PRESSE/TEXTE
Sommernacht mit Dichterwettstreit
Beim Saisonfinale des Mälzeslams beeindrucken Poeten mit hoher Qualität der Texte
Peter Pavlas
„Ich bin die Lösung für alles!“, verspricht Poet Konrad Moritz, um sich gleich selbst als Blender zu outen. Am Ende entschied das Applausometer. Moderator Ko Bylanzky sprach bei der „Champions League“ des Poetry Slam den Sieg Jana Gollar, Marc Bobzin und Konrad Moritz zu gleichen Teilen zu.
Wird im Himmel gerappt? Slammt Sankt Petrus? Die Veranstaltung „Best of Poetry Slam“ wäre beinahe dem unsicheren Wetter zum Opfer gefallen, doch dann fielen nur wenige Tropfen auf das Publikum im voll besetzten Thon-Dittmer-Hof. Die Wortgewitter fanden auf der Bühne statt.
Ein Treffen mit der „Champions League des beliebtesten Literaturformats unserer Zeit“ hatte Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei als Veranstalterin zum Saisonfinale versprochen. Ko Bylanzky moderierte den Abend. Den eröffnete die Singer-Songwriterin Anna Sluk an der Gitarre gefühl- und kraftvoll mit „Time to say goodbye“. Vier junge Vertreter des Genres stellten in zwei Durchgängen ihre selbst verfassten Texte vor. Thema und Format konnten frei gewählt werden. Ein Zeitlimit erhielten die Künstler diesmal nicht. Interessant war ihre jeweilige Herangehensweise an ihr Sujet.
Reale Besserung? Wäre eine Illusion
Marc Bobzin aus Leipzig begann den Reigen mit Betrachtungen zur Gender-Gerechtigkeit. Sind Männer benachteiligt, weil sie keine „Man-struation“ haben? Können frei verkäufliche Penis-Stöpsel nebst Gratis-Rasierschaum Gleichberechtigung bewirken, oder schafft die Sitzheizung im Audi erfolgreiche männliche Verhütung? In einem berührend-poetischen frei vorgetragenen Rap widmet er sich seiner noch nicht einmal gezeugten Tochter Eliane und ermutigt sie zu einem frohen, selbstbestimmten Leben.
Jana Gollar aus Wipperfürth berichtete im Stil einer Comedienne von ihren Therapie-Sitzungen bei Gabriele. Diese hat einen Nebenjob im Supermarkt und ist mindestens so schräg drauf wie ihre Patientin. Rund um die Milchtüte entspinnt sich ein Dialog. „Nein, Sie brauchen sich für nichts zu entschuldigen!“ heißt es im schönsten Sozialpädagogen-Sprech. Und überhaupt seien Jana jetzt alle Gefühle absolut gleichwertig.
Konrad Moritz, Hamburger Stadtmeister, erklimmt mit „Platzpatronen“ die Meta-Ebene: „Ich bin die Lösung für alles, mit meinen Texten bringe ich Söder dazu, grün zu wählen, und Weidel zieht deswegen in die Schweiz.“ Aber in Wirklichkeit sei er bloß ein Blender, Anti-Nazi-Texte lese er nur, wenn keine Rechten im Raum seien. Reale Besserung? Wäre eine Illusion. „Wer bin ich?“ zweifelt er weiter. Ist es männlich, Probleme durch Kraft schneller zu lösen als der Verstand es zulässt? In seine klugen Analysen baut er zum Gaudium des Publikums spontan das Glöckchen ein, das zwei Mal in dieser lauen Sommernacht im Arkadenhof bimmelt.
Bauch, Beine, Po
Den Werkzeugkasten der Literaturwissenschaftlerin öffnet Anna Richter aus Freising und nimmt sich den besonders dümmlichen und seichten Song einer Shirin David zum Body-Maxxing vor, „Bauch, Beine, Po“. Amüsant die Deutung, warum Shirin zu spät zum Pilates kommt. Ist das Gebrabbel im Song das Geräusch aus dem T-Shirt, wenn jemand ohne BH joggt? Und sie bekennt selbstironisch, warum sie „Adults-only“ Hotels bevorzuge.
Ein Slam ist ja ein Wettbewerb, und da müssen Sieger her. Dem Rezensenten wäre es schwer gefallen, eine oder einen zu küren. Zu unterschiedlich waren die Vorträge, aber immer qualitätvoll. Die vor einigen Wochen im Audimax beim Bayern-Entscheid präsentierten Texte unterschieden sich nicht substantiell von denen der „Champions“ am Haidplatz. Per Applausometer erkannte Moderator Bylanzky die Preise, einen Dombrowsky-Büchergutschein und die traditionelle Flasche Crémant aus dem Discounter, zu jeweils gleichen Teilen Marc, Jana und Moritz zu. Mittelbayerische Zeitung, 19.7.2026
Die Company war bei den Regensburger Tanztagen zu Gast
Tanzmainz übersetzt Clips in Körperkunst: spektakulär gut und ziemlich verstörend
Marianne Sperb
Höher, schneller, weiter: „Trailer Park“ surft durch die Welt von Gamings und Clips, extrem präzise und rasend schnell. In der Beliebigkeit der Szenen findet sich keine Botschaft und keine Geschichte - aber viel Suchtpotenzial.
„Welcome to the internet“, singt US-Musiker Bo Burnham und schmeichelt: Alles, was dein Gehirn sich vorstellen kann, findest du hier! Moritz Ostruschnjak hat die Einladung ernst genommen. Er zog sich Clips und Posts rein und studierte, wie die Flut der Bilder in unsere Gehirne, Körper und Bewegungen einsickert. Das Ergebnis ist die Choreografie „Trailer Park“, jetzt von acht Mitgliedern der Company Tanzmainz am Staatstheater Regensburg aufgeführt: spektakulär gut und ziemlich verstörend.
Tanzmainz, das gefeierte Ensemble am Staatstheater Mainz, arbeitet unkonventionell. Die Truppe erarbeitet sich prinzipiell mit Gastchoreografen ihre Abende. Zuletzt studierte der israelische Star Sharon Eyal mit der Company ihr Stück „Promise“ ein; in den Genuss kamen die Regensburger bei den Tanztagen 2024. Jetzt also „Trailer Park“, wieder im Rahmen des ambitionierten Festivals, das Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei kuratiert, nun allerdings zeitversetzt: Weil das Theater den reservierten Termin Ende 2025 nicht halten konnte, zog die Vorstellung in den Juni 2026 um.
Die Company suchte sich Clips und kopierte die Bewegungen
Das Internet liebt den Tanz, genau wie Moritz Ostruschnjak. Der Choreograf, der international aufmischt, fing als Sprayer an, fand zum Streetdance und war Tänzer, bevor er auf Choreografie fokussierte. Die Company in Mainz ließ er nach Clips suchen und die Bewegungen kopieren. An die 600 Filmchen waren schließlich der Fundus, aus dem „Trailer Park“ schöpft.
Die fünf Tänzer und drei Tänzerinnen tragen knallbunte Sportkluft, krass mit Logos gepflastert. Sie sehen aus wie Kunstfiguren aus der Welt des Gamings und sie bewegen sich auch so: abgehackt, roboterhaft, quirlig, Handgelenke und Finger geknickt, der Gang wie von Androiden, rückwärts, vorwärts, dann wieder die Fäuste gereckt, die Zunge herausgestreckt. Manchmal gefrieren die Körper, vom Lichtkegel gebannt, zum Standbild, aber das sind nur Momente, die dem Publikum eine kurze Atempause im rasenden Wirbel der Szenen schenken. Die Company tanzt maximal präzise und und im extremen Tempo; in Regensburg hat man das selten, wenn überhaupt gesehen. Im Theatersessel denkt man ständig: Ui! und Aah! und fragt sich: Wie machen die das, ihr Bein kreisen zu lassen, als wäre der Oberschenkelknochen aus seiner Gelenkpfanne genommen, oder in die Luft zu steigen, wie von unsichtbaren Fäden gezogen?
Gesten und Grimassen zitieren eine Gesellschaft, die zunehmend sprachloser wird und sich in Emojis verständigt, eine Generation, die im Moment aufgeht, als gäbe es kein Morgen. Alles nur Spiel, alles nur Zeitvertreib.
Lullaby auf einem Bett aus Dosen für Energy-Drinks
Höher, schneller, weiter: Schlag auf Schlag wechseln die Episoden mit der Musik. Harte Beats treffen auf Techno, auf Röhren wie von einem Motor auf Endstufe, auf Schredder-Sound, und zerhackte Stimmen. Schlager sind eingestreut, sogar mittelalterliche Klänge spult das Band ab. Ein Lied beteuert: „Im fine“, mir gehts gut, auch wenn jeder weiß, das ist Lüge. Eine zarte Stimme spielt auf früh verheizte Hollywood-Kinderstars an. Die Sehnsucht benennt ein Tänzer, der wie ein Fakir auf einem Bett aus Dosen für Energy-Drinks liegt und das melancholische „Somewhere over the Rainboy“ singt. Aber schon geht es weiter, zur nächsten Szene. Wisch und weg.
Fürs Publikum ist „Trailer Park“ herausfordernd; ständig wird es in andere Welten geworfen. Es findet in all der Beliebigkeit keine Botschaft und keine Geschichte, so wenig wie die Clips im Netz sie bieten. Aber genau wie beim Scrollen und Klicken: Man wird schnell süchtig und wünscht sich, das möge nicht enden. Tut es aber natürlich doch: mit der Queen-Ballade „Who wants to live forever“ – und frenetischem Jubel. Mittelbayerische Zeitung, 24.6.2026
Mit Frank Spilker, dem Kopf der Band
Ein perfektes Popkonzert: Die Sterne im Regensburger Thon-Dittmer-Hof
Peter Geiger
Die Hamburger Band spielte ihre Signature-Songs - und Titel aus dem neuen Album „Wenn es Liebe ist“. Da fließen auch krautrockige Töne in die Musik ein.
Wie die wichtigsten Attribute lauten, die die Sterne kennzeichnen? Zunächst „Hamburger Schule“ – also jene lose Bewegung von Bands aus der Hansestadt, die textlich an die Neue Deutsche Welle anknüpfte und sich musikalisch an allem, was sich als „independent“ und tanzbar begriff, orientierte.
An zweiter Stelle aber rangiert schon: „Diskurs-Pop“. Vor 30 Jahren – da waren die Sterne in der Alten Mälzerei und im Villapark Dauergäste in Regensburg – war das der letzte Schrei. Weil damit klar war: Man geriert sich zwar politisch in der Tradition der Band Ton Steine Scherben. Aber nicht im simplen Sinne von „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Sondern: reflektiert und augenzwinkernd. Und dabei immer so bedeutungsoffen, dass auch die mitkonnten, denen purer Agitpop zu platt war.
„So hell noch – gar nicht so richtig mein Biotop!“
Frank Spilker, Sänger und Texter der Sterne, entlarvte auf ironische Weise falsches Denken, indem er ins Mikro deklamierte: „Ich lass den Handwerker kommen, der mir den Kopf repariert, hallo Lexikon, erklär mir, wie das funktioniert!“ Das war eine Urschreitherapie, um große Begrifflichkeiten wie „Authentizität“ in Frage zu stellen. Oder – im Jahrzehnt vor Wikipedia – ein Update des Kant’schen Diktums. Aufklärung heiße nichts anderes, als immer wieder aufs Neue den Ausbruch zu wagen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit und die Grundfragen menschlicher Existenz immer wieder neu zu formulieren, vor dem Hintergrund des jeweiligen Zeitgeists.
Insofern also ist der Satz, mit dem sich Frank Spilker kurz nach acht Uhr am Mittwochabend im Innenhof des Thon Dittmer-Palais auf der Bühne vorstellt, nur zu verstehen, wenn man all die denkrichtungsändernden Vorzeichen berücksichtigt, innerhalb derer er sich diskursiv verortet: „So hell noch – gar nicht so richtig mein Biotop!“, nuschelt Spilker ins Mikro. Er hat eine akustische Gitarre umgeschnallt, mit der er in Unplugged-Manier gleich zu Beginn des Konzerts einen der Signature-Songs der Sterne – nämlich den „Universal Tellerwäscher“ – zum Einsatz bringt. Er wirft mit „Von allen Gedanken schätz ich doch am meisten die interessanten“ ein weiteres Goldstück hinterher. Den größten Hit „Was hat Dich bloß so ruiniert?“ setzt er als Schlusspunkt. Dass sich die Helligkeit dieses Regensburger Mittsommerabends eigentlich gar nicht mit dem finsteren Underground-Anspruch verträgt, den Frank Spilker repräsentiert, macht die Sache erst richtig charmant. Teil der DNA des Zweimetermanns, der gerade 60 wurde, ist aber auch ein ausgeprägter Hang zum Anarchotum. Der Songtitel „Du musst gar nix!“ (der als Motto auf einigen T-Shirts der rund 300 Besucher (Anmerkung: Es waren 485 Besucher, das Konzert war seit Tagen ausverkauft!) im Arkadenhof zu lesen ist), bringt das auf den Punkt. Das Universum der Sterne funktioniert nach dem Willen und den Vorstellungen von Frank Spilker. Er hat die in den späten 1980er Jahren gegründete Formation immer wieder umbesetzt und baut jetzt auf die beiden Von-Spar-Musiker Phillip Tielsch (am Bass) und Jan Philipp Janzen (an den Drums) und auf die amerikanisch-kubanische Sängerin Dyan Valdes (an den Keyboards).
Im Zentrum des 70-Minuten-Kernprogramms steht das aktuelle Album „Wenn es Liebe ist“: Orientierten sich die Sterne in der Vergangenheit an Soul, Disco oder House, lassen sie dieses Mal auch krautrockige Töne in ihre Klangwelten einfließen. Stellvertretend dafür steht „Immer noch sprachlos“, ein grandioses, von Jaki-Liebezeit-artigen Beats getragenes Neunminuten-Stück, das in seinem schier endlosen synthetischen Aufkeimen nach „Neu!“ klingt.
Alles kann beitragen zu einem perfekten Popkonzert
Ebenfalls auf dem Elektronikzug unterwegs ist das grandiose „Fan von irgendwas“: Bestandsaufnahme und Weltproblemanalyse in einem. An den Refrain „Langeweile ist ein Pulverfass / am Ende wirst Du Fan von irgendwas!“ werden thesenartig Begriffe gehängt wie „Motorradrennen“ und „Kampfsport“ oder auch „Popkultur“ und „Literatur“. Will sagen? Alles, nicht nur Dekadenz, sondern auch Diskurs und Reflexion können ihren Beitrag leisten zum Untergang –aber auch zu einem am Ende perfekten Popkonzert, das sich aus seinen Widersprüchen nährt. In dem das Helle und das Dunkle zu changieren beginnen. Und in dem der Untergrund sich nach oben kehrt, hier auf der Bühne im Thon-Dittmer-Hof. Mittelbayerische Zeitung, 19.6.2026
Wortsport-Wettstreit
Bayernslam 2026 in Regensburg: Felix Hufnagel ist der beste Slam Poet des Freistaats
Peter Pavlas
Rap, Reim, Wortspiele und Wut-Tiraden: Seit 2010 trifft sich die Poetry-Slam-Szene Bayerns einmal im Jahr, um ihre Meisterschaft auszutragen. Im Audimax der Universität Regensburg ging es um Fragen von Identität, die Erforschung des eigenen Körpers oder beißende Konsumkritik. Viele Interpreten beeindruckten mit staunenswerter Bühnenpräsenz.
Felix Hufnagel aus Erlangen heißt der Sieger im Wort-Sport-Wettbewerb. Die Alte Mälzerei veranstaltete das Finale des Bayern-Poetry-Slam im bestens besetzten Audimax. Kulturreferent Wolfgang Dersch hob die Bedeutung des Events hervor. Zehn junge Dichter aus ganz Bayern hatten sich fürs Finale qualifiziert.
Sie rezitierten selbst verfasste Texte, meist in freiem Vortrag. Die Beiträge durften nicht länger sein als sechs Minuten. Format und Themenwahl waren frei, Requisiten waren nicht erlaubt. Lena Krebs und Ko Bylanzky führten durch den Abend und sorgten für größtmögliche Fairness.
Fünf Juroren aus dem Publikum werteten. Slammerin Teresa Reichl und Julius Althoetmar, der die vergangenen drei Ausgaben des Bayernslams für sich entschieden hatte, steuerten außer Konkurrenz ihre Einsichten bei.
Sprachkunst gegen die Macht der Algorhythmen
Nicht nur die Vielfalt von Sujets bestach. Reine Comedy war früher einmal. Das Bemühen der Künstler, die eigene Identität und den eigenen Körper sehr ernsthaft zu erforschen, stand neben beißender Kritik an Konsumhaltung und phrasenhafter konservativer Politik. Oder welche Rolle kann Sprachkunst spielen in einer Welt, in der Algorithmen nach Klickzahlen lechzen? Eingekleidet waren diese Themen in feministische Plädoyers, fein formulierte Poesie, Ironie, Wortspiele oder wütende Tiraden. Rap, Reim und Tierfabeln konkurrierten mit berührenden Berichten über eigene Ängste oder Scham. Nicht wenige Interpreten zeigten staunenswerte Bühnenpräsenz.
Nicht erstrebenswert ist es ja, sich als Erster der Bewertung zu stellen: Thomas Eiwen performt die sympathische Bewerbungsrede eines zukünftigen Hausmanns. Seine Interpretation der Rollen von Mann und Frau sei aber hausbacken, bemängelten Zuhörer. Nele Pez führt vom Wels, der im Brombachsee gemeuchelt wurde, zur Beklemmung auf dem nächtlichen Nachhauseweg. „Bin ich zu leise, schweige ich zu oft? Ich warte auf meinen Mut-Ausbruch.“ Elena Calliopa stellt ihren „inneren Kritiker“ vor. „Bin ich gut genug für andere, für mich?“ Diese Frage nage an ihr. Stimmlich beeindruckend differenzierend nimmt sie ihr Publikum mit auf ihre Suche nach innerem Frieden.
Lea Loreck bricht den Gang ihres Rotkäppchens durch den Wald zur Oma ironisch. „Wein und Kuchen im Korb sind medizinisch fragwürdig, aber wirkungsvoller als Globuli.“ Statt dem bösen Wolf-Gang mit den grauen Augen begegnet ihr jedoch der Blau-Bär, mit dem sie schöne Stunden verbringt.
Darryl Kiermeier schildert sein Leben als Person of Colour höchst feinfühlig: „Die Ketten, die ich nie trug“. Von der liebevoll-unbeholfenen Oma bis zur dümmsten aller Bemerkungen eines Polizisten: „Ui, der kann aber schon gut Deutsch!“ Mit erlesener Sprache will Darryl Kiermeier Brücken bauen, er hofft, dass sein ungeborener Sohn ein leichteres Leben habe.
Sylvia Brunner betrauert, nicht genug mit ihrem Opa gesprochen zu haben. Hätten dessen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg vor Stalingrad heute als Warnung für unbedarfte Wähler dienen können?
Die gebeutelte GenZ, die dann doch bei Zalando landet
Svea Paul fragt: „Wieviel ist dein Outfit wert?“ Marken-Gläubigkeit gehe zu Lasten derer, die die Klamotten herstellen. Die zahlengespickte Anklage gerät etwas plakativ. Felix Hufnagel kritisiert die Zeit und Aufmerksamkeit fressenden Algorithmen der virtuellen Welt. „Solange die Klicks stimmen, ist Wahrheit egal! Verweigern wir den Rechten unsere Aufmerksamkeit.“
Yannik Ambrusits beklagt das Los der gebeutelten GenZ: Man wolle Veränderung, aber keine persönliche Verantwortung und lande dann doch als Angestellter bei Zalando. Nya Ditt erklimmt die Meta-Ebene: „Ihr wartet doch nur drauf, mich zu bewerten!“ Welche Rolle sei eigentlich die ihre zwischen Kunst und Entertainment?
Ein Zehntelpunkte-Vorsprung bringt Felix Hufnagel im finalen Stechen den Sieg, eine Skulptur und eine Flasche Sekt vom Discounter ein. Seine furios vorgetragene angeblich zeitgemäßere Bayernhymne bindet das Publikum effektvoll ein. Hufnagel, Loreck, Ditt und Kiermeier werden Bayern demnächst im deutschlandweiten Contest vertreten.
Auch ältere Zuhörer ließen sich von den Texten begeistern. „Da ist mir nicht bange um den Fortbestand der Literatur“, meinte eine Dame. Viele der Themen würden anderswo gar nicht angesprochen. Mittelbayerische Zeitung, 7.6.2026
Auftritt in der Mälze in Regensburg
Christoph Sieber appellierte fürs „Weitermachen“ mit mehr Solidarität, Empathie und Quatschen
Michael Scheiner
Kommt ein Neonazi in ein Tattoo-Studio. „Ich will ein Hakenkreuz am Arsch. Geht das“ fragt er. „Kein Problem“, antwortet der Tattoo Artist, „mach dich oben frei!“ Die Reaktion des Publikums in der Regensburger Mälze auf Christoph Siebers herzhaften Witz war zunächst verhalten. Nach und nach sickerte aber die Boshaftigkeit der Pointe durch und aufkommendes Gelächter und Beifall signalisierten im Publikum breite Zustimmung.
Meist kommen die Pointen im aktuellen Programm des Kölner Kabarettisten unvermittelter, direkter und noch dazu in geballter Form. Einmal in Fahrt, prasseln die witzigen Wendungen, schnellen Bonmots, die freche Pointe und der gepfefferte Gag wie ein kurzer gewittrigen Starkregen auf die Besuchenden ein. Mit dem Notieren kommt man kaum mehr nach. Das liegt natürlich auch daran, dass sich der gebürtige Schwabe, der in einem badischen Kaff aufgewachsen ist, bevor ihn die Welt der gepfefferten Unterhaltung entdeckt und in ihre Arme genommen hat, einiges zu sagen hat.
Auch wenn seine Botschaft, „Weitermachen“, aufs Äußerste komprimiert schon fast alles enthält, bringen die dinglichen Veranschaulichungen und vor allem das Runterbrechen wolkiger Politphrasen auf ein handfestes Niveau erst den richtigen Spaß. Zunächst allerdings stellt er sich und seine Zunft selbst in Frage. Was willst du heute im Kabarett noch machen, grübelt er angesichts von „einer Stunde Bundestag“. „Dann trampelt auch noch Donald Trump durch die Welt“, klingt der beneidenswert schlanke Mittfünfziger halb verzweifelt.
Merz, Spahn – der habe soviel Skandale am Hals, dass die Fifa laut ,Respekt’ sagt – Katharina Reiche und Söder. Sieber hakt erst einmal das halbe Kabinett plus Anhängsel ab. Dafür holt er sich in hoher Taktzahl Lacher, bevor er sich hingebungsvoll des „gesunden Menschenverstands“ annimmt. Genüsslich schrumpft er diesen auf das Vermögen eines Neandertalers. Übertragen auf heute, sieht dieser Gummibärchen im Supermarkt und schnappt zu. „Mit diesem Verstand sollen wir“, schließt er sich selbst in seine launisch gut verpackte Kritik mit ein, „die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen?“
Gesellschaftliche Missstände sieht er nicht nur oben, in der Politik, bei der Wirtschaft und anderen Mächtigen. Mit polemisch zugespitzter Analyse hinterfragt er das Internet, das eine „Realität vorspiegelt, die es gar nicht gibt“. Sein 80-jähriger Vater muss, sehr zum Vergnügen des vollbesetzten Saales, für den Fluch digitaler Medien herhalten. Zwischendurch eine prophetische Warnung. „Wir werden uns noch an die Zeit mit Donald Trump zurücksehnen“, meint er mit düsterem Blick auf den amerikanischen Vize J.D. Vance als möglicher Nachfolger des erratischen Präsidenten.
Mehrfach gibt sich Sieber als großer Fan der Demokratie zu erkennen, die er immer verteidigen würde, „egal was kommt“. Mit Sorge blickt er auf „den Abschied von den Fakten und den der Demokratie“ und verlässt bei diesen Themen immer wieder die Rodelbahn des lustvollen Humors. Dabei begeht er nicht den Fehler mancher Kollegen, wie Dieter Nuhr, den er später ironisch als „meinen Halbbruder“ outet, die mit Spott und intellektueller Häme nach unten treten.
Verständnis für den Frust der Menschen
Er habe Verständnis, meint er mit Blick auf Thüringen, „für den Frust der Menschen“. Damit meint er gerade auch Menschen, die sich von der Politik abgehängt fühlen und AfD-Wählende. Wenn die Kerosinsteuer für Flieger runtergesetzt und gleichzeitig das Deutschlandticket teuer werde, brauche sich niemand wundern, wenn die Umfragewerte für die Rechtsextremen munter steigen. In der ungleichen rechtlichen Behandlung von betrügerischem Verhalten beim Dieselskandal einerseits und Sozialbetrug anderseits sieht er ebenfalls eine große Gefahr für den Vertrauensverlust in Politik und Demokratie.
Er wolle aber auch Lösungen anbieten, meint Sieber und zeigt beim Frustthema Bildung auf, wie Schule besser gemacht werden kann. Allgemein plädiert er für mehr Solidarität und Empathie im Leben und statt aufs Handy zu starren, raus zu gehen und mit den Nachbarn, Freunden, Menschen wieder mehr zu reden. Mittelbayerische Zeitung, 31.5.2026
Hochburg der Poetry-Slam-Bewegung
Der 15. Bayernslam kehrt nach Regensburg zurück, wo alles anfing
Dichten, bis das Mikro brennt: Vor 25 Jahren gab es Regensburgs ersten Poetry Slam, vor 15 Jahren die erste bayerische Meisterschaft. Hans Krottenthaler und Ko Bylanzky erzählen von der Erfolgsgeschichte des Literaturformats.
Katharina Kellner
Beim Poetry Slam steht schon mal das Mikro in Flammen. Nicht wortwörtlich, aber auf jeden Fall gefühlt. Dieser sportliche Wettstreit nur mit Worten, diese furiose Dichtkunst fesselt das Publikum, seit diese Mischform aus Prosa, Rap, Comedy, Lyrik und Performancekunst aus den USA nach Europa herüber schwappte.
Regensburg ist eine bayerische Hochburg dieses Formats, das vom Zusammenspiel von Form und Inhalt lebt. Wenn nun am 5. Juni das große Finale des Bayernslam im Audimax der Universität steigt, dann gibt es dieses Hochfest der bayerischen Spoken-Word-Bewegung stolze 15 Jahre und kehrt dahin zurück, wo alles seinen Anfang nahm: Im Mai 2010 wurde die Entscheidung der ersten bayerischen Poetry-Slam-Meisterschaften im Regensburger Velodrom ausgetragen.
Schon damals war das brennende Mikro das Plakatmotiv. Beim aktuellen Bayernslam überreicht Regensburgs Kulturreferent Wolfgang Dersch einen Siegerpokal mit demselben Logo. Eine weitere Konstante: Hans Krottenthaler, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Kulturzentrums Alte Mälzerei und Ko Bylanzky, Münchner Literaturveranstalter und Slam-Master, arbeiten zusammen wie schon beim ersten Bayernslam.
2016 wurde der Poetry Slam offiziell Hochkultur
Sie waren es, die im April 2001 die Geburtsstunde des Poetry Slam in Regensburg einläuteten. Krottenthaler kontaktierte Bylanzky, der da schon eigene Erfahrung mit Slams hatte: 1996 hatte er mit Rayl Patzak den Munichslam in der Kultkneipe Substanz etabliert. Am Telefon erzählt Bylanzky, dass sie dafür viele alte Zöpfe des dort bestehenden Literatur-slams abschnitten: „Wir wollten das lebhafter gestalten und uns abheben vom gescheiterten Versuch unseres Vorgängers.“ So schafften sie nicht nur den Tisch auf der Bühne ab, sondern auch die Jury und die Praxis, A- und B-Noten zu vergeben: „Die fanden wir total manieriert und deplatziert.“ Sie entschieden sich für die demokratische Variante: Das Publikum stimmte per Applaus ab.
Genauso machten – und machen – sie es auch in der Alten Mälze. Bylanzky sagt, er habe damals die Begeisterung des Regensburger Publikums wahrgenommen. Die ist seither ungebrochen: Der Mälzeslam ist regelmäßig ausverkauft. Laut Krottenthaler ist Poetry Slam nicht länger nur für Studierende attraktiv. Zum Sommerslam im Thon-Dittmer-Palais kommen alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Auch sei das Niveau nicht mit dem der Anfangsjahre vergleichbar: „Es ist jetzt durchgehend sehr hoch.“ Von zwölf bis 14 Poeten auf der Bühne seien zehn spitze. Bei den Slams erlebt man Slammerinnen und Slammer aus dem deutschsprachigen Raum, die Honorare bekommen. Für Neueinsteiger gibt es kleinere Slams oder die U-20-Meisterschaften. Rund 1500 Poetinnen und Poeten waren es seit dem Start des Formats in rund 200 Veranstaltungen, hat Krottenthaler ausgerechnet. Die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene gilt als eine der größten der Welt. 2016 nahm die UNESCO den deutschsprachigen Poetry-Slam in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Damit war er offiziell Hochkultur. Die UNESCO-Begründung: Es habe sich „eine selbstständige künstlerische Form mit eigener Ästhetik entwickelt, die sich (...) im aktuellen Literatur- und Kleinkunstkanon etabliert hat.“ Was macht einen guten Abend für Bylanzky aus, der schon unzählige Poetry Slams erlebt hat? „Manche wollen Themen und Botschaften, andere wollen es humorvoll und lustig. Wenn für alle etwas dabei ist, wenn Stile und Textarten bunt gemischt sind, ist mir das am liebsten.“ Auch ein guter Auftritt zähle – handwerkliches Können solle erlebbar sein.
Der Bayernslam am 5. Juni versammelt jene zehn besten Bühnenpoeten, die sich nach Vorrunden und Halbfinals in verschiedenen bayerischen Städten fürs Finale qualifiziert haben. „Das Finale ist megaspannend, die Texte der Finalistinnen müssen richtig stark sein“, sagt Krottenthaler. Dabei wird sich zeigen, ob Julius Althoetmar aus München, der dreimal in Folge den Bayernslam gewann, den Titel erneut verteidigen kann. Eines steht schon fest: Kein Regensburger wird ihn entthronen – diesmal hat sich kein hiesiger Poet für das Finale qualifiziert. Allerdings ist die Regensburger Poetry Slammerin und Podcasterin Lena Krebs dabei – sie moderiert zusammen mit Ko Bylanzky.
„Wer sich auf die Bühne traut, wird vom Publikum gefeiert“
Die Entscheidung über den Gewinner liegt beim Bayernslam in den Händen einer Jury. „Wir brauchen beim Bayernslam ein klares, nicht anfechtbares Ergebnis“, sagt Bylanzky. Krottenthaler gibt zu bedenken, bei 600 Zuschauern sei es schwierig, die Applaus-Intensität zu messen. „Am Ende entscheiden Zehntelpunkte.“
Allerdings, sagt der Mälze-Chef, sei der Wettbewerbsgedanke beim Poetry Slam „nicht so tierisch ernst wie es sich anhört: Jeder, der sich auf die Bühne traut, wird vom Publikum gefeiert“. Letztlich gebe nicht die Perfektion von Inhalt und Form den Ausschlag, sondern die Glaubwürdigkeit des Vorgetragenen: Wenn das Publikum merke, dass die Worte ganz von innen heraus kommen, dann entflammt so ein brennendes Mikro den ganzen Saal.
INFO: Poetry Slam:
Regeln: Die Texte müssen selbst geschrieben sein, Gesang, Requisiten oder Kostüme sind nicht erlaubt. Es gibt ein Zeitlimit von wenigen Minuten.
Wurzeln: Mitte der 1980er Jahre in den USA: Weil dem Dichter Marc Kelly Smith traditionelle Lesungen mit Buch und Wasserglas zu langweilig waren, erfand er das neue Format. Als der erste Poetry Slam 1986 in Chicago über die Bühne ging, gab es den Namen noch gar nicht. Der Dichterwettstreit verbreitete sich rasend schnell und kam in den 1990ern nach Europa.
