PRESSE/TEXTE

 

Wenn Sprache zur Spitze mutiert
Christian Ritter gewinnt die bayerische Meisterschaft – nach dreieinhalb heißen Stunden.


Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Der Bayern Slam 2010 – das ist nicht irgendein Wettbewerb. Es ist die erste bayerische Meisterschaft der Poetry-Slam-Künstler überhaupt. Wer hier gewinnt, hat den optimalen Startplatz für die Deutsche Meisterschaft. Riesig ist am Samstagabend das Interesse am Wettstreit der zehn Finalisten. „Wir haben den Saal voll bekommen!“, jubeln die moderierenden DJs Ko Bylanzky und Rayl Patzak zu Beginn der großen Ausscheidung im Regensburger Velodrom.
Der Poetry Slam in der ehrwürdigen Theaterhalle – kein Problem! Das Publikum ist bestens drauf. Im Hintergrund der Bühne gibt der samtig blaue Vorhang dem Bayern Slam einen extrem würdigen Anstrich. Eine kleine rote Lampe hält auf der Konsole von DJ Patzak trotzig dagegen. Statt in Lichtorgel-Geflimmer stehen im Fokus sanft ausgeleuchtete Poeten und Wortkunst pur. Dennoch ist einiges anders: Während bei „normalen“ Slams das Publikum johlend, trampelnd oder buhend über Sieg oder Niederlage entscheidet, wurden diesmal vor Beginn fünf Juroren aus dem Publikum gefischt, die nach jedem Auftritt ihre Wertungsnoten in die Höhe strecken. Statt dass der Saal nach den Performances kocht, herrscht meist atemberaubende Stille.

Das „Flammende Mikro“
Selbst Klemens Unger wetzt ungeduldig auf seinem Stuhl, bis die jeweilige Note steht. Der Kulturreferent, der bei der Frage zu Beginn des Dichterwettstreits, wer zum ersten Mal einen Slam besucht, unumwunden per Handzeichen seine Premiere eingesteht, wird während der kommenden dreieinhalb Stunden infiziert und zum Fan. Als er zum Schluss das von der MZ gestiftete „Flammende Mikro“ dem Sieger überreicht, findet er knapp und präzise die richtigen Worte: „Starke Nummer!“
Von neun Uhr abends bis eine halbe Stunde nach Mitternacht dauert der Wettkampf – für das Publikum ein Hochgenuss! Drei Ausscheidungsrunden, in denen die Künstler in fünfminütigen Beiträgen ihr Bestes geben.
Diese Kunst packt zu Recht: Sprachlich gewitzt, gespitzt, stilistisch bis in die letzte Silbe ausgefeilt, inhaltlich so kunstvoll gedrechselt, so fantasievoll und dabei entlarvend, intelligent Wirklichkeit analysierend und gleichzeitig Traumwelten fabrizierend, witzig, aber manchmal auch zutiefst berührend, von der Darstellungskunst her mal bloßer Vortrag – mal echte Schauspielkunst mit vollem Körpereinsatz: Poetry Slam ist alles!

Worte von brillanter Schlagkraft
Der amtierende Weltmeister Joaquin Zihuatanejo, Stargast dieses von der Alten Mälzerei initiierten und durchgeführten Festivals, heizt nun mit einem Love Poem den Saal an. Er zeigt, was alles machbar ist, wie die Worte in Bewegung übergehen und ihre unschlagbare Kraft dadurch nur noch brillanter wirkt.
Danach die bayerische Auswahl, die ebenfalls Brillantes zu bieten hat: Lucas Fassnacht aus Nürnberg legt mit einem Rap über gierige Banker, Politiker, dreist verdummende Medien und unersättliche Unternehmen furios los. Der Ausbruchsversuch seines Otto-Normal-Verbrauchten bleibt im System stecken, in der „Norma-Lidl-tät“. Fassnacht gehört zu den dreien, die in der letzten Runde um den Titel kämpfen. Und er tut es extrem mutig, mit einem Text über Nazis, die sich darin gefallen, kleine Kinder zu töten. Das betroffene Publikum wird ganz leise –bis zum stürmischen Applaus.
Lasse Samström aus Ingolstadt sorgt mit seinem Schüttel-Gedicht „Stirbelwurm“ über einen Ausflug durch das wirbelsturm-erschütterte St. Pauli, „wo die Netten waren nutt“, für viel Gelächter. Andivalent aus Landshut liefert einen berührenden Rap, in dem er den Drogen-Tod eines Freundes und die eigene Rettung verarbeitet hat. Michael Jakob aus Weißenburg wütet über die Bühne und fordert ein Abschiednehmen von den Trugbildern des ersten und des Second Life.
Moritz Kienemann aus München – auch er schafft's in die letzte Runde – statuiert glänzend ein ums andere Exempel seines Postbeziehungstraumas. Bumillo aus Freising buxiert mit seiner Jammen-statt-Jammern-Session den Regensburger Thomas Spitzer, der sich mit dem angeblich beginnenden Avatar-Zeitalter auseinandersetzt, mit Minimalst-Vorsprung aus dem Rennen. Selmar Klein begeistert als Getriebener seiner Interessen, der nach dem Motto schreibt: „Dada is' Muss“. Nur Ariane Hussy aus Passau, beim Super Slam des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals Zweite, kann mit ihrem „Mädchentext“ nicht landen.
Christian Ritter aus Bamberg pustet mit seiner Collage aus Fernsehschnipseln aus Nachrichtensendungen und Soaps TV-Süchtlingen das Hirn frei. Er schafft es nicht nur durch alle drei Runden, sondern legt jedes Mal zeitmäßig eine Punktlandung hin. Er ist nach diesem Abend der Meister, „wohlverdient“, wie Unger sagt. Ritters Text, in dem er verkatert in einer fremden Wohnung aufwacht, sich am Telefon als Eismann-Vertreter ausgibt und die Freundinnen der Wohnungsbesitzerin ungerührt und vergnügt einer Razzia preisgibt, ist eine Perle des schwarzen Humors, die noch nachwirken wird, wenn er bei der Deutschen Meisterschaft schon den nächsten Geniestreich in den Wettstreit schickt. Mittelbayerische Zeituzng, 17.5.2010

 

We are Slamily: Die Familie der Live-Poeten
Der 19-jährige David Friedrich hat den Nachwuchswettbewerb des Bayern Slam gewonnen. Er ist stolzes Mitglied im Club der slammenden Dichter.

Von Helene Vilsmeier, MZ
Regensburg . Er dichtet, rappt, philosophiert, gerät vor dem Publikum in Rage, gestikuliert, wirft mit Wortspielen um sich und reißt Witze zum Abbrechen – David Friedrich aus München überzeugte beim U20-Wettbewerb der bayerischen Poetry-Slam- Meisterschaft durch Facettenreichtum, starke Bühnenpräsenz, Dynamik und Humor. Die Jury – die sich aus Jugendlichen aus dem Publikum rekrutierte – war begeistert und katapultierte den 19-Jährigen als Punktbesten ins Finale.
„An Deinen Worten ist nichts dran“ – metaphorisch sprach der Finalist über Menschen, die Masken tragen, um ihre wahre Identität zu verstecken, das aufgesetzte Lächeln und das zwanghafte Reden am Frühstückstisch und den fehlenden Mut, die alltägliche Monotonie zu durchbrechen.
Damit sicherte er sich den Sieg – doch für den Nachwuchsdichter geht es beim Poetry Slam um weitaus mehr als ums Gewinnen: „Wir sind eine ‚Slamily‘ – eine Slam-Family. Das Besondere am Poetry Slam ist, mit anderen Slammern rumzutouren, zusammen in Hostels abzusteigen, zu feiern und Leute kennenzulernen.“ So entsteht eine Gemeinschaft, in der die alteingesessenen Poeten den Anfängern mit Rat und Tat zur Seite stehen und nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen.
Vor vier Jahren stand David mit seinem Partner Ivo Rick zum ersten Mal auf der Dichterbühne. Geübt hat er bei regelmäßigen Slam-Workshops in der Schauburg, dem Theater der Jugend in München. Solche Workshops für angehende Dichter finden in den meisten deutschen Poetry-Slam-Städten statt. David hat Glück, denn München hat die größte Slam-Szene Bayerns: „Alleine in München gibt es drei Poetry Slams und sehr viele in der Umgebung.“ Auch seine Mitstreiter im Finale kommen alle aus der Gegend: Leonie Mühlen aus Landsberg, Sonja Popp aus München, Fridolin Kerner aus Gauting. Und natürlich kennt er sie alle, Dank der Gemeinschaft der „Slamily“.
In der bayerischen Hauptstadt findet einmal im Monat der „Substanz Slam“, der bekannteste Poetry Slam Europas, statt. Er verhalf David auf seiner Karriereleiter nach oben. „Ich war drei, vier Mal dabei und habe im März 2009 gewonnen. Das war der letzte Schliff.“ Daraufhin lud ihn unter anderem Lars Ruppel, einer der bekanntesten deutschen Slampoeten, zu Wettkämpfen in Mainz und Frankfurt ein.
Bei den nationalen Meisterschaften war David einmal als Moderator und zweimal im U20-Teamwettbewerb dabei. Den Deutschland-Slam im Herbst 2010 wird er nicht verpassen. „Der Sieger des Bayern-Slam nimmt automatisch am deutschsprachigen Wettbewerb teil“, erklärt Moderator Ko Bilanzky.
David freut sich darauf, durch die deutschen Metropolen zu touren, doch im beschaulicheren Regensburg fühlt er sich auch sehr wohl: „Regensburg hat in Bayern einen der besten Slams. Die Stimmung in der Mälze ist super, das Publikum jung und der Funke springt wahnsinnig gut über.“ Der Nachwuchs der Dichter-Familie strotzt vor Ideenreichtum, Talent, Können und jugendlicher Begeisterung. Mit Sicherheit sprang der Funke auf die begeisterten Zuhörer über. Mittelbayerische Zeitung, 17.5.2010

 

Reimende Echsen im Literaturassic Park
DICHTKUNST Poesie aus Leidenschaft: Mit preisgekrönten Wortkünstlern hat der BayernSlam 2010 begonnen.


VON HELENE VILSMEIER, MZ
REGENSBURG. Von den Dichterbühnen der Welt ins Herz der Oberpfalz - die besten Poeten Deutschlands und der amtierende Poetry Slam-Weltmeister, Joaquin Zihuatanejo aus Texas, kamen nach Regensburg und bescherten dem Publikum ein u8nvergessliches poetisches Abenteuer. Sie stimmten ein auf d8ie allerersten Bayerischen Meisterschaften der Slammer - "ein historischer Moment", wie Moderator Ko Bylanzky voll Stolz bei der Eröffnung in der Alten Mälzerei befand.

"Ich bin ein Straßenpoet und schreibe über schlimme Dinge", verkündete Joaquin Zihuatanejo, der 2009 die Weltmeisterschaft in Paris gewann. Der Einwanderer-Sohn ist politisch und sozialkritisch, spricht über die Hoffnung, dass Menschen jeder Herkunft friedlich zusammenleben können. Er philosophiert über die guten alten Zeiten, "back in the days", als Sonntage noch heilig waren und im Fernsehen immer "coole Shows" liefen. Er nennt die drei Dinge, die seinen texanischen Landsleuten heilig sind: "Jesus Christus, Football und der Wall-Mart, weil man in dem Einkaufszentrum von Patronen bis Tampons alles bekommt." Allen die sich beschweren, weil George W. Bush acht Jahre lang ihr Präsident war, bietet er die Stirn: "Er war davor vier Jahre lang mein Gouverneur. Ich hatte also ganze zwölf Jahre mit ihm zu tun." Die preisgekrönte deutsche Lyrikerin Nora Gomringer steht ihm als Dolmetscherin zur Seite und Zihuatanejo beweist mit Pathos, Charme und Humor, dass er zu Recht der Meister ist.
Aus dem nationalen Lager war der deutsche Poetry Slam-Meister Philiupp "Scharri" Scharrenberg aus Stuttgart angereist. Er mimte einen Hypochonder mit Migräne, kaputtem Magen, Tinnitus, Milzbrand und Thrombose. Weil "krank not dead ist" schwingt er trotz Schmerzen das Tanzbeim beim "Immun-Walk" und packt als "Maserfucker" seine Rap-Skills aus. Er macht Werbung für "Marihuana-Jones - Auf der Suche nach dem heiligen Gras - erstmals in THC und Breitwand."

Als Trio PauL - "Poesie aus Leidenschaft" - gewannen er und die die Münchner Heiner Lange und Christian Bumeder alias Bumillo den deutschen Teamwettbewerb 2009. Sie spielen ein Pack geiziger Bänker, das sich um der Karriere willen keine freie Minute gönnt. "Eine halbe Stunde Lesen kostet mich 1500 Euro, zwei Stunden Sex mit meiner rau 6000 Euro", rechnet Scharrenberg. Ihr erstes Gebot lautet: "Du sollst die Bank lieben wie Dich selbst." Die drei Poeten sind Virtuosen des gesprochenen Wortes. Sie spielen damit, verändern es und schaffen neue Kreationen. "Wir sind reimende Echsen im Literaturassic Park."
In eine traumwandlerische Welt der Philosophie und Sinnsuche entführt das Musikprojekt "Großraumdichten", das gesprochene Poesie mit elektronischen Beats vereint. Die Slammer Pauline Füg aus Eichstätt und Tobias Heyel aus Stuttgart sinnieren über den Trott des Alltags und gesellschaftliche Zwänge.
Mit atemberaubend schönen, mal verträumten und mal galaktischen Klängen lässt DJ Ludwig Berger aus Eichstätt die Worte lebendig werden. Seine eindringlichen Melodien und die nachdenklichen Texte bilden eine wundersame Melange, die noch lange nachklingt. Mittelbayerische Zeitung, 15.5.2010

 

 

Eine literarische Schlacht der jungen Poeten
In Regensburg beginnt am Donnerstag die erste Bayerische Meisterschaft im Poetry Slam.

Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Aus seinem „Baby“ ist eine Persönlichkeit mit Ausstrahlung geworden: Hans Krottenthaler, Chef der Alten Mälzerei, ist stolz auf die Entwicklung, die der Poetry Slam in Regensburg genommen hat. Und nun wird die Adoleszenz groß gefeiert: mit der ersten Bayerischen Meisterschaft.

Der Mann, der den Poetry Slam in den 80-er Jahren in Chicago erfunden hat, kann entgegen ersten Ankündigungen nicht dabei sein, wenn aus dem mehrtägigen Dichterwettstreit ein bayerischer Meister hervorgeht. Marc Kelly Smith hatte einen Unfall, statt seiner reist der Weltmeister unter den Stegreifpoeten aus dem texanischen Denton an: Joaquin Zihuatanejo, Nachfahre mexikanischer Einwanderer, dessen eindringliche, fast beschwörend vorgetragene Texte sich unter anderem mit Leben und Kultur der Chicano in den USA auseinandersetzen. Mitveranstalter des BayernSlam 2010 ist die Stadt Regensburg. Kulturreferent Klemens Unger findet, dass die innovative Premiere hervorragend zum Jahresthema der Stadt passt: „Aufbruch“. An das Forum für junge Musiker – das Festival überBrücken – schließt sich nahtlos ein Podium für junge Literatur an, die sich gerade erst auf den Weg in den etablierten Kulturbetrieb gemacht hat.

Als vor knapp zehn Jahren der erste Wettbewerb in Regensburg veranstaltet wurde, sei Slammen noch Untergrund-Kunst gewesen, sagt Krotten-thaler. Doch mittlerweile ist daraus ein wichtiger und eigenständiger Bereich der jungen Literatur geworden. Das beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass längst auch der Kultursender arte über die Schlachten („Slams“) der Dichter berichtet. 300 Besucher kommen zu den regelmäßigen Poetry Slams in der Alten Mälzerei. Beim BayernSlam rechnet Krottenthaler mit bis zu 1000 Besuchern. 23 bayerische Städte entsenden ihre besten Stegreifdichter. Um überhaupt teilnahmeberechtigt zu sein, müssen in den Städten im vergangenen Jahr mindestens drei Wettbewerbe stattgefunden haben. Normalerweise stimmt das Publikum mit den Händen über die Beiträge ab. Beim BayernSlam wird eine Publikums-Jury Punkte vergeben. Exakt fünf Minuten hat jeder Poet, um die Zuhörer auf seine Seite zu bringen. Ob Prosa oder Lyrik – Hilfsmittel wie Instrumente oder Verkleidung sind nicht zugelassen. Beim Poetry Slam zählt allein das gesprochene Wort. Buh-Rufe sind selten, sagt Krottenthaler: „Der Mut, sich auf die Bühne zu stellen, wird immer honoriert.“ Mittelbayerische Zeitung, 11.5.2010

 

 

40 Poeten beim ersten Bayernslam
LITERATUR Drei Tage im Mai wird Regensburg zum Zentrum der bayerischen Poetry-Slam-Kunst und-Szene.

REGENSBURG. Der Poetry Slam als eines der letzten großen Abenteuer für Literaturfreunde erfreut sich großer Beliebtheit. Vom 13. bis 15. mai kämpfen nun erstmals die besten bayerischen Poeten in zwei Kategorien um den begehrten Titel "Bayerischer Poetry Slam-Meister". Die Zuschauer, die über den Sieger entscheiden, erlweben drei Tage Poesie mit rund 40 Teilnehmern aus 25 bayerischen Städten.
Veranstalter sind das Kulturzent5rrum Alte Mälzerei und die Stadt Regensburg. Kooperationspartner sit das Theater Regensburg, in dessen Velodrom das große Finale stattfindet. Die Mittelbayerische Zeitung stiftet den Pokal. "Diese 1. Bayerischen Poetry Slam Meisterschaften sind eine Herzensangelegenheit für uns - ähnlich wie die Regensburger Tanztage oder das Kleinkunstfestival", betont Initiator Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei. "Wir veranstalten seit 2001 die Poetry Slams in der Mälzerei. Mit inzwischen durchschnittlich rund 300 Besuchern hat sich der Poetry Slam in Regensburg neben München zur größten regelmäßigen Veranstaltung dieser Art in Bayern entwickelt."

Slam-Ikone Marc Kelly Smith
Ehrengast und Schirmherr der Bayerischen Poetry Slam Meisterschaften ist der Erfinder des Poetry Slams, Marc Kelly Smith aus Chicago, der auch die Eröffnungsshow mitbestreitet. 1986 fand in Chicago der erste Poetry Slam statt. Von dort breitete sich diese Veranstaltungsform über die USA und ab Anfang der 90er Jahre über Europa aus. Seit 1996 wird im Münchner Substanz monatlich geslamt. Im April 2001 veranstaltete die Alte Mälzerei den ersten Regensburger Poetry Slam.
"Regensburg hat sich so zur heimlichen Slam-Hochburg in Bayern entwickelt und ist damit der ideale Austragungsort des BayernSlams. Natürlich sind wir stolz, dass die Konzeption dieses Projektes so viel Unterstützung findet und das Bayerns erstes und bisher größtes Festival für Bühnenliteratur nun in Regensburg stattfinden kann", sagt Krottenthaler. Unterstützt wird das Festival auch von der Fürstlichen Brauerei Thurn und Taxis Vertriebsgesellschaft und der Regensburger Kulturstiftung der Rewag.

Hochkarätiges Poesiefestival
Rund 40 Teilnehmer aus allen Teilen Bayerns wollen bei diesem Dichterwettstreit das Publikum begeistern. Die Slamgrößen Ko Bylanzky und Rayl Patzak als künstlerische Leiter haben ein attraktives Rahmenprogramm zusammengestellt und sorgen für ein hochkarätiges Poesiefestival. Es beginnt am Donnerstag, 13. Mai (20 Uhr, Alte Mälzerei) mit der Eröffnungsshow mit Slam-Legende Marc Kelly Smith, der preisgekrönten Dichterin Nora Gomringer, den aktuellen deutschsprachigen Meistern PauL und Philipp Scharrenberg sowie dem Trio Großraumdichten, die gesprochene Poesie mit elektronischen Beats verbinden, ebenso wie DJ Rayl Patzak. Am Freitag, findet ab 13.30 Uhr in der Alten Mälzerei der "Bayernslam 2010 - U20"-Wettbewerb statt. Am Freitag ab 19 Uhr laufen in der Mälze die Vorrunden zum Einzelwettbewerb des "Bayernslam 2010", die am Samstag, 15. Mai, um 20 Uhr ins große Finale im Velodrom münden. Die Zuschauer entscheiden, wer "1. Bayerischer Poetry Slam Champion" wird. (Mittelbayerische Zeitung, 16.4.2010 sw/mz)

Für den "Bayernslam 2010 - U20" ist der Eintritt frei, für alle übrigen Veranstaltungen gibt es Karten unter Telefon (0941) 788810. Infos im Internetz unter www.alte-maelzerei.de

 

 

Sie befolgen die goldene Regel des Rock'n'Roll
Eläkeläiset spielen im Kulturspeicher populäre Rockklassiker im lustigen Humppa-Gewand.

Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Humppa wurde in Finnland früher bevorzugt von älteren Menschen gehört. Eläkeläiset folgen dieser Tradition, bedeutet ihr Name ins Deutsche übersetzt doch „Die Rentner“. Am Merchandisingstand im Foyer des Kulturspeichers verkaufen sie ein T-Shirt mit dem Slogan „Old is not Dead“ – frei übersetzt „Wer alt ist, muss nicht tot sein“. Passenderweise sitzen die fünf Herren fein herausgeputzt in Hemd, Weste und Krawatte an aufklappbaren Multifunktionstischen, die es auch in der Gemeindehalle ihrer finnischen Heimatstadt Joensuu geben dürfte. Seit den Achtziger Jahre machten sich Bands wie Eläkeläiset Humppa in ihrer Heimat auch unter jungen Menschen wieder populär. In Deutschland spielten sie – nachdem sie jahrelang durch kleinere Clubs getingelt waren – 1999 beim großen Metal-Festival in Wacken.
Die Musik erinnert an Polka und klingt wie ihr Name: um-paa, um-paa, um-paa – mal schneller, mal langsamer. Eine gewisse Nähe zur Zirkus- oder Kasperletheatermusik ist nicht zu leugnen. Das Besondere an Eläkeläiset ist nun, dass sie bekannte Pop- und Rock-Gassenhauer in diesem Stil nachspielen. „We will rock you“ von Queen, „Jump“ von Van Halen oder etwa „I can't get no satisfaction“ von den Stones bekommen mit Bass, Schlagzeug, Akkordeon und zwei Keyboards ihre Humppa-Behandlung: „I can't get no Humppa“. Die finnischen Texte dürften von den Originalen erheblich abweichen, nehmen doch Eläkeläiset sich und andere nicht allzu ernst. Die Zwischenansagen radebrechen sie in rudimentärem Deutsch oder Englisch oder gleich in Finnisch – auch wenn kein Mensch ein Wort versteht. Nach jedem Stück erheben sie sich von ihren Stühlen, ziehen ihre Kapitänsmützen vom Kopf und bedanken sich überschwänglich beim Publikum. Auch bei ihren spontanen Anarcho-Aktionen scheinen sich die Finnen an der britischen Komikertruppe Monty Python zu orientieren. Keyboarder Onni Varis – der sich zwischenzeitlich ein Handtuch um den Kopf gebunden hat und mit seinem Bart wie ein Talibankrieger aussieht – springt unvermittelt auf, holt sich eine Flasche Bier und öffnet sie ungestüm an der Tischkante. Sein Keyboard bearbeitet er auch mal mit dem Fuß. Überhaupt ist der ungezügelte Alkoholkonsum das große Thema bei Eläkeläiset. Als irgendwann das Bier nicht mehr reicht, fordern sie Wodka – „Unser Motor braucht 100 Prozent Oktan!“ – und flößen sich diesen gegenseitig ein. Thema Nummer zwei, wie könnte es anders sein, ist Sex: Die Bandmitglieder ziehen sich gegenseitig damit auf, keinen zu haben. Eläkeläiset entsprechen mit „(Kein) Sex, Alkohol und Humppa“ also der goldenen Rock'n'Roll-Regel.
Das jugendliche Publikum jedenfalls ist begeistert. Ein Mutiger lässt sich von der Bühne aus auf den empor gestreckten Armen der Zuschauer über die Köpfe der Menge hinweg tragen. Weiter hinten im Saal wird der raumgreifende Ausdruckstanz zelebriert. Vor der Bühne hat sich eine enthusiastische Menschentraube gebildet. Die anarchistische „Rentnergang“ sorgt also für ausreichend Ausgleichsgymnastik bei ihren alkoholgeschwängerten Auftritten. Mittelbayerische Zeitung, 28.4.2010

 

Erleuchtung ist bei ihm nicht garantiert
UNITED COMEDY Der Österreicher Alf Poier beschließt das 15. Internationale Kleinkunstfestival in Regensburg.

REGENSBURG. "Die Wiener Zeitungen schrieben mein Programm wäre niveaulos", berichtet Alf Poier gegen Ende seines Auftritts im Kulturspeicher. Das scheint ihm aber schnurzpiepegal zu sein, denn schließlich sein er "zum Kasper geboren". In roter Cordschlaghose und violettem T-Shirt mit Tattoo-Verzierungen hat er sich zum "Botschafter für Bewusstsein, Scheißdreck und Kunst" gemausert und residiert vor den Toren Wiens in seinem eigenen Museum, wo auch ein Alf Poier-Altar steht - durch Selbstanbetung steigere er das eigene Bewusstsein. In einer Diashow führt Poier über sein Anwesen, legt Wert auf Details wie ein Grasbüschel am Wegesrand und provoziert mit blasphemischer Ikonenmalerei, die ihm schon den ein oder anderen Prozess eingebracht hat.
Seine Mission ist, die Menschheit von Wahn und Illusion zu befreien. Als Hauptfeind hat er jedoch nicht die Religion, sondern die Philosophie ausgemacht, jene Disziplin, die versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu erklären.
Poer, ganz der Mann aus dem Volk, gibt Nachhilfeunterricht in Sachen Kunst. Eine grün angemalte Leinwand soll Kunst sein? Oder wie ein von Kinderhand gemaltes Strichmännchenbild? Poier zeigt sich solidarisch mit dem Stammtisch, der ablehnt, was er nicht versteht und lässt das Publikum über seine selbstgebastelten Objekte abstimmen: Kunst oder Scheißdreck? Dazu fallen ihm so wahnsinnig komische Dinge ein Hai, der ein Hitlerbärtchen trägt: "Hai Hitler!" Das ist solides Grundschulniveau. An platten Wortspielen ist der Comedian, der sich schon im "Quatsch Comedy Club" im Privatfernsehen zeigte, nicht verlegen: Er trinkt stilles Wasser, wei8l es nicht so viel redet. Er rät von der Zweitwohnung ab, weil diese ja "zweit draußen" ist (hier kommt sein charmant-österreichischer Akzent zum Tragen). Er geht aus Langweile zur Unternehmensberaterin, die ihm einen Tipp geben soll, was er unternehmen könnte. Als verkleideter Putzteufel mit Heliumstimme droht er, so lange zu putzen, bis die Reibung ein "Fege-Feuer" entfacht. Eine Überdosis Wortspielerei für den Comedy-Junkie.
Eigentlich komisch, macht Poier doch den Eindruck, sich wirklich einmal mit Philosophie beschäftigt zu haben. Sein Erscheinungsbild eines Alt-Hippies legt eine Reise nach Indien nahe. Seine Erleuchtung hat er dort scheinbar aber nicht gefunden.
Ab und an setzt er sich an sein Schlagzeug, spielt Gitarre und gibt garstige Lieder von sich, der Abschiedsbrief eines amerikanischen Amokläufers dient als Textvorlage. Die Konsumgesellschaft mit ihrem Markenfetischismus könne ihn auch noch so weit bringen - aber glücklicherweise hat Poier ja die Bühne, um sich abzureagieren. Mittelbayerische Zeitung, 12.4.2010

 

In der Mälze wird für Amnesty gerockt
Das Heimspiel-Festival feiert seinen zehnten Geburtstag. Am Samstag spielen sieben Bands für einen guten Zweck.

