Programm „Die Zeit ist reif!“ bewegt sich das Trio auf dem Pfad der anarchischen Volksmusik: etwa mit Zither, Diatonischer Harmonika, Konzertina, Geige, Gitarre, Ukulele, Trompete und Tuba: am Donnerstag, 26. März, 20 Uhr, in der Alten Mälzerei.

Andreas Thiel, Schweizer Satiriker und Anarchist im Anzug, präsentiert sein tiefschwarzes Programm „Macht, Politsatire 4“. Darin geht es um Politik, Tod und Champagner – ein Abend voller Intellekt, Geist, Hinter- und Wahnsinn. Thiel erhielt den Salzburger Stier, den Schweizer KleinKunstPreis und den Deutschen Kabarettpreis. Er gastiert am Freitag, 27. März, 20.30 Uhr,

 

 

 

Raum für eine bunte, junge Stadtkultur
Ein Film vom ersten Popkultur Festival Regensburgs zeigt, was eine lebendige Kultur braucht. Und was Kreative machen müssen: sich Freiheiten nehmen.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Vor nicht allzu langer Zeit machte Regensburg nach außen hin einen spießigen, piefigen, konservativen Eindruck, schildert der Popmusikbeauftragte der Stadt, Säm Wagner, vor laufender Kamera seinen Eindruck von der scheinbar in der Stadt vorherrschenden Haltung: „Ja nicht irgendwie zu viel erlauben!“. „Doch ich glaube, dass sich das in letzter Zeit wieder ein bisschen ändert“, liefert Wagner den optimalen Einstieg für einen Film, in dem die Weltkulturerbestadt nur so strotzt vor kreativer Potenz, Buntheit und Vielgestaltigkeit.
Drei Tage dauerte im Oktober 2014 das erste Regensburger Popkultur Festival „Push 2014“. Drei Kameraleute bannten die Ereignisse auf Film, führten 26 Interviews, und schufen so mit ihrem Streifen nicht nur das Bild eines mehr als erfolgreichen Festivaldebüts, sondern fassten Statements der jungen Generation von Kulturschaffenden und Kreativen in Wort und Bild. Der Film „Popkultur in Regensburg – Freiheiten muss man sich nehmen“ ist somit weit mehr als eine Dokumentation. Er ist, wie Kulturamtsleiterin Christiana Schmidbauer bei der Presse-Preview des Films in Bezug auf das von Stadt und Kulturzentrum Alte Mälzerei veranstalteten Festivals sagt, „ein Spiegelbild dessen, was junge Kultur selbst ermöglichen kann.“
Das Lebensgefühl in Regensburg
Die Idee zu dem Film hatten Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei und Regisseur Werner Damböck. „Das Festival sollte zeigen, was die junge Kulturszene in der Stadt zu bieten hat.“ Doch über all die Konzerte, Theateracts, Kleinkunst-, Tanz- und Literaturveranstaltungen, Partys, Kunstaktionen, Workshops, Kreativmesse und Vernetzungsangebote hinaus, die „Push 2014“ geboten hat, wollten die Veranstalter auch wissen, was die jungen Kreativen bewegt, was sie denken. „Welche Probleme, welche Träume, Wünsche und Vorstellungen haben sie. Wie ist ihr Lebensgefühl in Regensburg?“, fragte Hans Krottenthaler. Dem spürt der Film nach. „Er ist eine Momentaufnahme des jungen Kulturlebens in dieser Stadt.“
22 Stunden Material wurden an den drei Festivaltagen gedreht, erzählt Damböck, und zu 45 Minuten verdichtet. Gekonnt schlägt der Film den Bogen von anfänglichen Vorstellungen über Reaktionen während der Veranstaltungen bis hin zu Ausblicken, welche neuen Kontakte und welch neues Selbstbewusstsein der Szene durch das Festival entstanden sind, und schließlich: was Kreative in Regensburg brauchen. Wer meint, hier mit einem platten Image-Film konfrontiert zu werden, der irrt gewaltig. Zu ernsthaft ist der Zugriff, zu wenig lobhudelnd und vielmehr analytisch der Blick der sich äußernden Künstler, Besucher und Kuratoren. Der Dokumentarfilm, der am Sonntag um 17 Uhr im Leeren Beutel der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist gut als eigenständiger Beitrag eines Film- oder Kulturfestivals denkbar.
Wer den Film über das Festival sieht, bekommt die ganze Bandbreite kreativer Ausdrucksmöglichkeiten vor Augen geführt. Und versteht sofort – auch dank der Bilder schlangestehender Festivalbesucher, die gerne noch Einlass in einen der Spielorte bekommen hätten –, dass der Event nach einer Neuauflage schreit. Die Schmidbauer im Pressegespräch gerne ankündigte.
Demnach planen die Veranstalter ein zweites „Push“-Festival 2016 und dann alle zwei Jahre eine Fortsetzung. In der nächsten Kulturausschusssitzung soll darüber beraten werden. Welches Budget für „Pushµ“ zu veranschlagen sein wird, hängt von der Konzeption ab. Das Debütfestival kostete laut Schmidbauer 89 000 Euro.
Eine schöne Community
Gut investiertes Geld, wenn man Künstler und Besucher fragt. „Ja, darauf hat Regensburg gewartet,“ sagt Kontrabassistin Ulrike Dirschl von den „Diamond Dogs“ im Film, und meint damit nicht nur die Bühne, die das Festival bietet, sondern auch die Möglichkeiten der Kreativen, sich zu vernetzen: „Es entsteht eine schöne Community“.
„Es ist ein Netzwerk“, bestätigt Insa Wiese von der Kurzfilmwoche: „Die Leute verstehen sich unter einander, weil sie wissen, in welcher Situation der andere jeweils ist, und das ist dann wieder so eine kleine Entschädigung, für das, was man macht. Aber natürlich kann man sich dafür kein Brot kaufen.“ Erik Grun macht trotzdem Filme: „Wenn ich warten würde wie alle Leute in München oder Berlin, bis es Filmförderung gibt, würde ich dasitzen und gar nichts machen.“
Der Film zeichnet in unzähligen Interviews die Beweggründe nach, warum die Kreativen Kultur machen, warum der „Einstiegsdroge Popkultur“, wie Mitorganisator Wagner sie nennt, ein eigenes Festival gewidmet wird. Warum es gar nicht so leicht ist, für Popkultur zu begeistern, „an der Schraube zu drehen“, wie Slamer Thomas Spitzer sagt. Kritisch wird beleuchtet, welche Bedingungen Kreative in der Mittelaltermetropole heute vorfinden. Und warum die Altstadt nicht nur für Tourismus Platz haben sollte. Gefragt wird nach Stärken und Defiziten dieser Stadt aus Sicht der Kulturschaffenden.
Mangelnder Raum für Probentätigkeit und Aufführungen, für Jonglagen oder die Aktivitäten des Parkour e.V. wird als ein Hauptproblem genannt. Aber auch der mangelnde Freiraum für neues Denken, das Infragestellen und gesellschaftliche Reflexion, den Florian Gmeiner vom Verein Scants of Grace anmahnt. OB Joachim Wolbergs wird mit dem Satz zitiert: „Wir wollen in dieser Stadt in Zukunft wieder etwas freier werden.“ Die treibende Kraft hierzu muss vom Volk ausgehen, ist Architekt und Designer Van Bo Le-Mentzel überzeugt. Und Künstler Jörg Haala sorgt für den Untertitel des Films, indem er resümiert: „Das Schöne an Regensburg ist, dass es viel Freiheit gibt, man muss sie sich nur nehmen!“ Mittelbayerische Zeitung, 11.3.2015

 

Der Wahnsinn hat Methode
Heinz Strunk bläut den Regensburgern sein Strunk-Prinzip ein wie ein übermotivierter Motivationstrainer – nur viel lustiger.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg 1758 veröffentlichte Benjamin Franklin seine verhängnisvolle Schrift „Der Weg zum Reichtum“, die Blaupause aller Motivationsgurus bis zum heutigen Tag. Die Botschaft des Gründervaters der USA: Mit der richtigen Einstellung und ununterbrochen harter Arbeit kann jeder alles erreichen. Gottes Segen ruht auf den Wuseligen und den Emsigen, so sie nur an sich selbst glauben.
Doch Gott sah, dass es gar nicht gut war. Er beobachtete das schändliche Treiben der Motivationstrainer mit Missfallen, er langte sich an den Kopf angesichts der Bereitschaft des Publikums, ihnen auch noch den letzten Bullshit abzukaufen. Und nach 250 Jahren hatte Gott ein Einsehen und schickte Heinz
Strunk auf die Erde, auf dass zumindest den Deutschen die Augen aufgingen über all die Schlawiner und Scharlatane, die ihnen das Blaue vom Himmel versprachen, sobald sie nur hart genug an sich arbeiten würden.
Irrsinn bis zum Anschlag
Also kam Heinz Strunk am Sonntagabend in die Mälzerei und wusch der vollzählig versammelten Gemeinde gehörig den Kopf. „Aufnehmen – bewerten – handeln!“ wiederholt eine Stimme aus dem Lautsprecher ohne Unterlass, und sie duldet keinen Widerspruch. Auftritt Heinz Strunk: schwarzes Sakko, schwarze Weste, schwarze Krawatte, schwarze Schuhe, strenges Gesicht – das Publikum pariert. „Ich war traurig, weil ich keine Schuhe hatte – bis ich einen sah, der keine Beine hatte!“ Unglück? Armut? Verwahrlosung? Zählt alles nicht! Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!
Die Heinz-Strunk-Show hämmert einem das Strunk-Prinzip ein, bis es einem aus den Ohren wieder rauskommt. Erst dann hat der Mann ein Einsehen und fällt kurz aus der Rolle: „Wie fanden Sie das jetzt: peinlich oder unsympathisch? Oder beides?“ Erlöstes Lachen im Saal, allzu echt wirkte der Teufelstrip. So mancher reale Guru ist nicht so gut wie Strunk. Strunk lässt es richtig krachen, lässt nicht locker, treibt den Irrsinn bis zum Anschlag, verzieht keine Miene.
Auch das Nuscheln hat Methode
Und dabei kriegt man bei Heinz Strunk wenigstens was für sein Geld. Welcher Motivationstrainer spielt schon zwischendurch auf der Querflöte auf, und zwar durchaus virtuos? Und viel lustiger als bei den originalen Lebenshilfeheinis ist es auch. Ohne Strunks Tiernummer zu kennen, wird man nie erfahren, warum ein Pferd dumm wie ein Pferd ist. Oder dass die Dinosaurier wegen ihrer langen Leitung ausgestorben sind – der Hals war entschieden zu lang. Bis die Signale vom Hirn im Rumpf und in den Beinen ankamen, war die anvisierte Beute längst über alle Berge. Auf jeden Fall waren es nicht die Hämorrhoideneinschläge, die den Dinosauriern den Garaus machten.
Hämorrhoideneinschläge? Vermutlich hätte das Meteoriten- oder Asteroideneinschläge heißen sollen, Heinz Strunk nuschelt wie die Sau. Irgendwann entschuldigt er sich dafür, aber das ist der blanke Hohn, denn das Nuscheln ist natürlich reine Absicht. In der Nummer „Alarmstufe Rahmstufe“ ist seine Artikulation am Ende völlig in Auflösung begriffen. Es ist alles haarfein ausgezirkelt: das Entscheidende versteht man eben doch. Zum Beispiel, dass der gebürtige Hamburger seit einem halben Jahr „Fruktarier“ ist, sprich: er isst „Nur das, was der Baum freiwillig hergibt“. Man ahnt, worauf das hinausläuft: „Veganer sind für mich Mörder! Pflanzen haben keinen Mund zu schreien!“
Mit Knarre und Querflöte
Heinz Strunk engagiert sich auch für die Verbrechensbekämpfung. Die beste Prävention besteht darin, nach Möglichkeit das Haus nicht zu verlassen. Und: „Sprechen Sie niemals mit Fremden! Falls Sie von einer unbekannten Person angesprochen werden sollten, stechen Sie ihr sofort mit den Fingern in die Augen, um sie kampfunfähig zu machen!“ Zu diesem Verbrecher-Rap zwängt sich Strunk eigens in einen purpurroten Kapuzenpulli mit Häftlingsnummer auf der Brust, streift Ganovenkappe und Augenmaske über und fuchtelt mit Knarre und Querflöte den Takt dazu. Als er den roten Kapuzenpulli wieder auszieht, sieht er einen Moment lang aus wie ein Richter des Bundesverfassungsgerichts, der seine rote Robe abstreift. Später, als er Roger Whittaker mit „Albany“ und „Eloisa“ wiederaufleben lässt, erinnert er auf einmal an Otto Schily. „Ein Gentleman ist jemand, der Akkordeon spielen kann, aber es nicht tut.“ Sagt Heinz Strunk, als er das Akkordeon wieder ablegt. Und lässt nach zwei Stunden paradoxer Intervention (inklusive zwei Zugaben) von seinem Publikum ab, das sich zerzaust, aber glücklich aus den Stühlen hochrappelt. Mittelbayerische Zeitung, 9.3.2015

 

 

Mitten ins schwarze Herz Niederbayerns
Sebastian Daller und Band begeistern die ausverkaufte Mälzerei zum Auftakt des 20. Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg „Des is mei Kommunionanzug, der passt ma recht schee. Wer a Lederhosn braucht zum Bayerischsei, soll aufs Oktoberfest geh!“ Sebastian Daller macht gleich zur Begrüßung klar, was hier gespielt wird. Der Publikumsliebling des letzten Internationalen Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei eröffnete am Samstag die Jubiläumsausgabe: 20 Jahre Kabarett, über 500 Künstler aus 16 Ländern! Dieses Jahr kommen sie aus Großbritannien, Belgien, Österreich, der Schweiz und Deutschland. Und zum Auftakt – ein Niederbayer: Sebastian Daller aus Teugn, einem Bauerndorf südwestlich von Regensburg.
Genau so gehört es sich, und Sebastian Daller und seine Band, die Geigerin Sophie Meier und der Tubabläser Sebastian Meier, werden dem internationalen Anspruch mühelos gerecht. Da sitzt jeder Ton, und die Texte treffen buchstäblich ins Schwarze – ins schwarze Herz Niederbayerns. Aus dem Teil Bayerns, der als der dumpfbackigste gilt, kommt der galligste und sarkastischste Widerstand, und nebenbei die schönste Musik.
Doch zurück zum Oktoberfest. Sebastian Daller hat es ins Bierzelt geschafft, vor sich „eine soachwarme Mass Bier“, aber das ist eh schon egal, denn er sitzt so eingekeilt am Biertisch, dass er die Hand gar nicht zum Krug bringt. Links und rechts „zwei stinkende, besoffene Australier“, von denen sich am Schluss rausstellt: „Des warn Oberpfälzer, de ham nur so undeutlich gredt.“
Käfighaltung im Bierzelt
Da schweift sein Blick zum Hendlgrill, und neidisch sieht er: Die toten Hühner haben im Vergleich zu ihm deutlich mehr Platz! Es folgt der Perspektivwechsel, die sich drehenden Hendl schauen auf die Massen an den Biertischen. Die Welt aus der Sicht eines Grillhendls: „Zammpfercht sitzens da, eahna Arsch schaut hinten naus, ja für mich schaut des verdächtig nach Käfighaltung aus!“
Sebastian Daller, bekannt auch aus dem SchleichFernsehen, hat das Publikum von Anfang an im Griff, und er lässt es zwei Stunden lang nicht mehr aus. Zwischendurch appelliert er schon mal an die niederen Instinkte seiner Zuhörer, aber gerade, wenn dann die ersten losprusten, kriegen sie gleich wieder eine kalte Dusche ab: So war das nicht gemeint! So haarfein austariert zwischen gschert und kultiviert, zwischen subtil und saugrob kommen seine Moritaten daher, und immer in feinstem Niederbayerisch – wer traut sich das schon! Oberbayerisch ist hipp, Oberpfälzisch immerhin exotisch, von Schwäbisch und Fränkisch zu schweigen: damit kommt jeder Kabarettist gut an – aber niederbayerisch? Sebastian Daller singt und spricht es bis in die letzten Nuancen derart perfekt, dass es eine wahre Lust ist, ihm zuzuhören.
Ein Regensburger Totentanz
Und zwischendurch immer wieder Instrumentalstücke: Zwiefache, Walzer, Polka, mit so schönen Titeln wie: „Wem ghört denn des Kraut?“ Und genauso, wie Dallers Texte das Gegenteil von handelsüblicher Comedy sind, ist die Musik dieses Trios das Gegenteil von Volksmusik à la Hansi Hinterseer. Nur Geigerin Sophie Meier geht gegenüber Dallers Akkordeon ein bisschen unter, Wastl Meiers flotte Tuba dagegen treibt die Gstanzl und Schnaderhüpfl munter voran.
Nie wird so viel gelogen, wie vor einer Wahl, während einer Beerdigung und nach einer Jagd. Entlang dieser alten Weisheit hangelt sich Sebastian Daller, im Zivilberuf Lehrer für Deutsch und Latein, durch die Widrigkeiten der Welt im Großen und im Kleinen. „In Regensburg is heut Ü-30-Party, da tanzen die, die glaubn, jetz is dann aus!“ Daraus entspinnt sich ein „Regensburger Totentanz“ auf die Melodie von „Sentimental Journey“, eingeleitet von Rilkes Totentanz-Gedicht und mit einem schauerlichen Finale.
Die Welt wird wieder zurechtgerückt
Da kann sich Sebastian Daller nicht recht entscheiden: Sein berechtigter Spott auf den ewigen Jugendwahn und sein allzu gnadenloser Blick auf die Vergänglichkeit beißen sich naturgemäß. Aber das verzeiht man ihm genauso wie so manchen Ausrutscher und billigen Kalauer mit Bart („Egal, wie dicht du warst, Goethe war dichter“). Denn dieser Sebastian Daller und seine Band rücken die Welt auf eine so unbekümmerte und unverfrorene Art und Weise wieder zurecht, dass sie vom Publikum erst nach der dritten Zugabe (u.a. „Jambalaya“ auf niederbayerisch) entlassen werden. Mittelbayerische Zeitung, 23.2.2015

 

 

Lachen auf höchstem Niveau
United Comedy feiert Geburtstag: Seit 1995 bietet die Regensburger Reihe exzellenten Humor. Und oft war sie ein Sprungbrett.



Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. Das Konzept war auch vor 20 Jahren gut. Aber dass das „Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival“ so ein Erfolg würde, hätten seine Initiatoren kaum vermutet. Als Hans Krottenthaler, Joachim Wolbergs und die Brauerei-Vertriebsgesellschaft Thurn und Taxis die Reihe 1995 aus der Taufe hoben, wollten sie vor allem eines: ein Kleinkunstfestival, das anders ist als die anderen. International sollte es sein, vielseitig und ausgestattet mit Spitzenkünstlern und Newcomern, erinnerte sich der künstlerische Leiter Hans Krottenthaler am Freitag in der Alten Mälzerei, wo er das Jubiläumsprogramm vorstellte.
„Humor kennt keine Grenzen“, sagt Krottenthaler. „Wir laden international ein und fördern regional.“ Vor 20 Jahren wurde der erste Thurn und Taxis Kabarettpreis verliehen. Alle zwei Jahre wird die Auszeichnung vergeben, bisher etwa an Cracks wie Lizzy Aumeier, Hannes Ringlstetter oder Max Uthoff. Oft war Regensburg das Sprungbrett auf die große Bühne.

Comedy gegen Nebelwetter
„United Comedy findet statt, wenn in Regensburg der Nebel die Gemüter drückt“, scherzt Krottenthaler, also zwischen Fasching und Ostern, heuer von 21. Februar bis 27. März. Das Festival ist weit mehr als eine Reihe Kabarettabende: Es ist die konzentrierte und hoch dosierte Melange komödiantischer Kulturen. Musikkabarett hat ebenso seinen Platz wie die US-Stand-up-Comedy-Tradition, Wort-Satire, politisches Kabarett oder Theatralisch-Komödiantisches. Dazu kommen seit Jahren der stets ausverkaufte Poetry-Super-Slam und das Kräftemessen der „Improtheater Großmächte“.
In 20 Jahren haben gut 500 Künstler aus 16 Ländern für Unterhaltung pur gesorgt und das auf unbestritten hohem Niveau. „Wir haben uns einen Namen gemacht“, sagt Krottenthaler. „Das Publikum weiß genau, die Künstler sind hervorragend, selbst wenn ihm die Namen unbekannt sind.“ Umgekehrt schätzten auch die Künstler die Atmosphäre der Spielstätte. „Die Alte Mälzerei ist ja eher eine Wirtshausbühne mit sehr viel Nähe zum Publikum“, sagt Krottenthaler.

Auftakt mit Daller und Bänd
Alle Vorstellungen 2015 sind in der Alten Mälzerei zu erleben, die Ausnahme ist Hagen Rether: Er weicht am 20. März wegen großer Nachfrage ins Antoniushaus aus. Den Auftakt am 21. Februar bestreiten Daller und Bänd. Sebastian Daller führt musikalisch in die Abgründe der niederbayerischen Provinz.
Das Festival versammelt eine Reihe von Kabarett-Größen: Rebecca Carrington und Colin Brown reisen mit britischem Musikkabarett vom Feinsten an, außerdem sind Heinz Strunk, das Improtheater Fastfood, das Theater im Bahnhof, der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn und Nobel-Punk Andreas Thiel aus der Schweiz dabei. Als Neuentdeckungen präsentiert United Comedy 2015 den Stand-up-Comedian Oliver Sanrey (Belgien) und „Blonder Engel“ aus Linz.
United Comedy startet am Samstag, 21. Februar, 20.30 Uhr, in der Alten Mälzerei, Telefon (09 41) 78 88 10, www.alte-maelzerei.de. Mittelbayeriche Zeitung, 7.2.2015

 

 

Heinz Strunk und der Jodelwahnsinn
Das Internationale T&T-Kleinkunstfestival in Regensburg feiert 20. Geburtstag, etwa mit Hagen Rether und einem Blondem Engel.

Regensburg. Zwischen Fasching und Ostern wird Regensburg traditionell zum Schauplatz feiner Unterhaltung: Das Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival der Alten Mälzerei hat sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt internationaler Komik auf die Bühne zu bringen. Unter dem Titel „United Comedy“ bringt das Festival in diesem Jahr – zum 20. Mal – eine Auswahl herausragender Künstler aus mehreren Ländern zu einem einzigartigen Lachprogramm aus Kabarett, Comedy, Slapstick, Satire, Improvisationstheater und Musik auf die Bühne.

Seit der Premiere 1996 waren weit mehr als 500 Künstler aus 16 Ländern zu erleben. Auch das diesjährige Jubiläumsfestival bietet vom 21. Februar bis zum 27. März spannende Neuentdeckungen und Stars der Szene.

Heinz Strunk mit neuer Show
Den Eröffnungsabend am 21. Februar bestreiten die Lokalmatadoren Sebastian Daller und Bänd, gefolgt vom international gefeierten britischen Music-Comedy-Duo Carrington-Brown (28. Februar) und dem belgischen Senkrechtstarter der Stand Up-Comedy Olivier Sanrey (7. März). Weiter geht es mit der neuen Show des Entertainers Heinz Strunk (8. März) und dem Gipfeltreffen der beiden besten deutschsprachigen Improtheater-Teams Fastfood aus München und Theater im Bahnhof aus Graz (14. März).

Andreas Thiel zum Abschluss
Mit von der Partie ist Österreichs Comedy-Überflieger Blonder Engel (19. März) und einer der unzweifelbar größten Kabarettisten unserer Zeit, Hagen Rether (20. März). Auf dem Programm steht wieder der internationale Dichterwettstreit Poetry Super Slam (21. März), dazu das Comeback der Volksmusik-Anarchisten Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn (26. März) sowie der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Polit-Satiriker Andreas Thiel (27. März) zum Abschluss des Festivals.

Ausführliche Programm-Informationen gibt es unter www.alte-maelzerei.de; Kartenvorverkauf an den bekannten Vorverkaufsstellen und in der Alten Mälzerei, Telefon (09 41) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 14.1.2015

 

Wohnzimmerabend mit zwei guten Kumpels
Das Regensburger Publikum bedankt sich bei Werner Schmidbauer und Martin Kälberer stehend für musikalische Glücksmomente.

Von Ralf Strasser, MZ

Regensburg. Was alles entstehen kann, wenn der Kopf mal ganz frei ist. „Nach der Süden-Tour wollte ich raus aus der Musik, einfach nur weg“: Werner Schmidbauer hatte gerade vor 10 000 Menschen mit seinem musikalischen Weggefährten Martin Kälberer und Pippo Pollina in Verona gespielt. Danach war er auf der Flucht. Keine Lieder, keine Musik. Gelandet ist er in Istanbul, im Mekka der Kulturen und – natürlich – der Musik. Dort zwischen Asien und Europa, erzählt er, ist er eingetaucht, hat vier Tage lang musikalische Momente gesammelt, neue Ideen für neue Songs. Zuhause fragt er sich: „Wo bleibt die Musik?“ Er setzt sich hin – und produziert die Scheibe mit der Frage im Titel, sein vielleicht bestes Album.
Diese Geschichte erzählt Schmidbauer im Audimax, vor knapp 1000 Zuhörern. „Griaß eich“, sagt der verschmitzt lächelnde und gut gelaunte Schmidbauer, der auch mit weißem Haar und ein paar Pfund mehr auf den Hüften nichts von seinem pfiffigen Charme verloren hat. Und schon gar nichts an der unverwechselbaren Stimme, ebensowenig wie den von Martin Kälberer mitgeprägtem Sound.

„Dahoam“ in Regensburg
Der Münchner ist wieder „dahoam“ und meint damit auch Regensburg, wo er seine erste Live-CD aufgenommen hat, in der Mälze, vor noch überschaubarem Publikum. Jetzt spielt er in großen Hallen wie dem Audimax. „Schwer zu beschallen“, meint er lächelnd. Auch wenn eine intimere Stimmung besser zu Blues, Folk und den musikalischen Geschichten Schmidbauers passen würde: Es gelingt, die gute Stimmung von der Bühne ins Auditorium zu vermitteln.Mit „Ois is guat“ beginnt ein Abend, der auch einen Querschnitt aus 30 Jahren musikalischen Schaffens bietet. Das Hallengefühl verschwindet schnell, irgendwann fühlt man sich wie im Wohnzimmer und genießt die Poesie, den Humor und den Optimismus, den Schmidbauer mit seinem kongenialen Kumpel Kälberer auf der Bühne auslebt. Mit musikalischen Momenten, die einem guten Wein ähneln: je älter desto besser. Aber die jungen Augenblicke reifen zu Klassikern heran und werden genossen.

Ein Seelenstreichler
Schmidbauer ist ein Seelenstreichler, seine Handmade-Lieder eine Wohlfühlsammlung von schönen, poetischen, optimistischen und spaßigen Augenblicken. Er singt vom Süden, seiner Begegnung mit sich selbst („I bin dahi“), kramt in seinen Erinnerungen („Glück g’habt“), fordert dazu auf, den Refrain seiner Hommage an Nelson Mandela auf Suaheli zu singen. Auch Istanbul bekommt seine Liebeserklärung, und Schmidbauer erinnert mit seinem „Strandlied“ an die Zeit, als er, 21 Jahre jung, als Surflehrer im fernen Afrika unterwegs war. Multiinstrumentalist Martin Kälberer steuert magische Momente bei. Etwa mit seinem Hang, das an einen zusammengeschweißten Doppel-Wok in d-Moll erinnert. Zwischen den Noten plaudert Schmidbauer, etwa über seinen Kassettenrekorder, auf dem sein Lieblingshit „One“ von U2 bis zum finalen Bandsalat lief. Klare Sache, dass er ihn auf Bairisch vertont hat.
Toller Auftritt von Valerie McCleary
Das Beste zum Schluss: Valerie McCleary, in Belfast geboren, des Bairischen mächtig und schon Ende der 1970er Jahre mit Schmidbauer und Ecco Meineke als Trio Folksfest auf Tour, später mit den SchmidbauerS auch in Regensburg. Sie feiert am Konzertabend ihren 68. Geburtstag. Ihr Wunsch: Zuhören im Audimax. Der Wunsch ging in Erfüllung, allerdings auf der Bühne. Da stand sie nun zwischen Kälberer und Schmidbauer, sang wie in alten Zeiten mit einer Bluesstimme zum Niederknien. Das taten die Zuhörer in Regensburg allerdings nicht. Sie standen lieber auf. Am Ende gab es Standing Ovations für Werner Schmidbauer und Martin Kälberer (und Valerie), die das mit einem „Wow“ kommentierten. Mittelbayerische Zeitung, 12.1.2015

 

 

KONZERT DES JAHRES 2014

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2014 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2014 heißt: LA BRASS BANDA (zum zweiten Mal nach 2009) - vor FIVA & BAND, DEAR READER, JAMARAM und HENRIK FREISCHLADER. Gratulation in den Chiemgau. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2013 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014)

 

 

Ein Punker in Nadelstreifen
Vielen Dank für die Blümeranz: Herr Nagel sieht harmlos aus. Das täuscht, wie jetzt in Regensburg zu erleben war.

Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg Woran erkennt man einen Punk? Am giftgrünen Hahnenkamm? An den akkurat zerrissenen Klamotten, am Anarcho-A? Alles falsch! Punk ist eine innere Haltung.
Es gibt astreine Punks in Nadelstreifen, es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass der derzeitige Papst in seiner weißen Soutane ein heimlicher Punk ist, während so mancher, der im perfekten Punk-Dresscode daherkommt, in Wahrheit eine Spießer- und Krämerseele ist. Und es gibt Ausschlusskriterien: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass eine Milliardärin, die sich die Haare blau färbt, ins Punkerparadies eingeht.
Das muss man wissen, wenn man auf eine Lesung von Herrn Nagel geht. Der Mann ist nämlich konventionell gekleidet: Anzug und Hemd, und er gebärdet sich auch nicht irgendwie rebellisch. Sondern sitzt ruhig da in der Kellerbar der Alten Mälzerei, zeigt Fotos von seinen Reisen auf der Leinwand und erzählt und liest selbst erlebte Geschichten dazu. Die Geschichten fangen teilweise auch noch harmlos an, wie die Story aus dem Wiener Nobelhotel, in dem alles so bemüht auf „jung-vital-individuell-vernetzt“ getrimmt ist, dass Herrn Nagel allmählich dämmert, in welcher Falle er hier gelandet ist: in der Jetset-Business-Punk-Falle. Selbst im Aufzug steht auf der Fußmatte noch der umwerfende Gag: „claustrophobic therapy center“. Die natürliche Reaktion eines echten Punks – nicht auf den Aufzug, sondern auf die Fußmatte – ist der Fluchtreflex: Wo ist denn hier der Notausgang?
Subtile Töne statt knalliger Pointen
Ein Punk ist jemand, der spürt, wenn eine Umarmung in Wirklichkeit ein Schwitzkasten ist. Ein schreibender Punk wird misstrauisch, wenn er in der Presse als „Anarchoautor“ bezeichnet wird. Herr Nagel wirft den Zeitungsausschnitt belustigt an die Wand. Davon wird ihm eher blümerant. Der Sänger und Gitarrist der Punkband Muff Potter (seligen Angedenkens), der mit „Wo die wilden Maden graben“ (2007) und „Was kostet die Welt“ (2010) bereits zwei Romane vorgelegt hat, ist in seinen Texten nicht auf knallige Pointen aus. Er pflegt die leisen, subtilen Töne. Nagel erzählt von der Studentin, die ihn in Vancouver auf der Straße anspricht und ihm als erstes ihre Spiegelreflexkamera schenkt. Vorsicht, denkt er sich, die hat einen Hau. Aber er rennt nicht gleich davon, und es stellt sich raus: die Frau hat Gründe für ihr seltsames Verhalten. Auch in Kiew, Istanbul und New Orleans betreibt Herr Nagel ethnologische Studien. Doch der definitive Abschuss ist Gießen.
„Hessen is a place on earth“ ist eine göttlich-gottlose Abrechnung mit den evangelikalen Kleinstadtfundamentalisten, die es jederzeit mit der Scharia-Polizei aufnehmen können. Der wunderbare Text wird im März in Herrn Nagels neuem Buch erscheinen, Info: www.nagel2000.de. Mittelbayerische Zeitung, 19.12.2014

 

 

Und noch ein Lebenshilfewalzer in Moll
Die am meisten überschätzte Band Bayerns: „Kofelgschroa“ in der Alten Mälzerei in Regensburg. Die Fans jubeln. Warum nur?


Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg Kofelgschroa ist „die hinreißendste Band Bayerns“, schwärmt die Muh jetzt wieder. Die vier jungen Musikanten aus Oberammergau „verkörpern so etwas wie die samtene Revolution in der Volksmusik“, jubelte die Zeitschrift für „bayerische Aspekte“ bereits 2012: „Die Schöngeister der modernen Volksmusik könnten schon lange viel mehr sein als der ewig heiße Tipp“ – wenn sie nur wollten. Nachdem soeben ihre zweite Platte erschienen ist („Zaun“, Trikont), spielten sie am Sonntag auf Einladung der Buchhandlung Dombrowsky in der ausverkauften Mälzerei.
Anselm Grün im Tourbus
Doch was im mollig warmen Muh-Milieu gleich als „Oberland und Underground“ gehandelt wird, als „musikalische Ursuppe zwischen dem Existenzialismus des Montmartre und der Lebensfreude Südosteuropas“, entpuppt sich bei näherem Hinhören als bodenständige Blaskapelle von vier kreuzbraven Burschen, die sich für jedes halbwegs flottere Stück umgehend mit zwei tranigen, ziagerten und vor allem: schwerphilosophischen Liedern bestrafen müssen.
Da spielen sie zur Begrüßung gleich das beste Stück von der neuen Platte, dessen Text nur immer das Lamento „Und dann warn wieda Leit do / und dann hat’s ma wieda leid do“ wiederholt, und das in einem zündenden Drive, angetrieben von Martin von Mückes unermüdlicher Basstuba. Aber wie das so ist in Oberammergau – die Buße für jede noch so unschuldige Ausschweifung folgt auf dem Fuß, hier in Gestalt der Songs „Mainzelmo“ und „Blume“, bei denen einem musikalisch die Füße einschlafen, vom Text ganz zu schweigen. „Und jeda Dog sollt a Gschenk sei, / aber ned oiwei sieg i’s ei – ob’s war a Rucksack oder Gschenk, / seng ma nach wenn ma gstorbn sen.“ Existenzialismus des Montmartre? Naja, im Tourbus von Kofelgschroa liegt, wie in dem Dokumentarfilm mit dem aufgeblasenen Titel „Frei.Sein.Wollen“ zu sehen ist, Erbauungsliteratur von Anselm Grün.
Ein Lebenshilfewalzer
Oder der wunderbar kirremachende Rap „I sog ned aso, und i sog ned aso, ned dass irgendwer song kunnt, i sog so oder so“. Und dann wie die Faust aufs Auge der Titelsong der neuen CD: ein moralisch triefender Lebenshilfewalzer in Moll, ein Klagelied über Zäune und Mauern, die Menschen voneinander trennen, dass einem die Tränen kommen – geht’s noch angepasster? Von wegen samtene Revolution – in Oberammergau gilt man halt schon als umstürzlerisch, wenn man im Trachtenverein vorschriftswidrig ohne Wadlstrümpf erscheint oder statt dem braunkarierten Einheitshemd ein hellblaukariertes trägt. Mittelbayerische Zeitung, 8.12.2014

 

Konzert des Jahres 2014
Nach THE NOTWIST im letzten Jahr bieten wir für 2014 zur Auswahl: Die Goldenen Zitronen, Hans Söllner, Willy Michl, Dear Reader, Jahcoustix, Käptn Peng, Mathias Kellner, Che Sudaka, Peter Pan Speedrock, Manel, König Leopold, Iriepathie, Rhino Bucket , Tram Des Balkans, Phrasenmäher, Bratsch, Rainer Von Vielen, GlasBlasSing Quntett, Adjiri Odametey, Monsters Of Liedermaching, Simeon Soul Charger, Jamaram, Mothers Finest, AMI, Jens Friebe, Chris Columbus, Judith Holofernes, Henrik Freischlader, MarieMarie, The Aggrolites, Die Nerven, Young Chinese Dogs, The Ex, Dota & Band, Ganes, La Brass Banda, Fiva & Band, Kofelgschroa, Kellner, und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2014 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2013:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013)

 

Kraftvoll und federleicht
Die Junior Company des Bayerischen Staatsballetts zeigte beim Finale der Regensburger Tanztage absolute Perfektion.


Von Thomas Göttinger, MZ

Regensburg „Ein glücklicher Tänzer ist ein tanzender Tänzer.“ Münchens Ballettdirektor Ivan Liška brauchte am Sonntagabend im Velodrom nicht viele Worte, um den Zweck der Junior Company seines Bayerischen Staatsballetts auf den Punkt zu bringen. Den hoch talentierten und handverlesenen Nachwuchs vorzubereiten auf die Spitzen-Compagnien dieser Welt, ihn „einsatzbereit“ zu machen, wie Liška sagte, und ihn gleichzeitig Bühnenerfahrung sammeln zu lassen, darum geht es. Dass die jungen Damen und Herren zwischen 18 und 21 Jahren schon jetzt auf verdammt hohem Niveau unterwegs sind, reicht eben nicht – absolute Perfektion ist das Ziel!
Na ja, viel fehlt da nicht mehr. Die gerne auch mal mit „Staatsballett II“ betitelte Truppe hat zum Abschluss der Tanztage in Regensburg jedenfalls ein tänzerisches Feuerwerk sondergleichen abgebrannt. Ein funkensprühender Streifzug durch den Choreografien-Kanon war’s, zwei Stunden wie aus dem Lehrbuch, nur deutlich unterhaltsamer, aufregender, faszinierender.
Spiel von Anziehung und Abstoßung
Schon der Auftakt mit Hans van Manens „Concertante“ machte Staunen. Die der Choreographie eigene Mischung aus Humor und Aggressivität, vor allem aber die feine Ironisierung der Geschlechterrollen, mit der van Manen, immerhin Mitbegründer des „Nederlands Dans Theaters“, jongliert, gelang bis in kleinste Gesten hinein vorzüglich. Eine wunderbare Mischung aus Kraft, ja Gewalt, und Leichtigkeit tat sich da auf, ein hoch virtuoses Spiel aus Anziehung und Abstoßung, das federleicht serviert wurde und immer wieder auch die Vergänglichkeit tänzerischer Momentaufnahmen erfahrbar machte.
Mussorgskys Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ geht natürlich da in eine ganz andere Richtung, erst recht, wenn, wie in der Gemeinschaftschoreographie von Norbert Graf, Ayman Harper und Ivan Liška, die Gemälde und Zeichnungen von Viktor Hartmann, die Mussorgsky im Kopf hatte, durch Werke aus dem 20. Jahrhundert ersetzt werden. Roy Liechtenstein, Joseph Beuys, Yves Klein, Pablo Picasso, Jackson Pollock oder Jeff Koons getanzt – auch das funktionierte am Sonntag ganz ausgezeichnet. Bissig, witzig, mitunter auch brachial oder exaltiert arbeitete sich das Ensemble durch die Bewegung gewordenen Bilderwelten, bewies, dass selbst im „Fat Suit“ oder im Raumanzug Tanz nicht nur möglich, sondern auch eindrucksvoll ist.
Schwanensee verhohnepiepelt
Nach so viel Zeitgenössischem gab’s nach der Pause einen Abstecher in den Neoklassizismus George Balanchines. Seine berühmte Kurzchoreographie „Valse Fantaisie“, ein Hochfest puren Tanzes, noch ganz in der Tradition verhaftet, aber das Bewegungsrepertoire schon deutlich öffnend, wurde da einmal mehr mit bezwingender Schwerelosigkeit und grandioser Akkuratesse auf die Bühne gebracht. Als scharfer Kontrast dazu schließlich Nacho Duatos „Jardi Tancat“ nach katalanischen Liedern von Maria del Mar Bonet, archaisch, kraftvoll und ohne jede folkloristische Anwandlung umgesetzt.
Das Publikum zum Rasen gebracht hatte kurz zuvor freilich die kultivierte Verhohnepiepelung des Balletts aller Ballette, Tschaikowskys „Schwanensee“ nämlich. In seiner Choreographie „Intuition Blast“ entwickelt Ralf Jaroschinski nämlich aus dem Walzer des ersten Aktes einen verdammt verzwickten „Pass de deux“ für zwei Kerle, der längst weltweit zum Renner wurde. Derart verschmitzt, ja lausbubenhaft, wie ihn Alexander Bennett und Simon Jones im Velodrom zelebriert haben, in dieser köstlichen Mischung aus jugendlicher Überheblichkeit und Unsicherheit, aus Prahlerei und Peinlichberührtsein bekommt man ihn freilich nur selten zu sehen.
Kein Wunder also, dass die Zuschauer am Sonntag aus dem Häuschen waren, als schlussendlich auch noch der zur Choreographie gehörende „Tanz der vier kleinen Schwäne“ aus dem zweiten Akt drauf gesetzt wurde. Ach ja, kleine Schwäne – was für ein schönes Bild für diese Junior Company! Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2014

Resümee 2014: Acht Veranstaltungen und alle acht ausverkauft – das muss den „Regensburger Tanztagen“ erst mal ein anderes Festival nachmachen. Organisator Hans Krottenthaler zeigte sich im Gespräch mit der MZ denn auch hoch erfreut über die Resonanz und zog eine rundweg positive Bilanz der Tanztage 2014. Was Krottenthaler besonders begeistert: das Publikum. „Es gibt in Regensburg ein großartiges Publikum für Tanz“, sagt er. „Es ist ein unglaublich tanzbegeistertes Publikum, wie es sehr selten vorkommt.“ Und das sei etwas, dass auch die Gast-Compagnien von außerhalb spürten. Vor allem aber sei es ein sehr heterogenes Publikum, nicht die üblichen Verdächtigen eben, darf man schlussfolgern, eines, das laut Krottenthaler auch schon mal bis aus Passau, Landshut oder Neumarkt anreist.

Die Tanztage 2015: Bei dem enormen Zuspruch den die Tanztage erfahre drängt sich für den Mälze-Chef nun die Überlegung auf, mit Veranstaltungen auch über das Festival hinaus zu gehen. Das ist natürlich zuallererst eine finanzielle Frage, jedoch kann Krottenthaler sich vorstellen, dass große Compagnien bei Lücken im Tourneeplan auch für etwas kleineres Geld zu haben seien. Ein erstes Gespräch dazu hat es offenbar schon gegeben. (ttg)

Köstliches Spiel mit Kopfkondom
Ein reicher Abend: Die Aids-Tanzgala in Regensburg präsentierte mitreißende Produktionen. Der Beifall wollte kaum enden.


Von Michael Scheiner, MZ

Regensburg Von Pas de deux zu Pas de deux, von Kompanie zu Kompanie, bei der Aids-Tanzgala konnte sich das hellauf begeisterte Publikum kaum mehr entscheiden, wie der Beifall noch zu steigern wäre. Auch Moderator Ivica Novakovic wiederholte ein ums andere Mal: „Einfach toll, oder?!“.
Die 12. Ausgabe des Spendenevents war bis zum Rand prall gefüllt mit mitreißenden Choreografien, packenden Emotionen, sinnlichen und humorvollen Eindrücken und von einer tänzerischen Qualität, bei der man sich zeitweise kaum vorstellen konnte, dass sie zu toppen wäre.
Dabei fiel gleich das erste Duo, eine Uraufführung von Yuki Mori, ins Wasser, weil die Tänzerin Pauline Torzuoli krankheitsbedingt ausfiel. Statt das Duo einfach zu streichen, fühlte sich der Regensburger Ballettchef herausfordert. Innerhalb von nur vier Tagen entwickelte er eine neue, fesselnde Choreografie zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, die er auch noch selbst mittanzte. Zwischen heftig wirbelnder Exaltiertheit und zarten Momente voller Innigkeit überwältigte der Pas de deux mit emotionaler Wucht. Zwar merkte man dem Tanz hie und da an, dass er mit heißer Nadel gestrickt worden war, doch das wertet die unglaubliche künstlerische und tänzerische Leistung um kein Jota ab.
Solo zu kühler Tropfenmusik
Der musikalisch-klangliche Kontrast zu „The Memory of Water“ war enorm. Zur novemberkühlen elektronischen Tropfenmusik „Miss You“ von Trentemollar tanzte die 41-jährige Kroatin Masa Kolar, die auch die Choreografie entwickelt hat, ein athletisches Solo. Zwischen introspektiven Traumfiguren und kraftvoller Tugendhaftigkeit setzte sie Akzente mit traditionellen Ballettschritten. „Keine Fuge gleicht der anderen…“ erschien als Textprojektion zur „Kunst der Fuge“ von Bach, zu der Alexandra Karabelas „A.s Round Dance“ choreografiert hat. Marie Lykkemark und Tina Essel tanzten den Pas de deux, der spannungsvoll um Anziehung und Abstoßung, Selbstdarstellung und Identitätsfindung kreist. Mit Karabelas war erstmals eine regionale Künstlerin eingeladen, um den Blick in die Ferne zurück zu lenken. „Zudem passt es zum Thema Partnerschaft, unter dem das Theaterjahr steht“, unterstrich Novakovic in seiner Ansage.
Packend und voller Dramatik waren die drei Duette aus „Peer Gynt“, einer Choreografie von Stijn Celis für das Tanzensemble des Saarländischen Staatstheaters. Begeistert wurde auch ein Ausschnitt aus Yuki Moris „Don Quijote“ aufgenommen. Zur minimalartigen Klaviermusik von Ludovico Einaudi zog das Regensburger Tanzensemble die Zuschauer unwiderstehlich in eine grau-blaue Traumwelt des verliebten Singles Don Quijote.
Leichtfüßig und verträumt
Nach der Pause schossen Fabien Prioville, der bei Pina Bausch getanzt hat, und Pascal Merighi mit ihrem umwerfend komischen „Experiment on Chatting Bodies“ den Vogel ab. Zwischen plakativer Machoattitüde und einem köstlichen Spiel mit Kopfkondom – über den Kopf gezogenen und aufgeblasenen Plastiktüten – entfalteten die großartigen Tänzer eine fast stofflich spürbare, mitreißende Präsenz.
Dagegen hatte es die nicht weniger beeindruckende Iratxe Ansa aus Barcelona mit der Uraufführung von „El Sonido de mi Cuerpo en la Quietud“ (Der Klang meines Körpers in der Stille) etwas schwer. Zu elegischer Musik von Max Richter ging die gebürtige Baskin mit kunstvoller Ungelenkheit, rasend-manischen Gesten und grotesker Überzeichnung bis an die Grenze einer schmerzhaften Beklemmung: eine tief beeindruckende Auseinandersetzung mit Schizophrenie.
Leichtfüßig, heiter und verträumt schwebend tanzte das bunt gekleidete Paar Tamako Akiyma und Dimo Kirilov Milev (Choreografie „Aimless“) zu einer wunderbaren Rumba des Gitarristen Marc Ribot. Köstlich war das aus dem Off trocken und pointiert kommentierte Duett aus „Cacti“ (Choreografie: Xin Peng Wang) zu Musik von Joseph Haydn, absolut hinreißend getanzt von Risa Tateishi und Arsen Azatyan vom Ballett Dortmund.
Den Abschluss des reichen Tanzabends im Velodrom bestritt die Schweizerin Olive Lopez mit dem Solo „Slapdash“ des Niederländers und Forsythe-Schülers Maurice Causey – eine weitere Uraufführung. Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2014

 

Uthoffs Munition sind knallharte Fakten
„Der Anwalt“ teilt in Regensburg aus. Mit Präzision und gnadenlos zugespitzt entlarvt er Politikerphrasen und Propaganda.
Von Flora Jädicke, MZ

Regensburg Im Dunkel des Antoniushauses quäkt nerventötend ein Megafon. Der Mann, der es hält, klopft Sprüche, einer hohler als der Andere. „Der soziale Friede ist ein hohes Gut“ oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Das Wesentliche ist unsichtbar, ist nicht Teil der Straßenverkehrsordnung, sagt Max Uthoff.
In kurzer, knapper Folge knattern die Phrasen schrill durch den Saal. Fast hat man das Gefühl, überrollt zu werden von einem Schwall weichgespülter vermeintlicher Wahrheiten, die Politiker, Wirtschaftsbosse und Medien jahraus, jahrein in deutsche Köpfe trichtern. „Wer immer dasselbe sagt, hat Recht“, sagt Uthoff im voll besetzten Saal. Wirklich? Das bedarf dringend einer Gegendarstellung. Unter diesem Titel tritt Max Uthoff, vielen bekannt als Anwalt aus der ZDF-Show „Die Anstalt“, in seinem neuen Soloprogramm in Regensburg an.
Leise, scharf und knallhart brillant
Für die „Gegendarstellung“ greift der Jurist und ehemalige Rechtsanwalt auf Fakten zurück, die Politiker und Medien nur allzu oft vorenthalten. Der smarte Endvierziger im schwarzen Anzug, der so aussieht, als habe er den Gerichtssaal eben erst verlassen, klagt an. Dabei macht er vor nichts halt: nicht vor den medialen Entgleisungen sogenannter Qualitätsmedien, nicht vor gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und auch nicht vor den Auswüchsen in der politischen Kaste.
Dabei könnte die Welt so einfach sein. „Welch hopfenumrankte Freude könnten wir täglich in den Nachrichten erleben, würden sich nicht immer die schwächlichen Rhesusäffchen anderer Parteien dem natürlichen Führungsanspruch des Silberrückens aus Ingolstadt entgegenwerfen?!“ Uthoff will aufklären, sich gemeinsam mit dem Publikum den „Obszönitäten der herrschenden Klasse“ entgegenstellen und Zweifel säen am Diktat der falschen Harmonie.
Der Kabarettist macht seine Sache leise. Das große Tamtam der Comedy ist nicht sein Stil, wohl aber knallharte Analyse und die scharfe Zuspitzung in fein geschliffenen Worten. Messerscharf seziert er die deutsche Parteienlandschaft. Uthoff nennt die Grünen die zurzeit größte Kriegstreiberpartei Deutschlands, die SPD eine „Sammelbewegung zur Proletarier-Demütigung, Sigmar Gabriel „to big to fail“, und Angela Merkel eine Concierge in einer Bundesregierung, die zwar noch so heiße, aber längst in eine Stiftung überführt worden sei. „Dort sorgt sie nun peinlich genau dafür, dass die in den oberen Etagen nicht gestört werden von denen in den unteren.“
Bei näherem Hinsehen wenig lustig
Auch Joachim Gauck, die alte „Präsidentenhaubitze aus Rostock“, bleibt nicht verschont. Im Gegenteil: Der preisgekrönte Kabarettist sorgt sich um die Debatte in der deutschen Außenpolitik und um Gaucks Forderung nach mehr Bundeswehreinsätzen. „Wieso ist es eigentlich normal, wenn wir wieder mitschießen?“, fragt Uthoff und legt schonungslos die Verstrickungen von Waffenexporten und Politik offen. Aber er sieht auch Licht am Ende des Tunnels. In der Anstellung des ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Dirk Niebel als Lobbyist bei Rheinmetall etwa: „So eine Pfeife in der Rüstungsindustrie, ist vielleicht die letzte Chance für den Pazifismus.“
Max Uthoffs Sarkasmus sorgt immer wieder für schallendes Gelächter. Aber vielen erstirbt das Lachen auch im Hals. Denn was Uthoff penibel recherchiert hat, ist bei näherem Hinsehen alles andere als lustig. Ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident (Winfried Kretschmann) habe die Menschenrechte (Sinti-und-Roma-Abschiebung) der Mülltrennung zugeführt und das Verständnis vieler Deutscher für Flüchtlinge in der Nachbarschaft halte sich in den Grenzen von 1937. Die Mini-Opposition der Linken im Bundestag müsse sich von Wolf Biermann ansingen lassen – „einst Regimekritiker, heute Regierungsbarde“. Und mancher würde Gerhard Schröders Wirtschaftsderegulierung und nachhaltigen Hartz-IV-Systemumbau gerne als Treppenwitz der Geschichte abtun. Aber Uthoffs Munition sind Fakten. Glasklar in der Sprache und hoch unterhaltsam katapultieren sie den Geist aus der Komfortzone des Denkens. Ein Kabarettabend mit Max Uthoff ist definitiv das Ende der Gemütlichkeit in deutschen Oberstübchen. Atemberaubend gut! Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2014

 

Uthoffs Munition sind knallharte Fakten
„Der Anwalt“ teilt in Regensburg aus. Mit Präzision und gnadenlos zugespitzt entlarvt er Politikerphrasen und Propaganda.


Von Flora Jädicke, MZ

Regensburg Im Dunkel des Antoniushauses quäkt nerventötend ein Megafon. Der Mann, der es hält, klopft Sprüche, einer hohler als der Andere. „Der soziale Friede ist ein hohes Gut“ oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Das Wesentliche ist unsichtbar, ist nicht Teil der Straßenverkehrsordnung, sagt Max Uthoff.
In kurzer, knapper Folge knattern die Phrasen schrill durch den Saal. Fast hat man das Gefühl, überrollt zu werden von einem Schwall weichgespülter vermeintlicher Wahrheiten, die Politiker, Wirtschaftsbosse und Medien jahraus, jahrein in deutsche Köpfe trichtern. „Wer immer dasselbe sagt, hat Recht“, sagt Uthoff im voll besetzten Saal. Wirklich? Das bedarf dringend einer Gegendarstellung. Unter diesem Titel tritt Max Uthoff, vielen bekannt als Anwalt aus der ZDF-Show „Die Anstalt“, in seinem neuen Soloprogramm in Regensburg an.
Leise, scharf und knallhart brillant
Für die „Gegendarstellung“ greift der Jurist und ehemalige Rechtsanwalt auf Fakten zurück, die Politiker und Medien nur allzu oft vorenthalten. Der smarte Endvierziger im schwarzen Anzug, der so aussieht, als habe er den Gerichtssaal eben erst verlassen, klagt an. Dabei macht er vor nichts halt: nicht vor den medialen Entgleisungen sogenannter Qualitätsmedien, nicht vor gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und auch nicht vor den Auswüchsen in der politischen Kaste.
Dabei könnte die Welt so einfach sein. „Welch hopfenumrankte Freude könnten wir täglich in den Nachrichten erleben, würden sich nicht immer die schwächlichen Rhesusäffchen anderer Parteien dem natürlichen Führungsanspruch des Silberrückens aus Ingolstadt entgegenwerfen?!“ Uthoff will aufklären, sich gemeinsam mit dem Publikum den „Obszönitäten der herrschenden Klasse“ entgegenstellen und Zweifel säen am Diktat der falschen Harmonie.
Der Kabarettist macht seine Sache leise. Das große Tamtam der Comedy ist nicht sein Stil, wohl aber knallharte Analyse und die scharfe Zuspitzung in fein geschliffenen Worten. Messerscharf seziert er die deutsche Parteienlandschaft. Uthoff nennt die Grünen die zurzeit größte Kriegstreiberpartei Deutschlands, die SPD eine „Sammelbewegung zur Proletarier-Demütigung, Sigmar Gabriel „to big to fail“, und Angela Merkel eine Concierge in einer Bundesregierung, die zwar noch so heiße, aber längst in eine Stiftung überführt worden sei. „Dort sorgt sie nun peinlich genau dafür, dass die in den oberen Etagen nicht gestört werden von denen in den unteren.“
Bei näherem Hinsehen wenig lustig
Auch Joachim Gauck, die alte „Präsidentenhaubitze aus Rostock“, bleibt nicht verschont. Im Gegenteil: Der preisgekrönte Kabarettist sorgt sich um die Debatte in der deutschen Außenpolitik und um Gaucks Forderung nach mehr Bundeswehreinsätzen. „Wieso ist es eigentlich normal, wenn wir wieder mitschießen?“, fragt Uthoff und legt schonungslos die Verstrickungen von Waffenexporten und Politik offen. Aber er sieht auch Licht am Ende des Tunnels. In der Anstellung des ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Dirk Niebel als Lobbyist bei Rheinmetall etwa: „So eine Pfeife in der Rüstungsindustrie, ist vielleicht die letzte Chance für den Pazifismus.“
Max Uthoffs Sarkasmus sorgt immer wieder für schallendes Gelächter. Aber vielen erstirbt das Lachen auch im Hals. Denn was Uthoff penibel recherchiert hat, ist bei näherem Hinsehen alles andere als lustig. Ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident (Winfried Kretschmann) habe die Menschenrechte (Sinti-und-Roma-Abschiebung) der Mülltrennung zugeführt und das Verständnis vieler Deutscher für Flüchtlinge in der Nachbarschaft halte sich in den Grenzen von 1937. Die Mini-Opposition der Linken im Bundestag müsse sich von Wolf Biermann ansingen lassen – „einst Regimekritiker, heute Regierungsbarde“. Und mancher würde Gerhard Schröders Wirtschaftsderegulierung und nachhaltigen Hartz-IV-Systemumbau gerne als Treppenwitz der Geschichte abtun. Aber Uthoffs Munition sind Fakten. Glasklar in der Sprache und hoch unterhaltsam katapultieren sie den Geist aus der Komfortzone des Denkens. Ein Kabarettabend mit Max Uthoff ist definitiv das Ende der Gemütlichkeit in deutschen Oberstübchen. Atemberaubend gut! Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2014

 

 

Körperpoesie zum Niederknien
Preisträger des Festivals Stuttgart überzeugen am Regensburger Uni-Theater: sinnlich, verspielt und schwerelos.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Weit aufgerissene Augen, Entsetzensschreie, mindestens ein Blutbad – und wenn es gut geht, sinkt die gejagte Frau am Ende blutverschmiert in die Arme ihres Retters. Ein großer Teil konventioneller Horrorfilme läuft nach ähnlichem Muster ab. In jüngster Zeit tauchen häufiger Frauen entweder als „final girls“ auf, die über ihre Peiniger triumphieren, oder gar als weibliche Bösewichte. Die finnische Tänzerin Annamari Keskinen knüpft in „Cold Bright She“ (Choreografie: Shannon Gillen) immer wieder an diese Rollenverteilung an. Unterlegt von Gänsehaut evozierenden Klängen tanzt sie gehetzt über die Bühne im Uni-Theater, stürzt, hält mitten in der Bewegung inne und wechselt blitzschnell in eine Zeitlupenbewegung. Das ist der Moment im Horrorkino zwischen dem Entdecken des Verfolgers und dem Realisieren, wie ausweglos die Lage ist. Die Frau, das Opfer, sitzt in der Falle.
Annamari Keskinen stellt solche Szenarien, herbeigeführt durch eingeblendete Textabschnitte, die auf Filme wie „Psycho“ hinweisen, oft ganz explizit dar. Bewegung, Ausdruck, mimische und gestische Darstellung verbinden sich zu einem Moment der Pein und des Grauens. Mit zwei Schritten löst die Tänzerin solche szenischen Spots auf. Sie geht raus und dreht sich mit einer Pirouette erneut in einen Wirbel schneller, abstrakter Abläufe, Stürze und Erhebungen und unvermuteter derb-schamloser Posen. Im Zusammenspiel von Text und Tanz werden typische Muster und damit letztlich strukturelle Machtverhältnisse deutlich und bewusst gemacht.
Zerbrechlich und deftig
Neben der mit einem dritten Preis ausgezeichneten Annamari Keskinen präsentierte die Solo-Tanznacht der Regensburger Tanztage weitere Preisträger – Choreografie und Tanz – des Stuttgarter Solo-Tanz-Theater-Festivals vom Frühjahr. Zwischen hochsensiblem Slapstick und pantomimischer Körperpoesie changierte das Solo „Nemek“ des israelischen Tänzers und Choreografen Tom Weinberger. Feiner Humor spielt mit, wenn er, auf Strümpfen und mit einer knielangen Hose bekleidet, kraftstrotzende, ängstliche, schüchterne Posen oder das Aus-der-Haut-Fahren ausprobiert. Er jongliert auf Zehenspitzen oder stapft wütend auf, um sich am Ende mit dem Oberarmen laut klatschend links und rechts ins Gesicht zu schlagen. „Nemek“ ist eine irrlichternde Reise durch emotionale Zustände, zerbrechlich, ausdrucksstark, deftig und hinreißend getanzt.
Eine Geschichte der Evolution
Dieses Fazit gilt im Grunde für alle Beteiligte des Abends, wobei die Französin Jann Gallois mit ihrem an Einsteins Formel erinnerndem Solo „P=mg“ und Jain Souleymane Kone aus Burkina Faso zu Recht den stürmischsten Beifall einfuhren. Gallois’ beeindruckende Vorstellung, wie sie sich abmüht, die nach unten zerrende Schwerkraft zu überwinden, um am Ende wacklig in der Senkrechten zu stehen, brachte ihr gleich zwei Preise ein. Den Publikumspreis – der ihr auch bei den Regensburgern Zuschauern sicher gewesen wäre – und den dritten Preis für die plastische und mitreißende Choreografie. „P=mg“ lässt sich als Geschichte der Evolution lesen, vom Bauchkriecher über die seitlich laufende Krabbe bis zum Zweibeiner, aber auch als individuelle Entwicklung vom Baby zum Erwachsenen. Elemente von Hiphop und Street Dance bringt der afrikanische Tänzer mit Formen traditioneller Tänze und ritueller Beschwörungen zusammen. Dabei beeindruckt Kone mit gleichermaßen kraftvollen wie sanftmütig-langsamen Bewegungen, die an einen buddhistischen Mönch denken lassen.
Hypnotisierende Magie
Musikalisch heftig ist der Einstieg des Kanadiers Josh Martin zwischen Noise, Punk und wuchtigem Metal in seinem Solo „Leftovers“. Bewegungen werden in lauter einzelne Abschnitte zergliedert und ruckartig-rhythmisch wieder zusammengesetzt. Es ist tatsächlich eine Performance von „hypnotisierender Magie“, wie die Stuttgarter Jury unter künstlerischer Leitung von Marcelo Santos geschrieben hatte. Die Jury hatte Martin ebenfalls zwei Preise – 1. Preis Choreografie, 2. Preis Tanz – zuerkannt. Eine gelungene Lichtregie und mystische Musik stützen die Vorstellung perfekt ab.
Dagegen fiel die ausgezeichnete griechische Tänzerin Loukiani Papadaki mit ihrem romantischen „Before panic, rest.“ fast ein wenig ab. Obwohl eindrucksvoll getanzt, wirkte die Adaption von Mythen aus der griechischen Sagenwelt mit Hirtenflöte, Trommel und „heilendem Wasserrieseln“ etwas folkloristisch. Dennoch – ein insgesamt enorm beeindruckender und bewegender Abend. Erste Sahne! Mittelbayerische Zeitung, 24.11.2014

 

 

Die Alte Mälzerei rockte inklusiv
Bei Rock’n Roses heizten Maria Reiser und Werkstattexpress, ein integratives Bandprojekt der Lebenshilfe, mächtig ein.