Teresa Reichl tritt am 5. Juni beim Bayernslam in Regensburg als Gast auf, steht aber nicht im Wettbewerb. Sie startete ihre Bühnenkarriere als Poetry Slammerin in der Alten Mälze. 2016 wurde sie bayerische U-20-Meisterin. Heute tourt sie mit Comedy-Soloprogrammen. Auch viele andere bekannte Slammer und Comedians liefen sich in der Mälze warm: Hazel Brugger, Thomas Spitzer, Till Reiners, Eva Karl Faltermeier, Lisa Eckart, Felix Lobrecht oder Nico Semsrott. Auch die Lyrikerin und Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer stand dort auf der Bühne.
Mittelbayerische Zeitung, 29.5.2026
Konzert
Das Elektronikduo Bella Wakame begeistert im Ostentorkino das Publikum
Peter Geiger
Das neutönende Glück von vorgestern: Bella Wakame, das sind Andi Haberl am Schlagzeug und Florian Zimmer am modularen Synthesizer. Sie bringen langjährige Erfahrung aus unterschiedlichen Projekten mit.
Wer den Begriff „Popmusik“ hört, hat logischerweise die USA und Großbritannien im Kopf. Denn der Großteil dessen, was seit den 1950er Jahren in Sachen Rhythm’n‘Blues, Rock’n’Roll und Beat auf Single oder LP erschienen ist und Teenies zum Kreischen brachte (oder immer noch bringt), stammt aus diesen beiden, obendrein durch die gemeinsame Sprache vereinten Kulturen.
Im wellenförmigen Klangbild der Oszillatoren
Dass Deutschland aber zumindest für das Genre der „Elektronik“ (und damit auch für all das, was seit den 1980er Jahren „Synthiepop“ genannt wird) einen unverzichtbaren Beitrag leistete, dieser Aspekt gerät bei solchen Pauschalbetrachtungen allzu oft ins Hintertreffen. So entpuppen sich nämlich in der Nachbetrachtung Namen wie Karlheinz Stockhausen oder das 1953 vom WDR gegründete Kölner „Studio für Elektronische Musik“ als jene zentralen Keimzellen, die mit ein wenig Zeitverzögerung (in der Sprache der Elektronik: „Delays“ also!) Schüler und Adepten wie Kraftwerk, Can oder Neu! dazu inspirierte, die gute alte Rockgitarre links liegen zu lassen. Und neutönendes Glück zu finden, im wellenförmigen Klangbild der Oszillatoren.
Ganz in dieser Tradition verorten sich auch der Elektroniker Florian Zimmer und sein Drummer Andi Haberl, die sich als Duo „Bella Wakame“ nennen: Denn was die beiden, die aus Weilheim stammen und in Berlin leben, da während rund 70 Minuten ihrem hochkonzentriert lauschenden Publikum im Ostentorkino bieten, das hat sehr viel mit jener Art von Zukunftsvision der „Future Days“ zu tun, die Can schon 1973 musikalisch auf ihrem fünften Album heraufbeschworen. „Mein Groove bei unserer Zugabe, der ist komplett von Jaki Liebezeit übernommen“, gesteht Andi Haberl. Er sagt das gar nicht reumütig: Denn die Übernahme guter Ideen anderer, die sodann in neuem Kontext präsentiert werden, ist als „Samplen“ eine seit Jahrzehnten geübte Praxis in der Elektronik. Nur, dass Andi Haberl, der seit 2007 auch bei The Notwist hinter der Schießbude sitzt und auch schon mit Jazzlegenden wie Bobby Hutcherson kooperierte, sich selbstredend auf seine eigenen Hände und Füße verlässt, wenn er zu trommeln beginnt. Der, dem er nacheifert, der 2017 im Alter von 79 Jahren verstorbene Jaki Liebezeit also, war einer jener stillen Weltstars, der Legendenstatus genoss: Weil er über eine uhrwerkhafte metrische Präzision verfügte und so repetitive Rhythmen ins scheinbar Unendliche zu erweitern vermochte. Diesem Vorbild nachzueifern, das ist vor allem Ergebnis von unermüdlicher Hingabe, großem Fleiß und harter Arbeit.
Eine Spezies, die sämtliche Grenzen austestet
Florian Zimmer wiederum ist der Herr über ein verkabeltes Durcheinander, das mit seinen bunten LED-Leuchten und den vielfarbigen Kabeln eher an einen Experimentierkasten erinnert, mit dem sich Teenager bei „Jugend forscht“ bewerben. Aber so sieht das aus, wenn man sich rund ein halbes Jahrhundert nach Can einer gewissen Art der historischen Aufführungspraxis in Sachen Elektronik verpflichtet sieht. Denn die modularen Synthesizer-Sounds, die Florian Zimmer seinen Bauteilen entlockt, sie sind das Gegenteil des erdenden und dem Takt des menschlichen Herzschlags folgenden Schlagzeugspiels: Sie sind nicht nur sphärisch, sie definieren auch den Weg in jenen Raum, der als Folge des „Space Race“ in den 1960er Jahren erobert worden war. Womit sich die Menschheit flugs des letzten aller Sehnsuchtsorte beraubte. Genau an solche Überlegungen scheint dieses fulminante Konzert von Bella Wakame anzudocken: Weil in der radikalen Abstraktion vielleicht der letzte Trost liegt, für eine Spezies, die sämtliche Grenzen austestet. Mittelbayerische Zeitung, 15.5.2026
Kabarett
Ein Akt reuiger Buße: Maxi Schafroth lädt zum „Heimatabend“ in Regensburg
Michael Scheiner
Boshaft? Ja, nein, vielleicht ein klein wenig. Eher lustvoll spöttisch, mit einer feinen Spur Mitleids. Zur Eröffnung seines Programms „Faszination Bayern“ im nahezu ausverkauften Marinaforum lädt Maxi Schafroth zum christ-sozialen Heimatabend ein. Ein Akt reuiger Buße.
Ist doch der Kabarettist „vor eineinhalb Jahren in Ungnade gefallen“, wie er gesteht, „und mit einem Fluch belegt“ worden. Mit zerfurchter Stirn und beinahe zerknirschter Stimme spielt Schafroth auf seine letzte Fastenpredigt als zaundürrer Mönch auf dem Nockherberg an.
Schafroth hat das Publikum gleich gepackt
Danach ist der Unterallgäuer, das Gelächter im Saal zeigt den hohen Grad an Wissenden an, aus seinem Amt gekegelt worden, das er mehrere Jahre hintereinander innehatte. Um diese tiefe Scharte in seiner Berufskarriere auszubügeln, müsse er nun „glaubhaft in ganz Bayern, ja bundesweit derartige Heimatabende“ mit Politprominenz, Trachtenkapelle und Gebirgsschützen organisieren. „Ich entschuldig mich bei allen“, setzt er noch eines drauf, „die ein Ticket für den heutigen Abend geschenkt bekommen haben“.
Die Türen seien verriegelt, beugt er Fluchtgedanken vor. Denn diese Abende „sind ja ein safe space für Leistungsträger“, setzt er nach und landet ohne Umwege beim Regensburger Publikum. Es müsse sich „keiner schämen, wenn ihm der Maserati-Schlüssel aus der Hosentasche fällt“. Praktisch noch im Prolog zu seinem eigentlichen Programm hat Schafroth, korrekt gewandet im Trachtenjanker, das reichlich diverse Publikum bereits voll auf seiner Seite. Miesepetrige Kommentare, wie sie auf seine messerscharfe Nockherberg-Rede folgten, hat er in diesem Rahmen keinesfalls zu fürchten.
„Hinterfotzigkeits-Seminar“ und „fränkischer Heuchel-Gruss“
Es folgen noch einige lustvolle Seitenhiebe auf bayerische Kernkompetenz, erlernbar in einem „Hinterfotzigkeits-Seminar“ und den „fränkischen Heuchel-Gruss“, bis der 41-Jährige in seiner einstigen Heimat und dem eigentlichen Thema des Abends landet. Von hier aus, dem ländlich-strukturschwachen Allgäu zieht er in einem schier endlos mäandernden Strom immer weitere Kreise. Erst über die „Lech-Grenze“ nach München, der coolen Großstadt, der Weltstadt. Dort verschlägt es das Landei zwecks Banklehre in Hipsterkreise und zwischen Bildungsbürgersnobs.
Entlang seiner persönlichen biografischen Entwicklung macht Schafroth ein faszinierendes Panoptikum an skurrilen landsmannschaftlichen Charakteren und absurden Geschichten auf. Wie ein Gnom hupft er auf staksigen Beinen, wenn er den Allgäuer Hinterwäldler parodiert. Landet er in einer anderen sozialen Schicht, gibt er sich mondän als „Gelegenheitsempath“ und parodiert was das Zeug hält. Unterstützt wird sein burlesker Charme vom breiten schwäbischen Akzent, den er gelegentlich mit anderen Dialekten oder gespreiztem Hochdeutsch zusätzlich schärft.
Zugespitze Songs sind Teil des Programms
Eine eigene, musikalische Note bekommt das Programm durch zugespitzte Songs, bei denen er von seinem kindlichen Wegbegleiter, dem Gitarristen Markus Schalk hervorragend unterstützt wird. Die Faszination dieses schwäbischen Spötters liegt auch darin, wie er die Aufgeblasenheit von Essen aus der Molekularküche mit schwäbisch-katholischer Bigotterei, den Aufsteigerdruck auf Kita-Kinder mit dem Abgehängtsein am ländlichen Bushäuschen zusammenbringt.
Seine Kunst zeigt sich, wenn er das Komische, Absurde, Banale dieser Lebenswelten mit spöttischer Lust, aber gänzlich frei von Niedertracht oder Gehässigkeit aufdeckt. Von daher ist sein Rausschmiss als Fastenredner so wenig verständlich, wie die politischen Märchen von „Leistungsträgern“ und Menschen die sich „in sozialen Hängematten ausruhen“ würden.
Mittelbayerische Zeitung, 11.5.2026
Trends, Clubs und Eventkultur
Regensburgs Nachtleben im Wandel: Von Mälze-Party bis Silent Disco in der Bücherei
Von Lea Grosser
Es ist eine lauwarme Frühlingsnacht. Viele Feiernde sind unterwegs, Menschen essen in Restaurants – lachen, trinken, schlendern durch Regensburg und warten an der Dönerbude. Auch die Feiernden suchen sich ihre Veranstaltungen und werden da in Regensburg auf jeden Fall fündig. Insgesamt hat sich in den vergangenen Jahren aber das ein oder andere getan.
„Wir haben mit einem Telefon, einem Kassettenrekorder und einer Schreibmaschine angefangen“, sagt Hans Krottenthaler. Er ist Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Kulturzentrums Alte Mälzerei. Inzwischen richten sie in fünf Bereichen insgesamt etwa 150 Veranstaltungen pro Jahr aus. Krottenthaler verfolgt aktuelle Entwicklungen in der Szene genau: Beobachten und Analysieren sei das Wichtigste in seinem Metier, findet er.
Feiern in Regensburg: In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert
„In den letzten zehn Jahren ungefähr, zusammenfallend mit Corona, hat sich insbesondere durch den Einfluss der Sozialen Medien und der Digitalisierung, sehr viel verändert. Vieles ist fragmentierter und schnelllebiger geworden. Die Popmusik hat sich von handgemachtem Rock ’n’ Roll hin zu elektronisch, digital produzierten Songs entwickelt. Die Genres verschmelzen immer mehr.“
Auf eine etwas andere Art und Weise feierten Menschen neulich in der Stadtbücherei im Thon-Dittmer-Palais am Haidplatz. Jeder tanzte hier ein bisschen zu seiner eigenen Musik – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn über die Ohren hatten sie Kopfhörer gestülpt und es liefen drei verschiedene Mixe. So funktioniert eben die „Silent Disco“. „Es ist ein ganz besonderes Ambiente, so ein bisschen wie eine Party zu Hause“, fand Christine Renno. Sie hatte es zusammen mit einer Freundin in die Stadtbücherei verschlagen.
Es war schon das dritte Mal, dass sie hier die Silent Disco veranstalteten, so Jannis Hönick. Er leitet die Musikabteilung der Stadtbücherei und organisierte den Abend. Das Publikum war bunt gemischt – Studenten, Mitte 30er oder Mitte 50er. „Es ist nicht das klassische Club-Klientel, das wir hier haben“, erklärte er. Zu dem Abend kam die 57-Jährige Linda Stroppe, es war ihre erste Silent Disco. Mit dabei ist sie, „weil ich es super finde, dass man zwischen drei verschiedenen Musikrichtungen aussuchen kann. Und dann ist auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass was dabei ist, was einem gefällt“, sagte sie. Auf den drei verschiedenen Kanälen laufe entweder Musik der 80er, der 90er und 2000er oder Elektro, so Hönick. Was sie gerade anhören, verraten die Kopfhörer. Sie wechseln dann nämlich die Farbe – blau, rot, grün – passend zur Beleuchtung in der Bibliothek.
Auf dem grünen Kanal lief Elektro. Gerade elektronische Musik liege gerade sehr im Trend, so Mathias „Säm“ Wagner. Er ist der Popularmusikbeauftragte im Bezirk der Oberpfalz und ganz gut vernetzt im Raum Regensburg. Immer wieder bringt er Veranstalter und Musikschaffende zusammen. Sein Aufgabenfeld lässt sich mit den Stichworten: Beraten, Vermitteln und Fördern beschreiben. Sein Eindruck ist, dass es sich von der klassischen Clubkultur wegentwickeln würde. Zudem hätten sich immer mehr Events seit der Coronazeit aus der Innenstadt in die Randbezirke verlagert.
Die Alte Mälze in Regensburg: Qualität statt bloßer Exzess
Die Alte Mälzerei richtet Veranstaltungen auch außerhalb des Kulturzentrums aus. „Manchmal ist es aus Kapazitätsgründen, manchmal aus bühnentechnischen oder anderen Gründen sinnvoll, an andere Veranstaltungsorte zu gehen“, so Krottenthaler. Bezogen auf das Partyverhalten sagt er: „Insgesamt finde ich schön, dass Qualität und Achtsamkeit wieder wichtiger werden als bloßer Exzess.“
Dass sich das Angebot verändert hat, ist ein Eindruck, den eine Besucherin der Silent Disco hat. „Es hat auch vieles tatsächlich zugemacht, das es früher echt gut zum Tanzen gab. Es ist weniger Angebot geworden. Ich wohne jetzt seit 21 Jahren hier und es wird immer weniger, außer du hast halt so richtige Charts, Clubs. Aber es gibt halt auch eine Nische in Regensburg, wo die Leute alternative Musik wollen“, sagt Kristina Marjanovic. Sie kam mit zwei Freunden zur Silent Disco. Von der Idee wirkte sie recht begeistert: „Die Stimmung ist voll gut, jeder hat Bock zu tanzen und vor allem voll schön: von jung bis alt.“ Einer der Jüngeren war Ronald Ssebogenoye. Ihm gefiel es in der Stadtbücherei. „Außer wenn man den Kopfhörer wegmacht, dann wird es ein bisschen komisch.“ Er ist selten in Clubs unterwegs, sagt er. Wenn, dann geht er in den Velvet Room. In dem Club ist vor allem am Wochenende viel los, sagt dessen Geschäftsführer Sascha Al-Mahmoud. Vor fünf, sechs, sieben Jahren sei es auch unter der Woche voller gewesen. „Es gibt ein ständig wechselndes Programm, das wird sehr gut angenommen. Die Gäste wollen schon etwas geboten bekommen“, so der Geschäftsführer.
Clubszene in Regensburg: Jede Woche treten andere Künstler auf
Jede Woche treten deshalb andere Künstler im Velvet Room auf. Die DJs kommen dabei nicht nur aus Deutschland, sondern ganz Europa, sagte Al-Mahmoud. Das gerade elektronische Musik momentan beliebt ist, sieht auch er. Hip-Hop und die Musik der 90er und 2000er, die im Retrobereich läuft, komme jedoch auch sehr gut bei den Menschen an, so der Geschäftsführer. Bei der Musik kämen dann auch ältere Menschen. Das Kernpublikum ist zwischen 18 und 25 Jahren alt.
In der Alten Mälzerei werden die Sparten Konzert, Kabarett, Theater, Lesungen und zeitgenössischer Tanz bedient. Über diesen generellen Mix, auch an den Menschen, freut sich der Geschäftsführer Hans Krottenthaler: „Hier gibt es nicht die sonst üblichen Abgrenzungen.“ Das ist seiner Meinung nach auch einer der Gründe für den Erfolg der Alten Mälzerei. Mittelbayerische Zeitung, 30.4.2026
Auf Deutschland-Tour war Regensburg eine Station
Wilder Ritt durch alle Genres: Lonely Spring in der Alten Mälzerei
Beim Konzert werden für ihre Songs gefeiert, unabhängig vom Genre. Es wird mitgesungen, getanzt, geheadbangt und sogar kurz gecrowdsurft.
Anne Nothtroff
Auf der Deutschlandtour macht Lonely Spring auch einen Stopp in der Alten Mälzerei. Sie haben sie die Erfahrung gemacht, dass der Halt in der Domstadt meist einer der schönsten ist, verraten sie. Das Publikum nimmt die Band auf eine musikalische Reise durch Rock, Pop und Metal mit.
Die Zwillingen Julian und Simon Fuchs gründeten Lonely Spring 2010 mit Schulfreunden im niederbayerischen Freyung. Bereits seit dem Gymnasium machen die Jungs zusammen Musik. Seitdem hat sich bei ihnen viel getan: Während einige ihrer Songs eher an eine Teenager-Rockband mit Pop-Elementen erinnern, gehen andere Stücke Richtung Alternative Rock mit Metal-Einflüssen. Ein deutlicher Wandel, könnte man meinen, doch die Fanbase zieht treu mit. Die Jungs werden für ihre Songs gefeiert, unabhängig vom Genre. Es wird mitgesungen, getanzt, geheadbangt und sogar kurz gecrowdsurft.
Die Botschaft: Veränderungen annehmen
Hinter der energiegeladenen Musik steckt eine klare Botschaft, die die Band auch auf ihrer Website formuliert: Viele Songs handeln von Selbstakzeptanz und persönlicher Entwicklung. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Identität steht die Idee, dass das Leben – wie eine Achterbahnfahrt oder das Meer – von Höhen und Tiefen geprägt ist, ohne dass man die Kontrolle vollständig verliert. Statt Gleichgewicht mit Stillstand zu verwechseln, ermutigt die Band, Veränderungen anzunehmen und den eigenen Weg mit Zuversicht zu gehen.
So wandelbar wie die Musik der Band ist auch ihre Performance: Nach dem Rocksong „Pushing 30“ wird es ruhiger und romantischer. Julian verlässt mit seiner Gitarre die Bühne und stimmt aus dem Publikum heraus ruhigere Songs an. Die Handylampen werden gezückt und schaffen eine nahbare Wohnzimmeratmosphäre. Anschließend wird sogar Justin Biebers Hit „Baby“ gecovert. Auch wenn das Publikum altersmäßig sehr gemischt ist, können die meisten den Song mitsingen. Das Konzert endet mit einem Metal-Scream und schließt den wilden Ritt durch verschiedene Musikgenres ab.
Als Vorband spielte Soulleech. Auch wenn es die Metalcore-Band in dieser Konstellation erst seit 2024 gibt, sind die Musiker keineswegs neu in der Szene: Die Mitglieder spielten bereits in anderen Bands und können auf beachtliche musikalische Erfahrung zurückgreifen. Dieses Vertrauen wurde ihnen auch von Lonely Springs entgegengebracht: Erst ihre dritte Show in dieser Formation spielten sie, als die Band sie fragte, ob sie sie auf Tour begleiten wollten. „Selber schuld“, meint Leadsänger Fynn lachend. Der Bandname Soulleech, übersetzt etwa: Seelenstaubsauger, entstand beim spontanen Brainstorming.
Das Konzert steht im Schatten des wachsenden Drucks in der Kulturbranche. Für die Veranstalter corner.concerts GmbH ist das Event eine der letzten Veranstaltungen, da die GmbH ihre Tätigkeit noch 2026 beenden wird. Lonely Spring appellieren ans Regensburger Publikum, die lokale Kulturszene zu unterstützen und auch kleinere Veranstaltungen zu besuchen. Mittelbayerische Zeitung, 20.4.2026
Kulturzentrum bebt bei Heimspiel-Festival
An diesem Samstag lädt die Mälze zu einem Event, bei dem zahlreiche Künstler performen
Regensburg. An diesem Samstag findet zum 21. Mal das „Heimspiel-Festival“ in der Alten Mälzerei statt. Ab 19.30 Uhr wird im Kulturzentrum eine Auswahl der spannendsten Newcomer der lokalen Szene präsentiert.
Als besonderes Highlight und Headliner des Festivals thronen „Velvet Wasted“ über dem Line-up: Nach einer beeindruckenden Erfolgsserie – von gefeierten Auftritten beim Nova Rock bis hin zur Performance der österreichischen Bundeshymne vor einem Millionenpublikum am Red Bull Ring – bringt die Band pünktlich zum Festival ihr brandneues Debütalbum „Everleaf“ mit. ihr Sound vereint meisterhaft den Vibe der frühen 2000er mit moderner Indie-Rock-Ästhetik und markiert sie seit ihrer Gründung im Jahr 2020 als absoluten Fixpunkt der heimischen Szene. Eingerahmt wird dieser Main-Act von einem abwechslungsreichen Programm, das nahtlos verschiedene Facetten des Rock verbindet. So liefern „Arlene‘s Grocery“ bereits seit 2006 eine kompromisslose Mischung aus Alternative Rock und Garage Punk direkt aus Regensburg, während „Feathers‘n‘Fray“ diese Grenzen weiter aufbrechen und den Indie Rock mit atmosphärischem Melodic Grunge sowie einer tiefen Emotionalität aufladen. Einen zeitlosen Gegenpol setzen „C-Moon“, die sich mit ihrem Brit Pop inspirierten Stil bewusst jeder Modewelle entziehen und Musik für alle Generationen schaffen. Abgerundet wird das musikalische Spektakel durch den jungen Regensburger Künstler Sven Ormen, der mit seinen ehrlichen, preisgekrönten Songs die Brücke zwischen energiegeladenem Optimismus und verletzlichen, ruhigen Tönen schlägt. Mittelbayerische Zeitung, 18.4.2026
Konzert
Mach kaputt was dich kaputt macht: Band Heisskalt heizt im Aurelium ein
Von Hannah Eder
Mit ihrem 2025 erschienenen dritten Album „Vom Tun und Lassen“ und zwei größeren Touren hat die vierköpfige Rock-Band Heisskalt gezeigt, dass sie es drauf hat. Melancholisch-emotionale Texte teilen die Bühne in Regensburg mit Songs über Protest und Widerstand.
Ein Großteil der Konzertbesucher kennt die Band schon lange, viele tragen T-Shirts mit Heisskalt-Aufdruck und wer genau hinhört, konnte vor dem Konzert Debatten darüber belauschen, wer mehr Texte auswendig weiß. Mit ihrem 2025 erschienenen dritten Album „Vom Tun und Lassen“ und zwei größeren Touren hat die vierköpfige Rock-Band, die musikalisch irgendwo zwischen Indie, Punk und Hardcore rangiert, seitdem gezeigt, dass sie es noch draufhat. Melancholisch-emotionale Texte teilen mit Songs über Protest und Widerstand die Bühne und verleihen Heisskalt eine enorme Aktualität. Dabei hatten die Musiker eine sechsjährige personelle und künstlerische Pause hinter sich als sie vor zwei Jahren ihr Comeback feierten.
Vorband Kontraire: Laut, aber nachdenklich
Jetzt sollte es mit kleineren Bühnen wieder ‚back to the roots‘ gehen. Statt der intimen Clubatmosphäre der Alten Mälzerei bespielt die Band in Regensburg aus organisatorischen Gründen aber die deutlich größeren Räumlichkeiten des Aurelium Lappersdorf. Zwar sorgen die hohen Decken und die versenkte Bühne anfangs für einen Hauch Schülerband-Flair vor allem aber gibt es im Aurelium mehr als genug Platz zum Tanzen und Moshen. Selbstverständlich zwirbeln sich viele der Fans gleich ab dem ersten Song in den kleinen Mosh-Pit.
Ihre Vorband Kontraire fanden die Musiker über eine Ausschreibung. Aus über 150 deutschsprachigen Bands setzte sich die junge Leipziger Alternative Rock Gruppe durch und wärmt mit flirrenden Saiten die Bühne auf. Thematisch zeigen sich Kontraire trotz ihres lauten, durchdringenden Sounds mindestens genauso nachdenklich wie der Hauptact. Es geht um die verzweifelte Suche nach Sinn, um Gefühle von Schwere und Angst und um den gesellschaftlichen Drang nach Perfektion, dem man sich nicht beugen will.
Als Heisskalt dann mit „Wasser, Luft und Licht“ eine erste Kostprobe geben, wird klar: Auch das neue Album sitzt bereits in den Köpfen der Fans und wohin man blickt, gibt es Menschen, die jeden Takt mühelos mit performen können. Während Songs wie die noch vor der künstlerischen Pause entstandenen Stücke „Alles Gut“ und „Hallo“ mehr mit krawalligem Indie-Rock à la Kraftklub gemein haben, biegen andere, wie „Mit Worten und Granaten“ auf direktem Weg in Richtung Post-Hardcore ab. Cleanere, melodiöse Elemente gehen in Screaming-Sequenzen über, sphärische Synthesizer und dystopische Sound-Glitches komplementieren die brachialen Riffs von Philipp Koch und Mathias Bloech, während Lola Schrode am Bass und Marius Bornmann Schlagzeug helfen, den Klang in neue Dimensionen zu katapultieren.
Diesmal ohne Flächenbrand
Gedämpft wird die Stimmung nur durch die gesundheitliche Verfassung des Sängers Mathias Bloech. „Mir geht’s heute richtig schlecht“, entschuldigt er sich nach dem ersten Song. Bei ihrem letzten Stopp in Österreich hätte sich die Band eine Lebensmittelvergiftung eingefangen, man solle sich also nicht wundern, wenn manche der Stücke heute etwas langsamer sind als sonst. Der Musiker lässt sich jedoch nicht daran hindern, auf der Bühne stimmlich und körperlich alles zu geben – so weit, dass zwischendurch auch mal die Anlage aufgibt und die Band quasi unplugged spielen muss. Alles halb so schlimm, mit Anlagen gäbe es ohnehin eine Vergangenheit. „Wir haben schon zwei davon geschrottet“, erklärt Bloech, „einmal haben sie sogar angefangen zu brennen“.
Das Konzert in Regensburg endet dann aber mit den Zugaben „Heim“ und „Teilchen“ ohne Flächenbrand und auf einer sehr gefühlvollen Note. Mittelbayerische Zeitung, 2.4.2026
Heute machen sie „Undsinn“ in Regensburg
„Die Mützen sind unsere Clownsnasen"
Sebastian Rüger und Frank Smilgies sind Ulan & Bator
Anja Witzke
Sie kennen sich seit dem Studium an der Folkwanghochschule in Essen Ende der 1990er. „Wir merkten, dass wir gleich ticken und jenseits der Konvention nach Schätzen suchen“, erinnert sich Frank Smilgies. Beider Interessen gingen weit über das Theater hinaus: Schlagzeugspielen, Comics, Bücher, Tanz, Film, Gesellschaft, Blödsinn. Trotzdem gingen Smilgies und Sebastian Rüger als Schauspieler zunächst unterschiedliche Wege, bevor sie zu Duo Ulan & Bator zusammenfanden und seither mit ihren genial absurden Kabarett-Performances das Publikum ins Staunen versetzen. „Im Grunde haben wir eine eigene Kunst entwickelt“, erklärt Sebastian Rüger.
Herr Rüger, Herr Smilgies, erklären Sie doch bitte, wie es zu dem Namen Ulan & Bator kam.
Frank Smilgies: Zu Beginn von allem hatten wir eine Auftritts-Anfrage für eine Comedy-Mix-Show in Köln. Wir brauchten einen Namen. Sebastians Blick fiel auf ein Plakat in unserem Proberaum, darauf stand Ulanbator. Prompt fragte er mich: Wie wär’s mit „Ulan & Bator“? Und ich scheine dann wohl genickt zu haben.
Sebastian Rüger: Ja, es war so, dass wir uns über diese Anfrage freuten, merkten aber nach einer Weile, dass wir auf normales Stand-up keine Lust hatten, dazu waren wir als ausgebildete und mittlerweile auch arbeitende Schauspieler zu sehr vom Theater infiziert. Also brauchten wir ein simples Vehikel für alle möglichen Einfälle, um uns nicht einschränken zu müssen – und in dem Moment, als ich einen Namen suchte und auf dieses alte Titanic-Plakat mit Bob Dylan schaute, wo der Städtename „Ulanbator" stand, fiel mir ein, dass ich diese beiden Bommelmützen hatte – und sagte einfach aus Daffke „Komm, lass uns sagen: „Hallo, wir sind Ulan und Bator, einfach die Mützen anziehen und wild rumimprovisieren“ und Frank sagte „Hey – das ist gut!“ Und das war’s.
Der erste Auftritt war im März 2001. Wie blicken Sie auf 25 gemeinsame Jahre zurück?
Smilgies: Nach 1000 gemeinsamen Auftritten, 10 000 Kilometer Bahnfahren und 10 Kleinkunstpreisen bin ich vor allem glücklich über die Tatsache, dass es uns noch gibt. Wir haben viel reingesteckt in das Projekt, aber auch sehr viel bekommen. Für mich war der erste Auftritt nach meiner Herz-OP im Lustspielhaus München ein Höhepunkt. Oder mein sehr unterhaltsamer Unfall auf der Bühne während eines Auftritts beim Arosa-Festival. Aber ich könnte noch 100 weitere Höhepunkte nennen. So richtig peinlich fand ich nichts, wir haben in unserer Frühphase vor manch verstörtem Publikum gestanden, den einen oder anderen Saal „leer gespielt“, aber darüber unsere ganz eigene Ästhetik gefunden.
Rüger: Je länger es uns gibt, umso klarer wird mir, wie unfassbar anachronistisch wir immer schon sind und arbeiten, und das, ohne uns dessen so bewusst zu sein oder uns das absichtlich vorgenommen zu haben. Allein schon die Zeit, die wir uns generell nehmen. Zum Beispiel, wie wir am Anfang erst nach sieben Jahren des Mix-Show-Spielens ein erstes Abendprogramm zusammenstellten – in der Zeit hätten sich andere Duos schon dreimal getrennt und viermal wieder Reunion-Touren angeboten. Aber das führte dann eben auch zu dieser Vielfalt an Material und dieser besonderen Eingespieltheit.
Wie kamen die Wollmützen ins Spiel? Und warum tragen Sie sie beharrlich?
Smilgies: Wir tragen sie beharrlich, weil Ulan & Bator ohne sie nur & wären. Rüger: Ich hatte eine dieser Mützen bereits bei einem Clownsworkshop an der Folkwanghochschule benutzt, habe dann für Ulan & Bator bei einer damaligen Freundin, die Kostümbildnerin war, eine zweite machen lassen. Und seitdem sind die Mützen quasi unsere Clownsnasen – das Ticket nach Absurdistan, der Freifahrtschein für Anarchie in Herz und Seele.
Worum geht es in Ihrem Programm „Undsinn“?
Rüger: Um ALLES. Drunter machen wir es nicht. Smilgies: „Undsinn“ ist die unterhaltsame Auseinandersetzung mit den Wirren der Welt, die uns gelegentlich Herz und Hirn zu schrotten drohen. Gleichzeitig ist es ein Darüberlachen.
Wie viel von dem, was das Publikum auf der Bühne sieht, ist exakte Vorbereitung und wie viel ist Improvisation?
Smilgies: Die exakte Vorbereitung gibt uns den Rahmen, in dem wir uns jeden Abend neu auf Raum und Publikum einstellen können. Bedeutet: Das Programm ist haarklein eingestellt, aber jeder Theaterabend ist immer neu und immer ein bisschen anders als die anderen, weil die Bedingungen jeden Abend andere sind.