Von Jürgen Scharf, MZ
REGENSBURG. Regensburg rockt: Regelmäßig treten in der Alten Mälzerei bei den Heimspiel-Abenden regionale Bands auf. Gesponsert werden die Auftritte von der Regionalbandförderung. Als Höhepunkt der Konzertreihe gibt es einmal im Jahr ein Heimspiel-Festival, bei dem ausgewählte Gruppen auftreten. Dieses Festival, das bereits zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden ist, feiert heuer zehnten Geburtstag – und zum Jubiläum lassen es die Macher richtig krachen: Es wird gleich zwei Festivals geben. Das erste steigt am kommenden Samstag und steht bereits wie in den vergangenen drei Jahren unter dem Motto „Rock for amnesty“. Die Einnahmen werden an die zwei Ortsgruppen von Amnesty International in Regensburg, der „Gruppe 1100“ und dem Asyl-Arbeitskreis, aufgeteilt. Das Kommen dürfte sich aber nicht nur wegen des guten Zwecks lohnen. Für acht Euro Eintritt (Beginn: 20 Uhr) spielen am Samstag in der Mälze auf beiden Etagen sieben Bands. Im Underground heizen Settle Down (Punkrock), Riot In Cell Block 10 (HC/Metal) und als Keller-Headliner Null8sprachrohr (HipHop/Elektro/Thrash) aus Regensburg mit einer bunten Mischung von Hardcore bis Hip-Hop ordentlich ein. Im Club werden Sullen Silence (Indie/Pop), Orange-Code (Alternative/Funk), Manati (Polka/Swing) und als Headliner Lokomotive Blokschoij (Balkan/Klezmer) für Stimmung sorgen. Danach steigt die After-Show-Party mit dem Hi-Kevin-Soundsystem (HipHop/Dub-step/Breakbeats). Das zweite Heimspielfestival wird im Dezember statt finden. Auch der Erlös dieses Festivals wird gespendet, soll nach Angaben der Veranstalter dann aber Menschen in der unmittelbaren Region zu Gute kommen. Mittelbayerische Zeitung, 9.4.2010

 

Überraschungsei aus buntem Wortgefetz
DICHTKUNST Spannend, vielseitig und unterhaltsam: Der Poetry Super Slam beschert der Mälze ein volles Haus.

VON SUSANNE WIEDAMANN, MZ
REGENSBURG. Am Karsamstag einen Dichterwettstreit vor Publikum auszutragen, zeugt von Mut. Doch die Macher des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals „United Comedy 2010“ behalten recht. Der Saal in der Alten Mälzerei ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, rund ein Viertel der Zuschauer bezeugt mit hochgerecktem Arm, das erste Mal bei einem Slam zu sein. Spannung kommt auf. Auch an Dichtern herrscht kein Mangel: Neben sechs geladenen Gästen melden sich elf weitere Poeten an. Drei müssen vertröstet werden, denn mit 14 Auftretenden ist das Programm rappelvoll. Fünf Minuten bekommt jeder, um mit seinem Selbstgeschriebenen das Publikum zu betören, das den Sieger kürt.
Dreieinhalb Stunden dauert die Prozedur. DJ Rayl Patzak lässt zu Beginn die Scheiben kreisen und bringt das Publikum mit harten Rhythmen auf Kurs. Patzak und Ko Bylanzky führen als Slam Master durch den Abend, erklären Regeln, losen die Auftritte aus, sagen die Künstler an, fassen nach jeder Runde die Darbietungen kurz zusammen, damit das Publikum klatschend seine Wertung abgeben kann. Und sie haben das absolute Gehör, wer beim Publikum die Nummer Eins ist.
Creme de la Creme der Szene
Die Konkurrenz ist groß, nicht nur, weil mit den Gästen die Creme de la Creme der Szene aufgeboten ist: Renato Kaiser ist der erfolgsreichste Slam-Poet der Schweiz. Und die deutschen Slamer Pauline Füg aus Eichstätt, Julian Heun und PEH aus Berlin, Björn Dune aus Dublin/München und Ariane Hussy aus Passau sammeln Slam-Siege wie andere Leute Briefmarken.
Doch auch die angereisten Überraschungs-Slamer haben viel drauf. Nicole Huber amüsiert mit ihrer international affair „An Englishman in Regensburg“, bei der ein Engländer seine liebe Not mit dem Oberpfälzischen hat, während seine Liebste dem Englischen beim Sex entschieden mehr abgewinnen kann. Thomas Spitzer bezaubert das Publikum mit seinem satirischen Märchen einer hässlichen Prinzessin, die mit Backfett im Gesicht und schiefer Krone auf dem Kopf ihr Glück sucht – und nach Glasschuhen, wie sie Aschenputtel trug. Doch der Glasbläser, den sie um Glasschuhe bittet, „machte ein Gesicht, wie ein Pferdeflüsterer, wenn das Pferd zurückflüstert“ und kann nicht helfen.
Der Aasgeier ist platt
Die Lacher auf seiner Seite hat auch Benno Kreuzmaier, der sich schelmisch als „echte Alternative“ zu den jungen, auswendig vorsprechenden, lustigen Poeten anpreist. Doch für ihn selbst unerwartet landet er mit seinem Endlos-Gedicht „Der Parkfriedhof“ einen Treffer, in dem sich ein Geier nach dem anderen, seinen plattgefahrenen Artgenossen essend, überfahren lässt. Englisches ist unter den vorgestellten Werken , Absurdes aus Alliterastan, buntes Wortgefetz – und höchst artifizielle Texte, intelligent, mitreißend, emotional berührend. Der von der Krankheit des Dichtens befallene Renato Kaiser hadert mit seiner literarischen Qualität: Lehrer soll er werden, raten die Eltern. Doch: „Was immer ich schreibe, ist vielleicht nicht so klug. Um nicht Lehrer zu werden, ist`s allemal genug“, rettet sich Kaiser.
Julian Heun besticht sprachlich und von seiner ausgefeilten Performance her mit seiner Zementa Meier, die ein mathetriefendes Banakldiktat schaffen muss. Mit hoher Slamerkunst schafft er es ins Finale. Finalistin der zweiten Runde ist Ariane Hussy, die für den erkrankten „Der Koschuh“ eingesprungen ist, und die eine wilde, witzige Speed-Dating-Story einer Sammlerin von Vaginalzäpfchen rauschhaft und rasant über dem Publikum abfahren lässt. Auch im Finale treibt sie skurrile Blüten. Doch der Sieger des Abends ist Julian Heun, der mit seiner Darstellung eines ungeschickt die Liebe Suchenden den meisten Applaus erhält. Ein gewitztes sprachliches Meisterwerk – und ein klasse Ausklang eines spannenden Abends. Mittelbayerische Zeitung, 6.4.2010

 

Publikum als Gewinner
Mit bitterbösem Polit-Kabarett erspielte sich der Münchner Max Uthoff am Samstag den Thurn und Taxis Kabarettpreis 2010.

Von Luise Frank
Regensburg. Es war tatsächlich eine „Nacht der Sieger“, wie der Höhepunkt des Kleinkunstfestivals 2010 offiziell heißt. Sieger waren die fünf aus 25 Bewerbern ausgewählten Finalisten, weil sie die Chance hatten, sich auf der Bühne zu präsentieren. Moderiert wurde der Abend von Jörg Schur vom Fastfood Theater. Der große Sieger des Abends war aber das Publikum, das die ganze Kabarett-Bandbreite in hoher Qualität erlebte – und sich prächtig amüsierte!
Der Münchner Max Uthoff ging mutig in die Vollen – und wurde belohnt! Sein Politkabarett auf bestem „Scheibenwischer“-Niveau brachte ihm den Publikumspreis und den ersten Preis der Jury ein. Uthoff nahm die Politik gehörig aufs Korn, zum Beispiel den stets perfekt frisierten Verteidigungsminister zu Guttenberg: „17 Uhr, Kabul – die Frisur hält!“
Auch über Regensburg hatte er sich informiert und bedauerte die arme Stadt: „Von Müller gesegnet, von Schaidinger regiert“. Da helfe nur noch, sich auf die erfolgreichsten deutschen Tugenden zu besinnen: „jammern, verreisen, die Nachbarn verklagen“.
In die Abgründe des Allgäuer Landlebens (samt Balzverhalten und Ernährungsgewohnheiten) blicken ließ der Zweitplazierte Maxi Schafroth. Begleitet von seinem Gitarristen Markus Schalk, überzeugte er auch musikalisch.
Den dritten Platz teilten sich die weiteren Finalisten: der Liedermacher El Mago Masin, der den neuen Dildo von Tupperware besang oder seine traumatischen Erlebnisse mit einer Kirschkernkissen bastelnden Freundin. Marco Vogl aus Landshut, der hinter die Kulissen von Gemeinderäten und Rathausverwaltungen blickte, und Stefan Eichner („Das Eich“), bei dem die Stars der Volksmusikszene ordentlich ihr Fett wegbekamen.
Max Uthoff und Maxi Schafroth werden mit ihren ganzen Programmen demnächst in der Alten Mälzerei zu sehen sein. Regensburger Rundschau, 31.3.2010

 

Qualität setzt sich durch

Von Luise Frank, (0941) 207-321, kultur@rundschau-mail.de
Ein bisschen überrascht hat es mich schon: Nicht die launige Comedy überzeugte beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival das Publikum, sondern messerscharf sezierendes, intelligentes Polit-Kabarett. Ist jetzt das intelligente Kabarett wieder groß im Kommen? Ein Blick in die Comedy-Formate der Privatsender, und man ist vom Gegenteil überzeugt. Eher ist die Entscheidung beim Kabarettpreis ein Beweis, dass in Regensburg Kenner im Publikum sitzen, die Qualität zu schätzen wissen. Regenmsburger Rundschau, 31.3.2010

 


Beim 15. United Comedy setzte sich ein Polit-Kabarettist mit Zukunft durch

Soviel vorneweg: Beim 15. Kabarett-Preis von Thurn und Taxis, United Comedy in der Alten Mälzerei, fiel die Wahl des Siegers so schwer wie nie. Fünf hervorragende Kabarettisten standen am Samstagabend auf der Bühne, das Spektrum war immens. Sowohl Publikum als auch die Jury (vertreten waren neben dem Wochenblatt auch die Rundschau und die Mittelbayerische Zeitung sowie Gerhard Semmler von der Brauerei Thurn und Taxis und Hans Krottenthaler vom Kulturzentrum Alte Mälzerei) rangen um ein Ergebnis. Doch am Ende war es eindeutig: Max Uthoff, studierter und praktizierender Jurist, setzte sich gegen Maxi Schafroth, El Mago Masin, Marco Vogl und Stefan Eichner („Das Eich“) durch.
Dabei bildeten die fünf Kabarettisten jeden Bereich der Comedy ab, den man sich vorstellen kann. Maxi Schafroth etwa nahm die zahlreichen Zuhörer mit auf eine Reise, die direkt in die Untiefen des Allgäuer Alltags führte. Mit hochgezogener Cordhose und Tirolerhut brachte Schafroth das Publikum zum Brüllen.
Doch sowohl die Jury als auch das Publikum votierten klar für Uthoff. Und der hatte es eigentlich nicht eben leicht – denn politisches Kabarett, ohne musikalische Begleitung und Show-Einlagen ist nicht nur die anspruchsvollste Form der Unterhaltung, sie ist auch sicherlich die schwerste.
Doch Uthoff legte eine unglaubliche Qualität politischen Kabaretts an den Tag. Der Jurist riss mit bissigsten Texten das Publikum mit, schockierte es zunächst mit heftiger Kritik an Politikern, Kirche und Gesellschaft. Ein kleiner Ausschnitt: „Eigentlich haben wir ja ein Kabinett aus sozialen Randgruppen. Ein philippinischer Vollwaise als Gesundheitsminister, ein debiler Senior als Wirtschaftsminister, einen schwulen Außenminister und eine geschiedene Protestantin aus der Uckermark als Kanzlerin. Fehlt eigentlich nur noch eine Prostituierte als Frauenministerin“, ätzte Uthoff.
Doch was seinen Auftritt vor allem auszeichnete war, dass er zu aktuellen regionalen Ereignissen Stellung bezog – und rasierklingenscharf parlierte. In Sachen Bayern LB etwa: „Hans Schaidinger klebt nicht an seinem Stuhl, nein, Schaidinger ist der Stuhl“ – die Alte Mälze tobte. Oder über den Regensburger Bischof: „Wenn das Opfer erst beim Kreuztod beginnt, ist es kein Wunder, dass die Latte so hoch liegt und er sich selbst als Opfer sieht“. Da werde die Weidenrute schnell zum Opferstock …
Ein toller Abend jedenfalls in der Alten Mälzerei, ein wunderbares Programm. Nur soviel: Auch Maxi Schafroth, Marco Vogl, El Mago Masin und Stefan Eichner waren absolut preiswürdig! Regensburger Wochenblatt, Christian Eckl, 31.3.2010

 

 

Kräftig eingeschenkt
Max Uthoff gewinnt den „Thurn und Taxis Kabarettpreis“.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Das Publikum und die Experten-Jury waren sich einig: Nachdem die fünf kabarettistischen Kombattanten einen jeweils zwanzigminütigen Einblick in ihr Können (und die Dialekt-Vielfalt des Freistaats) gegeben und sich die sechsköpfige Jury, darunter MZ-Kulturredakteurin Susanne Wiedamann, ins stille Kämmerlein zurückgezogen hatten, verkündete Moderator Jörg Schur die Entscheidung. Max Uthoff aus München hatte nicht nur den Publikumspreis, sondern auch den mit 1000 Euro dotierten „Thurn und Taxis Kabarettpreis 2010“ gewonnen.
Ganz wunderbar unkorrekt
Knochentrocken und bitterböse schenkte Uthoff im smart-biederen Business-Outfit Volksvertretern und Würdenträgern kräftig ein. Provokant sezierte er den bedenklichen Zustand der „bayerischen Einheitspartei“ CSU, besetzte deren Prominenz in Neuverfilmungen großer Kinohits (Seehofer in „Liebesgrüße aus Ingolstadt“) und spottete über die durchschaubaren Anbiederungstaktiken zu Guttenbergs auf AC/DC-Konzerten.
Wunderbar politisch unkorrekt sah er in Merkels Kabinett „eine von der Caritas aus sozialen Randgruppen zusammengestellte Reisegruppe“. Lokalpolitisch auf der Höhe der Zeit erkannte Uthoff in Bischof Müllers „geistigem Reichtum“ und OB Schaidingers Tätigkeit als Aufsichtsrat der verschuldeten BayernLB ein natürliches Gleichgewicht – „Yin und Yang“. Als schwäbelnder Unternehmer des waffenproduzierenden Gewerbes drängte er Gummibärchen-kauend einem Mitreisenden in der Bahn ein Gespräch über Rüstung und Moral auf. Uthoffs Programm „Sie befinden sich hier!“ wird demnächst in der Alten Mälzerei zu sehen sein.
Trauma Kirschkernkissen
Der zweitplatzierte Landwirtssohn Maxi Schafroth aus Ottobrunn kontrastierte sehr lebendig das Allgäuer Landleben mit seinen Erfahrungen, die er während einer Ausbildung zum Bankkaufmann in München sammeln konnte. Hier der wortkarge, mürrische Allgäuer, der sich auf der Landstraße ein Traktorduell mit dem Nachbarn liefert, dort der selbstverliebte, dauergrienende Banker, der sich nur noch in Business-Denglisch artikulieren kann. Die Breitkordhose bis unter die Achseln gezogen („1/3 Oberkörper, 2/3 Haxn“), den Rücken gekrümmt, vermochte es der mimenreiche Schafroth, die „Faszination Allgäu“, so der Titel seines ersten Programms, anschaulich zu vermitteln.
Den dritten Preis teilten sich El Mago Masin aus Nürnberg, der Kulmbacher Stefan Eich und Marco Vogl aus Altdorf bei Landshut. El Mago Masin verpackte Gitarre spielend seine geballte Lebenserfahrung in flotte Songs, den Refrain funktionierte er zur Pointe um. Traumatisierende Erlebnisse mit Kirschkernkopfkissen bastelnden Ex-Freundinnen thematisiert der Franke ebenso wie luststeigernde Tupperware-Parties. Ob der eingebaute „Synapsenbeschleuniger“ eine gegenteilige Wirkung zeitigt und einen angefangenen Satz auch einmal im Nichts enden lässt, konnte nicht abschließend geklärt werden.
Stefan Eich echauffierte sich wild gestikulierend über die Unzulänglichkeiten der deutschen Fernsehlandschaft: „Andy Borg im Schlumpfkostüm – ja, geht's noch?“, Volksmusik als Körperverletzung. Nach Zauberstückchen, etwas hastig und zusammenhangslos dargeboten, konfrontierte „Das Eich“ das Publikum mit bohrenden Fragen wie: „Was machen Sommersprossen eigentlich im Winter?“
Die Reinheit deutscher Abgase
Anglizismen in der deutschen Sprache zu beklagen, ist derzeit en vogue im deutschen Kabarett. Das scheint auch der „Dorfbewohner mit Stadterfahrung“ Marco Vogl erkannt zu haben. Deutsche Autos hält er für so rein, dass man ihre Abgase inhalieren kann, Umweltzonen für eine Schnapsidee. Der „Hämorrhoidensalbe in der Apotheke“-Witz hat allerdings schon einen langen Bart. Alles in allem war der Kabarettwettbewerb ein ausgesprochen kurzweiliger Abend, denn: in der Kürze liegt die Würze. Mittelbayerische Zeitung, 29.3.2010

 

 

Durch den wilden Blätterwald
Das Schweizer Duo „Ohne Rolf“ hat eine pfiffige Idee: Kabarett, ohne zu sprechen.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Ein Kabarett ohne Worte. Ohne gesprochene Worte, um genau zu sein. Denn das Luzerner Duo „Ohne Rolf“ kommuniziert untereinander und mit dem Publikum über große weiße Papierbögen, auf denen Sätze, Wörter oder Zeichen stehen. Das können sogar Gedanken sein, die sind dann in Klammern gesetzt. Außerdem können Wörter auch noch groß oder klein, fett oder blass, falsch oder richtig geschrieben werden. Oder auf Deutsch mit französischem Akzent. So zum Beispiel, wenn Jonas Anderhub den Chef de Cuisine mimt und sein Kompagnon Christof Wolfisberg ihm die Zutaten reicht. Das Publikum in der Alten Mälzerei staunt nicht schlecht, als aus dem kleinen Topf tatsächlich Rauch aufsteigt. Immer wieder greifen die beiden tief in die Trickkiste – kein Wunder, Christof ist auch gelernter Zauberer. Als ein fehlendes i-Tüpfelchen plötzlich wieder auftaucht, fallen die Besucher in ein anerkennendes „Uhhhh“ ein. Sprachlos ein Lied zum Besten geben? Auch dies kein Problem für die schwarz gewandeten Herren. Als Jonas von seinem Leiterchen hinabsteigt und sich für ein Nickerchen hinlegt, lässt Christof dem Kärtchen „Bruder Jakob“ eines mit „Hörst Du nicht die Glocken?“ folgen – und schon hat man die bekannte Kindermelodie im Kopf.
Überhaupt nicht vertraut hört sich dagegen der kasachisch klingende Rap nach der Pause an. Begleitet wird er von einem Mini-Megaphon, das verzerrtes Kuhmuhen entlässt und absurden Aktionen – die Leitern werden kurzerhand in Hirschgeweihe umfunktioniert. Aber eigentlich sind die zwei „Blattländer“ gekommen, um von uns „Stimmberechtigten“ das Sprechen zu lernen. Wenn da nicht diese beiden kleinen bösartigen Kassettenrecorder wären, die in den Händen der Zuschauer über deren Köpfe hinweg miteinander kommunizieren. Sie haben nur ein Ziel: Sie wollen die Renegaten wieder einfangen. Nachdem die Probleme mit den japanischen Schriftzeichen der Gebrauchsanweisung gelöst sind, können die Kassettenrecorder-Häscher aber glücklicherweise abgestellt werden. Nun haben „Ohne Rolf“ endlich die Chance, sich von einem Zuschauer das Geheimnis des Sprechens offenbaren zu lassen. Heinz Jenni, so nennen sie ihren Auserwählten, lernt schnell auf einer Leiter zwischen den „Blattländern“ stehend die „Umblätter-Sprache“. Sogar einen gelungenen Witz hat er auf dem Papierlager: „Welches Tier dreht sich nach seinem Tod noch 120 mal um die eigene Achse? – Das Hähnchen“. Als Zugabe fangen „Ohne Rolf“ mit einem rotsamtenen Schmetterlingsfänger noch ein paar Gedanken der „Stimmberechtigten“ ein und veröffentlichen sie auf ihrer Blättertafel. Dabei ist die Frage „Gibt es von ‚Ohne Rolf‘ auch eine CD?“ wohl die hintersinnigste Grübelei. Mittelbayerische Zeitung, 20./21.3.2010

 

 

Senkrechtstarterin
Kleinkunstfestival. Die Österreicherin Nadja Maleh versetzt die Alte Mälzerei in den Ausnahmezustand.

VON FLORA JÄDICKE, MZ
REGENSBURG. So hat man die Alte Mälzerei selten erlebt. Männer pfeifen den Frauen in der ersten Reihe vor ihnen fast das Trommelfell weg und die Frauen können sich auch kaum halten vor Begeisterung. Denn um sie dreht sich fast alles in dieser Show. Der Grund für dieses Publikum außer Rand und Band war Nadja Maleh, die Senkrechtstarterin der österreichischen Kabarettszene. Und an dieser Frau ist nichts zu Unrecht hochgejubelt. Sie ist ein absoluter "Topact", eine Ausnahmeerscheinung und Schauspielerin. Und zwar eine, die bei ihrem Programm "Flugangsthasen" in circa zwölf verschiedene Rollen schlüpft. Wenn es sein muss, auch im Sekundentakt.
Sie bietet eine Show der Extraklasse. Einziges Requisit ist eine Packung Dinkelbrezen vom Ökohersteller für den geduldigen (männlichen) Zuschauer, den sie während ihres zwei Stunden-Programms immer mal gerne nervt. Sei es mit kleinen Bosheiten, einfach weil er ein Mann ist, oder mit den Beschuldigungen der indischen Karma-Expertin Mandalah, die ihn unverhohlen für die schlechte Energie im Raum verantwortlich macht. "Spüren Sie das? Das schlechte Karma? Das kommt aus dieser Richtung?" Denn Malehs Flugangsthasen haben eigentlich wenig mit dem Fliegen an sich zu tun. Vielmehr spielt sich da hoch oben über den Wolken ein wahres Panoptikum an bizarren Gestalten ab: Eine Revue gescheiterter Künstler, denn "Maleh Airlines" will die Themen Arbeitslosigkeit und Künstler zusammenbringen.
Für den Zuschauer wird das zu einer sensationellen Zerreißprobe zwischen "Aua" und "Aua - ist die gut". Da ist zum Beispiel die muntere Ex-DDR-Tussi Ramona, die sie schräg in selten gehörten Frequenzen singt, dass man sie am liebsten über Bord werfen würde. Und die fast schon genial gespielte Frau Professor Huber, die mit dem verwirrten Charme eines Hans Moser wissenschaftlich ergründet, ob die Emanzipation der Frau umsonst war.
"Machen Männer heute die Hälfte der Hausarbeit und wenn ja, wer macht die andere Hälfte?" Ein bisschen Kalauern ist erlaubt, bevor sie dann tatsächlich über Bord geht. Denn die aalglatte Stewardess muss ihr Programm durchziehen und Frau Professor Huber war gerade erst am Beginn ihres köstlichen Weltentwurfs.
Was Nadja Maleh zu einer der frischesten und herausragendsten Nachwuchskomödiantinnen macht, ist ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Sie spricht die wildesten Verhaspler so exakt und schnell, dass ihre Zuhörer nur staunen. Genauso schnell wechselt sie auch die Rollen und trifft dennoch jeden Charakter auf den Punkt genau: Zum Beispiel den amerikanischen Teenager, der zur "American Teen-Princess" gewählt wurde und erzählt, warum sie keinen Sex vor der Ehe hat.
Ganz nebenbei: Mit Nadja Maleh steht soviel Frau auf einer Kleinkunstbühne wie selten. Sinnlich, attraktiv und intelligent glänzt sie mit einer prickelnden Bühnenpräsenz. Und so ist es kein Wunder, dass die Stimmung den ganzen Abend kocht. Daran ändert auch ihre höchst eigenwillige "Männer"-Darbietung für Taubstumme nichts, bei der sie sich mit jedem "Männer", das Grönemeyer über die Lippen kommt, in den Schritt fasst.
"Flugangsthasen" ist ein grandioser Höhenflug der Comedy durch die Nationen. Die "rassige Italienerin" fliegt ebenso mit wie Leila, die Hobby-Terroristin. Nadja Maleh entlarvt die typischen Rollenbilder und Klischees in einem unglaublichen Ritt über die Lachmuskeln. Die Tochter eines Syrers und einer Tirolerin wurde schon mit vielen Preisen ausgezeichnet. Von den intelligenten Texten bis zur Bühnenshow ein echtes Erlebnis, das keiner verpassen sollte. Mittelbayerische Zeitung, 16.3.2010

 

 

Rosinen-Picker
Horst Evers begeistert mit seinem Programm „Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen“.