Regensburg „Kein Mensch ist perfekt“: Basierend auf dem Motto der Caritas-Kampagne aus dem Jahr 2011 entwickelten die Caritas und die Katholische Jugendfürsorge Regensburg ein Musikprojekt, bei dem junge und alte Musiker mit und ohne Behinderung mitwirken sollten. Zum vierten Mal fand nun am Freitag in der Alten Mälze ein Konzert von „Rock’n Roses“ statt. Der Name lehnt sich an die Heilige Elisabeth, die Patronin der Nächstenliebe, an, deren Namenstag der 19. November ist und die als Attribut eine Rose bei sich trägt. Daher findet auch das Konzert immer Mitte November statt. Die Bands kommen aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen wie Soul, Funk, Rock und Pop, Hard Rock sowie Ska und Rock’n Roll. In den letzten Jahren spielten bereits Regensburger Vorzeige-Bands wie Michael Jackts Net und Sacco & Mancetti sowie Power Pack, die Band der offenen Behindertenarbeit der Caritas.
Nach den großen Erfolgen in den letzten Jahren heizten heuer Maria Reiser & Band sowie Werkstattexpress, ein integratives Bandprojekt der Lebenshilfe, und die Pater Rup Percussion Group vom Pater-Rupert-Mayer-Zentrum dem Publikum mächtig ein. Mit „Mia san guat drauf“ konnte der Werkstattexpress vor zwei Jahren einen viel beachteten Hit landen und sorgte mit seiner fetzigen Gute-Laune-Musik auch in der Alten Mälze für ordentlich Stimmung. „Man merkt die Lebensfreude und die Spontanität“, so eine Besucherin. „Es macht einfach unheimlich viel Spaß hier zu sein.“ Erst nach ordentlichem Beifall und einer Zugabe konnten die Musiker von Werkstattexpress die Bühne wieder verlassen.
„Musik bringt die Menschen zusammen“, erklärt Robert Seitz von der Caritas das Ziel von „Rock’n Roses“. Berührungsängste gab es hier nicht. Bei der Veranstaltung begegneten sich alle völlig unkompliziert und ungezwungen. Dazu kommt die hohe Qualität der Musik. „Das wird geschätzt. Die Hälfte der Leute kommt extra wegen der Bands und ist auch bereit dafür Eintritt zu zahlen“, so Konrad Kett von der Caritas. 2013 wurde das Projekt mit dem Integrationspreis des Bezirks Oberpfalz ausgezeichnet. Für die Zukunft hat man sich noch ein weiteres Ziel gesteckt: „Ich habe die Wunschvorstellung, dass alle „Rock’n Roses“ kennen. Das wäre toll“, so Bertin Abbenhues von der Katholischen Jugendfürsorge. (msc) 19.11.2014

 

 

Optimistisch-mitreißende Anamnese
Beim Jungen Tanz ragt Martina Feiertag mit ihrem Solo einsam heraus. Es ist regelrecht ansteckend, wie sie sich freitanzt.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Ausgerechnet beim einzigen Pas de deux des Abends fangen die Tänzer mitten im Tanz auf einmal an zu sprechen, brechen einen Smalltalk über Weihnachten vom Zaun. Und dabei lässt sich der Zweikampf zwischen Antonia Cop und Daniele Varallo bis dahin sehr vielversprechend an. Doch mit dem Gequatsche diskreditiert sich ihr Pas de deux selbst, mit dem ersten Wort ist der Tanz tot.
Es ist schlimmer, als wenn ein Pantomime seine Bewegungen erklären würde. Die Münchner Iwanson Schule kann von Glück sprechen, dass sie mit ihrem zweiten Beitrag, dem Solo von Elien Rodarel, an diesem Abend ihre Ehre halbwegs retten kann.
„Junger Tanz – Publikumslieblinge“ – auch die beiden Darbietungen der Regensburger Tanzakademie Helene Krippner sind gerade mal was zum Aufwärmen. Sowohl das Trio Sina Ranker, Sophie-Charlotte Tilly, Amalia Darie als auch das Solo der letzteren warten mit ein paar witzigen Ideen auf, die auch gut umgesetzt sind, bleiben aber letztlich gefällig.
Und selbst die Salzburg Experimental Academy of Dance kommt trotz ihrer Truppenstärke (drei Tänzerinnen, vier Tänzer) und der epischen Länge ihres Stücks über einen Achtungserfolg nicht hinaus. Das Stück von Matija Ferlin ist eine ausgefeilte Tanzstudie über das Verhältnis von Individuum und Kollektiv und besticht durch geniale Einfälle: Die ganze Gruppe baut sich vor dem Publikum auf, jeder Tänzer hat zwei Pfauenfedern in der Hand und hält sich die Pfauenaugen vor die Augen – ein umwerfender Maskeneffekt. Auch wenn alle einer Vortänzerin nachtanzen, dabei aber keine synchrone Homogenität zustandebringen, sondern nur eine versetzte, von Synkopen durchsetzte Harmonie, das ist wunderbar. Letztlich aber ist „students of harmony“ zu erzählerisch, es fehlt die tänzerische Abstraktion.
Die konkurrenzlose Siegerin heißt Martina Feiertag von der Ballett-Tanz-Akademie Bonivento Dazzi in Regensburg, die mit ihrem Solo „Anamnese“ den Abend mühelos für sich entscheidet. Staksig-durchgedreht kommt sie auf die Bühne gestolpert, gehetzt von einer unsichtbaren Macht und einer hysterischen Musik, ein Hamster im Laufrad, ein Wrack von einem Menschen. Doch dann entledigt sie sich ihrer Schuhe, schmeißt die Handtasche weg, findet zu sich selbst, zu unvermutet sicheren und schönen Bewegungen. Vielleicht ist das Stück deshalb so unmittelbar überzeugend, weil es von keinem Choreographen stammt, sondern von Feiertag selbst. Der Tanz des Individuums gegen den Zwang von außen – es ist regelrecht ansteckend, wie Feiertag sich freitanzt. Mittelbayerische Zeitung, 18.11.2014

 

 

45 Minuten Glückseligkeit
Die Anton Lachky Company bei den Regensburger Tanztagen: Was die Belgier im Theater der Universität zeigten, war brillant.

Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg 45 Minuten können locker abendfüllend sein. 45 Minuten reichen mitunter zur Glückseligkeit. 45 Minuten – länger hat der Auftritt der „Anton Lachky Company“ am Sonntag bei den „Regensburger Tanztagen“ nicht gedauert.
Mehr war auch gar nicht nötig. Denn was die Truppe aus Belgien da im mal wieder ausverkauften Theater der Universität abgezogen hat, war von einer tänzerisch-choreografischen Brillanz, die manch anderer auch in drei Produktionen nicht zustande kriegt. Dabei war der Rahmen, in dem sich „Mind a Gap“ bewegte, äußerst reduziert: Eine leere Bühne, ein paar herabhängende Lampen, etwas Mozart, Verdi und Tschaikowsky sowie vier Tänzer (drei Männer, eine Frau) außer Rand und Band – fertig.
Halsbrecherisch und elegant
Das fabelhafte „Tonoland“, das sich da freilich auftat, strotzte geradezu vor Einfällen und Überraschungen. Angeregt vom Slapstick der frühen Stummfilme und/oder den halsbrecherischen Verrenkungen, Verbiegungen oder welchen körperlichen Unmöglichkeiten auch immer, die Mensch und Tier in einer ganzen Armada von Zeichentrickfilmen erstaunlicherweise regelmäßig überleben, kreierte Lachky einen nachgerade artistischen Tanzabend.
Natürlich waren da viel Klamauk und Albernheiten drin. Weil die aber gewissermaßen zum Konzept gehörten, weil sie zudem von einer phänomenalen tänzerischen Virtuosität getragen wurden und nicht zuletzt auch, weil Lachky eine feine Balance zwischen vollkommen überdrehten und poetischen Sequenzen hielt, spielte das schlichtweg keine Rolle. Im Gegenteil: Dieses rasante Wechselspiel aus kindlicher Unbekümmertheit und verdammt viel Professionalität bezog gerade daraus seinen ganz besonderen Zauber.
Rundweg begeistertes Publikum
Lachky ließ seinen Tänzern innerhalb klar abgezirkelter Grenzen darüber hinaus reichlich Freiheiten, die die unter anderem dazu nutzten, ihren Figuren Kontur und Seele zu geben. Ein paar kleine Sticheleien in Richtung klassisches Ballett durften schlussendlich in dem Ganzen auch nicht fehlen.
Am Ende wollte ein rundweg begeistertes Publikum das Ensemble zwar kaum mehr von der Bühne lassen, klar war aber auch: Mehr kann man einfach von einem Tanzabend kaum erwarten. 45 Minuten sind im Idealfall etwas für immer. Mittelbayerische Zeitung, 11.11.2014

 

 

Schwierige Wahl unter Kampf-Paaren
Die Regensburger Tanztage zeigten fünf neue Choreographien. Alexandra Karabelas stand am Ende als Preisträgerin fest.

Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg Am Ende ging die Entscheidung schon in Ordnung. Denn letztlich hat sich mit Alexandra Karabelas Choreographie „Hungry Butterflies 4“ genau jene Produktion durchgesetzt, die noch am ehesten bereit war, etwas zu riskieren, die über den eigenen Tellerrand blickte und das gute alte Paarbeziehungsthema in einen größeren politisch-gesellschaftlichen Kontext stellte. Kurzum: Am Ende hat es die Richtige getroffen, auch wenn in dieser Choreographie nicht alles preiswürdig war.
Die Regensburger Tanztage begannen am Freitag im ausverkauften Theater der Universität mit einem Live-Wettbewerb. Fünf Finalisten aus der Region bewarben sich um den erstmals in der Sparte Tanz vergebenen Kulturpreis der Rewag-Kulturstiftung – „ein Novum“, wie Stiftungsvorsitzender Dr. Klaus Schulz in seiner Begrüßung betonte.
Eine Expertenjury – Anke Hellmann, München, Anna Beke, München, Thomas Reher, Fürth, und die Regensburger MZ-Redakteurin Susanne Wiedamann – hatte die undankbare Aufgabe, im Anschluss den Sieger zu küren. Wichtig dabei: Es musste vor allem um die Qualität der Choreographie gehen und nicht primär um die der Tänzer. Der Preis verstand sich ausdrücklich als Choreographie- und nicht als Tanzpreis. So hatte es jedenfalls Organisator Hans Krottenthaler bereits im Vorfeld im Gespräch mit der MZ angekündigt.
Stark: „Leaving Traslooth 1-42“
Wäre das anders gewesen, man hätte wohl auch einen anderen Sieger gehabt. Unter rein tänzerischen Gesichtspunkten hätte nämlich das Choreografenkollektiv Nylea Mata Castilla und Eva Eger aus Regensburg mit „Leaving Traslooth 1-42“ die Nase vorn haben müssen. Deren Hauptprotagonisten loteten mit einem faszinierenden Ausdrucks- und Bewegungsrepertoire die Möglichkeiten menschlichen Seins zwischen Traum und Realität aus. Dumm nur, dass das Ganze abseits aller tänzerischen Qualitäten schon sehr im Abstrakt-Assoziativen stecken blieb. Konkreter, vor allem narrativer ging es da eindeutig bei den vier anderen Produktionen zu. Nicht nur die spätere Siegerin hatte sich ja für das doch schon etwas ausgelutschte Beziehungsthema entschieden. Bei Thea Sosanis Arbeit „Numb – Erstarrt“ waren es gleich drei Frauen und ein Mann, deren Beziehungen durchdekliniert und durchaus geschickt miteinander verwoben wurden, ohne einen freilich wirklich zu packen.
Das Kollektiv Claudia Kellnberger und Erik Grun setzte mit „In your head“ hingegen ganz auf die Zweierbeziehung und lieferte sicherlich die kompakteste, am meisten runde Choreografie des Abends ab, die allerdings auch viel zu gefällig, zu harmlos, ja – Verzeihung! – zu kleinmädchenhaft geriet.
Dankbar durfte man schließlich sein, dass bei Elisabeth Herrmanns und Ute Steingrebers „Flussbezüge“ ausnahmsweise kein Paar, sondern die Donau im Mittelpunkt stand. Was für ein grandioses Thema, dachte man, und war schließlich doch enttäuscht darüber, wie grandios es verschenkt wurde. Aus dem vielschichtigen Wechselspiel zwischen Mensch und Fluss wäre sicherlich mehr herauszuholen gewesen als ein paar nett-harmlose Uferszenen oder wenig eindringliche Bedrohungsszenarien. Stichwort Hochwasser und so.
Sperrig und kraftvoll
Bleibt also Alexandra Karabelas, die Preisträgerin. Multimedial ist ihr Ansatz, stark in Richtung Performance tendierend. Irritierend, ja sperrig kommt das daher. Die Choreographie macht es dem Zuschauer nicht leicht, wirklich Zugang zu finden, fordert einen und zieht doch gerade daraus ihre Stärke. Die zentrale Frage darin: Was geschieht mit einem Paar, mit Liebe und Lust, in einer Gesellschaft, in der Konsum und Teilnahmslosigkeit regieren, in einer Welt voller Gewalt und Unterdrückung? Das macht nicht unbedingt Spaß, trifft aber ins Schwarze, auch wenn ein höheres tänzerisches Niveau sicherlich genauso wenig geschadet hätte wie mitunter ein bisserl mehr Eindeutigkeit in den Bewegungen. Egal: Am Ende hat die spannendste und aufregendste Choreographie dieses Abends gewonnen. Mittelbayerische Zeitung, 10.11.2014

 

 

Karabelas gewinnt Kunstpreis Tanz
Die Regensburger Choreografin Alexandra Karabelas überzeugte die Jury bei der Tanzpreis-Endausscheidung mit „Butterflies 4“.

Regensburg. Zum ersten Mal vergibt die Regensburger Kulturstiftung der Rewag ihren mit 5000 Euro dotierten Kunstpreis in der Sparte zeitgenössischer Tanz. Nach einem aufregenden Tanzabend stand am Freitag kurz vor Mitternacht die Gewinnerin 2014 fest: Die Regensburger Choreografin Alexandra Karabelas hatte die vierköpfige Jury mit ihrem Tanzstück „Hungry Butterflies 4“ am meisten überzeugt. Der Tanzabend der fünf Finalisten des von der Rewag-Kulturstiftung ausgelobten Wettbewerbs fand als Eröffnung der 17. Regensburger Tanztage 2014 im ausverkauften Theater der Universität statt.
Die fünf Arbeiten von Thea Sosani, dem Choreografenkollektiv Elisabeth Herrmann und Ute Steinberger, dem Kollektiv Nylea Mata Castilla und Eva Eger, dem Kollektiv Claudia Kellnberger und Erik Grun sowie der Preisträgerin Alexandra Karabelas wurden von dem Publikum heftig gefeiert. Die Jury lobte die Vielseitigkeit der Arbeiten und des Tanzabends. Die überregionalen Experten Anke Hellmann (München), Anna Beke (München) und Thomas Reher (Fürth) sowie die Regensburger Journalistin Susanne Wiedamann hatten sich nach eigener Aussage die Entscheidung nicht leicht gemacht und lange kontrovers diskutiert.
Sie hätten sich nach langem Ringen für die Choreografie von Alexandra Karabelas entschieden, weil sie in „Hungry Butterflies 4“ das Beziehungsthema auf eine sehr andere und eigenständige Art aufgegriffen habe. Das multimedial aufbereitete Stück sei intelligent konstruiert, komplex und ermögliche durch seine Interdisziplinarität den Betrachtern viele Zugänge, fasste Anke Hellmann die Jurybegründung zusammen. Die Choreografin habe eine mutige Herangehensweise gezeigt, indem sie den Tanz in den aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext stellte. Für die Kulturstiftung gratulierte Dr. Klaus Schulz. Der Preis wird am Mittwoch offiziell verliehen.
Alexandra Karabelas absolvierte die tanzwissenschaftlichen Diplom- und Masterstudiengänge in Weiterbildung („Tanzkulturen“) an der Universität Bern mit Schwerpunkt auf Narrativen Tanz. Von 2000 bis 2004 war sie beim Stuttgarter Ballett tätig. 2005 entstanden die ersten eigenen Choreografien. Bis heute entstanden mehrere Soli und Ensemblearbeiten sowohl für die Bühne als auch museale und andere öffentliche Räume. 2010 wurde ihr Solo „landscape, three of them“ ausgewählt für das „Secret Solo“-Programm in München.
„Hungry Butterflies 4“ ist der Epilog einer 2011 begonnenen Duett-Serie über das Paar. Karabelas’ neues Stück hat die aktuellen Kriege in der Welt zum Inhalt, zeigt Verstörung und Gewalt. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2014

 

 

Zum Abheben: Die Tanztage starten
Mehr als 30 Produktionen an zehn Tagen: Die Regensburger Reihe präsentiert ab 7. November junge, aufregende und hochkarätige Choreografien.


Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg. Es sei ein „sehr tänzerisches Festival“, ein „sehr tanzbetontes“, sagt Hans Krottenthaler und ist im nächsten Satz auch schon mittendrin im Programm der „Regensburger Tanztage 2014“. In einer Woche, am 7. November, starten sie. Mehr als 30 regionale, nationale und internationale Tanzproduktionen warten dann auf ihr Publikum, verteilt auf zehn Veranstaltungstage und vier Spielorte. Glaubt man Organisator Krottenthaler, dann gibt es gleich am Eröffnungswochenende zwei Highlights – ein regionales und ein internationales.
Tatsächlich beginnen die Tanztage in diesem Jahr mit einem Novum, mit etwas, dass es so bisher noch nicht gegeben hat und wohl auch nicht mehr so schnell geben wird. Die Kulturstiftung der REWAG verleiht ihren Kulturpreis heuer nämlich in der Kategorie Tanz. Bewerben konnten sich dafür Choreographen, „deren Produktionen freischaffend entstanden sind und die ihren Wohnsitz und Arbeitsmittelpunkt in Regensburg oder in unmittelbarer Umgebung haben“. Unter fünf Finalisten wird dann in einer Art „Live-Wettbewerb“ am 7. November von einer Fachjury der Preisträger gekürt. „Wenn man sich die fünf Finalisten anschaut, spiegelt sich da schon die Regensburger Tanzszene gut wieder“, verspricht Hans Krottenthaler.
Überhaupt die lokale Szene! Man den Tanztagen habe sich in den letzten Jahren auch die freie Tanzszene in der Stadt entfaltet, da ist sich Krottenthaler sicher. „Der Tanz läuft in Regensburg sehr gut“, sagt er. Mehr noch: In Regensburg gebe es tatsächlich ein Publikum für den Tanz, und das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft.

Einblick in die belgische Tanzszene
Lokal und regional ist zwar gut, der Blick über den Tellerrand hinaus auf das, was sich in Sachen Tanz weltweit so tut, darf andererseits aber nicht fehlen. Krottenthalers zweites Highlight ist denn auch am 9. November der erneute Zwischenstopp der „Anton Lachky Company“ in Regensburg. Lachky hat bereits im vergangenen Jahr das Publikum mit „Les Slovaks“ für sich eingenommen. Nun bietet er mit seiner Truppe einen tiefen Einblick in die ebenso aufregende wie lebendige belgische Szene.
Hans Krottenthaler gerät jedenfalls ins Schwärmen, wenn er von der Produktion spricht. Von einer „Supergruppe der belgischen Tanzszene“ erzählt er, von „lustigen Stücken voller Humor und Leidenschaft“. Lachky vereine in seiner Produktion „Tonoland“ gezielt „verschiedene Tänzer aus verschiedenen Compagnien“ und biete jedem einzelnen von ihnen „viel Spielraum für Improvisationen“. Ja, keine Frage, einem den Mund wässrig machen kann Hans Krottenthaler. Während also zu Beginn der Tanztage eher das Außergewöhnliche dominiert, folgen mit den Programmpunkten „Junger Tanz – Publikumslieblinge“ am 16. November und „Solotanznacht – Internationale Preisträger“ am 22. und 23. November zwei Klassiker der „Regensburger Tanztage“. Kurz zuvor gibt es am 14. und 15. November mit dem Film „Gardenia - Bis der letzte Vorhang fällt“ zwar „keinen Tanzfilm im eigentlichen Sinne“, wie Krottenthaler sagt, aber doch eine berührende Geschichte über alternde Travestiestars, die zumindest mittelbar mit Tanz zu tun hat. Am 29. November schließlich lädt die „Internationale Aids-Tanzgala“ wieder ins Velodrom ein.

„Temperament auf 32 Beinen“
Den Abschluss aber bildet noch einmal eines von Krottenthalers zwischenzeitlich drei Highlights. Am 30. November nämlich gibt die die „Junior Company“ des „Bayerischen Staatsballetts“ die Ehre in Regensburg, 16 junge, bestens ausgebildete und hoch talentierte Tänzerinnen und Tänzer im Alter zwischen 16 und 23 Jahren. Das Staatsballett wandelt damit offenbar ein wenig auf den Spuren des „Nederlands Dans Theaters“, dessen Junior-Truppe zwischenzeitlich selbst zur Weltklasse gehört.
Die Kritik urteilt über die Jung-Bayern schon mal: „Temperament auf 32 Beinen.“ Und Hans Krottenthaler verspricht „eine unglaubliche Technik und Energie“. Für ihn steht fest, dass die Compagnie „absolut beeindruckend“ ist. Es ist halt eben ein sehr tänzerisches Tanzfestival.
Informationen und Tickets gibt es unter www.alte-maelzerei.de oder unter Telefon (09 41) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 31.10.2014

 

Kreative Szene mischt Regensburg auf
Ende Oktober steigt das erste Regensburger Popkultur-Festival. Nicht nur die Besucher bekommen viel geboten, sondern auch der Nachwuchs selbst.

Von Norbert Lösch, MZ

Regensburg. Die hochklassigen Veranstaltungsreihen in der Stadt bekommen Nachwuchs – im wahrsten Sinn des Wortes. In nur vier Monaten haben die Macher des ersten Regensburg Popkultur Festival  ein Programm aus dem Boden gestampft, mit dem sich die junge kreative Szene einem breiten Publikum präsentieren will. Vom 24. bis 26. Oktober gibt es mehr als 60 Veranstaltungen an 15 Spielorten – von Konzerten über darstellende und bildende Kunst, Film und Tanz bis hin zu Mitmach-Workshops und der Präsentation frischer Ideen für Leben, Gesellschaft und Konsum.
Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zeigte sich bei der Vorstellung des Programms begeistert von der Vielfalt und versprach, sich davon am letzten Oktober-Wochenende ebenfalls durch die Stadt treiben zu lassen. „Regensburg ist eine junge Stadt und hat entsprechend viel zeitgenössische Jugendkultur zu bieten“, sagte der OB und lobte die Macher des Festivals. Analog zum Regensburger Jazz-Weekend im Sommer sei die Stadt auch hier Veranstalter.
Gesamtleiter und damit so etwas wie ein Intendant ist Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, der zusammen mit dem städtischen Popmusikbeauftragten und MZ-Redakteur Mathias Wagner weite Teile des Programms entwickelt hat. Das städtische Kulturamt sitzt mit Kulturreferent Klemens Unger und Amtsleiterin Christina Schmidbauer mit im Boot und ist vor allem für Organisation und Werbung zuständig. „Gut ein Drittel aller Regensburger ist jünger als 30 Jahre – da gibt es nicht nur viele kreative Menschen, sondern auch eine große Zielgruppe“, so Klemens Unger. Die Premiere des Festivals solle „eine Momentaufnahme der Jugendkulturszene im Jahr 2014“ sein.
Christina Schmidbauer verwies auf die lange Liste der Mitwirkenden: „Mehr als 20 Kooperationspartner aus der freien Szene machen mit.“ Laut Hans Krottenhaler war dafür keine große Überredungskunst gefragt. „Niemand, den wir gefragt haben, hat uns gesagt: Nein, wir wollen da nicht mitmachen“, bestätigt der Mälze-Chef die „nicht überraschende, aber dennoch erfreuliche Resonanz“ auf die Idee des Festivals. Zu den Locations, die sich dafür begeistern ließen, gehören etwa der Jazzclub Leerer Beutel, die Filmgalerie, Kneipen wie die Heimat oder das Büro, die Musikakademie sowie – natürlich – das W1-Zentrum für junge Kultur und die Alte Mälzerei. Mitwirkende sind außerdem etablierte Kulturschaffende in Kinos, Galerien oder dem Kunstverein Graz.
„Das Festival verbindet Jugendkultur, Popkultur und Kreativszene. Es ermöglicht die Teilnahme bei Workshops und Fortbildungsangeboten und unterstützt Künstler sowie Kulturschaffende durch Information, Beratung und Vernetzung“, beschrieb Krottenthaler das Konzept. Die Veranstaltungen bieten also auch für die Szene selbst etwas, vor allem für weitgehend Unerfahrene. „Das Angebot an Workshops reicht von Stopp-Trick-Filmen über Parkour und Street Art bis High-Tech-Do-It-Yourself-Kultur, von verschiedenen Spielformen des Neuen Zirkus, wie Jonglieren, Schauspielen und Bühnenchoreografie, über Musikproduktion im Tonstudio oder als Homerecording bis hin zu Fragen des modernen Bandmanagements.“
Mit einem einmal für fünf Euro erworbenen Eintrittsbändchen haben die Besucher Zugang zu allen Veranstaltungen, solange der Platz ausreicht. Festival-Bändchen gibt es an allen Spielstätten beim Einlass. Bei den Workshops und Nachmittagsveranstaltungen ist der Eintritt frei. Mittelbayerische Zeitung, 8.10.2014

 

Eine Plattform für die junge Kulturszene
Regensburgs Szene präsentiert sich bei einem Popkulturfestival. Drei Tage lang locken Konzerten, Film, Poetry Slam, Theater, Streetart und Tanz.