Rüger: Unsere Kunst ist es, dass es einerseits improvisierter wirkt, als es ist. Andererseits genießen wir bei aller Genauigkeit jeden Abend die Freiheit des Moments.„
So albern wie anspruchsvoll“ und „ein Konter gegen jede KI“, heißt es in der Ankündigung. Warum haben Sie keine Angst vor der KI?
Smilgies: KI kann viel. KI kann aber nicht fühlen, kann nicht spontan Ideen aus dem Nichts schöpfen und vor allem sich nicht mit anderen Menschen treffen, um einen unwiederbringlichen Abend miteinander zu erleben. Rüger: Da ist durchaus ein beängstigendes Potenzial – ich befürchte, es ist so klug, KI ungezügelt auf die Menschheit loszulassen, wie einem vor Testosteron berstenden 18-jährigen männlichen Fahranfänger auf dem Land einen 300-PS-Ferrari zu schenken. Mittelfristig wird da viel Schaden entstehen. Aber langfristig wird durch KI eben wieder erkannt werden, wie kostbar menschliche Präsenz ist– wie einzigartig das Erlebnis des Vergänglichen eines Theaterabends.
Termine: Regensburg: Das Duo Ulan & Bator tritt heute, Freitag, 27. März, im Rahmen des Kleinkunstfrühlings der Alten Mälzerei im Mälze-Club auf (20 Uhr). Tickets: www.alte-maelzerei.de
Beim Kleinkunstfrühling in Regensburg
Simon & Jan verbinden Humor mit Haltung und garantiertem Hangover
Persönlich, politisch, pointiert: Das preisgekrönte Musikkabarett-Duo begeistert das Publikum in der Alten Mälzerei mit einem Best-of.
Anne Nothtroff
Mit einem norddeutschen „Moin“ eröffnen Simon & Jan ihren Abend und haben das Publikum in der Alten Mälzerei sofort auf ihrer Seite. Dass sie überhaupt auf der Bühne stehen, verdanken sie, wie sie erzählen, einem Mix aus jugendlichem Leichtsinn und reichlich Alkohol: Vor 17 Jahren, zu Studienzeiten in Oldenburg, saßen sie „leicht nervös und schwer betrunken“ vor einem Musiksaal – der Rest ist Kabarettgeschichte.
Ihr aktuelles Best-of, jetzt beim Kleinkunstfrühling gezeigt, ist eine temporeiche Reise durch diese gemeinsame Zeit: vom studentischen Alltag zwischen Leergutbergen und Katerfrühstück mit Zwieback bis zu großen politischen Themen. Gleich zu Beginn erinnern sie an ihr erstes Bühnenlied. Ein nostalgischer Rückblick, der zeigt, wie alles angefangen hat, und der den roten Faden des Abends vorgibt: persönlich, politisch und pointiert.
Dass Humor und Haltung bei Simon & Jan untrennbar zusammengehören, wird schnell deutlich. Immer wieder nimmt das Duo gesellschaftliche und politische Entwicklungen ins Visier. Die Songs entstehen oft aus echtem Ärger. „So schnell haben wir noch nie einen Song geschrieben“, erzählen sie über eines ihrer Stücke. In den bisher vier Programmen hat sich ein unverkennbarer Stil entwickelt: eingängige Gitarrenrhythmen treffen auf scharfsinnige Texte, Wortwitz auf feine Ironie. Musikalisch wird mehr geboten als klassisches Liedermachertum – vom filigranen Gitarrenpicking bis zu ungewöhnlichen Klangeffekten mit dem Geigenbogen auf der Akustikgitarre.
Inhaltlich spannt das Duo den Bogen weit. Es spottet über Lifestyle-Trends, nimmt den Häkelhype aufs Korn und liefert gleichzeitig bissige Gesellschaftskritik. Sein Fazit zur Gegenwart: Das größte Problem sei die „ungleiche Verteilung von Hirn“.
Auch politisch werden Simon & Jan deutlich. Sie widmen sich Themen wie Flucht, globaler Ungleichheit und religiöser Instrumentalisierung. Dabei scheuen sie sich nicht vor klaren Aussagen, vor Spitzen gegen Politiker wie Friedrich Merz oder Markus Söder fehlen. Dabei bleibt ihr Ton stets satirisch zugespitzt, aber nie beliebig.
Nach der Pause wird es emotionaler: Anhand der fünf Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross nähern sie sich Sujets wie Klimawandel und Weltschmerz. Jeder Phase widmen sie einen eigenen Song. Ein klug gebauter, dramaturgischer Höhepunkt des Abends. Und auch hier blitzt ihr Humor durch: Ein Lied würden sie gern aus dem Programm streichen, erklären sie, doch so lange bestimmte politische Entwicklungen anhalten, sehen sie sich „in der Pflicht“, es weiter zu spielen.
Im Februar kommt das Duo wieder
Bereits vor der Pause, erst recht danach, dankt das Publikum mit tosendem Applaus. Viele im Saal sind Wiederholungstäter, kennen die Texte, singen mit, klatschen im Takt. Zum Finale zeigen sich Simon & Jan versöhnlich. Die Zugabe kommt „ganz ohne schwere Kost“ aus. Es geht um Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und natürlich ums Trinken. Der Kater am nächsten Morgen? Quasi Teil des Konzepts.
Tradition hat auch das Abschlussfoto. Nach jedem Auftritt wird das Publikum abgelichtet. Die Aufforderung: Bitte wie bei einem wilden Rock’n’Roll-Konzert aussehen. Schließlich habe man daheim erzählt, genau das zu machen. Die Mälze wird sich von diesem Abend wohl schnell erholen müssen: Simon & Jan wollen im Februar wiederkommen. Das Publikum dürfte sich den Termin vormerken – und schon mal Zwieback bereitstellen. Mittelbayerische Zeitung, 23.3.2026
Comedy-Duo war zu Gast in der Alten Mälzerei
Lahmer Humor: „Alles muss, nichts kann!“ beim Kleinkunstfrühling
Michael Scheiner
Stefan Schramm und Christoph Walther albern als Ines und Cordula herum. Die Fans folgen der Show vergnügt, dem Kritiker erschließt sich der Witz aber kein bisschen.
Rumpelstilz tanzt um einen großen Bildschirm mit flackerndem Feuer; er träumt vom erschlichenen Nachwuchs. Zuvor hat das fleißige Kerlchen nächtelang Stroh zu Gold gesponnen, mit dem die Müllerstochter das Herz des Königs erobert. Auch das Musik-Comedy-Duo „Zärtlichkeiten mit Freunden“ hat sich mit Gold die Herzen der Fans in der ausverkauften Alten Mälzerei erobert.
Stefan Schramm und Christoph Walther aus dem sächsischen Riesa, die als Ines Fleiwa und Cordula Zwischenfisch auftreten, gehen cleverer als der cholerische Märchenzwerg vor. Statt Getreide zu Gold haben sie Gold zu Stroh gesponnen. Also nicht wörtlich, dann wäre ihre Gage für den Auftritt beim Kleinkunstfrühling Regensburg vom Winde verweht worden. Das Stroh, das bei ihrer im Saal vergnügt gefeierten Performance „Alles muss, nichts kann!“ auf der Spindel landet, entspinnt sich aus ihrem neuen Programm.
Ein Drumset sorgt anfangs für Ärger
Zum Jahrestag ihrer künstlerischen Beziehung beschenkt Iris Fleiwa den Bühnenpartner. Das Geschenk ist verborgen: hinter einem goldenen Tuch! Auf der Suche nach seinem Schlagzeug, das sonst dort steht, wo sich nun der Goldvorhang spannt, entdeckt die dauerquasselnde Cordula Zwischenfisch ein neues Drumset. Elektronisch! Also mit Strom betrieben. Gerade das sorgt für Ärger. Genau wie das Holz, das fehlende Holz des alten Schlagzeugs. Wegen dessen Maserung doch das Publikum überhaupt nur in ihre Show käme, haut der eine dem anderen, vorwiegend stumm hinterm Mikro sitzenden Partner um die Ohren. Der bleibt gelassen und ermuntert sein Gegenüber: „Probier’s doch mal aus!“ Was Zwischenfisch auch tut – und seine Haltung zum stromfressenden Instrument sofort um 180 Grad ändert, als er merkt, dass man mit dem „VX-9 ganze 64“ verschiedene Drummodi einstellen kann. „Da ist Flipper“, gerät der gewendete Schlagzeuger aus dem Häuschen, um sofort ein Stop zu kassieren: „Kein Flipper!“
Es wäre traurig, würde zum Jahrtag nur einer beschenkt. Deshalb bedenkt sich der blondperückte Gitarrist selbst mit einem brummenden und jaulenden Casio. Jetzt endlich kann das Duo den einen oder anderen Schlager – „nein, kein Schlager!“ – in ironischer Schräglage anstimmen.
Die Rollenverteilung zwischen den Comedians ist klar, einer meckert, der andere beschwichtigt. Nach einem ermüdend langen Einstieg mit endlos ausgequetschten Nichtigkeiten, dem Kern ihres Humors, fand das Duo zum einen oder anderen Wortwitz. Für das erwartungsvolle Publikum, das geschätzt zu 99 Prozent aus Fans bestand, reichte es allemal. Beim Kritiker allerdings kam der Humor nicht an – nicht mal ansatzweise. Mittelbayerische Zeitung, 9.3.2026
Auftakt zum Regensburger Kleinkunstfrühling
90 Minuten Abtauchen: mit Maria Clara Groppler in der Alten Mälzerei
Hannah Eder
Die Comedienne bricht eine Lanze für „Mehrjungfrauen“ und andere unterschätzte und benachteiligte Geschöpfe. Vulgärer Humor und griffige Pointen sind auf Instagram sehr erfolgreich, auf der analogen Bühne jedoch sorgen sie teils für abrupte Übergänge.
Bunte Fische schwimmen über eine Video-Leinwand, während im Hintergrund Musik aus der TV-Serie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ läuft, um das wartende Publikum auf den Auftritt der aufstrebenden Comedienne Maria Clara Groppler vorzubereiten. Die gebürtige Berlinerin tritt zum Auftakt des Kleinkunstfrühlings in der Alten Mälzerei an, um eine Lanze für „Mehrjungfrauen“ und andere unterschätzte und benachteiligte Geschöpfe zu brechen.
Bekannt wurde Groppler vor allem durch Auftritte im Comedyformat Nightwash. 2019 ging die Komikerin mit ihrem ersten Soloprogramm „Jungfrau“ auf Tour und 2020 moderierte sie den Podcast „Jungfrau Maria empfängt...“ mit wechselnden Gästen der Comedy- und YouTube-Szene. Das Regensburger Publikum dürfte sie vor allem durch ihre Kurzvideos auf Instagram kennen, in denen sie Ausschnitte aus vergangenen Shows sowie zahlreiche neue Gags sehr erfolgreich unter die Leute bringt. Ihr neues Programm „Mehrjungfrau“, mit dem sie nun in der Mälzerei gastiert, knüpft nahtlos an bewährte Pointen an.
Die Kernthemen: Sex, Brüste, Dating
Frauen und insbesondere Jungfrauen sind ein eingefleischter Teil von Gropplers Humor. Mit den Mottos „Ich bin lieber unsympathisch als arm!“ und „Man muss die eigene Mittelmäßigkeit akzeptieren!“ hängt die Comedienne die Latte niedrig, während sie mit ihren Witzen vom geplagten Frauenkörper bei Periode und Geburt zu Themen wie ihrer rassistischen Oma und dem Papst springt. Immer wieder kehrt das Programm allerdings auf eine Reihe Kernthemen zurück: Sex, Brüste, Dating. Am Merch-Stand können sich eingefleischte Fans in der Pause mit passenden Kartenmotiven und Schmuck ausstatten. Ihre selbst designte Vulva-Kette trägt Groppler auch stolz auf der Bühne.
Wer Maria Clara Groppler kennt, weiß, dass sie vor allem auf vulgären Humor, comic relief und schnelle, griffige Pointen setzt. Bei Instagram ist sie damit äußerst erfolgreich, auf der analogen Bühne jedoch sorgt das teils für abrupte Übergänge. Trotzdem wird herzlich gelacht – manchmal braucht es einfach mehrere Anläufe. Abgesehen von der feministisch ausgerichteten Persiflage auf den sonst männerdominierten Hau-Drauf-Humor besteht ein großer Teil des Programms aus spontanen Witzeleien in Interaktion mit den Zuschauern. Im Lauf des Abends werden so – ähnlich einer Selbsthilfegruppe – ganze Lebensgeschichten offengelegt und die erste Reihe schnurstracks zur analogen Dating-Plattform umfunktioniert. Ein Familienvater darf zum gemeinsamen Bieryoga auf die Bühne und später findet sich sogar noch ein waschechter Fischverkäufer im Publikum, dessen Alltags-Anekdoten den Programmtitel passend ergänzen.
Das Warm-Up übernimmt an diesem Abend Giada Severini aus München. Rasant führt die gebürtige Italienerin durch Geschichten über ihr Dating-Leben, ihre italienische Nonna und unangenehme Begegnungen in der Sauna, um das Publikum für den Hauptact anzuheizen. Später, zu Beginn der zweiten Programmhälfte, beantwortet Severini dann noch einige Publikumsfragen im schnellen Gag-Duett mit Groppler. Beendet wird die Show wie sie begonnen hat: mit einer schiefen Gesangseinlage zur Melodie von Disneys „Arielle“. Mittelbayerische Zeitung, 6.3.2026
Die Schweizer Künstler gab ihre Regensburg-Premiere
Sophie Hunger zeigt die vielen Persönlichkeiten einer Frau
Michael Scheiner
Die Singer-Songwriterin tritt im Audimax vor allem als Schriftstellerin auf: Sie liest aus ihrem Roman-Debüt „Walzer für Niemand“. Dafür hat sie sich ein Bühnenkonzept entwickelt, das es in sich hat. Das Publikum ist begeistert.
Hat sich etwa John Cage ins Audimax verirrt? Das anfängliche Dauerbrummen wie von einer Maschine hätte ein Indiz sein können. Für den US-Komponisten standen Alltagsgeräusche gleichberechtigt neben Musik. Allerdings steht Cage auch für Zufallsoperationen bei kreativen Prozessen – und die sind ganz und gar nicht das Ding der Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger. Bei ihrer Regensburg-Premiere tritt sie vorrangig als Schriftstellerin auf; sie liest aus dem Roman-Debüt „Walzer für Niemand“. Dafür hat die Berlinerin, die mit dem Album „Monday’s Ghost“ vor 20 Jahren einen Durchbruch erlebte, ein Bühnenkonzept entworfen, das es in sich hat.
Wie in einem aufgeklappten Buch
Zwischen zwei Leinwänden, rechtwinklig aufgestellt wie aufgeklappte Buchdeckel, stehen Mikro und Hocker, hinten hängt einsam eine akustische Gitarre im Falz. Am Boden setzt ein Lichtband das aufgeschlagene „Buch“ zum quadratischen Raum fort. Als die Geräusche abebben und harmonische Musik einsetzt, tastet sich die Autorin auf der dunklen Bühne bis zur Ecke des „Buchdeckels“ vor und beginnt im Schein einer Lampe zu lesen. Auf der Leinwand erscheint riesenhaft ihr Mund, klappt auf und zu, bewegt sich im Takt der Sprache. Bis es gelingt, das irritierende Bild einzuordnen, das sich bald auf der zweiten Leinwand verdoppelt, hat man schon einige Szenen des ersten Kapitels verpasst.
Es geht um das Aufwachsen der Erzählerin und eines Anderen, eines Niemand, mit Musik. Die beiden Kinder sind befreundet, symbiotisch verbunden in einem „wir“ das auch zerstörerische Impulse enthält. Den gleichen Titel trägt auch ein Song aus Hungers erstem Album, den sie am Ende mit brüchiger Innigkeit singt. Damit zurrt sie den Bogen zwischen Musik und Text fest, den sie schon vorher mit Liedern zwischen einzelnen Texten aufgespannt hat.
Dazwischen wendet sich Hunger ans gebannte Publikum. Sie erzählt vom „Triple-Nasenbruch“ bei einem Auftritt, den sie trotzdem zu Ende brachte. In der Folge musste sie daheim bleiben, fühlte sich wirr. „Regensburg ist heute der erste Versuch, wieder zusammen mit meinem kleinen Gehirn aufzutreten“, meint sie lakonisch – und erntet Beifall.
In einem Song „spukt es in mir“. Das führt dazu, dass Hunger von mehreren Persönlichkeiten spricht, die sie in sich trägt. Sie kenne eigentlich niemanden, sinniert sie, der nur eine Person wäre. „Vielleicht ein Stein“, überlegt sie kurz, „aber von dem weiß ich überhaupt nicht, wie es bei ihm innen aussieht.“ Dabei wird klar, dass sie eigene Überlegungen ernst nimmt, die Welt um sich keineswegs ironisch witzelnd in Schubladen verräumt.
In einem Kapitel – die Kinder bekommen Musikunterricht – lernen die beiden die Stille kennen und hören den Schnee in den Bergen fallen. „10 Dezibel“, liest Hunger flüsternd vor und steigert die Klangerfahrungen bis zum Ausbruch des indonesischen Vulkans Krakatau: „310 Dezibel“. Dazwischen rieseln Flocken von oben auf sie herab.
Sophie Hunger singt auf Deutsch, Englisch und Schwyzerdütsch. Hungers Stimme, beim Lesen manipuliert mit Effektgeräten, klingt mal roboterhaft, mal männlich tief. Und sie tut auch sonst einiges, wie sie kokett erklärt, um einige Regeln, die für Lesungen gelten, möglichst nicht einzuhalten. „Eine aber“, sagt sie lächelnd, „werde ich einhalten und jetzt gleich am Stand Bücher signieren – wenn ihr das wollt.“
Das Publikum bejubelt Sophie Hunger für ihre unkonventionelle Kunst, die einerseits poetisch-zart, surreal befremdlich ist – und andererseits auch brutal offen und direkt. Mittelbayerischze Zeitung, 27.2.2026
Kabarett und Comedy
Preisträger und Senkrechtstarterinnen: Die Alte Mälzerei präsentiert ihren Kleinkunstfrühling 2026
Humor soll verbinden, nicht spalten, wünscht sich Mälze-Programmchef Hans Krottenthaler. Für die aktuelle Ausgabe stellten er und sein Team zehn Abende mit sechs deutschen und fünf bayerischen Kabarett- und Kleinkunstpreisträgern zusammen. Im Programm findet sich Polit- und Musik-Kabarett, Slapstick und Standup-Comedy.
Bayern und Sachsen sind deutsche Dialekthochburgen. Diesen Umstand nutzt das Komiker-Duo „Zärtlichkeiten mit Freunden“ aus dem sächsischen Riesa für Pointen: „Du spielst oo Gitarre?“, fragt Gitarrist Stefan Schramm alias Ines Fleiwa seinen Schlagzeuger Christoph Walther alias Cordula Zwischenfisch. Der sagt: „In Bayern heißt es: „Du spuist aa Gitarre?“ Und fügt erklärend hinzu: „Die reden dort so, wirklich! Weil die een Dialekt ham.“
Das ist nur im ersten Moment eine Spitze gegen die Bayern, im zweiten sympathisch selbstironisch: Beide sprechen ja selbst allerschönstes Sächsisch. Und so passt dieses „Musik-Kasperett“, wie sie ihr Genre nennen, bestens zum Kleinkunstfrühling der Regensburger Alten Mälzerei. Nicht nur, weil das Programm ausschließlich Preisträgerinnen und Preisträger in Sachen Humor versammelt – auch „Zärtlichkeiten mit Freunden“ räumte bereits eine Reihe von Auszeichnungen ab. Zudem passen sie mit ihrem Humor, bei dem sich Klamauk mit messerscharfer Gesellschaftskritik abwechselt, gut ins Profil des Kleinkunst-Frühlings. Mälzerei-Programmchef Hans Krottenthaler schätzt Künstler, die eine positive Botschaft haben und das Verbindende betonen anstatt zu spalten. Die beiden sächsischen Dialektsprecher, die fähig sind, über sich selbst zu lachen, erfüllen diese Anforderung ganz wunderbar.
„Unterhaltung mit Haltung“ nennt Krottenthaler das Motto der Mälze in Sachen Humor. Kabarett und Comedy sollen menschenfreundlich sein und auf soziale Misstände aufmerksam machen. Kein Verständnis hat er für Leute, die von der Bühne herab auf machtlose Minderheiten eindreschen.
Slapstick und Stand-Up, Polit- und Musikkabarett
Hans Krottenthaler beobachtet die Kleinkunstszene seit mittlerweile 30 Jahren: 1996 startete die Mälze mit dem jährlichen internationalen Festival United Comedy. Seit fünf Jahren heißt das Format „Kleinkunstfrühling“ und bietet bayerischen und deutschen Preisträgern und Senkrechtstartern in Sachen Kabarett, Comedy und Satire die Bühne. Bei der aktuellen Ausgabe des Kleinkunstfrühlings sind es zehn Abende mit sechs deutschen und fünf bayerischen Kabarett- und Kleinkunstpreisträgern – „eine sehr schöne Mischung aus politischem und Musik-Kabarett, Slapstick und Standup-Comedy“. Weibliche Stimmen, im Humorbereich weiterhin unterrepräsentiert, will Krottenthaler auf die Bühne bringen. Maria Clara Groppler beeindruckt ihn mit ihrer Offenheit, ihrer selbstbewussten und dabei selbstironischen Art – und weil sie spannende Themen beackert wie Körperbilder oder die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen.
Wenn Teresa Reichl und Eva Karl Faltermeier in Regensburg auftreten, sind das Heimspiele – die Lokalmatadorinnen starteten einst mit Comedy-Slam-Formaten der Mälze. Krottenthaler nennt Reichls Auftritte zwischen Kabarett und Comedy „analytisch, sprachlich pointiert und mutig“. Konsequent spiegele sie ihrem Publikum die Perspektive queerer Menschen. Dass die mit dem Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises 2025 ausgezeichnete Kabarettistin auch eigene Unsicherheiten thematisiere und dabei zu sich selber stehe, wirke ermutigend. „Bis jetzt“ heißt ihr Programm.
Die bayerisch-grantelnde Eva Karl Faltermeier lädt sich als Gäste Viktoria Abelmann-Brockmann, Hauke van Göns und Reichl ein. Die Mälze entwickelte „Eva und Gäste“ mit der mehrfachen Kabarett-Preisträgerin in der Pandemiezeit als Livestream. Die aktuelle Ausgabe des Formats war sofort ausverkauft.
Sebastian Rüger und Frank Smilgies sind Ulan & Bator. Die Mützenträger und Träger des Deutschen Kabarettpreises 2022 zeigen „Undsinn“ – der Name lässt anarchischen Wortwitz erahnen. Ihre absurden Ideen setzen sie mit hohem schauspielerischen Talent und minimalistischen Mitteln um. „Es ist ziemlich unvergleichlich“, sagt Krottenthaler: „Man muss auf alles gefasst sein.“ Das dritte Duo, „Simon & Jan“, präsentiert ein „Best of aus aus 16 wilden Liedermacherjahren“. Die Musikkabarettisten werden mit Simon & Garfunkel verglichen – nur sind sie politisch bissiger.
Geschichten aus dem Allgäu mit Tiefgang und Metaebene
Matthias Egersdörfers Auftritt war 2025 schnell ausverkauft. Jetzt setzt der Franke der Schnelllebigkeit der Zeit sein Programm „langsam“ entgegen. Ermüdend ist das keineswegs: „Er kann sich bei einem Thema richtig in Rage reden“, sagt Krottenthaler: „Egersdörfer verbindet Melancholisches mit Bitterkomischem und Verletzlichem. Diese Mischung ist sympathisch und ziemlich einzigartig.“
„Faszination Bayern“ heißt das Programm von Maxi Schafroth, dem Träger des Bayerischen Kabarettpreises 2017. „Er verbindet sehr gut Erzählkunst mit politischem Kabarett und ist sehr präzise in seinen Gesellschaftsanalysen“, sagt Krottenthaler. Weil Schafroths Geschichten viel Tiefgang und Metaebene haben, sieht er ihn als eine „markante Stimme des politischen Kabaretts“. Christoph Sieber, Schwergewicht des Polit-Kabaretts, kommt mit „Weitermachen“ zum ersten Mal in die Mälzerei. Krottenthaler betont seine sprachliche und analytische Präzision: „Er ist leidenschaftlich, man glaubt ihm, dass er ein Anliegen hat.“
Kleinkunstfrühling: Termine: Maria Clara Groppler: 5. März, Simon & Jan: 20. März; Ulan & Bator: 27. März; Matthias Egersdörder: 9. April; Teresa Reichl: 24. April: Maxi Schafroth: 9. Mai). Bereits ausverkauft sind „Zärtlichkeiten mit Freunden“ (7. März); „Eva und Gäste“ (5. Mai) und Christoph Sieber (30. Mai). Alle Auftritte finden um 20 Uhr in der Alten Mälzerei statt, Ausnahme: Maxi Schafroth tritt im Marinaforum Regensburg auf. Dem Nachwuchs gehört ein Abend der Reihe: Beim Comedy-Slam am 15. April treten mindestens fünf Newcomer in einen Wettkampf. Alle haben maximal zehn Minuten, über den Sieger des Abends entscheidet das Publikum. Mittelbayerische Zeitung, 19.2.2026
Der Musiker stellt in Regensburg sein neues Solo-Album vor
Passionierter Bühnenmensch: Maxi Pongratz begeistert mit „rum & num“
Peter Geiger
Ein roter Faden ist bei dem Sänger, Musiker und Entertainer nicht leicht auszumachen. Fest steht aber: Er entzieht sich allen Klischees - auch beim Gastspiel im Ostentor-Kino.
Wer schreibt, hangelt sich am liebsten an einem roten Faden von Klischees entlang. So ein Faden ist bei Maxi Pongratz aber gar nicht so leicht auszumachen, sieht man mal davon ab, dass der Künstler, der aus dem Passionsspielort Oberammergau stammet, im restlos ausverkauften Ostentorkino ein Hohner-Akkordeon spielt. In erster Linie aber neigt der langjährige Kofelgschroa-Musiker dazu, originell zu sein.
Natürlich hat Pongratz mit einer Reihe von Kollegen den Dialekt gemeinsam – seine höchst persönliche Variante aber ist mit schwäbischen Einsprengseln versehen, die das Allgäu mit seinen alpinen Milch- und Käsearomen schon erahnen lassen, was angesichts vorherrschender bajuwarischer Softvarianten vor allem Münchener Prägung doch eher unique ist.
„I bin koa sortierter Mensch“
Ob Maxi Pongratz deshalb auch ein Liedermacher ist? Textlich ganz gewiss. Aber musikalisch steckt er viel zu tief drin, im traditionellen Heimatsound – so, als wäre dieser lulatsch-lange Schlaks bis zur Halskrause in einem oberbayerischen Moor versunken. Begleitet wird er bei diesem begeisternden, knapp zweistündigen „deep dive“ von seinen beiden Mitmusikern Juri Kannheiser am Cello und Simon Ackermann am Kontrabass. Aber ansonsten? Verhält sich die Sache dann doch eher wie Kraut und Rüben. Die Drei streuen immer wieder Instrumentals zwischen ihre Moritaten und Balladen, sodass sich am Ende nur Vergleiche ziehen lassen wie die zwischen Äpfeln und Birnen. Aber vielleicht rufen wir kurzerhand zur Klärung der Angelegenheit Maxi Pongratz selbst in den Zeugenstand? Und zitieren aus seinem „Ordnungslied in Es-Dur“: „I bin koa sortierter Mensch / dafür fehlt mir des Talent. I woaß leider ned / wie Ordnung geht!“
Angesichts solcher Selbstanklagen aber dürfte am Ende allen im Publikum klar sein: Die beeindruckende Performance konterkariert ein solches Selbstbekenntnis zu angeblicher Schlamperei auf ganzer Linie. Und: Würde man ein solches Geständnis für bare Münze nehmen, dann fiele solcher Rabulistik zugleich der Satiriker zum Opfer. Maxi Pongratz, geborener Stotterer – was man übrigens erst dann zur Kenntnis nimmt, wenn er sich diesbezüglich offenbart hat – vermag so kunstvoll zu reimen, dass „Zungenknoten“ mit „Synapsenboten“ eine gefährliche Liebschaft eingehen. Am Anfang war das Wort – zitiert Pongratz auf seinem neuen Album „rum & num“ eine berühmte Stelle der Weltliteratur.
„Doch das Wort steckt fest!“
Das ist das Geheimnis dieses passionierten Melancholikers: Dass er gerade deshalb zur Wortspielsucht gekommen ist. So hat er seine Angst zu seiner „engsten Vertrauten“ nobiliert. Genau dieses exquisite Sprachtalent, diese Fähigkeit, verbale Schmankerl zu prägen, hat Maxi Pongratz auch schon auf Kabarettbühnen geführt. Zuletzt wurde ihm in Passau das renommierte Scharfrichterbeil zugesprochen, jener Preis, der Hape Kerkeling den Weg zum Superstar ebnete und der auch Pate stand für Luise Kinsehers Weg zur Mama Bavaria. Als Zweijähriger hat Maxi Pongratz beim Bühnenspektakel um die Kreuzigung schon debütiert. Heute, als knapp 40-Jähriger, ist er als Sänger, Musiker und Entertainer auf der Bühne, der sich allen Klischees entzieht. Wenn das kein roter Faden ist? Mittelbayerische Zeitung, 13.2.2026
Konzert des Jahres 2025
Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2025 ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2025 heißt: BUNTSPECHT (das gefeierte Konzert bei strömenden Regen im Thon-Dittmer-Palais), knapp vor MOLA. Gratulation nach Österreich. Vielen Dank an die Teilnehmer:innen, die bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2025 mitgemacht haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.
Konzerte des Jahres 1996 bis 2023: Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016), Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi (2017), Granada (2018), Die Goldenen Zitronen (2019), Buntspecht (2022), The Tiger Lillies (2023), The Notwist, vor Bonnie "Prince" Billy und Voodoo Jürgens (2024), Buntspecht, knapp vor Mola (2025)
Konzert des Jahres 2025
Seit 1996 wählen wir das KONZERT DES JAHRES in der Mälze. Nach THE NOTWIST im letzten Jahr bieten wir für 2025 zur Auswahl: Paul Plut - Pam Pam Ida - Frittenbude - Jesper Munk & The Casette Heads - Django 3000 - Robert Stadlober - Steaming Satellites - Max von Milland - Tram des Balkans - Henrik Freischlader - Dekker - 1000 Mods - Bohren & der Club of Gore - Jamaram - Kochkraft durch KMA - Eläkeläiset - Bernadette La Hengst - The Slackers - Buntspecht - Ami Warning - The Gardener & The Tree - Dota - Zebrahead - Slime - Folkshilfe - Werner Schmidbauer - Jaques Palminger & 440 Hertz - Masha Qrella - Alarmsignal - Leftovers - Gwendolyn - Lara Hulo - Leap - Knarf Rellöm - Mola - Rian ... und viele andere.
Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2025 per email info@alte-maelzerei.de gibt es wieder Freitickets, u.a. für die große Mälze-Geburtstagsparty, zu gewinnen.
Auftritt in der Alten Mälzerei
Attwenger in Regensburg: Am Ende baden alle in Schweiß
Peter Geiger
Attwenger ist im Pop das Synonym für ein minimalistisch und in Höchstgeschwindigkeit rappendes Drum- und Knopfharmonika-Duo aus Linz. Wie kein anderer Act stehen Markus Binder und Hans-Peter Falkner als Brüder im Geiste für ein Bündnis aus Progression und Geschichtsbewusstsein.
Seit mehr als 30 Jahren schon stürmen sie die Bühnen. Und wenn sie die Jahreszahl 1992 mittels ihrer oberösterreichisch eingerichteten Mundhöhlen zu einem „Nääänzenzwaaaranääänzg“ amalgamieren, hat das fast die Qualität eines Gedichts von Jandl.