REGENSBURG. VON FLORA JÄDICKE, MZ
Da steht er nun. Rotes Kordhemd, schwarze Jeans. So kennt man Horst Evers. Begleitet von Schreibtisch, Mikrophon und von seiner unnachahmlich scheinbar naiven Sicht auf die Welt. Die Knie zusammengezogen wie ein artiges Mädchen, blickt er ein wenig schüchtern drein. Keine Spur von der Hinterlist, die uns gleich in die Abgründe des menschlichen Seins führen wird.
Mit kindlichem Blick findet Horst Evers seine luftig-leichten Anekdoten und Geschichten. Und zwar genau die, die einem direkt vor Füßen liegen, mitten unter dem Gestrüpp des Alltags. Dabei erweist er sich als echter Rosinen-Picker und Meister des Kopfkinos. Wer sonst würde in einem Drucker, der nicht druckt, statt eines nervtötenden Elektrogeräts eine Diva sehen. „Nichts is! Hab ich doch gesagt.“ Er könne ja das druckerinterne Programm starten, empfiehlt die mal wieder verschnupfte Drucker-Diva. Warum sie nicht druckt? „Weiß ich auch nicht. Vielleicht drucke ich ja heute Nacht. Alles auf einmal und gleich viermal. Ich werf's dann wieder dahin, wohin sonst auch.“ Während Evers seine manikürten Nägel prüft und mit Schmollmund das Seelenleben des Druckers darlegt, steigen dem Publikum Lachtränen in die Augen.
Alltagsecht und kalauerfrei
Eigentlich ist er kein Kabarettist im üblichen Sinne. Sondern ein Geschichtenerzähler, irgendwo angesiedelt zwischen Kabarett und Comedy, 100 Prozent alltagsecht und kalauerfrei. Das macht die Komik dieses königlichen Fabulanten, der eigentlich Gerd Winter heißt, aus. Dabei liegt die Übertreibung nicht einmal in den Worten, sondern ganz allein in der bestechenden Logik seiner Szenen und der penibel genauen Beschreibung dessen, was uns Tag für Tag umgibt. Manchmal hat er umwerfende Ideen: Zum Beispiel wie man heute für morgen das Brot von gestern kauft und nur den halben Preis zahlt. Was ihm sein Publikum mit tosendem Applaus dankt. Am Ende ist die Bäckereiverkäuferin nahe am Nervenzusammenbruch.
In Evers' Programm „Schwitzen ist wenn Muskeln weinen“ geht es aber auch um Sport: „Nur fehlt mir für den immer die Zeit“, sagt er zu Beginn. Und so leuchtet der Titel des Programms auch erst mit dem Schlusssatz wirklich ein. Da erinnert er sich an den Geruch seiner Kindheit, als der ganze Raum nach Seniorengymnastik roch“, just in dem Moment, da die junge Ärztin ihn wegen der Gelenke ermahnt. „Nur diesmal war dieser Geruch von Seniorengymnastik ich. Und da dachte ich „Schwitzen ist wenn Muskeln weinen“.
Die Psyche des Toasters
Wenn der Niedersachse erzählt, dann ist sein Tonfall Stilmittel. Mal unaufgeregt, mal gedehnt oder im Telegrammstil erzählt er seine Geschichten. Und manchmal fuchtelt er dazu mit den Armen, wenn er die Welt erklärt, damit auch der Letzte versteht wie alles miteinander verwoben, leicht ineinandergleitend und aufeinander aufbauend in dieser Welt funktioniert.
Manchmal liest er von einem Stapel bedruckter Papiere, die er unentwegt sortiert und ordnet. Da entdeckt er, wie es um Psyche und Rollenverteilung von Toaster und Waschmaschine bestellt ist: Ersteres Gerät hatte kein Selbstbewusstsein und „toasten war irgendwie nicht sein Ding“. Dagegen sei die Waschmaschine klar zur Führungsposition geboren: „Da zittern alle anderen Geräte und wenden sich ihr langsam zu.“ Behutsam kleidet er seine Protagonisten in eine liebenswert skurrile Komik, ob sie nun Verschwörungstheoretiker sind oder nur das ewig gestohlene oder doch vergessene Fahrrad. Mittelbayerische Zeitung, 16.3.2010

 

 

Voltaire im Chefsessel am Steinway-Flügel
Hagen Rether im Antoniussaal: Dreieinhalb Stunden intellektuelles Vergnügen

Regensburg. Von Florian Sendtner, MZ
Soll in einem Klassenzimmer ein Kreuz an der Wand hängen? Über dieser Frage wäre in Bayern 1995 beinah der Bürgerkrieg ausgebrochen. Dabei lautet die viel interessantere Frage: Darf in einem katholischen Pfarrsaal mit einem Trumm Kruzifix an der Wand ein Kabarettist auftreten, der ebenso genüsslich wie ausführlich die Kirche schmäht? Doch es hat schon recht gut gepasst, dass Hagen Rether am Samstag ausgerechnet im Antoniussaal aufgetreten ist. Immerhin war der klavierspielende Kabarettist aus Essen, der schon so ziemlich alle Kleinkunstpreise eingesammelt hat, die es gibt, vermutlich der erste seit Jahren in diesem Saal, der dem Kreuz an der Wand überhaupt Beachtung geschenkt hat: „Da hängt er!“
Was der gerade 40 gewordene, schlanke, hochgewachsene Mann mit dem Pferdeschwanz zum Thema Kirche vom Stapel lässt, ist nicht der gegenwärtigen Flut von Missbrauchs-Aufdeckungen geschuldet. Den Pädophilieskandal der katholischen Kirche tippt Rether nur an und macht sofort kurzen Prozess: „Warum macht man den Laden nicht einfach dicht: Wegen Menschenverachtung geschlossen?“ Rauschender Beifall im Pfarrsaal. Ansonsten ist Rether bei dem Thema beileibe kein Trittbrettfahrer. Er hat die Religion im allgemeinen und den Katholizismus im besonderen schon immer im Visier; die Nummer „Bin Beten“ auf seiner aktuellen CD „Liebe zwei“ ist mit Abstand die längste. Vom Papst lässt Rether nicht viel übrig: „Ratzinger hat jetzt die Vorhölle abgeschafft. In der Psychiatrie sitzen Leute für weniger.“ Übertrieben, so heftig auf den armen Papst einzuprügeln? Ach wo: „Die hatten 2000 Jahre Zeit, was Vernünftiges draus zu machen, da wird ja wohl Zeit sein für 20 Minuten Gegendarstellung.“
Aber sollten unter den 650 lachenden Seelen im Saal welche sein, die vom Papst abgefallen sind und sich stattdessen dem Dalai Lama ergeben haben – auch dem wird umgehend heimgeleuchtet, diesem „Peter Lustig für enttäuschte Christen“, diesem „Automaten für Binsenweisheiten“, diesem „77-jährigen Wackeldackel, der ständig grundlos kichert.“ Nein, Wellnesskabarett ist nicht Hagen Rethers Sache.
„Das ist nicht lustig!“ unterbricht er das gackernde Publikum, und oft genug erstirbt das Lachen auch ohne seinen Einspruch. Mehr als einmal ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören würde. Aber im nächsten Moment macht er dann selber wieder einen Witz über die Paranoia des Politikbetriebs, greift endlich, endlich in die Tasten des von ihm bis dahin nur in einem Anfall von Putzwahn blank polierten Steinway-Flügels, legt eine wunderbare Grönemeyer-Parodie hin, die das hirnerweichende „Mensch“-Gebrabbel akkurat auf den Punkt bringt und in einer Travestie von Grönemeyers „Männer“-Song endet: „Frauen sind Schlampe und Fee, pinkeln kein Muster in den Schnee.“ Man könnt meinen, Voltaire persönlich sitzt am Piano. Die ruhige Überlegenheit der Aufklärung im Chefsessel. Über dreieinhalb Stunden dauert Rethers Sinnieren und Räsonieren, sein Singen und Spielen und Moralisieren und Predigen. Und Hingabe und Andacht des Publikums sind ihm von der ersten bis zur letzten Sekunde sicher. Mittelbayerische Zeitung, 8.3.2010

 

 

Sound – ganz groß geschrieben
Sonische Reise mit den „Sofa Surfers“ aus Wien.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Sie erklimmen die Bühne, drehen ihre Verstärker auf, fahren die Laptops hoch und fangen – bescheiden wie sie sind – einfach an, zu spielen. Dass sie die „Sofa Surfers“ sind, erwähnt der Mann an der Elektronik irgendwann nach dem dritten oder vierten Stück ganz nebenbei. Das gemütliche Sofa haben die sechs Enddreißiger allerdings mit ihrem vorletzten Album „Sofa Surfers“ (2005) hinter sich gelassen. Auch in den Stücken des neuen Albums „Blindside“ rocken sie wieder kräftig drauf los, ohne dabei ihren charakteristischen „Sofa Surfers“-Sound zu verleugnen.
Live sind sie ein echtes Erlebnis. Es geht ihnen um „Sound“, groß geschrieben und fett gedruckt. Die Einzelbestandteile ergeben ein Ganzes, greifen ineinander, als Zuhörer fühlt man sich von der Musik komplett umgeben und weggetragen. Im Vordergrund stehen Bass und Drums. Schlagzeuger Michael Holzgrubers virtuos gespielte Breakbeats nehmen den geneigten Hörer auf eine sonische Reise mit, die vielleicht in einem New Yorker Jazzclub der Sechziger Jahre enden könnte. Wolfgang Schlögl legt dazu einen vibrierenden, knietiefen elektronischen Klangteppich aus, der perfekt zu Timo Novotnys auf den Bühnenhintergrund projizierten Filmen passt.
Kino für den Kopf
Verwischte abstrakte Bilder zeigen diese Filme, die nicht allzu viel verraten, außer vielleicht, dass man in ständiger Bewegung ist. Nicht zufällig hat Regisseur Wolfgang Murnberger die „Sofa Surfers“ seine Wolf-Haas-Verfilmungen „vertonen“ lassen. Auch bei ihrem Live-Auftritt in der Alten Mälzerei erzeugen sie eine kinematographische Atmosphäre. Und der Film, den sie zeigen, spielt in einer tristen, menschenfeindlichen winterlichen Großstadt, nachts. Ein diffus bedrohliches Gefühl macht sich breit. Kino für den Kopf, mitten in einer (Sound-)Kathedrale. Die latente Aggressivität einer urbanen Betonwüste bringen die „Sofa Surfers“ immer wieder durch punkig-rockige Explosionen zum Ausdruck. Punk als Aufschrei gegen als unhaltbar empfundene Verhältnisse. Musik, ohne Text, als politisches Statement. Gitarrist Wolfgang Frisch und Bassist Markus Kienzl nehmen in den härteren Passagen eine nach vorn drängende Körperhaltung ein – jetzt bitte anschnallen, auf der Stadtautobahn gibt's kein Tempolimit.
Eine Live-Band
Emmanuel Obeya, in Nigeria geborener und in England aufgewachsener Sänger, kontrastiert und ergänzt den düsteren Bandsound. Seine Soulstimme verleiht den Stücken wieder etwas mehr „Menschlichkeit“. Soul-Rock, wenn man so will. „Sofa Surfers“ sind eine Band, die man live erleben muss. Ein Tonträger kann die überwältigende Energie ihrer Auftritte nur bedingt wiedergeben. Schon jetzt eines der besten Konzerte des Jahres! Mittelbayerische Zeitung, 26.2.2010

 

 

Weg von der Elektronik, zurück zu den Wurzeln als Band
In den späten 90ern waren sie Aushängeschild der Wiener Trip-Hop-Szene. Jetzt sind sie eine veritable Rockband. Morgen spielen die Sofa Surfers in der Mälze.

Wien/Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Für die Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis steuerten die Sofa Surfers die Soundtracks bei. Mit ihrem Ende März erscheinenden Album „Blindside“ gastieren sie am Mittwoch in der Mälze. Die MZ sprach mit Sofa Surfer Markus Kienzl (36).
Ihr habt vergangenes Wochenende in Istanbul gespielt. War dort zum ersten Mal Euer neues Programm zu hören?
Nein, wir haben nach und nach die neuen Stücke in unser Repertoire eingebaut. In Istanbul haben wir ein Set gespielt, wie es auch in Regensburg zu hören sein wird.
Hat sich an Eurer Live-Präsentation im Laufe der Jahre etwas verändert?
Wir haben uns definitiv weiterentwickelt. Vor der Veröffentlichung des Albums „Sofa Surfers“ 2005 hat jeder für sich am Computer gearbeitet. Jetzt sind wir wieder mehr als klassische Band unterwegs, machen gemeinsam Musik, entwickeln die Songs gemeinsam beim Jammen im Studio, sind also weniger abhängig von der Elektronik. Im Prinzip war's auch eine Art Zurückkommen: In den Anfangstagen der Band, bevor wir die Elektronik entdeckten, haben wir auch klassisch als Band zusammengespielt.
Mit dem Album „Sofa Surfers“ hat die Band einen Schritt weg vom typischen Sofa-Surfers-Sound gemacht, hin zum Rock.
Das hat sich aus der Neuorientierung in Sachen Live-Präsentation ergeben, wobei rockige Ansätze schon vorher in unserer Musik zu erkennen waren. Einige Hörer waren sicherlich irritiert. Aber das Live-Programm fand ein gutes Echo und wir konnten auch neue Hörer dazugewinnen. Aber eigentlich sind wir auch mit den rockigen Stücken unseren Grundintentionen treu geblieben. Wir wollten 2005 neu durchstarten.
Die Sofa Surfers haben die Soundtracks zu Wolfgang Murnbergers' Verfilmungen der Wolf Haas-Krimis komponiert („Komm, süßer Tod“, „Silentium“, „Knochenmann“). Wie seid Ihr dazu gekommen? Und wie war die Zusammenarbeit mit Murnberger, Autor Wolf Haas und Schauspieler Josef Hader?
Zum einen hatten wir zuvor schon selbst Musikvideos gedreht und auch Filmmusiken geschrieben. Zum anderen wollte es der Zufall, dass Murnbergers Stiefsohn damals viel Sofa-Surfers-Musik gehört hat und seinem Stiefvater vorschlug, uns zu engagieren. Das Angebot haben wir natürlich dankend angenommen.
Bei der Produktion seiner Filme sind wir bereits in einer frühen Phase involviert. Wir bekommen das Drehbuch zu lesen und versuchen, für unseren Soundtrack Stimmungen, Farben und die Geschwindigkeit des Films einzufangen. Mit Haas und Hader haben wir an sich nicht so viel zu tun. Ist das Drehbuch geschrieben, ist Haas' Arbeit getan. Und Hader gibt während der Produktion ab und zu seinen Senf ab. Insgesamt ein sehr angenehmes Team.
Ihr komponiert die Musik auch für die nächste Haas-Verfilmung „Das ewige Leben“, der 2011 in die Kinos kommen soll. Sitzt Ihr schon dran?
Haas und Hader haben zurzeit viel zu tun, sind ständig auf Tournee. Das Drehbuch muss also erst noch geschrieben werden. Wir werden uns erst nächstes Jahr ans Produzieren machen. Wir arbeiten zu dritt am Soundtrack: Wolfgang Frisch, Wolfgang Schlögl und ich. Unser Schlagzeuger Michael Holzgruber ist dann für das Webdesign zuständig.
Euer letztes Album erschien vor fünf Jahren? Was habt Ihr in der Zwischenzeit gemacht?
Nach dem letzten Album haben wir erstmal viele Konzerte gegeben. Danach haben wir an Soloprojekten und Filmmusik gearbeitet. Die Stücke des neuen Album „Blindside“ haben wir immer wieder neu aufgenommen, da wir mit den Zwischenresultaten nicht ganz zufrieden waren. Da unser bisheriges Label „Klein Records“ wegen der Download-Problematik nicht mehr viel verkauft und seine Aktivitäten eingeschränkt hat, waren wir gezwungen, uns um das ganze wirtschaftliche Set-Up zu kümmern: Label, Distribution und so was.
Ihr entwerft in Euren Texten ein ziemlich pessimistisches Gesellschaftsbild.
Wir waren ja noch nie die großen Optimisten. Aber für die Texte auf „Blindside“ war ausschließlich unser Sänger Mani Obeya zuständig, der einen sehr lyrischen Zugang hat. Er war bei unseren Sessions mit im Studio und hat die Stimmung eingefangen, Lyrics und Musik haben sich also gegenseitig beeinflusst. Inhaltlich geht es, grob gesagt, um fragile zwischenmenschliche Beziehungen und politische Themen. So wie im letzten Song der CD, „Safe Zone“: Regierungen sind mal rechts, mal links, für die Bevölkerung bleibt alles beim Alten.
Euer Auftritt im Jahre 2002 ist in der Alten Mälzerei zum Konzert des Jahres gewählt worden. Kannst Du Dich an den damaligen Auftritt noch erinnern?
Oh ja, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Wir waren mit dem New Yorker Rapper Oddatee unterwegs. Wir hatten zunächst technische Probleme mit unseren Projektionen. Nach dem Konzert haben wir richtig viel Merchandising verkauft. Ja, ich erinnere mich und freue mich auf den Auftritt in Regensburg. Mittelbayerische Zeitung, 23.2.2010

 

Absurdes von Evers bis Rether
Das Thurn- und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy 2010 präsentiert Newcomer und Stars der komödiantischen Kunst.

REGENSBURG. VON FLORA JÄDICKE, MZ
Eine handverlesene Auswahl von Kabarettisten, Komödianten und „Theater-Sportlern“ wird zum Thurn und Taxis Kleinkunstfestival (6.März bis 9.April) erwartet. Auch der Bayerische Rundfunk ist vor Ort, wie Organisator Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei ankündigt. Gesendet wird unter anderem die Verleihung des Kabarettpreises 2010, der dieses Jahr unter fünf Finalisten aus Oberfranken, Niederbayern, Schwaben und Oberbayern vergeben wird. Der Preis wird zum achten Mal ausgelobt.
Sprung auf die Bühne inklusive
An die 100 Kabarettehrungen gebe es inzwischen, sagt Programmchef Krottenthaler. Aber der Thurn und Taxis Kabarettpreis zähle zu den wenigen, bei denen der Sprung auf die größeren Bühnen inklusive ist. Lizzy Aumeier, Martina Schwarzmann oder Nepo Fitz können das bestätigen. Neben der Jury entscheidet auch das Publikum in der „Nacht der Sieger“ am 27. März mit. Ebenso gespannt darf man auf den Rest des Programm des 15. Festivals sein. „Wir sind international und offen für alle Formen“, sagt Krottenthaler. „Kabarett, Comedy, Slapstick oder Theatersport, alles ist dabei. Und wir fördern gezielt unbekannten Nachwuchs.“ Mit von der Partie sind Neuentdeckungen und Stars aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Flugangsthasen unterwegs
Hagen Rether (6.März) startet mit Musik- und Politkabarett. Er zieht zu Felde gegen Heuchelei, Angstmacherei, Ungerechtigkeit und Verdummung. Horst Evers (12.März) versteht sich mehr als Geschichtenerzähler, der die „absurden kleinen Begebenheiten“ ins Rampenlicht hebt. Als besonderes Highlight kündigt Krottenthaler die Österreicherin Nadja Maleh an. Von der Presse bejubelt, bringt sie in „Flugangsthasen“ (13.März) eine „Sensation und selten viele tolle Frauen auf einen Quadratmeter Bühne“. Auch „Ohne Rolf“ (18.März) aus der Schweiz sind ein absolutes Novum. 1000 Plakate sagen hier mehr als gesprochene Worte. Sie versprechen absurdes Theater in eine „komplett neuen Kleinkunstform“.
Beim „Impro-Match“ (21.März) treten „Fastfood“ aus München gegen „Für Garderobe keine Haftung“ aus Wiesbaden an. Sie gehören beide zu den Besten Deutschlands. Ebenfalls mit den Füßen abstimmen wird das Publikum beim „Poetry Super Slam“ (3.April). Zu Recht bezeichnet „Der Spiegel“ den Poeten-Wettstreit als „eines der letzten großen Abenteuer – für Fans von Literatur und Intelligenz“. Mittelbayerische Zeitung, 10.2.2010

 

Juri Gagarin, Spiderman und Biene Maja
Wladimir Kaminer bezaubert seine Zuhörer im Kulturspeicher mit russischem Akzent und schrägen Geschichten, die das Leben schreibt.

Regensburg. Von Katharina Kellner, MZ
Alle schreiben irgendwo ab. Die frisch gebackene Bestsellerautorin Helene Hegemann hat deshalb mächtig Ärger, Sebastian, der Sohn von Wladimir Kaminer, auch. Er hat in einer Englischarbeit abgeschrieben, weshalb seine Lehrerin vom Vater eine schriftliche Erklärung verlangt. „Die hätte ich auch gerne von jemandem abgeschrieben, ich hatte aber niemanden“, erklärt Kaminer seinen Zuhörern im Regensburger Kulturspeicher. Zumindest war es sein bester Text der vergangenen Woche, meint er. Der 42-jährige Kultautor hat vor zehn Jahren sein erstes Buch „Russendisko“ vorgelegt, das als neuer großer Berlin-Roman gefeiert wurde. Darin erzählt er von seinen Anfängen in Berlin, wohin er 1990 ausgewandert ist: Das Ticket von Moskau in die ehemalige DDR kostete damals nur 96 Rubel. Seine Tage im Plattenbau-Ausländerheim von Marzahn sind lange vorbei, heute hat Kaminer zwei Kinder, die sich rasant auf die Pubertät zu bewegen. Deshalb hat er ein neues Thema, das eine unerschöpfliche Quelle für komische, tragische, kuriose und absurde Erzählungen ist: Die Schule. Treu geblieben ist Kaminer seiner Gewohnheit, in witzigen, hintergründigen Kurzgeschichten den ganz normalen Alltagswahnsinn zu schildern. Eigentlich schreibe er am „Buch des Lebens“, sagt Kaminer: „Nur mein Verlag hat das noch nicht kapiert, die machen jedes Mal ein neues Cover. Letztes Jahr sind sogar zwei Bücher von mir erschienen: Ein rotes und ein grünes.“

Im Kletterwald am Karabiner
Kaminer liest zunächst mehrere bislang unveröffentlichte Texte. Er wühlt in einem Haufen verstreuter Manuskripte auf dem Tisch der Bühne, zieht eines heraus. Er setzt sich nicht während des Lesens, sondern bleibt den ganzen Abend vor dem Tisch stehen – nahe am Publikum. Er liest über den Ausflug in den „Kletterwald“ am Schulwandertag mit der Klasse seiner Tochter Nicole. Die will ihn dabei haben, damit er den Vater von Marie ablenkt, einen raubeinigen Polizisten, der schon Ausbilder in Afghanistan und im Kosovo war. „Wir wollen im Zug in Ruhe Musik hören“, erklärt Nicole. Im Kletterwald angekommen, findet sich Kaminer schnell auf der „Extremroute“ wieder – „in mörderischer Höhe zwischen zwei Seilen an einem Karabiner hängend“. Nicht weniger gefährlich erscheint ihm das Dickicht der deutschen Bürokratiesprache. „Wörter wie ,Einverständniserklärung‘ oder ,allgemeine Geschäftsbedingungen‘ haben keine Entsprechung im Russischen“, erklärt er. In Deutschland müsse man dagegen ständig Einverständniserklärungen unterschreiben – sogar für den Kindergeburtstag, weil der in einem Abenteuerpark stattfindet.

Die gute deutsche Wertarbeit
Dabei sind die Deutschen in Russland für ihre Pingeligkeit hoch geschätzt, wie Kaminer in einem Moskauer Spielzeugladen festgestellt hat. Dort weiß eine gut informierte Verkäuferin, dass die Deutschen wahre Wertarbeit leisten: Wenn sie einen Porsche bauen, der auch nur einen Millimeter zu kurz oder zu lang ist, dann „werfen sie ihn sofort in die Tonne und bauen einen Neuen.“ Und auch das deutsche Ordnungwesen ist ein organisatorisches Wunderwerk: Ruhestörern und Fußgängern, die bei Rot über die Straße laufen, wird noch im Augenblick der Gesetzesübertretung die Strafe von ihrem Konto abgebucht, erklärt die Verkäuferin dem verdutzten Kaminer. Der fragt sich, was die Frau wohl in Deutschland erlebt haben muss. Aus seinem neuen Buch „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ stammt die Geschichte über „Die Helden des vorigen Jahrhunderts“. Darin erzählt Kaminer von den Flughelden, die es in jedem Land gab: Die Deutschen hatten Biene Maja, die Schweden Karlsson vom Dach, die Amerikaner hatten Superman, Batman und Spiderman. „Der größte Flugheld Russlands war natürlich Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltall. Nach ihm wurden Straßen, Schulen und ganze Städte benannt, seine Fotos wurden an allen Ecken als Souvenirs verkauft, er blickte einen von überallher an, er war allgegenwärtig.“ Einer Bekannten, die als Proktologin arbeitete, sah Gagarin sogar aus dem Hinterteil eines Patienten entgegen – aus einer „kleinen Plastikrakete mit einem Gagarin-Dia in der Mitte, die als Souvenir sehr beliebt war.“ Kaminers Geschichten sind vergnüglich zu lesen, noch besser ist es aber, sie vom Autor selbst vorgelesen zu bekommen. Er kultiviert seinen russischen Akzent, rollt das ,R‘ und hat seine ganz eigene Sprachmelodie – und einen eigenen Blick auf die Dinge. Eine Kaminer-Lesung ist also eine höchst vergnügliche Angelegenheit, da waren sich die Zuhörer im Kulturspeicher hörbar einig. Im Grunde fallen auch Kaminer seine Geschichten zu. Aber nicht durch Abschreiben, wie seinem Sohn oder Helene Hegemann, sondern das Leben selbst steckt sie ihm. Kaminer beobachtet genau. Sein Sinn für das Schräge und Absurde hilft ihm, das Leben zu verstehen. Mittelbayerische Zeitung, 13.2.2010

 

Treffer ins Schwarz
In „3 Sekunden Gegenwart“ verknüpft Claus von Wagner private Vergangenheitsbewältigung mit aktuellem Politikgeschehen.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Claus von Wagners Bühnen-Alter-Ego heißt Joachim, ist 32 Jahre alt und ziemlich verbittert. Auf dem Speicher des heimatlichen Elternhauses im oberbayerischen Miesbach kruschtelt er in seinen zurückgelassenen Habseligkeiten herum. Die alte Videokamera zeigt Aufnahmen der zweieinhalbjährigen Karla. Seine Ex, die jetzt als Bonusmeilen-sammelnde Unternehmensberaterin Karriere macht, habe ja jetzt einen Neuen. „Humor-Firewall“ Heiko ist Wirtschaftsjurist und „hat so weiße Zähne, dass man bei Stromausfall denkt, es leuchtet einem Flutlicht entgegen.“ In einem Gerichtsverfahren macht ihm die Ex das Umgangsrecht für die Tochter streitig. Geheiratet haben die beiden ja nie: Hochzeitsgäste sind doch wie Katastrophentouristen. Auch das Versenden eines Neugeborenenfotos haben sie sich gespart. Auf seinem Rechner befänden sich mittlerweile Aufnahmen von zwanzig wildfremden nackten Kleinkindern – da erginge es ihm bei der nächsten Onlinedurchsuchung schlecht. Das Hemd aus der Hose, die Ärmel hochgekrempelt, der Dreitagesbart ungepflegt – Herr Wagner macht einfach keinen guten Eindruck auf dem Jugendamt und vor Gericht. Und es war auch nicht gerade clever, seinen Sorgerechtsanspruch mit einem verwegenen Gleichnis zu untermauern: Wenn er eine Münze in einen Colaautomaten stecke, gehöre die Dose anschließend ja auch ihm.

Claus von Wagner setzt die Pointen in der Alten Mälzerei mit hoher Schlagzahl. Seine fließenden Übergänge vom Privaten ins Politische treffen ins Schwarze. Ein Söder-Interview sei wie das Universum, unendlich leer. Die BayernLB, ein Schwarzes Loch. Die Verzweiflung über das private Leid, das ihm von Amts wegen zugefügt wird, findet ihre Entsprechung in seiner politischen Desillusionierung. Wie kann der deutsche Wähler mitten in den Trümmern des Finanzkapitalismus den Bock zum Gärtner machen? Gibt es ein Aussteigerprogramm für die FDP? In der neu interpretierten Weihnachtsgeschichte verlangt Ursula von der Leyen mehr Krippenplätze und Steinmeier erhält die Rolle der Stalltüre: immer offen für alles. Russische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass der Moment, welchen man als Gegenwart wahrnimmt, genau drei Sekunden dauere. Genauso lang wie die Botschaft, mit der man hierzulande einen Wahlkampf gewinne: Steuern runter. Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger, Volksvertreter verkaufen…. Mittelbayerische Zeitung, 8.2.2010

 

Konzert des Jahres 2009
Die Würfel sind gefallen, das beste Live-Konzert 2009 gekürt, die Kandidaten nehmen ihre Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen und alle sollten zu Wort kommen. Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmal für die vielen Vorschläge. Hier nun der ebenso definitive wie subjektive Final-Countdown. Zum Konzert des Jahres 2009 wurde gewählt - und das ist keine ganz große Überraschung - LA BRASS BANDA. Aber nur sehr knapp - und das ist beachtlich - vor BONAPARTE. Hier nochmal alle Gewinner der letzten Jahre: Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King`s X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008).

 

Mit ihnen möchte man ein Bier trinken
Gute Gefühle beim Publikum erzeugte das Duo Werner Schmidbauer und Martin Kälberer mit der „Oiweiweida-Tour“.