Von Jasmin Kohl, MZ

Regensburg. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs stellte im Alten Rathaus zusammen mit Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, und der Leiterin des Kulturamts, Christiana Schmidbauer, das vorläufige Programm des 1. Regensburger Popkulturfestivals vor.
Vom 24. bis 26. Oktober soll die facettenreiche Indoor-Veranstaltung in verschiedenen Spielorten in der Regensburger Altstadt stattfinden. Als Verbindung von Jugend-, Popkultur und Kreativwirtschaft steht das vielschichtige Kulturleben Regensburgs dabei im Mittelpunkt. Auf dem Programm stehen Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen, Poetry Slam, Performancekunst, Kurzfilmpräsentationen, Streetart und ein großer Kleinkunstmarkt. Bei der Teilnahme an Workshops können Besucher außerdem selbst kreativ werden. Das Ziel: Eine Plattform für die Regensburger Künstlerszene, auf der die sich präsentieren, aber auch vernetzen kann. So sind auch Beratung und Austausch von Kulturschaffenden ein wichtiger Teil des Festivals.
„Die Idee entstand in mehreren Gesprächen mit dem Musikbeauftragten der Stadt Regensburg, Säm Wagner, so Hans Krottenthaler. Zusammen mit dem Kulturamt erarbeiteten die beiden Kulturschaffenden ein Konzept, das bereits über 20 Regensburger Vereine und Organisationen zur Teilnahme überzeugte und in die Projekterarbeitung einbezog. „Diese positive Rückmeldung und das Hand-in-Hand-Arbeiten mit verschiedensten Regensburger Initiativen gibt uns die Bestätigung, dass das Festival gut aufgenommen wird“, erklärt Krottenthaler. Unter den bisher beteiligten Organisationen finden sich unter anderem das W1 – Zentrum für junge Kultur, der Leere Beutel, der Kunstverein Graz und Transition Regensburg e.V. „Die Teilnehmerliste steht jedoch weiterhin offen für weitere Initiativen“, betont Christiana Schmidbauer. OB Joachim Wolbergs zeigte sich von dem Festival begeistert und sieht in ihm das Ziel, Regensburgs Profil der Musikstadt zu stärken, umgesetzt. „Ich hoffe, dass sich dadurch die Live-Kultur als Qualitätsmerkmal in Regensburg etabliert und daraus neue Impulse entstehen.“
Das ambitionierte Projekt befindet sich noch in der Entstehungsphase, so soll beispielsweise noch prägnanter Festival-Name gefunden werden. Die Organisatoren befürchten, dass der Name „Popkulturfestival“ beim Publikum den Eindruck erwecken könne, es handele sich um ein reines Musikfestival. Auch das Veranstaltungsprogramm wird noch deutlich erweitert. Kostenlos wird das Festival nicht sein, jedoch hat der Betrag von fünf Euro für die gesamten drei Festivaltage vor allem symbolischen Charakter: Auf diesem Wege soll der Regensburger Künstlerszene Wertschätzung entgegengebracht werden. Der Festivaltermin wurde bewusst auf Ende Oktober – pünktlich zum Semesterstart – gelegt. auf die Frage, mit wie vielen Besuchern man rechne, antwortete Wolbergs entschieden, dass es den Veranstaltern nicht um Masse, sondern um Qualität gehe.
Termin Das Popkulturfestival findet vom 23. bis 26. Oktober in Regensburg statt.
Orte Neben der Alten Mälzerei, dem W1-Zentrum für junge Kultur, dem Leeren Beutel und der Filmgalerie finden die verschiedenen Programmpunkte auch in Bars und Kneipen statt, die bereits kulturelle Veranstaltungen beherbergt haben.
Wo noch? Dabei sind unter anderem auch die Tiki Beat Bar am Arnulfsplatz, das Büro in der Keplerstraße, das Sofa in der Spiegelgasse und die Couch in der Fröhlichen-Türken-Straße.
Ticket Als Eintrittskarte wird es ein Festivalarmband geben, mit dem man für fünf Euro die gesamten drei Tage Zutritt zu allen Veranstaltungen hat.
Workshops An den angebotenen Workshops kann man voraussichtlich kostenlos teilnehmen, lediglich eine vorherige Anmeldung ist erwünscht.
Mitmachen Kulturelle Vereine und Initiativen, die am Festival mitwirken möchten, können sich weiterhin an die Haupt-Organisatoren Hans Krottenthaler und Christiana Schmidbauer wenden.
Mittelbayerische Zeitung, 18.6.2014

 

 

Eine Art höherer Durchgeknalltheit
Constanze Lindner holt den ersten Platz beim Thurn und Taxis Kleinkunst-Festival und Alan Neumayer bringt den Polizeipräsidenten zum Schlucken.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Wenn man Sebastian Daller heißt und aus Teugn im Landkreis Kelheim stammt, hat man zwei Möglichkeiten: man wird CSU-Kreisrat, wird alle sechs Jahre wiedergewählt und darf irgendwann als Krönung des Lebens dem Ministerpräsidenten die Hand schütteln und sich dabei fotografieren lassen. Oder man verzichtet dankend auf die Parteikarriere, wird Gstanzlsänger und holt sich den Publikumspreis des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals. Soweit die Vorgeschichte von Sebastian Daller, der am Samstag mit seiner „Bänd“, bestehend aus Sophie und Sebastian Meier (Geige und Tuba) der restlos ausverkauften Mälzerei klar machte, dass Regensburg im Prinzip von Niederbayern umzingelt ist.
Nur wer des Niederbayerischen mächtig ist, versteht den Unterschied zwischen Blutsverwandtschaft und Bluatsverwandtschaft. Letztere hat man zum Beispiel am Hals beim 60. vom Onkel Kare, für den der Rollbraten bei einem Chinesen über ebay bestellt wird. Sebastian Daller hat die seltene Gabe, das traditionelle Spotthandwerk mit dem 21. Jahrhundert in Einklang zu bringen. Nicht zuletzt besticht seine musikalische Virtuosität – und die seiner Geigerin und seines Tubabläsers. Wenn eins seiner Schnaderhüpfl mal harmlos daherkommt, heißt es aufpassen. Das nächste ist dafür umso giftiger. Dallers Vorschlag für die Werbung im Bayerischen Fernsehen: „I bin da Sepp. I hob zehn Leit umbracht. Und do bin i dahoam.“
„Die Frau schlug mit der Niere zu“
Bei Alan Neumayer, einem anderen der insgesamt fünf Finalisten am Samstag in der Alten Mälzerei, ist es ganz ähnlich: Er beginnt mit komödienstadelkompatiblen Witzchen und mimt den Deppen vom Land, der Schwierigkeiten mit der Artikulation hat, das kommt immer gut an. Und als man die Hoffnung längst aufgegeben hat, liefert er auf einmal eine Nummer ab, dass der Herr Landespolizeipräsident in der zweiten Reihe froh ist, dass ihn kaum jemand erkennt. Denn Alan Neumayer verkündet als Pappnase – pardon: Pressesprecher der Rosenheimer Polizei –, dass der „Tathergang nun endgültig geklärt“ ist. Als die Polizei die Familie in der Nähe von Rosenheim in ebenso fürsorglicher wie freundlicher Absicht aufsuchte, habe die junge Frau „mit ihrer Niere nach dem Knie des Einsatzleiters geschlagen“. Die Beamten, die trotz derart perfider Attacken mit leichten Blessuren davonkamen, wurden mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
Werner Schmidbauer, der einen ganz ähnlich gelagerten polizeilichen Gewaltausbruch als Münchner Polizeipräsident 2013 reflexartig verteidigt hat und dafür zum Landespolizeipräsidenten befördert wurde, sitzt da und schluckt. Manchmal trifft Kabarett eben doch das richtige Publikum. Und wenn es nur eine einzige Person ist.
PauL besingt fröhliche Arglosigkeit
Auch die Original Bauernsfünfer aus Sulzbach-Rosenberg, die sich mit Alan Neumayer den dritten Preis teilen, genehmigen sich einen langen Anlauf, bevor sie mit ihrem Apres-Ski-Hit endlich den perfekten Musikantenstadldrive erreichen: „Super, super Gaudi, super, super, super, hey!“ Das Publikum wird zum Mitklatschen animiert. Das ist natürlich nicht ernst gemeint, aber die Leute klatschen sofort selig mit, immer auf die Eins, gnadenlos. Ist das jetzt noch Kabarett? Oder doch schon Hansi Hinterseer?
Bei den drei Herren namens PauL („Poesie aus Leidenschaft“) geht das gottseidank nicht, dass man rhythmisch mitklatscht. Das singende Trio kommt daher wie frisch aus den 50er oder 60er Jahren aufgetaut. Und widmet sich den NSA-transparenten I-Phone-Besitzern und all den „Gefällt-mir!“-Daumenlutschern: „Wir wollen euch scannen lernen!“ Nie wurde die fröhliche Arglosigkeit, mit der eine ganze Generation ihr komplettes Privatleben internationalen Konzernen und Geheimdiensten zur Auswertung überlässt, schauriger besungen. Der zweite Preis an PauL geht voll in Ordnung.
Den ersten Preis aber holt die wandlungsfähigste und originellste Finalistin: Constanze Lindner. In verschiedenen Rollen geht sie auf das Publikum los, immer ist sie die völlig distanzlose Person mit Aufmerksamkeitsdefizitjetztsofortbehebungssyndrom.
In ihrer unbeirrbaren Naivität schafft sie es am Ende mühelos, von einem Zuschauer, den sie auf die Bühne der Alten Mälzerei geholt hat, buchstäblich auf Händen getragen zu werden. Eine Art höherer Durchgeknalltheit, gegen die der Rest der Welt machtlos ist. Constanze Lindners plakative Verkleidung ist vermutlich ein Zugeständnis ans Publikum: In dem Moment, wo sie sich flugs eine grüne Wollmütze und eine große Brille aufgesetzt und lange, schiefe Zähne eingesetzt hat, hat sie schon gewonnen. Schade, denn ohne die Maskerade müsste man sie direkt ernst nehmen. Ohne den Klamauk käme sie fast in die Nähe einer Maria Hofstätter.

Die Fürstliche Brauerei Thurn und Taxis Vertriebsgesellschaft richtet seit 1996 mit dem Preis alle zwei Jahre einen wichtigen Nachwuchswettbewerb für junges Kabarett in Bayern aus. Preisträger der vergangenen Jahre waren unter anderem Lizzy Aumeier, Martina Schwarzmann, Mathias Tretter, Dahuawadameierundi, Nepo Fitz und Max Uthoff.
Der Förderpreis des Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals United Comedy wird alle zwei Jahre vergeben. Voraussetzung für die Bewerbung ist, dass es sich jeweils um das erste oder maximal zweite Programm der Künstler handelt und die Teilnehmer nicht älter als 35 Jahre alt sind.
Der erste Platz bei dem von der Jury ausgewählten Förderpreis ging an Constanze Lindner aus München (1200 Euro), der zweite an das oberbayerische Trio PAUL - Poesie aus Leidenschaft (600 Euro). Die drei Drittplatzierten waren Daller und Bänd aus Teugn im Landkreis Kelheim, das Duo Bauernsfünfer aus Sulzbach-Rosenberg und Alan Neumayer aus Mühldorf am Inn (jeweils 300 Euro). Das Publikum kürte Daller und Bänd zu seinem Favoriten beim Publikumspreis.
Beim diesjährigen Festival wurde der Thurn und Taxis Kabarettpreis zum zehnten Mal vergeben. Aus einer bayernweiten Ausschreibung wurden in einer Vorauswahl fünf Teilnehmer ausgewählt. Für die Sieger ergeben sich in der Regel weitere Gastspiele in der Alten Mälzerei. Mittelbayerische Zeitung, 14.4.2014

 

 

Mit Nachbars Mops, Brust-OPs und Öko-Mütze
Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis: Constanze Lindner setzt sich mit herzhaftem Auftritt durch

Regensburg. (gib) Constanze Lindner hatte das Publikum vom Anfang an in Griff - im wahrsten Sinne des Wortes. Der Wirbelwind aus München sprang von der Bühne, um einzelne Zuschauer zu umarmen, reichte eine Wurstplatte herum, "für Vegetarier mit Petersilie". Der Einsatz zahlte sich aus: Lindner gewann den zehnten Thurn-und-Taxis-Kabarettpreis in Regensburg.

Fünf Einzelkünstler und Gruppen hatten am Samstagabend in der Alten Mälzerei je 20 Minuten Zeit, um sich zu präsentieren. Neben der Jury durfte auch das Publikum den Sieger mit Zettel und Bleistift mitbestimmen. Es war ein kleines Jubiläum: Der Preis, der seit 1996 alle zwei Jahre talentierte Nachwuchs-Kabarettisten aus Bayern auszeichnet, wurde zum 10. Mal verliehen. Die Veranstaltung diente bereits einigen Kabarettisten als Sprungbrett: Lizzy Aumeier, Martina Schwarzmann und Nepo Fitz haben ihn in der Vergangenheit gewonnen.
Der glühendste Funke sprang am Samstag bei Constanze Lindner, bekannt aus der BR-Serie "Die Komiker", über. Als Tierfreundin im fortgeschrittenen Alter wunderte sie sich über den Mops des Nachbarn, der vorne und hinten genau gleich ausschaue.
"Da weiß ich gar nicht, wo ich das Leckerli reinstecken soll." In der Rolle der pelzbemützten Osteuropäerin warnte sie vor den Tücken der Brustvergrößerung: "Wenn du warst bei Arzt in Mongolei, hast du oben drei." Und als die alternative Cordula mit Öko-Mütze auf Männersuche griff sie sich einen Mann aus dem Publikum: "Ist es in Ordnung, wenn ich dich jetzt bespringe?"

Daller und Bänd bekommen den Publikumspreis

Nicht ganz so offensiv, dafür mit ausgeklügeltem Wortwitz trat die Gruppe PauL ("Poesie aus Leidenschaft") auf, die den zweiten Platz belegte. Die drei Kabarettisten aus Oberbayern, die es als Solokünstler zusammen auf mehr als 120 Poetry-Slam-Siege bringen, philosophierten in ihrem A-capella-Song "Jetzt ist alles in der Cloud" über die Macht des Internets. Gekonnt nahm das Trio den Fitnesswahn auf die Schippe: Mit Schweißband und Lätzchen mampften sie zum Techno-Beat Pommes mit Ketchup.
Den Publikumspreis räumte Sebastian Daller aus dem Landkreis Kelheim mit "Daller und Bänd" ab. Der gebürtige Regensburger war lange Jahre als Gstanzlsänger durch die Lande gezogen, bis Ottfried Fischer seine rotzfrechen Vierzeiler in den Schlachthof holte. Genussvoll-böse blickte Daller auf seinen Lehrerberuf. "Deutschlehrer" sei er, erklärte er im tiefsten Dialekt: "Ich wollte was machen, was ich nicht kann - mein eigentliches Berufsziel ist nämlich Kultusminister." Und auch dem obersten Chef in Bayern gab er reimend eine mit: "Der Seehofer freut sich über 48 Prozent - dafür hätte sich der Strauß am Türstock erhängt." Im Gesamturteil landete "Daller und Bänd" auf dem dritten Platz - zusammen mit dem Oberbayern Alan Neumayer und den "Original Bauernsfünfern" aus Sulzbach-Rosenberg. Neumayer hatte den Wahnsinn des Alltags im Blick und punktete mit erstklassigen Stimmenimitationen: Auf dem Anrufbeantworter von "Elite.de" ließ er Nachrichten von Jogi Löw bis Tebartz-van Elst abspielen.

Der Hutzawackl kommt die frechen Kinder holen

Den musikalischsten Auftritt lieferten "Die Original Bauernsfünfer" ab. Mit Gitarre, Klarinette, Saxophon, Percussion und Gesang warfen Uli Radl und Dominik Niklas, unterstützt vom "Weberknecht" Bernd Pirner, einen abgründig-kritischen Blick aufs Oberpfälzer Landleben. Nun weiß man auch in Regensburg, wer der "Hutzawackl" ist: Die Phantasiegestalt, die ihr Unwesen treibt, wenn die Kinder auf dem Dorf nicht um 7 Uhr abends im Bett sind. Donaupost, 15.4.2014

 

 

Schmeichelnde Stimme, scharfer Witz
Max Moor powert sich in der Alten Mälzerei in Regensburg aus und unterhält seine Fans mit

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Der Moor hat seine Schuldigkeit getan. Gehen kann er aber noch nicht. Ausgepumpt steht Max, ehemals Dieter Moor in der Alten Mälzerei zwischen Garderobe und Büchertisch und signiert. Nach seiner begeistert aufgenommenen Lesung hat sich vor dem Stehtisch eine Schlange weiblicher und weniger männlicher Bewunderer gebildet. Jeder Fan hat ein, zwei oder gar mehreren Bücher in der Hand. Eines nach dem anderen schlägt der Autor auf. Ein kurzer Blick, ein freundliches Lächeln – und im Buchdeckel zeugt das schwungvolle Autogramm vom Dabeigewesensein. „Für Herbert, viel Spaß vom Gartenbau- und Blumenzuchtverein“, bittet ein Mann im 68er Retro-Style. Aber ja doch: „Ich schreibe lieber ,viel Vergnügen…‘, einverstanden?!“ „Bitte mit Widmung“, flötet auch der nächste Fan. „Wenn Sie sich etwas einfallen lassen, gern. Mir fällt heute nichts mehr ein.“
Bange vor den Bayern
Immerhin hatte der 55-jährige Schauspieler und Fernsehmoderator vor der Signierrunde schon eine Geburt eingeleitet und mit nahezu authentischem Gebrüll durchgezogen, den schwer verletzten Hund Iwan geröchelt und mindestens ein halbes Dutzend Schweizer und Brandenburger sprachlich nachgeahmt.
Dieter Moor, der sich seit 2013 Max nennt, weil er seinen Vornamen „noch nie leiden konnte“, bestritt auf Einladung von Buchhandlung Bücherwurm und Alter Mälzerei seine erste Lesung in Regensburg. Anfangs hatte er Vorurteile, nimmt man sein Bekenntnis ernst, mit dem er auf die Bühne spurtet. „Größte Sorgen“ habe er gehabt, gestand Moor, denn die Bayern seien so schwer zu knacken. Er habe keine Tanzpuppe dabei und sei sicher der erste Kulturmoderator, der als Comedian vermarktet werde. „Das ist nicht lustig“, verbat sich Moor erbost die ersten Lacher im Publikum.
Die Mälzerei hatte die Lesung im Rahmen ihres Kleinkunstfestivals „United Comedy“ angekündigt. Dabei habe Bayern sowieso die größten Comedian-Talente, betonte der Wahl-Brandenburger und nahm „Horst Seehofer“ fest ins Visier. Lange hielt er sich aber bei der bayerischen Tagespolitik nicht auf. Er gönnte sich lediglich einen süffisanten Seitenhieb auf das bayerische Wahlverhalten: „Den Bayern ist scheinbar alles wurst!“ Am Ende der zweieinhalbstündigen Lesung revidierte Moor dann seine weiß-blauen Vorbehalte. Wortreich lobte er das „aufmerksame Publikum“ als eines der besten, das er so nie erwartet habe.
Blendender Unterhalter
Der gebürtige Schweizer erzählte über seine Auswanderung aus dem Zürcher Oberland nach Brandenburg. Dort siedelte er sich vor gut zehn Jahren mit seiner Frau Sonja, einer früheren Produzentin, auf einem alten Bauernhof an. Das Paar betreibt den Hof seither gemeinsam, nach biologisch-dynamischen Grundlagen. Darüber hat Moor, der selbst auch als Produzent tätig ist, vor einigen Jahren sein erstes Buch veröffentlicht („Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“) und kürzlich auch sein zweites.
„Lieber einmal mehr als mehrmals weniger, Lügengeschichten aus der arschlochfreien Zone“ enthält unterhaltsame und vergnügliche Geschichten aus der Zeit nach der Niederlassung im ehemaligen LPG-Dorf Amerika. Dort schenkte Wirtin „Babuschka“ früher kräftig Wodka an russische Soldaten aus. Weil einer seinen versoffenen Sold zurück haben wollte, erlitt der grimmige Wirtshund Iwan eine Stichwunde. Dorfschwester Alma musste das Tier wieder zusammenflicken, schildert Moor und taucht mit seiner bemerkenswert tiefen und warmen Stimme in die Figuren ein.
Moor lässt seine Figuren regelrecht auf der Bühne erstehen, gibt ihnen mit Gesten, wilden oder verletzten Blicken Kontur, Charakter und Gestalt. Hinreißend ahmt der gelernte Schauspieler die Niederkunft von Schwester Almas Tochter nach, schreiend und mit gepresstem Geheul. Genüsslich lässt er seiner Verachtung für Männer, die einen Tanzkurs machen, freien Lauf und versprüht hochnäsigen Ingrimm: „Die haben alle resigniert und outen sich selbst als Looser.“
Wenn sich Max Moor von seinem Text löst, zeigt sich, welch blendender und höchst charmanter Unterhalter er ist. Seit sieben Jahren macht er das sonntags im Kulturmagazin „ttt“ (titel thesen temperamente) der ARD vor. Am Ende verabschiedet er sich jeweils in „Schluss mit Moor“ mit pointierten Überlegungen zu aktuellen Themen. Dieser Witz, gepaart mit seiner einschmeichelnden Stimme, Selbstironie und der gekonnten Geste, mit der er hundertmal am Abend eine Strähne seines silbergrauen Haarschopfs aus der Stirn nach hinten streicht, machen den Abend zu einem höchst kurzweiligen und ergötzlichen Vergnügen. Mittelbnayerische Zeitung, 16.4.2014

 

 

Immer da, wo’s richtig wehtut
Eine Tour de Force durch das alltäglich Absurde: Das Erste Deutsche Zwangsensemble lief im Regensburger Antoniushaus zu saukomischer Form auf.

Von Thomas Göttinger, MZ
Regensburg. Ja, es ist nicht leicht gegen die Komplexität auf die Straße zu gehen, dagegen zu protestieren, aufzustehen. Gegen die Komplexität der Finanzkrise zum Beispiel oder gegen die des transatlantischen Freihandelsabkommens. Da hat Claus von Wagner einfach Recht. Es ist auch nicht leicht, gegen die Komplexität Kabarett zu machen, möchte man ergänzen, aber es hilft ja nix, es muss halt trotzdem, na ja: wenigstens mal wieder versucht werden.
Genau das hat das „Erste deutsche Zwangsensemble“ – neben von Wagner gehören Mathias Tretter und Phillip Weber zu der Dreierbande – am Samstag im Antoniushaus überaus erfolgreich getan. Sein Programm mit dem etwas kryptischen Titel „Die letzte Tour“ kam dabei als wilde, vor allem aber als saukomische Tour de Force durch die Abgründe und Absurditäten des Alltags daher.
Hiebe gegen die katholische Kirche
Egal, ob drei fränggische Buddhisten da auf offener Bühne die durchaus spannende Frage diskutieren, ob das Grillen einer Spanferkels nicht auch als Beschleunigung der Reinkarnation desselben zu verstehen sei, eine Art Geronto-RAF („Rentner Armee Fraktion“) einen Anschlag auf die Heimleiterin plant, dabei aber vor allem mit der Demenz des Attentäters zu kämpfen hat, oder sich auf der Toilette im Reichstag eine politische Grundsatzdiskussion übers Klopapier entspinnt – zwischen perfekt getimtem Comedy-Klamauk und messerscharfer Analyse schien sich das Trio immer dort am wohlsten zu fühlen, wo es nun wirklich richtig wehtut.
Da durften deftige Seitenhiebe auf Katholizismus und Christentum natürlich nicht fehlen. Der weiße Rauch nach dem Konklave verwandelt sich mal kurz zum „Aufguss in der Schwulensauna“, das Gemächt des Papstes wird munter im besten Latein thematisiert („Habet duos testiculos et bene pendentes“) und endlich auch geklärt, warum Jesus nach der Kreuzigung nicht mehr übers Wasser läuft – „Löcher in den Füßen“.
Zu richtiger Größe aber liefen die Drei immer dann auf, wenn sich zwischen all den intelligenten Späßen so etwas wie heiliger Furor über die Zustände in der Welt seine Bahn brach, wenn tatsächlich angerannt wurde gegen die tatsächliche oder vermeintliche Komplexität der Dinge – und einem bei der Analyse des Freihandelsabkommens mit den USA durch Herrn von Wagner nicht nur das Chlorhühnchen im Halse steckenblieb.
Zu den schönsten Bildern des Abends gehörte denn auch jenes von dem abstürzenden Flugzeug, in dem die Passagiere zwar von der einen oder anderen schlechten Nachricht aus dem Cockpit belästigt werden, sich aber durch das wohlige Dröhnen der Turbinen nach wie vor in Sicherheit wiegen. Motto: Wird schon alles nicht so schlimm werden! Dass sich dabei die 1. Klasse längst durch „Rettungsschirme“ abgesetzt hat, ist nicht nur eine bittere Pointe, sondern wohl auch Teil der Komplexität, wegen der es gerade ein von allen Zwängen befreites Zwangsensemble braucht. Mittelbayerische Zeitung, 7.4.2014

 

 

Süße Französin verrät Ühnchen-Wort
Das 19. Thurn und Taxis-Kleinkunstfestival ist gestartet: mit einer entzückenden Mademoiselle Mirabelle – und einer kracherten Franziska Wanninger.


Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. „Allein daheim? Candletime!“ Es ist zu befürchten, dass sich Kabarettistin Franziska Wanninger diesen Scherz nicht selbst ausgedacht, sondern aus der Realität übernommen hat. Dass also Bauern- oder Frauenfänger vereinsamte Frauen dazu animieren, ihre verzweifelte Sehnsucht nach Zweisamkeit mit „Kerzenparties“ zu kompensieren: einer „Party“ mit Kerzen statt mit Menschen. Halt einfach Teelichter in der Wohnung verteilen. Und dann irgendwie positiv esoterisch herumphantasieren.
Franziska Wanninger bringt das Elend des Landlebens zum Auftakt des 19. Thurn & Taxis-Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei gnadenlos auf die Bühne. Da, wo man noch zu Fuß beim Bäcker die Frühstückssemmeln holen kann – und zum Abendessen auch schon wieder zurück ist: „Do kum i her“. Alles klar. Da, wo Frauen, gefragt nach ihrem Freund, antworten: „Zwida isa net!“ Und Männer, angesprochen auf ihre Frau, die Auskunft geben: „Mi stört’s net.“
Das ist genial, weil erstens wahr, zweitens unendlich traurig und drittens umwerfend komisch. Man hat sofort Gerhard Polt und Gisela Schneeberger vor Augen. Nur leider schießt Franziska Wanninger permanent übers Ziel hinaus. Sie dreht zu laut auf. Sie muss andauernd die Augen verdrehen, damit’s auch der letzte Heuler kapiert, dass das jetzt nicht ernst gemeint ist. Sie lallt unartikuliert daher, weil sonst womöglich eine Zuschauerin nicht sofort checkt, dass das jetzt der glatte Depp ist, den sie grad spielt.
Eigentlich sind bei Franziska Wanninger sowieso praktisch alle am Land die glatten Deppen. Und das ist natürlich Blödsinn, Klamauk, Komödienstadel. Was sehr schade ist. Denn die Frau könnt’s. Wenn sie sich ein bisserl zurücknehmen tät. Das Kracherte tut ihr gar nicht gut. Auch wenn es Lachsalven bringt. Aber eigentlich ist grad das ein Alarmzeichen. Eine leisere Franziska Wanninger wär schneidender, treffender, tödlicher. Es gäbe ja genug zu schneiden und zu treffen. Das Landleben, das jetzt schon in Spezialzeitschriften verherrlicht wird, kann die Hölle sein.
Kaiserschnitt? Wenn er mir steht
Aber was ist schon das Elend des bayerischen Landlebens gegenüber der Barbarei in Belgien! „Bombardiert Belgien!“ forderte Wiglaf Droste. So weit geht Olivier Sanrey natürlich nicht, schließlich ist er Belgier. Dennoch liefert der drahtige Kabarett-Kaktus-Preisträger 2013, der als Hahn im Korb den Mittelteil des Abends bestreitet, ein apokalyptisch-desaströses Bild seines Landes ab. Er erweist sich als Meister des absurden Dialogs. Ein Mann vereinbart in einem Friseurladen einen Termin. Fragt nochmal nach: Wann ist der Termin? Die Friseurin ist schwanger und bezieht die Frage auf sich: Am 24.12.! Der Mann: Ich weiß nicht, ob ich da kommen kann! Die Friseurin: Sie wollen kommen? – Wie soll das sonst funktionieren? – Sind Sie Dr. Müller, der den Kaiserschnitt macht? – Wenn er mir steht?
Dieser Witz missglückt
Noch unwiderstehlicher als der französische Akzent von Olivier Sanrey ist nur noch der von Mademoiselle Mirabelle. Und ihr türkisgrüner Fummel, vom türkisgrünen Rüschenhöschen zu schweigen. Nicht nötig eigentlich, dass sie zwei Männer aus der ersten Reihe auf die Bühne holt und sie anweist, sich mit dem Rücken zum Publikum hinzustellen: „Isch abe noch immer zwei Männer rumgekriegt!“ Niemand hätte das bezweifelt. Mademoiselle Mirabelle trällert zwei, drei Liedchen zur Gitarre, fast noch schöner als Madame Bruni, sie sagt hinreißende Sätze wie: „Isch beginne mit die Anfang“, und sie verrät den Teutonen ein neues „Ühnchen- nein: Geflügelwort“. Immer wenn jemand sehr traurig ist, sagt man in Frankreich: „Er lächelt wie Madame Merkel.“
Bis hierher wäre es ein ganz netter Abend gewesen. Dann kam die Zugabe, eine Parodie auf Rainhard Fendrich: „Weilst a Herz hast wia a Bergwerk und 50 Tagwerk und an BMW, steh i auf di!“ Da kreischen die Landfrauen vor Begeisterung. Und Franziska Wanninger ist genau da angelangt, worüber sie sich vorher so treffend lustig gemacht hat. Schon mal gehört, dass Frauen für die gleiche Arbeit im Schnitt 25 Prozent weniger Geld kriegen? Wenn man Kabarett macht, sollte man vielleicht mal Zeitung lesen! Eine Frau, die einen Mann zwengs am Geld heirat: Kolossaler Witz! Das Gegacker nimmt kein Ende. Es ist Erich Kästner, der den Kommentar zum Weltfrauentag spricht, aber den hören die Weiber vor lauter Gegacker nicht: „Nie dürft ihr so tief sinken, aus dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“ Mittelbayerische Zeitung, 10.3.2014

 

 

Die Kleinkunst hat ihren großen Auftritt
Viele Newcomer und große Namen beim T&T Kleinkunstfestival, unter anderem mit Klaus von Wagner, Max Moor, Keller Steff und dem GlasBlasSing Quintett

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Ein kleines Gipfeltreffen der globalen Komik ist „United Comedy“, das alljährliche Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival. Es findet heuer zum 19. Mal in der Alten Mälzerei statt. „Um die Vielfalt geht es, nicht um die publikumsstärksten Künstler“, betont Programmchef Hans Krottenthaler. Kabarett, Comedy und Musik vereint bereits der Eröffnungsabend am 8. März: Die T&T-Kleinkunstpreis-Gewinnerin 2012, Franziska Wanninger, macht klassisches Typenkabarett, Standup-Comedy der belgische Wahldeutsche Olivier Sanrey und eine Mischung aus Theater und Parodie die chice Französin Mademoiselle Mirabelle.
Drei nackte Männer mit Gitarren vor ihrem Allerheiligsten werben auf den Mälze-Plakaten für einen Musikkabarettabend: Am 13. März stehen die bayerischen Liedermacher Keller Steff, Michi Dietmayr und Roland Hefter mit Highlights aus ihren Programmen auf der Bühne. Gemeinsam sind sie „Drei Männer nur mit Gitarre“.
Feinstes Politkabarett mit dem „Zwangsensemble“
Neben den Festival-Klassikern Poetry Super Slam (14.3.) und Improtheater-Ländermatch (22.3.) kommen musikkabarettistische Senkrechtstarter aus Berlin in die Mälze. Das GlasBlasSing Quintett begann 2003 in Fußgängerzonen Musik zu machen – auf Glas- und Plastikflaschen aller Art. Mittlerweile tritt es im Fernsehen auf und hat sein Instrumentarium um Wasserspender-Bassdrum, Flachmanninoff und Cokecaster erweitert. Die Altglas-Kreativen treten am 29. März auf.
Am 5. April steht feinstes politisches Kabarett auf dem Programm, dann im Antoniushaus: Matthias Tretter, Klaus von Wagner und Philipp Weber sind das „Erste Deutsche Zwangsensemble“. Gemeinsam haben sie den Salzburger Stier und den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen, mit ihren Soloprogrammen kamen mehr als 30 weitere Preise hinzu. Claus von Wagner, regelmäßig in der ZDF-Satire „heute-show“ zu sehen, hat gerade erst mit Max Uthoff die Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ übernommen.
Max Moor schreibt live aus der Provinz
Der letzte Solokünstler des Festivals ist am 14. April der „Titel, Thesen, Temperamente“-Moderator Max Moor. Er liest unter anderem aus seinem Buch „Lieber einmal mehr als mehrmals weniger. Frisches aus der arschlochfreien Zone“, in dem der Bio-Bauer seine Notizen aus der brandenburgischen Provinz zusammengefasst hat.
2014 wird wieder der T&T-Kabarettpreis vergeben, der schon für viele Sprungbrett war: Martina Schwarzmann, Mathias Tretter und Max Uthoff sind nur einige derer, die seither Karriere gemacht haben. Am 12. April stehen in der aus 30 Bewerbungen ermittelten Endrunde fünf förderwürdige Künstler auf der Bühne: der oberbayerische Kabarettist Alan Neumayer, die Verwandlungskünstlerin Constanze Lindner, bekannt aus der BR-Serie „Die Komiker“, das Sulzbach-Rosenberger Musikkabarettduo „Die Original Bauernsfünfer“, die Scharfrichterbeil-Gewinner „Paul – Poesie aus Leidenschaft“ und der zeitgenössische Gstanzlsänger Sebastian Daller aus Teugn. Für Jury und Publikum wird es „schwer sein, einen Sieger zu ermitteln“, prophezeit Krottenthaler. „Auf jeden Fall wird es ein toller Abend.“
Karten und Infos in der Alten Mälzerei unter Tel. (09 41) 78 88 10 und www.alte-maelzerei.de
Mittelbayerische Zeitung, 11.2.2014

 

„Hass im Stromkabel“ führte zum Sieg
Beim FameLab traten acht junge Wissenschaftler mit witzigen Kurzvorträgen gegeneinander an. Zwei dürfen nun zum Deutschland-Finale nach Bielefeld.