Bei ihren Shows verlangen sie sich und ihrem Publikum alles ab. 90 Minuten, so lang wie ein Fußballspiel dauert, ackern sie in der ausverkauften Alten Mälzerei den Boden um, sodass am Ende alle im Schweiße ihres Angesichts baden und kein Grashalm mehr senkrecht steht. Während beim maximal leicht bekleideten Drummer Markus Binder sämtliche Bäche wasserfallartig zu Tal stürzen, lässt sich beim Kollegen Hans-Peter Falkner Folgendes beobachten: Zunächst sprenkelt sich sein rotes T-Shirt nur. Dann aber wuchern diese vereinzelten Flecken zusammen. Und am Ende sind sie zusammengewachsen, zu einem Panzer aus Schweiß. Was Attwenger spielen, ist in der Summe fast so egal wie das, was sie singen. Mal bieten sie „drei Stück am Stück“, zum Alten gesellt sich Neues oder noch gar nicht Erschienenes. Sie sagen, das ist „verwirrend, aber schön“.
So klein das Drumset, so vielfältig die Beats
Nein, für die beiden zählen weder der Moment noch das einzelne Wort und auch nicht der konkrete Ton. Alles wird live eingeschmolzen und zum Klang. Aus „Dog“ wird der Tag und der Hund, was entsteht, ist eine Zusammenschau aus Musik und Text. Was zählt, sind Groove, Rausch und Ekstase.
So klein dieses Drumset ist, so vielfältig und variantenreich sind die Beats, die Markus Binder anschlägt. Hans-Peter Falkner mag es ohnehin, wenn sein Instrument (bei seiner Ansage klingt das eher nach „Kampfharmonika“) unsauber klingt. Wenn es anschwillt wie eine Kirchenorgel, bereit zum Choral. Oder messerscharf wie eine Mundharmonika die Lücken füllt, die der Breakbeat hinterlässt. Um die 60 sind beide mittlerweile. Von der Wildheit der frühen Jahre haben sie nichts eingebüßt.
Wenn man sich dann aber einlässt auf diese sonische Ursuppe, die mal wie das Echo aus dem Mississippi-Delta klingt, dann wieder wie Klangfahnen aus einem Bierzelt, die vom Fahrtwind eines Lkw von einer Seite der Autobahn zur anderen gejagt werden, dann ist klar: Attwenger sind politisch hellwach. Sie stehen „wegen ansteigender Aktualität“ auf der Bühne. Und dazu gehört ganz bestimmt das gespenstische Anwachsen jener Partei in ihrem Land, die derzeit in Opposition ist, aber in Umfragen führt. Warum sonst reimen Attwenger „entnazifiziert“ auf „bis heut ist nichts passiert“, auf „es hat nicht funktioniert“ und auch „nicht wirklich interessiert“? Mittelbayerische Zeitung, 8.2.2026
Regensburg wird erst zur „Premium-Provinz“ hochgejazzt, dann wird der Höllensturz beschrieben
Die Wellbappn in Regensburg: Wir bräuchten bitte mehr Hall!
Peter Geiger
Die Biermösl Blosn gibt’s seit ziemlich genau 14 Jahren nicht mehr. Vor ein paar Tagen jährte sich’s, dass das ausschließlich aus Wellbrüdern bestehende Trio aus dem im Dachauer Hinterland gelegenen Biermoos zum letzten Mal gemeinsam auftrat. Die einen, Michael und Stofferl Well, meinten damals, der Alleinvertretungsanspruch der CSU als Sündenbock für alles und jedes hätte ausgedient. Hans Well dagegen forderte inhaltliche Härte und neue Lieder.
Was für Außenstehende jetzt nach millimeterfeinen Nuancen klingt, als Mangel im Feintuning, entpuppte sich als unüberbrückbares Hindernis, als Basis eines veritablen Bruderzwists im Hause Well. Weshalb dieser einst so vitale, volksmusikgenährte Regenwurm nach der Teilung zwei Gestalten angenommen hat. Die einen, die Wellbrüder ausm Biermoos, setzten gerade ihrer Ewigkeitsstatus genießenden Zusammenarbeit mit Gerhard Polt in den Münchner Kammerspielen die Krone auf. Hans Well dagegen ist am Freitagabend mit Tochter Sarah Well und Komalé Akakpo in der Alten Mälzerei zu Gast. Bittet er den Tontechniker „um mehr Hall“, dann könnte das auch ein kaum verklausulierter Hilfeschrei sein, nach mehr Aufmerksamkeit.
Regensburg, hochgejazzt zur Premium-Provinz
Es ist das alte Lied, das es Verantwortungs- und Gesinnungsethikern so schwer macht, gemeinsam in einem Chor zu singen. Der eine meint, jede Veränderung könnte als Zugeständnis an die Unverschämtheit der Macht missverstanden werden. Die andern aber, die ihrerseits im Ruf verlorener Söhne standen, verteidigen ihn, den hart erkämpften Platz an der Sonne.
Hans, Texter der berühmten „BayWa-Hymne“, das ist klar, ist der Fundi unter den Well-Brüdern. Entsprechend deftig gleich der Einstieg der Wellbappn vor ausverkaufter Sitzplatz-Kulisse: Aus maximaler Fallhöhe – Regensburg wird hochgejazzt, nicht nur zur „Premium-Provinz“, sondern auch zum „Oberpfälzer Paradies“ – wird der Höllensturz beschrieben. Die wichtigsten Stichworte dabei: „Regenbrücke“ und „Magerwiese“, „Trambahn“ und „Neupfarrplatz“, „Fürstin“, „Bischof“ und „Wolbergs“. Dass dabei auch die regionale Tageszeitung als Teil des Problemkomplexes beschrieben wird, liegt in der Natur dieser Perspektive, ist aber gleichzeitig nicht ganz frei von unfreiwilliger Komik. In dieser Weltsicht bleiben die jüngsten globalen Plattenverschiebungen unberücksichtigt. Und das einstige Regional-Monopol der Printmedien besteht fort.
Wie wär’s mit ein bisschen mehr Trost?
Gleichzeitig aber würde man diesem Abend nicht gerecht, würde man nur meckern wollen. Nein, es gibt sie, die Momente, die Differenzierung, Klarheit und Komik mit bajuwarischer Musikalität und dialektischem Dreigsang vereinen, so dass ganz automatisch Beifallsstürme aufbranden. Wenn Hans Well etwa den „Saudi“ auf „Rowdy“, „Gaudi“ und „Audi“ reimt, wenn er ein „WLan für mein Glockenspiel“ fordert oder den Teufel in Gestalt des „Schienenersatzverkehrs“ an die Wand malt.
Dennoch bleibt am Ende der knapp zwei Stunden auch ein bisserl Ratlosigkeit zurück: Kann eine Welt, deren Bruchkanten offen zur Schau gestellt wurden, mit den Mitteln solchen Kabaretts überhaupt noch erfasst werden? Friedrich Dürrenmatt entdeckte einst für seine nuklear praktizierenden „Physiker“ die Groteske als Ausdrucksmittel. Angesichts dessen, dass uns gegenwärtig das Lachen abhandengekommen ist: Wie wär’s mit ein bisschen mehr Trost für wundgescheuerte Seelen? Mittelbayerische Zeitung, 25.1.2026
Wishbone Ash in der Alten Mälze: Ein Musterbeispiel für die Rentendebatte
Altmeister Powell und Wishbone Ash überzeugen immer noch mit energiegeladenem Spiel. Einmal mehr zeigt sich dabei, dass die Band vor allem in der Kommunikation mit dem Publikum die stärkste Wirkung hat.
Michael Scheiner
Nimmt man ihr bekanntestes Album „Pilgrimage“ von 1971 beim Wort, dann ist die britische Rockband Wishbone Ash seit 57 Jahren auf Pilgerschaft. Ohne Unterbrechung. Es ist eine musikalische Reise mit vielen Up and Downs, Verirrungen und dem Wiederfinden des richtigen Weges. Im Sinne einer Lebensreise kann man es aber auch als Weg eines Musikers – des Gitarristen und Sängers Andy Powell – zu sich selbst sehen.
Das mag pathetisch oder gar esoterisch überzeichnet klingen, geht es doch um Rockmusik pur. Fragt man aber den Engländer selbst, der mit 19 Jahren das Rockquartett mitgegründet hat, würde man vermutlich eine Bestätigung bekommen. Der gebürtige Londoner, der im amerikanischen Ostküstenstaat Connecticut lebt, hat als einziges Gründungsmitglied die vielen Wechsel der 1980er und 90er Jahre und die kurzen Phasen von Heavy-Rock und Rave durchgemacht. Mit der Rückkehr zu den musikalischen und stilistischen Ursprüngen fand sich auch wieder die treue Fangemeinde ein, die den Erfolg der regelmäßigen Tourtätigkeit der Band garantiert.
Das Publikum ist mitgealtert
Ablesen ließ sich das auch beim Auftritt von „The Ash“ im dicht besetzten Clubraum der Mälzerei. Neben vielen mittlerweile Bauch tragenden älteren Semestern mit silbrig glänzenden Pferdeschwänzen oder variantenreichen Glatzen drängten sich aber auch mittelalte und einige jüngere Fans vor der Bühne. „Es kommen auch Väter mit ihren Töchtern“, zählte Veranstalter Alex Bolland ganz stolz auf, „und es sind immer Fans dabei, die bis aus Franken und sogar Österreich anreisen.“
Dass sich solcher Aufwand lohnt, hörte man bereits anfangs als sich die vier Musiker durch die Menge schoben. Wie eine anrollende Welle breiteten sich ein impulsiver Aufschrei und stürmischer Beifall aus, bis die ersten Gitarrenakkorde den Raum füllten. Ohne zeitschindende Vorband begrüßte Powell, der in einem Monat 76 Jahre alt wird, sein Publikum mit einem freundlichen, aber lapidaren „great to be back“. Danach zählte erst mal nur die mit einer Signatur an der Kopfplatte versehene, berühmte Flying-V-Gitarre. Mit ihrer musikalischen Signatur, den beiden synchron gespielten Leadgitarren Powells und des deutlich jüngeren Mark Abrahams, bliesen sie zum Auftakt mit dem Klassiker „Blowin‘ Free“ Köpfe und Ohren frei.
Das Programm der zwei Sets mit einigen Nummern vom 1972er Album „Argus“ geriet letztlich zu einer Fortsetzung der Wishlist-World-Tour. Damit tourte die Band ab 2024 durch zahlreiche Länder. Letztlich ist das auch das Geheimnis von Wishbone Ash. Trotz kontinuierlicher Veröffentlichungen, darunter zahlreicher Live-Alben, ist das Quartett eine Liveband, die von der Energie und direkten Kommunikation mit dem Publikum – ihren Fans – lebt. Regelmäßig bekommen die weit mehr geboten als nur eine routinierte Abfolge von religiös oder spirituell konnotierten Songs wie „King Will Come“, „Throw Down The Sword“ oder folkinspirierte Balladen.
Emotional starker Auftritt
Mit seiner kreativen und auch körperlichen Elastizität und einer geradezu bravourösen Leistung ist Powell – um noch eine andere Sicht einzubringen – geradezu ein Musterbeispiel für die Rentendebatte um eine verlängerte Arbeitszeit. Allerdings hätte er als Freiberufler und Arbeitgeber für Abraham und seine Kollegen Bob Skeat am pluckernden Bass und Mike Truscott am wunderbar präzisen Schlagzeug keinen steuerlichen Freibetrag zu erwarten, wie er jüngst in Deutschland für Rentner eingeführt wurde.
Vielmehr werden er und seine Mitmusiker wie „Warrior“, ebenfalls vom Album „Argus“, weiter „auf der Suche nach Neuem“ sein und dabei auf ihren geradlinigen, melodischen Rocksound mit Blues- und Folkeinflüssen setzen.
Wenn sie ihre emotional starken Auftritte dabei auch künftig, wie in der akustisch nicht einfachen Mälze, mit einem klaren, transparenten Sound und angepasster Lautstärke absolvieren, gewinnen sie vermutlich sogar neue Fans hinzu. Dann steht die kommende Tour vielleicht unter dem Signum „Time Is“, statt wie die jetzige unter dem Titel „Time Was“, benannt nach einer ziemlich depressiven Ballade. Mittelbayerischen Zeitung, 19.1.2026
„Geile Mucke“
Kleine Bands veranstalten in Regensburg ein Konzert
Indie, Punk, HipHop - beim Local Flavors treffen am 3. Januar wieder Welten aufeinander. Kurz Nach Zwei, Lonelinus und BrokeMo zeigen, wie lebendig Regensburgs Musikszene ist.
Drei Jahre ist es jetzt her, dass Nico Seidinger mit seinen Bandmitgliedern von Kurz Nach Zwei in einer Bar in Regensburg gesessen ist. Als frische Newcomer merkten die Jungs, dass es in Regensburg für kleine Bands oft gar nicht so einfach ist, Auftritte zu ergattern: „Es hat in Regensburg ein bisschen gefehlt, dass Newcomer-Artists einfach eine Bühne kriegen“, sagt Sänger Nico Seidinger. Da stellten sie sich die Frage: „Was würden wir anders machen, wenn wir ein Event organisieren?“ Die Antwort war schnell gefunden: Local Flavors.
Bei dem Event organisieren kleine Regensburger Bands gemeinsam ein Konzert. Seidinger und seine Bandkollegen hatten zwar die Idee, bei der Organisation helfen aber die eingeladenen Bands auch tatkräftig mit. „Wir machen nicht die komplette Orga und die Bands spielen an dem Abend und fahren wieder. Der ganze Abend ist kreiert von allen“, erklärt Seidinger. Besonders ist auch, dass die Bands, die beim Local Flavors auf der Bühne stehen, aus komplett unterschiedlichen Genres kommen.
Kurz Nach Zwei zum Beispiel spielt Indie-Pop-Punk, Lonelinus & BrokeMo ordnen sich dem Hip Hop zu und „elen in wavs“ beschreibt man am ehesten als genrefluid soulful. „Da gibt es kein Auswahlkriterium, wir schauen einfach, mit wem wir gerade in Kontakt stehen, wer reinpasst und welche Musik wir letztes Jahr hatten“, sagt Seidinger
Regensburgs Musikszene ist „einfach geil“
„Besonders am Anfang hatten wir voll Struggles, Gigs zu finden. Für die Anzahl an Kneipen in Regensburg gibt es viel zu wenig Möglichkeiten für Live-Musik“, sagt auch Linus Eisenhauer, der als Lonelinus auftritt. Der Anfang ist für den Rapper aber schon etwas her. 2016 fing Lonelinus mit der Musik an, damals noch mit klassischem Deutschrap, mittlerweile ist er „irgendwo zwischen Hyperpop und Jazzy-Beats“, wie er selbst sagt.
Schon früh tat er sich mit Moritz Schnell, aka BrokeMo, zusammen. „Unsere Eltern haben uns damals schon in den gleichen Sandkasten gesteckt. Dann haben wir auch ziemlich zeitgleich mit dem Rappen angefangen“, erzählt Eisenhauer. „Regensburg hat halt eine krasse Kulturszene und ich meine, ohne die würden wir uns gar nicht kennen. Unsere Eltern sind auch beide Musiker und dadurch kennen sie sich“, ergänzt Moritz Schnell.
Die Regensburger Musik-Szene nutzt Orte wie die Bar Kosmonaut als Treffpunkt, um sich auszutauschen und gemeinsame Auftritte zu planen. Bei diesem Kontakt erhalten die Künstler auch Einflüsse voneinander - von Rap über Punk zu Techno. „Deswegen ist diese Regensburger Kultur, wo krass viele Bands und Künstler aufeinandertreffen, einfach geil“, sagt Schnell.
Regensburg hat eine gute Größe, um Musik zu machen, findet Lonelinus: „Wo man in München oder Berlin halt einfach in der Masse untergeht, kann man hier echt eine coole, eingeschworene Bubble mit sich aufbauen.“ Was die Regensburger Szene aber noch besonders macht, ist der Zusammenhalt.
Konkurrenzdenken? Fehlanzeige. „Früher war das vielleicht mal so, aber inzwischen hilft hier jeder jedem“, sagt Linus Eisenhauer. Wenn ein DJ ausfällt, springt jemand ein. Wenn eine Band noch nie live gespielt hat, bekommt sie bei anderen einen Vor-Act-Slot. Auch größere Acts wie Liquid & Maniac geben Tipps, hören Mixe gegen oder vermitteln Kontakte. „Selbst wenn’s mal nicht meine Lieblingsmusik ist - ich würde trotzdem hingehen, weil ich die Leute mag und supporten will“, sagt Schnell.
Ein Klassentreffen der hiesigen Musikszene
Ein zentraler Ort für diese Vernetzung ist die Alte Mälzerei. Für viele junge Bands ist das Kulturzentrum am Galgenberg die erste größere Bühne, für andere ein zweites Zuhause. „Jeder ist froh, wenn man das erste Mal oben im Club spielen darf“, sagt Seidinger. Die Mälze sei nicht nur Konzertlocation, sondern Proberaum und Begegnungsstätte: Metal-Abende, Drum’n’Bass-Raves, Kabarett - alles findet hier nebeneinander statt.
Lonelinus und BrokeMo proben hier mit vier anderen Bands in einem geteilten Raum. „Da lernt man automatisch neue Leute kennen. Das ist schon ein krasser Mix“, sagt Linus Eisenhauer. Bei vielen Konzerten kommen so nicht nur Fans und Band zusammen. Die Veranstaltungen werden zum Klassentreffen der Musikszene - und zum Austausch zwischen Genres: Wer nur Hip-Hop mag, bleibt trotzdem für Punk. Wer eigentlich wegen Indie kommt, entdeckt plötzlich R’n’B. „Man will einfach geile Mucke hören, egal welches Genre“, sagt Lonelinus.
Das Local Flavors zeugt von den engen Vernetzungen innerhalb der Regensburger Musikszene - und von den Einflüssen der Bands aufeinander. „Die Besucher sollen von dem Event mitnehmen, wie vielfältig die Szene hier in der Stadt ist. Ein Event von Regensburg, für Regensburg“, sagt Nico Seidinger.
Info:
Das Local Flavors findet am 3. Januar ab 19 Uhr in der Alten Mälzerei statt. Tickets gibt es ab 10 Euro auf der Website alte-maelzerei.de. Regensburger Zeitung, 29.12.2025
Schienbeintritte für Politiker
Mathias Tretter liefert mit seinem satirischen Jahresrückblick ein Feuerwerk an Pointen
Von Michael Scheiner
Der Kabarettist machte mit „Nachtrettern“ in der Alten Mälzerei in Regensburg Station. Mit Friedrich Merz geht er beinahe zart um, andere bekommen kräftig ihr Fett weg.
„Endlich!“, möchte man Mathias Tretter zurufen. Mit einem dicken Ausrufezeichen hintendran. Endlich springt jemand für unseren bayerischen Ministerpräsidenten in die Bresche. Nimmt ihn in Schutz vor seinem abhanden gekommenen Lieblingsfeind, dem Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen. Der hatte, nur zur Erinnerung, bei seinem Abschied aus der Politik im vergangenen August Markus Söder „fetischhaftes Wurstgefresse“ vorgeworfen.
Nun braucht es einen anderen Franken, der diese aus purem Neid geborene Charakterisierung bei seinem satirischen Jahresrückblick in der Alten Mälzerei entschieden zurückweist. Mathias Tretter geht sogar darüber hinaus. Mit analytischer Schärfe zeigt er auf, dass Söder als Nürnberger garnicht anders kann. Die Stadt bestehe praktisch aus Wurst und zudem sei das, was der „Maggus“ tut, Politik in Reinkultur. Dem grünen Ex-Vizekanzler, das war Habeck ja auch noch, rieb Tretter dafür noch einiges mehr unter die Nase, was über die Schärfe eines trendigen Ingwer-Shots hinausgeht.
An Baerbock abgearbeitet
Noch genüsslicher allerdings arbeitete sich der „Komiker“, so seine eigene Berufsbezeichnung, an Robert Habecks früherer Co-Vorsitzender Annalena Baerbock ab. Als er sich echauffierte darüber, dass Baerbock die von ihr selbst gesetzten Diplomatin Helga Schmid auf den Posten der Direktorin der Generalversammlung der Vereinten Nationen abgedrängt hatte, meinte man einen Hauch ehrlich gemeinter Abneigung zu verspüren. Tretters feministisches Redlichkeitsempfinden beschränkte sich dann aber auf den Wunsch, er hätte lieber die Nürnberger CSU-Abgeordnete Dorothee Bär als Baerbocks Nachfolgerin im Außenamt gesehen, denn als Bundesministerin für Raumfahrt und Forschung. „Dann hätte man nur den ‚…bock‘ weglassen müssen“, folgerte Tretter scharfsinnig.
Der gebürtige Würzburger, dessen Heimatstadt übrigens den ersten grünen Oberbürgermeister Bayerns hat, ist erstmals nach sechs Jahren wieder mit „Nachgetrettert“ unterwegs. Das Programm ist sein Jahresrückblick, der zwischen persönlicher Familiengeschichte, gesellschaftlichem „Gefresse“ in Form von Konsum, Konsum, Konsum und politischen Hochkarätern mäandert. „In zwei Stunden“, schreibt der Kabarettist auf seiner Homepage, kommt eben „alles, was man lieber vergessen hätte“, aufs Tapet. Hört man aber auf die Lacher und ihre auf die weiblichen Pendants, so fand sich im Publikum wohl niemand, der die politischen Patzer des Kanzlers, seines Medienministers Wolfram Weimer oder der widersprüchlichen AfD-Vorsitzenden Alice Weidel am liebsten aus seinem Gedächtnis getilgt hätte.
Vielmehr genossen die Fans des in Leipzig abgetauchten Würzburgers die laufend abgefeuerten Pointen. Treffsicher nimmt Tretter seltsame Männlichkeits- und Machtrituale auf Unternehmerkongressen mit all ihrem schmierigen Gehabe der „einzigen Frau“, einer Chefsekretärin, gegenüber aufs Korn. Fast barmherzig geht er mit Kanzler Merz und dessen undiplomatischem Charme um, versetzt ihm ein paar zarte Tritte gegen das Schienbein und lässt auch Trump & Co. nicht außen vor. Einen tiefen Blick wagt Tretter in die geistig-politische Matrix von US-Vizepräsident J. D. Vance und erkennt in ihr einen teuflischen Plan: Vance war der letzte Besucher von Papst Franziskus, „am Tag drauf war er tot.“
Als wiederkehrender Prophet geistert der Onkel Tretters durch das süffisante bis boshafte Programm und zieht anekdotische Kurzschlüsse über Zeitgenossen, wie den Wüterich Klaus Kinski. Von ihm wusste der Onkel, dass er in Münchens Maxstraße ein Schaufenster zerdebberte, um Geschmeide zu klauen – „vier Monat’ späda wor a dod!“ Ein satyrischer Hochgenuss, frei nach „Großmuddas“ Wahlspruch: „Nichts hält länger am Leben, als Bosheit.“ Mittelbayerische Zeitung, 20.12.2025
Ein Abend wie in der Kneipe: Alex Stoldt füllt mit Programm „Quasi Nichts“ die Alte Mälze
Von Maria Schmidt
Es gibt Künstler, die betreten die Bühne, und plötzlich fühlt sich ein ganzer Saal an, als wäre man zusammen zufällig in einer Kneipe gelandet. Genau so war es, als der Hamburger Comedian Alex Stoldt zum ersten Mal in der alten Mälzerei auf der Bühne stand und das Publikum auf eine Reise durch seinen ungebremsten und eigensinnigen Gedankenfluss mitnahm.
Zunächst stimmte der kurze Voract von Emilia Suchlich die Zuschauer bereits auf trockenen Humor und leichtfüßige Bühnenpräsenz ein. Schon zu Anfang setzte Stoldt den Ton für den Abend: „Was kann ich eigentlich?“, fragte er selbstironisch und begann dann, erstaunlich leidenschaftlich, Tricks mit seinem Ohr vorzuführen. Seinem früheren Neurologen zum Trotz, der seiner Mutter prophezeite, der junge Alex würde es nicht zu viel bringen, denn: „Aus einem Ackergaul kann man nun mal kein Rennpferd machen!“. Heute herrschen ganz andere Töne vor, ein Fan habe ihn einmal als einen „Denker der Neuzeit“ beschrieben, wie Stoldt sich augenzwinkernd brüstet.
Mit typisch norddeutscher stoischer Mimik servierte er dem Publikum Alltagsbeobachtungen, die sich zwischen absurd, völlig banal und einfach treffend lustig bewegten. So philosophierte er darüber, ob der Wissenschaftler, der herausfand, dass bei Seepferdchen Männer die Kinder bekommen, sich nicht eher in einer ausführlichen Lüge verstrickt hat. Oder darüber, dass er nie einen Lebensratgeber von einer Person lesen würde, die Lebensratgeber schreibt: Die hätten schließlich beim ganzen Schreiben gar keine Zeit zu leben. Stimmung im Saal war ausgelassen
Sein Stil: Jemand, der die Welt betrachtet, kurz den Kopf schief legt und dann die Gedanken einfach rauslässt, ohne Filter, aber mit perfektem Timing.Meine Zielgruppe sind die Leute, die mich lustig finden“, erklärte er trocken. Und sollte tatsächlich niemand lachen – bei 180 Menschen im ausverkauften Saal ein hypothetisches Szenario – sei sein Humor „eben einfach zu exquisit“.
Als er mit acht anderen Comedians vor nur mageren zehn Menschen auftrat, nahm der 26-Jährige das gelassen: „Die können ja nicht alle nur wegen mir weggeblieben sein, da verteilt sich die Schuld schön auf alle.“ Die Stimmung im Saal war entsprechend herrlich ausgelassen. Wie ein Barabend unter Freunden, bei dem sich die Gespräche immer weiter hochschaukeln und man irgendwann nicht mehr weiß, worüber man ursprünglich lachen musste. Die Mälze zeigte sich an diesem Abend als perfekter Resonanzraum für Stoldts nahbaren Charme.
Als zwei Einspieler aus dem Off nicht den geplanten Erfolg erzielten, ist er entwaffnend ehrlich: „Kein Problem, ich habe extra dafür noch eine Person mit auf die Tour genommen, bei 300 Euro pro Show Bezahlung kostet mich dieser Witz knappe 18 000 Euro. Schön, wenn er dann auch noch so super ankommt!“ Auch ein paar leisere Töne schlägt Stoldt an, erzählt von eigenen Unsicherheiten und nimmt stereotype Körperideale aufs Korn.
Stoldt, der längst kein Geheimtipp mehr ist, wirkte sichtlich begeistert vom Regensburger Publikum. Die Zuneigung war offenbar gegenseitig: Nicht nur war dieser Abend unmittelbar ausverkauft, auch für Dezember 2026, wenn der Künstler erneut in der Alten Mälze spielt, sind bereits Tickets verkauft. So ging das Publikum nach knapp zwei Stunden nicht mit dem Gefühl nach Hause, eine Show gesehen zu haben, sondern eher mit einem sehr lustigen Freund gesprochen zu haben. Einer, der zufällig auf einer Bühne steht. Und der sicher wiederkommt – nicht nur 2026, sondern hoffentlich noch oft.
Mittelbayerische Zeitung, 12.12.2025
Der Entertainer und Musiker sorgt für volle Säle
Die einen schätzen seine kluge Ironie, andere kreischen sogar: bei Rian in Regensburg
Der Star aus Österreich singt über eine Sache, die man lieber meidet: Ein Familientreffen geht schrecklich schief. Mit tanzbarer, energiegelandener Musik sorgt er für „happy Vibes“.
Anne Nothroff
Vor zwei Jahren galt er noch als Newcomer, heute wird er im Supermarkt erkannt. Mit inzwischen rund 15 Millionen Streams hat sich Rian als feste Größe der Musikszene etabliert – und das nicht nur in seiner Heimat Österreich. Seine Lyrics werden bereits mit den frühen Texten von Reinhard Mey verglichen. Rian verbindet deutschsprachigen Indie-Pop mit humorvoller Satire wie kaum ein anderer.
Das Konzert in der Alten Mälzerei am Mittwochabend war monatelang im Voraus ausverkauft – ebenso wie die meisten seiner weiteren Shows. Bis Ende April 2026 hat der Singer-Songwriter Live-Termine angekündigt, doch Tickets sind kaum noch zu bekommen.
Tiefsinn zum Mitsingen bei der Vorband Marten
Als Vorband spielte Marten, der mit eigenen Songs und einem Coldplay-Cover von „The Scientist“ im österreichischen Dialekt für Stimmung sorgte. Seine Texte behandeln tiefsinnige Themen wie Verlust, mentale Gesundheit und menschliche Verbundenheit. Trotz der emotionalen Schwere gelingt es ihm, durch eingängige Dialekt-Mitsingparts das Regensburger Publikum sofort mitzunehmen; die Gäste meistern diese Herausforderung mit Bravour. Am Ende zeigt sich Marten dankbar, als Vorband von Rian auftreten zu dürfen, und betont, wie willkommen er sich in Regensburg gefühlt hat. „In Österreich sagt man, dass es sich in Regensburg sowieso gut singen lässt“, verrät er mit einem Augenzwinkern.
Auch Rian beweist anschließend, dass er in Regensburg längst eine treue Fanbase hat. Kreischende Teenager in der ersten Reihe. Für einige ist es sogar das allererste Konzert ihres Lebens.
Mit seinem bekanntesten Stück „Verwandtschaftstreffen“ widmet sich der Künstler einem Thema, das vielen nur allzu vertraut ist – und das man am liebsten meiden würde. Er erzählt von einem harmlosen Sonntag, an dem plötzlich ein Familientreffen stattfindet. Schnell nimmt der Tag eine unerwartete Wendung: Statt gemütlichem Beisammensein gibt es Drama, Streit und laute Diskussionen.
Der Sänger zeichnet dabei typische, bewusst überzeichnete Figuren solcher Zusammenkünfte: den betrunkenen Onkel, die Tante mit Verschwörungstheorien, den politisch fragwürdigen Opa. Alle reden durcheinander, schreien und diskutieren. Mit Humor und Ironie hält Rian der Realität einen Spiegel vor, gerade jetzt, wo vielen das nächste Weihnachtsessen bevorsteht. Inzwischen gibt es auch eine Weihnachtsversion des Songs.
Er ist nicht nur Musiker, sondern auch Comedian
Seine Nummern sind von rhythmischen Beats getragen. Tanzbar, energiegeladen und voller „Happy Vibes“, die im winterlichen Regensburger Nebel besonders gut tun. Doch Rian kann auch anders: Er schlägt emotionale Töne an, singt über Verliebtsein und zwischenmenschliche Nähe. In „Ich bin kein Arzt“ fragt er sich kopfschüttelnd, was mit manchen Menschen los ist, und stellt für hupende Autofahrer oder Drängler an der Supermarktkasse eine klare Diagnose: „Arschlöcher.“
Zwischen den Songs entlockt er dem Publikum immer wieder Lacher und beweist, dass er nicht nur Musiker, sondern auch Comedian ist – und das nicht nur auf Social Media.
Für die einen also ein Star ihrer Teenager-Zeit, für die anderen jemand, der die Atmosphäre beim Weihnachtsessen satirisch klug vertont. Beim familiären Konzert in der Mälze hat Rian jedenfalls ein altersmäßig bunt gemischtes Publikum begeistert.
Mittelbayerische Zeitung, 5.12.2025
Kompanie aus Italien
Bei den Tanztagen: Sofia Nappi und Komoco lassen die Puppe Pinocchio zum Menschen werden
Die Choreographin und ihre Tanzkompanie aus Italien zeigen ihr neues Werk „Pupo“ an der Uni in Regensburg. Es fasziniert durch sein reiches Bewegungsrepertoire.
Von Katharina Kellner
Ihn kennt in Italien jedes Kind: Pinocchio, den Helden aus dem berühmten Buch von 1883, mit dem Autor Carlo Collodi Schulkinder zum fleißigen Lernen anleiten wollte. Sofia Nappi, die wie Collodi aus Florenz stammt, kennt Pinocchio gut. Die Abenteuer der aus einem Holzscheit geschnitzten Puppe inspirierten die künstlerische Leiterin der Tanzkompanie Komoco zu einer Choreographie, mit der sie internationale Bühnen bespielt. Der Titel ist „Pupo“, das bedeutet im Italienischen gleichzeitig „das Kind“ und „die Puppe“. Allerdings hält Nappi Collodis Geschichte, wie sie am Sonntagabend im Theater an der Uni sagte, nicht für Kinder geeignet. Es gebe zu viel Gewalt darin, der Tod sei für Pinocchio stets präsent.