Regensburg. Von Ralf Strasser, MZ
Nein, einen Hit hat er noch nicht geschrieben. Dennoch, der musikalische Bekanntheitsgrad von Werner Schmidbauer ist phänomenal und als Schwiegersohn-Wunschkandidat vieler Mütter rangiert der 48-Jährige immer noch locker in den Top Ten. Und er füllt Hallen. Das macht er seit zwölf Jahren nicht alleine. Im Regensburger Kulturspeicher standen Schmidbauer und sein kongenialer Kumpel Martin Kälberer auf der Bühne, zwei auf der „Oiweiweida-Tour“; zu einem zehnjährigen Jubiläum, das sich jetzt schon zwei Jahre hinzieht.
Bewährte Melodien und neue Lieder
Grau ist er geworden, der Meister der Wertevermittlung, der zugleich bayerische Antwort auf Reinhard Fendrich ist. Graues Haar, graues Hemd, angegraute Jeans. Doch sein Lachen steckt immer noch an und seine gefühlvollen Geschichten vermitteln ein „Ich-bin-angekommen-Gefühl“. Die Atmosphäre im weiten Rund des Kulturspeichers ist für „Schmidl“-Fans ein wenig gewöhnungsbedürftig. Auch wenn er, wie vor zwei Jahren, den Zirkus-Krone-Bau füllte und auf dem Tollwood-Festival in München an die 3000 Zuhörer begrüßt – irgendwie wünscht man sich die Zwei etwas intimer, auf kleiner Bühne, hautnah.
Doch das Gefühl der Ferne verschwindet nach den ersten Liedern, irgendwann sitzt man im gefühlten Wohnzimmer und schwelgt zwischen Poesie, Liebesliedern, Nachdenklichem, Humor und viel Optimismus. Das Repertoire, das Schmidbauer und Kälberer dabei haben, ist bekannt. Und auch wieder nicht. Aus der Kategorie „Schon in die Jahre gekommen“ werden die bewährten Melodien aufgefrischt und neu arrangiert. Mit „Herobn“ geht's zum Gipfeltreffen, bei „Pfeilgradaus“ wird mitgesungen und mit „I bleib steh'“ dem hektischen Multitasking getrotzt. Viele „Must-Be's“ sind dabei: „Am liabst'n daad i jetz'“, „Glück ghabt“ oder „Felder voller Gold“. Drei brandneue Lieder haben die beiden mitgebracht, eines davon der Titelsong der neuen CD, die im Juli erscheint. „Momentensammler“ heißt das gute Stück. „Alles, was sich lohnt zu sammeln, sind die guten Momente im Leben“, meint Schmidbauer. Davon hat er offenbar viele. Kaum einer beherrscht die Gratwanderung jenseits des Mainstreams zwischen den Emotionen so wie Schmidbauer. Es steckt viel Autobiographisches in seinen Liedern und gerade deshalb ist er, der „Schmidl“ aus Aibling, so authentisch, einer, den man bedenkenlos zum Kaffee oder auf ein Bier in die Stammkneipe einlädt. Wer Schmidbauer sagt, meint auch Kälberer, längst ist er der Musikbegleitung entronnen, ist zum vollwertigen Partner geworden. Auch wenn sich sein sprachlicher Beitrag auf zwei Sätze reduziert, ist er von Schmidbauers Seite nicht mehr wegzudenken.
Wunderbare Klangwelten
Während dieser singt und plaudert, brilliert Kälberer mit allem, was irgendwie mit Musik zusammenhängt und sei es ein „Hang“, das aussieht wie ein zusammengeschweißter Wok in D-Moll oder einer Daumentrommel namens „Kalimba“. Kälberer erzeugt mit Klavier, Keyboard, Percussion, exotischen Trommeln oder Mandoline wunderbare Klangwelten und damit Stimmungen, die einfach guttun. Der Groove, der von dem Multiinstrumentalisten kommt, ist beeindruckend und sei es allein mit schnippenden Fingerspitzen oder einem überraschenden „Fozblattln“. Am Ende eine interessante Statistik zu drei Stunden Schmidbauer und Kälberer: 400 Mal lacht ein Kind am Tag. Wir Erwachsene sind mit zwölf Mal täglich knapp dahinter. Die beiden haben diesen Schnitt mit ihrem Auftritt deutlich nach oben gezogen. Mittelbayerische Zeitung, 2.2.2010

 

 

Hymnen des hohen Nordens
Friska Viljor begeistert mit ungewöhnlichem Instrumentarium.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Mit ihren blonden, langen, zerzausten Haaren haben sie das Aussehen von zwei groß gewachsenen Wikingern, die mit einer hölzernen Zeitmaschine in die Gegenwart transportiert wurden. Dort haben sie die Identität von Zimmermännern angenommen, die sich auf der Walz in ausgebeulten Ausgeh-Klamotten in das Nachtleben stürzen. Auf dem Cover des aktuellen, dritten Albums „For New Beginnings“ erscheinen Daniel Johansson und Joakim Sveningsson auch in Hemd, Krawatte und legerem Anzug – und wirken wie Jahrmarktmusiker auf einem Wild-West-Plakat. Die beiden Herren kommen jedoch aus dem hohen Norden, wo sie sich vor fünf Jahren im Stockholmer Nachtleben kennengelernt haben. Beide waren kurz zuvor von ihren Freundinnen verlassen worden und ertränkten ihren Liebeskummer in reichlich Alkohol. Aber da dieser in Schweden nahezu unerschwinglich ist, verarbeiteten sie ihren Herzschmerz irgendwann in wunderschönen Melodien.
Live um drei Mann an Bass, Keyboards und Schlagzeug verstärkt, zelebrieren Johansson und Sveningsson unter dem Bandnamen Friska Viljor einen hymnischen, ja fast euphorischen Indierock. Der mehrstimmige Gesang erklimmt Falsetto-Höhen, und die mitreißenden La-La-La- und Oh-Oh-Oh-Refrains scheinen beim Regensburger Publikum längst keine Unbekannten mehr zu sein. Dafür spricht auch eine prall gefüllte Mälzerei, deren feuchtigkeitsgesättigte Luft Sänger Sveningsson augenzwinkernd seinen Fans anlastet: „Wenn Ihr nicht gekommen wärt, wäre die Luft jetzt besser“. Die beiden Nordmänner gönnen ihren Gitarren immer wieder Verschnaufpausen und reichern ihre eingängigen Songs mit folkigen Mandoline-, Ukelele- oder Melodica-Klängen an. Schmissige Indierock-Nummern lassen die Sohlen qualmen. Der Basslauf von „If I Die Now“ – einer der vielen Ohrwürmer von Friska Viljor – erinnert an Patrick Hernandez' 70er-Jahre-Disco-Stomper „Born to Be Alive“. Lebendig dürfte auch die weitere Karriere der Skandinavier verlaufen. Mittelbayerische Zeitung, 30.1.2010

 

 

Poetry Slam boomt
Regensburg hat sich zur Hochburg des Poetry Slam gemausert. Während der Nachwuchs in Workshops übt, bereitet die Alte Mälze die ersten Bayerischen Meisterschaften vor.

Von Luise Frank und Mathias Wagner
Regensburg. Als vor gut acht Jahren der erste Poetry Slam in der Alten Mälzerei stattfand, gab es zwei Vortragende und eine Handvoll Publikum. "Inzwischen ist Regensburg nach München der zweitgrößte Slam in Bayern", freut sich Hans Krottenthaler, Programmchef der Alten Mälze. "Regensburg ist eine Slam-Hochburg in Bayern geworden. So ist uns die Idee der Bayerischen Meisterschaften gekommen." Gesagt, getan: Die Alte Mälzerei veranstaltet im Mai die ersten Bayerischen Meisterschaften im Poetry Slam! Alle 25 Veranstalter im Freistaat werden ihre besten Poeten zum Dichterwettstreit schicken. Auch der Nachwuchs wird bestens vorbereitet: "Wir haben schon immer die Möglichkeit gesucht, in Regensburg Basisarbeit zu machen", sagt Ko Bylanzy. Der Münchner veranstaltet mit seinem Schulfreund Rayl Patzak seit 14 Jahren in der Landeshauptstadt den "Munichslam", den wichtigsten Poetry Slam-Wettbewerb Deutschlands. Vor über acht Jahren Jahren starteten die Beiden auch einen Slam-Wettbewerb in der Alten Mälzerei und der entwickelte sich zum Riesenerfolg. "Die letzten drei Veranstaltungen waren wieder ausverkauft", freut sich Bylanzky über den Publikumszuspruch und kündigt an, dass es ab heuer noch mehr Slams in der Mälze geben wird. Zusätzlich bereiten die Beiden gemeinsam mit dem Theater Regenbogen aber auch den Poetry Slam U 20 für den Poetennachwuchs vor. Nicht nur mit drei Slams, die im Foyer des Velodroms stattfinden, sondern auch mit Workshops, die derzeit im Theater Regensburg stattfinden. 13 junge Poetinnen zwischen 14 und 20 Jahren und ein Poet haben sich am vergangenen Mittwoch zum ersten Mal getroffen, um laut Ko Bylanzky "zuerst die Essentials" wie Mikrofon-Einstellung und kreatives Schreiben zu lernen, bevor ihnen gezeigt wird, wie sie an ihrer Performance arbeiten. Davor veranstaltete das Moderatoren-Duo Schnupperkurse an vier Regensburger Schulen. Der Nachwuchs hat die Möglichkeit, am Samstag, 27. Februar beim ersten Schüler Poetry Slam im Foyer des Velodroms aufzutreten. Die Nachfrage beim war groß, die Aufteilung in Gruppen ermöglicht aber, dass interessierte Teilnehmer weiterhin einsteigen können. Die Poetry Slams, bei denen Kandidaten mit eigenen Texten gegeneinander antreten und sich einem Publikumsvotum stellen, boomen in ganz Deutschland. Lokale Teilnehmer der Slams schaffen immer wieder den Sprung auf überregionale Bühnen. Der Regensburger Thomas Spitzer wird, so Ko Bylanky, als großer Newcomer im deutschsprachigen Raum gehandelt. Spitzer wurde auch für die deutschsprachige Meisterschaft nominiert. "Das Niveau ist sehr hoch", sagt auch Hans Krottenthaler über die Darbietungen in Regensburg. "Es gibt viele, die da schon sehr professionell unterwegs sind." Der Erfolg des Poetry Slams in der Mälze war auch der Grund, warum die Alte Mälzerei in diesem Jahr die erste Bayerische Meisterschaft im Poetry Slam in Regensburg veranstalten. "Ich freue mich sehr drüber. So ein tolles Projekt gibt's nicht jedes Jahr", so Hans Krottenthaler. Gefördert wird die Bayerische Meisterschaft im Poetry Slam von der Rewag-Kulturstiftung. 13. bis 15. Mai; Alte Mälzerei und (voraussichtlich) Velodrom. Regensburger Rundschau, 27.1.2010

 

Alles ist möglich: Ska und Salsa für eine bessere Welt - Che Sudaka aus Barcelona sorgen in der Mälze mit energiegeladenem Mestizo-Sound für ein bewegtes Publikum

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
„Guten Abend, Regensburg. Are you ready?“ fragt der in ein knallgelbes Fußballtrikot gewandete Sänger Kachafaz in einer Mischung aus Deutsch und Englisch.
Eigentlich ist es ja mehr eine Aufforderung als eine Frage, denn Che Sudaka aus Barcelona treten sofort kräftig in die Pedale und erwarten von ihrem jugendlichen Publikum, dass es mitmacht. Die eingängigen Refrains sind noch leicht mitzusingen, auch wenn man des Spanischen nicht mächtig ist. „Jump up, jump up“ – bei den Luftsprüngen muss der geneigte Konzertbesucher dann aber eine solide Kondition vorweisen.
Als Kachafaz und sein ebenfalls singender Bruder Leo ihr Publikum zu einer Umarmung auffordern, traut sich erst mal niemand so richtig. Ihre Botschaften sind jedoch klar: „Love, Unity and Happiness“ und – so der Name ihrer neuen CD – „Tudo É Possible“. Alles ist möglich, man muss nur dafür einstehen und dann ist auch eine bessere Welt möglich.
Wie andere Lateinamerikaner auch, sind die Musiker von Che Sudaka Anfang des neuen Jahrtausends aus Argentinien und Kolumbien nach Barcelona immigriert und haben sich dort anfangs als Straßenmusiker durchgeschlagen. Die katalanische Hauptstadt am Mittelmeer entwickelte sich zur Brutstätte für einen Musikstil, der später als Mestizo bekannt wurde. Die Verbindung aus Ska, Punk, Reggae, Rock und Rap mit traditionellen lateinamerikanischen Musikformen wie Cumbia, Salsa oder Flamenco wurde bereits seit Ende der 1980er-Jahre von der französischen Band Mano Negra gespielt, ihr Leadsänger Manu Chao avancierte mit seiner im Jahre 2000 veröffentlichten Solo-CD „Clandestino“ zum internationalen Superstar.
Neben den bunt zusammengewürfelten Bands aus dem Schmelztiegel Barcelona sind es zurzeit vor allem solche aus Lateinamerika selbst, die in Deutschland für volle Kulturzentren und Jugendclubs sorgen. Panteón Rococó aus Mexiko, Karamelo Santo aus Argentinien oder Abuela Coca aus Uruguay gehören zur Speerspitze einer internationalen Musikszene, die im links-alternativen Milieu verwurzelt ist.
Che Sudakas sozialkritische Lieder speisen sich aus ihren Erfahrungen, die sie als marginalisierte Migranten in Spanien gemacht haben. Kein Zufall ist es also, wenn sie in Regensburg den Slogan der deutschen Anti-Abschiebungspolitik-Bewegung, „Kein Mensch ist illegal“, skandieren. „Englishman in New York“ von Sting wird dann folgerichtig in „Simpatizar con Immigrantes Illegales“ umgetextet, „Unterstütze illegale Immigranten“. Ihre Forderung nach einem selbstbestimmten Leben bringen die sechs Bandmitglieder auch durch ihr unkonventionelles Äußeres zum Ausdruck. Fußballtrikots und Irokesen-Haarschnitt sind aber natürlich auch geradezu ideal für eine energiegeladene Bühnenshow. Mittelbayerische Zeitung, 22.1.2010

 

 

Niemals Pärchenabend in Umpfenbach
In „Honeymoon Massaker“ versammelt Philipp Weber so stichhaltige wie unterhaltsame Argumente gegen die männliche Reproduktionspflicht.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Umpfenbach, ein idyllischer kleiner Ort im unterfränkischen Odenwald. Ein Bus verkehrt hier zwar, nur gibt es eben keine Haltestelle. Hase und Igel sagen sich nicht nur Gutenacht, sie geben sich gegenseitig Sterbehilfe. Ein sicherer Ort also fürs Kinderkriegen. Keine Drogen, aber wozu braucht man die auch, wenn der Opa den Keller voll Most hat, fragt sich Kabarettist Philipp Weber in seinem liebenswürdigen hessischen Idiom. Mit Freundin Ulla stattet er seinem Heimatdorf mal wieder einen Besuch ab. Johannes heiratet. Weber war in der letzten Zeit auf acht Hochzeiten. Und der Druck steigt. Wann ist es bei Euch so weit, wird er allenthalben gefragt. Aber Weber hat so seine Probleme mit dem Übergang in eine kleinbürgerliche Existenz. Mit Pärchen, die nur noch im Plural von sich reden („Aber Johannes, wir müssen doch noch gar nicht auf die Toilette“), und im Neubaugebiet die Pärchenabende mit dem Brettspiel „Siedler von Catan“ verbringen.

Kombucha statt Bier
Früher fand sich in Johannes' Kühlschrank immer ein Bier, heute steht dort das Wellnessgetränk Kombucha, ein mit Hefe fermentierter Grüntee. Ulla habe ja kürzlich eine Molkekur gemacht – mit einer Substanz also, die früher höchstens an Schweine verfüttert wurde. Zuvor hatte sie ihre Actimel-Phase, der Joghurt in Ampullen soll die Darmflora fördern. Ja, will sie denn zur Bundesgartenschau?, fragt Weber voller Unverständnis. Und auf den Hochzeiten gebe es dann Rohkostbuffets mit Huflattichsalat. Kann man den überhaupt verdauen oder muss man ihn wie ein Wiederkäuer jede halbe Stunde wieder hochwürgen? Und die durch das Biogesundessen gewonnene Lebenszeit solle man dann wohl beim „Siedler“-Spielen verbringen.

Ulla und die Tierwelt
Ohne Musik- oder Gesangseinlagen, ohne Kostümierung oder Requisiten – Webers Alltagserlebnisse sind sich selbst genug. Skeptisch beobachtend, was um ihn herum passiert, trifft den Nagel auf den Kopf. Und das Publikum erkennt sich in Webers Erfahrungen wieder. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lässt der Kabarettist dabei nicht außer Acht. Zuwanderung frische den verarmten Genpool auf, der Deutsche drohe sonst zu verblöden. Die angedrohte Gesundheitsreform bringe uns Aktionswochen beim Frauenarzt („Los Wochos bei McGyn“). Seine Generation sei mitnichten politisch desinteressiert, sondern vielmehr desillusioniert. In den Achtzigern wollte man den Wald retten, heute die Banken. Ehemalige Grünen-Politiker sitzen heute als Berater bei Energiekonzernen am Tisch. Aber Weber weiß auch, dass er seine politischen Botschaften am besten mit Humor verabreicht. Und den gibt es reichlich in „Honeymoon Massaker“. Die Schlagzahl der Pointen ist hoch, für Kurzweil ist gesorgt. Nicht umsonst heimste er 2008 den Deutschen und 2009 den Bayerischen Kabarettpreis ein. Als studierter Reproduktionsbiologe kennt er sich ja auch aus mit den Fortpflanzungsmechanismen und überträgt Verhaltensweisen aus dem Tierreich gerne auf seine Beziehung mit Ulla. Bei der Überlegung, welchen zeitlichen Umfang der Zeugungsakt im Leben einer dänischen Eintagsfliege einnimmt, bekommt Weber ganz große Augen. Am Ende kann der Mittdreißiger aber argumentieren wie er will, seine Ulla kennt den wahren Grund für seine Vorbehalte gegenüber Heirat und Ehe: Er wolle halt einfach nicht erwachsen werden. Mittelbayerische Zeitung, 18.1.2010

 

 

Jodeln muss wie Death Metal klingen
Die unkonventionellen Bläser von La Brass Banda füllen die Hallen – auch außerhalb Bayerns.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Wie der Rattenfänger von Hameln ziehen zu Beginn des Konzerts die drei Bläser von La Brass Banda Trompete, Posaune und Tuba spielend durch ihr Publikum. Ähnlich wie in der deutschen Sage kommen die „Kinder, Knaben und Mägdlein in großer Anzahl gelaufen“. Das Konzert war anfangs in der Alten Mälzerei geplant, wo sich die fünf Jungs aus Oberbayern im November 2008 erstmals dem Regensburger Publikum vorstellten. Wegen der großen Nachfrage wurde die Veranstaltung in den Kulturspeicher verlegt und durch ein Zusatzkonzert ergänzt – das ebenfalls in kürzester Zeit ausverkauft war. Die Band aus dem Chiemgau existiert gerade einmal zwei Jahre und sorgt allerorten für volle Hallen – selbst dort, wo ihr Bayrisch nicht sofort verstanden wird. Das Goethe-Institut lud sie dieses Jahr als Vertreter modernen deutschen Kulturguts nach Russland ein, die Deutsche Botschaft in Simbabwe nach Harare. Auch in den europäischen Metropolen wie London oder Berlin sorgen die Oberbayern für Euphorie. In Wien spielen sie Ende des Jahres an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Die Toten Hosen haben sie für ihr traditionelles Weihnachtskonzert als Vorband nach Düsseldorf eingeladen.

Alle fünf sind studierte Musiker und der ein oder andere hat tatsächlich bei der örtlichen Blaskapelle in Übersee am Chiemsee seine ersten musikalischen Schritte getan. Doch von einer konventionellen Blaskapelle sind sie meilenweit entfernt. Unterstützt durch die dynamische Rhythmus-Sektion Oliver Wrage (Bass) und Manuel da Coll (Schlagzeug) greifen die drei Bläser Stefan Dettl (Trompete), Andreas Hofmeir (Tuba) und Manuel Winbeck (Posaune) zeitgenössische Musikstile auf und verpassen ihnen ein ungewohntes, energiegeladenes Blasmusikgewand. Die tief dröhnende Tuba sorgt neben dem Bass für eine subsonische Tiefenwirkung, die in der elektronisch erzeugten Clubmusik zum guten Ton gehört. Was der Unterschied zwischen Techno und seiner bayrischen Variante sei, fragt Dettl sein Publikum. „Der bayrische Techno ist gemütlicher“ – auch wenn die anschließende Nummer mit einem ordentlichen Bumm-Bumm-Bumm zur Sache geht. Das darauffolgende entspannte Reggae-Stück „We like the Battyman“ haben sie eigens für das diesjährige Chiemsee Reggae Summer Festival komponiert. Nach einer Unterrichtseinheit in Sachen Jodeln – „tief und inbrünstig wie beim Death Metal muss es klingen“ – stimmt die Band eine atmosphärisch dichte Soul-Nummer an, die die Sonne hinter den Alpen aufgehen lässt.

Auch wenn La Brass Banda nur vereinzelt Balkan Brass Stücke spielt und auch die neue CD „Übersee“ sich deutlich von diesem Stil entfernt hat, wird die Band doch gerne in diese Schublade gesteckt. Als Band, die mit traditionellen Instrumenten moderne Tanzmusik spielt, haben sie sicherlich vom Balkan-Trend der vergangenen Jahre profitiert. Als führender Vertreter dieses Genres gilt der Frankfurter DJ und Produzent Stefan Hantel, der unter seinem Künstlernamen Shantel traditionelle osteuropäische Blasmusik nach Deutschland brachte. Selbst gelangweilt von der stagnierenden Entwicklung elektronischer Musik, welche die 1990er Jahre popmusikalisch dominierten, ging der vormalige Downbeat-Produzent 2001 nach Czernowitz, in die Heimatstadt seiner Großeltern. In der Hauptstadt der Bukowina im Karpatenvorland, in der westlichen Ukraine, lernte er Blasmusikkapellen kennen, die den musikalischen Rahmen für ausschweifende Feste liefern. Auch wenn Shantel diese Musik in Deutschland popularisierte, so war es doch der bosnisch-serbische Regisseur Emir Kusturica, der in seinen mehrfach preisgekrönten Filmen „Die Zeit der Zigeuner“ (1989), „Underground“ (1995) und „Schwarze Katze, weißer Kater“ (1998) das Feld bestellte. Eine der ersten Balkan Bands, die auf einer deutschen Bühne für Furore sorgte, ist die zwölfköpfige Roma-Blaskapelle Fanfare Ciocorlia. In Fatih Akins Kinofilm „Gegen die Wand“ (2004) sind sie bei einem Auftritt zu sehen. Im August war die „schnellste und populärste Balkan Brass Band der Welt“, so der Veranstalter, beim Klangfarben-Festival zu erleben. Beim Finale sammelten die Musiker beim Zug durch das Publikum Geld ein und spielten eine fulminante Zugabe mitten unter den tanzenden Besuchern. Auch La Brass Banda drehten zum Abschluss ihres Konzerts eine musikalische Ehrenrunde mitten durch die Zuhörer. Eine einfache, aber effektive Art zu sagen: Wir sind Musiker aus dem Volk und brauchen eigentlich gar keine Bühne. Echte Volksmusik eben. Mittelbayerische Zeitung, 18.12.2009

 

 

Blumfeld ist tot, es lebe Blumfeld
Jochen Distelmeyer lüftet das Geheimnis: Er macht einfach weiter wie bisher – und das ist gut so.

REGENSBURG. Von Jürgen Scharf, MZ
Jochen Distelmeyer macht einen auf alleine. Vor zwei Jahren hatte der Hamburger Songschreiber seine Band Blumfeld aufgelöst. Und es wurde viel orakelt: Was macht der Mann jetzt bloß? Wird er Schauspieler, Autor, TV-Moderator – oder eröffnet er gar ein Café? Seit seinem Regensburger Konzert wissen wir: Wo Distelmeyer drauf steht, ist weiterhin Distelmeyer drin. Er macht Musik. Ein paar Stunden zuvor hatte er ein Kurzkonzert an der Universität gegeben. Im besetzten H2 spielte Distelmeyer nachmittags den streikenden Studenten, die diszipliniert in ihren Stuhlreihen saßen und eifrig mitwippten, ein paar Songs vor. Hernach verriet er, dass er ja selber nie studiert habe und ihm eigentlich der direkte Zugang zu den Streikthemen fehle. Aber dass die Studenten gegen Gebühren und den Bachelor sind, ja, das finde er gut. Hauptsache dagegen! Sein Eröffnungsstück am Abend in der Alten Mälzerei ist in diesem Kontext gut gewählt: „Wohin mit dem Hass?“ Fast bluesig kommt die Rocknummer von Distelmeyers erstem Solo-Album „Heavy“ daher. Immer wieder röhrt er es ins Mikro: „Wohin mit dem Hass?“ Mitsingen leicht gemacht. Distelmeyer hat ein Dutzend Gitarren dabei. Zu fast jedem Lied hängt er sich eine andere um, auch wenn sie alle nur ein klein wenig anders klingen. Es lebe die Liebe zum Detail. Zusammen mit seiner Band arbeitet er sich Stück für Stück durchs neue Album und garniert das Set mit handverlesenen Blumfeld-Songs. Distelmeyer wirkt erleichtert, von der Last befreit, immer und immer wieder ,„Tausend Tränen tief“ spielen zu müssen – und dennoch nicht mit der Vergangenheit brechen zu müssen. Denn Distelmeyer hat sich nicht neu erfunden. Muss er auch nicht: Er ist und bleibt Berufsmusiker. Der Zuhörer zahlt Eintritt und darf dafür einen Mann bei der Arbeit beobachten, der sein Handwerk versteht. Distelmeyer kann, das darf ruhig mal gesagt sein, einfach gut singen. Und Gitarre spielen auch. Musik ist für ihn keine Laune der Muse. Er macht Platten und geht auf Tour. So wie es sich gehört.Am Ende, nach dem letzten Lied, blickt er glücklich ins Publikum: „Haut rein“, sagt er. Genau, du auch, möchte man ihm antworten. Blumfeld ist tot, es lebe Blumfeld, auch wenn Distelmeyer drauf steht. Mittelbayerische Zeitung, 17.12.2009

 

 

Akribisch beschrieben, dass schon wieder nichts passiert
Wolf Haas las im Kulturspeicher aus seinem neuen Krimi „Der Brenner und der liebe Gott“.

Regensburg. Von Florian Sendtner, MZ
„Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.“ Genau darauf hat der Herr Simon, der eigentlich Brenner heißt, auch immer vertraut, auf die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Doch zweihundert Jahre nach Kleist steht der Brenner in der Tankstelle, die ominöse schöne Südtirolerin mit der Milch und der Zeitung geht an ihm vorbei, dem Brenner ist vollkommen klar: „Man muss sich in so einer Situation einfach möglichst weit aus dem Fenster lehnen, sich in eine Gefahrensituation bringen, dann schwimmt auf dem Adrenalin schon ein guter Spruch daher.“ Aber dann Fehlkalkulation: „Weil leider kein Spruch weit und breit.“

Nebensächliche Details
Jetzt ist schon wieder was passiert? Von wegen! Die meiste Zeit passiert in den Büchern von Wolf Haas so gut wie nichts. Stattdessen ergeht sich der Erzähler in eingehenden Betrachtungen über irgendwelche Phänomene des alltäglichen Lebens und teilt akribische Beobachtungen nebensächlicher Details mit, die actionmäßig wirklich nicht sonderlich weiterhelfen, retardierendes Moment Hilfsausdruck. Wolf Haas gibt das bei der Lesung aus seinem neuen Krimi „Der Brenner und der liebe Gott“ (Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 18,99 Euro) im ausverkauften Kulturspeicher offen zu. Nachdem er die ersten vier Kapitel (leicht gekürzt) in einem irrsinnigen Tempo, aber ohne einen einzigen Versprecher vorgelesen hat, verkündet der promovierte Sprachwissenschaftler, er lasse jetzt 50 Seiten aus, fasse aber deren Inhalt nicht zusammen, weil: „Es ist eh nicht viel passiert.“Ja, die Inhaltszusammenfassung. Sie ist ja ein gewichtiges literarisches Genre, mit dem Deutschlehrer ihre Schüler bis zum heutigen Tag traktieren. Was sich sehr schön im Internet niederschlägt, in dringlichst formulierten Suchanfragen an die literarisch versierte Welt, wer denn um Himmels willen dieses oder jenes komische Buch gelesen habe und eine passable Inhaltswiedergabe abliefern könne.

Der tragikomische Chor
Wolf Haas hat so ein Chatroomdrama mal aus dem Internet kopiert, die Grazer Literaturzeitschrift „Schreibkraft“ hat es unverändert abgedruckt, und als Haas den Text im Kulturspeicher vorliest, wird auch klar, warum: Die verzweifelten Hilferufe gequälter Schülerkreaturen, die von einem besonders aufgeschlossenen Lehrer mal ein ganz und gar nicht verstaubtes Stück Literatur zur Lektüre verpasst kriegen (in dem Fall den zweiten Brenner-Krimi „Der Knochenmann“), das sie aber genauso wenig lesen wollen wie Storms „Schimmelreiter“ oder Droste-Hülshoffs „Judenbuche“ – sie ergeben einen tragikomischen Chor, der der Parole „Lesen!“ ein vielstimmiges „Um Gottes willen!“ entgegenschmettert. Am Ende meldet sich tatsächlich einer: „Hey, ich habe eine Inhaltsangabe! Ist aber ziemlich lang!“ Nachfolgend das Internetpseudonym des Erlösers und sein Post Scriptum: „Das ist so ein scheiß Buch!“Zu dem gleichen Befund kam die „Süddeutsche Zeitung“ bei „Der Brenner und der liebe Gott“, natürlich distinguierter ausgedrückt. Die 450 Zuhörer im Kulturspeicher waren anderer Meinung, und das zurecht: Der neue Wolf Haas, der sich um ein entführtes Kleinkind, eine Abtreibungsklinik, einen Wiener Baulöwen und, wie gesagt, um eine schöne Südtirolerin dreht, ist ein theologisch riskantes göttliches Vergnügen in Schwarz, abgrundtief komisch, das reine Leseglück. Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2009

 

Tausendundein Schritt in die Gegenwart
Die 7. Internationale Aids-Tanzgala im Velodrom war ein Abend der tänzerischen Superlative.

Regensburg. Von Florian Sendtner, MZ
„Das Velodrom steht gegen das Provinzielle, sein Bau war durch und durch modern, und nach seiner Eröffnung fühlten sich viele Bürger dem neuen Jahrhundert einen Schritt näher.“ Der Satz stammt aus dem Festvortrag von Hans Dieter Schäfer zur Hundertjahrfeier des Velodroms 1998; mit dem neuen Jahrhundert ist das 20. gemeint. Doch er passt auch auf das 21. Jahrhundert. Am deutlichsten wird das jedes Jahr im Herbst, bei der Aids-Tanzgala. Am Samstag fand sie zum siebten Mal statt und im ausverkauften Velodrom fühlten sich viele dem nicht mehr ganz neuen Jahrhundert nicht nur einen Schritt näher, sondern ein paar Tausend Schritte, ein paar Tausend wunderbar leichtfüßig getanzte Schritte.