Von Louisa Knobloch, MZ
Regensburg. Sture Roboter, kopflose Fruchtfliegen und Elektronen, die sich nicht leiden können – mit diesen Themen begeisterten acht junge Wissenschaftler am Mittwochabend das Publikum in der proppenvollen Alten Mälzerei. Beim Regionalentscheid des Wettbewerbs FameLab hatten die Teilnehmer jeweils nur drei Minuten Zeit, ihr Thema zu präsentieren. Im Gegensatz zu Poetry Slams, die das Publikum ebenfalls scharenweise in die Alte Mälzerei locken, durften die Wissenschaftler aber Hilfsmittel benutzen, um ihren Vortrag anschaulich und witzig zu gestalten.
Davon machten die Kandidaten reichlich Gebrauch: So schnallte sich Jorg Körner einen durchsichtigen Flügel an den linken Arm, mit dem er den Balzgesang der Fruchtfliegen imitierte. Der gebürtige Slowake Michal Poznik pustete zu Beginn seines auf Englisch gehaltenen Vortrags über Membranen Seifenblasen in die Luft und der Biochemie-Doktorand Matthias Stahl aus München erklärte mit Hilfe einer Papiertüte und einer Käsestange, wie sich der „Staubsauger der Bakterienzelle“ austricksen lässt. „Damit ist die Veranstaltung Lungenentzündung erst einmal abgeblasen.“
Schlagabtausch mit der Jury
Tim Weber, der am Labor Biomechanik der OTH Regensburg promoviert, hatte einen Oberschenkelknochen aus Kunststoff mitgebracht, um eine Studie zur Verbesserung von Hüftoperationen vorzustellen. Und Johannes Höcherl verdeutlichte mit zwei Mini-Robotern und einer Playmobil-Figur die Entwicklung der Mensch-Roboter-Kooperation in der Produktion. Wer bei der Arbeit eher der Machttyp oder der Harmonietyp ist, erfuhren die Zuhörer im Vortrag von Josef Merk.
Von „Hass im Stromkabel“ erzählte Robert Frielinghaus. Die Elektronen Paul und Paula könnten sich nämlich nicht leiden und würden bei ihrem Weg durch das Kabel die ganze Zeit drängeln und schubsen. „Das ist der elektrische Widerstand.“ Viel einfacher sei es dagegen, wenn die Elektronen frisch verliebt seien – in Supraleitern gehe keine Energie verloren. Als letzter Kandidat stellte der Physiker Andreas Einwanger neue Entwicklungen für Halbleiterchips vor – mit einer Klopapierrolle und Luftballons, die verschiedene Metalle symbolisierten.
Moderator Christian Lang, sonst beim Radiosender gong fm zu hören, stellte die Kandidaten vor und lieferte sich einen verbalen Schlagabtausch mit der Jury – allen voran Continental-Personalleiter Michael Staab und Meike Fabian von der Akademie für Darstellende Kunst Regensburg. Komplettiert wurde die Jury von Wirtschafts- und Wissenschaftsreferent Dieter Daminger, dem Präsidenten der Uni Regensburg, Prof. Dr. Udo Hebel, und der Vizepräsidentin der OTH Regensburg, Prof. Dr. Klaudia Winkler.
Zum deutschen Finale nach Bielefeld
Den ersten Platz vergab die Jury an Robert Frielinghaus, der bereits einige Erfahrung mit Science Slams gesammelt hat. Der lauteste Applaus des Publikums sicherte dem 29-Jährigen zudem den Publikumspreis – ein Jahresabo der Zeitschrift „Geo“. Das passe gut, weil sein Abo demnächst auslaufe, hatte Frielinghaus zuvor gesagt. Als Zweitplatzierter darf auch Andreas Einwanger zum Deutschland-Finale am 10. Mai nach Bielefeld fahren. Für den 32-Jährigen war es der erste Science Slam. „Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt.“ Mittelbayerische Zeitung, 20.2.2014

 

 

Geschichten aus dem Kleingarten
Der Erzähler Wladimir Kaminer hat sich beim Gärtnern zu seinem neuen Buch „Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten“ inspirieren lassen.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Vom eigenen Garten über die Fahrschule zu Pilzen und von da zum Elefantenpfleger: Hört man dem Lieblingsrussen der Deutschen, Wladimir Kaminer, eine Weile zu, kann man sich keinen ansprechenderen, umgänglicheren und netteren Gartennachbarn vorstellen. In Brandenburg, 70 Kilometer nördlich von Berlin, hat sich der Erfinder von „Russendisko“ und vielen weiteren unterhaltsamen Geschichten erneut ein grünes Stück Erde gepachtet. Aus dem Schrebergarten in Berlin, den Kaminer zunächst sein eigen genannt hatte, musste er vor einer „Prüfungskommission, bei der alle Gärten genau gleich auszusehen hatten“ wegen „spontaner Vegetation“ flüchten. Noch bevor das erste Gartenbuch vollendet war.
Zunächst habe er „den Garten abgehakt“ und sich auf ein Leben ohne eingestellt. Aber „Russen können gar nicht ohne Garten leben.“ Und so zieht es Kaminer mit Familie und einer lebensfrohen Runde von Grillfreunden nach Glücklitz. Dort trifft er Menschen wie Eierverkäufer Helmut, dessen merkwürdige Erlebnisse bei der Eiererzeugung er launig zum Besten gibt. Damit ist der in Moskau geborene Schriftsteller bei seinem neuen, zweiten Gartenbuch „Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten“, das im Mittelpunkt seiner Lesung steht.
Kaminer wäre aber nicht Kaminer, wenn er mit süßem russischen Akzent und rollendem „rrr“, das Buch vor der Nase, eine komische Geschichte nach der anderen runterlesen würde. Das tut er zwar auch: Über den „Kulturbürgermeister“ Matthias, der früher Elefantenpfleger in Cottbus war. Dieser lädt zu Ehren des prominenten Neugartenbesitzers die Glücklitzer zur Russendisko ein. Den früheren Schulunterricht noch irgendwo in den Ganglien vergraben, lässt er – „dawaj“ und „Drushba“ – die deutsch-sowjetische Freundschaft wieder aufleben.
Meist aber denkt Kaminer kurz nach, „ach ja“, und landet „als Vertreter der deutschen Kultur mit der Russendisko (!) in Brasilien.“ Dorthin war er nach der letzten Buchmesse eingeladen worden, wenig später nach Finnland. Kaum dort angelangt, räsoniert der 46-jährige zweifache Vater über seine pubertierende Tochter. „Wir hatten keine Freiräume in der Sowjetunion um hineinzupubertieren“, greint er, „deshalb pubertiere ich jetzt mit meiner Tochter“.
Im gut besuchten Antoniussaal hat er die Lacher schnell auf seiner Seite. Treue Fans hängen regelrecht an den Lippen des ausschweifenden Erzählers. Ob es um die Abschaffung der Winterzeit in Russland, den verstorbenen Vater, der Katze und Ehefrau terrorisiert oder die „windellose Erziehung“ geht: Der Berliner Autor seziert das Zusammenleben von Deutschen und Russen im schnöden Alltag und findet überall Absurditäten, Seltsamkeiten, Kurioses. Mit scheinbar naivem Erstaunen, hinter dem ein vergnügter Ironiker steckt, nimmt er Alltägliches aufs Korn und hält uns den Narrenspiegel von Voreingenommenheiten, nutzlosen Gewohnheiten und Ungereimtheiten vor. Mittelbayerische Zeitung, 17.2.2014

 

KONZERT DES JAHRES 2013

Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2013 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2013 heißt: THE NOTWIST - vor Thees Uhlmann, Vdelli, Moop Mama und Milky Chance. Gratulation nach Weilheim. Vielen Dank an die vielen Teilnehmer, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2013 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.

Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), THE NOTWIST (2013)

 

Mit Kellner auf dem bayerischen Highway
Der Regensburger Mathias Kellner hat sein erstes Soloalbum produziert. Er singt erstmals bairisch – und klingt doch amerikanisch wie selten zuvor.

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Mathias Kellners erstes Solo-Album ist ein Hybrid. Der Regensburger Singer-Songwriter singt zum ersten Mal auf Bairisch – doch das klingt so straight amerikanisch, dass man den Staub texanischer Wüsten in Nase und Ohren hat. „Amerikanisch“, sagt der 29-Jährige, „ist der Sound, der mir taugt“. Er habe immer schon das Gefühl gehabt, dass es Ähnlichkeiten gibt: „Texaner sind so eigen wie die Bayern: etwas verschroben, man bleibt gern unter sich, die Uhren ticken langsamer“. Und gute bayerische Blasmusik, nicht zu perfekt und sauber gespielt, sei dem New-Orleans-Jazz nicht unähnlich.
Das hört man im Song „Du Drahst Di“, in dem Kellner mit Kamil Müller (Django 3000) und Sebastian Horn (Bananafishbones) ein wunderbares, lakonisches Lebewohl aufs Leben singt, in leichtem Trab, mit Steel-Guitar und einem Trauermarsch zum Schluss, der im French Quarter so gut wie in Hintertupfing erklingen könnte.
Kellner lässt den Melancholiker raus
Eine optimistisch grundierte Traurigkeit durchweht das ganze Album „Hädidadiwari“. Kellner gibt zu: „Es ist das erste Mal, dass ich den Melancholiker rauskehre. Ich hab’ zum ersten Mal sehr tief in mich reingeschaut. Und das musste auch raus.“ Auf Englisch könne man beschönigen, „aber Bairisch ist unglaublich ehrlich“. Er sei beim Schreiben weiter gegangen, als er wollte – zurückgenommen hat er nichts. Seine „Gesungenen Geschichten“, so der Untertitel des Albums, erzählen von Rückschlägen, verpassten Gelegenheiten, von Selbstzweifeln, Scham und Lebenslügen. Mit „Hädidadiwari“ lässt Kellner die Hosen runter.
Die Reaktionen auf das freimütige Solo-Album bestätigen ihn: „Ich hab’ noch nie so viele positive Rückmeldungen bekommen“, erzählt Kellner. Beim ersten Konzert der „Hädidadiwari“-Tour in Burghausen, nur mit Gitarre und Banjo auf der Bühne, wurden auch die letzten Zweifel zerstreut. Den Fans habe gerade die neue Intimität, die Konzentration aufs Wesentliche sehr gefallen.
„Hauptsach’ ich bin Musiker“
Die bairischen Songs lagen schon lange in Kellners Schublade. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er auf den noch immer unter Volldampf fahrenden Pop-&-Rock-auf Bairisch-Zug aufgesprungen wäre. Das Material sei zum Teil schon sechs oder sieben Jahre alt. Er habe halt die künstlerische Abwechslung gesucht. Und das erste Album ohne seine Band Kellner wollte er auch nutzen, um eine Platte zu machen, die mehr an seine großen Idole angelehnt ist. Neil Young zum Beispiel, der mit Crazy Horse krachenden Rock fabriziert und solo folkige Balladen singt. Ein anderes Idol ist der Brite Robert Palmer – „einer der besten Sänger und ein begnadeter Songschreiber – dessen 1980er-Hit „Johnny and Mary“ Kellner von Synthie-Beats befreit und in eine bairische Akustikrock-Ballade verwandelt hat.
Der Song hat ihn jahrelang begleitet, auf einem „Hardcore-Oldschool-Mixtape“, noch vom Radio aufgenommen, das der Kassettenspieler seines alten Autos irgendwann nicht mehr ausspucken wollte. Mathias Kellner scheint wohltuend aus der Zeit gefallen. Dazu passt, dass ihn sein biologisches Alter herzlich wenig interessiert. Heuer wird er 30. Doch er sagt, er habe sich schon mit 14 älter gefühlt, als er wirklich war. Er hält‘s mit Ringsgwandl: „Wurscht, ob jung oder alt – Hauptsach’ ich bin Musiker“.
Die MZ verlost CDs
Die MZ verlost drei von Mathias Kellner signierte Exemplare der neuen CD „Hädidadiwari“. Wer gewinnen will, schreibt bis 26. Januar eine E-Mail mit dem Stichwort „Kellner“ an ...
Wer Mathias Kellner live erleben will, kann das unter anderem am 25. Januar in der Alten Mälzerei in Regensburg, am 28. März in Postbauer-Heng, am 11. April in Parsberg, am 12. April in Riedenburg, am 18. April in Regenstauf und am 31. Mai (gemeinsam mit Claudia Koreck) beim Zeltfestival in Lappersdorf. Mittelbayerische Zeitung, 22.1.2014

 

Pop-Perlen, die Zeitgeschichte erzählen
Berlins interessantester Popimport Cherilyn MacNeil begeistert in Regensburg mit ihrem „Dear Reader“-Projekt das junge Publikum.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg „Goodness, what a wonderful whirlwind“. „Meine Güte, was für ein toller Wirbelwind“, schreibt die Berliner Sängerin und Komponistin Cherilyn MacNeil auf ihrer Facebookseite über ihren Auftritt mit „Dear Reader“ in der Alten Mälzerei. Nach anfänglich etwas flauem Eindruck, füllte sich das Regensburger Pop-Eldorado nach dem Duo „Lost Lander“ aus Portland, das als Vorband einen etwas schwachen Eindruck hinterlassen hat, doch ordentlich. Und die jungen Leute ließen keinen Zweifel aufkommen, was sie von der eigenwilligen Musikerin halten. Vorwiegend der weibliche Teil des Publikums sang die letzte Zugabe, Bruce Springsteens „Dancing in the Dark“, in einer langsamen Version als einfühlsame Ballade Zeile für Zeile voller Andacht mit.
Schon bei der ersten Zugabe machte die im schwingenden Retrokleid ein wenig matronenhaft wirkende Sängerin, getragen von einer heißen Sympathiewelle, kleine Luftsprünge auf dem Weg zurück auf die Bühne. Ihr Programm mit Songs hauptsächlich aus dem aktuellen Album „Rivonia“ ließ das nicht von vorneherein erwarten. Basierend auf oft sehr einfachen, dabei keineswegs unbedingt eingängigen Melodien, sprengen die Arrangements herkömmliche Erwartungen durch rhythmische Fallstricke und plötzliche Wechsel von orchestraler Fülle und karger Instrumentalbegleitung der Stimme. Die Songs selbst, kleine, glitzernde Kostbarkeiten, sind ebenfalls alles andere als leichte, schnell konsumierbare Kost. Cherilyn MacNeil lässt darin immer wieder Geschichte, Weltgeschichte gar aufblitzen. Was auf den ersten Blick reichlich überspannt erscheinen mag, entpuppte sich als spannender, erfrischender Streifzug durch aktuellen Indie-Pop. Einer Musik, der deutlich mehr zu sagen hat, als die sonst übliche Nabelschau oder pubertäre Posen. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass die junge Musikerin Südafrikanerin ist.
Lieder von Bedeutung
Sehr wohl von Bedeutung ist es aber, dass sie in vielen Liedern die Geschichte ihres Landes, ihrer Leute, ihrer eigenen Familie zum Thema macht. Also Zeigefinger-Pop, Vehikel für beklagenswerten Schulunterricht, musikalischer Erziehungsdiskurs? Weit davon entfernt, singt MacNeil von ihrem frommen Ur-Ur-Großvater (Man Of the Book), einem Baptisten, der den Rechtsanwalt Mahatma Gandhi in seinem Bett übernachten lässt, weil er als Farbiger kein Zimmer im Hotel bekommen hat. In „Down Under, Mining“ beklagt sie mit pathetischem Backgroundstimmen und abgehacktem Auf-und-ab, das dem mühsamen Untertageabbau nachempfunden ist, den Tod des Bruders. Eindringlich besingt sie die elenden Arbeitsbedingungen der schwarzen Bergleute, die der „City of Gold“, MacNeils Heimatstadt Johannisburg, zu Reichtum verholfen haben. Auch der Albumtitel beinhaltet einen starken zeitgeschichtlichen Bezug. 1963 sind im „Rivonia-Prozess“ Nelson Mandela und acht weitere ANC-Führer vom Apartheid-Regime jahrzehntelang auf die Gefängnisinsel Robben Island verbannt worden. Klug meidet MacNeil es politische Statements oder allzu öffentliche Meinungsbekundungen abzugeben. Vielmehr schildert sie in „Took them Away“ die Rivonia-Geschehnisse aus der Sicht eines kleinen Jungen, der vermutlich die geheime ANC-Riege versehentlich verraten hat. Eine Empathie, die sich auch in MacNeils kraftvoller Stimme fängt und tief anrührt, selbst wenn man den - englischen - Text nur ausschnittsweise versteht.
Vorzügliche Musiker begleiten sie
Aber nicht nur Schwergewichtiges hat die äußerst kreative Songwriterin auf dem Notenständer ihres Keyboards liegen, selbiges sie auch mal wüst malträtiert und aufjaulen lässt. Im heiter-versponnenen „Mole“ macht sie sich Gedanken, wie denn der blinde Maulwurf zum Sex, sprich zur Fortpflanzung, kommt. Begleitet wird MacNeil, die das Projekt „Dear Reader“ seit der Trennung von ihrem Partner und Toningenieur Daryl Torr alleine weiterführt, von vier vorzüglichen Musikern an Trompete und Stimme, Schlagzeug und Perkussion, Geige und Akkordeon und E-Bass. Das macht die wundervollen Arrangements ungemein farbig, oft überraschend und mit sparsam eingesetzten elektronischen Loops oder Effekten zu Popperlen mit Seltenheitswert. Und über allem immer wieder diese oft volle, manchmal mädchenhaft zarte Stimme mit ganz eigenem Duktus, der ihr einen hohen Wiedererkennungswert verleiht. Vergangenen Herbst hat die Cherilyn MacNeil Rivonia-Songs mit dem Filmorchester Babelsberg neu arrangiert und in einer gelungenen Aufführung präsentiert. Ein Zeichen, dass das „Pop-Musical“, wie die Autorin ihr Album auch versteht, in anderen Zusammenhängen gleichermaßen gut funktionieren. „Dear Reader“ wird voraussichtlich noch öfter von sich reden machen – und hoffentlich wieder in die Mälzerei kommen. Mittelbayerische Zeitung, 20.1.2014

 

Mit Kampf-Liedern gegen „die da oben“
Der „Hasch-Rebell“ Hans Söllner wettert im Antoniussaal wie eh und je gegen Staatsgewalt und beschwört die andächtige Zuhörerschaft: „Traut´s eich!“


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Vor zwei Jahrhunderten wäre er ausgewandert. Nach Amerika, in den Wilden Westen, wo bockige Individualisten und Gegner staatlicher Bevormundung wie Hans Söllner ihre Träume von Freiheit, Autonomie und Gerechtigkeit haben ausleben können. Vielleicht sind sie dabei verreckt, umgekommen oder an ihren Träumen zugrunde gegangen - aber es waren ihre Träume, ihre Entscheidungen, ihre Enttäuschungen. Und davon hat der mittlerweile 58-jährige Liedermacher, Songpoet und Gitarreklampfer auch im fortgeschrittenen Alter noch eine ganze Menge.
Wo andere milder werden in ihren Ansichten, vorsichtiger und weiser, mehr abwägen, bedenken und dann möglicherweise zu ausgewogeneren Haltungen tendieren, ist der Bad Reichenhaller „Hasch-Rebell“ unnachgiebig festbetoniert. Keinen Fußbreit, keinen Millimeter „denen da oben“, den Politikern, Staatsmännern und gierigen Wirtschaftslenkern, die uns kaputtmachen, zerstören und gängeln. Für die hält Söllner mehr Schimpfworte und Verachtung parat, als auf jede bayerische oder fremde Kuhhaut gehen.
Im voll besetzten Antoniussaal grantelte der aufrechte Oberbayer halb belustigt über den eifrigen Beifall, der ihm entgegenschlägt, als er die Bühne betritt. „In der letzten Zeit fallt mir auf, dass die Leute schon klatschen, wenn i aussi kumm…, dabei hob i no koan Ton g’sagt!“ Dann könne er ja wieder gehen, greint Söllner kichernd, ohne Anstalten zu machen, die Drohung auch umzusetzen
Die erste halbe Stunde gerät zu einem verbalen Rundumschlag aufs Landratsamt, das seinen Führerschein einziehen will, auf Politiker und Facebooknutzer, die ihn wüst beschimpfen. Für die User im Netz kann er sich sogar erwärmen. Statt ihren Frust zu schlucken und neurotisch zu werden, könnten sie sich austoben. Wenig Verständnis bringt er für das Landratsamt auf: Der Behörde bietet er als Ersatz für den Führerschein, den er wegen seines Marihuanakonsums - „selbst angebaut, alles bio!“ - abgeben soll, seine Spülmaschine an.
Zwischen einzelnen Liedern und langen, manchmal langatmigen Auslassungen beschwört Hans Söllner seine andächtige Zuhörerschaft immer wieder sich „heute Nacht“ zu trauen: „Sagt’s ,Ich liebe dich‘ zu dem Polizisten, sagt’s des!“ Jeder neue Appell wird mit freudigem Beifall, Johlen und Zustimmung begrüßt. Man spürt beinahe das innere Aufbäumen im Saal, den verzweifelten Herzenswunsch, dem unbeugsamen Vorbild auf der Bühne nachzueifern, der auf diese Weise einen Richter umarmt und außer Gefecht gesetzt hat. Gleichzeitig weiß jeder, dass diese Sehnsucht nach der rebellischen Geste ungestillt bleiben wird. Keiner wird im Zickzack nach Hause fahren, um die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu lenken und sie an der Nase herumzuführen.
Der Grantler und Freiheitskämpfer kämpft, stellvertretend für seine Anhänger und Fans, seit mehr als 30 Jahren gegen Staatsgewalt – mit bissigen Liedern, streitbaren Attacken und Aktionen jenseits von Legalität, die er aber für sein ureigenstes, persönliches Recht hält, wie das Rauchen von Cannabisprodukten. Betrachtet man die Entwicklung im Land der verbissensten Drogenbekämpfer, den USA, wo in Colorado zu Jahresbeginn der Verkauf freigegeben worden ist, kann man schon ins Nachdenken kommen, ob der „Hasch-Rebell“ denn so verkehrt liegt. Seine Inszenierung als widerständiger Dissident und stolzer Gerechtigkeitsapostel hat Söllner im Laufe der Jahre schon viel Geld in Form von Strafen gekostet. Eigentlich hätte er dafür längst den höchsten Bayerischen Verdienstorden verdient, als „Anerkennung für hervorragende Verdienste um das bayerische Volk“, könnte man denken. Verkörpert Hans Söllner doch wie sonst kaum einer im Freistaat urbayerische Tugenden: Er lässt sich bis heute nicht unterkriegen, ist unangepasst, schimpft und grantelt mit Genuss, steht unbeugsam für seine Meinung(en) ein. Und er verteidigt sein Recht auf Unangepasstheit mit Liedern wie „SoSoSo“, dem „Lied für Joschka Fischer“ („der größte Verräter in der deutschen Nachkriegsgeschichte“) und dem deftigen „A Drecksau Is A Drecksau“.
Das ironische Sehnsuchtslied „Mei Voda (hot an Marihuanabaum)“ gerät als Zugabe zur stehend mitgesungenen Mitklatschhymne und damit in gefährliche Nähe zur Verehrung a la Helene Fischer.
Schade nur, dass Hans Söllner solo unterwegs war, die beiden neuen mit seiner Band „Bayaman Sissdem“ eingespielten Alben „Mei Zuastand 1 + 2“ geben endlich auch musikalisch mehr her, als das bisschen einfache Geklampfe mit zwei Akkorden.
Mittelbayerische Zeitung, 16.1.2014

 

Super-Woman trägt zu dick auf
Lizzy Aumeier erlebt mit der Premiere ihres neuen Programms eine Bauchlandung. Die Lacher im Antoniushaus in Regensburg fielen verdächtig dünn aus.


Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Als Nachtigall der Oberpfalz geht sie so wenig durch, wie als „Spatz von Sulzbürg“. Obwohl…?! Eine Analogie zum lärmenden, schimpfenden Rohrspatz ist bei Lizzy Aumeier keineswegs von vornherein von der Hand zu weisen. Immerhin ist das vorromantische Volkslied „Wenn ich ein Vöglein wär’“ das musikalische Leitmotiv in der neuen Comedy-Show Superlizzy, mit der Aumeier am Samstag im Antoniushaus in Regensburg Premiere hatte. „Ohne Vorpremiere“, wie Lizzy Aumeier sichtlich erleichtert am Ende des mit anstelligem Wohlwollen aufgenommenen Programms bekannte.
Nach kurzer Verschnaufpause durfte Tatjana Shapiro, die Begleiterin der vielfach ausgezeichneten Komödiantin am Klavier, ihre Lieblingsnummer „Hollywood-Show“ (Aumeier streng: „Du kannst doch kein Englisch!“, „Yes, I am!“) als Zugabe spielen. Die körperbetonte „Chefin“, wie Aumeier von der nur unwesentlich schlankeren russischstämmigen Pianistin betitelt wurde, schmetterte Bluessongs zur eigenen Begleitung am Bass und Shapiro mühte sich mit möglichst drolligen Übersetzungen. „Nottingham“ wurde zu „Nicht Ding Schinken“ und „in my eyes“ zu „in meine Eier“.
Veganer bekommen ihr Fett weg
Lizzy Aumeier, die Bassistin und Musikkabarettistin aus dem westlichen Zipfel der Oberpfalz, war noch nie die Frau fürs Feine, Spitzfindige, Subtile. Seit mehr als 20 Jahren fightet sie mit Krummsäbel und Morgenstern und wenn es einen Lacher gibt, haut sie auch schon mal mit dem verbalen Vorschlaghammer aufs Zwerchfell. Als Superlizzy legt sie – noch hinterm Vorhang – eine krachende Bruchlandung hin und steckt nach diversen Kraftausdrücken gleich mitten in ihrem Lieblingsthema, der eigenen Körperfülle.
Das Thema zieht sich durchs ganze Programm, durch eine nicht wirklich durchschaubare Abfolge von Nummern, Gags, Witzen und Witzchen, immer wieder durchbrochen durch eine erfrischende Schlagfertigkeit im spontanen Austausch mit dem Publikum.
Das Einbeziehen einzelner Zuhörer – zwei Mal holte sich die derbe Oberpfälzerin Besucher auf die Bühne – gehörte zu den stärksten Momenten der ein wenig holprigen und gelegentlich gar stockenden Premiere. Vielleicht war die Probezeit zu kurz, aber einige Hänger hemmten, vor allem anfänglich. Pointen zündeten nicht, Knalleffekte verpufften. Das Publikum ließ sich nicht verdrießen und gab sein Bestes, wobei der freigiebig gespendete Beifall und reichlich Lacher zwischendrin auch mal verdächtig dünn ausfielen.
In der ersten Hälfte in ein blitzblaues Superwoman-Kostüm und in eine offene Latzhose gewandet, erklärt die ein wenig ramponiert wirkende Superlizzy, dank ihrer Fähigkeit durch Raum und Zeit zu reisen. Die Fetten werden kurzerhand zu „den Allerallerbesten“ der vergangenen zwei Jahrtausende ernannt und vor „dünnen Frauen“ wie Ursula von der Leyen wird gewarnt. Verknüpft durch immer neue stilistische und sprachlich akzentuierte Variationen des sehnsuchtsschwangeren Vöglein-Lieds hackt die „Anti-Diva und Sexgöttin aus der Oberpfalz“ mit spürbarem Genuss auf Vegetarier, Veganer, Ovo-Lacto-Vegetarier, Ovo-Lacto-Pesco-Vegetarier und andere Gruppen von Fleischverweigerern ein.
Ermüdende Scherze über Sex
Dass es ihr dabei, wie auch bei der Dresche für „political correctness“ und andere Themen, nicht in erster Linie um berechtigten Spott oder um die zugespitzte Bloßstellung einer ideologiegesättigten Auseinandersetzung geht, sondern leider allzu oft um platten Populismus, das lässt die Show zu einem schrillen, streckenweise dumpfbackigen Hau-drauf-Spektakel verkümmern. Daran ändern bedauerlicherweise auch der spontane Wortwitz und die geschärfte Schlagfertigkeit der oft wunderbar kraftmeiernden Musikkabarettistin nur wenig; ihre großartigen Fähigkeiten lassen vielmehr die inhaltliche Dürftigkeit vieler mühsam erarbeiteter Texte noch stärker hervortreten.
Die unverblümten und ungenierten Späße über Sex, Unterleib und Begierden – ein weiteres Markenzeichen der Endvierzigerin – sind auf Dauer eher ermüdend denn erheiternd. Zwei, drei Anläufe zu pfiffiger feministischer und süffisanter politischer Kritik (Dobrindts Maut-Dummheiten!) versanden schneller, als sie zum Vorschein gekommen sind, zwischen witzelndem Klamauk und populistischen Gags, mit denen Superlizzy gesellschaftliche Klischees und Dummheiten willig bedient. Zudem klebt Aumeier noch zu oft und zu lange an ihren Manuskripten.
Vielleicht hätten mehr Proben und einige ausgewählte kleinere Clubauftritte der Comedy-Frau gut getan, die dann das Programm überarbeiten und stellenweise hätte verbessern können. So wird der Abend fast vollständig zur Bruchlandung. Mittelbayerische Zeitung, 13.1.2014

 

Konzert des Jahres 2013
Nach SPORTFREUNDE STILLER im letzten Jahr bieten wir für 2013 zur Auswahl: Rhino Bucket, Das Blaue Einhorn, MachOne, Moop Mama, Steve Wynn & Chris Cacavas, Claudia Koreck, Firewater, Killerpilze, Kellner & Band, Mitch Ryder, Dr. Ring Ding, Vdelli, Simeon Soul Charger, The Kings of Dub Rock, Faun, Akkordeonale, Rocko Schamoni, Jamaram, Attwenger, Bauchklang, Eläkeläiset, Palo Santo, Root Missionmit Mad Professor, Milky Chance, G. Rag Y Los Hermanos Patchekos, The Notwist, Little Caesar, Fiva & Das Phantom Orchester, The Aggrolites, Karamelo Santo, Mardi Gras BB, Akua Naru & The Digflo Band, Turbostaat, Stefan Dettl Band, The Brew, Django 3000, Herrenmagazin, Ohrbooten, Francis International Airport, Zehn Jahre : Ohne Schnupftabak, Popa Chubby, The Slackers, Kofelgschroa, Sham 69, Al Andaluz Project ... und viele andere. Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2013 per email info@alte-maelzerei.de verlosen wir wieder Freikarten, CDs, etc.

Konzerte des Jahres 1996 bis 2012:
Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King’s X (2000), Maceo Parker (2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor The Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012)

 

 

Der leise Krawallmacher
Martin Sonneborn, Ex-„Titanic“-Chef und Mitarbeiter der „heute show“, drehte in der Alten Mälzerei in Regensburg die Daumenschrauben ganz sanft zu.


Von Flora Jädicke, MZ
Regensburg. chNiemand macht so leise Krawall wie er. Martin Sonneborn ist Deutschlands härtester Satiriker und gleichzeitig sein freundlichster. Fast unscheinbar hockt er da oben auf der Bühne. Vor sich das Laptop. An der Wand der Schriftzug des Satiremagazins „Titanic“, dessen Chefredakteur er von 2000 bis 2005 war. Vor ihm ein Publikum, das selten so jung war und selten so begeisterungsfähig wie an diesem Abend.
Aber er warnt sie: „Sie werden nicht alles verstehen, was ich hier sage. Das ist ein Vortrag, der eigentlich für Großstädte konzipiert wurde.“ Schallendes Gelächter. Wer Sonneborn etwas übel nimmt, der will oder kann ihn nicht verstehen. Oder er hat etwas zu verbergen. Auf der Leinwand wechseln die Titelblätter der „Titanic“. Hitler ist zu sehen. „Wer ist dieser Mann?“ Damit haben Parteianhänger Frankfurt am Main plakatiert. Die Reaktionen waren peinlich bis erschreckend.
Ein Taifun an einem Sommertag
„Wenn Hitler auf dem Titelblatt zu sehen ist, dann kann es nur der ,Spiegel‘ oder die ,Titanic‘ sein“, beruhigt er. Und wieder lachen sie. Mit seinem Spitzbuben-Lächeln stellt Sonneborn „Die Partei“ vor, die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, dessen Vorsitzender er ist. Schon das Programm liest sich wie eine einzige grandiose Kabarett-Nummer. Sie wollen die Machtübernahme und die Mauer zurück. Und sie fordern die Einführung der Faulenquote und das Fracking von Peter Altmaier. Obwohl Satirepartei, ist sie gleichzeitig eine ordentlich zugelassene Partei, die mit ihrer Parteienwerbung regelmäßig für mehr Aufregung sorgt, als säße sie im Bundestag.
Sonneborn ist wie ein Sommertag an dem plötzlich ein Taifun hereinbricht. Er ist der Satirewolf im Schafspelz. Wer ihm vor das Mikrofon oder die Kamera gerät, braucht Mut, Humor, politischen Durchblick und jede Menge verbale Schlagkraft. Den meisten fehlt alles. Und so kann Sonneborn im vermeintlichen Auftrag von „Google Home-view“ bis in deutsche Schlafzimmer vordringen und ungehindert herumfotografieren. Er lässt deutsche Rentner unterschreiben, dass sie Nazis sind, und Politikern wie Sigmar Gabriel fällt nicht mehr ein als latent aggressive Flucht. Weh tut‘s immer hinterher
Politiker, Wirtschaftsbosse und Pressesprecher machen einen Bogen um ihn. Und erwischt er sie doch, dann hebt er sie mit wenigen stillen freundlichen Fragen aus den Angeln oder hält sie Wochen lang in den Schlagzeilen. Die Deutsche Bank kann davon ein Lied singen. Das Interview, ein Meisterstück der Satire-Kunst war erst kürzlich in Oliver Welkes „heute-show“ (ZDF) zu sehen. Mehr als drei Millionen Menschen sahen, auf welche Weise PR-Strategen der Deutschen Bank Journalisten und Kunden für dumm verkaufen wollen.
Kaum einer spürt es, wenn Sonneborn ihm die Maske runterzieht. Und wenn doch, dann kann er sich nicht wehren. Der FDP-Politiker Joachim Günter soll nach einem Interview gesagt haben: „Irgendwie war das sehr seltsam, aber irgendwie kam ich da auch nicht mehr raus.“
Fragen an den „Herr Magister“
Und selbst das junge Publikum in der Alten Mälzerei folgt dem „Buster Keaton der deutschen Politik!“ wie die „taz“ ihn nannte, bereitwillig. Er habe Politik studiert. Das habe ihm noch nie im Leben genützt. Bei solchen Veranstaltungen aber wolle er mit „Herr Magister“ angeredet werden. Die Ansage für den Frageblock zeigt prompt Reaktion. Gut ein halbes Dutzend meldet sich zu Wort und beginnt die Frage artig mit „Herr Magister“. Lustig fanden sie es. Freilich. Irgendwie hat der Satiremeister sie dennoch am Kragen gepackt. Denn da war er wieder. Dieser Reflex. Dazugehören wollen, mitlaufen wollen, zu einem „GröVaz – Größter Vorsitzender aller Zeiten“ aufschauen wollen.
Sonneborns Agitationen und Worte sind der Katalysator zwischen unreflektierter Gefolgschaft und mündigem Denken. Manchmal ist es der Fackelmarsch der „Partei“ durchs Brandenburger Tor, manchmal sind es Plakate wie „CDU Wähler aufgepasst, Ole van Beust ist schwul“ und tags drauf „Schwule aufgepasst: Ole van Beust ist in der CDU“. Manchmal sind es Interviews und manchmal ist es der Scherz „Ich möchte mit Herr Magister angeredet werden“, der etwas von ganz unten in der Seele hervorholt ins Licht des Verstandes.
Sonneborn dreht oft nur Millimeter an den satirischen Daumenschrauben. Der leise Schmerz reicht aus, um Oberstübchen und Zwerchfell ausreichend zu durchbluten. Dafür hassen ihn die Einen. Die anderen verehren ihn dafür, wie das Publikum in der Alten Mälzerei. Kein Handy, vor dem er nicht posieren musste. Martin Sonneborn ist Dieter Hildebrand 3.0. Großartig! Mittelbayerische Zeitung, 9.12.2013

 

Eure Mütter: Witz ohne Benimmregeln
Das Trio beleuchtete im vollbesetzten Antoniussaal die männliche Intimrasur, Rocker-Starallüren und den Blickwinkel von Jungbullen auf die Welt.


Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Der Antoniussaal war proppenvoll, die Stimmung angeheitert – im nichtalkoholischen Sinne – und die Luft vibrierte von Erwartungen. Jeder einzelne im Saal wollte am Samstagabend eine gehörige Dosis des Humors, für den Andreas Kraus, Donato Svezia und Matthias Weinmann alias Eure Mütter bekannt sind. Die Fans gierten nach Witz, der sich nicht an Benimmregeln hält, nach Blödeleien, die frei sind von Zynismus, und nach zum Weinen lustigen Gags, die zünden, ohne dass Tiefgang und Botschaft das herzhafte Lachen behindern.
Vorweg geschickt: Das Publikum bekam, was es wollte: Reinen, oftmals deftig-derben Humor, der getragen wurde von drei Männern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die „Wichtigkeiten“ des Lebens auf die Schippe zu nehmen und gemeinsam mit dem Publikum Spaß zu haben. Gleich zu Beginn der Show „Nix da, Leck mich! Auf geht’s!“, mit der Eure Mütter seit 2007 auf Tournee sind, ratterten sie in atemberaubendem Tempo alle gängigen Vornamen zu Begrüßung des Publikums herunter. Alle? Knut aus dem Publikum monierte, dass sein Name nicht genannt worden sei und machte sich damit unfreiwillig zur Zielscheibe des Comedy-Trios, das den Gag mit Knut bis zum Schluss ausschlachtete, denn „Knut, der gerne Punsch trinkt, war ja auch kein Wunschkind!“
Breitseite gegen Silbereisen & Co
Mit diebischem Vergnügen schossen Eure Mütter eine Breitseite gegen die volkstümelnde Welt von Florian Silbereisen. Man benötige lediglich „Urlaub plus Zärtlichkeit“, dann sei ein passender Song für Silbereisen fertig. Zum Beweis trug das Trio den nach diesem Rezept gestrickten Song „Sonne von Sorrent“ (… die mir komplett das Hirn verbrennt“) vor. Dabei imitierten sie die in diesem Genre gängige Körpersprache, ja sie überhöhten sie, indem sie sämtliche theatralischen Gesten in nur einen einzigen Song packten. Wirkliche Schlagersänger hätten daneben unecht gewirkt!
Von den Fans schon bei den ersten Tönen begeistert beklatscht wurde der Song über die schwierige Frage „Soll ich mir den Sack rasieren oder nicht?“ Eine Reihe von skurrilen Ideen, wie zum Beispiel die siamesische Drillingsgitarre oder die grundsätzlichen Überlegungen dreier Jungbullen, durchzog die Show wie ein roter Faden. Auch der Song „Ich hab Winterreifen drauf“, der im Refrain „Ich hab den Gummi schon seit letztem Winter drauf“ gipfelte, oder „Keine is(s)t wie du“ verfolgten in rotzfrecher Einfachheit nur das eine Ziel – das Publikum zum Lachen zu bringen.
Brüllkomischer Auftritt von Goldregen
Das Pinkel-Konzert, das so manche Geschmacksgrenze überschritt, bewies zweifelsfrei, dass Beethovens „Ode an die Freude“ keine „Wassermusik“ ist. Ein Höhepunkt der Show war unbestreitbar der Auftritt der Rockband Goldregen. Wie Eure Mütter das pseudo-martialische und unglaublich selbstverliebte Gegockel vieler Rockstars auf allen Bühnen der Welt imitierten, das war zum Brüllen komisch.
Als Lösung für alle Probleme des Lebens präsentierten „Eure Mütter“ den Rat ihres Agenten Hans Braun: „Tu’s mischen!“ Natürlich durfte auch der Gema-Song nicht fehlen und als Rapper zeigten Eure Mütter, wie man sogar aus Connie Francis’ Schlager „Die Liebe ist seltsames Spiel“ einen Rap-Song basteln kann. Viele Witze, Blödeleien und Gags später starteten „Eure Mütter“ das Finale mit der legendären Vorführung des „Synchron-Haarewaschens“, das an Absurdität und Witz kaum zu überbieten ist. Mit der adaptierten Version von „Tu t´en vas“ von Alain Barrière schickten Eure Mütter ihr begeistertes Publikum schließlich mit einem herzhaften „Geht doch fort!“ nach Hause. Mittelbayerische Zeitung, 9.12.2013

 

 

 

Furioses Finale der Regensburger Tanztage
Riesenbeifall gab es für die schwedische Compagnie Norrdans, die im Velodrom spannungsreiche Choreografien von Ohad Naharin und Thomas Noone zeigte.

Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie ein läufiger Hund schleicht er hinter ihr her. Oder fleht er nur? Bittet um ihre Aufmerksamkeit? Choreograf Ohad Naharin hat für seinen Tänzer, der im tiefen Entengang mit vorgestreckten Armen hinter der Frau herwatschelt und heftig mit verschränkten Händen wedelt, eine erfrischend freche Geste ausgesucht. Scheinbar eindeutig, verliert das offensichtliche Buhlen schon nach wenigen (Tanz-)Schritten seine so augenfällige Bestimmung. Es wird mehrdeutig, wenn auch keineswegs gänzlich missverständlich, und löst bei den Zuschauern im Velodrom Reflexe zwischen Grinsen und Mitleid aus. Über Musik von Vivaldi, gesungen von einem etwas schwermütigen Countertenor, tanzten die beiden Mitglieder der schwedischen Compagnie Noordans ein schnelles, deliziöses „Duett Mabul“ mit zarten Momenten, Zurechtweisungen und …
Zwischen Archaik und Travestie
Es war ein furioser, mitreißender Abschluss der diesjährigen Regensburger Tanztage, den das achtköpfige Ensemble mit fünf Choreografien in zwei Teilen bot. „Duos und Trios“ des israelischen Choreografen Ohad Naharin bildeten den ersten Teil. Wurde das erste Trio mit zwei Tänzerin und einer Tänzerin, ebenfalls über ein Lied eines Countertenors, noch ein wenig verhalten im etwa zu drei Viertel besetzten Velodrom aufgenommen, begleiteten das Duo und die anschließenden beiden Trios spitze Schreie und begeisterte Rufe.
„Park“ mit drei durch farbige T-Shirts klar unterscheidbaren Tänzern nimmt über elektronische, soundlastige Musik mechanisiert wirkende Showelemente und Unterhaltungsaffekte in den Blick. Ohne ins Persiflierende abzugleiten, fasziniert das Trio in praktisch völlig synchronen rasanten Tanzfolgen und Bewegungsabläufen, deren Attitüde zwischen Archaik und lustvoller Travestie balanciert. Es gipfelt in einem gesprochenen Kauderwelsch aus – vermutlich sinnlosen – Vokabeln und löst sich schließlich in einem wilden, scheinbar rein affektiv motivierten Veitstanz jedes Einzelnen für sich auf. Überraschend und einfach köstlich in einer Sprache aus halbdebilem Geschüttel, verhexter Imitation und einer räumlich-klanglichen Bewegungslust um der Bewegung willen, das Duo über einer grausam verunstalteten, zeitgenössischen Synthie-Version von Ravels „Bolero“. In der somnambulen Erotik der beiden Tänzerinnen schwang eine Pfiffigkeit mit, die einem den Kopf verdrehen konnte und über die musikalischen Abgründe hinwegtrug.
Atemberaubendes Spiel der Kräfte
Nach der Pause gehörte der zweite Teil des Abends "Beautiful Beast", einer Choreografie des englischen Tänzers Thomas Noone, in der das gesamte Ensemble gefordert war. Minimal ausgestattet mit einer Stuhlreihe, praktisch einer Art Ersatzbank, kommen die Plastikmöbel auch als Absperrgitter, zur Abwehr und um die „Bestie“ in Schach zu halten, zum Einsatz. Halblange Hosen der Tänzer und kurze, neckische Kleidchen der Tänzerinnen markieren ein jugendliches Outfit. Unglaublich rasant, perfekt bis in jede Drehung, jeden Sprung und jede Abfolge hinein, stürzt sich das Ensemble in dieses – musikalisch von Stücken der nordischen Folk-Pop-Gruppe Gjall-arhorn getragene – zündende Wechselspiel aus Vereinnahmung und Abstoßung, Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Da geht es um Macht und Angenommenwerden, um Halbstarke und entfernt auch die Mythenwelt nordischer Sagen mit bösen Trollen und Feen. Atemberaubend das Spiel der Kräfte, wie es sich ausbalanciert und wieder aufbricht, harsch und unversöhnlich im einen, offen und zugänglich im nächsten Moment – und alle Tänzer sich darin verausgaben, als sei das ganz und gar ihres. Fabelhaft – und der überbordende Beifall war mehr als verdient. Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2013

 

 

Neue Bewegung: Der Tanz als Performance
Die Solotanznacht im Theater an der Universität präsentierte die exzellenten Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart.


Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg. Eine der heiß begehrten Veranstaltungen bei den Regensburger Tanztagen  ist die Solotanznacht. Hier präsentieren die aktuellen Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals-Stuttgart   ihre Stücke. Zu beobachten sind dabei auch neue und modische Tendenzen in Tanz und Tanztheater, gefiltert natürlich durch Ausrichtung und Geschmack der Juroren des Stuttgarter Wettbewerbs.
Dominierten jüngst kontemplative und konvulsivische Bewegungen und vorher eine auch aus fernöstlichen Traditionen gespeiste rasante Schnelligkeit, und stampfte man davor längere Zeit alle Energie in den Boden, so näherten sich in diesem Jahr die exzellenten Stücke auffallend der Performance an.
Zumindest bei drei Tänzern spielte das Wort eine bedeutende Rolle. Der Ungar Milan Ujvári las einen Text über graziösen Tanz vor und konterkarierte ihn zugleich augenzwinkernd mit Akrobatischem, Slapstickhaftem, Gegenläufigem. Der Publikumspreisträger von Stuttgart wurde auch in Regensburg fröhlich beklatscht.
Bei dem erst 17-jährigen Belgier Gilles Noel (Choreographie Min Hee Bervoets) rollten Äpfel auf den Boden und wurden von ihm beäugt, in Schach gehalten, gejagt: in einer Art synkopischer, fahriger, lauernder Bewegung in der Hocke, in Posen, die sich sofort wieder auflösten. Lässig und ver-rückt zugleich rennt der Tänzer den Obsessionen nach.
Sara Angius aus Italien lehnte in ihrer eigenen Choreographie mit den Füßen an der Betonwand und sah aus wie eine Spinne. Dann begann sie sich zu wassertropfenartigen Klängen zu rühren, eine Koordinierung zu suchen. Bis sich schließlich der Körper erhob, der freilich diesem merkwürdigen Wesen ebensowenig zu gehören und zu gehorchen schien, wie er auch sich selbst und der Welt fremd blieb. Eine faszinierende Bewegungs-Sprache hat diese Künstlerin gefunden.
Den ersten Preis für Tanz und Choreographie erhielt Andrea Constanzo Martini (Italien). Er zeigte Präzision und Brillanz im Zwielicht einer durchscheinend grauen Bühnenwelt. Dort trippelte er mit asketischem Körper, verrenkte sich wie ein Yogi, fand wie zufällig auch die schöne Form, schritt aus, suchte ein Ziel, hielt abrupt inne und versuchte es auf andere Art: ein Mann im Unreinen mit sich selbst, ein Kämpfer, ein permanent an Grenzen Stoßender.
Joachim Maudet aus Frankreich erzählte und tanzte „seine“ Geschichte (Choreographie Martin Harriague). Im wassergefüllten Plastikbeutel hielt er einen Goldfisch. Am Ende tropfte das Wasser aus dem Beutel und auch der Tänzer tropfte. Es war das Gegenteil eines Siegs, was hier zelebriert wurde.
Ob es Zufall ist, dass die Männer diesmal in der Überzahl waren? Festzuhalten bleibt, dass sie nicht Sieger, Helden oder Macher darstellten, und auch nicht allein dem freien Tanz frönten. Die Figuren, die sie aufleben ließen, wirkten alleingelassen, in Aufruhr, zersplittert, gehindert und (sich selbst) suchend. Mittelbayerische Zeitung, 25.11.2013

 

Ein Körper kreist um den Stern Reticuli
Junge Tänzer aus Salzburg, München und Regensburg zeigten bei den Regensburger Tanztagen 2013 neue, spannende und beeindruckende Choreografien.


Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Dass dies kein Tanzabend wie jeder andere ist, ist schon in den ersten Sekunden ersichtlich: Denn einem der sechs Tänzer des Bodhi Projects der Salzburg Experimental Academy of Dance, die gerade den Bühnenraum im Theater der Alten Mälzerei durchqueren, baumelt die Hose beim würdigen Schreiten um die Fesseln herum. Kurz darauf lassen alle grimassierend und protzend die Muskeln spielen, und wieder wenige Augenblicke später lässt ein Tänzer die anderen wie Marionetten an ihren Schnüren zappeln. Ein verrücktes, skurriles Figurentheater aus lebenden Körpern.
„sens interdit“ heißt diese Choreografie von Anton Lachky (Les Slovaks), in der die Tänzer unterschiedlichste Typen darstellen. Doch es sind keine ernst gemeinten Persönlichkeiten, die hier auf die Bühne kommen. Es geht nicht um Parodie, eher um Comiczitate. Durch fein ausgefeilte Bewegungsmuster werden hier Szenen vorgestellt, deren Figuren mit ihren Gesten und Handlungsweisen jederzeit einem Disney-Cartoon entsprungen sein könnten. Das ist witzig, kurzweilig und von den vier Künstlern und zwei Künstlerinnen – Chris Sta Maria, Kenan Dinkelmann, Luan de Lima da Silva, Luna Cenere, Mami Izumi und Patrik Kelemen – tänzerisch durchaus beeindruckend umgesetzt.
Verwerfungen und Verbindungen
Wie Lachkys Choreografie sind auch die folgenden Tanzstücke überraschend, unkonventionell, eigenständig im besten Sinn des Wortes. Absolventinnen der Iwanson Schule bringen im Duo und im Trio die nächsten beiden Stücke auf die Bühne, in denen es um Zusammengehörendes und Trennendes geht. Tanya Rydell Montan und Rikke Holm tanzen, singen und sprechen in ihrer Performance „Together“, in der die Entwicklung zweier Freundinnen nachvollzogen wird. Da gibt es – ausdrucksstark getanzt – Momente synchroner Übereinstimmung ebenso wie gegenläufige Bewegungen. Und doch bleibt das Paar über alle Verwerfungen hinweg verbunden.
Ein ähnliches Thema hat nach der Pause das Stück „Agreement“ von Marie Preußer in Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen Cheri Isen und Micaela Kühn. Ausgehend von chorischen Bewegungen zeigen die drei fast identisch gekleideten Tänzerinnen, wie sich die Bewegungsformeln langsam verschieben und zeitlich versetzt ablaufen, schließlich wie in einem Wettstreit ausgeführt werden, wobei immer raumgreifender, wilder, emotionaler agiert wird. Es geht um Gleichheit und Verschiedenheit, Übereinstimmung und Vielfalt.
Regensburg kann gut mithalten
Waren bisher kleinere und größere Ensemblestücke zu sehen, so ist nun die Zeit für Soli. Und dabei zeigen die Regensburger Choreografen und Tänzerinnen, dass sie mit den Kollegen aus München und Salzburg sehr gut mithalten können. Amalia Darie und Elisabeth Ramoser von der tahk (Tanzakademie Helene Krippner ) beweisen in ihren Stücken Fantasie, Stilbewusstsein, ein hohes Maß an Kreativität und choreografisches Knowhow. Wie ein Ninja-Krieger ganz in Schwarz tritt Amalia Darie in „verBUNDen“ auf und lässt ihren Körper auf einer fantastischen Umlaufbahn um das 163 Lichtjahre entfernte Doppelsternsystem Reticuli kreisen, das in an die Wand geworfenene Lichtprojektionen erkennbar wird. Sich wiederholende, komplizierte Bewegungsabläufe auf geometrisch vertrackten Wegen. Das Publikum ist nicht nur wegen der Körperbeherrschung und Exaktheit des Tanzes fasziniert, sondern auch wegen der geradezu artistischen Elemente wie einem aus kniedender Position heraus geschlagenen Salto rückwärts.
Viel Applaus für die Tänzer
Elisabeth Ramoser zeigt in „Nebel“ ein pantomimisch begonnenes Solo mit anmutigem, ästhetisch feinen Bewegungsvokabular. Was aber von der Musik immer wieder kontrastiert wird. Da darf der Hilti-Schlagbohrer dazwischenfahren: „drücken Eisendaumen auf die Wunde“, heißt es in dem Gedicht in der Programminfo zum Stück. Mittelbayerische Zeitung, 19.11.2013

 

Das Leben besteht aus Bewegung
Sophie Hydes und Bryan Masons „Tanja - Life in Movement“. Ein bewegender Film über die tödlich verunglückte Tänzerin und Choreographin Tanja Liedtke.

Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg Der Maler steht allein in seinem Atelier. Die Theater- und Tanzkunst dagegen ist an Gemeinschaftlichkeit gebunden. Die Dokumentation "Tanja - Life in Movement" von Sophie Hyde und Bryan Mason blickt in mehrfacher Weise hinter die Kulissen dieses aufregenden und aufreibenden Bühnenbetriebs, wenn auch aus einem tragischen Anlass.
Tanz und Tanztheater sind international. Die in Stuttgart geborene Tanja Liedtke hat ihre Tanzausbildung in England und Spanien absolviert, dann ging sie nach Sydney. Sie choreographierte und baute mit Tänzerinnen und Tänzern, die mit ihr harmonierten, eine eigene kleine Kompanie auf. Als 29-Jährige wurde sie zur Leiterin der weltweit renommierten Sydney Dance Company berufen. Kurz danach kam sie 1977 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Der Film beginnt und endet mit Interviews ihrer Kompanie-Mitglieder zu diesem tragischen Ereignis. Dazwischen bekommt der Zuschauer in einer Art Collage aus Videoaufzeichnungen von Interviews mit Tanja Liedtke, aus Proben- und Bühnenaufzeichnungen ein, wenn auch zerrissenes und naturgemäß unvollständiges Bild über die Arbeit dieser Tänzerin.
Als drahtig-muskulöses Springinsfeld erscheint Tanja Liedtke, wirkt wie ein ätherisches Energiebündel, dabei kritisch und selbstzweiflerisch. Dreijährig gab sie als Berufsziel an, eine Blume werden zu wollen, und sah dann bei einem Theaterbesuch eine menschliche Blume. Das war sozusagen der Beginn.
Man sieht sie auf Videoausschnitten bei Tanzimprovisationen im Badezimmer, man meint, das ganze Leben all dieser ruhelosen Theatermenschen bestehe in ihrem Beruf, und so ist es wohl auch, denn Privatleben, Beziehungen und Arbeit, das geht hier wie bei anderen Kompanien nahtlos ineinander über.
Man sieht die ultramodernen Skylines und Straßenschluchten der Städte und daneben Ausschnitte aus Tanja Liedtkes Choreographien „The twelfth floor“ und „Construct“, die sich mit sozialen und psychischen Aspekten des modernen Großstadtlebens befassen: der Gewalt, dem Gefangensein, der Beengtheit, der eruptiven Freiheitssuche und Kreativität in diesem Umfeld.
Ein wenig kann man die „Handschrift“ dieser jungen Ausnahme-Choreographin erkennen: biegsam, schnell, muskelspielerisch, enorm ausdifferenziert und aussagekräftig wird das, was die natürliche Umgebung bereithält, stilisiert, transformiert und deformiert. Dabei die Fähigkeit Tanja Liedtkes, mit den Körpern und Mentalitäten ihrer Tänzer zu arbeiten. Die Welttournee der Kompanie endet in Stuttgart. Die Tänzerinnen und Tänzer haben die Choreographien getreu wiedergegeben. Aber weiterzukommen, das ist ohne Tanja Liedtke schwierig.
Der Film „Tanja – Life in Movement“ wird noch bis 16. November im Rahmen des Festivals der Regensburger Tanztage in der Filmgalerie im Leeren Beutel gezeigt (Beginn 19 Uhr). Mittelbayerische Zeitung, 16.11.2013

 

 

Tanzen wie ein Groucho Marx
Ein traumhaft unkonventioneller und temperamentvoller Start: Les Slovaks Dance Collective liefert den mitreißenden Auftakt der Regensburger Tanztage.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Ein Tanzabend, bei dem aus dem Publikum anfeuernde Pfiffe losgelassen werden, die Zuschauer aufgepeitscht von der wild fiedelnden Balkan-Geige und den ausgelassenen Bewegungen der Tänzer im Rhythmus auf ihren Stühlen ruckeln, sie mal fassungslos dem rasanten Treiben auf dem Tanzfeld folgen, dann wieder lauthals lachen müssen und kurz darauf in fasziniertes Staunen versinken: Les Slovaks Dance Collective bereitet den Regensburger Tanztagen 2013 einen starken, mitreißenden Start.
Am selben Freitagabend, an dem der Regensburger Ballettdirektor Yuki Mori ins Velodrom zur Uraufführung von „Zwischen.Welten!“ lädt – erneut zwei Tage darauf als Teil der Tanztage zu genießen –, bekommt er charmant-freche Konkurrenz im Uni-Theater: Les Slovaks zeigen mit unglaublicher Leidenschaft und technischer Raffinesse, was Tanz alles sein kann.
„Journey Home“ heißt ihr Programm zur Musik von Simon Thierrée, in dem sie munter zur Musik ihrer Heimat das tänzerische Vokabular des zeitgenössischen Tanztheaters mit dem der Folklore mischen. Dabei drehen sie dem Anspruch von Hochklassik und Ästhetik eine Nase und öffnen dafür Komik und Comedy auf eine Weise die Tür, dass die Marx Brothers nur zu gerne durchgeschlüpft wären, um sich schelmisch gleitend unter die tanzenden Slovaken zu mischen.
Es sind wunderbare Typen, die hier ihre wild ausschlagenden Kreise ziehen oder sich eckig wie die Figuren auf einer Spieldose oder als Teil eines Glockenspiels drehen, die sich gegenseitig skurrile Wettkämpfe liefern. Während der eine im Vordergrund ernste Bewegungskunst zelebriert, schleicht sich im Hintergrund Anton Lachky liebesbedürftig und kindlich auf den Schoß von Peter Jasko. Lachky ist der Größte der Tänzer, der gerne mal kraftmeiert, um dann im nächsten Moment sichtlich in seinem Bewegungsbedürfnis beschnitten zuckend nur langsam vorwärtszukommen. Ein sensibler Hüne. Martin Kilvady dagegen ist der Spinginsfeld, der in Jeansanzug und mit Hut auf dem Kopf keine Grenze anerkennt, alles sprengt, der seinen Körper fliegen lässt.
Jeder der fünf Tänzer dieser hochkarätigen Truppe – die von Milan Herich und Milan Tomasik glänzend komplettiert wird – lässt Persönliches einfließen, verkörpert Menschen mit individuellen Zielen, einer persönlichen Bewegungssprache. Zusammen sind sie – manchmal auch noch lautstark singend – ein kunterbuntes und doch spürbar zusammengehöriges Quintett. Eine urkomische, groteske, zwischendurch auch mal sensibel und tragisch agierende Gemeinschaft, die zwar keine große Geschichte erzählt, dafür federleicht und wie improvisiert wirkend unendlich viele kleine.
„Journey Home“ ist eine fantastische Show von fünf großartigen Tänzern, die mit ihrer treibenden Energie dem Publikum Laune machen, sich zu erheben und mit der gleichen heftig pulsierenden Lebenslust den Körper sprechen zu lassen. Was für ein Glück, Les Slovaks zu erleben!
Mittelbayerische Zeitung, 11.11.2013

 

 

Fliegender Tanz zu Geschrammel
Zwei internationale Ensembles aus der Slowakei und Schweden zeigen eine erfrischende Mischung aus zeitgenössischem Tanz, Comedy und Folk-Musik.

Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Wer die Augen schließt und nur der Musik lauscht, der könnte meinen, er sei in eine Folklore-Veranstaltung geraten. Doch Augen auf! Denn die slowakische Tanzgruppe „Les Slovaks Dance Collective“ lässt dazu die Körper auf ganz ungewöhnliche Weise fliegen, entwickelt aus der musikalischen Tradition heraus zur Livemusik einer schrammelnden Geigen ein modernes Schelmenstück, das alles bietet, was das Herz begehrt: zeitgenössischen Tanz auf höchstem Niveau, feinsinnige Comedy, und ein poetisches Erzähltanztheater von mitreißendem Tempo, herrlichem Witz und spürbarer Lust. „Sie tanzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Lebensfreude in Reinform“, schreiben die Dresdner Nachrichten über die kleine Compagnie, die am Freitag, 8. November, die Regensburger Tanztage im Uni-Theater eröffnen.
„Das ist osteuropäisches Feuer, großartiger Tanz und großartige Unterhaltung“, sagt Hans Krottenthaler, initiator und künstlerischer Leiter der Regensburger Tanztage. Ob beim Festival „Szene Salzburg“, beim Hellerau-Festival in Dresden oder bei „Dance“ in München – überall wurde der Tanzabend der Slowaken begeistert gefeiert. „Ihr Stück ,Journey Home‘ ist unheimlich temperamentvoll. Sie machen ihre Wurzeln zum Thema“, sagt Krottenthaler. Die fünf Männer tanzten schon als Kinder zusammen – in Folkloregruppen ihrer slowakischen Heimat. Später studierten sie an Anne Teresa De Keersmaekers Schule P.A.R.T.S. und trafen sich in namhaften Compagnien wie Ultima Vez wieder. Nun entwickelten sie ihren eigenen, von viel Improvisation bestimmten Stil: den ebenso vergnüglichen wie kunstvollen „new traditional dance“.
Die Regensburger Tanztage haben ein anspruchsvolles Konzept: Es sollen neue Impulse von dem Festival ausgehen, innovative Stücke zu sehen sein, die in Inhalt und Form überzeugen, der junge Tanz soll gefördert werden, die Region sich wiederfinden, und das Festival soll genreübergreifende Kunst präsentieren, erklärt Krottenthaler: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als „die Vielfalt und Kreativität des zeitgenössischen Tanzes aufzuzeigen“.
Knapp 30 Produktionen sind bei diesem Festival (21. Oktober bis 24. November) zu sehen, von den Stücken junger und regionaler Künstler am Abend „Junger Tanz – Publikumslieblinge“ über die „Solotanznächte“ mit internationalen Preisträgern bis zur Aidstanz-Gala. Und eben den zwei internationalen Highlights, der slowakischen Eröffnung und dem ebenso großartigen Finale der acht Tänzer der schwedischen Gruppe Norrdans.
Die Produktion der herausragenden Norrdans-Tänzer aus acht Ländern wurden von den Kritikern des Dance Europe als eine der weltbesten Premieren 2012/13 ausgezeichnet. In Regensburg zeigen sie am 24. November Stücke von Ohad Naharin, dem Leiter der legendären Batsheva Dance Company, und Thomas Noone, der 2012 mit eigener Company bei den Regensburger Tanztagen euphorisch gefeiert wurde.
Service
Das Les Slovaks Dance Collective (Slowakei) eröffnet am Freitag, 8. November, um 20 Uhr im Theater der Universität die Reihe der Tanzveranstaltungen der 16. Regensburger Tanztage.
„Zwischen.Welten!“: Nahezu zeitgleich findet im Velodrom die Premiere von Yuki Moris und Shumpei Nemotos Tanzabend „Zwischen.Welten!“ statt, der am Sonntag, 10. November, um 19.30 Uhr, im Velodrom als Teil des Festivals wiederholt wird.
Der Tanzfilm „Tanja – Life in Movement“ wird von 14. bis 16. November, um 19 Uhr, in der Filmgalerie im Leeren Beutel gezeigt.
„Junger Tanz – Publikumslieblinge“ stehen am So., 17. November, um 20 Uhr in der Alten Mälzerei auf dem Programm.
Die „Solotanznacht – Internationale Preisträger“ wird am Fr./Sa., 22./ 23. November, jeweils um 20 Uhr, im Uni-Theater gezeigt.
Festival-Party „Jalla Worldmusic Club“ ist am Fr., 22. November, ab 22 Uhr in der Alten Mälzerei.
Die Internationale Aids-Tanzgala lockt am Sa., 23. November, um 19.30 Uhr, das Publikum ins Velodrom.
Mit Norrdans aus Schweden enden die Tanztage am So., 24. November, im Velodrom.
Karten unter Tel. (09 41) 78 88 10; für Veranstaltungen im Velodrom nur unter Tel. (09 41) 507 24 24
Mittelbayerische Zeitung, 7.11.2013

 

 

PULS Lesereihe in Regensburg
Home is where the Mälze is


Ach, Regensburg. Mann, Mälze. Hier ist's einfach immer wieder schön. In Würzburg war's schon toll, aber hier war's noch mal toller. Und voller. Dementsprechend bombig war die Laune. Im Publikum, bei den Autoren und bei OK KID eh.

Puh, war das eng! In Regensburg lieferten sich unsere Lesereihe-Autoren ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Finaleinzug. Dabei machten sie auch vor den ganz großen Themen nicht halt: Liebe, Abschied und der Traum von der Revolution.
Ein Gewinner war in der Alten Mälze schnell gefunden: das Publikum. Das begrüßte Moderatorin Kaline Thyroff mit einem ohrenbetäubenden "Yeah!" auf der Bühne und hatte damit im inoffiziellen "Yeah!"-Contest zwischen den Lesereihen-Städten zumindest am zweiten Tag unserer Tour die Nase vorn – so voll war die Mälze in all den Lesereihe-Jahren wirklich noch nie! Bei den lesenden Autoren war die Entscheidung dann nicht ganz so einfach, aber der Reihe nach.
Für unseren ersten Autor Torben Dietrich war die PULS Lesereihe quasi ein Heimspiel. Den gebürtigen Regensburger hat es erst vor kurzem des Jobs wegen nach München verschlagen. Eine Reminiszenz an seine alte Heimat findet sich dann auch im Namen der Hauptfigur seiner Geschichte: Bobfried Galgenberger, wie der Regensburger Galgenberg, wo übrigens auch die Alte Mälze beheimatet ist. Und die fand ordentlich Gefallen an Torbens Story über einen frustrierten Lokalredakteur, der sich aufgrund einer Stellenanzeige der alles entscheidenden Frage stellen muss: "Was möchtest Du in Deinem Leben unbedingt noch einmal machen?" Torben hatte übrigens erst kurz vor knapp von der PULS Lesereihe erfahren und seinen Text innerhalb von zwei Tagen fertiggestellt. Allein dafür: Respekt!
Im Schnellschreiben übertraf Torben an diesem Abend nur Christina Weiß. Die einzige Dame in unserem Regensburger Autoren-Trio hatte ihren Lesereihe-Beitrag "Wie jeden Sommer" innerhalb von einem halben Tag aufs Papier gebracht – und das ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen, denn Christina schreibt mit der Hand! Jedes Geräusch, sogar das Tippen auf der Tastatur, lenkt die 19-Jährige nämlich nur vom Thema ab. Deswegen waren alle mucksmäuschenstill, als die jüngste Autorin der diesjährigen Tour am Lesepult Platz nahm und zum ersten Mal überhaupt einen Text vor Publikum präsentierte. Ihre Geschichte, in der es um eine ungeklärte Liebesbeziehung geht, lag beim Onlinevoting klar vorn.
Ganz reichte es damit allerdings nicht für den Sprung ins Finale. Am Ende erntete der wohl vulgärste Beitrag der Lesereihe die meisten Stimmen. Sein Verfasser Benjamin Feiner bezeichnete seinen Text auf der Bühne auch als "klein und böse" und fügte kurz vor seinem Auftritt noch hinzu: "Minderjährige sollten sich jetzt am besten die Ohren zuhalten!" Zum Glück kam aber keiner der Anwesenden Benjamins Warnung nach. Wäre auch schade gewesen, denn der Regensburger Student überzeugte mit seiner Geschichte nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Performance. Immerhin hat Benjamin zehn Jahre geschauspielert und konnte so seine Erzählung über Thoma und dessen verqueren Traum von der Revolution eindringlich rüberbringen.
Last but not least war dann unsere Tourband OK KID dran – genauer gesagt Sänger Jonas, der tags zuvor im bandinternen Schnick-Schnack-Schnuck zum Zweitlesenden gekürt wurde. Bis kurz vor Veranstaltungsbeginn hatte Jonas an seiner Geschichte gefeilt, die sich als eine bitterlustige Abrechnung mit dem Wörtchen "Yeah" entpuppte. Da sind wir doch gespannt, was uns Schlagzeuger und Beatbastler Raffi heute im Zeughaus in Passau präsentieren wird. Außerdem spekulieren wir auf ein weiteres OK KID-DJ-Set. Wie schon in Würzburg gab's das auch in Regensburg als besonderes Zuckerl nach dem Konzert. Und wer sagt bitteschön, dass man nach einer Lesung nicht auch tanzen kann?! www.br.de - 23.10.2013

 

 

Hingabe für Momente des Schwebens
Eine Ausstellung eröffnet die Regensburger Tanztage: Hubert Lankes’ brillante Fotografie ist im Leeren Beutel zu sehen – und in einem extra Kalender.

Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. „Das sind lauter so Lügen, Der Mensch ist kein Vogel, Es wird nie ein Mensch fliegen“, sagt der Bischof zum Schneider von Ulm in Brechts lakonischer Ballade. Und schon in der zweiten Strophe kriegt der Bischof prompt recht, der Schneider ist abgestürzt. „Seine Flügel sind zerspellet, Und er liegt zerschellet / Auf dem harten, harten Kirchenplatz.“
Das war in Ulm 1811, und es gab die Regensburger Tanztage noch nicht. Der Mensch kann nämlich doch fliegen, oder zumindest schweben, die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft setzen. Bei den Regensburger Tanztagen kann man das immer wieder mit eigenen Augen sehen. Das Problem ist nur: Die, die nicht dort waren, glauben es nicht. Und im Grunde können es die, die dort waren, hinterher auch nicht mehr so recht glauben.
Der Tanztage-Kalender
Aber jetzt gibt es den Fotobeweis: Der Regensburger Fotograf Hubert Lankes hat einen großformatigen Kalender für 2014 drucken lassen, dreizehn brillante Farbfotos, und zumindest auf dreien davon scheint es physikalisch irgendwie nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Da stützt sich Rodrigue Ousmane, ein vielfach preisgekrönter Tänzer aus dem Tschad, mit der rechten Hand am Boden ab, der Rest seines Körpers ist in der Luft, aber der Schwerpunkt scheint weit entfernt von dem Punkt, wo er sein müsste. Im Hintergrund türmt sich eine gelbe Lavawand auf. Das ist der August.
Im November ist es eine Tänzerin der Thomas-Noone-Dance-Kompagnie aus Barcelona, die in einem Pas-de-deux ähnlich Unglaubliches vollführt. Und im Dezember ist es gleich die halbe italienische Imperfect Dancers Company, die spaceshuttlemäßig synchron zu viert im Raum – ja: schwebt, den Gesetzen der Schwerkraft zum Trotz. Fragen sich die Zuschauer der Tanztage schon immer: Wie machen die das?, so kommt jetzt angesichts der Fotos von Hubert Lankes noch die Frage hinzu: Wie macht der das? Ein physisch nicht recht zu erklärendes, eigentlich mehr metaphysisches Phänomen fotografisch in schlichter Brillanz und umwerfend satten Farben einzufangen?
Foto-Tricks für Politiker
Dass der das ohne billige Tricks macht, versteht sich von selbst. Hubert Lankes hat für die schöne, neue Welt der Digital-Retouche nur Verachtung übrig. Nicht dass er das nicht beherrschen würde. Man muss dazu nur das Stadtratshandbuch aufschlagen. Lankes sitzt für die Freien Wähler im Stadtrat, und auf dem Foto, das er für das Handbuch abgegeben hat, blitzen einen seine Zähne an, als würde er Werbung für „Strahler 3000“ machen – ein knalliger Hinweis darauf, dass Fotos von Politikern gern am Computer aufgehübscht werden. Auch unter den Wahlplakaten der Liste Alz 1996 und 2002 waren Meisterwerke der Fotomontage – aus der Werkstatt von Hubert Lankes, versteht sich. Hans Schaidinger verwandelt sich in Dr. Josef Alzheimer (alias Karlheinz Mierswa) und erscheint gleichzeitig unendlich geklont. Satire im Wahlkampf – so mancher hat Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass Hubert Lankes nichtsdestotrotz ernsthaft Politik betreibt, ernsthafter als viele andere. Das ewige Missverständnis: Wenn einer mal als Spaßvogel daherkommt, braucht man ihn nicht mehr ernst zu nehmen.
Genauso in seinem eigentlichen Metier, der Fotografie. Zum Auftakt der 16. Regensburger Tanztage präsentiert Hubert Lankes eine Auswahl seiner Fotos der Tanztage 2010 bis 2012 als großformatiger Kalender im Querformat (47 mal 87 Zentimeter), und in diesen dreizehn Meisterwerken sucht man den Schalk vergeblich. Es ist die reine Hingabe an die Tänzer auf der Bühne, das Restlos-Hingerissensein, die diese Bilder zustandegebracht hat, neben der meisterhaften Beherrschung der fotografischen Technik, versteht sich, und nicht zuletzt dem Gespür für den rechten Augenblick. Den Moment des Schwebens festzuhalten, dafür hat man genau eine Hundertstelsekunde Zeit...
Hingerissensein zum Tanz
Dieses bildgewordene, selbst zum Kunstwerk geronnene Hingerissensein vom Tanz hat man in Regensburg zuletzt 1991 gesehen, in der Ausstellung „Expressionismus in Regensburg“. Da hing im Leeren Beutel das Ölgemälde „Tänzerin im Atelier“ von Conrad Felixmüller von 1919/20: eine Tänzerin mit ausgebreiteten Armen, sitzend daneben der Maler mit Stift und Papier auf den Knien und aufgerissenen Augen und offenem Mund. Die Extase der Tänzerin hat längst auf den Künstler übergegriffen. – Fast in der gleichen Pose, mit ausgebreiteten Armen, nur den Kopf nicht erhoben, sondern gesenkt, lädt die Tänzerin Verena Wilhelm auf dem Titel von Hubert Lankes’ Tanzkalender ganz in Ferrarirot dazu ein, das Jahr 2014 tänzerisch zu eröffnen. Links im Eck, wo sich Conrad Felixmüller selbst porträtierte, findet sich bei genauem Hinsehen der Hinweis: „Fotos: Hubert Lankes“.
Typisch Hubert Lankes! Kein Schnickschnack, kein Firlefanz, keine Eigenwerbung! „Dem Foto hat sich alles unterzuordnen, auch der Fotograf“, dekretiert der Meister trocken, und man meint, Papst Johannes XXIII. zu hören, wie er zu sich selbst sagt: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“
Auch das Layout von Bärbl Peithner hält sich angenehm zurück, die Namen der Tänzer bzw. der Tanzcompagnie sind unten am Rand sehr diskret zu lesen, sonst nichts. Auch das Kartenhaus Kollektiv hätte einen Preis verdient, für den exzellenten Druck: leuchtende Farben, scharfe Konturen, tausend Zwischentöne.
Laudatio à la Valentin
Fehlte nur noch eins im überfüllten Restaurant im Leeren Beutel: eine anständige Laudatio. Die besorgten Mike Reisinger und Anka Draugelates im musikalisch-theatralischen Dialog. Eine „Valentiniade“ aus voller Kehle und unter Einsatz mysteriösester Instrumente (getrocknetes Seegras aus Südafrika), irgendwo zwischen tragischer Opernarie und Kasperltheater, und die schönste Parodie auf hochtrabende Ausstellungseröffnungsreden, die der Leere Beutel je gehört hat. „Genießer aller Länder! Kaufts am Hubert sein Kalender!“, da capo al fine. Die anregendste Verkaufsanimation seit dem Altöttinger Marktschrei: „Bauernschwanz, kaffts Rosenkranz!“, bestellt natürlich von Hubert Lankes. Denn ein Hubert-Lankes-Abend ganz ohne Witz und Ironie, das geht dann doch nicht.
Service
Hubert Lankes, Jahrgang 1959, fotografiert die Regensburger Tanztage seit über zehn Jahren. Seine Fotografien erscheinen in den großen Tanz-Magazinen, mit zweien gewann er 2012 den Wettbewerb Kunst am Bau des Zentrums Bayern Familie und Soziales in der Landshuter Str.55 in Regensburg. Die drei Meter großen Bilder sind dort im Gang zu sehen.
Die Originalabzüge der Tanzfotografien von Hubert Lankes sind noch bis Donnerstag, 22. November, im Restaurant im Leeren Beutel in Regensburg zu sehen. Die auf Aluminium aufgezogenen Abzüge im Format 80 x 120 cm sind für je 890 Euro käuflich zu erwerben.

 

Glückssucherin auf Abwegen
Höhepunkte und Durchhänger: Die österreichische Sängerin und Kabarettistin Nadja Maleh stellte in der Alten Mälzerei ihr Programm „Jackpot“ vor.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Mit einer suggestiv-einlullenden Fernsehansagerinnenstimme à la „Herzblatt“ begrüßt das kleine Teufelchen Nadja Maleh ihr überschaubares Publikum im „Tempel des Glücks“. Wir sind heute ja ständig auf der Suche nach unserem Glück. Wissenschaftler können es jetzt sogar quantitativ erfassen. Negative Empfindungen wie Trauer sind in unserem Gefühlshaushalt nicht mehr vorgesehen, sie sind irgendwie uncool geworden. Eigentlich hat sich die Preisträgerin des Österreichischen Kabarettförderpreises mit ihrem Programm „Jackpot“ also ein spannendes Thema ausgesucht – wenn sie nur nicht immer wieder vom Weg abkommen würde.
In der Rolle des aufgeplusterten Machos sinniert sie über den Niedergang des Mannes nach. Mit der Biene Maja hätte alles begonnen: Ihr Sidekick Willi wäre als debiler Volldepp dargestellt worden. Gar nicht unlustig, aber mit dem gestellten Thema hat das nichts zu tun. So verliert man als Zuschauer schnell den Überblick. Wo ist der rote Faden?
Keine Frage: Die 41-Jährige, die professionellen Schauspielunterricht genossen hat, ist eine grandiose Parodistin. Wie sie in die Rolle der russischen Sado-Masseuse Olga Sparowa („Facelifting für den Tag des Jüngsten Gesichts“) oder der tattergreisigen Professorin Huber schlüpft, die sich über den Einfallsreichtum der Pornoindustrie amüsiert („Das Besteigen der Lämmer“), ist beeindruckend.
Ihr Meisterstück liefert Maleh aber mit der naiv-unbeholfenen Kindergartentante Melanie ab, die glucksend, lachend und lispelnd mit dem Publikum wie mit Kindern spricht. Das junge Ding hält sich unsicher mit der rechten Hand am linken Oberarm fest und macht mit den Zuschauern lustige Spielchen: „Jetzt gib deinem linken Sitznachbarn ein Bussi.“ Als sie ein altes deutsches Kinderlied auf „Zehn kleine Islameser“ umtextet und die Fremdenfeindlichkeit in ihrem Heimatland thematisiert, kommt eine Bitterkeit auf, die der Freude einen Dämpfer verpasst. Maleh wird wissen, wovon sie singt: Sie ist die Tochter eines Syrers und einer Tirolerin.
Auch die darauf folgende glücksversprechende Inderin Mandala ist mit entsprechendem Akzent, Wackelkopf, gefalteten Händen und banaler indischer Küchenphilosophie ausgezeichnet getroffen.
Maleh hat aber auch eine fantastische Stimme. Aus Matt Biancos lounge-jazzigem „Half a Minute“ macht sie einen Vorzeitige-Ejakulations-Beziehungssong. In einer Version von „September“ von Kool & the Gang möchte Malehs Burgul das ganze Jahr nur tanzen. Als Lottogewinnerin wird sie von ihrer Tiroler Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Egal, was sie sagt und tut, es wird ihr alles negativ ausgelegt. Ein allzu braver Anti-Banken-Song kommt über eine Klage über die Bearbeitungsgebühren nicht hinaus.
So kann Maleh als Parodistin und Sängerin auf ganzer Linie überzeugen, ihrem Programm „Jackpot“ fehlt aber leider die Stringenz.Mittelbayerische Zeitung, 23.10.2013

 

 

Alles dreht sich um den Tanz
Am 21. Oktober beginnen die diesjährigen Regensburger Tanztage. Zum Auftakt gibt es eine Fotoausstellung und den Film „Verloren in Dolores“.

Regensburg. Seit vielen Jahren bereichern die Regensburger Tanztage das kulturelle Lebens Ostbayerns um eine höchst aktuelle Kunstform: An 14 Veranstaltungstagen und diesmal fünf Spielorten präsentieren die diesjährigen Tanztage vom 21. Oktober bis zum 24. November ein breites Spektrum zeitgenössischen Tanzes. Herausragende abendfüllende Produktionen stehen neben Soli und Kurzstücken, international gefeierte Künstler neben Nachwuchschoreografen und vielen jungen Tanztalenten, begleitet von einem Rahmenprogramm aus Tanzfilmen, Workshops und der beliebten Jallaclub-Festivalparty.
Ausstellung Tanzfotografie im Leeren Beutel
Eröffnet werden Tanztage in diesem Jahr mit einer Ausstellung Tanzfotografie am 21. Oktober (bis 22. November) in der Jazzclub-Galerie im Leeren Beutel. Auf den ersten Blick scheinen sie einander wesensfremd: die Bewegungskunst des Tanzes und die den Augenblick fixierende Kunst der Fotografie. Trotzdem sind es Bilder, die den Tanz für uns festhalten, die seine Ikonografie in unseren Köpfen bestimmen und eine ganz eigene Magie entfalten.
Seit mehreren Jahren begleitet der Regensburger Fotograf Hubert Lankes die Tanztage. Die Ausstellung zeigt Fotografien der Tanztage 2010 bis 2012 und bietet einen ebenso repräsentativen Querschnitt wie subjektiven Blick zwischen Dokumentation und künstlerischer Autonomie. Aus den ausgewählten Fotografien entstand auch der Tanzkalender „Tanz 2014 – Regensburger Tanztage/ Festival für zeitgenössischen Tanz“, der an diesem Abend im Leeren Beutel vorgestellt wird.
Tanzfilm: Verloren in Dolores
An den beiden darauf folgenden Tagen, 22. und 23. November, ist in der Filmgalerie der erste Regensburger Tanzfilm „Verloren in Dolores“ zu sehen, der in Koproduktion zwischen Regisseur und Drehbuchautor Erik Grun, Hubert Lankes (Kamera), einer Reihe Tänzer und den Tanztagen entstanden ist. Erzählt wird eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft, von krisenhaften Verwicklungen, von sehnsüchtigem Begehren, dunkler Gier und großen Gefühlen.
Workshop Tanz und Körpersprache
Die von Thea und Georg Sosani gegründete Organisation Sosani Art Zone veranstaltet am 25. und 26. Oktober einen Workshop „Tanz und Körpersprache“ (jeweils 12 bis 16 Uhr, Theater der Alten Mälzerei).Er bietet einen spannenden Einblick in die Arbeitsweise des zeitgenössischen Tanztheaters. Wie entstehen Tanztheaterstücke? Wie werden Tanz, Körpersprache und persönlicher Ausdruck zu Szenen und Stücken? Körpersprache spielt dabei eine wichtige Rolle. Zum Abschluss des Workshops präsentieren die Teilnehmer eine kleine Performance als Lecture Demonstration. Die Teilnahme daran ist freiwillig. Zuschauer sind willkommen. Anmeldung unter www.sosani-artzone.de
Internationales Tanz-Highlight
Mit dem slowakischen Tanzkollektiv „Les SlovaKs“ und ihrem auf internationalen Festivals gefeierten Stück „Journey home“ steht am 8. November das erste große Tanz-Highlight dieser Tanztage auf dem Programm. In einem wirbelnden Furioso und der Schwerkraft trotzend wird hier slowakischer Volkstanz locker und unbekümmert mit zeitgenössischem Bewegungsvokabular verschmolzen. Tempo, Humor und unbändige Lust an der Bewegung prägen diesen Abend, der vor allem eine Gewissheit gibt: tanz(en) ist ein formidables Vergnügen.
Ausführliche Informationen zum gesamten Programm gibt es unter www.alte-maelzerei.de. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen in Regensburg und in der Alten Mälzerei, Telefon (09 41) 78 88 10. Mittelbayerische Zeitung, 17.10.2013

 

 

Die Mälze geht in den Untergrund
In der zweiten Hälfte des Jubiläumsjahrs stehen im Kulturzentrum eine neue Konzertreihe, die Tanztage, Kabarett, Theater und Lesungen an.


Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Zum 25-jährigen Jubiläum der Alten Mälzerei haben im ersten Halbjahr bereits über 25 000 Besucher den Weg in das Kulturzentrum am Galgenberg gefunden. Für das Jubiläumsprogramm, das mit einem Auftritt der Weilheimer Supergroup The Notwist im Juni seinen Abschluss fand, habe es von verschiedenen Seiten viel Lob und Anerkennung gegeben, erklärt Hans Krottenthaler. „So gehen wir mit viel Schwung und Elan in die kommende Herbst- und Wintersaison. Insgesamt stehen bis zum Jahresende mehr als 70 Veranstaltungen auf dem Programm – mehr als in den Jahren zuvor“, so der Programmchef. Die Bandbreite reiche von spannenden Konzerten über Kabarett, Theater und Lesungen bis hin zum zeitgenössischen Tanz.
„Die Regensburger Tanztage gehören seit vielen Jahren zu den herausragenden Kulturereignissen der Stadt“, erläutert Krottenthaler. An vierzehn Veranstaltungstagen und fünf Spielorten präsentiert die diesjährige Ausgabe vom 21. Oktober bis zum 24. November ein breites Spektrum aktuellen zeitgenössischen Tanzes: Herausragende abendfüllende Produktionen stehen neben Soli- und Kurzstücken, international gefeierte Künstler neben Nachwuchschoreografen.
Eröffnet werden die Tanztage mit einer großen Tanzfotografie-Ausstellung im Leeren Beutel, in der benachbarten Filmgalerie ist der Tanzfilm „Verloren in Dolores“ zu sehen. Der Workshop „Tanz und Körpersprache“ bietet am 25. und 26. Oktober einen spannenden Einblick in die Arbeitsweise des zeitgenössischen Tanztheaters. Mit dem slowakischen Kollektiv „Les Slovaks“ und ihrem international gefeierten Stück „Journey Home“ steht am 8. November das erste große Highlight auf dem Programm.
Indierock-Hymnen von Hellsongs
Aktualität und Vielfalt zeichnen seit jeher das Programm der Mälzerei aus. Viele Künstler kommen mit neuen Veröffentlichungen ins Haus. Der österreichische Kabarettist Alf Poier etwa begibt sich am 25. Oktober hinter die Kulissen des Showbusiness und schaut, was Stars wie Madonna, Lady Gaga oder Bon Jovi „Backstage“ so treiben. Der fränkische Heavy-Metal-Comedian Bembers schert sich dagegen wenig um die Konventionen des Business und zeigt am 28. November deftig, was er von dem alltäglichen Irrsinn so hält.
Dem Schwermetall haben sich auch Hellsongs verschrieben. Das schwedische Trio verwandelt Hits von Metallica, Slayer oder AC/DC in feinperlende Indierock-Hymnen. Auf ihrer „These are Evil Times“-Tour, die sie am 12. November in die Mälzerei führt, stellen sie darüber hinaus einige Eigenkompositionen vor.
Eigenes steht auch bei Ringsgwandl auf dem Programm. Auf dem neuen Album „Mehr Glanz!“ verpasst er seinen alten Songs ein zeitgemäßes Gewand. Der „bayerische Bob Dylan“ steht am 13. Dezember auf der Bühne des Antoniushauses.
Aus Bayern kommen auch Kofelgschroa, die auf kongeniale Weise bairische Volksmusik und Mundart mit Popkultur verbinden. Die Oberammergauer zeigen am 30. November wie gut traditionelle Wirtshaus- und Marschmusik zu Balkan-Brass, Tango und amerikanischem Folk passt. Ihr selbstbetiteltes erstes Album ist beim renommierten Münchner Trikont-Label erschienen.
Noch ohne Plattenvertrag, aber mit großen Ambitionen, sind jene Bands, die in der „Heimspiel“-Reihe auftreten. „Die Förderung der regionalen Szene ist eines unserer wichtigsten Anliegen. Jungen Künstlern werden Auftrittsmöglichkeiten bei Veranstaltungsreihen, Festivals oder als Vorgruppe geboten“, so Krottenthaler. Ein echter Senkrechtstarter aus der Newcomerszene ist der 20-jährige Milky Chance, der noch vor seiner ersten Plattenveröffentlichung sämtliche Clubs ausverkaufte. Mit seiner Mischung aus Singer-Songwriter-Lässigkeit und elektronischen Reggae-Bässen scheint er den Nerv der Zeit zu treffen. Am 3. Oktober rockt er die Mälzerei.
Fokus auf Off- und Subkultur
Bands, die sich abseits ausgetrampelter Genrepfade bewegen, widmet die Mälze eine neue Konzertreihe: „Mit ,Notes from the Underground‘ wollen wir den Fokus auf Off- und Subkultur, auf experimentelle Musik und neue Trends richten“, erläutert Krottenthaler. Los geht die Reihe mit Torpus & The Art Directors, die mit ungewöhnlichem Instrumentarium und harmonischem Chorgesang einen angenehm warmen Folk-Pop zaubern, der Mumford & Sons echte Konkurrenz machen könnte. „Auch in der zweiten Jahreshälfte dürfen sich Musikfans auf Konzerte im intimen Rahmen und unvergleichlicher Club-Atmosphäre freuen“, so Krottenthaler.
Mittelbayerische Zeitung, 28.9.2013

 

Raum für junge Musik
Die Alte Mälzerei gibt im neuen Programm vor allem junger Musik ganz viel Raum


Von Andrea Deyerl
Regensburg. „Notes from the Underground“ heißt das Format,  das die Alte Mälzerei in diesem Herbst neu auflegt, um jungen Bands mit Potenzial mehr Raum zumSpielen zu geben. „Wir suchen da keinen Schmarrn aus“, sagte Mälze- Chef Hans Krottenthaler bei der Vorstellung des Herbstprogramms und fügte hinzu: „Man kann sich schon darauf verlassen, dass da gute Bands dabei sind.“ Zwar seien die frischen Klänge nicht immer leichte Kost und für die Masse auch schwierig, doch man hätte eine echte Chance, Musiktrends zu entdecken, wusste Stefan Glufke, mitverantwortlich für die Programmauswahl. „Schön wäre, wenn Musikinteressierte hingehen, auch ohne die Bands zu kennen und die Juwelen, die darunter sind, einfach entdeckten“, so Krottenthaler. Für „Notes from the Underground“ hat die Mälze zusammen mit der Gastronomie fleißig investiert, denn im Veranstaltungsraum Underground, in dem die Reihe stattfinden soll, war die Technik veraltet. „Es ist ein ambitionierter Versuch von uns“, so Krottenthaler, der sich freut, im Underground jetzt noch mehr unbekannte, kleinere Bands spielen lassen zu können. Auch über „Notes from the Unterground“ hinaus hat das neue Programm der Alten Mälzerei viel zu bieten.
70 Veranstaltungen wird es bis Jahresende geben. Ingesamt sei das Kulturzentrum noch breiter aufgestellt als vergangenes Jahr, sagt Hans Krottenthaler, der bei der Programmauswahl wieder die Entscheidungskriterien Vielfalt, Aktualität und Qualität anlegte und so eine Mischung aus interessanten Newcomern und nationalen und internationalen Größen in die Alte Mälzerei holt. In eine extra Kategorie fallen dabei die „Bayern Sounds“, wie Krottenthaler sie tauft. Im Herbst werden Stefan Dettl (10. Oktober), Django 3000 (16. Oktober), Kofelgschroa (30. November) und Ringsgwandl (13. Dezember) zu sehen und vor allem zu hören sein. Hellsongs (12. November), H.D.Q. (22. November), Sham 69 (10. Dezember) und Al Andaluz Projekt (15. Dezember) fallen in die Katagorie „International“.
Auch viele regionale Musiker werden wieder auf der Mälze-Bühne stehen. Bei der Reihe zum Beispiel, die jeden letzten Donnerstag im Monat gleich mehreren Bands aus der Region eine Auftrittsmöglichkeit gibt. Auch die Lokalhelden von Fuadadeimuada werden im Herbst auftreten. Am 14. November sind sie zu erleben. Doch Musik ist nicht alles, was die Mälze kann.
Schon immer liegt einer der Schwerpunkte auch auf Kabarett und Comedy und – nicht zuletzt durch die Tanztage, die in diesem Jahr am 21. Oktober starten – auch auf Tanz. Im Herbst werden Größen wie Max Uthoff (26. Oktober), Eure Mütter (7. Dezember), Fastfood (5. Oktober), Sosani Tanztheater (12. Oktober) oder Caveman (26. Oktober) diese Sparte hervorragend ausfüllen. ! Das vollständige Programm, Tickets und vor allem weitere Infos über die Band Notes from the Underground im Internet auf www.alte-maelzerei.de.
Rundschau Regensburg, 25.9.2013

 

Der Meister der Verwandlung
Parodist Matze Knop machte mit seiner Tour im Regensburger Antoniushaus Station. Seine Interaktion mit dem Publikum und Jahn-Fußballern überzeugte.


Von Philipp Zimmermann, MZ
Regensburg. Wer schon immer einmal Jürgen Klopp, Franz Beckenbauer und Jogi Löw an einem Abend auf der Bühne erleben wollte, der war am Wochenende im Antoniushaus goldrichtig. Zugegebenermaßen, die Promis aus der Welt des Fußballs waren nicht leibhaftig anwesend, doch man musste schon genau hinsehen, um das zu erkennen. Der Comedian Matze Knop gastierte mit seinem aktuellen Programm in Regensburg: „Platzhirsche – Männer, Machos, Muttersöhnchen“, so der Titel seiner Tour. Der deutschlandweit bekannte Parodist bot mehr als zwei Stunden gute Unterhaltung und imitierte gekonnt diverse Platzhirsche der Nation: Dieter Bohlen, Lothar Matthäus, Reiner Calmund – sie alle bekamen ihren Auftritt.
Unter den Gästen befand sich auch die Fußballmannschaft des SSV Jahn, inklusive Trainerstab und Betreuerteam. Knop nahm dies dankbar in seine Show auf. „Schaut euch mal den Laufstil an, der könnte auch beim Jahn spielen“, sagte er über seinen Assistenten Robert, einen Hirsch, der über die Bühne hoppelte. Natürlich ließ es sich der Entertainer nicht nehmen, den Fußballern auf ihren Plätzen einen Besuch abzustatten. Ob Oliver Hein oder Trainer Thomas Stratos, niemand wurde davon verschont, sich zum verloren Heimspiel zu äußern.
Zum unfreiwilligen Star des Abends wurde Sören aus der Marketingabteilung. Auf Knops Frage, auf welcher Position er spiele, antwortete dieser, er sei eigentlich immer nur hinter dem Team beschäftigt. Kurzerhand nahm der Comedian diese Vorlage auf und kam im Laufe des Programms immer wieder darauf zurück. Bei dieser Interaktion mit dem Publikum zeigte Knop seine Stärke, spontan auf seine Umgebung zu reagieren. Auch ein Pärchen bekam sein Fett weg. Einmal in die Fänge des Entertainers geraten, gab es kein Entkommen mehr. Unerbittlich nahm Knop die beiden aufs Korn und hatte besonders beim Parodieren des Oberpfälzer Dialektes merklich seine Freude.
Knops Vorstellung lebt von der Abwechslung, von seiner Fähigkeit, sich zu verwandeln und andere Charaktere anzunehmen. Doch seine einstudierten Vorträge offenbarten auch Längen. Viele Witze waren flach, andere derb, einige gingen an die Grenze des guten Geschmacks. So seien Guido Westerwelle und Klaus Wowereit keine Platzhirsche, sondern zwei Rehkitze, die sich gegenseitig am Waldrand das Eichhörnchen polieren.
Immer wieder wurde der Livevortrag von Filmeinspielern unterbrochen. Diese kurze Zeit nutzte der Comedian, um in eine neue Rolle zu schlüpfen. Jürgen „Kloppo“ Klopp und DJ Hacke animierten das Publikum zum Mitsingen und Tanzen. Doch nach der Pause dauerte es einige Minuten, bis Knop das kurzweilige Niveau wieder erreichte. Bei den Ausführungen über seine esoterische Ader oder das Zusammenleben von Mann und Frau ließ er kein Klischee aus – wirklich innovativ war das aber nicht.
Jubel brandete erst wieder auf, als der „Kaiser“ Franz Beckenbauer auf der Bühne erschien. Nun war Knop wieder ganz in seinem Element und offenbarte sein Ausnahmekönnen als Parodist. Als der Kaiser auch noch seinen vermeintlichen Sohn, der aus einer Weihnachtsfeier-Affäre hervorging, entdeckte, gab es im Publikum kein Halten mehr. Der singende Jogi Löw und „Supa Richie“, Matze Knops älteste Rolle, sorgten schließlich für das stimmungsvolle Ende eines gelungenen Abends.
Service
Thomas Stratos, der Trainer des SSV Jahn Regensburg, zeigte sich trotz der Heimniederlage kurz zuvor von der Vorstellung Matze Knops sehr angetan: „Das war wirklich sehr gute Unterhaltung. Er hat es geschafft, dass man nach so einem Spiel mal richtig abschalten und lachen kann“, sagte der Coach.
Der ungewöhnliche Ausflug der gesamten Mannschaft kam aufgrund eines persönlichen Kontakts zwischen dem Trainer und dem Comedian zustande: „Ich kenne den Matze schon länger. Als ich mitbekommen habe, dass er nach Regensburg kommt, habe ich sofort gesagt, da gehen wir hin“, so Stratos.
Immer wieder wurde der Livevortrag von Filmeinspielern unterbrochen. Diese kurze Zeit nutzte der Comedian, um in eine neue Rolle zu schlüpfen. Jürgen „Kloppo“ Klopp und DJ Hacke animierten das Publikum zum Mitsingen und Tanzen. Doch nach der Pause dauerte es einige Minuten, bis Knop das kurzweilige Niveau wieder erreichte. Bei den Ausführungen über seine esoterische Ader oder das Zusammenleben von Mann und Frau ließ er kein Klischee aus – wirklich innovativ war das aber nicht.
Jubel brandete erst wieder auf, als der „Kaiser“ Franz Beckenbauer auf der Bühne erschien. Nun war Knop wieder ganz in seinem Element und offenbarte sein Ausnahmekönnen als Parodist. Als der Kaiser auch noch seinen vermeintlichen Sohn, der aus einer Weihnachtsfeier-Affäre hervorging, entdeckte, gab es im Publikum kein Halten mehr. Der singende Jogi Löw und „Supa Richie“, Matze Knops älteste Rolle, sorgten schließlich für das stimmungsvolle Ende eines gelungenen Abends.
Mittelbayerische Zeitung, 25.9.2013

 

Traumfabrik startet neues Schuljahr
Neun Schüler haben die Theaterschule in der Alten Mälzerei erfolgreich absolviert. Im Oktober geht es in Regensburg mit einem Schnuppertag wieder los.

Von Angelika Lukesch, MZ
Regensburg. Im letzten Oktober öffnete die Traumfabrik-Theaterschule ihre Pforten, um all jenen – mit und ohne Vorkenntnis – diese ganz speziellen Künste zu vermitteln, die auch die Traumfabrik-Gala-Aufführungen so besonders machen. Schwarzes Theater, Pantomime, Bewegungskünste verschiedener Art und vieles mehr wird von den Kurs-und Ausbildungsleitern Maria Ruffing (Gründungsmitglied der Traumfabrik) und Gerd Sosani (Mimenkünstler und Traumfabrik-Choreograf) in den Kursen, die die Traumfabrik-Theaterschule anbietet, vermittelt.
Das Besondere daran: „Jeder wird dort abgeholt, wo er ist. Das Wichtigste bei der Teilnahme an der Theaterschule ist der Spaß, den man dabei haben sollte“, sagt der Gründer der Traumfabrik, Rainer Pawelke, und führt damit den pädagogischen Gedanken, den er schon seit den achtziger Jahren vertritt, auch in der Traumfabrikschule weiter.
Neun Schüler hatten die Ausbildung im letzten Schuljahr absolviert, vier davon sind nun auch Mitglieder des Traumfabrik-Ensembles geworden und werden bei den nächsten Galas nach Weihnachten auftreten. Die Traumfabrik-Theaterschule bietet nämlich neben der Möglichkeit, dass Laien ebenso mitmachen können wie bereits arrivierte Sportler und Künstler, auch noch die Chance, ins Ensemble aufgenommen zu werden und somit das Geheimnis der Traumfabrik von innen her zu erkunden und mitzuerleben. Gerade die Tatsache, meinen Ruffing und Sosani, dass Teilnehmer mit wenig oder gar keinen Vorkenntnissen neben solchen mit Bühnenerfahrung in der Theaterschule lernten, sei besonders spannend und, wie Ruffing sagte, „eine Bereicherung für beide Seiten“.
Was man in der Theaterschule alles lernen kann, zeigten bei der Pressevorführungen in der Alten Mälzerei vier Künstler, die eine lustige Szene ohne Worte mimisch ausdrückten. Gefragt nach dem Eindruck des abgelaufenen Theaterschuljahrs, meinte Absolventin Uta Keppler aus Kallmünz: „Es war spannend, zu bemerken, wie sich mein Körper veränderte und neue Bewegungsmuster entstanden. Ich habe hier gelernt aus der Entspannung heraus zu arbeiten“. Und Julia Koderer aus Regensburg, die bereits Tanzerfahrung mitbrachte, fügte ergänzend hinzu: „Es war für mich eine neue Bewegungs-und Körpererfahrung, die ich auch anderweitig gebrauchen kann.“
Das neue Schuljahr beginnt mit einem kostenlosen „Kennenlern-und Informations-Wochenende am 5. und 6. Oktober in der Alten Mälzerei. Hier können Interessierte sowohl die Inhalte als auch die Referenten „testen“ und sich danach entscheiden. Mittelbayerische Zeitung, 20.9.2013

 

Wütende Riffs und eine Prise Poesie
Thees Uhlmann gibt vor enthusiastischen Fans in Regensburg ein überwältigendes Konzert: Der Musiker verwandelt die Alte Mälzerei in ein kochendes Death Valley.

Von Helmut Hein, MZ
Regensburg. In seinem Bestseller „1913“ schreibt Florian Illies über den Sommer des Jahrhunderts, wie er es nennt: „Am 10. Juli wird im Death Valley in Kalifornien die höchste bis dahin dokumentierte Temperatur gemessen: 56,7 Grad. Am 10. Juli regnet es in Deutschland. Es ist kaum 11 Grad warm.“ So geht es dem Besucher des Thees-Uhlmann-Konzerts in der Mälze. Er kommt aus der Spätsommerabendkälte und landet im Death Valley. Drinnen brodelt es. Die Uhlmann-Aficionados stehen so dicht gedrängt, dass es heiß und heißer wird. Zumindest gefühlt werden wir Zeuge, wie die bis dahin höchste Temperatur im schwülen Gitarrensturm genommen wird. Das hat Folgen. Irgendwann beginnt Thees Uhlmann, sich auszuziehen. Und die Fans tun auch in diesem Fall, was der Meister tut.
Überhaupt: Thees Uhlmann und seine Fans, das ist ein Phänomen. Denn Uhlmann mag alles sein: ein begnadeter Songwriter, ein wuchtiger Sänger, ein rührender „Junge mit der Mundharmonika“. Eins ist er nicht: Ein begnadeter Performer. Er sagt: „Ich kann nicht tanzen“. Und man glaubt – Death Valleys sind schließlich prädestiniert für Fata Morganas – die Antwort des Publikums zu hören: „Wir können auch nicht tanzen“. Beides stimmt: Der Sänger ist voller Überschwang und vollkommen steif. Das Publikum wird immer euphorischer und enthusiastischer. Aber das, was wohl tanzen sein soll, erinnert an die ersten vorsichtigen Bewegungen einer Arthrose-Gruppe.
Verbindung zum Publikum steht
Aber aller Scheu und Verlegenheit zum Trotz funktioniert die Kommunikation bestens. Uhlmann ruft ins Publikum: „Wer kommt aus der Großstadt?“ Gespenstische Stille. „Und wer kommt aus dem Dorf?“ Plötzlich recken sich Hunderte von Fingern in die Höhe und alle schreien „Ich!“ Da ist eine verschworene Gemeinde am Werk. Und Uhlmann, der sich nach dem Vorbild Größerer auch als zäher Stand-up-Comedian und Lyriker versucht und selbst bei seinen Fans dafür auf eisiges Schweigen stößt – kein Witz, nirgends –, rettet sich in das „Stadt-Dorf“-Spiel. Das geht immer.
Thees Uhlmann, Jahrgang 1974, wurde sozialisiert im Umfeld der Hamburger Schule. Den ersten großen Auftritt hatte Tomte als Vorband der 1999er-Tour von Tocotronic. Thees Uhlmann war so begeistert über Tocotronic und über sich, dass er prompt seine aufgewühlten Gedanken zu Papier brachte unter dem vielsagenden Titel „Wir könnten Freunde werden. Die Tocotronic-Tourtagebücher.“ Wenn er von seinen frühesten Zeiten auf dem Gymnasium Warstedt in Hemmoor und (gewollt?) peinlich von seiner Zeit als Pubertäts-Weltmeister oder zumindest Halbfinalist erzählt, klingt er, was den Sound der Erinnerung angeht, wie Knarf Rellöm. Nur dass ihm das Bittere, Scharfe und auch das leicht Neurotische des verdrehten Frank Möller fehlt.
Meint er das wirklich ernst?
Thees Uhlmann ist ein biederer Musiker für eine biedere Zeit, der schreiben kann und das Geheimnis des einen oder anderen Gitarrenriffs kennt. Bieder? Nun ja, wenn Knarf Rellöm die „Wahrheit“ verspräche und dann in etwa so loslegte: „Ich habe ein Kind zu erziehen, einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten“, dann wüsste man, was das ist: bitterste Ironie; der grausame Hohn auf das falsche Bewusstsein, das man vorfindet, und das fürchterliche Leben oder eher Lebensende, das es zur Folge hat. Bei Uhlmann kann man sich nicht sicher sein. Oder doch, man kann. Nach einer kurzen repräsentativen Umfrage unter den Umstehenden: „Meint er das ernst?“, ergibt sich der eindeutige Trend: Thees Uhlmann meint es ernst.
Er hat einst Lehramt studiert – man muss unwillkürlich an den Bernd-Begemann-Hit „Judith, mach deinen Abschluss, sicher ist sicher“ denken – und den Sprung ins freie Künstlertum erst „gewagt“, als seine Konten überquollen. Aber in seinem Herzen ist er Lehrer geblieben: Er meint es gut und will das Beste für alle. Vor allem für sein Publikum. Das verwöhnt er mit einem Best-of. Wobei ja alle Uhlmann-Songs irgendwie „gut“ sind; und „wach“. Ob er nun das Mädchen von der Kasse zwei anschmachtet oder davon berichtet, dass ihn Amor mitten ins Herz getroffen habe.
Was bei ihm sofort merkwürdige Reflexe auslöst: „Triff mich an der Kirche/denn ich habe Lust zu schwören“. Und der Berichterstatter möchte schwören, dass Uhlmann-Fans dereinst weniger Scheidungskinder auf ihrem mit Leichen gepflasterten Weg zurücklassen werden. Und die Musik? Der merkt man noch an, wo sie herkommt. Dass der Pubertierende Metal mochte. Und dass der Adoleszente mit einem Mal begriff, was Blumfeld und Tocotronic groß machte.
Er schaut dem Volk aufs Maul
Also bekommt man mächtiges und doch melodisches Gitarrenwüten und dazwischen immer wieder mal die Stille eines anderen Instruments. Wobei Uhlmann nicht wählerisch ist. Nur mit dem Vorschlag, doch mal kollektiv durch die Zahnspangen zu pfeifen, stieß er auf Ablehnung. Das war einfach nicht korrekt. Aber seine Lyrics sind korrekt. Und sie verdanken ihre Lebensnähe und Anschaulichkeit einem Verfahren, das einst Distelmeyer Größeren abschaute: dos Passos nämlich, Döblin und Gottfried Benn. Man schaut dem Volk aufs Maul und den Plakaten ins Gesicht. Dann erkennt man, dass die Essenz des Daseins in all den Slogans verborgen ist, die uns umschwirren.
Auch Uhlmann ist also eine Zitat-Maschine und ein Montage-Maniac. Und in diesen uns umschwirrenden kollektiven Stimmen-Sound streut er genau die richtige Dosis an Poesie. Eine Dosis, die nicht tödlich ist, sondern bezaubert. Etwa in dem Lied, das in den Charts war und in der „heavy rotation“ der Rundfunkanstalten: „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf.“ Darin verbirgt sich eine tiefe Weisheit über unser aller Dasein: dass es ein Feuer gibt und dass dieses Feuer brennt und wärmt. Ich vermute, das soll ein Gegensatz sein. Und das „Brennen“ ist etwas Schlimmes, und „Wärmen“ etwas Schönes. Mittelbayerische Zeitung, 4.9.2013

 

 

Feurige „Salsa con Cumbia“
Höchst explosives Musikgemisch: Die Band Karamelo Santo aus Argentinien brachte mit mitreißendem Mestizo-Sound das Mälze-Publikum auf die Beine.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Es herrscht eine erwartungsfrohe Stimmung unter den sommerlich gekleideten Gästen der Alten Mälzerei. Eigentlich wäre es ja das ideale Biergartenwetter. Aber wenn die alten Bekannten von Karamelo Santo – was so viel wie „Heiliges Bonbon“ heißt – in der Stadt sind, kann man schon mal auf Kastanienbäume und Fassbier verzichten. Die argentinische Band tourt seit gut zehn Jahren regelmäßig durch Europa und hat sich eine große Fanbasis erspielt.
Konzertveranstalter Uli Eidenschink hat sie auch schon öfter nach Regensburg eingeladen. Bands aus Lateinamerika, die Mestizo-Sound machen, sind ein Schwerpunkt seiner Agentur „Das Gute Konzert“. Manu Chao, den großen Vorreiter der Bewegung, konnte er zwar noch nicht verpflichten. Dafür waren Panteón Rococó aus Mexiko, Abuela Coca aus Uruguay und Che Sudaka aus Barcelona – das europäische Drehkreuz für lateinamerikanische Musiker – schon da. Man kann „Latin-Ska-Punk-Cumbia-Reggae-HipHop-Salsa-Rock“ zu diesem explosivem Musikgemisch sagen oder eben „Mestizo“. Bevor Karamelo Santo die Bühne betritt, heizt der bandeigene DJ mit Cumbia und der neueren Variante Cumbia-Dancehall ein.
Als die neun Mannen die kleine Bühne betreten, muss man fast Angst haben, dass einer herunterfällt. Bassist Diego Aput schiebt sich mit freiem Oberkörper und verwegener Teufelsfrisur immer wieder zwischen Pedro Rosafa und Gody Corominas. Die beiden Sänger bilden frisurentechnisch einen schönen Kontrast: Rosafa hat lange Dreadlocks, Corominas eine scheinende Platte. Beide tragen Sonnenbrille.
Die Band muss nicht lange zum Tanze bitten, das Publikum ist sofort dabei. Kaum jemand, der sich zu den rhythmischen Klängen nicht bewegt. „Salsa con Cumbia“ verschmelzt ebenjene lateinamerikanischen Musikstile. Mit zackigem Ska, der seine rockigen Kanten hat, geht es nonstop weiter. Von oben wird das Kommando „Cho-Cho-Cho“ ausgegeben und zu fetten HipHop-Beats hüpft die Menge immer wieder in die Luft. Eine schweißtreibende Angelegenheit.
Zur Erholung spielt die Band ein traditionelles Cumbia-Stück im beschwingten 4/4-Takt. Keyboarder Lucas Villafañe greift dafür zum Akkordeon, Corominas raspelt rhythmisch über eine Metall-Güiro. Ebenfalls entspannt sind die basslastigen Reggaenummern. Richtig gut kommt eine spanischsprachige Version vom Seeed-Titel „Papa Noah“ an. Beim Cover vom Beastie Boys-Schocker „Sabotage“ fliegen die Fetzen. Das poppig-verschmuste „In Between Days“ von The Cure verwandeln sie in einen unwiderstehlichen Latin-Ska-Knaller.
Alles in allem eine mitreißende Show. Leider nur ist die Band breiig abgemischt worden, was den Konzertgenuss doch etwas eintrübte. Mittelbayerische Zeitung, 23.7.2013

 

 

Eine Schweineorgel-Extravaganza
The Aggrolites aus Los Angeles spielten in der Alten Mälzerei eine gutgelaunte Frühform des Reggae, die auch mit Funk- und Soulelementen nicht geizt.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. „Reggae got Soul“ wusste schon Toots Hibbert, eine der langlebigsten Figuren im jamaikanischen Musikgeschäft und Frontmann der Maytals. Der Sänger schenkte dem Genre 1968 mit der Single „Do the Reggay“ nicht nur seinen Namen, sondern steuerte mit „54-46, That’s my Number“, „Monkey Man“ und „Pressure Drop“ Stücke bei, die das Genre in seiner Anfangsphase definierten. 1973 folgte das erste Album „Funky Kingston“. Auch hier trifft – wie der Name verrät – schwarze amerikanische auf schwarze karibische Musik.
Warum ein Artikel über die amerikanische Reggaeband The Aggrolites mit einleitenden Worten über Toots Hibbert beginnt? Erstens hat Aggrolites-Sänger Jesse Wagner eine ähnlich kehlig-raue Stimme wie Hibbert. Zweitens spielen die Aggrolites genau jenen frühen Reggaestil, der sich Ende der 60er Jahre aus dem Rocksteady entwickelte. Rocksteady wiederum war ein Stil, der seinen charakteristischen mehrstimmigen Harmonieg