Bereits zum zweiten Mal ist Sofia Nappi bei den Tanztagen und scheint bereits eine Fangemeinde zu haben: Bis auf den letzten Platz war das Theater an der Uni besetzt. Das Publikum erlebte eine dichte und atmosphärische Aufführung: Sieben Tänzerinnen und Tänzer führten in rund 60 Minuten die Metamorphose der Holzpuppe zum erwachsenen Menschen vor Augen. Dabei interessiert sich die Choreographin nicht für eine lineare Erzählung der Abenteuer Pinocchios. Ihre abstrakten Tanzbilder sind geleitet von der Idee, dass Begegnungen, ob liebevoll oder auch gewalttätig, eine Persönlichkeit formen.
Zappelig und neugierig
Mit „Pupo“ erschaffen Sofia Nappi und Komoco einen dichten, atmosphärischen Tanzabe
nd – durch abwechslungsreiche Musik, ein reiches, ausdrucksstarkes Bewegungsrepertoire und eine eindrucksvolle Lichtregie. Das Publikum verfolgt äußerst konzentriert das Geschehen auf der ganz in schwarz gehaltenen Bühne. Leichter Bühnennebel und gelbliches Licht geben die Gesichter der Tänzer nur schemenhaft preis. Beständig fließen Solo- und Gruppen-Szenen ineinander. Gitarren- und Geigenmusik wechseln sich ab mit fetten Beats und orientalischen Klängen. So zeigt sich die Fülle des Lebens. Den Tanzenden sind keine festen Rollen zugeordnet – immer wieder meint man Pinocchios zappeliges, neugieriges, verspieltes Wesen bei einer anderen Person zu erkennen, die sich ruckartig bewegt wie eine Puppe oder wie von unsichtbaren Fäden gezogen wird. Hin und wieder fasst sich jemand an die Nase – die wächst bekanntlich bei Pinocchio, sobald er lügt. Auffallend ist der Einsatz der Hände: Die Tänzer betrachten sie, schlagen sie sich vor die Augen, gestikulieren wild. So tastet sich Pinocchio in eine ambivalente Welt vor: Einmal will er jemanden umarmen, wird aber zurückgestoßen. Mal bewegen sich Tänzer wie beim Kampfsport, attackieren andere, werden handgreiflich. Dann wieder ist menschliche Verbundenheit zu spüren: eine Kusshand, ein Schäkern, ein erhobener Zeigefinger. So zeigt „Pupo“: Das Leben ist schön, und zugleich ein Kampf.
Der Auftritt ist gegliedert in einzelne Szenen, die schnell aufeinander folgen. Faszinierend ist, wie viele Anspielungen Komoco eingearbeitet hat: Viele der kraftvollen Bewegungen sind vom Breakdance inspiriert, man sieht die Tanzenden rappen oder in den Spagat gehen, für Momente sind Tango und klassischer Paartanz zu entdecken. Eine Tänzerin sticht heraus: Kleiner als die anderen, bewegt sie sich flink und geschmeidig wie ein Derwisch.
Das innere Kind bewahren
Poetische Bilder bleiben haften, wie das vom fernöstlich inspirierten Tänzer, der sich zum Sound von Wassertropfen wie in Zeitlupe bewegt. Berührend ist das Finale: Zu einer zarten Chopin-Nocturne ist ein melancholischer Pinocchio zu sehen, der das Leben geschmeckt hat, sich aber in einem Käfig befindet, geformt durch kraftvolle Lichtstrahlen.
Später sagt Sofia Nappi im Gespräch, ihr Tanz zeige eine „Journey of Life“, die Reise des Lebens. Ihr Anliegen sei, dass die Menschen ihr „inneres Kind“ bewahren und wertschätzen, auch als Erwachsene. Dies sei nicht individuell, sondern gesellschaftlich zu verstehen. Darauf verweisen in ihrem Tanz die einzigen Requisiten: Weiße Masken, die die Tänzer vorübergehend tragen, deuten das Kollektiv an. Nappi zeigt sich überzeugt: Wer sich ein verspieltes, ausgelassenes Wesen bewahrt, erträgt die Widrigkeiten des Lebens besser. Mittelbayerische Zeitung, 2.12.2025
Bei den Tanztagen
Auftritt in Regensburg: Ensemble Cocoondance erkundet eine neue Dimension des Tanzes
Das international gefeierte Ensemble ist nun schon Stammgast bei den Regensburger Tanztagen. In diesem Jahr erkunden sie das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft und geben dem Tanz eine Stimme.
Sie hat es wieder getan: Erneut hat die Schweizer Choreografin Rafaele Giovanola das Publikum bei den Regensburger Tanztagen von den Stühlen gerissen. Seit mehreren Jahren ist sie mit ihrer Formation Cocoondance Stammgast in der von der Alten Mälze kuratierten Reihe und wird jedesmal gefeiert. Es sei ein „fast schon immersives“ Erlebnis gewesen, sagt eine Zuschauerin aus der ersten Reihe am Ende sichtlich beeindruckt.
Tatsächlich erweitert Cocoondance mit der neuen Choreografie „Choreia – Ein Polyballett“ am Mittwochabend im Theater an der Uni den Tanz um eine neue Dimension. Die ungewöhnliche Herangehensweise dieser Arbeit zeigt sich bereits 30 Minuten vor der Aufführung: Giovanola lädt das Publikum zur Einführung ein, bei der man anfangs das Gefühl hat, im Vhs-Kurs „Entspannende Atemtechniken“ zu sitzen: Die Choreografin lässt das Publikum atmen, gähnen, hecheln und Geräusche produzieren: Ein langgezogenes „Uaahhh“, ein gut vernehmbares „Brrr“ oder den Sound eines Mopeds, das beschleunigt. Giovanola, sichtlich mit Spaß bei der Sache, leitet einzelne Gruppen im Publikum an, unterschiedliche Laute in einer Polyphonie zusammen zu bringen. Später stellt sich heraus: Diese Übungen führen geradewegs zum Kern der neuen Choreographie, mit der Giovanola „der stummen Kunstform Tanz wieder ihre Stimme zurückgeben“ will, wie sie schon zuvor gesagt hatte.
Fauchen, johlen, gurren
Bisher fragte die Choreografin nach dem „ungedachten Körper“ und lotete damit Bewegungen aus, die man nicht von Menschen kennt, sondern eher von Krebsen, Raubtieren oder Robotern. Mit „Choreia“ fragt sie nun nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft und nach der Kraft von Ein- und Vielstimmigkeit.
Zu Beginn liegt die Bühne im Dunkel, ein Knarzen wird hörbar, ein Krächzen. Ein Tänzer kommt auf leisen Sohlen von der Seite, ein zweiter robbt, den Kopf am Boden, heran. Die Soundkulisse wird lauter, vielstimmiger – wie animalisches Geschrei aus dem Urwald: Tiefes Fauchen, lautes Johlen, Gurren und Scharren. Im Zwielicht sind nun die Silhouetten aller acht Tanzenden zu erkennen, einige nähern sich mit bedächtigen Bewegungen aus dem Zuschauerraum. Nun löst sich die leicht unheimliche Atmosphäre auf. Die Tänzer lassen in zunehmend gleichförmiger Bewegung die Schultern nach unten fallen, der Rhythmus wird schneller. Deutlich ist ihr Atem zu hören, denn sie tragen Mikros. Tatsächlich sind es die acht Tänzer selbst, die (zusammen mit einem Live-DJ) die Geräusche produzieren. Das geschieht gleichzeitig zum Tanz, kraftvoll und mit viel Präsenz.
Die Tänzer zeigen ihr reiches Bewegungsvokabular: rhytmisches Zucken, archaisches Stampfen, ein Kreiseln wie in Trance. Vielfältige Assoziationen blitzen auf: schamanische Beschwörungen, Hip-Hop, Folkloretänze. Ein Bild bleibt lange hängen: In gelbem Licht beugt sich eine Tänzerin über die Körper der sieben anderen am Boden. Sie krächzt laut, würgt, wild zuckt ihr Oberkörper. Das Würgen steigert sich fast bis zum Brechreiz. Es wirkt, als sei sie die einzige Überlebende, trauernd um all die Toten auf dem Schlachtfeld. Doch ihre Vereinzelung währt nur kurz.
Sie webt kleine „Fehler“ ein
Herzstück des Abends ist ein gemeinschaftlicher Kreistanz, mit dem Giovanola auf „Choreia“verweist, den Chor in Drama und Komödie im antiken Griechenland, in dem Bürger gleichberechtigt sprechen, singen und tanzen. Als Zuschauer gerät man dabei in den Sog, den man kennt von früheren Cocoondance-Auftritten: Es ist das Zusammenwirken von rhythmischem Sound, magischen Tanzbildern und eindrucksvoller Lichtregie. Giovanola sendet hier quasi ihre Botschaft: Sie feiert nicht Perfektion, nicht die Gleichförmigkeit des Tanzkörpers, sondern dessen Mehrstimmigkeit. So webt sie kleine „Fehler“ in das Bild: Einzelne verschaffen sich Gehör, bewegen sich asynchron zum Kollektiv, lösen sich aus dem Kreis. Lässt sich so vielleicht gesellschaftliche Spaltung überwinden – durch eine konsequent integrative Gemeinschaft?
Im Finale löst sich auch die Distanz zum Publikum auf: Als die Tänzer erschöpft und schweigend stehenbleiben, entsteht ein Augenblick der Irritation: Ist es schon zu Ende? Doch nun gibt Giovanola sechs Zuschauern, denen sie zuvor Rollen zuteilte, ein Zeichen: Mit langen „Ahh!“-Rufen geben sie den Tänzern ihre Stimme zurück. So erschaffen Cocoondance und das Publikum an diesem Abend einen Chor, durch den sie erfahren: Mit ihrer Stimme bewegen sie andere, selbst über körperliche Distanz hinweg. Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2025
Konzert
Knarf Rellöm Arkestra und Sedlmeir bringen die Regensburger Mälze zum Tanzen
Tanzbar, politisch, abgedreht: Zu tanzbaren Grooves singen die drei munteren Musikanten „Die Mieten sind zu hoch“, „Say it loud, du hast Scheiß gebaut“. Solokünstler Sedlmeir tritt mit seinem Song „Berlin, die Stadt der Liebe“ auf.
Michael Scheiner
Zu den beliebten Kinderspielen gehören Geheimsprachen. Dabei werden Buchstaben vertauscht oder zusätzlich eingeschoben oder Namen rückwärts gelesen. Ob der Musiker mit dem irdischen Namen Frank Möller seine aktuell dreiköpfige Band in einer kindlichen Anwandlung Knarf Rellöm Arkestra benannt hat, bleibt vorerst sein Geheimnis. Weniger geheimnisvoll ist der Zusatz „Arkestra“, der auf den afrofuturistischen Jazzkomponisten Sun Ra verweist.
Ein Hauch von Jazzcoolness
Tatsächlich nimmt der Gitarrist und Sänger beim Auftritt seiner Band im Clubkeller der Alten Mälze mindestens einmal Bezug auf den afroamerikanischen Bandleader. Als er ein „call and response“ Stück mit dem „assoziierten Mitglied Sedlmeir“ ankündigt, fordert er das Publikum auf, kräftig mitzumachen. Musikalisch-inhaltlich gibt es dagegen kaum Ähnlichkeiten zwischen den beiden Musikerpersönlichkeiten, auch wenn ein Saxofonist und Flötist einen Hauch Jazzcoolness lostritt.
Eine kleine Parallele findet sich im Eklektizismus, dem beide ausgiebig frönen. Rellöm bedient sich für seine engagierten, oft nur aus einer Parole bestehenden Songs munter vom simplem Rock über NDW-Sounds, funky Dancefloor bis hin zum Reggae. Der hat es dem munteren 63-jährigen Gitarristen besonders angetan und ergießt sich in langen Schleifen aufs fröhlich wippende und tänzelnde autonome Volk. Dabei werden schon mal AC/DC oder Oasis zitiert, an Suzi Quatro erinnert und Mitsingende aus dem Publikum auf die Bühne gezogen.
„Damit ihr lauter und aggressiver mitsingt“, animiert der sich links verortende Rellöm die auflachenden Zuhörenden, „müsst ihr euch die Gesichter von Putin und Trump vorstellen“. Zu tanzbaren Grooves singen die drei munteren Musikanten „Die Mieten sind zu hoch“, „Say it loud, du hast Scheiß gebaut“ und vom Wunsch nach einer „Freundin“ aus ihrem aktuellen Album „Kritik der Leistungsgesellschaft“.
Durchaus ebenfalls politisch, wenn auch weniger direkt und parolenförmig, singt der Solokünstler Sedlmeir über „Berlin, die Stadt der Liebe“, verhakt sich kritisch in „Die Industrie“ und den „Raumschiff-Sänger“. Ironisch, schräg und manchmal phänomenal vielschichtig stellt er „Lupen-Rainer“ vor, „der in einer Sekunde die Demokratie gerettet hat“. Denn dieser Rainer „war nicht nur schön, sondern auch schlau“ und hat mit seinem Lupenkasten „an den richtigen Schrauben gedreht“.
Zitate aus der Pop- und Rockgeschichte
Spießig gewandet mit rotem Hemd und dunklem Jackett mit Einstecktuch schrammelt er zum Playback-Groove aus dem Laptop auf seiner E-Gitarre knackige Rock- und NDW-Akkorde was das Zeug hält. Auf einer weiteren Ebene laufen hinter ihm Schwarz-weiß-Fotos oder kurze Clips über eine portable Leinwand und kommentieren oder zerfasern die musikalischen Inhalte. Auch bei ihm tauchen immer wieder Zitate aus der Pop- und Rockgeschichte auf, wie zu Nirvanas zweitem Studioalbum „Nevermind“. Ein hinreißendes Gesamtkunstwerk, das mit überspitzten Rockmusiker-Posen wie eine obergärige Mischung aus Helge Schneider, Udo Lindenberg und einem Spritzer Julius Schittenhelm. Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2025
Brandneuer Indie
Molas Botschaft in Regensburg: Lasst euch ruhig fallen
Konzerte in der Alten Mälzerei sind grundsätzlich laut, bunt, und sehr intim. Dicht gedrängt wird schon seit Jahrzehnten auf kleinem Raum getanzt, gesungen, gelacht, manchmal auch geweint. Der ideale Ort für die Münchner Band Mola, um mit ihrer neuen Platte „Liebe Brutal“ alle Facetten von Liebe zu erkunden.
Hannah Eder
Mola, das sind Sängerin Isabella Streifeneder und ihr Partner, Bassist und Produzent Markus Harbauer, deren roher „Gossenpop“ den Saal mit Unterstützung von Gitarrist Matthias Hoheneichner, Keyboarder Korbinian Guggenmoos und Schlagzeuger Manuel Di Camillo bis in den letzten Winkel auszufüllen vermag.
Als Vorband brachte Mola mit Lener alias Magdalena Haslbauer eine aufstrebende Indie-Künstlerin und einen eingefleischten Fan mit. Stünde sie nicht auf der Bühne, wäre sie mit Sicherheit im Publikum zu finden, scherzt die 26-Jährige. Bereits ab der ersten Note wird klar: Sie ist eine Musikerin, deren Live-Auftritte deutlich mehr scheppern als die sanfteren Studio-Aufnahmen vermuten lassen. Ihr aufmüpfiger Indie-Rock, der flüssig zwischen englischen und deutschen Texten wechselt und von feinen Melodien durchsetzt ist, wärmt schon mal für den Hauptact auf. Auch Mola starteten klein. Seit der Neuausrichtung 2017 geht die Karriere von Isabella Streifeneder und ihrer Band allerdings steil bergauf. Schritt für Schritt haben Songs wie „Schnee im Sommer“, „Wenn du Springst“ und „Vino Bianco“ in Spotify-Playlisten, WG-Zimmern und auf Festivals Einzug gefunden. Mit „Liebe Brutal“ veröffentlichte die fünfköpfige Band im September ihr drittes Album. Geht man nach der Anzahl textsicherer Fans n der ausverkauften Mälze, scheint die Platte schon nach weniger als zwei Monaten ein durchschlagender Erfolg zu sein.
Emotionale Tiefpunkte
Isabella Streifeneders Stimme erinnert an lange Sommernächte, lauwarmen Wein und ganz viel Herzschmerz. Gleichzeitig sind die Texte rotzig und schonungslos ehrlich, voller widersprüchlicher Emotionen. Die Single-Auskopplung „Mama“ handelt davon, patriarchalen Zwängen zu entsagen, „Schmetterling“ wird deutlich balladenhafter zur Hymne an die kleinen Dinge im Leben. Anknüpfend an den originalen Mola-Sound – launisch, pessimistisch und latent morbide – widmen sich Tracks wie „Ich mach es kaputt“ oder „Wenn ich untergeh“ emotionalen Tiefpunkten. Immer wieder, im titelgebenden „Liebe Brutal“ oder in „Warmes Bier“ und „Was Liebe ist“, geht es natürlich auch um das Gefühl, das die Menschheit nicht loslässt: Amore.
Das dritte Album ist zugleich auch das erste, das nicht rein aus der kreativen Zusammenarbeit von Isabella Streifeneder und Matthias Hoheneicher entstand. Zusätzlich ergänzte Korbinian Guggenmoos, der in Regensburg am Keyboard steht, die musikalische Reise als Produzent. Dass Mola gern neue Konstellationen ausprobieren, ist nichts Neues. Innerhalb der deutschsprachigen Indie-Musik ist die Band hervorragend vernetzt. Features und Kooperationen mit Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys, Fatoni, und Ami Warning durchsetzen die drei Alben und machen Mola zu einem zentralen Anker für die Szene – egal ob Rap, Rock oder Pop.
Gekonnt lotst die Band durch die emotionale Achterbahnfahrt des sich Kennenlernens und sich Verlierens, reißt alte Wunden auf und spendet zugleich Trost für alle, die sich schon lange nicht mehr fallen lassen konnten. Und natürlich spielen Mola auch ein paar ihrer bekanntesten Hits. Im letzten Lied des Abends, „Das Leben ist Schön“, wird das Publikum ein letztes Mal zum ausgelassenen Chor, der den Text bis auf die letzte Silbe gemeinsam mit Isabella Streifeneder rezitieren kann und kollektiv von besseren Zeiten träumt.
Mittelbayerische Zeitung, 20.11.2025
Justizvollzugsanstalt Regensburg
Für die Regensburger Tanztage: Zwei Tänzer gehen ins Gefängnis
Eine ungewöhnliche Begegnung: Am Freitagmorgen sahen Häftlinge sich eine Tanzaufführung an, die erste ihres Lebens. Für die Gefängnisleitung sind solche Kulturformate willkommen.
Von Katharina Kellner
Gefängnisse sind normalerweise Orte der Ernüchterung. Doch am Freitagmorgen rücken Tänzer des Theaters Regensburg in die Justizvollzugsanstalt Regensburg ein, lassen sich von JVA-Mitarbeitern die schweren, normalerweise unzugänglichen Türen öffnen. Sie gehen durch lange Gänge und Innenhöfe mit viel nacktem Beton und dicken Mauern, an deren oberen Kanten Absperrgitter den Blick auffangen. Das Gefängnis als Ort für Kreativität? Ja, denn an diesem Tag erleben Gefangene eine Aufführung der Regensburger Tanztage.
Die Häftlinge haben keine Chance, am kulturellen Leben teilzunehmen. Dann kommen wir eben zu ihnen, dachten sich Hans Krottenthaler, Mälze-Chef und künstlerischer Leiter der Tanztage und Wagner Moreira, künstlerischer Leiter des Tanztheaters am Theater Regensburg. Sie seien bei Susanne Hollnberger, stellvertretender Leiterin der JVA und theateraffin, auf offene Ohren gestoßen, sagt Krottenthaler. Die Aufführung in der JVA läuft unter dem Titel „Tanz dahoam“, ein Format, das Moreira für das Theater entwickelte. Die Idee: Eine Tanzcompany, die nahbar ist, flexibel auf neue Räume reagiert und da hingeht, wo Menschen sich daheim fühlen – oder wo sie sich, wie im Gefängnis, eben aufhalten.
Die Kraft, die verbindet
Nach vielen Treppen aufwärts öffnet sich in der JVA die Tür zu einem großzügigen, überraschend freundlichen Raum mit mächtigen Holzbalken, deren Streben von der Decke bis zum Boden laufen. Hier schafft das Theater mit einem großen dekorativen Teppich und zwei Kaffeehausstühlen mit blauem Samt etwas Atmosphäre. Geplant sind zwei Aufführungen: Einmal für weibliche, einmal für männliche Gefangene, die in der JVA strikt getrennt sind.
Beim Eintreten der drei Frauen, die sich gemeldet haben, legen die Tänzer Gülsün Buse Cingöz und Davi Lopes los – dazu stellte Wagner Moreira eine Playlist zusammen, vor allem mit Musik von Beethoven: „Freude, schöner Götterfunken“ erklingt, die Hymne an die Freude als verbindende Kraft. Gülsün Buse Cingöz und Davi Lopes verstehen es, ihre Performance auf die sensible Situation abzustimmen: Ihre Körpersprache ist kraftvoll und fließend, zugleich sanft und bedacht. Sie loten den Raum aus, nah beieinander, auseinander strebend, schmiegen sich an Holzstreben, schwingen Stühle umher, rutschen rückwärts über den Boden, springen auf einen Stuhl, rollen sich am Boden ab, um sofort wieder auf den Beinen zu sein – alles mit atemberaubender Beweglichkeit.
Die Choreographie enthält einen kleinen auf Englisch geführten Dialog über das Leben: „Was machst Du, wenn du traurig bist? Was, wenn du glücklich bist?“ Für die Tänzer ist das Tanzen ihr Weg, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ein „magic moment“ (nach dem fragt Wagner Moreira) aus der Choreographie, die zwar vor Ort einmal geprobt wurde, aber auch improvisierte Elemente enthält: die Tanzenden tasten sich gegenseitig mit Blicken und Bewegungen ab, ohne sich dabei zu berühren. Am Ende umarmen sie sich innig und bekommen herzlichen Applaus.
Die Zusammenkunft mit den fünf Männern, die sich angemeldet hatten, entfällt dann – die Betreffenden haben sich spontan abgemeldet. Das hält JVA-Leiterin Veronika Retzbach nicht davon ab, sofort zuzustimmen, als Hans Krottenthaler sie fragt, ob sie 2026 ein im Rahmen des Popkulturfestivals organisiertes Rockkonzert in der JVA erlauben würde. Dabei stellt sich heraus: Auch Retzbach ist kulturaffin: Sie war Backgroundsängerin der Regensburger Band Sacco & Mancetti. Zudem sagt sie, die Gefangenen seien während ihrer Haft vielen Frustrationen ausgesetzt. Kultur lockere nicht nur den Haftalltag auf, sie gebe den Häftlingen Impulse, mit Blick auf ihr Leben nach dem Gefängnis ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten: „Sie sollen mal was anderes kennenlernen.“ Dr. Oliver Hauser vom psychologischen Dienst der JVA bekräftigt: Durch Kultur könne man Brücken bauen – ein nicht unwesentlicher Aspekt von Resozialisierung.
Viele Frustrationen
Gut im Brücken bauen ist Wagner Moreira. Nach dem Tanz erklärt er den Unterschied zwischen Ballett („alle nutzen dieselbe Körpersprache“) und zeitgenössischem Tanz („Jeder Tänzer hat sein eigenes Vokabular“) und erfährt: Die drei Frauen sahen zum ersten Mal einen Tanz. Eine von ihnen ist sichtlich interessiert: Sie fragt die Tänzer, ob sie stets zu zweit tanzen würden.
Im MZ-Gespräch sagt sie, der Tanz sei für sie nicht nur willkommene Abwechslung im Gefängnisalltag gewesen – sie freue sich über das Erlebnis.
Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2025
Regensburger Festival startet am 1. November mit Filmreihe
Die Tanztage holen die Besten - und machen einen Ausflug ins Gefängnis
Kurator Hans Krottenthaler hat ein Gespür für die Trends von Morgen und bucht aufregende Choreografien. Für zwei Vorstellungen geht es in die JVA.
Marianne Sperb
Kein Medium – außer der Live-Vorstellung natürlich – entspricht dem Tanz besser als das Kino. Dass die Tanztage, die am 1. November starten, in ihre 28. Ausgabe ein Filmfest integrieren, scheint also zwangsläufig. Kurator Hans Krottenthaler vom Kulturzentrum Alte Mälzerei tut sich für die Premiere zusammen mit Arbeitskreis Film, Internationale Kurzfilmwoche und Moovy, dem Tanzfilmfest Köln und schwärmt am Dienstag vom hochinteressanten Genre, das viel mehr bietet als bloße Abbildung: „Die Kamera choreografiert ja mit.“
„Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ folgt einer Ikone, die zeitgenössischen afrikanischen mit europäischem Tanz paart. Die Doku ist in Regensburg als Preview zu erleben, noch vor dem Kino-Start. Eine Auswahl von Kurzfilmen aus aller Welt – beigesteuert vom Moovy – reißt den Horizont weit auf. Auch auf regionale Tanzfilme wirft das Festival einen Blick, dazu sind viele Filmemacher und Akteure vor Ort. Wer maximal intensiv eintauchen will: VR-Brillen machen das 360-Grad-Erlebnis möglich. Ágota Harmati vom Moovy hat für Regensburg ein kleines Paket an Choreografien für virtuelle Realität geschnürt. Krottenthaler ist selbst gespannt auf außergewöhnliche Entdeckungen und sagt: „Das wird eine Bereicherung!“
Das Publikum hat Lust auf die Avantgarde
Der Macher der Tanztage hat die Nase im Wind, dazu ein dichte s Netzwerk und ein Gespür für die Trends von Morgen. Beeindruckend, wie er blind, lang bevor ihn Rankings bestätigen, die aufregendsten Ensembles und Produktionen findet und bucht. Den Beleg liefert auch der Spielplan 2025. Die Gäste zählen zu den Besten und sind etwa im Portal tanznetz.de ganz oben gelistet: Wie die internationalen Preisträger der Solo-Tanznacht. Wie Tanzmainz und Moritz Ostruschnjak, die „Trailer Park“ mitbringen, eine Choreografie, die 3sat als „mitreißenden Ritt durch popkulturelle Referenzen“ feiert. Wie Rafaële Giovanola und die CocoonDance Company, die Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen, auch in ihrer neuen Arbeit „Choreia – ein PolyBallett“. Und wie Sofie Nappi und ihre Compania Komoco, die stark am israelischen Tanz orientiert ist, „voller Power und Tempo toujours“, wie Hans Krottenthaler sagt. In „Pupo“ erzählt sie von Pinocchio, der davon träumt, ein echter Mensch zu werden. Ein Blick in Nappis Tourplan im November 2025 zeigt: Von Vancouver, Montreal und Leverkusen führt der Weg direkt in die Oberpfalz. Das Publikum hier hat Lust auf Avantgarde, auf Produktionen, die sonst auf den Bühnen in Metropolen zu sehen sind. „Für den Veranstalter“, sagt Krottenthaler, „ist das toll. Ich weiß, ich kann mich trauen.“
Die Tanztage suchen also die Spitze und gleichzeitig die Vielfalt, die ganze Breite des Publikums. Inklusion und Kooperation sind Leitplanken beim Entwurf des Programms. Zur Vielfalt gehört auch Klapptbestimmt24, das inklusive Tanztheater um Annette Vogl, das die Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Miteinander sucht, Krottenthaler: „Das ist frech und witzig – ohne Schwere und Anklage.“
Mit dem Theater Regensburg und Wagner Moreira, Leiter der Tanz-Company, hat sich ein stabiles Hand-in-Hand entwickelt. 2025 ist die Truppe zwei Mal beim Festival zu Gast: mit „Sacre – Ein Rausch“, Moreiras ambitionierter Choreografie, und mit „Tanz Dahoam“, einem Format, das einer Wundertüte gleicht.
Körperkunst hinter Gittern
Die Company tanzt auf Einladung an diversen, auch privaten Orten, reagiert auf Raum und Menschen, wie bei der Premiere in „Theresia“. Für die Tanztage suchte man explizit Publikum, das nicht zum Festival kommen kann – und wählte die JVA Regensburg. An zwei Terminen – ein Mal für Männer, ein Mal für Frauen – und unter gängigen Sicherheitsvorkehrungen ist Körperkunst hinter Gittern zu erleben. Inhaftierte können Musikwünsche äußern, Einfluss nehmen. „Ich war gespannt, wie durchlässig und offen die JVA sich zeigt“, bekennt Krottenthaler – „und positiv überrascht.“
Tanz in allen Facetten
Die Regensburger Tanztage präsentieren von 1. bis 30. November auf mehrere Bühnen - an der Uni, im Theater am Bismarckplatz, in der Filmgalerie Leerer Beutel und in der Alten Mälzerei - Tanzfilme und Choreografien am Puls der Zeit. Zum Auftakt ist am 1./2. November im Leeren Beutel eine Auswahl von Tanzfilmen zu sehen – auch als 360-Grad-Erlebnis mit VR-Brille. Der Vorverkauf läuft. „Trailer Park“ von Tanzmainz und Moritz Ostruschnjak wurde aus organisatorischen Gründen von November in den Juni 2026 geschoben, auch hier kann man Tickets bereits buchen. Alle Details: www.regensburger-tanztage.de
Mittelbayerische Zeitung, 29.10.2025
Interview vor dem Start der Tanztage
Rafaële Giovanola erschafft mit Cocoondance neue Perspektiven auf den Körper
Tanzen im Vierfüßlerstand, Bewegungen, die eher an Tiere oder Maschinen als an Menschen erinnern: Seit mehreren Jahren bringt das Ensemble Cocoondance das Regensburger Tanzpublikum zum Toben. In diesem Jahr kommt eine neue Dimension dazu.
Frau Giovanola, Sie fragen in Ihren Choreografien nach dem „ungedachten Körper“. Was hat es damit auf sich?
Rafaële Giovanola: Wir betreiben vor jedem Projekt intensive Bewegungsrecherche, bewusst ohne eigene konkrete Erwartung. In diesem Prozess entsteht zusammen mit den Tänzerinnen und Tänzern der ungedachte Körper – ein Körper, der so noch nicht existiert. Hat man ihn dann gefunden, fängt die Stückentwicklung überhaupt erst an. Es geht darum, ein neues Körperkonzept zu kreieren.
Sie lassen sich dabei von unterschiedlichen Bewegungsarten inspirieren. Welchen?
Giovanola: Eine neue Perspektive auf den Körper entsteht sehr oft nach einer Begegnung mit einer anderen Bewegungspraxis. Bei „Runthrough“ hatten wir Begegnungen mit Rap, mit einer Gruppe von Darstellern mit Einschränkung, zudem mit American Football und indischem Folklore-Tanz.
Diese Bewegungen versuchen Sie in das Stück zu integrieren?
Giovanola: Ja. Bei „Vis Motrix“ waren es Krumping und Breakdance – da sind die Tänzer quasi die ganze Zeit am Boden, sie kommen nie in die Vertikale. Das ist extrem physisch, weil es keine wirklich menschliche Haltung ist. In unserer Choreografie „Standard“ ist es ein bisschen softer, aber auch nicht ohne: Nach zehn Minuten bewegen sich die Tänzer kopfüber nach unten und bleiben so 50 Minuten lang.
50 Minuten im Vierfüßlerstand – das ist äußerst fordernd. Gehen die Tänzer immer mit?
Giovanola: Die Tänzer kreieren selbst diese Bewegung, das heißt sie können sich langsam da reinfügen. Man probt ewig auf sowas, sodass es irgendwann fast normal ist, nach vorne zu tanzen. Letztendlich entsteht das alles ziemlich organisch: Wir haben eine Recherche, dann wähle ich aus dem Entstandenen aus und pushe in eine bestimmte Richtung.
Dass Sie das gemeinschaftlich erarbeiten, ist das ein Kontrast zum klassischen Ballett?
Giovanola: Zeitgenössische Choreografen arbeiten sehr oft mit Improvisation und kollaborieren mit den Tänzern. Was bei Cocoondance ungewöhnlich ist: Es sieht sehr strukturiert aus, trotzdem improvisieren wir jede Vorstellung neu. Dabei sind die Spielregeln so klar, dass die Tänzer sich jeden Tag auf der Bühne neu finden können. Das ist eine Herausforderung: Es macht die Vorstellung präsent und elektrisierend. Die Tänzer müssen dabei super wach sein, denn sie wissen nie, wie es ausgeht.