Witzige Reflexion über das Tanzen
Bei Armando Braswell (Gauthier Dance, Stuttgart) allein sind es ja schon 101. In einer atemberaubenden Nummer führt der dunkelhäutige New Yorker die 101 Positionen und Schritte vor, die das Repertoire des Tanzes bilden sollen. Die Stimme des Meisters aus dem Off gibt das Kommando, nummeriert die Schritte und Bewegungen zuerst von 1 bis 101 durch, und nennt anschließend nur noch die Nummer, die der Tänzer auf der Stelle ausführt. Das Ergebnis ist eine marionettenhafte Akrobatik von einer eigenartigen Grazie, die dem Zuschauer die scheinbare analytische Zergliederung der kompliziertesten Bewegungen bietet. Doch die Nummern werden immer schneller aufgerufen, der Tänzer kommt ins Rotieren – und kollabiert. Eine ebenso witzige wie schlaue Reflexion über das Tanzen (Choreographie: Eric Gauthier). Man kann aus diesem Abend der Superlative nur Beispiele herausgreifen: den meisterhaften Solo-Flamenco von José Moro, oder das faszinierende Doppel-Pas-de-Deux „Staub einer alten Affäre“ des Tanztheaters Darmstadt, das zwei Paare gegenüberstellt, das eine in barocken Perücken und Kostümen, das andere modern, und während das „alte“ Pärchen damit beschäftigt ist, tänzerisch Schicht um Schicht die Konventionen, sprich: die hinderlichen Klamotten abzulegen, tobt zwischen dem „neuen“ Paar ein heftiger erotischer Kampf, bei dem die Frau eine lustvolle Attacke nach der anderen vollführt – aber der Mann weiß sie alle abzuwehren (Choreographie: Mei Hong Lin).
Bei den Pas de deux ist es gerade die Vielfältigkeit, die diese siebte Aids-Tanzgala auszeichnet: Da tanzen Anna Yanchuk und Marian Meszaros vom Landestheater Salzburg die Beziehung zwischen Marilyn Monroe und Arthur Miller – eine ausgesprochen temperamentvolle Affäre. Und da erzählen Ayumi und Alister Noblet und Rutzuki Kanazawa vom Theater Regensburg die bewegende Geschichte von Kazu Kun, der „nicht normal“, sprich: behindert ist – aber durch die Anteilnahme seiner Schwester schließlich doch ins Leben findet und zum Tanzen kommt. Schließlich der Höhepunkt: „Two“, ein Pas de deux der „I'mperfect Dancers“ aus Italien. Was Matteo Boldini und Vincenzo Lacassia da in der Choreographie von Walter Matteini hinlegen, ist ein schlicht umwerfender Tanz eines Männerpaars, dessen Harmonie die Gesetze der Schwerkraft vergessen lässt.

Man denkt an Simon Oberdorfer
Auch der eingeschworenste heterosexuelle Mann, so er nicht völlig verbohrt und vernagelt ist, wird beim Anblick dieser beiden Tänzer butterweich. Oder, anders gesagt: Vergangene Woche ist der Antrag von Berlin, Bremen und Hamburg, das Verbot der Diskriminierung von Homosexuellen im Grundgesetz festzuschreiben, im Bundesrat gescheitert. Man hätte die Abstimmung eine Woche später machen und die Mitglieder des Bundesrats in die Regensburger Aids-Tanzgala schicken müssen: Der Antrag wäre einstimmig angenommen worden. Am Ende dieses von Gayle Tufts witzig moderierten Dreieinhalb-Stunden-Tanzabends, der wie im Flug vergangen ist, stehen drei Dutzend Akteure zum rauschenden Schlussapplaus auf der Bühne, und die einzigen beiden, die einen deutschen Nachnamen haben, das sind die zwei Israelis Yossi Berg und Oded Graf. Man denkt unwillkürlich an Simon Oberdorfer, der 1898 das Velodrom baute und damit den Provinzmief aus der Stadt verbannte. Heute beginnt in München der Prozess gegen John Demjanjuk, einen seiner mutmaßlichen Mörder: Er soll im April 1943 Wachmann im Vernichtungslager Sobibor gewesen sein, in dem Oberdorfer ermordet wurde.

Der Gute Zweck der 7. Internationalen Aids-Tanzgala
Der Erlös der diesjährigen Internationalen Aids-Tanzgala geht, wie schon vor zwei Jahren, an das Projekt CARE. Professor N.M. Samuel berichtete am Samstagabend im Velodrom von seinem Projekt in der indischen Stadt Namakkal: Dort wird eine medizinische Versorgung für schwangere HIV-infizierte Frauen aufgebaut. Die Tänzer der Tanzgala treten immer umsonst auf. Die zahlreichen Sponsoren decken alle übrigen Kosten wie Fahrt, Essen und Übernachtung. Das Eintrittsgeld (Karten von 21 bis 61 Euro) geht damit vollständig an CARE. Die Aids-Tanzgala ist der krönende Abschluss der von Hans Krottenthaler 1998 ins Leben gerufenen Regensburger Tanztage. Veranstalter sind der Jazzclub Regensburg, die Aids-Beratungsstelle und das Theater Regensburg. Mittelbayerische Zeitung, 30.11.2009

 

Tanz: Befreiung aus Verstrickungen
Stuttgarter Finalisten und Preisträger begeisterten mit Perfektion und kreativer Kraft das Tanztage-Publikum.

Regensburg. Von Susanne Wiedamann, MZ
Zwei Laternen stehen weit voneinander entfernt auf dem Boden des verdunkelten Bühnenraums des Uni-Theaters. Im diffusen Licht wird ein weiblicher Körper sichtbar, der mit weit kreisenden Armen bedächtig den Raum durchschreitet. Während der Blick der kanadischen Tänzerin folgt, fängt ihre Kunst schon an zu wirken. So geschmeidig, so bis ins kleinste Detail beherrscht, mal ganz natürlich, mal wie automatisiert, puppengleich sind die Bewegungen von Helen Simoneau, mit denen sie das Tanztage-Publikum fesselt. Mucksmäuschenstill, scheinbar atemlos, schauen die Tanzbegeisterten zu, wie Simoneau sich an einer unsichtbaren Wand entlangtastet, die für das Publikum ganz real zu sein scheint. Die Illusion ist perfekt.

Nach Helen Simoneaus Choreografie „The gentleness was in her hands“, die in Stuttgart mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, scheint in dieser Regensburger Solotanznacht mit Finalisten und Preisträgern des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart eine Steigerung des tänzerischen Niveaus kaum möglich. Doch gleich darauf reißt Kiriakos Hadjiioannou das Publikum in der Choreografie „Monogram“ von Tomi Paasonen mit. Auch der Grieche spielt mit maschinellen Bewegungsabläufen, die er mit beeindruckender Akkuratesse und Präzision ausführt. In die Luft schreibend nähert er sich dem eigenen Kern. Als Magier in Schwarz liefert er in dem temporeichen Stück zu allerlei verblüffendem Geräusch Aktionen, von denen unklar ist, ob er Auslöser oder Getriebener ist, Akteur oder der zur Reaktion Gezwungene. Ein Zauberer, der nicht immer die Oberhand behält. Ein Individuum im Kampf um den eigenen Willen: ein Zwiespalt, den Tänzer Hadjiioannou mit viel Witz und traumhaft in Szene setzt.

Fünf Tänzer stehen an diesem Abend mit Solo-Stücken im Uni-Theater auf der Bühne. Gemeinsam sind ihnen nicht nur das enorme tänzerische Vermögen: Der weitgehende Verzicht auf Requisiten, der Einsatz überwiegend sphärischer Klänge, das zarte Spiel mit Licht sowie auch die thematische Verwandtschaft fällt auf. In allen Stücken geht es um Verstrickungen, um das Eingebundensein in Systeme, um unsichtbare Fäden, auch um Befreiung, Veränderung, Weiterentwicklung. Bei der Japanerin Kazue Ikeda wird dies in ihrer wunderbaren Choreografie „Re/lease“ überdeutlich, in der sie sich ziehend, robbend, drehend und windend immer mehr in ein Seil verstrickt. Selbst als sie sich befreit hat, bleibt der Strang liegen, durchzieht den Raum wie ein ordnendes Element, bleibt als Pfad bestehen.

Der anmutig und doch mit martialischer Kraft tanzende Amerikaner Shamel Pitts darf in Sidra Bells Stück „Conductivity“ manche Bewegungsmuster fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken zitieren, um seine persönlichen Herausforderungen zu meistern. Sein Körper zeigt sich mal muskelgestählt, dann zitternd, verunsichert, im Todeskampf. Sehr packend! Und noch einmal große Bewegungskunst, emotional bewegender Tanz bei Teresa Alves da Silva in André Mesquitas Stück „Lake“: Mit fließenden und dann wieder blockierten Bewegungen, merkwürdigen Pirouetten und Sprüngen verleiht sie Worten Ossip Mandelstams aus einem Zwangsarbeiterlager sehr poetisch und sensibel Ausdruck. Das in Stuttgart mit dem 1.Preis für Tanz geehrte Stück wird vom Regensburger Publikum ebenso euphorisch gefeiert und umjubelt wie die anschließende Zugabe, bei der sich die fünf Solotänzer zu einer faszinierenden Improvisation im Quintett zusammenfinden. Großartig. Mittelbayerische Zeitung, 24.11.2009

 

 

Wie der Tanz auf die Leinwand kommt
Heuer waren die Tanzfilme mit zeitlichem Abstand zur Regensburger Kurzfilmwoche zu sehen.


Regensburg. von Gabriele Mayer, MZ
Auch in diesem Jahr waren „Tanzfilme“ ein Programmpunkt der „Regensburger Tanztage“ (in Kooperation mit der „Kurzfilmwoche“). Und auch diesmal drängte sich die Gretchenfrage auf, die alle Filme betrifft, in denen es zentral um Tanz, Theater oder Performance geht. Soll sich die Kamera zurückhalten, aus angemessenem Abstand die Gesamtheit des Geschehens aufzeichnen und den Zuschauer in die Lage eines privilegierten Theaterbesuchers versetzen, der seinen Blick selbst justieren kann.
Oder soll der Regisseur sich einmischen und bestimmte Ausschnitte fixieren und anderes ausblenden, soll er etwa, wenn es ihm einfällt, nur Gesichter zeigen statt auch die Füße und die ganzen Körper, das ganze Ensemble, die ganze Szenerie und ihre Dynamik?
Der Film „Isabella“ ist ein Beispiel für das Misslingen eines Tanz-Kurzfilms, der einen zähen Einfall hat, welcher, auch filmisch, uninspiriert umgesetzt wird. „Double Take“ ist eine Tanz-Performance aus London und führt in die Zeit der vornehmen, irrlichternden 1920er Jahre. Sehr schön zeigt uns die Kamera zu Beginn des Films im Zeitraffer den Aufbau der Szenerie, führt uns heran an die Bühne, hinein in die Atmosphäre und lässt uns dann weitgehend selbständig schauen und teilnehmen. Der Film präsentiert sogar die einzelnen Mitglieder der Tanz-Gruppe, die, etwa zu „Stranger in the Night“, Begrüßungsrituale und Einsamkeitsgesten und die Welt als Show inszenieren. Die Tänzer in strengen Anzügen sind pokerfaceartig geschminkt und sausen mit einfallsreich ironisierter Zackigkeit durch die Großstadtbühnennacht. Gleichwohl gelingt es ihnen nicht, etwas fühlbar mitzuteilen, die inszenatorische Zeitsprung-Idee findet keine Resonanz und entwickelt keine Überzeugungskraft.
Atemberaubend ist dagegen die Choreographie, die William Forsythe im Jahr 2000 auf die Bühne brachte und die von Thierry de Mey filmisch ausgereizt wurde: indem ein tunnelartiger Hintergrund sich öffnet, oder indem die Kamera rasch auf Nahtstellen und Kontrapunkte springt, aber ansonsten der Musik und dem Tanz Raum lässt. 17 Tänzer und 20 im engen Rechteck sperrig aufgereihte Tische: Darunter, darauf, darüber und dazwischen schlängeln sich die Körper in züngelnden, für Forsythes Formensprache typischen Bewegungen. Die Glieder der Tänzer scheinen sich in ausufernder Geschwindigkeit schier abzunabeln von den Körpern, sich abrupt, aggressiv, unausgesetzt zu verselbständigen, durchdrungen von den unentwegt archaisch vibrierenden, technoiden Klängen der Musik. Körper und Klang sind nicht mehr zu trennen. Zufall und animalische Eigendynamik scheinen alle (E-)motion des Geschehens an sich gerissen zu haben. Die Menschen, so wie Forsythe sie allein durch die Inszenierung ihrer Bewegungen darstellt, sind affektgesteuerte Reiz-Reaktionsmodule im Kampf ums Überleben. Die Orchestrierung Forsythes übersteigt das optische Fassungsvermögen des Zuschauers. Er wird mitgerissen. Mittelbayerische Zeitung, 18.11.2009

 

Ein ganzer Raum wird in Bewegung gesetzt
TANZTAGE Junge Tänzer aus ganz Bayern begeistern mit ausdrucksstarken Soloproduktionen

VON FLORA JÄDICKE, MZ
REGENSBURG. Es wäre ein Fehler, sie vergleichen zu wollen. Sechs junge Tänzer aus Bayern zeigten am Sonntagabend bei den Tanztagen Regensburg ihre durchweg preisgekrönten Soloproduktionen. Und dabei ging es sowohl inhaltlich als auch tänzerisch rein um das Individuum. Um seine Traumwelten wie in Johannes Härtls "Bei Nacht", um Schicksale wie das eines jüdischen Waisenkindes in Marie Preusslers "Mayim, Mayim" oder in Berenika Kmiecs "Fucking Brain", die tänzerisch und mimisch ein packendes Bild der Parkinson-Krankheit bot.
Ich-bezogen und damit noch dichter dran am diesjährigen Thema "Solo und Duett" waren die Darbietungen von Eva Eger in "Souldead", von Teresa Geßner in "3.1" und von Ivonne Kalter in "Gratwanderung".
Alles in allem sechs unverwechselbare Tanzperformances, die sich aber doch in einem sehr ähnlich waren. Es sind reife tänzerische Leistungen, die Bayerns junge Tänzer dort zeigten. Federleichte Bewegungsabläufe, dramaturgisch durchdacht und technisch auf beeindruckendem Niveau. Die Nähe zum Publikum im Theaterraum der Alten Mälzerei tat ihr Übriges. Da wurde nicht einfach getanzt, sondern ein Raum in Bewegung gesetzt.
Und dabei war es egal, welchem tänzerischen Genre sich die Künstler verpflichtet hatten. Aus Regensburg kamen zwei Produktionen, die stark in Richtung Tanztheater gingen: Bei Berenika Kmiec nahm das Mimische und das Narrative deutlich mehr Raum ein als klassisch tänzerische Elemente. Zu den Klängen von Fred Astaire, C+C Music Factory und Luciano Pavarotti bezieht sie alle Elemente des Körperausdrucks mit ein und arbeitet als einzige neben Kostüm auch mit Requisiten.
Die Bühne ist dunkel. Berenika Kmiec spannt ein Seil von einem Infusionsgalgen zu sich. Dort entlang entwickelt sie weiche, lebensfrohe Bewegungen, die immer wieder in Grimassen und schockartigen Starren münden bis hin zum haltlosen Zittern gekettet an die Infusion. Das Prägnante an diesem Tanztheater ist seine Kürze. Die Struktur, mit der es seine Dramaturgie verfolgt und eine Geschichte erzählt.
Das glatte Gegenteil stellte Ivonne Kalter mit "Gratwanderung" vor. Ihre Bewegungen zeigten wohl die größte Abstraktion zum Thema. Technisch ausgefeilt und zuweilen scheinbar rein auf die Ästhetik der Bewegung zurückgeworfen, tanzte sie ein ständiges Hin und Her von Begrenzung und Grenzüberschreitung. Im Gegensatz zu den Regensburger Produktionen, die ausgesprochen narrativ angelegt waren, glänzten die Übrigen mit technisch exzellentem Tanz, der seine klassischen Elemente keineswegs zu verbergen suchte.
Vor allem Johannes Härtl tanzte seine eigene Choreografie mit fantasievollen Bewegungsmustern. Geschmeidig, sensibel, mit Wendigkeit und Grazie bestach auch Teresa Geßner. Ebenso ausdrucksstark wie technisch hervorragend war auch Marie Preussler.
Bei Eva Eger, der zweiten Regensburger Tanzkünstlerin blieben Requisiten auf das Kostüm beschränkt: ein Kunststoffschlauch, aus dem sie sich zu befreien suchte. In windenden, anfänglich minimalen Bewegungen, die später immer raumgreifender wurden, sah sie sich letztlich doch immer wieder im gleichen engen Bewegungsradius gefangen. Wie von Geisterhand zogen die Drum'n'Bass-Rhythmen die Fäden und ließen den Körper unfrei im Raum agieren. "Souldead" ist ein hervorragend durchdachtes Tanzstück. Mittelbayerische Zeitung, 17.11.2009

 

Daheim gibt es keine strahlenden Helden
Die Rootlessroot-Company verstört mit „Sudden Showers Of Silence“ das Publikum im Theater der Universität.

REGENSBURG Von Harald Raab, MZ
Wenn der Krieg mit der ihn konstatierenden Konkurrenz der Vater aller Dinge ist, dann frisst dieses martialische Prinzip natürlich auch seine Kinder. Die Schlacht heute, das zivilisierte Schlachten, findet im Saale statt. Ob Börsenparkett oder Büro, ob Produktion oder Markt: Helden sind gefragt. Doch wie es da drin aussieht in den zum Kampf verurteilten Gladiatoren und in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen – das wird ausgeblendet, geht niemanden etwas an. Kaputte Partnerschaften, somatische Störungen: alles nur Kollateralschäden, längst auch nicht mehr vergesellschaftet. Von wegen: Macht kaputt, was euch kaputt macht! Autoaggression und Selbstzerfleischung am häuslichen Herd sind angesagt. Man schämt sich seiner Schwächen, muss den starken Mann geben. Cool sein, Fassade zeigen, das erfordert das aktuelle wie das antike Geschäftsmodell.

Auf der Folie des Ilias-Stoffes zum Clinch zwischen Hektor und Andromache bringt die Rootlessroot-Company den individualisierten Nervenkrieg auf die Bühne. Der Slowake Josef Frucek und die Griechin Linda Kapetanea steuerten ihre weltweit gefeierte Choreographie, respektive Performance „Sudden Showers Of Silence“ am Sonntag im Theater der Universität zu den 12. Regensburger Tanztagen bei.
Leer die Bühne, nur ein Band von Scheinwerfern entlang der Rückwand. Der Held privat: ein zitterndes, zuckendes Bündel Mensch, von inneren Kämpfen und diffusen Ängsten gebeutelt. Dann plötzliche, bizarre Bewegungen der Arme und Beine, Auseinandersetzungen mit einem unsichtbaren äußeren Feind.
Die Gefährtin kommt ins Spiel, nicht als still duldendes Projektionsobjekt für die männlichen Aggressionen. Sie wehrt sich, teilt selbst aus. Mit Stöcken bewaffnet, gehen die beiden aufeinander los. Ein furioser Zweikampf bis zur physischen und psychischen Erschöpfung. Hilflose Versuche versöhnender Zärtlichkeit: Umarmungen greifen ins Leere. Die Hände gleiten aneinander ab. Ring frei zur nächsten Runde. Vollends in der Beziehungsfalle ist die Frau, wenn sich ihr Kinderwunsch rührt, sie sich aus Wut und Verzweiflung ein Baby aus Teig knetet. Von nun an ist Unterwerfung angesagt. Der Macho zeigt dem Weib, wo es lang geht.

Genau hier wird es tänzerisch spannend. Josef Frucek und Linda Kapetanea illustrieren nicht die treibend-aggressive Musik von Demetris Desyllas, einem der weltbesten Drummer, und dem renommierten tschechischen Interpreten Ivan Acher. In einem bis an die Schmerzgrenze gehenden dynamischen Bewegungsrepertoire reagieren sie auf dieses Drama in der Musik mit ihrer Kinästhetik. Der Rhythmik, dem Tempo und den Motiven der Musik wird ein eigenes tanzarchitektonisches Gebilde an die Seite gestellt. Sprünge, Fallen, Werfen, Schleudern, das Ein- und Auswinden der Körper strukturieren den Raum, erzeugen hochgradige emotionale Präsenz. Technische Virtuosität der Meisterklasse mit expressiver Kraft und sensibler Geschmeidigkeit ist geboten. Das Publikum kann sich nicht mehr auf eine distanzierte Beobachterrolle zurückziehen. Die Suggestivkraft des Bühnengeschehens, die bezwingende Atmosphäre beziehen alle ein. „Sudden Showers Of Silence“ ist ein Stück von den schlimmen Spuren des Kampfes ums Überleben. Keiner geht daraus als strahlender Held hervor. Dabei zu sein – bedeutet Trauerarbeit zu leisten. Mittelbayerische Zeitung, 10.11.2009

 

 

Der Mensch im Netz der Abhängigkeit
Mit der Uraufführung von Nylea Mata Castillas poetischem „Step to Abyss“ wurden die Regensburger Tanztage eröffnet.

Regensburg. Von Susanne Wiedamann, MZ
„Schritt zum Abgrund“ heißt die abendfüllende Choreografie von Nylea Mata Castilla, mit der am Freitagabend die 12.Regensburger Tanztage eröffnet wurden. Die Poesie der Bilder und Bewegungen, der liebe- und humorvolle Blick auf den Menschen, die Darstellung widerstreitender Gefühle, die sinnliche Präsentation von Individuen im Zwiespalt: das Tanztagepublikum feierte „Step To Abyss“ als interessante, schön getanzte und aufgrund bestechender Bilder mitreißende Collage mit heftigem Applaus und Füßegetrappel.
Intelligent unterhaltend ist dieses Tanzstück um das Sich-Rausziehen aus Beziehungsgeflechten und die Suche nach neuem Glück auf jeden Fall. Nylea Mata Castilla hat sich tänzerisch, dramaturgisch und von der visuellen Ästhetik her packende Sequenzen einfallen lassen, die sich jedoch in dem mit fast eindreiviertel Stunden auch etwas zu langem Programm nicht ohne weiteres zu einer Geschichte mit rotem Faden fügen, vielmehr von Szene zu Szene wirken wie die Bestärkung von bereits Erzähltem.

Der Irrgarten der Gefühle
Das große Thema, die Befreiung eines Menschen, in diesem Fall einer Frau, aus den Bedingungen seines alten Lebens, der Entwicklungsschritt hin zu einer Neuausrichtung, wird viel weniger klar als all die kleinen spielerischen Rangeleien und ernsten (Macht-)Kämpfe. Als dieses ewige Beziehungsspiel aus Anziehung, Sex-Appeal, Angst, Ausweichen und Ablehnung von sich umgarnenden, aber auch sich verletzenden Personen. Die Gegenpole Agieren – Reagieren, Ziehen – Schieben, Liebe – Hass, Freude – Wut, Feigheit und Wagemut, Trauer – Glück verarbeitet Nylea Mata Castilla mit ihrem Tanzpartner Roger Vinas Lopez zu einer Art schillerndem Irrgarten der Gefühle, in dem nichts mehr fest ist, weder Raum noch Zeit.
Auch wenn das technische Potenzial beider Tänzer nicht wirklich ausgereizt wird: Die Vielfalt der Bewegungsformen, von ruppig-abgehackt bis fließend-geschmeidig, und die spürbare Musikalität der Körper sind ebenso fesselnd wie die Ebenbürtigkeit der Akteure, die darstellerisch wie tänzerisch gut aufeinander eingehen. Nylea Mata Castilla lässt ihre Figuren mal mit Stereotypen die Zustände beschreiben, dann wieder mit fantasievoller Eigenständigkeit auftrumpfen.
Spannender als das tänzerische Vokabular sind die angewandten Erzählweisen. Die projizierten Visuals von „Blink And Remove“ sind mehr als nur die Verankerung in der Postmoderne. In der Sequenz „Die Welt der Worte“ verschwinden Wörter im Schnellflug an einem imaginären Punkt am Firmament. Dann entwickelt sich zwischen Worten und Vinas Lopez ein interaktives Spiel – und das scheinbar Unabänderliche ändert seinen Lauf.

Der Mutige mit der Taschenlampe
Mit viel Witz geht die Choreografin zu Werk. Ihre um einen Spiegel flirrenden Hände, Vinas Lopez‘ Entdeckung der Welt mithilfe einer Taschenlampe, wobei er sich hinter einer Mauer aus Röhren versteckt hält – das bringt die Zuschauer zum Lachen. Faszinierend auch, wie Mata Castilla den Menschen in seinen Abhängigkeiten präsentiert: In der etwas lang geratenen Episode nach der Pause kommen sich Mann und Frau aufgrund ihrer magnetischen Fixiertheit an der Wand nicht näher. Wogegen sich das Paar in „Grenzen Ich hab Dich“ durch Überlagerung ihrer Inseln nach anfänglichem erheiternden Territorialkampf endlich finden darf.
Gerade die lyrischen Momente sind es aber, die in dieser schön mit vielerlei Musik und Geräuschen – von Klassik bis zu Vogelgezwitscher und indianischen Gesängen – unterlegten Choreografie gefangen nehmen. Das ausgefeilte Spiel der beiden Tänzer in „Ausgedrückte Eindrücke“, in dem der Mann versucht, die den Stoff eines Paravents reliefartig ausbuchtenden Körperteile der Frau zu fassen zu bekommen, wird als poetisches Bild im Gedächtnis bleiben. Ein schöner, sympathischer Auftakt für die Tanztage. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2009

 

 

Getanzter Kampf
Die 12. Regensburger Tanztage zeigen, was der zeitgenössische Tanz zu bieten hat – von Regensburg über die USA bis Afrika.

Regensburg. VON FLORA JÄDICKE, MZ
Man darf sich freuen auf einen spannenden Tanzmonat. Die 12. Regensburger Tanztage vom 6. bis 28. November stehen im Zeichen von Solo-Tanz und Duett. Im Mittelpunkt: das Individuum, nach der Devise „reduced to the max“. Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, stellte das Programm mit mehr als 20 Produktionen an acht Tagen vor.

Noch nicht europäisiert
Neben Tänzern aus Europa, Bayern, den USA, Japan und Kanada werden beim internationalen Tanzspektakel erstmals Choreographen und Tänzer aus Afrika dabei sein. Die Compagnie Salia Ni Seydou stammt aus Burkina Faso und ist die derzeit wohl einflussreichste zeitgenössische Tanzcompany Afrikas. In „Sindi, shut up – C'est a dire“ durchlebt der Tänzer eine „radikal persönliche Selbsterfahrung“ des Erwachsenwerdens. Ein Tanzerlebnis, das noch nicht ganz so „europäisiert“ wirkt wie das vieler anderer Tänzer des schwarzen Kontinents. Krotten-thaler beschreibt es als Begegnung zwischen Tradition und Moderne, das „Antworten gibt auf viele Fragen, die den traditionellen afrikanischen Tanz regelmäßig heimsuchen“.
Nicht minder spannend ist die Auftaktveranstaltung am 6. November mit Nylea Mata Castilla aus Spanien. Sie fiel bereits am Stadttheater Regensburg auf als außergewöhnlich gute Tänzerin. Das Duett mit einem spanischen Partner ist eine von zwei Uraufführungen des diesjährigen Festivals. „Step to Abyss“ handelt vom Leben und vom Tanz. Krottenthaler bescheinigt einer Uraufführung mit Nylea „eine eigene energetische Kraft“.

Zum Tanz gibt's Tanzfilm
Die zweite Uraufführung wird das Ballett Regensburg am 7. November in „Pulcinella – Feuervogel“ von Igor Strawinsky unter der Leitung von Olaf Schmidt tanzen. Eine „atemberaubende Performance“ der „Rootlessroot Company“ verspricht Krottenthaler für den Tag darauf. Ähnliches habe er noch nicht gesehen, kündigt er den symbolischen und physischen, beinahe 60-minütigen Kampf zwischen Mann und Frau auf der Bühne an. „Rootlessroot Company“ stammt aus der Slowakei. Das Duett am 8. November wird getanzt von den Gründern, Jozef Frucek und Linda Kapetanea.
Neben diesen Leuchttürmen wartet die „Internationale Solonacht“ am 22. November mit Künstlern aus den USA bis Portugal auf und die „Tanzszene Bayern – Publikumslieblinge“ präsentieren das Beste aus München, Würzburg und Regensburg. Tanzfilmfreunde kommen am 11. November auf ihre Kosten – auch wenn der traditionelle Zwilling, die Kurzfilmwoche, erst im März 2010 stattfindet. Den Abschluss bildet die „Internationale Aids-Tanzgala“ am 28. November.
Für die Vorstellungen im Theater der Alten Mälzerei und im Theater der Universität gilt ein Kombikartenangebot: zwei Veranstaltungen 10 Prozent ermäßigt, drei 15 Prozent (Büro der Alten Mälzerei, Tel. (0941)788810). Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2009

 

Das Subtile im innovativen Gitarrengewitter
Die Manchester Band Oceansize vereinigt in ihrem Sound die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse.

Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Am Bühnenrand eine Front von vier Männern, die – teils tätowiert, teils bärtig, aber immer in legeren Alltagsklamotten – mit Bass und drei Gitarren in der Alten Mälzerei ein mächtiges Sturmgewitter heraufziehen lassen. Schlagzeuger Mark Heron bearbeitet sein Drumkit wie Animal, der unkontrollierbare Drummer der Muppets. Ein „Wall of Sound“, der den Zuhörer in seiner epischen Länge eher in den wolkigen Himmel davonträgt als ihn gegen eine Wand fahren zu lassen. Musik, die trotz ihrer enormen Wucht die Möglichkeit bietet, sich darin zu verlieren. Subtil unterlegt mit abstrakten elektronischen Klängen, die nur zu Beginn der Stücke klar wahrnehmbar sind, bevor das Gitarrengewitter einsetzt, aber atmosphärisch eben immer präsent sind.
Um die Musik von Oceansize zu erklären, werden überholte Begriffe wie Brit-Rock aus der Marketing-Schublade geholt. Aber Kategorien sind dafür da, um über Musik überhaupt reden zu können. Steht man dann vor der Bühne, ist alles wieder ganz anders. Oceansize kommen aus Manchester, zwangsläufig denkt man da an Joy Division, New Order und natürlich die Rave-Bands der frühen 1990er Jahre, die Indie-Rock mit psychedelischen Klängen und elektronischer Tanzmusik kreuzten. Bands wie Happy Mondays oder The Stone Roses trugen den typischen „Madchester“-Sound hinaus in die Welt und bereiteten Brit-Pop Bands wie Oasis oder Blur den Weg.
Abgesehen von ihren schwer verständlichen Ansagen im „Mancunian Slang“ könnte Oceansize ebenso gut aus den USA, Kanada oder einem beliebigen Land Europas stammen. Die musikalischen Einflüsse sind zahlreich. Die weitschweifigen Flächen vom Prog-Rock treffen auf ungezügelte Energie von Highspeed-Rock oder Hardcore. Mal schreit Sänger Mike Vennart ins Mikro, mal gibt er dadaistische Wortreihungen von sich und dann wieder glaubt man einen zartbesaiteten Folksänger vor sich zu haben. Dass sie nicht zur ignoranten „Wir machen handgemachte Musik“-Fraktion gehören, bekommt ihrem Sound gut, sorgt das elektronische Fundament doch für eine subtil-atmosphärische Grundstimmung. Oceansize gehört zu einer neuen Generation von Rockbands, die althergebrachte Genregrenzen links liegen lassen, um etwas Neues, Eigenes auszuprobieren. Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2009

 

 

Abschiedsbrief neben der Bierdose
„Männerabend“ mit Roland Baisch und Michael Schiller im Kulturspeicher

REGENSBURG. Von Ralf Tautz, MZ
„Nirgendwo ist ein Mann so einsam wie allein in einem Ehebett.“ Der arme Tom hat sichtlich Angst vor der ersten Nacht allein zu Haus, nachdem Heike ihren „Lebensmittelpunkt verlagert“ hat. Tom bleibt nur der „Männerabend“, der Gefahr läuft, langweilig zu werden. Nach dem Dauerbrenner Caveman präsentierten die Schauspieler und Autoren Roland Baisch und Michael Schiller im Kulturspeicher (organisiert von der Alten Mälzerei) ihre Version von der Gefühlswelt eines verlassenen Ehemannes. Ergebnis: „Was wäre der Mann ohne die Frau? Nicht da!“ Eine Erkenntnis, über die ein „Solitary Man“ nur mitleidig lächelt.
„Vom Ehemann zum Pflegefall ist es nur ein kurzer Weg, wenn die Frau weg ist.“ Eine bittere Einsicht für Tom (Michael Schiller), der von einer Geschäftsreise heimkommt, über Umzugskisten stolpert und Heikes Abschiedsbrief im Kühlschrank neben der Bierdose findet. Tom kann's nicht fassen, er hat doch alles für sie getan: anderen Frauen nur noch hinterher gepfiffen, wenn's nicht anders ging, sich von der Schwiegermama küssen lassen, den Müll runtergetragen und im Keller geschlafen, wenn er betrunken war. Toms zaghafte Versuche eines Krisenmanagements sind amüsant, erinnern aber in der Tat sehr an einen Pflegefall.
Also auf geht's zum Männerabend: Aber die alten Kumpels müssen ihre kranken Kinder hüten, gehen nur noch mit ihrer besseren Hälfte aus oder haben Hausarrest. Und die verflossenen Freundinnen sind älter geworden.
Und so bleiben Toms Gedanken wieder bei Heike hängen und die Sache gerät zu einer „Geisterbahnfahrt durch das Wesen Mann“, die tatsächlich ziemlich gruslig ausfallen würde. Aber Gott sei Dank gibt es noch Roland Baisch, der mit viel Klamauk, ein paar krachenden Witzen und skurrilem Humor dem „Männerabend“ ein bisschen Pfeffer in den Hintern bläst. Mit Hut, Django-Mantel und Westerngitarre schleicht er sich als einsamer Cowboy durch Toms Träume oder erklärt als Therapeut in der „Kirche der Hormonen“, wie das mit der Liebe und dem Sex funktioniert. Als DJ lebt er nach dem Motto: „Früher gab's die Lebensgefährtin, dann die Lebensabschnittsgefährtin und heute nur noch die Tagesabschnittsgefährtin“ und als Fitnesstrainer weiß er, dass „die Männer erst kommen, wenn die Frau weg ist“ und er ihnen dann problemlos ein Abo auf Lebenszeit mit allen Extras verkaufen kann.
Mit viel Jammern und Wehklagen hangelt sich Tom derweil durchs Leben, bis er endlich einen Brief erhält. Heike kommt wieder zurück! Ende gut – alles gut: Tom ist wieder glücklich und die Zuschauer verlebten einen recht amüsanten Abend mit ihm. Die Frauen freuten sich über die Hommage an die Weiblichkeit, die Männer freuten sich, dass sie ihre Frau noch haben und der „Solitary Man“ sattelt sein Pferd und reitet in den Sonnenuntergang. Mittelbayerische Zeitung, 20.11.2009

 

Schuld ist die Schilddrüse
Funny van Dannen stellt im Kulturspeicher seine neue CD „Saharasand“ vor.


REGENSBURG. Von Ralf Tautz, MZ
Funny van Dannen gibt den Racheengel, wenn er mit der „Katzenpissepistole“ gegen Charityladies, Hedge-Fonds-Herren, Nazis und Kriegsgewinner ins Feld zieht und sich fragt, was gefährlicher ist: „Rassistische Polizisten oder Saharasand“? Am Donnerstag stellte der 51-jährige Liedermacher und Co-Autor der Toten Hosen sein neues Album „Saharasand“ im Kulturspeicher vor. Wie sollen sich die Menschen in einer komplexen Welt noch zurechtfinden, in der „Terrorismus Arbeitsplätze schafft“ und die „Geiz-ist-geil“-Mentalität Arbeitsplätze vernichtet? Der Buchautor, Maler und Musiker van Dannen beschäftigt sich auf seinem neuen Album mit den aktuellen Krisen bei den Banken, in der Politik und in der Wirtschaft und greift das unterschwellige Gefühl auf, dass unsere Gesellschaft „in einer Katastrophe oder in einem Koch-Event“ endet.

Van Dannens Songs reichen vom Kampflied bis zum unsinnigen Ohrwurm. Er passt in keine Schublade. Er sei kein Prediger, sondern Unterhaltungskünstler, sagt er selbst und bewegt sich damit zwischen Pop-Klamauk, Stimmungsmacher und Protestsänger, der so gerne mal „saugefährlich klingen würde“. Wirklich gefährlich klingt sein Protest allerdings bis auf wenige Ausnahmen nicht. Aber als Unterhaltungskünstler, für den es einfach ist „Gutes zu tun“ (zum Beispiel einen Opel zu kaufen) und der sich gerne mit „Posex und Poesie“ beschäftigt, begeisterte er am Donnerstag das überwiegend junge Publikum, das sich vor der Bühne drängte und am Ende mehr als eine Zugabe forderte.

Van Dannen mischt skurrilen Nonsens mit mehr oder minder hintersinniger Ironie, einige seiner Songs hätten vielleicht das Zeug zum Partyschlager, doch dafür sind seine Texte bisweilen allzu verwirrend. Er tingelt durch die Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins, zum Beispiel der Enttäuschung darüber, dass er zum Geburtstag statt dem Poster von einem Okapi, ein Bild von einem Schabrackentapir bekommen hat. Er gelangt zu der Erkenntnis, dass an allem die Schilddrüsenunterfunktion schuld ist und dass der „scheiß Jugendstil“ letztendlich für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich war. Verstehen muss man das alles nicht. Am besten man folgt van Dannens Rat: Einfach mal die Nebelmaschine einschalten, die Gedanken ausschalten und einen spaßigen Abend mit seinen Liedern genießen. Mittelbayerische Zeitung, 26.10.2009

 

Im Zentrum: Solo und Duett
Zum zwölften Mal: Regensburger Tanztage von 6. bis 28. November


Seit es die Tanztage gibt, hat diese schöne, ausdrucksstarke Kunstform in Regensburg viele neue Freunde gewonnen.

Regensburg. Die Regensburger Tanztage für zeitgenössischen Tanz haben sich zu einer Veranstaltungsreihe mit stetig wachsenden Besucherzahlen und enormer Ausstrahlung entwickelt. Sie haben das kulturelle Leben Ostbayerns um eine aktuelle Kunstform bereichert. Auch mit der zwölften Ausgabe der Tanztage versprechen die Veranstalter vom Kulturzentrum Alte Mälzerei vom 6. bis 28. November an vier Spielorten ebenso mitreißende wie bewegende Beispiele für die Vielfalt und Kreativität der internationalen Tanzszene. Im Fokus der diesjährigen Tanztage steht der Tanz in seinen konzentriertesten Formen, dem Solo und Duett. Zu den Höhepunkten der Tanztage 2009 gehört unter anderem das Gastspiel der RootlessRoot Company aus der Slowakei am 8. November. Ihr international mehrfach ausgezeichnetes Duett "Sudden Showers Of Silence" zeigt einen realen und symbolischen Kampf auf der Bühne zwischen einem Mann und einer Frau, zwischen Leicdenschaft und Schmerz, Liebe und Tod und bietetTanz von atemberaubender Intensität. Die Solotanznacht stellt am 22. November internationale Preisträger aus fünf Ländern vor und mit der Compagnie Salia Ni Seydou ist am 24. November erstmals zeitgenössischer Tanz aus Afrika bei den Tanztagen zu erleben. Salio Ni Seydou stehen für faszinierende Begegnungen von afrikanischer Live-Musik und Tanz, von Tradition und Moderne und stellen dabei die großen Lebensfragen ihres Kontinents - mitreißend, voller Humor und tief berührend zugleich. Informationen zum gesamten Programm gibt es auf www.alte-maelzerei.de. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufstellen und in der Alten Mälzerei, Telefon (0941) 788810. Rundschau Regensburg, 14.10.2009

 

Kritische Texte, fette Beats
„Mediengruppe Telekommander“ sorgt für eine ausverkaufte Alte Mälzerei.

Regensburg. Mediengruppe Telekommander sind in der Altersgruppe der 19- bis 29-Jährigen angesagt – das zeigte sich beim Betreten der Alten Mälzerei. Der Laden ist rappelvoll, man fühlt sich wie im Tropenhaus eines botanischen Gartens. Florian Zwietnig und Gerald Mandl von der Mediengruppe haben für ihre umfangreiche Herbsttournee einen Schlagzeuger aus Hamburg dazugeholt. Zu dritt bewerben sie ihre aktuelle CD „Einer muss in Führung gehen“ – auf dem Cover ist eine Herde Schafe zu sehen. Dies ist als kritischer Kommentar zu unserer hierarchisch organisierten Gesellschaft zu verstehen. Für ihre medien- und konsumkritischen Texte ist die Mediengruppe Telekommander legendär.

Musikalisch bringen sie zusammen, was zurzeit in den Clubs so angesagt ist: Kurze Gitarrenexzesse übernehmen sie aus dem Indie-Rock, fette Beats vom Hip-Hop, einen durchdringenden Bass und ein im Hintergrund knarzendes Elektrogefiepe aus der zeitgenössischen Clubmusik. Die Fachliteratur bezeichnet dieses Soundpotpourri als Elektropunk oder Elektroclash. An Punk erinnert auch der konstant gleichbleibende, agitatorische Sprechgesang der beiden Telekommanders, der auf Dauer allerdings etwas eintönig wirkt. Dass sie das Potenzial zu deutschsprachigen Beastie Boys haben, lässt ein Rap-Stück erahnen. Dankbar tanzend werden die Tracks vom Publikum aufgenommen, die im Techno- oder Electro-Gewand daherkommen. „Kommanda“, das Stück, das ihnen im Jahr 2003 zum Durchbruch verhalf, verwandelt die Zuhörer in eine einzige hüpfende Masse mit begeistert nach oben gerissenen Armen. Nach anderthalb Stunden muss dann aber Schluss sein – der Sauerstoffgehalt der Luft ist aufgebraucht. Fred Filkorn, Mittelbayerische Zeitung, 13.10.2009

 

Langeweile hat hier striktes Hausverbot
Das Kulturzentrum Alte Mälzerei stellt sein vielfältiges Programm
für Herbst und Winter vor.

Regensburg. Von Matthias Waha, MZ
Endlich ist die Sommerpause vorbei, in der Alten Mälze darf wieder gespielt und gerockt werden! Am Montag stellte Geschäftsführer Hans Krottenthaler der Presse das vielfältige Programm für das letzte Jahresdrittel vor. Wert gelegt hat er bei der Planung auf zwei Dreiklänge: Vielfalt, Aktualität und Qualität, dargeboten von regionalen, nationalen und internationalen Größen, das ist die erfolgreiche Philosophie des Kulturzentrums, sagte Krottenthaler.

Besonders der Konzertplan ist gespickt mit Highlights: Station 17, ein Bandprojekt von behinderten und nichtbehinderten Musikern, von Fans und Feuilleton gleichsam gefeiert, feiern heuer ihr 20-jähriges Jubiläum. Ein Klassiker der neueren deutschen Musikgeschichte, die Goldenen Zitronen, stellen ihr neues Album „Die Entstehung der Nacht“ vor und bieten meisterhafte musikalische Opposition. Die Berliner Reggaeband Ohrbooten verspricht einen Abend voll mit „good vibrations“, die Mediengruppe Telekommander eine Live-Show vom Feinsten, die Techno- und Indie-Fans gleichermaßen gefallen wird. La Brass Banda und Jochen Distelmeyer (ehemals Blumfeld) sind weitere Glanzpunkte des Programms. Nicht zuletzt beehrt der großartige Liedermacher und erklärte Tournee-Muffel Funny van Dannen nach zwölf Jahren wieder die Alte Mälze, im Gepäck sein neues Album „Saharasand“.

Um die Bandbreite der gegenwärtigen kulturellen Ausdrucksformen abzudecken, finden sich im Veranstaltungsplan natürlich auch Theater, Kabarett, Literatur und Tanz. Luise Kinseher und Lizzy Aumeier beweisen mit ihren Kabarettprogrammen, dass es auch gute Alternativen zu Monika Gruber gibt. Beim Poetry-Slam können sich wieder Dichter ganz sittsam duellieren. Inzwischen hat sich Regensburg dank dieser Institution zu einer bayerischen Slam-Hochburg entwickelt. Der Dauerbrenner „Caveman“ bekommt diesen Herbst Konkurrenz vom komischen Theaterstück „Männerabend“, das einen witzigen wie wahren Blick hinter die Kulisse des männlichen Wesens verspricht. Das Theater Regensburg wird, zusammen mit dem Jugendtheater Regenbogen, eine dramatische Fassung von Goethes Werther auf die Bühne bringen. Die Mälze ist Koproduzent. Wolf Haas feiert am 29. November ein kleines Comeback mit einer Lesung im Kulturspeicher, hat er doch endlich wieder einen Krimi mit seinem Lieblings-Antihelden geschrieben: Privatdetektiv Simon Brenner. Im November wiederholt sich dann das Festival für zeitgenössischen Tanz bereits zum zwölften Mal. Dieser hochaktuellen Kunstform werde in Ostbayern wohl nirgends sonst eine so große Plattform bereitet, sagte Geschäftsführer Krottenthaler stolz. Mittelbayerische Zeitung, 22.9.09

 

Reich, schön und glücklich: Nein, das ist auch nicht alles!
Theater Orpheus zeigt „Gemischte Doppel“: vergnügliche Ehe-Szenen

REGENSBURG. Von Ralf Tautz, MZ
Leidenschaft und Küsse sollten es sein, wenn ein Paar in die Flitterwochen fährt. Doch was bleibt von einer Liebe, wenn Er nur über die „Kleinigkeiten“ sprechen will, „die jede Ehe in den Abgrund treiben können“: über seinen merkwürdigen Gang, sein Wackeln mit den Füßen und andere Marotten? Mit derlei „Kleinigkeiten“ beginnt das „Gemischte Doppel“, eine Reihe amüsanter Szenen über die Ehe, die das Theater Orpheus noch bis Sonntag in der Mälze zeigt. Wer ist dieser Mensch, mit dem ich Nacht für Nacht das Bett teile, und wie ist er dort hingekommen? Wie ein roter Faden zieht sich diese Frage durch die drei Monologe und sechs Dialoge aus der Feder englischer Autoren, die das Theater Orpheus zu einem vergnüglichen, bisweilen aber auch nachdenklichen Theaterabend zusammengestellt hat. Fast beiläufig, so als würden die Zuschauer auf dem Nachhauseweg mal eben beim Nachbarn zum Fenster hereinsehen, lassen die vier Schauspieler Michaela von Necker, Gabriele Hofmann, Stefan Schropp und Sepp Hobelsberger ihr Publikum an den alltäglichen Auseinandersetzungen von Mann und Frau teilhaben. Einfühlsam und mit hoher schauspielerischer Präzision, bei der jede Geste, jede Betonung stimmt, erzählen sie von unerfüllten Erwartungen und unausgesprochenen Missverständnissen, von Streitereien um des Streitens willen und vom Lachen, das nach 20 Jahren Ehe verloren gegangen ist.

Die Einakter sind ein halbes Jahrhundert alt, aber noch immer aktuell, zumal der unnachahmlich trockene, britische Humor ihnen die richtige Würze verleiht. Gabriele Hofmann und Rainer J. Hofmann (Klavier) vervollkommnen dieses bunte Kaleidoskop des Zusammenlebens mit wienerisch charmanten Chansons über Liebe und Leidenschaft.Es geht um den Streit am Silberhochzeitstag, weil er zu spät nach Hause kommt. Was gibt es schon zu feiern, wenn man nur geheiratet hat, weil es einfacher war, als nicht zu heiraten? Es geht um das alte Ehepaar auf einer Friedhofsbank. Er hat sein Leben lang nur Schuhe gemacht, sie hatte gehofft, er würde Geld machen. Es geht um Tapetenwechsel, Feng-Shui und Engelsessenzen, um die Ehe wieder aufzupeppen, es geht um Alltagsrituale, über die Er und Sie in Gedanken stöhnen, und die sich doch nicht abschütteln lassen. Er hatte ihr Lachen geliebt, aber er hat vergessen, wie er sie zum Lachen bringt. Es geht um die vielen unscheinbaren Keile, die sich zwischen Mann und Frau schieben.Es wären traurige Geschichten, doch wie aus dem Nichts bekommen sie durch ihre feine Ironie eine überraschende Wendung, nämlich die schöne Erkenntnis: Reich, schön, glücklich, ausgeglichen, erfolgreich und verliebt, „Nein, das ist auch nicht alles!“ Mittelbayerische Zeitung, 17.7.2009

„Zarah L. – ohne Kleid“
Des Chansonniers Tim Fischer hinreißendes Gastspiel im Kulturspeicher


Regensburg. Von Thomas Dietz, MZ
In Berlin oder Hamburg, wo Tim Fischer häufig auftritt, füllt er die größten Säle, in Regensburg, wo er selten vorbeikommt, hätte man ihm ein volleres Haus gewünscht. Doch das kundige Publikum im Kulturspeicher (es waren ja immerhin knapp 300) machte an diesem maiwarmen und veranstaltungsstarken Dult- und Muttertagsabend Masse mit Klasse wett und lag dem schönen Künstler zu Füßen, was er auch mehrfach erstaunt und erfreut kommentierte.Ja, Tim Fischer, das ist schon einer für sich. Gewiss, jetzt ist er 36 und der betörende Schmelz seiner Jugend ist dahin, was bei seiner exzessiven Lebensart nicht verwundert. Aber er ist immer noch attraktiv, zumal in dem Programm „Zarah ohne Kleid“, das ihn zu seinen Wurzeln zurückführt: denen des verführerischen Sängers und Parodisten. Vorbei sind die Phasen, wo er, mit gelben hüftlangen Haaren, abgemagert und angeschlagen, seinem Publikum gelangweilt und arrogant gegenübertrat.
Die Zeit der Diven, sagte Tim Fischer mal, sei eh vorbei. Jetzt stünde er nicht mehr betrunken und depressiv am Rande des Abgrunds, nun sei er verliebt und glücklich und wolle das sein Publikum auch wissen lassen. Der „alte“ Tim Fischer ist wieder beim jungen angekommen und zu „seiner“ Zarah Leander, der stets Wodka-seligen Ufa-Schabracke. Zum hellen Entzücken aller Zuhörer lässt Tim Fischer vollendet Zarahs raunendes „rrr“ rollen, ihr zu großes Gebiss schnalzen und selige Erinnerungen herbeiträumen, die sie, als Nazi-Schartheke geschnitten und einsam auf ihrem sechs Hektar großen Gut Lönö schmollend, selber arglos in die Fernsehkameras plauderte. Die Ärmste sei ja viel zu kurzsichtig gewesen, um zu merken, dass sie jeden Morgen mit Dr. Goebbels frühstückte.
Ach, der Abend war eine Wonne: „Nuhrrr nicht aus Liebe weinen“, „Ich weiß, es wirrrd einmal ein Wunder geschehn“, „Davon geht die Wedlt nicht unter“, der unglaublich komische „Stroganoff“-Chanson des genialen Friedrich Hollaender – wunderrbahrr. Erheblich besser als die Original-Zarah führt Tim Fischer das exaltierte Gespreize, laszive Recken, das kokette Lächeln und nervöse Zurechtrücken der schweren Ringe auf den Gichtfingern vor und reizte und trieb sein Publikum in infernalische Beifallsstürme. Der ganze Jubel und die ohrenbetäubend herbeigeklatschten fünf (!) Zugaben, teils mit Claire Waldoff-Songs, galten auch Tim Fischers perfekt-einfühlsamem Pianisten Rainer Bielfeldt (*1964). Es war eine rauschende B(eif)allnacht! Mittelbayerische Zeitung, 11.5.2009

 

Der lustigste Autor weit und breit
Max Goldt las in der zum Bersten gefüllten Alten Mälzerei aus neuen Texten.

Regensburg. Von Thomas Dietz, MZ
Natürlich war es unten in der Alten Mälzerei wieder rappelvoll. Aber das ist immer so, wenn Max Goldt, der lustigste Autor deutscher Zunge weit und breit und überhaupt und der wunderbarste Jäger und Sammler elementarer Alltagskomik, aus seinen Schriften liest. Das Publikum war, bis auf eine Handvoll Ausgenommener, sehr jung und von Bewunderung tief durchglüht.
Die Luft flirrte heiß und feucht, gleichwohl erschien der Meister in einem dicken braunen Winterwollsakko mit unvorteilhafter Heckklappe. Ja, er ist schon ein rechter Pummel geworden und „gut drauf“ war er auch nicht. Zwar signalisieren seine unteren Wangengrübchen und ein winziger Knick an der Nasenspitze ein großes Humorreservoir, aber Max Goldt lächelte gequält und versteckte sich, so gut es halt ging, hinterm Mikrofon. Na, es ist ja auch eine Illusion, dass ein Autor, bei dem man so explosionsartig lachen muss, auch ein glutäugiger, drahtiger Beau war, sei oder bliebe.

Abschweifen, Fadenaufnehmen
Nach einigen belanglosen Regensburgensien hub Max Goldt an, aus unveröffentlichten Arbeiten vorzulesen – also nichts, was schon in einem seiner vielen schönen Bücher steht, die man niemals im Schlafzimmer ins Fach Schlummerlektüre stellen darf, weil man durch krachendes Gelächter bei der Lektüre wieder wach wird.
Aber Max Goldt in persona ist leider nicht der virtuoseste Rezitator seiner Werke auf Gottes Erden. Gewiss, das ist alles schön schräg und absurd und einzigartig und man genießt auch lauschenderweise Max Goldts geniale Strategien des gescheiten Abschweifens und des unverhofft verblüffenden Fadenwiederaufnehmens und, oder, auch -entwirrens. Aber in gedruckter Form und ohne Sprechstimme bieten die Goldttexte unerhört mehr Vergnügen, mehr als die hingebrummelte Frage, ob man denn auch einen Saturn-Lieblingsmond habe (es schwirren droben ja immerhin 62 herum, also sollte sich da schon einer finden), die politisch so ungemein unkorrekte Feststellung, dass der neue Berliner Hauptbahnhof nur ein unseliger Shopping-Glaskasten sei und dass Albert Speer die Jahrhundertaufgabe, einen neuen Berliner Hauptbahnhof zu entwerfen, sicher besser gelöst hätte ... (räusper).

Ein durabler Saughaken
Goldt vermag immer aufs Neue, das große Wesentliche mit dem kleinen Naheliegenden zu verbinden, also praktisch eine unerschöpfliche Osmose des Alltags. So beeindruckt es ihn nicht, dass es in den USA eine Glühbirne gibt, die seit 100 Jahren brennt, wo doch in Goldts Badgemach ein Saughaken klebt, der seit drei Monaten hält – obwohl sein schwerer Bademantel dranhängt! Merken Sie was?
Nein, der Goldt ist schon ein Großer. Seine präzisen Beobachtungen rücken ihn neben Wilhelm Genazinos gedehnten Blick, seine Sprache leuchtet, sie ist präzise, virtuos gewirkt – sensationell komisch, seine Einfälle sprudeln ihm nur so zu. Thank you for the music. Aber gedruckt ist Goldt doch noch besser!! Mittelbayerische Zeitung, 29.4.2009

 

„Man muss nicht ständig fröhlich sein“
KLEINKUNST Gemischte Kost beim „Blickpunkt Spott“

VON ROLAND EBNER, MZ
REGENSBURG. Eines steht fest: Kleinkunst findet nach wie vor ein höchst geneigtes Publikum in Regensburg, ganz unabhängig davon, wie klein oder groß diese schwierige Kunstform ist im Einzelfall. Nun, die Mälze war ausverkauft am Samstag, jedenfalls rammelvoll beim „Blickpunkt Spott“. Und der war angesagt im Rahmen des 14. Internationalen Thrun und Taxis Kleinkunstfestivals. Zweieinhalb Stunden Brettl-Unterhaltung war geboten. Bissig, derb, skurril oder gemütvoll präsentierten sich die „zukünftigen Stars der Unterhaltungsindustrie“. Lob und Dank, Preis und Ehre wurden ihnen dann auch zahlreich zuteil.
Hannes Ringlstetter, Regensburger Kabarettist und Musiker, begleitete am Klavier durch den Abend. Und gab zwischendurch selbst den bestens gelaunten Sängerknaben, der freudig wechselte zwischen esoterischem Flach- und Oberpfälzer Tiefsinn. Der angereiste Fanblock wusste dies zu würdigen.
Weniger bekannt dürften hierzulande „Christoph & Lollo“ sein. Die beiden jungen Wiener „Kabarett-Rocker“ haben sich dem „Spaß- und Scherzterror“ im öffentlichen Raum verschrieben. Das ist nicht zuviel versprochen: Sie langen schon hin musikalisch, beim Fußball genauso wie bei der Revolution. Obgleich sie auch wissen: „... man muss nicht ständig fröhlich sein,/ man kann auch ernst durchs Leben geh'n,/ wie Janne Ahonen.“ Für ihn und seinesgleichen, die Skispringer nämlich, haben sie ein ganz neues Genre erfunden und gleich fortentwickelt: das „Skispringer-Lied“, es soll uns ins Weite führen ...