Was erwarten Sie als Choreografin von Tänzern und was dürfen die von Ihnen erwarten?
Giovanola: Mir ist wichtig, dass die Tänzer offen sind, um wirklich alles auszuprobieren. Das tun die auch. Aber es ist nie forciert, man entscheidet gemeinsam. Ich erwarte, dass sie teamorientiert sind, Lust auf Neues haben und körperlich einiges können. Und sie sollten keine Angst haben, verloren zu sein mitten im Prozess. Jedes Mal gibt es so einen Moment, den man gemeinsam durchstehen muss. Von mir kriegen sie dafür viel Freiheit und das genießen sie. Und sie erwarten Fairness und Klarheit.
Derzeit läuft auf Arte eine Doku, „Becoming a Swan“ über das klassische Ballett. Tänzer erzählen da von Perfektionsdruck und Machtmissbrauch. Sie fingen selber mit klassischem Ballett an, arbeiteten mit verschiedenen Choreografen. Wie erlebten Sie den Umgang mit Druck?
Giovanola: In meiner Ballettausbildung ging es sehr streng zu. Aber uns wurde das Gefühl gegeben: Jeder Einzelne ist etwas Besonderes. Und klar, da war viel Druck, aber ich hatte nie das Gefühl, dass man mich nicht respektiert. Ich hatte wirklich Glück – ich kenne diese ganzen Geschichten und ich weiß, dass daran wohl etwas Wahres ist. Das liegt als Schatten über der Welt des Balletts.
Liegt das in der Natur des Balletts mit starren Abläufen?
Giovanola: Es liegt weniger am Ballett als am System. Erlernt man eine Technik, ist es natürlich der Anspruch, eine Art Perfektion zu erreichen. Doch wenn Choreografen oder Ballettmeister ihre Macht ausnutzen, um irgendwas zu erreichen, ist das sehr destruktiv. Für junge Menschen kann das richtig schlimm sein und sie zerbrechen daran.
Sie selbst arbeiteten, nachdem Sie 1982 am Ballett Frankfurt engagiert wurden, mit US-Choreograf William Forsythe.
Giovanola: Seine Arbeitsweise war radikal offen. Er hat mit den Konventionen gebrochen und ein Umfeld geschaffen, in dem Vielfalt selbstverständlich war: Wir waren alle sehr unterschiedlich – Forsythe hat eine neue Ästhetik zugelassen, die nicht auf Normen beruhte, sondern auf Ausdruck, Individualität und Vielfalt. Das war damals absolut revolutionär – heute ist es zum Glück selbstverständlich.
Last but not least: Was bringt Cocoondance diesmal in Regensburg auf die Bühne?
Giovanola: Das Stück heißt „Choreia, ein Polyballett“, und greift zurück auf den gleichnamigen antiken Chor der Bürger in Drama und Komödie. Es geht darum, in welcher Form die Idee der Gemeinschaft heute politisch überhaupt noch zu realisieren ist. Wir befassen uns mit der Gruppe, ausgehend von der technisch perfekten Form des „corps de ballet“, formen diesen aber zu einem kollektiven Körper der Vielfalt und Mehrstimmigkeit. Wortwörtlich haben wir der stummen Kunstform Tanz dafür nach fast dreihundert Jahren wieder ihre Stimme zurückgegeben. Damit erweitert sich die körperliche Ausstrahlung der Tänzerinnen und Tänzer immens, was im wahrsten Sinne des Wortes enorm berührt.
Wie stelle ich mir das vor?
Giovanola: Acht Tänzer und ein DJ produzieren Bewegungen und Klänge live, füllen den Raum mit magischen Wesen – von komischen Tieren bis hin zu menschenähnlichen Kreaturen. Mehr verrate ich nicht.
Regensburger Tanztage 2025:
Festival: Zum 27. Mal finden die Tanztage statt. Zwischen 1. und 30. November sind bei 14 Veranstaltungen an unterschiedlichen Spielorten international gefeierte Ensembles in Regensburg zu Gast.
Coccoondance: Choreografin Rafaële Giovanola leitet das Ensemble aus Bonn mit Dramaturg Rainald Endraß. Es hat sich als eine der prägenden Formationen des europäischen Tanzes etabliert. Cocoondance gastiert am 26. November, 20 Uhr, im Theater an der Uni. Bereits ab 19.15 Uhr lädt Rafaële Giovanola das Publikum zu einer praktischen chorischen Einführung (ca. 30 Minuten) ein.
Die Schweizer Choreografin ist Preisträgerin des Deutschen Theaterpreises „Der Faust“ (2022) und des italienischen Danza & Danza-Preises als „Beste Choreografin Zeitgenössischer Tanz“ 2024
Interview: Katharina Kellner - Mittelbayerische Zeitung, 16.10.2025
Tanztage eröffnen neue Horizonte
Zwischen Bühne und Leinwand: Regensburger Festival feiert internationale Größen und erstmals auch Tanzfilme
Maria Schmidt
Im November versammelt sich die Welt des Tanzes in Regensburg: Zum 27. Mal finden die Tanztage statt. 14 Veranstaltungen und unterschiedlichen Spielorten erwarten die Tanzfreunde: Das Theater am Bismarckplatz, das Theater an der Uni, die Filmgalerie Leerer Beutel, die Alte Mälzerei und ein bis dato noch unbekannter Ort öffnen ihre Türen für ein Festival, das Tanz in seiner ganzen Vielfalt präsentiert. Die Tanztage verstehen sich als ein Schaufenster für aktuelle Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz und holen neben lokalen Produktionen auch internationale Talente, die sonst nur in großen Metropolen zu sehen sind, auf die Bühne. Das mache die Tanztage so besonders, erklärt Hans Krottenthaler, Geschäftsführer des Kulturzentrums Alte Mälzerei, der die Regensburger Tanztage ins Leben gerufen hat und die Reihe auch kuratiert.
Das Programm 2025 startet mit einer Neuheit: Das Tanzfilmfest zeigt in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Film Regensburg, der internationalen Kurzfilmwoche Regensburg und dem Moovy Tanzfilmfestival Köln Kurzfilme aus der Region und aller Welt. Zum Programm gehört auch „Die Essenz des Tanzes“, ein faszinierenden Dokumentarfilm über die afrikanische Tanz-Ikone Germaine Acogny. Mit VR-Brillen können Besucher außerdem virtuell in die Welt des Tanzes eintauchen.
Höhepunkt sind die Gastspiele von drei Choreografen, die Spitzenplätze bei aktuellen Kritikerumfragen einnehmen. Rafaele Giovanola kommt mit der CocoonDance Company und wird in „Choreia“ mit Einflüssen aus Folklore, Ballett und antiker Komödie neue Perspektiven auf Bewegung ermöglichen (26. November). Sofia Nappi und die Compania Komoco lassen mit „Pupo“ den Klassiker „Pinocchio“ als eindrucksvoll getanzte Metamorphose auferstehen (30. November). Zuletzt tanzt sich Tanzmainz unter der Leitung von Moritz Ostruschnjak durch das Internet. Virale Videos, Memes und Popkultur-Referenzen schaffen eine originelle Auseinandersetzung mit der Digitalisierung des Lebens.
Einen weiteren Einblick in die internationale Tanzszene gibt die Solotanznacht (23. November): Die jungen Preisträger des Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart reisen unter anderem aus den USA, Schweden, Portugal und Taiwan an.
Das Festival setzt ein Zeichen für Teilhabe und Inklusion im Tanz. Das Tanztheater Klapptbestimmt24, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammen auf der Bühne stehen, zeigt eine neue Perspektive auf gesellschaftliches Miteinander (8. November). Und das Projekt „Tanz dahoam“ bringt Tanz zu denen, die selbst nicht zum Tanz kommen können. Ort und Datum des „Heimbesuchs“ werden noch bekannt gegeben. Der Vorverkauf hat bereits begonnen: alte-maelzerei.de
Mittelbayerische Zeitung, 2.10.2025
Insgesamt großes Angebot, aber zu wenig Kunst?
Umfrage in Regensburg: Wie zufrieden sind Sie mit der Kulturszene?
Theater, Kunst und Musik: Wir haben uns in der Altstadt umgehört, wie zufrieden die Regensburger mit dem kulturellen Angebot vor Ort sind. Gibt es auch genug Locations? Und wie vernetzt ist die Szene?
Von Viola Wiesbauer und Louis Schroeder
Lucia Birzer: „Da ich selber in der Theaterszene aktiv bin und nun seit einem Jahr hier arbeite, bin ich sehr zufrieden mit der Kulturszene. Für die Größe der Stadt sind die Insel- und Stadtfeste sowie die Museen cool. Es fehlt ein wenig an Kunst – und ein großer Konzertsaal würde helfen.“
Leopold Dittrich und Korbinian Waas: „Die Kulturszene in Regensburg finden wir stark. Es gibt ein großes Angebot an Museen und auch in der Alten Mälzerei treten immer wieder coole Leute auf. Es gibt mittlerweile auch mehr Sportanlagen, was uns immer gefehlt hat. Insgesamt können wir uns nicht beschweren.“
Sabrina Parzefall: „Regensburg hat eine hochwertige Kulturszene und hat viel in sämtliche Richtungen zu bieten. Es gibt für jede Altersklasse Angebote, darunter Festivals, Museen oder auch die Alte Mälzerei. Ich tanze sehr gerne und finde, dass es auch dahingehend ein gutes Angebot gibt.“
Luca Schweiger: „Die Kunstszene ist sehr gut, wenn man Kontakte hat, kommt man auch gut rein. Es gibt auch viele Ausstellungsräume, die man selber benutzen kann. Das Musikangebot in der Stadt ist auch cool. Ich würde mir nur mehr Technoclubs und eine größere Vernetzung in der Szene wünschen.“
Magdalena Brenner: „Die Stadt ist jung und dynamisch, es wird viel geboten. Man findet immer etwas zum Unternehmen und ich bin zufrieden mit der Anzahl an Partys und Konzerten, die hier stattfinden. Für mich persönlich wäre es cool, wenn größere Künstler in dieser Stadt auftreten würden.“
Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2025
Kolumne „Rengschburg mit allem“
Im Keller der Alten Mälzerei riecht es immer ein bisschen nach Rauch und Geschichte
Vor kurzem musste unsere Reporterin Viola Wiesbauer einmal wieder an eines ihrer schönsten Konzerterlebnisse letzten Herbst in Regensburg denken. Es fand in der Alten Mälzerei statt, unten im Keller, dort, wo es immer ein bisschen nach Rauch und Geschichte riecht. Von dem Abend mit einer kleinen Punkband schreibt sie in unserer Kolumne „Rengschburg mit allem“.
Den Namen der kleinen Punk-Band Namen kannte ich damals nicht, aber das Gefühl, das dieser Abend hinterlassen hat, bleibt. Selten habe ich so viele gute Vibes in einer Menge gespürt. Niemand war da, um gesehen zu werden. Niemand, um sich wichtig zu machen. Alle hatten ein gemeinsames Ziel: die Musik zu fühlen, sich treiben zu lassen und für einen Moment alles andere zu vergessen. Dieses Kollektivgefühl war magisch.
Ich war ohne Erwartungen hingegangen und vielleicht war es genau das, was den Abend so besonders machte. Keine großen Namen, keine Effekte, kein überproduzierter Sound. Nur Menschen, Musik und ein Raum, der vibrierte. Manchmal braucht es nicht mehr. Nur eine Band, die alles gibt, ein Publikum, das alles annimmt, und einen verrauchten Keller in Regensburg, in dem sich ein Abend leise ins Gedächtnis brennt.
Mittelbayerische Zeitung, 30.10.2025
„Es war seeeehr viel Liebe im Raum“
Poesie des Sternenstaubs: Jacques Palminger und 440 Hertz verzaubern in Regensburg
Beim Gastspiel im Ostentor-Kino kam das Publikum in Wallung. Das war zutiefst romantisch und witzig - und voller Sehnsucht nach der Unendlichkeit.
Peter Geiger
Die Frage könnte auch in einem ARD-Quiz auftauchen: Wofür steht 440 Hertz? Ein gewitzter Kandidat würde vielleicht antworten, dass die Begleitcombo des fantastischen Jacques Palminger so heißt. Der brachte bei seinem Gastspiel im Ostentor-Kino sein fein verlesenes Publikum in Wallung; eine beseelt lächelnde Besucherin brachte es auf den Punkt: „Es war seeeehr viel Liebe im Raum!“
Moderator Alexander Bommes aber würde da nur abwinken und mit erhobenem Zeigefinger dozieren, dass es sich bei 440 Hertz um den „Kammerton A handelt, der auch Stimm- oder Normalton genannt wird und der als gemeinsamer Bezugspunkt gilt, auf den die Instrumente eines Ensembles gestimmt werden“.
Die Liedzeilen durchkreuzen das ganze Universum
Was für ein fantastisch sprechender Name also, den Jacques Palminger für seine fünfköpfige Band mit der grandiosen Co-Sängerin Lydia Schmidt (die er lustigerweise „Pfefferkorn“ nennt) gefunden hat. Die Band versteht sich nicht nur auf sphärische Harmonie. Sie hat sich auch darauf verständigt, maximal spirituell inspirierten Space-Jazz der Marke John Coltrane, Pharoah Sanders oder Sun Ra (kongenial am Gebläse: Lieven Brunckhorst) mit Liedzeilen zu kreuzen, die das ganze Universum in sich bergen. Sie hat sich einer Poesie des Sternenstaubs und des Weltenklangs verschrieben, kombiniert mit wohlklingender Allerweltsweisheit und multidimensionaler Absurdität. Sie beschwört Plejaden, offene Sternenhaufen also, und Unendlichkeiten. Träumt beim warmen Klang der Fender-Rhodes von Richard von der Schulenburg von galaktischen Tänzern, die schneller als der Schall sind, und reimt „Supernova Sonnenreflexion“ auf „bunten Luftballon“. Das ist zutiefst romantisch und witzig zugleich. Oder, wie es Professor Knut Wenzel (der in Frankfurt Fundamentaltheologie und Dogmatik lehrt) sagt: „Da klingt eine Unendlichkeitssehnsucht durch, die sich selbst nicht ernst nimmt und doch auf der eigenen Wahrheit beharrt.“
Jacques Palminger, 1964 als Heinrich Ebber in Borken geboren, verbrachte lange Zeit an der Seite von Star-Schriftsteller Heinz Strunk und dem nicht minder grandiosen Rocko Schamoni und war dabei mehr als das dritte Rad am Wagen des legendären „Studio Braun“.
Jacques Palminger trägt dunkelblauen Anzug, dazu eine rote Pudelmütze und glänzendes Schuhwerk. Seine Erscheinung spiegelt die gesamte musikalische Eleganz; er ist genauso geschmackvoll gekleidet, wie er mit Künstlernamen heißt. Und er weiß sich auch als ein dem Beat verpflichteter Tänzer (Bassist John Raphael Burgess und Drummer Olve Strelow leisten Grandioses) zu präsentieren, sodass er von der ersten Minute an zu den Klängen von „Die Musik beginnt und hört nie wieder auf“ klarstellt, wie eng er verwoben ist mit all seinen eigenwilligen künstlerischen Phantasmen. Mittelbayerische Zeitung, 14.10.2025
Buch auf der Bestsellerliste des Spiegel
Zu Besuch in Regensburg: Kriegsreporterin Sophia Maier „will Mensch“ bleiben
Auf ihrer Lesetour macht Sophia Maier Halt im Ostentor-Kino, wo sie während ihres Studiums gewohnt hat
Michael Scheiner
„Verheulte Tussi, die ist doch für nichts zu gebrauchen.“ „Eine Islamhure, keine Journalistin!“ So oder ähnlich könnten harmlosere Attacken auf die Reporterin und Autorin Sophia Maier im Internet aussehen. Dabei bleibt es bei der Investigativjournalistin allerdings nicht, wie sie bei einer Lesung aus ihrem Buch „Herz aus Stacheldraht“ im Ostentor-Kino offenlegte.
Neben Kübeln voller Hass, oft getränkt von Frauenhass, und wüsten Beschimpfungen hat Maier für ihre TV-Reportagen und Dokus auch schon Morddrohungen bekommen. Was das mit ihr mache, wollte Moderatorin Angela van Brakel von Maier wissen, ob sie sich seither anders verhalte. Sie wisse, antwortete die Journalistin, „so etwas betrifft nicht nur mich. Es trifft auch Kolleginnen, Politiker und andere die Haltung zeigen“.
Norbert Blüm als „Mentor“
Allerdings habe sie schon bemerkt, dass sie sich in manchen Situationen häufiger umschaue, auch „ängstlicher geworden“ sei und sich frage, ob es das wert sei. „Das ist es wert“, formulierte sie gleich selbst entschieden und klar ihre Antwort. Darin bestärkte sie auch der Herz-Jesu-Sozialist Norbert Blüm, der ebenfalls Lager in Griechenland besuchte und den sie dabei als „meinen Mentor“ kennenlernte.
Die Buchvorstellung im gut besuchten Kino war für Maier „wie ein Heimkommen“. Habe sie doch während ihres Studiums der Germanistik und Demokratiewissenschaft „viele Jahre im Dachgeschoss gelebt“, antwortete die 38-jährige Autorin auf eine Frage der Moderatorin. Zudem lebe ihre Schwester noch in der Stadt und sie sehe „ein paar Freunde und Menschen von früher,“ winkte sie kurz ins Publikum. Zuvor hatte van Brakel sie als „nicht nur fachlich, sondern auch menschlich als eine der Besten ihres Faches“ und „Spiegel-Bestseller-Autorin“ vorgestellt.
In Flüchtlingslagern
Es sei „nie ihr Plan gewesen“ Kriegsreporterin zu werden, wie Maier wegen ihrer engagierten Berichte aus Syrien, dem Westjordanland oder Afghanistan oft bezeichnet wird. Ihr Ziel sei es gewesen „für den Spiegel zu schreiben“, erzählt sie. Begonnen habe es 2015/16, als sie „auf eigene Faust“ nach Griechenland gereist sei, um aus den Flüchtlingslagern Idomeni und von den Inseln Samos und Lesbos zu berichten. Dort habe sie sich mit „Kopftuch eingeschleust und Interviews auch mit Kindern gemacht“.
Eine Begegnung hat sie dabei so tief beeindruckt, dass daraus der Titel ihres Buches mit Reportagen aus ihren Reisen in Krisengebiete entstanden ist. Beim Abschied aus einem der Lager hat ihr „ein zierliches Mädchen“ ein Herz geschenkt, das es aus dem Stacheldraht geformt hat, der das Camp umgab. Maier hat darin inmitten der fürchterlichen Zustände in den Lagern, die sie für unvereinbar mit den europäischen Werten hält, ein „Zeichen der Hoffnung gesehen“. Abends habe sie sich in den Schlaf geweint. Auch bei der Begegnung mit Frauen, die im Frontgebiet in der Ukraine zu der Zeit seit Monaten in Kellern lebten, reagierte sie zutiefst betroffen. In einem Videoausschnitt war zu sehen, wie die Frauen sie zum Abschied umarmten und meinten, sie würden für sie und ihre Begleitung beten, damit sie sicher und gesund nach Hause kämen.
Reisen in Krisengebiete
Dafür sei sie oft kritisiert und angegriffen worden, das sei Betroffenheitsjournalismus. In einer solchen Situation „will ich aber nicht knallhart sein“, begründete sie ihre Offenheit. „Ich will Mensch sein“, betonte sie ihre Anteilnahme, mit der sie den Menschen im sicheren Europa auch einen Spiegel vorhält. Mit ihrem Buch, das bereits kurze Zeit nach dem Erscheinen auf der Bestsellerliste des Spiegel landete, wolle sie „die Realität abbilden“ und informieren. Es soll „aber nicht nur traurig machen“, sondern auch Hoffnung geben, denn diese sei „eine existentielle Triebkraft“, der sie bei ihren Reisen in Krisengebiete immer wieder begegnet sei. Mittelbayerische Zeitung, 6.10.2025
Nicht wegsehen
Kriegsreporterin in Regensburg: „Geschichten müssen erzählt werden“
Kriegsreporterin Sophia Maier recherchiert an Brennpunkten weltweit, begibt sich dafür in Lebensgefahr. Am Mittwoch liest sie in Regensburg aus ihrem neuen Buch. Zur Domstadt hat sie viel Bezug, erzählt sie im Interview.
Von Franz Nopper
Sophia Maier arbeitet als Journalistin und Fotografin in den Krisenregionen der Welt. Sie berichtete aus Flüchtlingslagern in Aleppo und Moria. Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan war Maier eine der westlichen Journalistinnen, die vor Ort war. Gerade ist ihr erstes Buch erschienen mit dem Titel „Herz aus Stacheldraht“ - ein Plädoyer für unverhandelbare Menschenrechte. Sophia Maier hat an der Regensburger Universität Politikwissenschaft, Germanistik und Demokratiewissenschaft studiert. Am Mittwoch, 1. Oktober, wird die 38-Jährige im Ostentorkino aus ihrem Buch vorlesen. Unsere Mediengruppe hat mit ihr gesprochen über Hinsehen, Hoffnung und Journalismus als Verantwortung.
Ist es etwas Besonderes für Sie, in Regensburg zu lesen? Werden Familie und Freunde da sein? Sophia Maier: Ja, absolut. Regensburg ist für mich ein großes Stück Heimat. Ich habe hier viele Jahre gelebt, studiert, meinen Master abgeschlossen und prägende Jahre verbracht. Zurückzukommen, jetzt mit meinem eigenen ersten Buch, fühlt sich sehr besonders an. Und natürlich werden auch Familie und alte Bekannte da sein, was es gleichzeitig noch emotionaler und schöner macht. Noch dazu werde ich im Ostentorkino sein. Als Studentin hatte ich meine Wohnung in genau diesem Haus im Dachgeschoss.
Bei der Frage Völkermord in Gaza oder nicht beklagen Sie eine Faktenleugnung durch die Regierung Netanjahu und ihre Partner. Ist Faktenleugnung der erste Schritt in die Verrohung? Maier: Ja, denn jede Verrohung beginnt mit Sprache. Wenn Aushungern, Massentötungen und Zwangsvertreibungen der Palästinenser sprachlich verharmlost oder gar geleugnet werden, wird das Fundament gelegt, um die Gewalt gegen sie fortzusetzen. Denn auch Worte können Realitäten schaffen. Wer die Fakten der konstanten israelischen Kriegsverbrechen in Gaza leugnet, macht Verbrechen unsichtbar und entmenschlicht gar im schlimmsten Fall - und das ist immer der erste Schritt, diese Verbrechen fortzuführen.
Eine beeindruckende Passage in Ihrem neuen Buch ist die, in der Sie den Schaden an Ihrer Seele erwähnen, als Sie einen palästinensischen Buben sterben sehen. Kann es sein, dass Wegsehen eigentlich ganz rational ist? Haben Menschen vielleicht zurecht Angst, über den Umweg einer schonungslosen Reportage selbst beschädigt zu werden? Maier: Natürlich ist Wegsehen menschlich, vielleicht sogar ein Schutzmechanismus. Niemand kann permanent das ganze Leid dieser Welt aushalten, ohne selbst Schaden zu nehmen. Aber wenn wir wegsehen, bedeutet das nicht, dass die Gewalt aufhört, sie geht nur unsichtbar weiter. Ja, es beschädigt, hinzusehen. Mich als Reporterin genauso wie die Menschen, die meine Texte lesen oder Reportagen sehen. Aber die viel größere Beschädigung passiert dort, wo wir uns abschirmen und so tun, als ginge uns das alles nichts an. Denn Wegsehen schafft eine Leerstelle, und in diesem Raum können Gewalt und Verbrechen ungestört weiterexistieren.
Wie schaffen Sie es, Schmerz und Hoffnung auszutarieren? Maier: Weil beides gleichzeitig in derselben Intensität existiert. Ich sehe in den Krisen- und Kriegsregionen unserer Welt das Leid, die Gewalt, die Traumata - und ich darf gleichzeitig in diesen Regionen Menschen begegnen, die trotz allem miteinander teilen, aufeinander achten und Mitmenschlichkeit leben. Oftmals ist die Empathie an diesen dunklen Plätzen umso größer als in unserem Land, obwohl es uns im Verhältnis so viel besser geht. Deswegen: Hoffnung ist für mich kein naiver Gedanke, sondern tief in mir verankert, gestützt auf den Erlebnissen vor Ort.
Was treibt Sie überhaupt an, sich immer wieder in Gefahr zu begeben? Maier: Das Gefühl, dass diese Geschichten vor Ort erzählt werden müssen. Wenn wir als Reporter es nicht tun, verschwinden sie immer mehr in ohnehin schon sehr polarisierten und extremen Zeiten. Ich glaube fest daran, dass Journalismus eine Form von Verantwortung ist, und dass mein Privileg der Sicherheit mich verpflichtet, dorthin zu gehen, wo Menschen weniger gehört werden, und ihre Realitäten abzubilden.
Haben Sie eine privilegierte Situation? Maier: Ich kann freiwillig entscheiden, dorthin zu reisen und jederzeit wieder zurück in mein warmes, sicheres Bett - ohne Angst, dass von meinem Himmel Bomben fallen könnten. Die Frauen in Afghanistan, diejenigen an der ukrainischen Front, die Eingesperrten in der Hölle von Gaza - sie können das nicht. Und trotz des Horrors, den sie tagtäglichen erleben, bleiben sie stark. Davor habe ich großen Respekt.
Sie deuten an, dass Krieg und Vertreibung immer auch wirtschaftliche Gründe haben. Etwa die Schaffung von Siedlungsflächen im Westjordanland. War die Aussage von Horst Köhler 2010, dass Militäreinsätze auch für deutsche Handelsinteressen nötig sein könnten, am Ende ehrlich und zutreffend? Maier: Sie war zumindest ehrlicher als vieles, was man heute vonseiten der Politik hört. Viele Kriege werden mit vermeintlich westlichen Werten und Idealen begründet, aber im Kern geht es fast immer um Ressourcen, Interessen und um Macht. Genau das hat Köhler benannt - und damit eine Wahrheit ausgesprochen, die wir im Westen lieber verdrängen. Darin liegt auch die Doppelmoral: Wir berufen uns auf universelle Werte, Menschenrechte und Völkerrecht, solange es unseren Interessen entspricht, und schweigen, wenn Partner sie brechen oder wenn es wirtschaftlich unbequem wird. Diese selektive Anwendung zerstört Glaubwürdigkeit, und viele Menschen in Deutschland merken das sehr deutlich.
Ist das Gefühl der Desillusionierung - dass wir eben nicht nur die Guten sind - vielleicht eine gemeinsame Diskussionsgrundlage und hat man Querdenker und AfD-Wähler damit alleingelassen? Maier: Ich glaube, viele Menschen spüren heute eine tiefe Verunsicherung: Das alte Narrativ vom Westen als moralischer Instanz bricht weg. Diese Enttäuschung könnte eigentlich der Ausgangspunkt für eine Diskussion auf Augenhöhe sein - nämlich darüber, dass wir als Demokratien nicht unfehlbar sind und, dass Politik immer auch Interessenkonflikte kennt. Doch diese Ehrlichkeit wird kaum zugelassen. Genau darin liegt das Risiko: Wer diese Brüche nicht offen anspricht, überlässt das Feld den Populisten. AfD und Co. haben diverse Leerstellen besetzt, aber nicht mit Lösungen, sondern mit Feindbildern. Aufgabe des Journalismus - und eigentlich auch der Politik - ist es, diesen Raum zurückzuerobern, indem wir Widersprüche benennen, ohne sie zu instrumentalisieren. Nur so kann man verlorenes Vertrauen wiederherstellen.
Ihre Arbeit besticht gerade durch Ihre Betroffenheit, als Mitfühlende, aber auch als kollektiv-Mitschuldige. Wie gelingt ein konstruktiver Umgang mit Schuld, privat und als Gesellschaft? Maier: Ein konstruktiver Umgang mit Schuld beginnt damit, sie nicht als Last abzuschütteln, sondern als Teil unserer Realität anzuerkennen. Wir sind als Gesellschaft in Systeme eingebunden, die Leid und Ungerechtigkeit ermöglichen - etwa durch politische Entscheidungen. Stichwort: Waffenlieferungen an autoritäre Regime, Mitverursacher von Klimaflucht oder europäische Wirtschaftspolitik, die Lebensgrundlagen vor Ort zerstört. Kollektiv bedeutet das: nicht wegzuschauen, sondern Strukturen zu verändern und Verantwortung einzufordern. Privat heißt es für mich: Mit Demut zu berichten, meine eigene Rolle immer wieder zu reflektieren und nie so zu tun, als stünde ich außerhalb.
Was ist Ihr Rat an junge Kollegen: Wie können „Haltungsjournalisten“ sich gegen den Vorwurf des Aktivismus erwehren? Maier: Indem sie klar machen, dass Haltung nicht per se heißt, ein Aktivist zu sein. Ich nenne es menschenrechtsbasierten Journalismus. Also eine Haltung einnehmen, die sich klar auf die Seite der Fakten sowie der unverhandelbaren Menschenrechte und des Völkerrechts stellt. Das ist mein Ideal des Journalismus.
Info Sophia Maier liest am Mittwoch, 1. Oktober, um 20 Uhr im Ostentor-Kino aus ihrem Buch „Herz aus Stacheldraht“. Regensburger Zeitung, 29.9.2025
Kriegsreporterin in Regensburg
„Es ist mein Job“: Sophia Maier recherchiert an Brennpunkten weltweit
Die preisgekrönte Kriegsreporterin hat enge Beziehungen nach Regensburg. Hier stellt sieam 1. Oktober auch ihr Buch vor: „Herz aus Stacheldraht“. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern erzählt sie über ihre Reisen an die Ränder Europas - und was sie dem Westen vorwirft.
Sie haben ein spannendes Buch geschrieben, gespickt mit Fakten, aber auch Gefühlen. War diese Balance schwierig?
Sophia Maier: Das war relativ unproblematisch. Ich bin Journalistin und Mensch und ich glaube, wenn man bewegen und aufklären möchte, muss man die Geschichten der Menschen vor Ort erzählen. Und die sind mit Gefühlen verbunden. Das ist für mich ein Weg, um die Realität nach Deutschland zu bringen.
Westliche Staaten erkennen gerade den Palästinenser-Staat an. Ein Zeichen der Hoffnung für den Nahen Osten?
Maier: Das ist nicht nur Symbolpolitik, sondern ein Zeichen der Solidarität mit Palästinensern. Es hat eine politische Implikation: Es wird Druck auf Israel aufgebaut, für eine Zweistaatenlösung. Es ist ein kleiner Schritt Richtung Besserung.
Sie haben an Krisenpunkten weltweit recherchiert, auch in Nahost, auch bei vermummten Kämpfern. Warum begeben Sie sich in Todesgefahr?
Maier: Es ist natürlich risikoreich, was ich tue, ich verstehe auch, dass es mutig wirkt. Für mich ist es in dem Moment mein Job und ich funktioniere. Natürlich muss ich vorher überlegen: Bin ich bereit zu diesen Risiken? Mir ist es das wert, weil ich es als meine journalistische Aufgabe sehe. Vor Ort denkt man weniger nach. Ich stehe nicht an der ukrainischen Front oder vor Kämpfern und lasse Ängste zu. Da wäre ich komplett gelähmt.
Der riskanteste Einsatz war in einer Gasse im Westjordanland, unter Planen vor israelischen Drohnen geschützt, mit Kämpfern des Islamischen Dschihad in Palästina – oder?
Maier: Nein, das Existenziellste war in der Ukraine, als neben uns Raketen einschlugen. Da dachte das erste Mal: Okay, Sophia, das war es vielleicht. Ich saß im Auto, wusste nicht: Wo geht die nächste Rakete runter? Vor uns, hinter uns? Trotzdem filmte ich sofort mit dem Handy. Die Todesangst begann ich erst danach zu verarbeiten.
Und im Westjordanland?
Maier: Natürlich ist so eine Situation riskant, aber: Mein Ziel war, ich geh’ in diese Lager und spreche mit der Hamas oder anderen Kämpfern. Das war wichtig für meine Dokumentation. Natürlich ist das maximal gefährlich. Von den drei interviewten Kämpfern war der erste elf Tage später tot, der zweite einige Wochen danach, ob der dritte noch lebt, weiß ich nicht.
Sie sagen, Sie sprechen mit jeder Seite, Sie suchen Objektivität, Balance. Aber das Fazit ist nicht ausgeglichen. Sie sagen, der Westen schaut weg. Aber Sie sagen nicht, Ägypten oder Saudi-Arabien schauen weg. Ein Widerspruch?
Maier: Meine Kritik am Westen bezieht sich auf so viel mehr als Nahost. Meine Reise ging vor zehn Jahren los. Ich bin in griechische Lager, mit der Überzeugung einer jungen Europäerin: Wir sind die Wahrer der Menschenrechte. Aber wer sieht, dass Kinder auf europäischem Boden von Ratten angefressen werden, hinterfragt. Ich erlebte, wie Jesiden – wir haben den Völkermord an ihnen anerkannt – abgeschoben wurden. Ich traf nach der Taliban-Machtübernahme in Afghanistan Menschen, die Deutschland im Stich ließ und die sich in Todesangst versteckten. Verstehen Sie: Meine Kritik am Westen ist viel größer als die Vorgänge in Israel, in Palästina.
Worum geht es Ihnen also?
Maier: Dass wir Deutschen, wir Europäer sagen: Wir sind die Guten, auch festgeschrieben in vielen Konventionen. Als Reporterin muss ich sagen, diese Erzählung entspricht nicht der Realität. Wir benennen russische Kriegsverbrechen – aber nicht die von befreundeten Staaten. Das ist Doppelmoral. Egal wo ich mich positioniere, links, rechts, konservativ: Es kann in keiner Welt legitim sein, dass mit unserem Wissen Menschen vor unseren Küsten ertrinken oder Kinder in Wäldern an der Grenze erfrieren. Das ist in keiner Welt in Ordnung. Ich traf eine israelische Hamas-Geisel. Israelische Siedler, die Hilfslieferungen nach Gaza blockieren. Palästinenser, deren Angehörige durch Siedler getötet wurden. Meine Aufgabe ist, Realität in ihrer Vielschichtigkeit abzubilden – eben damit der Zuschauer sich ein Urteil bilden kann.
Sie schreiben, es gibt einen Nenner bei den vielen Begegnungen: Diese Menschen wollen in Frieden und Demokratie leben. Aber Sie treffen auch Menschen, die Kampf und Rache möchten.
Maier: Die Mehrheit der Menschen will in Frieden leben, wie Sie und ich. Aber klar: Radikale haben wir überall.
Der Historiker Heinrich August Winkler sagt: Er bezweifelt, dass Deutschland zur moralischen Leitnation berufen ist, und er hält die Aufnahme von Geflüchteten aus Nahost ab 2015 für einen Fehler. Was entgegen Sie?
Maier: Mein Buch sagt nicht, das oder das ist realpolitisch richtig oder falsch. Aber es ist unabdingbar, alle Stimmen, die sich im demokratischen Rahmen bewegen, zu hören. Eine Gesellschaft muss aushandeln, wie sie mit den Herausforderungen umgeht. Mein Buch ist ein Debattenbeitrag und eine Erinnerung, dass wir all das aushandeln auf dem Boden der Menschenrechte. Denn Sie werden keinen Menschen finden, der freiwillig seinen Himmel verlässt, wenn ihn nicht der leere Teller oder die Bomben am Himmel dazu zwingen.
Verstehen Sie die Sorge um die Zukunft der Demokratie? Wenn wir die Fragen von Flucht nicht lösen, treiben wir die Wähler die Arme der AfD.
Maier: Ja. Ich glaube, dass Medien und Politik viele Fehler gemacht haben. Man muss überlegen, wie man als Gesellschaft wieder zusammen kommt – und das meint alle Menschen, die in diesem Land leben. Es ist nirgendwo Schwarz oder Weiß.
Sie haben Kontakt zu Regensburg, zu Michael Buschheuer?
Maier: Er reagierte auf meinen Bericht über Kinderarbeit im Libanon. Bis heute unterstützt er Warde, ein Mädchen, das jetzt zur Schule geht. Sehr beeindruckend!
Interview: Marianne Sperb
Sophia Maier hat enge Beziehungen zu Regensburg
Sophia Maier hat Wurzeln in Regensburg: Ihre Schwester und deren Familie leben hier. Die heute 38-jährige Kriegsreporterin machte an der Universität Regensburg den Bachelor in Politik und Germanistik und den Master im Demokratiewissenschaften. In einer Regensburger Redaktion redigierte sie erste kleine Texte. Sie kommt gern in die Stadt zurück. „Hier habe ich eine entscheidende Phase meines Erwachsenwerdens erlebt.“ Das Buch „Herz aus Stacheldraht“ ist im September bei Komplett Media erschienen (320 Seiten, 24 Euro). Sophia Maier liest am 1. Oktober (20 Uhr) im Ostentor-Kino aus Ihrem Buch. Die preisgekrönte Journalistin zeichnet ein eindringliches Bild von Krieg und Flucht – ungeschönt und bewegend. Den Abend, veranstaltet von der Alten Mälzerei, moderiert Angela van Brakel.
Mittelbayerische Zeitung, 23.9.2025
Kurzweiliger Abend in der Alten Mälzerei
Die Tochter nimmt es mit dem Vater auf: Max und Toni Uthoff in Regensburg
Peter Geiger
Der profilierte Kabarettist brachte zum Gastspiel mit seinem neuen Programm „Einer zu viel“ seine Tochter mit: einen scharf denkenden Teenager. Toni stellte das Weltbild vom Typ „alter weißer Mann“ gehörig in Frage.
Vielleicht wusste er’s ja selbst nicht: Aber Max Uthoff ist so populär, dass er beim ZDF die Kategorie der „bildschirmprägenden Persönlichkeit“ erfüllt. Wäre er auf der Mattscheibe eine Null, ein austauschbarer Niemand, sein Engagement im Vorfeld der Bundestagswahl für die Partei der Linken wäre gewiss folgenlos geblieben. So aber, als einer der profiliertesten Kabarettisten des Landes, durfte er die Februarausgabe seiner Sendung „Die Anstalt“ nicht moderieren. Die Spielregeln, sie verlangen es so.
Für den studierten Juristen, der aus seiner Tätigkeit als Anwalt mit Spezialgebiet Baurecht wenig Inspiration bezog, mutet eine solche Kenntnislosigkeit fast überraschend an: Denn Max Uthoff hat sich vor allem deshalb einen solchen Ruf erspielt, weil seine Programme akribisch recherchiert sind. Und er es offenbar auch schätzt, ausgetretene Pfade zu verlassen und mit liebgewordenen Routinen zu brechen.
Merz? „Impulskontrolle eines Dobermanns“
Als Partnerin hat er für sein ganz neues Programm „Einer zu viel“ seine 17-jährige Tochter Toni an der Seite. Und die betritt mit solchem Pomp die Bühne, eben weil Papi gerade wieder seinen alten Stiefel runterspielt. Beurteilt er zunächst die Weltlage noch so, dass das „Kabarett an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit“ geriete, so ist im nächsten Atemzug die Regierung Merz schon wieder „kabarettistisches Gold“. Den neuen Kanzler („Impulskontrolle eines Dobermanns“) und seinen Generalsekretär Linnemann („Persönlichkeitsstruktur eines beleidigten Frettchens“) nimmt er mit abgestandener „Scheibenwischer“-Komik ins Visier.
Für Toni, die Teenagertochter, ist das Anlass, ordentlich dazwischen zu grätschen. Sie fordert ihn, diesen alten Haudegen, lautstark auf: „Wir wollten doch eigentlich was Neues machen!?“ Die Grundlage seines Weltbilds vom Typ „alter weißer Mann“ stellt sie gehörig in Frage. Das trägt ihr prompt die väterliche Ermahnung ein, sie möge doch zu Zwecken des Farbabgleichs den Blick schweifen lassen über die Scheitel der in der Alten Mälzerei Sitzenden.
So war nach munterem Einstieg die Richtung vorgegeben: Das, was Vater und Tochter offenbar auch am heimischen Küchentisch über die letzten Jahre hinweg immer wieder praktizierten, das entwickelt sich im Hier und Jetzt zu einem kurzweiligen Abend, der wohltuend bereichert wird um die selbstbewusst-selbstkritische Perspektive eines denkenden Teenagers. Toni, man mag es kaum glauben, diese höchst vitale, offenbar gut gebildete und um keine Volte im Argumentationshickhack mit Papa Verlegene, sie hat als Achtklässlerin die Schule geschmissen. Geplagt von Depressionen und unter einem System leidend, das nach ihrer Wahrnehmung vor allem darauf setzt, Wissen kübelweise in die Köpfe hinein zu stopfen.
Der Vater muss sich viel anhören
Beim Versuch, die Frage zu klären, inwieweit Social Media nun als Impuls die Rolle von Henne oder Ei zufiele, hat sie einen grandiosen Witz auf Lager: Ob ihr Vater, der sich fortgesetzt über ihre fortwährende TikTok-Aktivität ereifert, denn tatsächlich glaubt, sie solle sich lieber im „Leserforum der Augsburger Allgemeinen“ organisieren?
Damit verweist Toni Uthoff auf jene Gretchenfrage, die allzuhäufig mit „Handyverbot!“ beantwortet wird: Die Herausbildung von Monopolen im Bereich dieser Plattformen, die falle ja wohl nicht die Verantwortlichkeit ihrer Generation (die gerade mal so alt ist wie das iPhone). Sondern in die von Papas Altersgenossen.
Der Vater muss sich von der Tochter viel anhören: Wie sehr sie unter Phänomenen wie „Catcalling“ leidet (also der Allgegenwart von Misogynie) oder darunter, dass die ältere Generation über ihre Zukunft mitentscheide. Und schließlich: Auch ihm sei es als TV-Größe nicht gelungen, Merz als Kanzler zu verhindern.
Oh ja: Toni Uthoff hat die Spielregeln, die auf der Bühne zählen, schon verinnerlicht. Und das Publikum? Hat die Zukunft des Kabaretts gesehen. Mittelbayerische Zeitung, 2.7.2025
Einheitliches Pfandsystem gab es doch nicht
Platzvergabe beim Regensburger Bürgerfest sorgt für Unmut
Mehr als ein Dutzend Plätze waren beim Bürgerfest am vergangenen Wochenende die großen Anlaufpunkte. Die dortige Bewirtschaftung übernimmt die Stadt Regensburg allerdings nicht selbst, diese übergibt sie an Platzbetreiber. Der Alte Mälzerei e. V. hatte sich dabei auch wieder beworben, kam aber dieses Jahr nicht zum Zug. Und der Vorsitzende des Kulturvereins wundert sich darüber, was ihm nach der Entscheidung mitgeteilt wurde. Dies passe nämlich nicht mit dem zusammen, wie es beim Bürgerfest tatsächlich lief, sagt er.
Der Kulturverein Alte Mälzerei war 35 Jahre lange auf dem Bürgerfest aktiv, erzählt der Vorsitzende Hans Krottenthaler. Insbesondere am Grieser Spitz. „Und ich denke, dass wir den auch groß gemacht haben. Mit einem anspruchsvollen Programm, das auch nicht immer leicht umzusetzen war.“ Auch für dieses Jahr hatte sich der Verein beworben – bekam aber eine Absage.
Pfandsystem angekündigt
„Die Stadt hat uns gesagt, dass sie alle Plätze auf der nördlichen Seite der Donau an einen Betreiber vergeben hat“, erzählt Krottenthaler. Ihm sei von der Stadt gesagt worden, dass ein wesentliches Argument für die Entscheidung das einheitliche Pfandsystem sei, das der Betreiber in seinem Konzept für alle dortigen Plätze angekündigt hat. „Nun habe ich aber erfahren, dass es das einheitliche Pfandsystem beim Bürgerfest dort gar nicht gegeben hat“, sagt Krottenthaler: „Und da muss ich sagen, dass das dann schon ein bisschen weh tut.“
Wurde der Verein also auf der Basis leerer Versprechungen vom Bürgerfest verdrängt? Krottenthaler weist in dem Zusammenhang auch daraufhin, dass sein Verein nicht nur den Grieser Spitz sondern zuletzt auch den Andreasstadel bewirtschaftet habe. Die Stadt habe vor ein paar Jahren aktiv beim Verein angefragt, ob er nicht die dortige Bühne machen wollen, weil das ein Bereich sei, der nicht für alle Platzbetreiber einfach zu händeln und deswegen nicht begehrt sei: „Und ich finde, dass wir auch den richtig gut aufgebaut haben“, sagt Krottenthaler, „er war zuletzt auf jeden Fall sehr beliebt.“
Dieses Jahr sei es nun auch bereits gelungen, dort alle großen Ausschankstationen im Rahmen eines einheitlichen Pfandkonzeptes zu betreiben. Zudem seien Daten generiert worden, mit deren Hilfe weitere Ausbaustufen diskutiert werden können.
„Technik nicht weit genug“
Ein einheitliches System für den gesamten Bereich gab es aber in der Tat nicht. Auf Nachfrage bestätigte die Stadt, dass die Platzbetreiber „in den Gesprächen mit diversen Anbietern erkennen mussten, dass die Technik hierfür für dieses Jahr noch nicht weit genug entwickelt ist“. Deswegen sei auch nur bei den großen Ausschank-Stellen die Pfandrücknahme untereinander möglich gewesen. Ben Schmid von der Spielstätte Alte Mälzerei bestätigt, dass die Betreibergemeinschaft in der Bewerbung die einheitliche Regelung in Aussicht gestellt hatte: „Wir hatten einen Anbieter, der uns gesagt hat, dass das technisch machbar ist. Darauf haben wir uns verlassen und das damals der Stadt nach bestem Wissen und Gewissen auch so dargestellt.“ Mittelbayerische Zeitung, 27.6.2025
Hitzige Debatte in Regensburg
Wenn die Halbe Bier fünf Euro kostet: Ist das noch ein Bürgerfest?
Es war eine gigantische Party. Hundertttausende Menschen strömten am Woc henende zum Bürgerfest. indie Regensburger Innenstadt. Bei traumhaftem Sommer-Wetter genossen viele das reichhaltige Programm. Für das Mega-Fest gab es großes Lob – nun allerdings auch Kritik, insbesondere an den Preisen für Essen und Getränke.
Jürgen Scharf
An schier unzähligen Ständen wurden während der drei Tage Köstlichkeiten aller Art und eine große Auswahl an Getränken angeboten. Eine viel beachtete Marke ist dabei der Preis für die Halbe Bier. Diese kostete an einigen Orten bis zu fünf Euro. Und teils wurde auch für antialkoholische Getränke wie ein Spezi fünf Euro verlangt. Ein Kinder-Lolli kostete an einem Stand 4,50 Euro. Können sich bei einem Fest, das für Bürger aller Gesellschaftsschichten da sein soll, das wirklich noch alle leisten? Unter Besuchern der Mega-Party wurde dies teils hitzig diskutiert. Nach der Preisinformation am Verkaufsstand zogen manche dann auch weiter – um woanders vielleicht ein günstigeres Angebot zu finden.
„Nicht mehr leistbar“
„Natürlich sind fünf Euro viel Geld“, sagt Martina Groh-Schad von den Sozialen Initiativen: „Bei Alkohol bin ich da noch gar nicht mal so kritisch, aber wenn auch nichtalkoholische Getränke so viel kosten, ist das für viele Menschen schlicht nicht mehr leistbar.“ Die Sozialen Initiativen haben auf dem Bürgerfest allerdings selbst einen Stand betrieben: „Und von daher weiß ich, welche Kosten im Hintergrund anfallen.“ Beim Ostengassenfest, das der Verein selbst organisiert, „zahlen wir sogar mächtig drauf“.
Ein Kostentreiber bei derartigen Veranstaltungen seien die vielen Auflagen wegen Sicherheit, sagt Groh-Schad: „Und dagegen kann man letztlich ja nichts sagen, die Stadt will sich da ja nicht bereichern.“ Sie selbst stelle sich aber die Frage, ob es nicht doch möglich sei, die gesamte Entwicklung irgendwann zu stoppen oder sogar umzudrehen: „Auch wegen der Frage, ob es die totale Sicherheit überhaupt gibt, und wenn wir noch so viel machen.“
Jonas Scherer vom Stadtjugendring bestätigt, dass solche Preise „auf jeden Fall ein Thema“ seien. Er habe deswegen auch Verständnis dafür, „wenn insbesondere junge Menschen Getränke im Supermarkt kaufen und im Rucksack aufs Fest bringen. Denn junge Leute müssen in der Mehrheit sicher am meisten aufs Geld schauen“. Ein Patentrezept habe er allerdings auch nicht: „Es ist sicher nicht einfach zu lösen. Ich weiß gar nicht, ob es möglich ist, den Betreibern feste Preise vorzugeben. Und ob dann nicht viele abspringen würden und die Stadt Probleme bekommt, so ein großes Programm zusammenzubringen.“ Die Gratis-Trinkwasserstellen, die es immer mehr gibt, seien aber bereits eine positive Entwicklung.
Ich habe Verständnis dafür, wenn insbesondere junge Menschen Getränke im Supermarkt kaufen und im Rucksack aufs Fest bringen. Denn junge Leute müssen in der Mehrheit sicher am meisten aufs Geld schauen.
Jonas Scherer, Stadtjugendring
Einer, der das Bürgerfest als Platzbetreiber mehrere Jahrzehnte mitgestaltete, ist Hans Krottenthaler vom Alte Mälzerei e.V.. Sein persönlicher Eindruck ist, „dass das Bürgerfest liebloser geworden ist“. Er findet etwa, dass „das Musikprogramm, vielleicht auch wegen des finanziellen Drucks, weniger engagiert zusammengestellt ist“. Es gebe „immer mehr Musik aus der Konserve, sehr viel DJ-Musik, was früher auch überhaupt nicht erlaubt war“. Zudem werde das Fest „sicher auch kommerzieller“. Es gebe „zum Beispiel sehr viele Werbe-Giveaways und Werbeflächen auf Bauzäunen, auch das war früher nicht gern gesehen oder erlaubt“. Er will nicht als Ewiggestriger gesehen werden, sagt er, „denn das ist alles sicher vielleicht der Zeit geschuldet und es kann nicht immer so sein wie in den 70er- oder 80er Jahren, das ist mir klar“. Zudem verstehe er, dass am Ende auch etwas verdient werden soll und gönne dies jedem Platzbetreiber. Ihm persönlich gefalle die Gesamtentwicklung aber eben nicht.
Keine Beschwerde bei Stadt
Die Stadt Regensburg teilt mit, dass beim Organisations-Team des Kulturamtes keine Beschwerden eingegangen seien. „Ganz im Gegenteil: Es gab vor allem positive Rückmeldungen“, sagt Sprecherin Juliane von Roenne-Styra. Grundsätzlich würden alle Veranstaltungen, unabhängig vom Veranstalter, unter einem hohen Kostendruck leiden, sagt sie. Und die Getränkepreise des Bürgerfestes seien in der Altstadt das gesamte übrige Jahr „durchaus gängig, unabhängig von einem kostenfreien Bühnenprogramm über drei Tage“. Von Roenne-Styra zufolge sei es außerdem ein „integraler Bestandteil des Bürgerfestes, Vereinen äußerst kostengünstige Präsentationsflächen zur Verfügung zu stellen, um das vielseitige Ehrenamt in Regensburg zu zeigen“. Die Platzbetreiber müssten deswegen alternative Einkommensquellen wie zum Beispiel Werbung akquirieren.
Wenn so vieles umsonst ist, darf die Verpflegung durchaus etwas kosten, argumentiert unser Autor Christian Eckl in seinem Kommentar: „Freibier von zu Hause“
Wo gibt es das noch: Eine ganze Stadt ist auf den Beinen, feiert in ihrem pochenden Herzen ein Fest mit allen und für alle. Dass es immer Madigmacher gibt, denen das eine oder das andere nicht passt, ist klar. Doch beim Bürgerfest hatte man die Wahl: Wer keine Lust auf eine halbe Bier für fünf Euro hatte, packte sich sein Flaschl aus dem eigenen Kühlschrank eben selber ein und trank es dort, wo kostenlose Angebote lockten. Wer beispielsweise die wunderbare Electro-Fete auf der Jahninsel erlebt hat, der weiß: Für sowas zahlt man normalerweise. Beim Bürgerfest gab es das Festival mit Traum-Ausblick umsonst. Für Altstadtbewohner waren die drei Tage durchaus herausfordernd. Schon jetzt wissen die meisten nicht, wohin mit dem Auto, und jetzt waren auch noch die Fahrräder im Weg. Vielleicht sollte man explizit für Anwohner in zwei Jahren „Einheimischenpreise“ oder ein Freibiermarkerl andenken.
Gerade an einem Bürgerfest mit dem Motto „miteinander“ sollte Teilhabe für alle gewähleistet sein, findet unsere Autorin Heike Haala in ihrem Kommentar: „Von wegen miteinander!“
Musik, Mitmachstationen, Informationen – ja, auf dem Bürgerfest gab es wirklich viel umsonst. Dass sich manche aber das Essen und die Getränke nicht leisten konnten, lief dem Gedanken des Festes zuwider.
Gerade an einem Bürgerfest unter dem Motto „Miteinander“ sollten möglichst alle im gleichen Ausmaß teilhaben können. Zu hohe Preise führen zudem dazu, dass sich viele selbst versorgen. Die mitgebrachten Flaschen und Tüten landeten aber nicht immer im Abfall. Die Stadt muss das Wegräumen bezahlen. Nicht zuletzt wissen auch die Händler: Ihre Kunden wollen sparen. Immerhin warb einer von ihnen damit, kein Pfand zu verlangen – und das ausgerechnet im Umfeld der Nachhaltigkeitsmeile. Für wessen Angebot werden sich klamme Besucher da wohl entschieden haben? Dabei hatte sich die Stadt auf die Fahne geschrieben, auf den ökologischen Fußabdruck des Festes zu achten. Mittelbayerische Zeitung, 26.6.2025
Alte Mälzerei
Eva Karl Faltermeier behauptet sich beim Talkformat in Regensburg gegen drei Gäste
Eva Karl Faltermeier ist ganz gewiss derzeit diejenige, die als Künstlerin aus der Oberpfalz über das verfügt, was man digitalistisch „die größte Reichweite“ nennt. In der Alten Mälzerei lud sie zum Talk „Eva & Gäste“ ein.
Peter Geiger
Im Bayerischen Fernsehen präsentiert sie mit „Karlsplatz“ ihr eigenes Late-Night-Format. Als Kabarettistin war sie zuletzt mit „Taxi. Uhr läuft“ nicht nur landauf unterwegs.
Und als Gerichtsmedizinerin im neuen bayerischen „Tatort“ hat sie jetzt die Chance, sich mit ihrem regierungsbezirkstypischen „Grant“ (mit dem, was anderswo „Unmut“ heißt, hat sie sich auf knapp 200 Buchseiten intensiv auseinandergesetzt) in die Herzen aller TV-Junkies zwischen Bern, Bremen und dem Burgenland zu spielen.
Womit Eva Karl Faltermeier also eine Markenbotschafterin ist: Dass sie aus dem Labertal stammt, also aus dieser verwunschenen Jurafelsgegend, die keine 15 Kilometer Luftlinie westlich vom Regensburger Dom liegt, das hört man ihr an, sobald sie an diesem Abend in der Alten Mälzerei ihren Mund öffnet. Will sie ausdrücken, dass etwas „tiefer“ ist, sagt sie „duifer“. Und weiß sie etwas nicht, so heißt das bei ihr „ned gwisst“. Nicht nur bei ihrem einleitenden Solo tut sie sich dialektal keinen Zwang an – was Positives wie Negatives zugleich bewirkt.
Von der kritischen Distanz zum eigenen Ego
Offensiv hat sie sich zu körperlichen Schwächen und Defiziten jeder Art bekannt. Bei ihren drei männlichen Gästen läuft sie damit sperrangelweit geöffnete Türen ein – denn sogleich beginnen die ihrerseits in ihrem jeweiligen Solo ihr Leid zu klagen, über beginnenden Haarausfall (Simon Pearce trägt mittlerweile Käppi statt Afro), übermäßigen Alkoholkonsum (als Radfahrer kann man den Führerschein verlieren, weiß Vitus Ehrenthaler zu berichten, wenn man den Lenker berührt) und Übergewicht (Ralf Winkelbeiner weiß, welche Dramaturgie eine Pointe braucht, wenn er hinter sein ungläubig zur Kenntnis genommenes Bekenntnis zu „67 Kilo“ noch ein „zu viel“ platziert).
Was eigentlich ursympathisch ist: Das Material dieses rund zweistündigen Witzekaleidoskops, es entwickelt seine Qualität aus der kritischen Distanz zum eigenen Ego. Und besteht eben nicht allein aus dem Absingen von Heldenliedern in eigener Sache. Und dem Abbrennen von Selbstbeweihräucherungsstäbchen.
Apropos Stäbchen: Womit wir leider beim kritischen Punkt dieses an sich ja kurzweiligen und umjubelten Abends gelandet wären. Sämtliche der Protagonisten ergehen sich nämlich in proktologischen Fantasien. Mit anderen Worten: Sie erzählen uns, was passiert, wenn sich Ärzte schnalzend den Hygienehandschuh aus Gummi überziehen, um sich auf das vorzubereiten, was gerne mit der Metapher der „großen Hafenrundfahrt“ umschrieben wird.
Der Rezensent des Abends appelliert deshalb an die Protagonisten, ihre jeweiligen Talente zur dramaturgischen Makrobiotik auszubauen – und den mikrobiotischen Beifang doch beiseite zu lassen.
Der afrodeutsche Münchner Simon Pearce, er versteht es meisterhaft, Alltagssituationen so zu schildern, dass hinter bayerischer Gemütlichkeit rassistische Abgründe auftun. Vitus Ehrenthaler, Wirt aus Erding, hat vielleicht seine Rolle noch nicht ganz präzise gefunden – verfügt aber über so viel schlagfertigen Humor, dass man ihm zutraut, zur 4.0-Variante eines Wolfgang Fierek heranzureifen. Und Ralf Winkelbeiner? Der Ingolstädter ist als pointenschleudernder Rohdiamant jetzt schon: ein absolutes Schwergewicht! Mittelbayerische Zeitung, 5.6.2025
Abschiedskonzert in der Alten Mälzerei
Die Irish Handcuffs aus Regensburg hören dort auf, wo einst alles begann
Es war ein Start von null auf hundert. Drei Punk-Musiker aus Regensburg spielten gleich bei ihrem ersten Konzert mit einer britischen Kult-Band. 13 Jahre danach kehren sie an der Ort ihrer Premiere zurück – und feiern dort den Abschied von der Bühne.
Jürgen Scharf
Begonnen hat alles im November 2011. „Wir kannten uns alle drei schon von unseren früheren Bands und hatten einfach Lust, was Neues zu starten“, erzählt Sänger und Gitarrist Florian Kötterl. Und drei Monate nach der ersten Probe gab es schon das erste Konzert. In der Alte Mälzerei. Als Vorband für die britischen Punk-Legenden Leatherface.
Es wurde ein „Super-Abend“
„Wir sind alle große Fans der Band und waren daher natürlich genauso erfreut wie nervös“, erzählt Kötterl. Am Ende sei es dann „ein Super-Abend“ geworden.
Der Ausdruck „Irish Handcuffs“ steht im Englischen für ein Bier in jeder Hand. Für Punkrock irgendwie auch durchaus passend. Die drei Regensburger haben bei ihrem Bandnamen aber eigentlich an was anderes gedacht, und zwar an einen gleichnamigen Song der Band Smoke on fire aus Boston. Und das Beste: „Mit denen durften wir später auch ein paar Shows spielen.“ Dass viele Leute bei dem Namen erstmal eine Irish-Folk-Band oder ähnliches erwarteten, damit hatten die drei selbst gar nicht gerechnet.
In den 13 Jahren war bei den Irish Handcuffs einiges los. Sie veröffentlichten zwei Alben, sowie mehrere EPs und Singles. Knapp 300 Konzerte führten sie quer durch Europa, England, Kanada und die USA. Sie spielten unter anderem auf dem Manchester Punk Fest oder dem Booze Cruise in Hamburg und Bristol. Die Besetzung blieb in all den Jahren kostant. Kötterl am Gesang und an der Gitarre, Florian Hollnberger am Bass und Dennis Forster an den Drums. Von 2012 bis 2018 war zudem noch Claus Hilkinger an der zweiten Gitarre dabei.
Zum Abschied spielen die Irish Handcuffs am kommenden Samstag noch mal in der heimischen Mälze ein langes Set mit Songs aller Platten. Mit Hell & Back aus Stuttgart und Worst Advice aus Nürnberg haben sie sich zwei langjährige Weggefährten und Aushängeschilder der Szene eingeladen.
Durch den Hafen getuckert
Und bestimmt werden sie während des Konzerts oder danach auf die vielen Geschichten aus 13 gemeinsamen Jahren zurückblicken. Etwa auch auf das Konzert auf einem kleinen Boot auf der Elbe im Hamburger Hafen.
„Wir wussten nicht, was uns erwarten würde, aber das Boot war vollgepackt mit Leuten, die richtig Bock hatten und so sind wir lärmend durch den Hafen getuckert, während uns die Passagiere der anderen Schiffe ungläubig angeglotzt haben“, erzählt Kötterl. Aus dieser Fahrt sei mit dem Booze Cruise auch eines der besten Festivals für Punkrock in Europa entstanden, wie er erzählt. Mittelbayerische Zeitung, 30.5.2025
Pop ist tot? Diese Zeilen sind unsterblich!
Im Land des Taumels: Die brillante Performerin Bernadette La Hengst in Regensburg
Die grandiose Textdichterin, die mit dem Groove verheiratet ist, hat vom ersten Moment an die Publikumssympathien im rammelvollen Ostentorkino für die nächsten 99 Jahre gepachtet.
Peter Geiger
Regensburg ist für Bernadette La Hengst kein Ort wie jeder andere: Am Galgenberg nämlich, in der Alten Mälzerei, hat sie im Novembergrau des Jahres 1999, als Frontfrau ihrer damaligen Band „Die Braut haut ins Auge“, ein Live-Album aufgenommen. Dieses vierte Album war so etwas wie der Schlussakkord einer Karriere, die mit großen Ambitionen gestartet war und drei grandiose Studio-Alben (allesamt wieder verfügbar!) hervorgebracht hatte. Am Ende aber musste das Frauen-Quartett erkennen, dass ihr Konzept zwischen Indie und Kommerz von beidem zu wenig (oder zu viel?) bot. Die Bosse bei der Plattenfirma jedenfalls jammerten unentwegt, sie könnten „beim besten Willen keinen Hit“ entdecken. Und dem Publikum war dieser Mix aus intelligenter Textlyrik und erkennbar am Beat der Sixties geschulten Kompositionen vielleicht eine Prise zu wenig Elvis Costello oder ein Gramm zu viel The Jam. Ach, weiß der Teufel, woran’s gescheitert ist.
Sie weint der Vergangenheit keine Träne nach
Jedenfalls macht sich die Bernadette La Hengst von heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Split ihrer Band, ganz offenkundig keinen Kopf mehr darüber. Sie hat sich längst ausgesöhnt mit dieser Vergangenheit. Im Ostentorkin, am Mittwochabend, wirkt sie, die sich Mädchenhaftigkeit und juvenilen Charme bewahrt hat, ziemlich gelöst und locker, wenn sie sich auf dem hohen Barhocker platziert und zu plaudern beginnt. Sie erzählt, wie sie als Gymnasiastin in Ostwestfalen mit Frank Spilker von den „Sternen“ Theater spielte und durch Europa trampte und sich als Straßenmusikerin das erspielte, was man im Deutschen am besten mit „Credibility“ bezeichnet. Jene Glaubwürdigkeit in Stimme und Bühnenhaltung also, die ihre Performance als absolut wahrhaft erscheinen lässt. Dazu gehört auch, dass sie ihr Leben ganz und gar nicht als Riesentorlauf zum Erfolg schildert. Sie preist das Scheitern als Schauspiel-Schülerin im Berlin der späten 1980er ebenso einpreist wie auch jenen Move, der sie im Sommer 1989 dazu bewog, die kurz vor der Öffnung stehende Mauerstadt zu verlassen, in Richtung Hamburg.