Dorthin zieht es auch „Nagelritz“ aus Hamburg. Vor maritime Rätsel mit Signalflaggen stellt er sein Publikum gerne. Seemannsmützchen auf dem Schädel, Fähnchen in den Fäusten schaukelt er über die Bühne, gibt Signale und will Antworten: Bei den jeweils richtigen („absaufender Öltanker“ beispielsweise) verteilt er Ahoi-Brause. Das ist lustig, wird dem Mann aber nicht ganz gerecht: Von seinen Nagelritz-Ringelnatz-Liedern mit Akkordeon-Begleitung hätte man sich mehr gewünscht.
Ausschnitte aus seinem aktuellen Soloprogramm „endlich“ bot der Stand Up-Comedian Sven Kemmler aus München. Um biblische Eigentümlichkeiten geht es dabei und um Religion überhaupt. Auch Kemmlers Vorfahre William erfährt Würdigung „als erster Mensch auf dem elektrischen Stuhl“. Und dann ist da noch die Frage nach dem „Haltbarkeitsdatum“ von Joghurt und zwischenmenschlichen Beziehungen ...
Als “Linzer Strizzis“ wollen die beiden Herren „Blözinger“ für „Aufklärung sorgen in Österreich“. Auch in der Mälzerei sind sie dieser an sich löblichen Absicht treu geblieben. Zu diesem Behuf formten sie sich aus Luftballons primäre Geschlechtsteile, die dann – oh Wunder! – doch wieder zu einem Blümchen transformierten, das seinerseits alsbald heftig bestäubt wurde von einem Bienchen. Diese erstaunlichen Metamorphosen fanden ein höchst dankbar-ästimiertes – vor allem weibliches – Publikum. Gelacht wurde jedenfalls viel. Mittelbayerische Zeitung, 31.3.2009





Vor dem weißen Blatt sind alle Dichter gleich
POETRY SLAM Der Poeten-Wettstreit ist eines der letzten großen Abenteuer – für Fans von Literatur und Intelligenz

VON SUSANNE WIEDAMANN, MZ
REGENSBURG. Gleich zu Beginn hämmert Moderator Rayl Patzak den 14 Teilnehmern die Spielregeln für den Poetry Super Slam im Rahmen des United Comedy-Festivals ein: „Der Poet, sein Text, sein Körper, seine Stimme, sonst nichts!“ Gefordert ist Textkunst pur von jeweils maximal fünf Minuten Dauer. Worauf Patzak und Ko Bylanzky akribisch achten.

Ausverkauft ist die Mälze. Kein Wunder: Poetry Slam ist eines der letzten echten Abenteuer. Jeder kann sich mit Selbstgetextetem präsentieren. Egal, ob versierter Autor oder 15jährige Literaturelevin, ob wütender Anarchist oder Liebeslyriker romantischster Prägung. Das Publikum weiß nie, was kommt. Auch heute reicht das Repertoire von Versuchen bis zur hohen Kunst. Viel Amüsantes ist darunter, wie Thomas Spitzers Spiel mit den Klischees in der Uni-Mathecaféte, Ludwig Stubers Miniaturen über Rentner, Tauben und eine Maus im Bierglas oder die Zeit-Ergüsse von Karsten aus Hamburg: „Wenn man eine Eintagsfliege ist, braucht man kein Schaltjahr und hat jeden Tag Geburtstag.“ Ausgesprochen witzig ist der erste Teil von Kai Stoppels „Murphy's Law“, in dem die Spinne Murphy die diplomatische Zurückhaltung des Ich-Erzählers gnadenlos ausnützt und mit einer besoffenen Spinnen-Partygesellschaft die Wohnung seiner Freundin verwüstet. Leider ist die Story zu lang: Abpfiff! Das Publikum muss auf's Ende warten.

Andere Poeten ergehen sich in Tiefgründigem. Wie die junge Slamerin Jessica Plap, die mit Germany's-Next-Top-Model abrechnet, oder die junge Rapperin Simona Santoro. Sowohl Witzig-Skurriles als auch Ernstes wissen die Slamer der Premium-Klasse aufzugreifen. Stefan Abermann aus Wien zeigt in einem grandios ausgearbeitetem Text einen Weg aus dem Datenmissbrauchs-Dschungel. Nils Rusche malt in einer Art Horrorelegie die Weltbedrohung durch intrigante Tauben an die Wand.
Zurecht liegen Clara Nielsen aus Bamberg und Philipp Scharrenberg aus Stuttgart in der Gunst des Publikums ganz vorne und dürfen sich den Sieg teilen. Ihre Geschichten sind inhaltlich raffiniert und mitreißend und dabei stilistisch – vor allem bei Clara Nielsen – allerfeinste Poesie. Ihr Text über die 180-Grad-Wendung einer Ent-Liebten ist eine Perle der Slamkunst. Und ihr Abschiedstext einer Lebensüberdrüssigen ist sehr berührend.
Philipp Scharrenberg ist ein Poet des lauten Trommelwirbels und der unglaublichen Vielfalt. Seine Antwort auf die Frage „Wo kommen die kleinen Dichter her?“ in fünf Akten ist die wortreiche Ode eines Besessenen an die Literatur, vergnüglich und doch reich an Erkenntnissen wie: „Vor dem weißen Blatt sind alle Dichter gleich.“ Mittelbayerische Zeitung, 31.3.2009

 

Erotische Verlockungen aus dem Kamera-Stativ
Splitternde Plastikbecher machen ein Wahnsinns-Geräusch: Peter Shubs hinreißendes Gastspiel in Regensburg

Regensburg. Von Thomas Dietz, MZ
Jetzt werden sich viele ärgern, die sich am Samstagabend nicht aufraffen konnten, den grandiosen Clown Peter Shub im erfreulich vollen Kulturspeicher zu erleben. Es war ein wundervoller Abend mit vielen leuchtenden Augen im Publikum und bedeutenden Eindrücken. Kaum ein Komiker, Pantomime, Schauspieler (wie man den Kalifornier auch nennen mag) narrt unsere Phantasie so genial wie er, kaum einer lässt mit so wenigen Requisiten so starke Bilder entstehen und verblüfft uns auf so lustige, poetisch-verstörende Weise.

Motte trifft Kerze und – pffft
Peter Shubs Nummer mit dem unsichtbaren Hund ist ein Klassiker. Der zieht nämlich das Herrchen schnüffelnd über die Bühne – nur, dass Shub seinen Phantomhund kurz vergisst, als er mit Leine und leerem Halsband in der Hand auf seine Armbanduhr schaut. Das quietschende Fotostativ, mit Shubs weichem Trenchcoat und Hut eingekleidet, wird sogleich zur aggressiven Bedrohung (und schlägt zu!) oder auch zur erotischen Verlockung, der man mal verstohlen die Beine spreizt. Und kaum hat sich das Publikum eingelacht, erobert sich Shub die Position des Dirigenten mit Gefuchtel wie „Presto“ und „Silentium“.
Man wird einem Feuerwerk an kühnen Scherzen ausgesetzt, ob's nun die choreografische Beschneidung eines Basilikumtopfes ist oder ob Shub seinen Korkenzieher mit der Pistole bedroht, der sogleich beide Arme hebt.
Überhaupt geht es im ersten Teil ohne oder mit ganz sparsam eingesetzten Worten zu. Da wird ein zitterndes Viecherl in einem Schuh „eingeschläfert“, den der Komiker grad dem Rezensenten abgenommen hat oder eine Klopapierrolle mit einem Laubgebläse ins Publikum geschlängelt. Dass sie nach der Pause wieder akkurat aufgewickelt an der Rampe stand, brachte den Vollprofi Peter Shub fast um die Fassung – wir sind halt in Germany.
Übrigens dürfte die Nachfrage nach transparenten Plastikbechern heute gewiss anziehen, nachdem uns Shub vorführte, welch charmante Geräusche es macht, wenn man einen solchen unter der Achsel zerdrückt. Auch die getanzte Kurzgeschichte „Motte und Kerze“ erschreckte das Publikum trotz des ja wohl eindeutig zu erwartenden Endes zutiefst.
Wie sich Peter Shub unserer Phantasie bemächtigt, beweist die leere Bühne zu Beginn des 2. Teils, als er seinen Auftritt kunstvoll hinauszögert, was zu einzelnen, ekstatischen Lachern führt, die wiederum weitere Lacher provozieren. Das ist große Kunst – von der runtertrainierten Andeutung zur totalen Reduktion! Alle Bilder finden im Kopf statt, was ja ohnehin sein großer Verdienst ist: Auf einer leeren Bühne steht halt mehr rum als in einer üppigen Dekoration.

Er winkt und winkt und winkt
Und der Schluss dieser Vorstellung war bewegend... Nach einigen Zugaben erhob sich das Publikum zögernd und wollte sich auf zum Ausgang machen. Aber Peter Shub stand vorn an der Bühne und winkte zum Abschied, und winkte und winkte. Das löste eine solche wehmütige Irritation aus. Wie geht man damit um? Flüchten oder Standhalten? Es nahm kein Ende. War's ein Gruß an seinen Sohn Luca, der 2001 im Alter von vier Jahren in Hannover von einem Kunstwerk erschlagen wurde? Diese Geschichte musste man nicht einmal kennen. Die Phantasie spielte uns zum Ausklang nochmal einen Streich. Thank you. Mittelbayerische Zeitung, 23.3.2009

 

Schauriges vom Lande
Nepo Fitz eröffnet grandios „United Comedy“


Regensburg. VON FLORA JÄDICKE, MZ
Sie toben, klatschen, pfeifen und jolen. Sie wollen ihn nicht gehen lassen. Nepo(muk) Fitz stellt bei der Eröffnung des 14. Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals „United Comedy“ die Alte Mälzerei gründlich auf den Kopf. Schlachtenklänge dröhnen durch den Saal. Kaum eine Ritze ist noch frei. Mit verschränkten Armen steht er auf der Bühne. Im Dunkeln. Dann geht das Licht an. „So das war's“.
Nicht ganz, denn er legt erst richtig los. Rotzfrech. Gerade mal 27 Jahre alt und ein ausgezeichnerter Musiker und Sänger. Einen Moment braucht er, bis er auf Touren ist und all die Fragen beantwortet, die man sich als Heranwachsender in Eggenfelden stellt. Zwischen chronisch kindischen Erzieherinnen und gewaltbereiten Hip Hopern auf dem „Real Parkplatz“. „Pimpftown – wie werde ich ein Mann“ ist sein erstes Soloprogramm. Und Fitz lässt keinen Zweifel aufkommen. Auf Rückenwind von Mutter Lisa Fitz kann er gut verzichten.
Seine Parodien von Rappern und hirnentleerten Fitnessmonstern sind gnadenlos direkt und zum Gruseln komisch. Man möchte all die kleinkarierten, beschränkten Kleinstadttypen, die er zwei Stunden lang aufs Korn nimmt, für reine Übertreibung halten. Für ausgemacht gute Schauspielerei. „Aber die gibt es wirklich“, sagt er. So entkommt er ihnen nirgends, auf seinem Weg zum Mann. Weder in der Kita, noch auf dem Realparkplatz oder bei der Wahl zwischen Sparkassenjob und „Fensterputzer bei Siemens“.
Da bleibt nur die Flucht nach Amerika. Nepo will Rockstar werden. Statt in New York landet er in einem 500- Seelen-Nest und bei der Erkenntnis: „Landleben ist überall gleich.“ Bisweilen schaurig. Wenn Typen mit Goldkettchen und „totgefärbte Blondinen“ die Überhand gewinnen. Aber immer zum Schießen komisch, wenn der Funke Wahrheit im Publikum zündet.
„Pimpftown“ ist temporeich, rücksichtslos und bestes Musikkabarett, preisgekrönt zudem: Passauer-Scharfrichterbeil, Erster beim Thurn-und-Taxis-Kleinkunstwettbewerb und nun auch der „Paulaner-Solo“. Wenn Nepo Fitz so weiter macht, gehört er bald zu den ganz Großen. Wirklich klasse! Mittelbayerische Zeitung, 8.3.2009


Laut und sperrig
„Blackmail“ bringen ordentlich Gitarrenschmackes in die Alte Mälzerei.


Regensburg. Von Wolfgang Weitzdörfer, MZ
Independent-Rock, also quasi den schmuddeligen, rotznäsigen Bruder der Popmusik, hat sich die Koblenzer Band Blackmail seit über zehn Jahren und fünf Alben auf die Fahnen geschrieben. Und genau diesen gedachte man dem willigen Publikum mit ordentlich Gitarrenschmackes und jeder Menge Drumpower um die Ohren zu hauen. Auf dass eben diese mal wieder so richtig durchgepustet würden! Ein gewisser dissonanter Charme wohnt dem Indie-Rock zumeist inne, ist quasi sein Markenzeichen. Anders jedoch als beim Jazz, bei dem die Blue Notes immer noch geschmeidig wirken und eigentlich ja doch irgendwie immer an der richtigen Stelle platziert sind, ist es gerade das Sperrige, Krachende, Laute und Unebene, das Songs wie das grandiose, beinahe majestätisch-erhabene „False Medication“ zu kleinen songwriterischen Perlen macht. Man bekommt die tonale Dissonanz eben nicht häppchenweise präsentiert, sie wird einem in der Vorratspackung mit dem Vorschlaghammer in die Gehörgänge gejagt. Auf der Tour präsentierte die Band den Rock-Hungrigen ein exklusives Songpaket: die nur auf dieser Tour verkäufliche EP „The Mad Luv“ zeigte die ganzen Stärken der Band dann auch in Songs wie „Speedluv“ oder dem melancholischen und etwas ruhigeren „The Good Work“ eindrucksvoll auf: Melodien, die sich ganz nonchalant ins Gehirn fräsen; Melancholie und Wut; und doch in sich logische Strukturen, die von einer enormen songwriterischen Klasse sprechen. Man wundert sich schon bisweilen, warum diese Band nicht längst bei den ganz Großen mitmischt. So ist sie keinen Deut schlechter als die manchmal offensichtlich durchschimmernden Vorbilder, die Waliser „Manic Street Preachers“. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so, schließlich kann man die Band so in der intimen Atmosphäre eines kleineren Clubkonzerts genießen.
Als Support hatten die Koblenzer sich die Dänen „The River Phoenix“ geangelt, die stilistisch gut zu Blackmail passten, auch wenn man in Songs wie „Wheel Drive“ oder „Kittens“ ein bisschen weniger brachial zu Werke ging. Das Publikum wurde Zeuge eines ganz besonders intensiven Abends. Mittelbayerische Zeitung, 15.12.2008



Aberwitzig und skurril
Die Talente von „Fastfood“ gastierten in der Alten Mälzerei.


Von Wolfgang Weitzdörfer, MZ
Improvisationstheater, das ist ein bisschen wie die folgende Situation: man steht gespannt über einem Wildtiergehege, verliert plötzlich das Gleichgewicht, liegt im nächsten Augenblick unten – und wartet dann darauf, was die Löwen aus dieser neuen Situation machen… Nun, lange nicht so gefährlich, dafür umso spaßiger, aber auch anspruchsvoller ging es in der Mälze zu. Drei Schauspieler und ein Musiker präsentierten das Programm „Best of Impro“. Dass dessen Auszeichnung mit dem Publikumspreis der Bayerischen Theatertage mehr als nur gerechtfertigt ist, zeigten die vier Ausnahmetalente von Anbeginn des unterhaltsamen Abends.
Mit einer Art „mentalen Uri-Geller-Trainings“ versuchten sie sich auf das Publikum einzustimmen, das den Improvisationslöwen dann auch gleich die ersten Begriffe, respektive Fleischbrocken, hinwarf. Dass die Künstler aus „rot“, „Hammer“ und „Geige“ eine gut zehnminütige Szene aus dem Hut zauberten, ließ die Augenbraue des Kritikers zum ersten von vielen Malen im Verlauf des Abends respektvoll nach oben wandern und ihn anerkennend mit der mentalen Zunge schnalzen. Ohne sichtbares Nachdenken oder gar Unsicherheit schlüpften die Künstler sofort in die jeweiligen Rollen und improvisierten Aberwitziges, Skurriles und einfach nur Lustiges. Man mochte manchmal kaum glauben, dass wirklich alles ganz spontan im Augenblick entstanden sein sollte. Beeindruckend! Außer ein paar Stühlen gab es keinerlei Requisite, so dass die Schauspieler, unterstützt von ihrem Kollegen an der E-Gitarre, bzw. am Klavier, die Kulisse mit Geräuschen, Mimik und Gestik auf die Bühne zauberten. Wahrhafte Allrounder!
Und wenn man es tatsächlich schaffen kann, nur aus einer aus dem Publikum gereichten Taschenlampe die gut zwanzigminütige Geschichte von Edgar Schleimer zu entwickeln, der die irrwitzigsten Abenteuer erlebte, dann bleibt als einziges Fazit nur noch: die Löwen waren wieder einmal überaus einfallsreich … Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2008



„It's getting better!”
Blondie Chaplin in der Alten Mälzerei

Von Wolfgang Weitzdörfer, MZ
„It's getting better!” – es wird schon noch besser, das ist im Falle Blondie Chaplins bestes britisches Understatement. Rückblende: Blondie Chaplin betritt nur mit Akustikgitarre und Palästinenserschal angetan die Bühne der Mälzerei, um vor seinem Konzert mit der Rockhouse-Monsters-Band um Judy Seutter erstmal ein halbes Dutzend Songs alleine darzubieten. Diese liefern Zeugnis über Chaplins enorme Fähigkeiten als Singer/Songwriter ab. Nur dass der Herr Musiker mit sich selbst wenig zufrieden war, ergo oben genannter Ausspruch, der sich auf seine angegriffene Stimme bezog. Nur war davon nicht wirklich etwas zu merken. Chaplin und seine Gitarre waren eine emotionale Doublette höchster Qualität, so dass diese knapp zwanzig Minuten hautnaher Zerbrechlichkeit beinahe den Schnee vor der Mälze schmelzen ließen.

Doch dann wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Meint: Der Nagel war, man verzeihe den emotionalen-Ausbruch, einfach nur geile Rockmusik. Die Köpfe hingegen waren Blondie Chaplin und die Rockhouse-Monster-Band. Und die zimmerten den Nagel so dermaßen nachhaltig ins Holz, was wohl in dieser Analogie das Publikum wäre, dass dem einen oder anderen durchaus die Augen feucht wurden. Den knapp 200 Anwesenden war zwar nicht zum Heulen, dies darf jedoch keinesfalls als Negativum gewertet werden. Im Gegenteil, Songs wie „Nutbush City Limits” im Original von Tina Turner oder „Lovepower”, „Sail On Sailor” und „Changes” zeigten eine sichere Einheit auf der Bühne, auf dessen Oberhaupt Mr. Chaplin thronte, locker solierte, Rhythmusgitarren beisteuerte und sich über seine zweifellos astreinen Vocals keine Gedanken machen musste. Also war eher Jubeln, Feiern und amtliches Abrocken angesagt!

Als dann der Stones-Klassiker „As Tears Go By” in einer rockigen, souligen, lebendigen Version – subjektiver Eindruck: so viel besser als das fast schon depressiv-destruktive Original – dargeboten wurde, ging dem Rezensenten ein – vielleicht – gewagter Gedanke durch den Kopf: Das Dargebotene hatte Aufforderungscharakter, war quasi das „Yes, we can!” des Obama'schen Wahlkampfs auf die Metaebene eines Clubkonzerts gehievt. Zuviel? Vielleicht. Aber ein unglaublich intensiver Abend war es in jedem Fall gewesen. Mittelbayerische Zeitung, 25.11.2008




Über allem thront der russische Bär
Russkaja legt in der Alten Mälzerei die russische Seele offen.


Von Wolfgang Weitzdörfer, MZ
Krachende Gitarren, pumpender Bass, polterndes Schlagzeug, ein Rhythmus hoppelt flink wie ein Kaninchen über die Bühne, darüber liegen dicke Schichten Saxophon und Trompete, die eine famose Liaison mit der Violine eingehen, ehe schließlich der Gesang dazukommt, mal melodisch-schön, beinahe schmeichelnd, dann wieder knurrig-knarzend, als hätte man den Sänger beim Auskurieren eines mächtigen Katers gestört...
All das und noch viel mehr ist Russkaja, eine Bande von sieben Vollblutmusikern, die es mit ihrem hochenergetischen, musikalisch einzigartigen Gebräu schaffen, ein Tanzgebot zu erlassen, dem man sich nicht zu entziehen vermochte.
Im Namen steht das Programm quasi geschrieben: „Russ” steht für die russische Seele, das russische Feuer. Mit „Ska” wird die musikalische Marschrichtung vorgegeben, in diesem Wort schwingt Tempo, Begeisterung, Lebensfreude mit. Schließlich das „Ja”, denn ein „Nein“ wird nicht akzeptiert.

Die Band, deren Ursprünge in Wien liegen, obwohl sich in ihren Reihen alle möglichen Nationalitäten tummeln, legte energiegeladen und bis in die Haarspitzen motiviert los – mit einem geradezu rekordverdächtigen Bewegungspensum. Die schon erwähnte russische Seele zeigte sich besonders in den melancholischen, beinahe klagenden Melodien, die Antonia-Alexa Georgiew auf der Violine mit viel Gefühl hervorzauberte. Doch sie zeigte auch, dass sie genauso gut zu rocken verstand wie ihre männlichen Kollegen. Überhaupt war das Zusammenspiel sehr gut, das Bläserduo trieb zusammen mit der Rhythmusgruppe den Beat gnadenlos und traumwandlerisch sicher voran. Die melodieführenden Instrumente hatten eine enorm breite Spielwiese, auf der sie sich solistisch austobten. Und darüber thronte der russische Bär, Georgij Alexandrowitsch, der seine russischen Texte mal zähnefletschend-böse, dann über das ganze Gesicht strahlend interpretierte. Eigentlich ja Österreicher, doch durch seinen Geburtsort Moskau immerhin mit genügend Authentizität gesegnet.
Die knapp 200 Besucher honorierten die Aufforderung zum Tanz mit dankbarem Schütteln sämtlicher Extremitäten, einem Zucken quasi von Kopf bis Fuß und lautstarkem Jubel und Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2008


Tanz als Erweiterung der Möglichkeiten
Neue Perspektiven und choreographische Aspekte zum Abschluss

REGENSBURG. Von Harald Raab, MZ
Nennen wir den Abschluss der Regensburger Tanztage mit dem „Tanzprojekt 3Generationen“ nicht nur einen Höhepunkt. Das Wort ist zu abgegriffen. Da hört ja auch nichts auf, es fängt vieles erst an. Impulse wurden gegeben und erfahren, Netzwerke geknüpft. Tanz ist Erweiterung der Möglichkeiten, ist kulturelle Zukunft. Da ist noch vieles drin. Wie groß ist das Potenzial des Projekts ist, das von dem früher in Regensburg wirkenden und nun in Paris lebenden Ballettpaar Bettina Frahm und Dieter Gössler initiiert und von Alexandra Karabelas organisiert wurde, bewies die mit geradezu frenetischem Beifall bedachte Aufführung im Velodrom. Eine Portion des Beifalls kann sicher auch Tanztage-Manager Hans Krottenthaler für sich verbuchen.

Hinreißende Verschmelzung
Bühnentanz muss nicht zwangsläufig eine Hommage an den Jugendwahn, auch den der überdrehten postbürgerlichen Gesellschaft sen. Bettina Frahm und Dieter Gössler tanzen nicht ihrer großen Zeit der furiosen, technisch komplizierten und temporeichen Pas de deux hinterher. Nostalgie ist ihre Sache nicht. Nicht dem, was war, sondern das was ist und was noch sein kann, geben sie ruhig, poetisch mit souverän großen, aber auch filigranen Figuren und Bewegungen Ausdruck. Sie haben im Tanz etwas zu zeigen: Es ist die Würde ihrer Körper, deren Begegnung im Momenten des Leids, der Hoffnung und er großen, gereiften Gefühle. Klassisch unterfüttert bleibt ihr ganz eigener Stil mit raumgreifenden Schritten, weitem Armeinsatz und hinreißendem Verschmelzen der beiden Körper in Hebungen und Drehungen. Zwei Menschen – ein ganzer Kosmos des Lebens.

Nicht vom Popdiktat vorgestanzte Äußerungen der vermarkteten Jugendkultur, sondern eigene Gefühle, in Bewegung transportierte Erfahrungen, Ängste, Emotionen: das war im „3Generationen“-Abend der erstaunliche Beitrag der jungen Nichtprofis aus dem Goethe-Gymnasium. Ein Kompliment dieser Schule: Wo Platz für so viel Kreativität ist, dort ist Bildung und Erziehung in guten Händen. Angeleitet von Hedwig Schenk und Anna Maria Schmidt haben die acht Tänzerinnen und Tänzer in eigenen, ihnen gemäßen und damit ehrlich-artifiziellen Bewegungen und Körperkonstellationen ihre Botschaft von Freundschaft, erwachender Sexualität, Lebenslust und –frust auf die Bühne gebracht. In den Bildern und Figurenerfindungen wird nichts nachgeäfft, da ist die eigene Phantasie mit erstaunlicher Technik und Präzision zugange. Eine bemerkenswerte Leistung von Liesa Gläß, Adrian Hajak, Michael Mayer, Hedwig Schenk, Anna Maria Schmidt, Johanna Schmidt, Chiara Steinhardt und Martin Wax.

Halb Tanz, halb Tanztheater
Was sich schon länger abgezeichnet hat, wurde in dieser Produktion Gewissheit: Alexandra Karabelas von der „Tanzstelle R“ ist ein Choreographie-Talent mit beachtlich kreativen Potenzen. In ihrem Beitrag – die Nöte der Machergeneration und den Irrsinnsblödsinn ihrer Psychotrainer persiflierend – zeigt sie einen geradezu überbordenden Pool von Bewegungs- und Spielideen. Hergebrachtes Schritt- und Bewegungsmaterial reizt sie unkonventionell bis zum Gehtnichtmehr aus – und setzt immer noch einen drauf. Halb Tanz, halb Tanztheater: die Bühne wird zum Austragungsort des Absurden. Es ist eine Lust, den ausdrucksstarken Tänzerinnen Nylea Mata Castilla, Kerstin Portscher und Kilta Rainprechter in technisch komplexer schneller Interaktion mit den Tänzern Sebastian Eilers und Wolfgang Maas bei der wilden Jagd durch den Dschungel ihrer Phobien, Ticks und Zwängen zu folgen.

Fazit: Mit diesen Regensburger Tanztagen ist eine neue kreative Dichte erreicht. Alexandra Karabelas und ihre tanzstelle R führen mit all den anderen Tanzkunst in neue Dimensionen. Mittelbayerische Zeitung, 2.12.2008




Zeichen und Spuren – eine Tanzgala der Extraklasse
Olaf Schmidt, Chef der Regensburger Compagnie, hat ein Programm auf internationalem Niveau zusammengestellt.


REGENSBURG. Von Harald Raab, MZ
Ein wunderbarer Abend – ein bedrückender Anlass: die Aids-Tanzgala – zum sechsten Mal in Regensburg. Der Triumph des Körpers gegen das Diktum seines Verfalls. Leben gegen Tod. Verhütung statt Ansteckung. Ein Trotzalledem gegen Resignation, Solidarität gegen Vereinzelung. Das Theater Regensburg tut gut daran, nicht nur aus humanitären Gründen zum internationalen Aids-Tag den Tanz ins Zentrum künstlerischer Bemühungen zu stellen. Wie kein anderes Medium ist Tanz existenzieller Ausdruck des Lebens – seine Beschwörungsformel schlechthin. Und: Bühnentanz in Regensburg ist überregional vernetzt und braucht einen Qualitätsvergleich nicht zu scheuen.

Große tänzerische Momente, beglückend, berührend, faszinierend, am Samstagabend im Velodrom. Kraft der Bewegung, ihre Leichtigkeit, die Bandbreite ihrer Kreativität: All das wurde dem Publikum auf hohem Niveau geboten. Olaf Schmidt, der Ballett-Direktor des Regensburger Theaters, hat ein internationales Programm von Format zusammengestellt. Die Gruppen und Solisten waren ganz ohne Gage gekommen. Die Sprache des Tanzes ist international. Der Horizont dafür weitet sich mit eben solchen Angeboten wie an diesem Abend, durch den Zazie de Paris – assistiert von Olaf Schmidt – moderierte, mit 'nem Glitzerhauch von großer weiter Welt des Bühnenscheins: bei Maurice Béjart im Ballett, mit Peter Zadek bei den Salzburger Festspielen, in einer Regie von Werner Schroeter am Berliner Ensemble.

Brasilien und Tanz – jenseits von folkloristischen Klischees ist in der spannungsgeladenen Gesellschaft des südamerikanischen Landes Tanz ein Überlebensmittel, unterschiedliche Stile und Traditionen adaptierend. Die Begegnung von Körper und Musik ist hier ein sehr elementares Ereignis. Die Tänzer des „Studio3 Cia. de Danca“ aus Sao Paulo überzeugten damit in Regensburg. Von der großen Tanzshow als Hommage an Dalida bis zu einer Schwanensee-Variation: Die Truppe ist mit einer Bewegungsenergie, mit kinästhetischer Intelligenz, mit akrobatischer Einsatzbereitschaft ausgestattet, die staunen macht.

Bewegte, bewegende Skulptur
Kann man den Pas de deux aus dem zweiten Schwanensee-Akt überhaupt noch tanzen, ohne sich in der Kitschfalle von Porzellan-Tanznippes zu verheddern? Eine Choreographie von Anselmo Zolla, dem „Studio3“-Direktor, beweist, dass man zarte Poesie, Wehmut und Liebesverlangen sehr glaubwürdig mit eigenem, nicht unbedingt sehr neuem Tanzvokabular gestalten kann. Dialektik zwischen Romantik und Realität gelingt dem Ausnahmetanzpaar Beth Risoleu und Gustavo Lopez. Das Zusammenspiel der Körper wird zur finalen Vereinigung. Erzählt wird durchaus noch in klassischen Strukturen, aber in einer heutigen, sehr natürlichen Bewegungssprache.

Überhaupt die Pas de deux – oder Duette, wie die sich immer mehr im aktuellen Tanz durchsetzende Bezeichnung heißt – da waren Spitzenleistungen zu besichtigen. Allen voran die Choreographie des neuen Nürnberger Ballett-Chefs Goyo Montero. Sein Duett „Amor dov‘è la fe“ mit der Musik von Claudio Monteverdi wurde von Mathilde van de Wiele und Carlos Lázaro Aquillué mit solcher lyrischer Selbstverständlichkeit getanzt, dass man in ihren Bann geschlagen war. Die Körper gleiten aneinander, ziehen sich an, werden zu einer bewegten, bewegenden Skulptur. Technik, Interpretationskraft und Bewegungskoordination der beiden sind kongenial aufeinander abgestimmt.

Aber auch die beiden Pas de deux, die das Regensburger Ballett mit Choreographien von Olaf Schmidt beigesteuert hat, fallen im Niveau dagegen nicht ab. Voll sinnlicher Eleganz Sandrine Cassini und Israel Alves mit ihrem Duett aus „Hundert Jahre Einsamkeit“. Souverän und ausdrucksstark Sara Leimgruber und Wallace Jones als Orlando und Schelmerdine aus dem Ballett „Orlando“. Auch hier harmonisch-kraftvolle Formgebung in kompliziert-expressiver Virtuosität.

Ballett kann auch anders, signalisiert Gauthier Dance aus dem Theaterhaus Stuttgart. Es kann fröhlich sein und sich selbst auf den Arm nehmen. Anja Behrend zählt mit Witz und schalkhafter Clownerie die klassischen Positionen einer Tänzerin durch und erfindet gleich noch eine ganze Latte dazu mehr. Eric Gauthiers Choreographie zählt das klassische Exercise, die Mutter allen Bühnentanzes, mit Selbstironie und Tempo aus. Wieder einmal Gast bei der Aids-Tanzgala: Joao Roberto Souza aus Brasilien. In kreativer Anverwandlung modernen japanischen Ausdruckstanzes lädt er sich zur Musik von Andrew Lloyd Webber die Verantwortung für den Fortbestand allen Lebens auf seinen Rücken: ein einsamer Herkules unter der Last der Welt.

Olaf Schmidts Choreographie „La Valse“, die im Oktober Uraufführung in Sao Paulo hatte, gehört zweifellos zu den spannenden Höhepunkten der Gala. Sieben Tänzer der Sociedade Masculina geben ihrer Ausweglosigkeit, die in Aggression mündet, in einem Krieg der Körper verzweifelt Ausdruck. Sie tanzen mit und gegeneinander, Körpereinsatz immer voll Stoff. Abrupte Bewegungssequenzen. Power in der großen Formation der Ängste, subtile Gewalt in der Zweierbeziehung der Figuren. Ein Gegenkonzept zum Walzer von Maurice Ravel. Das Zusammenspiel der Leiber ist hart orchestriert. Der Tanz der Männer setzt atavistische Zeichen im Raum. Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2008



Der Mensch als ein Gefangener
Die „Solotanznacht“ mit Preisträgern des Stuttgarter Festivals


Regensburg. Von Gabriele Mayer, MZ
Ins Programm „Solotanznacht“ drängen jedes Jahr die „Tanztage“-Fans, denn hier bekommt der Besucher mit den aktuellen Preisträgern des internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart mehrere thematisch und choreographisch hochrangige, junge Konzepte zu sehen. Doch die Erfahrung lehrt auch, dass die Tänzer einer Generation, und die wechselt alle zwei, drei Jahre, sich sehr ähnlich auf der Bühne bewegen.

Dem Programmheft entnimmt man, dass es bei allen Solisten um Fragen der Angepasstheit des Einzelnen an feste Normen geht, um innere und äußere Zwänge, um Haltungen, die vorgegebenen Mustern folgen und um das mögliche Herausschälen des Individuums aus diesen Korsetten. Um die Bestimmung des eigenen Ich also kreisen die Stücke. Und mehr noch um die Determiniertheit des Menschen und seines Körpers, wo keine Freiheit mehr zu sein scheint. In dieser choreographischen Ausrichtung mögen sich die prekären gesellschaftlichen Verhältnisse ausdrücken, aber auch die gerade aktuellen Debatten in Hirnforschung und Psychologie.

Die Entwicklung des Tanzes als Ausdrucksmedium geht dabei bei den fünf Solisten in die gleiche Richtung. Die typische Tanzfigur ist nicht die großräumige Bewegung auf der Bühne, sondern die binnenhafte Konzentration auf den Körper, der sich zu spastischen Formen verrenkt: zur Verdrehung der Finger und Hände oder der Arme auf dem Rücken, zum schrägen Ineinanderfallen der Beine, zum einseitigen, verwackelten Herauskehren der Hüfte. Das ist virtuos eingebaut in einen überrollenden, außerordentlich komplexen Bewegungsablauf.

Bei Sabine Prokop aus Österreich entsteht der Tanz aus schluckaufartigem, eruptivem Zittern des Rumpfes. Dazu die Grimassierung des Gesichts: Ist es ein Niesen, das sie herauspresst oder der Schrei der zugerichteten Kreatur, erinnernd an Gemälde von Francis Bacon? Bei der Ungarin Csilla Nagy steht das Puppen- und Roboterhafte im Vordergrund der Bewegung, die bisweilen stockt, als wäre der Mechanismus defekt. Eine Tanzpüppchen im roten Rock, das minimalen Raum beansprucht und sich nicht traut, mehr zu sein. Schön und eigenartig.

Der gequälte Mensch, den Ran Ben Dror aus Israel faszinierend verkörpert, kommt nicht vom Boden weg, als wäre er ein Tier. Die Schwedin Anne Schmidt inszeniert sich im Spotlicht als Erfolgsmodel mit tausend Posen, die ihr Körper drauf hat. Das Licht geht immer wieder aus, der optische Nachhall bleibt noch kurz im Zuschauerauge, doch die Zeit läuft weiter und mit ihr der Körper und sein Verfall. Unglaublich schnell dreht sich Shang Chi Sun aus Taiwan. Er tanzt auf der engen Bahn eines schmalen Lichtstrahls: genau, aggressiv, kreativ, und vor allem unberechenbar wirkt diese Figur. Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2008



Tanz den Stilmix mit der Lederhose
Der komplex gemischte Auftritt der „Tanzregion“ in der Alten Mälzerei


Regensburg. Von Gabriele Mayer, MZ
Auch in diesem Jahr boten die „Regensburger Tanztage“ regionalen Tänzer(innen) wieder eine Plattform, um sich vorzustellen. Die Französin Marie-Aude Ravet aus Regensburg sitzt in Geisha-ähnlicher Kleidung und Haltung am Boden. Das kann nicht funktionieren, denkt man. Die Kopie des Original-Outfits ist zu mangelhaft, um daraus Reiz und Gewinn ziehen zu können. Doch siehe da, zur passenden Musik fängt die Geisha an sich plötzlich in den verschiedensten Ausdruckstilen zu bewegen. Die Übergänge funktionieren. In fließender oder nur antippender Bewegung gleitet sie von einer zur anderen Form. Befreit, mit fliegenden Ärmeln und weiten Röcken gelingt es ihr, das Unvereinbare zwanglos zu verbinden. Die wehenden Tücher sind ein Symbol für Wasser und verstärken die gleitende Bewegung.

Berenika Kmiec (Regensburg) spielt mit Stöckelschuhen einsam auf der Klaviatur der weiblichen Rollen. Bis sie alles ablegt und mit verdecktem Gesicht am Boden kauert. Da hat sie nichts mehr, außer sich selbst – und das ist ein starker Moment. Der Auftritt von Eva Eger (Regensburg) ist vielleicht am ehesten das, was man freien Tanz nennt. Er wird anmutig präsentiert, doch klebt sie zu sehr an vorgegebenem Formenrepertoire. Nach der Pause betritt Barbara Schmid aus München zugekleistert mit allerlei Plastiktüten um Kopf, Rumpf und Beine die Bühne. Sie lässt sich einschüren und lässt sich gehen, und befreit sich dabei zu ästhetischen Formen von hinreichend komplexer Struktur. Dann endlich einmal ein Mann auf der Bühne: Hannes Härtl (München) kauert im Anzug am Boden und wirkt irritiert und fremdbestimmt. Schließlich rafft er sich mit einer männlich-tänzerischen Sprungkraft auf, von der man gern noch mehr gesehen hätte. Am Schluss kommt in urbayerischer Lederhose als Stilmix-Requisit das SETanztheater/Steffi Sembdner aus Nürnberg: „Nathalie“ heißt ihr Stück, bei dem sie dem Publikum eine Person vorstellt und dann wieder unkenntlich macht, Widersprüche und Absurdes schick verbindet und eben nicht auflöst. Insgesamt bestand die problematische Tendenz des Abends darin, dass die einzelnen Choreographien zu viel an starken, abstrakten und allgemeinen Botschaften vermitteln wollten, was nur einengt und sozusagen ungelenk macht und wofür auch die Kapazitäten nicht da sind. Besser wäre es, etwas Konkreteres, Einfacheres mitzuteilen. Mittelbayerische Zeitung, 18.11.2008

 

Die Revolution der Frauen
Die Kompanie Déjà Donné bringt „A Glimpse of Hope“ auf die Bühne und erhält viel Beifall.


Regensburg. Von Gabriele Mayer, MZ
Die Geschichte der Frauenbewegung der vergangenen fünfzig Jahre ist eine Erfolgsgeschichte. Frauen können, dürfen und sollen alles, was Männer auch können, dürfen und sollen. Die Frau ist frei: zu jedem Beruf, zu jeder Lebensform. Schuld am Elend der Frauen sind die patriarchalen, unterdrückenden Männer. Das war der Tenor der Bewegung. Mittlerweile haben die Frauen hierzulande alles erreicht, was sie wollten. Und jetzt?

Die zwei Männer auf der Bühne des Uni-Theaters sind bestenfalls willige Helfer, die schnell wieder abtreten müssen. Der ironische Tanz durch die Frauenbewegung spielt auf gestelzten, rangierbaren Stahlgerüsten mit bunten Vorhängen, auf denen die vier Tänzerinnen sich ausnehmen wie auf gemütlichen Balkonen eines italienischen Mietshauses, wie im Schaufenster eines Bordells, wie im Käfig einer Singlewohnung oder im verträumten Jungmädchenzimmer. Neckisch Vorhang auf, Vorhang zu. Man darf mal zusehen oder auch nicht bei diesen Spielen auf der Bühne der weiblichen Selbstinszenierungen. Präzise und doch befreit, feinsinnig beobachtet und doch innovativ, so entfaltet sich dieses Tanztheater zu rasender Musik.

Die Bewegung der Tänzerinnen beginnt mit Figuren, die burschikose Mädchen-Straßencliquen der 50er mit grimmigen Punkergirlies verkuppeln. Sich fallen lassen wie ein Stein. Dann Aufgefangenwerden von den anderen. Vertrauensgesten oder Selbstmordversuche? Freundinnen oder Konkurrentinnen? Frauen wie Marlin M. und Pipi L. tänzeln zwischen Kung Fu und Ballett und vielem mehr. Frech und verliebt in sich selbst bei einem dahinsausenden und verwickelten Spiel der auseinanderstiebenden Gesten und jener Attitüden, wie es sie nur zwischen Frauen gibt. Erstaunlich vertraut, erfrischend komplex und leicht wirkt das alles. Da zeigt sich die darstellende Kunst des genauen Zitierens und seiner ästhetischen Montage und produktiven Verwandlung. Dann Fahnen- und Parolenschwenken. Da ist sie endlich, die Revolution, bei der die Bewegung am Boden der Bühne ankommt. Doch im Kreis dreht sich alles. Und dann? Doch wieder ins Körbchen hinauf. Die eine als Cowboy-Girl, die andere als brave Braut, die Dritte in süßem Höschen und Mieder.

„Ich will in Las Vegas heiraten“ lautet der letzte, absurde Satz. Nachdem die Frauen die Männer domestiziert haben, wollen sie doch lieber alles andere wie vorher, wollen auch noch den sicheren Hafen, den guten Liebhaber und den erlösenden Prinzen. Sehr zynisch also ist das Stück des international erfolgreichen italienisch-tschechischen Duos Simone Sandroni und Lenka Flory und ihrer Kompanie Déjà Donné. Begeistert war das Publikum von der Bühnenshow „A Glimpse of Hope“, die so leichtfüßig einen bösen Spiegel vorhielt. Mittelbayerische Zeitung, 12.11.2008

 

Pulsierende Körper setzen Zeichen, die jeder versteht
BADco. aus Kroatien: Eine Kooperation der „Tanztage“ und der „donumenta“ im Uni-Theater


Regensburg. Von Gabriele Mayer, MZ
Das junge Künstlerkollektiv BADco. aus Zagreb legt seine Stücke als „work in progress“ an. Nichts ist endgültig, alles ist in Bewegung: Kommunikation mit der inneren und äußeren Erfahrung. In dem Maß, in dem sich das Umfeld ändert, und das tut es in jedem Moment, wandeln sich auch aber der Ausgangspunkt und die Geschichte. Im Viereck sitzen die Zuschauer um den Bühnenboden herum, der durch weiße Markierungsbahnen unterteilt ist. Ein Tänzer (Pravdan Deviahovic) schnippt mit dem Finger und sucht mit den Augen, sucht im Gewirr der leeren Bühne seinen Weg und seine Form – zum fortlaufenden Rhythmus von Beethovens 7. Sinfonie. Eine Frau in Weiß (Nikolina Pristas) kommt hinzu. Nähert sich bisweilen auch den Zuschauern. Und stößt sich dann wieder ab. Immer wieder fängt sie auf dieselbe Weise an zu hüpfen, als Auftakt. Und formuliert mit ihrem pulsierenden Körper verschiedene Variationen eines Ausdrucks, einer Schrift, eines Tanzes. Beide Personen berühren sich gelegentlich. Doch die Gesten, auch wenn es bei beiden dieselben sind, scheinen eine unterschiedliche Bedeutung zu haben.

Haben all diese Bewegungsabläufe eine innere Bezüglichkeit, ist es eine runde Sache? Die Tanzenden haben eine Empfindung, eine Vorstellung, aber eben auch gewisse formale Begrenzungen und Einschränkungen, um sie darzustellen, und alles ist zudem in Bewegung. Einmal zieht der Tänzer seine Schuhe aus, wobei es ihm schwerfällt mit den Strümpfen auf die für ihn passende Stelle des Bodens zu treten, es gibt Regeln, die nur er kennt, und nur bestimmte Stellungen sind ihm erlaubt. Die Zuschauer folgen gespannt dem Spiel der Formulierung einer passenden und zugleich allgemein verständlichen kommunikativen Sprache bei diesem tastenden Setzen von Zeichen mit dem unmittelbarsten Medium das wir haben: dem Körper.Vielleicht ist das oft faszinierende moderne Tanztheater deshalb keine wirkliche Massenveranstaltung geworden, weil sein Formenrepertoire sich immer wieder sehr individuell neu bildet. Der Zuschauer, der es entziffern muss, kann nur auf wenige Schemata zurückgreifen. Und bleibt oft orientierungslos. Bei BADco wird das Problem des Ausdruck-Findens, des Verbindlichkeit-Findens zum eigentlichen Thema der Inszenierung.Auch die erste Choreographie des Abends mit Ana Kreitmeyer und Nicolina Pristas war geprägt von dieser gewissen, präzisen Unausgegorenheit der Tanztechniken und -elemente. Man könnte auch sagen, es bleib bei einer gewissen Natürlichkeit. Das wiederum rief die Zartheit der Bewegung hervor, ein Tasten, ein Berühren. Lücken und Freiheit. Ein Pointillismus, wie man ihn selten sieht. Dem Betrachter wurde nichts aufgezwungen, kein Drama, keine gespreizte Zuspitzung. Die Kleidung der Tänzerinnen waren weiß: wie das Nichts, wie das unbeschriebene Blatt, wie der schwierige Neuanfang immer wieder. Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2008

 

Körperkunst – und doch immer Tanz
Die Regensburger Tanztage behalten bei aller Moderne den Tanz als Bewegung und Emotion im Blick. Start ist am Samstag mit der Party „AuVtakt“.

Regensburg. Von Susanne Wiedamann, MZ
Tanz ist Bewegung: Eine Binsenweisheit? Die vergangenen Jahre lehrten, dass unter zeitgenössischem Tanztheater alles Mögliche verstanden wird und alles Erdenkliche möglich ist. „Es gab in den letzten zehn Jahren ganz unterschiedliche Tendenzen. Tanz als Bewegung auf der Bühne war teils verpöhnt,“ sagt Hans Krottenthaler, Initiator der Regensburger Tanztage, die – zum elften Mal – von 25.Oktober bis 30.November über die Bühne gehen. Zehn Veranstaltungen des Regensburger Festivals werden nun belegen, dass Tanz in erster Linie mit Bewegung zu tun hat, und das nicht nur mit der äußerlichen, körperlichen, sondern auch mit der Bewegung im Inneren, der Emotion, aber auch mit der des Geistes, des Verstands, der Kritikfähigkeit.
Vorgeschaltet ist den Tanzevents erstmalig „Auvtakt“, die „Party als Kunst“ am kommenden Samstag. Inhaltlich voll auf die Tanztage zugeschnitten sorgen Top-DJs wie Acid Maria zu Visuells von „Blink and Remove“ für Audio und Video im Takt.

Erfolgreiche Konzeption Das Tanzfestival, das am 2. November mit dem Auftritt der kroatischen Tanzgruppe „BADco“ so richtig beginnt, folgt der erprobten und erfolgreichen Konzeption und bringt doch auch Neues. Erstmals gibt es mit „Mein Schweineleben“ des Setanztheaters ein reines Kindertanzstück zu sehen. Eine feste Einrichtung der Tanztage ist die Präsentation eines Stücks aus Osteuropa. „Wir sind eines der wenigen Tanzfestivals, die konsequent den Blick nach Osten lenken. Und das lohnt sich!“, betont Krottenthaler. „In Kroatien gibt es eine sehr reiche Auswahl von sehr gutem Niveau.“ Außergewöhnliches verspricht er für den in Kooperation mit der donumenta veranstalteten Abend mit „BADco“. „Das ist feinsinnige Bewegungsforschung.“ Teil des Konzepts ist die Präsentation von Internationalem neben Regionalem, von Weltklassetänzern und -ensembles neben jungen Talenten, von Abstraktem neben Klassischem, Sozialkritischem neben Verspieltem.

Die italienische Compagnie „Déjà Donné“ begeisterte 2006 das Publikum mit einem enorm druckvollen, tänzerisch exzellenten und dramaturgisch aggressiven, gesellschaftskritischen Stück. Waren damals nur Männer auf der Bühne, so zeigen diesmal Tänzerinnen die Welt aus Frauensicht in „A Glimpse Of Hope“ (am 10.November). „Déjà Donné, das ist ein sehr physisches, körperbetontes Tanztheater ganz eigener Art“, sagt Hans Krotten-thaler. „Ein schöner Farbtupfer“, die pure Bewegungsfreude sei dagegen bei dem brasilianischen Tanzensemble „Studio 3 Cia. De Danca“ zu erwarten, das auf Einladung des Regensburger Ballettchefs Olaf Schmid zum Festival kommt und auch zur Aids-Tanzgala einen Programmteil beisteuert.

Zwei Mal Solo-Tanznacht International geht es auch bei der Solotanznacht zu, die wiederholt wird. Zu erleben sind die Preisträger des Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart Shang Chi Sun (Taiwan), Csilla Nagy (Ungarn), Sabine Prokop (Österreich), Ran Ben Dror (Israel) und Anne Schmidt (Deutschland). Der Solo-Tanz spielt auch in der „Tanzregion“ eine Rolle, in der nicht nur die Oberpfälzer sondern auch Bayerische Tänzer und Ensembles ihre Werke teils als Premiere präsentieren. Aus Regensburg sind Marie-Aude Ravet, Berenika Kmiec und Eva Eger mit neuen Arbeiten zu sehen. Ein Wiedersehen gibt es mit Barbara Schmid aus München, die lange in Regensburg lebte. Außerdem sind Hannes Härtl aus München und das Setanztheater von Steffi Sembdner aus Nürnberg mit von der Partie.

Spannendes gibt es auch zum Schluss des Festivals: Das Tanzprojekt 3 Generationen. Nach einer Idee von Bettina Frahm und Dieter Gössler, die lange am Theater Regensburg wirkten, führt das Projekt unter der Leitung von Alexandra Karabelas und begleitet von Tanzpädagogin Kilta Rainprechter junge, erwachsene und reife Tänzer unterschiedlicher stilistischer Herkunft in neuen Choreografien zusammen. Mittelbayerische Zeitung, 21.10.2008

 

Drei Generationen tanzen ihre Gefühle
Dieter Gössler und Bettina Frahm initiierten ein wunderbares Projekt

REGENSBURG. Von Harald Raab, MZ
Regensburg – eine Tanzstadt? Der Weg dazu ist noch weit. Der Tanz gehört hier jedoch zu den innovativen, experimentierfreudigsten Kultursparten: Das Theaterballett mit seinem wie ein Titan arbeitenden Chef Olaf Schmidt. Die Tanztage, die seit elf Jahren inspirierend wirken, engagiert betreut von Hans Krottenthaler. Und dazu die freie Szene, in der Alexandra Karabelas mit der TanzstelleR anspruchsvolle Choreographien einbringt. Die Tänzerin und Tanzpädagogin Kilta Rainbrechter mit ihren Leistungen ist der beste Beweis, dass man sich in Sachen Bühnentanz in der Region nicht zu verstecken braucht. Sie ist mit Sicherheit neben Eva Herrmann die ausdrucksstärkste und handwerklich Perfekteste der Regensburger Tanz-Community und sie bemüht sich obendrein, Tanzbegeisterung in die Schulen zu bringen. Und auch darin ist der Tanz in Regensburg vorbildlich, weil atypisch für das Kulturdilemma dieser Stadt: Alle arbeiten zusammen. So kommt es zu fruchtbaren Synergieeffekten.

Wenn vom 2. bis 30. November wieder die Regensburger Tanztage über die Bühne gehen, dann kommt dieser Aspekt im besonderen Maß zum Ausdruck. Ein eigenes Tanzprojekt führt drei Generationen von Tänzerinnen und Tänzern zusammen. Die Idee stammt von Dieter Gössler und Bettina Frahm, Alexandra Karabelas besorgt die choreographische Verlinkung, betreut auch choreographisch eines der drei Elemente des Projekts, und Kilta Rainprechter zeichnet dafür verantwortlich, dass Schüler des Regensburger Goethe-Gymnasiums ihren Part dazu beitragen können. Drei 20-Minuten-Stücke in einem großen Spannungsbogen. Frahm und Gössler, aus der klassischen Bühnentanztradition kommend, zeigen schon seit etlichen Jahren, dass Tanz keine Domäne der Jugend sein muss. Ausdrucksstärke kennt keine Altersbegrenzung. „Gehen und Bleiben“ ist ihr Beitrag getitelt. Sie befragen die Rollen von Frau und Mann in ihren Beziehungsgeflechten. Der pas de deux als Ausdrucksraum wird von ihnen sensibel zum immer wieder überraschenden Dialog meisterhaft genutzt.

Für die mittlere Tänzergeneration – zwischen 28 und 40 Jahren – lotet Alexandra Karabelas choreographisch das Lebensgefühl in der „Rush-Hour des Lebens“ aus. Sie begreift Tanz – und choreographiert analog – als „Akt des Denkens und als „sinnlich-narratives Bühnenereignis“. Es tanzen: Kilta Rainprechter, Kerstin Portscher, Wolfgang Maas und Sebastian Eilers. Und schließlich die jungen Leute, sie erproben in eigener chorographischer Arbeit die Bewegungs- und Begegnungsmöglichkeiten ihrer Körper. Was sind die richtigen Schritte in einem selbstbestimmten Leben? Wieviel Individualität darf, wieviel soziale Einordnung muss sein? Zuerst studiert jede der drei Generationen ihren Part ein. Danach entstehen Übergänge, eigene Antworten auf die tänzerischen Formulierungen der jeweils anderen. Dreimal die Sicht auf elementare Herausforderungen des Lebens, dreimal Reaktionen – vor unterschiedlichem Erfahrungshorizont. Die 11. Regensburger Tanztage stoßen damit in eine neue Dimension vor. Aufführung am 30.November, 20Uhr, im Velodrom in Regensburg. Mittelbayerische Zeitung, 18./19.10.2008

 

 

60 Live-Acts, 30 mal Party und Disco
Das Kulturzentrum Alte Mälzerei bietet in der kalten Jahrezeit ein vielfältiges Programm.

Im Herbst- und Winterprogramm der Alten Mälze an der Galgenbergstraße finden sich altbekannte Gesichter, große Namen und viele Highlights. Rund 60 Live-Acts und 30 Party- und Discoveranstaltungen stehen bis zum Jahresende auf dem Programm. Die Organisatoren halten sich dabei an den Dreiklang Vielfalt, Aktualität und Qualität.
Der erste Konzert-Höhepunkt des Jahres ist der Auftritt der Punk-Rockband "Donots" am 30. September. Das neue Album der erfolgreichen deutschen Musiker wurde von der Fachpresse mit Vorschusslorbeeren überhäuft. (...) Im Genre Kabarett setzen die Veranstalter auf das Politische Kabarett. Mit dem jungen Wilden Mathias Tretter am 31. Oktober und dem Großmeister Matthias Deutschmann am 7. November ist beide Male intelligente Unterhaltung auf höchstem Niveau geboten.

Natürlich sind auch die modernen Klassiker der Regensburger Theaterkultur wieder dabei. Das "Fastfood Improvisationstheater" bringt am 27. September die Lachmuskeln durch Spontaneität und Schlagfertigkeit in Bewegung. "Caveman" (26./27.9.) und sein weiblicher Gegenspieler, "Cavewoman" (17./18.10.) zeigen wieder Höhen und Tiefen des Geschlechterkampfes. Neu hingegen ist "Deaf Caveman" am 29. Oktober, die Gebärdensprache-Adaption der Kult-Comedy. (...) Ein weiterer Höhepunkt des Programms ist die sog. spoken word performance des Schauspielers André Eisermann ("Kaspar Hauser", "Schlafes Bruder") am 4. Oktober. Er rezitiert und verkörpert dabei Goethes "Die Leiden des Jungen Werther", unterstützt von Jakob Vinje am Klavier. (...)

Ab Herbst wird es in der Mälze auch zwei völlig neue Veranstaltunsgreihen geben. Zum einen am 20. Oktober: "Magic Monday" - eine Mischung aus Zauberei, Theater und Comedy. (...) Zum anderen gibt es am 25. Oktober eine audiovisuelle Clubnacht: "AuVtakt" steht für Audio und Video im Takt. VJs und Videokünstler bespielen den Raum mit Größen der elektronischen Musik, frei nach Andy Warhols Motto "Party als Kunst".

Selbstverständlich finden auch heuer wieder Regensburger Tanztage statt, inzwischen in der 11. Ausgabe. Das Festival für zeitgenössischen Tanz bietet an zehn Terminen (25. Oktober bis 30.November) bewegende Beispiele für die Vielfalt und Kreativität der internationalen Tanzszene. (mwa) Mittelbayerische Zeitung, 20./21.9.2008