Je länger sich Bernadette La Hengst an diesem verdammt kurzweiligen Zweistundenabend aufs bloße Hier und Jetzt (auf Tage, wie es in einem ihrer brillanten bohemistischen Bekenntnistexte heißt, die „von vorgestern bis übermorgen dauern“) einlässt und keiner Vergangenheit eine Träne hinterherweint, umso mehr gerät man ins Grübeln: Warum hat diese grandiose Textdichterin, die erkennbar mit dem Groove verheiratet ist, wenn sie Gitarre spielt oder sich perkussiv über die Tasten des Fender Rhodes hermacht, nicht mehr Erfolg? Und genießt den Status eines Superstars? Sie verfügt über eine exzellente Soulstimme. Sie kann tanzen. Sie ist witzig, spontan und selbstironisch. Und ganz und gar nicht von sich selbst besoffen.
Warten aufs Wachküssen
Das Wichtigste freilich: Bernadette La Hengst hat von der ersten Minute an die Publikumssympathien im rammelvollen Kinosaal für die nächsten 99 Jahre gepachtet. Die 110 Texte, die beim rührigen Ventil-Verlag als „Warum ich so laut singen kann“ überschriebene Kompilation erschienen sind, haben die Macht, nicht nur junge Menschen ins Reich der Poesie zu entführen. So, wie das ein J. D. Salinger über Jahrzehnte vermochte oder ein Jack Kerouac, ein Wolf Wondratschek oder ein Bertolt Brecht. Weil diese Gebrauchslyrik das Leben feiert. Und Rauschhaftes als krampflösende Substanz zu isolieren vermag aus den Bitterstoffen der Melancholie.Wenn Bernadette La Hengst das alles mit Beat und Groove und Rhythmus vermengt, entführt sie uns ins Land des Taumels. Pop ist tot, sang sie schon vor bald 30 Jahren. Die Zeilen dieser 110 Songs aber sind unsterblich. Sie warten nur darauf, von einer neuen Generation wachgeküsst zu werden. Mittelbayerische Zeitung, 15.5.2025
„Warum ich so laut singen kann“
Eine gut gelaunte Ungezähmte: Bernadette La Hengst stellt in Regensburg ihr Songbook vor
Peter Geiger
Wären wir in Großbritannien oder in Seattle, ja, da wäre Bernadette La Hengst wahrscheinlich das, was man eine lebende Ikone nennt. Vielleicht vergleichbar mit einer Patti Smith oder einer Kim Gordon. Aber hier in Deutschland ist sie einfach, was sie ist: Eine emanzipierte Sängerin und Gitarristin, bei Kennern enorm geschätzt.
Fachpresse wie das Magazin „Rolling Stone“ bespricht und porträtiert Bernadette La Hengst regelmäßig. Zur Hochzeit der Hamburger Schule war sie mit ihrer Band „Die Braut haut ins Auge“ bei einem großen Plattenkonzern (bei der „Industrie“, wie man damals sagte) unter Vertrag und nahm dort drei ziemlich grandiose Langspielplatten auf. Musikalisch waren die Scheiben so überzeugend, weil sich da vier junge Frauen mit ihren witzig-klugen deutschsprachigen Texten gleichermaßen erfolgreich um Harmonie im Gesang übten und in rebellischer Geste, was die Musik betraf.
Die Band galt als schwierig
Im November 1999 war die Band in Regensburg zu Gast, in der Alten Mälzerei, und nahm ihr viertes Album auf – und zwar das schon in Eigenregie produzierte Livealbum „+1 auf der Gästeliste“. Denn bei BMG Ariola hatte man schon wieder die Lust auf ein Quartett verloren, das, wie Bernadette La Hengst gegenüber der Mediengruppe Bayern gut gelaunt am Telefon erzählt, auf Mitsprache pochte, aber mit den „vielen verschiedenen Promo-Maßnahmen“, die sich die Firma hatte einfallen lassen, „einfach nicht einverstanden war“. Schnell stand die Band im Ruf, „schwierig zu sein“. Also wurde ihr Vertrag gekündigt, als Nachfolgerinnen wurden „Tic Tac Toe“ präsentiert.
Unterschiedlicher konnte die Philosophie von zwei Bands nicht sein: Auf der einen Seite Bernadette La Hengst, die sich mit ihren Kolleginnen Do-it-yourself- und feministischen Selbstermächtigungs-Ideen verpflichtet sah, sich textlich des „Langweiligsten Jungen der Welt“ annahm und mit lauten, rückgekoppelten Gitarren und röhrender Hammondorgel vor dem Erbe der kracherten Sixtie verneigte. Auf der anderen Seite ein gecastetes Trio, das in der heraufdämmernden Digitalöffentlichkeit Pressekonferenzen in einen Psycho-Boxring verwandelte – um sich nach dem One-Hit-Wonder „Ich find Dich scheiße“ aufzulösen und ins mediale Nirwana zu verabschieden.
Aber Bernadette La Hengst ist immer noch da. Ihre Soloplatten erscheinen seit den frühen Nuller-Jahren beim legendären Münchner Label „Trikont“ – und alles, was „Die Braut haut ins Auge“ aufgenommen hat, ist seit 2024 auf den Streamingplattformen vorhanden. Die CDs wurden alle eingestampft, weil die „kapitalistische Logik“ der Lagerungskosten eine materielle Fortexistenz nicht rechtfertigte.
Mit Peta Devlin, ihrer besten Freundin, hat sie zuletzt wieder alte „Braut haut ins Auge“-Sachen live gespielt. Und vor ein paar Tagen erschien im renommierten Ventil-Verlag der knapp 300 Seiten starke Band „Warum ich so laut singen kann – Ausgewählte Songtexte“ (20 Euro). Mit diesem um persönliche Erinnerungen erweiterten Wälzer im Gepäck macht Bernadette La Hengst am 14. Mai auch in Regensburg Station. Und sie wird, wie sie sagt, Lieder singen, Texte vorlesen und eben auch Geschichten darüber erzählen, wieso sie mit einer so gewaltigen und guten Stimme ausgestattet ist.
Das „Aber-trotzdem-Kind mit den Haaren im Wind“
Für ihren Vater war sie, wie sie im Vorwort erzählt, das „Aber-trotzdem-Kind mit den Haaren im Wind“. Nach dem Abitur am Schulzentrum Werl Aspe, wo sie mit Frank Spilker von den Sternen Arthur Miller auf die Theaterbühne brachte, trampte sie als „Postpunk-Hippie“ durch Deutschland und Europa, um „Straßenmusik zu machen und Abenteuer zu erleben“. Man darf also gespannt sein, wenn sie im Ostentor Noise-Gitarre spielend erklärt, warum sie die geworden ist, die sie heute ist.
Bernadette La Hengst ist am 14. Mai (20 Uhr) im Ostentor-Kino in Regensburg zu Gast und gibt am 21. Mai im Habibi Kiosk an den Münchener Kammerspielen eine musikalische Lesung. Mittelbayerische Zeitung, 22.4.2025
Kleinkunstfrühling in Regensburg
Schräger Humor: Tino Bomelino lockt sein Publikum in absurde Gedankengänge
Ein KI-Programm würde sich im verschlungenen Humor des Comedians wohl hoffnungslos verheddern. In der Alten Mälzerei breitete er seine verdreht-witzigen Ideen aus – zur Begeisterung des Publikums.
Michael Scheiner
Wollte man eine Wette abschließen, ein gängiges KI-Programm würde vermutlich gegen Tino Bomelino verlieren. Haushoch, denn in Bomelinos absurdem, vielfach verschlungenem Humor würde sich die KI hoffnungslos verheddern. Beim Kleinkunstfrühling Regensburg stellte der Stand-Up-Comedian sein neues Programm in der Alten Mälzerei vor: „Wegen Apokalypse vorverlegt“.
Im Unterschied zu anderen Humor- und Kabarettveranstaltungen war Bomelinos Auftritt nicht ausverkauft. Die restlichen Zuhörenden waren zuhause geblieben oder schlichen an der Bushaltestelle vor dem Eingang herum, weil sie befürchteten, einen Komikknoten im Gehirn zu bekommen. Das beste Bild für die skurrile, paradoxerweise flache wie zugleich hochintelligente Denkweise des gebürtigen Ostberliners lieferten einige seiner Zeichnungen. Lineare Darstellungen, wie eine Zeitspanne oder die Intelligenzquotienten (IQ), verfingen sich hinten hinaus in der Verlängerung in unentwirrbare Knäuel.
Eine Kinderrassel mit der Asche von Opa
Einfache Zeichenmännchen mit Sprechblasen, skurril manipulierte Fotos und Bilder, die Minigeschichten erzählen, gehören zu den bevorzugten Mitteln des Entertainers. Andere sind eine Loopmaschine vor ihm auf dem Tischchen, Effektgeräte und eine Kinderrassel „mit der Asche meines Großvaters“. Mit diesem Instrument wolle er eine ganze Beerdigungsgesellschaft ausstatten, wenn er selbst einmal das Zeitliche gesegnet hat. Weil er grad an der Kirche vorbeischaute, blendete er für einen zusätzlichen Lacher noch ein Foto ein. „Wir müssen miteinander reden. Gott“ war auf einem Banner an einer Kirche zu lesen.
Als Schnellredner, dem man manchmal kaum folgen konnte, ballerte Bomelino seine verdreht-witzigen Ideen, Pointen, Sprüche oft im Stakkato heraus. Dann wieder senkte er die Stimme, drehte sich etwas ab, als führe er ein nuschelndes Zwiegespräch mit sich selbst. Aus dieser verdrucksten Haltung konnte er mit einem wütenden Aufschrei hervorbrechen, um zu illustrieren, wie man sich manchmal fühlt, aber nach außen lieb und nett gibt. Es ist ein mäandernder Fluß an teils höchst kuriosen und schillernden Einfällen, die Bomelino aneinander reiht. Manchmal vertieft er diese auch, wie die Sache mit dem IQ bei einer selbstlernenden KI, also der angeblichen wenn auch künstlichen Intelligenz. Der einstige Student, der mal „aus Versehen Informatik studiert hat“, führt das Wunderwerkzeug KI selbstredend aufs Glatteis, indem er – anschaulich mit Screenshots unterfüttert – so lachhafte Fragen stellt, dass die Antworten noch schräger ausfallen.
Wie man andererseits mittels KI schöne oder bombastische Popsongs erstellen kann, um Geburtstagsausladungen oder Beschwerdebriefe zu singen – der Comedian, der sich als Sidekick von Torsten Sträter einen Namen gemacht hat, verriet es zum Vergnügen eines total angefixten überwiegend jungen Publikums. Mittelbayeriche Zeitung, 18.4.2025
Kabarett in der Alten Mälzerei
Queere Liebe und überschätze Nobelpreisträger: Teresa Reichl zieht in Regensburg vom Leder
Bewaffnet mit Mikrofon, messerscharfen Nägeln und einer kleinen Soundmaschine zieht Teresa Reichl aus, um das Patriarchat das Fürchten zu lehren. Zwei Mal in Folge füllte sie den Saal in der Alten Mälzerei.
Hannah Eder
Fast wäre sie gar nicht rechtzeitig angekommen, denn ab Nürnberg wollte die Bahn nicht mehr. Leicht verspätet, dafür unterlegt mit epischer Musik und der Stimme des wunderbaren Marcel Mann, teasert ein Intro dann endlich die Heldin des Abends an. Bewaffnet mit Mikrofon, messerscharfen Nägeln und einer kleinen Soundmaschine zieht Teresa Reichl aus, um das Patriarchat das Fürchten zu lehren. „Bis Jetzt“ heißt ihr neues Programm, mit dem sie gleich zwei Mal in Folge zum Heimspiel in der Alten Mälzerei aufläuft. Vor fast zehn Jahren hatte sie dort ihren allerersten Auftritt.
Mit brachialem Humor erzählt Teresa Reichl an diesem Abend von ihren Versuchen, das Abenteuer Leben zu bestreiten. Das warf ihr in der Vergangenheit doch einige Hindernisse in den Weg. Zunächst wäre da das bayerische Staatsexamen – „wie Tierquälerei“, feuert Reichl und zählt genüsslich auf, warum diese Prüfungen nicht nur an Willkür nicht zu überbieten, sondern auch didaktischer Unfug sind. Nach dem Examen folgt direkt ein gebrochener Mittelfußknochen, dann die Diagnose Depression. Aber all das kann Reichls Heldinnenreise nicht aufhalten.
Sie nimmt kein Blatt vor den Mund
Ganz nebenbei schließt die studierte Germanistin, die sich an diesem Abend kunstvoll ihr eigenes Epos kreiert, die ein oder andere Bildungslücke im Publikum. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht mit der überbordenden Männlichkeit der deutschen Literaturgeschichte zu brechen. Erec? Unerträglich. Faust? Eklig. Thomas Mann? Hätte vielleicht manchmal einfach „das Maul halten“ sollen.
Abgesehen von diesen schillernden Persönlichkeiten haben heterosexuelle Männer in Reichls Quest nur Nebenrollen, sie fungieren maximal als schlechte Dates, haben überzogene Machtansprüche und weigern sich, Katzen von Bäumen zu retten – die seien immerhin selbst schuld. Im Publikum findet das aber niemand schlimm, immerhin dreht sich die Welt sonst schon oft genug um Männer.
Von queerer Liebe und den Tücken der Menstruation
Stattdessen berichtet Teresa Reichl von ihrem Outing, von queerer Liebe, Sex und den Tücken der Menstruation. Und von Freundschaften – solchen, die einen lähmen, weil man als „zu laut, zu doll, zu viel“ abgestempelt wird, und solchen, in denen die Mädels alles regeln und immer eine Excel-Tabelle in der Hinterhand haben, wenn es darauf ankommt. Reichls Programm ist also auch eine kleine Liebeserklärung an all die Menschen, die sie auf ihrer steilen Karriere bisher begleitet haben.
Sozialisiert mit dem Nockherberg und Martina Schwarzmann zeigt die junge Kabarettistin, dass Bayern noch viel mehr hergibt als das duo infernale aus Hubert Aiwanger und Markus Söder. Trotz schweren Starts während der Pandemie hat sich Reichl schnurstracks ins Herz der deutschen Kabarettszene gespielt. Unerschrocken und angriffslustig testet sie ihre Gags jetzt nicht mehr nur in den Kommentarspalten pensionierter Thomas-Mann-Hooligans, in ihren Therapiestunden oder im Lesesaal der Universität Regensburg, sondern begeistert auf zahlreichen Bühnen der Republik. Erst im März erhielt 2025 sie dafür den Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises.
Es ist eine Freude, der Kabarettistin in der Mälzerei zuzusehen, wie sie sich ein weiteres Mal in Höchstgeschwindigkeit ins Trommelfell und in die Iris der Gäste einbrennt. An beiden Abenden ist die Show bis auf den letzten Platz ausverkauft. Für das nächste Programm – angesetzt für Herbst 2026 – muss Teresa Reichl wohl mit einer größeren Bühne planen. Wie wäre es gleich mit der Donau-Arena? Da kann Reichl nur schulterzuckend lachen. Ist nicht geplant. Bis jetzt. Mittelbayerische Zeitung, 10.4.2025
FameLab: Regensburger Chemie-Doktorantin begeistert Jury als Science-Slammerin
Drei Minuten Zeit, ein Quadratmeter Platz – nicht mehr und nicht weniger. Beim Bayern-Vorentscheid von FameLab 2025 am Dienstagabend in der Alten Mälzerei präsentierten acht junge Nachwuchs-Wissenschaftler ihre Forschung als „Science-Slam“ live auf der Bühne.
Friederikke Nottrott
Im Gegensatz zu Poetry-Slams, bei denen Dichter ihre selbst geschriebenen Texte in einer festgelegten Zeit vortragen, dreht sich beim Science-Slam FameLab alles um die Wissenschaft. Seit dem Start 2005 in Großbritannien findet das Format jährlich in 25 Ländern weltweit statt. Seit 2011 auch in Deutschland. In Regensburg organisiert das Stadtmarketing den Bayern-Vorentscheid bereits zum elften Mal.
Die Zeit war knapp – und die Themen komplex. Daher war Kreativität, Witz und Charme von den acht Kandidaten gefordert, um das bunt gemischte Publikum sowie die fünfköpfige Experten-Jury, bestehend aus Vertretern aus Lehre, Kultur und Wirtschaft, von sich und ihrer Forschung zu überzeugen.
Kuscheltiere, Glitzer und Rührei aus dem Mixer
An diesen Qualitäten mangelte es den Kandidaten am heutigen Abend, durch den die Moderatorin Stella Agomor führte, definitiv nicht. Mit Requisiten ihrer Wahl – vom bunt bemalten Plakat über Kuscheltiere und Glitzer bis hin zum Rührei aus dem Mixer – gaben die Talente alles, um ihre Themen möglichst anschaulich, verständlich und unterhaltsam zu präsentieren.
Erlaubt sind allerdings nur so viele Utensilien, wie die Kandidaten selbst tragen können. Manuskripte und Spickzettel? Tabu. Gefordert war also freies Vortragen. Obwohl die Kandidaten gegeneinander antraten, war die Stimmung vor und während ihrer Auftritte alles andere als angespannt. Sie unterstützten sich gegenseitig, nahmen einander die Nervosität und feuerten sich während der Vorträge an.
„Sternenstaub mit Superkräften“ verzauberte die Jury
Am Ende gelang es der Regensburger Chemie-Doktorandin Naomi Weitzel mit ihrer kreativen Performance über den „Sternenstaub mit Superkräften“ das Publikum und die Experten-Jury zu verzaubern. Mit tosendem Applaus wurde sie nicht nur „zur Siegerin der Herzen“ und somit Gewinnerin des Publikumspreises gekürt. Sie triumphierte auch als Gesamtsiegerin des Abends, da die Jury ihren Beitrag über leuchtende Nanopartikel in puncto Inhalt, Klarheit und Charisma als am gelungensten bewertete. Der zweite Preis ging an den Biophysik-Doktoranden Felix Richter, der in seinem Science-Slam mittels Leuchtstäben und Hefe-Kuscheltier anschaulich erklärte, wie er nach einer Pille forscht, die die Zellalterung verlangsamen könnte.
„Bühne für die Gründer von morgen“
„Diese Veranstaltung bietet eine Bühne für die Gründer von morgen. Wo kann man sonst in drei Minuten jemanden dafür begeistern, was man macht?“, sagt Bio-Park-Geschäftsführer und Jury-„Uhrgestein“ Thomas Diefenthal. Etwas in drei Minuten anschaulich und unterhaltsam zu erklären, so Diefenthal, erfordere nicht nur Mut, sondern sei eine Kunst. „Thank you for this really unterhaltsamen Abend“, fasst Antje Thoms, Jury Mitglied und Schauspieldirektorin am Theater Regensburg, die Veranstaltung zusammen.
Für die beiden Sieger des Bayern-Vorentscheids geht es in gut zwei Monaten zum FameLab Germany Finale nach Bielefeld, wo sie auf die jeweils besten Science-Slammer der anderen Bundesländer treffen werden. Mittelbayerische Zeitung, 2.4.2025
Solo mit Hut in Regensburg
Melancholischer Indie-Folk von Brookln Dekker
Die meisten Dekker-Songs wurden seit seinem 2020 veröffentlichten Debütalbum „Slow Reveal: Chapter One“ millionenfach gestreamt. Nun spielte er live in der Alten Mälze.
Von Hannah Eder
Am Bühnenrand schlüpft er noch schnell aus den Schuhen, dann steht der amerikanische Folk-Musiker Brookln Dekker mitsamt verschiedenfarbiger Ringelsocken und Gitarre auf den weichen Teppichen der Mälze-Bühne. Sein Gesicht verbirgt er unter einer ausladenden Hutkrempe, die sich mittlerweile zu seinem Markenzeichen entwickelt hat. „Hello“, raspelt der Singer-Songwriter mit tiefer Stimme, die er später während seiner Lieder in ungeahnte Höhen schrauben wird und beginnt seine Gitarre zu stimmen.
Songs mit kleinen Geschichten
usgelassener Jubel und Pfeifen verraten, dass sich einige eingefleischte Fans im Publikum befinden. Kein Wunder, immerhin tritt der Musiker mit seinem Solo-Projekt „Dekker“, einer Mischung aus melancholischer Musik und tiefgründig-kontemplativen Texten, bereits zum dritten Mal in der Domstadt auf. Insgesamt ist die Atmosphäre ab Konzertbeginn derart gemütlich, dass schnell das Gefühl aufkommt, man stünde im eigenen Wohnzimmer. Dabei vergisst man leicht, dass die meisten Dekker-Songs seit seinem 2020 veröffentlichten Debütalbum „Slow Reveal: Chapter One“ millionenfach gestreamt wurden.
Zwar kompositorisch einfach aufgebaut – die meisten seiner Stücke sind Four Chord Songs – aber stimmlich und textlich absolut überzeugend, beinhalten Dekkers Lieder kleine Geschichten über das Zu-spät-sein, das Nüchtern-sein, das Traurig-sein oder das Verliebtsein. In „Not Feeling Up“, singt er zum Beispiel: „Even when it's sunny I look out and find a cloud“ – sogar wenn es sonnig ist, finde er eine Wolke am Himmel. Dann aber erzählt er vom Spaß beim gemeinsamen Komponieren mit seiner Tochter. Zugegebenermaßen habe sie hauptsächlich Lego gebaut und ihn mit Fragen gelöchert. Daraus sei dann aber der Song „Future Ghosts“ entstanden. Ein skurriles Stück über das Leben nach dem Tod und Roboter, die die Wäsche zusammenlegen. Zwischen den bekannteren Melodien von „This Here Island“, „The Love“ oder „Maybe October“, bei denen das Regensburger Publikum zielsicher mitzusingen weiß, hat Dekker bei diesem intimen Konzert auch mehrere Kostproben aus seinem neuen, bisher unveröffentlichten, Album im Gepäck. Dabei ist sein Letztes gerade mal ein Jahr alt. Neben der im Februar ausgekoppelten Single „The Dove“ überrascht er bei der Zugabe noch mit dem bisher unbekannten Song „Let’s Turn over the Leaf“, den es ab dem 4. April überall zu hören geben soll.
Drei Solo-Alben in vier Jahren
Besonders spannend: der Folk-Musiker, der sonst vor allem für seine sanften Gitarrenmelodien bekannt ist, hat für das Konzert in der Alten Mälzerei auch ein Keyboard mitgebracht. Wieder habe seine Tochter damit zu tun, scherzt er, die lerne nämlich gerade Klavier und er lerne quasi mit. Ein Fußpedal, mit dem er den hintergründigen Beat generiert, sorgt auch dort für klangvollen Sound.
Wenn er nicht gerade Solo unterwegs ist, tourt Dekker mit anderen musikalischen Projekten durch Europa. Beispielsweise im Indie-Folk Duo „Rue Royale” mit seiner Frau Ruth oder zusammen mit dem Berliner Pianisten Lambert. Und falls doch mal Langeweile aufkommen sollte, bringt er einfach eine neue Platte raus. Drei Solo-Alben in den letzten vier Jahren sind durchaus eine Hausnummer.
„Wann kommt denn das neue Album?”, ruft zwischendurch jemand aus dm Publikum in Richtung Bühne. Dekker überlegt kurz. Immerhin stehen bis dahin noch einige Konzerte auf dem Plan. Er glaubt, irgendwann im September. Oder kommt es doch “Maybe October”? Mittelbayerische Zeitung, 1.4.2025
Alte Mälzerei
Kabarettist Matthias Egersdörfer in Regensburg: Avantgarde-Jazz als Vitaminspritze
Matthias Egersdörfer begeistert in der Alten Mälzerei mit seinem etwas unausgegorenem neuen Programm „Langsam“.
Von Michael Scheiner
Über was hat er gerade noch gesprochen? Geschlechtsverkehr? Richtig, das sei „etwas sehr Schönes, aber kein gutes Wort“, sinniert Matthias Egersdörfer auf der Bühne über seine eigenen Worte nach. Also spinnt er den Faden weiter, fragt das Publikum in der ausverkauften Mälzerei nach einem besseren Ausdruck. Nach einigem Zögern, währenddessen der Kabarettist die Bibel zitiert, wagt sich der eine und andere mit einem Vorschlag aus der Deckung. Meist verwirft Egersdörfer diese gleich wieder. Hängen bleibt er bei „pudern“. Letztlich ist ihm das aber zu „staubig“, meint er trocken und spricht den derben österreichischen Ausdruck mit fränkischem Zungenschlag korrekt als „budern“ aus.
Wilde Gedankensprünge
Über das in Regensburg unvermeidliche „schnacksln“, das dem Nürnberger eine Vorlage bietet über Fürstin Gloria zu spötteln, landet er bei Charles Mingus. Wie er unversehens auf den „angry man of jazz“, den „zornigen Mann des Jazz“, kommt, ist wie manche seiner Gedankensprünge etwas rätselhaft. Was dann aber folgt, ist ein Lehrstück für paradoxe Intervention. Weil „man seine Musik kennen sollte“, stellt er den Jazzbassisten und Cellisten vor und zitiert aus dessen Biographie „Beneath The Underdog“, spielt der das orchestral wirkende „Solo Dancer“ vom 1963er Album „The Black Saint and the Sinner Lady“ in voller Länge vor.
Das auch bei Jazzliebhabern und Kennern selten zu hörende kraftvolle Stück ist eine Herausforderung. Konfrontiert mit diesem Meilenstein des damaligen Avantgarde-Jazz, reagieren die Zuhörenden, die gekommen waren, um zu lachen und sich unterhalten zu lassen, erstmal verunsichert – hören aber zu. Derweil sitzt Egersdörfer wie ein Gastgeber, der sich nicht um die Meinung seiner Gäste schert, hinter einem einfachen Holztisch und blinzelt unter halb gesteckten Augen lauernd ins Publikum. Hin und wieder zuckt ein verhaltenes Grinsen in den Mundwinkeln des thematisch mäandernden Grantlers, der die gezielt eingesetzte Cholerik zu seinem Markenkern gemacht hat. Als dann vereinzelt erst Pfiffe und eine paar verstörte Applaudierer eine bedrohliche Welle Abneigung aus dem Publikum ankündigen, spannt sich der subtil gerundete Körper des Kabarettisten leicht an.
Geschafft! Das großartige Stück Jazzmusik mit intensiven Saxofonsoli endet und wird laut beklatscht. Wobei nicht klar feststellbar ist, ob aus Erleichterung darüber, dass es vorbei ist oder ob diese Inszenierung tatsächlich einige Zuhörende im Innern erreicht und zu Jazzfans gemacht hat.
Egersdörfer kommt noch einmal auf die nur auf Englisch erhältliche Biografie zu sprechen. Darin beschreibt sind Mingus in den ersten Sätzen als drei – verschiedene – Personen. Das sollte doch für alle gelten, meinte der Kabarettist, auch er sei doch nicht nur cholerisch und schreie ein Leben lang herum. Nach diesem musikalisch-biografischen Zwischenspiel kehrt der Franke, der sich vom Bauchansatz bis zur schicken Dreiviertelglatze gern über die eigenen körperlichen Mängeln lustig macht, zum ursprünglichen Thema zurück.
Apokalyptische Fantasien
„Langsam“ steht in großen Lettern über seinem neuen Programm. Damit biegt er altersgemäß vermutlich in die vorletzte berufliche Kurve ein, stemmt sich andererseits aber auch gegen ein scheinbar immer mehr beschleunigendes Leben im Zeitalter disruptiver Sprünge in Politik, Gesellschaft und in der Natur. Vielleicht ist das etwas weit hergeholt, stiefelt der im wenig elegant sitzenden Anzug Erzähler doch vom erfrischenden Urlaubsdesaster mit seiner Frau durch Jugend und Schulzeit in ein steinaltes Wirtshaus.
Es sind lokale und persönliche Themen, in die sich Egersdörfer mit typischem Hang zur Katastrophe hineinsteigert. Wüsste man es nicht besser, man könnte in ihm einen Produzenten von Verschwörungserzählungen sehen, wenn er seinen apokalyptischen Fantasien hinterher jagt. Insgesamt wirkt das Programm als sei es noch nicht ganz ausgegoren – trotz des großartigen Kniffs mit der Vitaminspritze des Mingus-Jazz. Mittelbayerische Zeitung, 31.3.2025
Kleinkunstfrühling der Mälze
Comedian Moritz Neumeier zwischen Angst und Anarchie
Der Preisträger des Deutschen Kleinkunstpreises beweist seine Fähigkeit, beim Publikum mit messerscharfen Pointen gleichzeitig brüllendes Gelächter und mulmiges Schlucken auszulösen.
Von Hannah Eder
Das Saallicht im ausverkauften Marinaforum wird gedimmt. Stille Vorfreude breitet sich aus, einige Zuschauer flüstern noch. Dann dröhnen aus knackenden Lautsprechern metallisch verzerrte Stimmen. Zunächst mutet es wie unverständliches Gemurmel an, doch schnell wird klar: es handelt sich um sehr explizite Androhungen von Gewalt. Gewalt gegen Comedian Moritz Neumeier, der kurz darauf mit breitem Grinsen auf die Bühne spaziert und zu seinem neuen Programm „Was soll passieren?“ begrüßt.
Seit er im Herbst 2023 öffentlich gegen die polemischen Aussagen von Friedrich Merz über Geflüchtete im deutschen Gesundheitssystem geschossen hatte, stehe er unter Personenschutz, klärt Neumeier auf. Mit verschmitztem Grinsen bittet er anschließend darum, den Saal doch einfach zu verlassen, sollte man mit dem Programm nicht einverstanden sein – Morddrohungen gingen doch etwas zu weit. Schon jetzt lässt sich erahnen, dass der Comedian auch heute anecken will.
Zielen auf die wunden Punkte
Neumeiers Humor ist bitterböse, seine Mimik zum Schreien komisch. Für die folgenden zweieinhalb Stunden balanciert er mit stetem Augenzwinkern zwischen Selbstreflexion und Gesellschaftskritik. Er sucht dabei gezielt die wunden Punkte der Debatte. Geschickt verpackt sein Programm unbequeme Wahrheiten in fiktive Gedankenspiele, manche aber äußert der Comedian auch ganz unverblümt – dann aber in ein zweites, extra dafür bereitliegendes Mikrofon, damit auch wirklich jeder versteht, dass es sich um einen Witz handeln muss.
Einmal habe er seinem Therapeuten aus seiner Schulzeit auf einer inklusiven Gesamtschule erzählt und von seinen drei engsten Freunden – dem traurigen Emil, dem hyperaktiven Timo und Paul, bei dem sie alle zunächst dachten, er wolle gar nicht lesen lernen. Neumeier lässt sich viel Zeit, um die Geschichte auszuschmücken, erzählt vom gemeinsamen „Ka-ka-kä-sekuchenessen“ und von Timos unübersehbarem ADHS. Sein Therapeut weiß daraufhin jedoch nur zu sagen: „Wissen Sie Herr Neumeier, ich glaube, Sie haben eigentlich gar keine Freunde. Ich glaube, alle drei sind Charaktere aus Winnie Pooh.“ Mit der Wahrheit nimmt es der Comedian im Übrigen nie ganz so genau.
Diese Therapieerfahrungen, bei denen man bis zum Ende nicht sicher sein kann, ob davon auch nur eine einzige Anekdote wirklich passiert ist, bilden den roten Faden des Programms. „Jede fünfte Person, die heute hier ist, ist depressiv“, stellt er gleich zu Beginn fest und beglückwünscht die Anwesenden dafür, dass sie „einen guten Tag erwischt“ hätten. Er selbst geht seit Jahren offen mit seiner Depression um und spricht über seinen schwierigen Zugang zu Gefühlen.
Neumeiers Bühnenpersönlichkeit allerdings fühlt ganz schön viel. Zorn, Trauer, Neid, Genugtuung, Reue – sein Programm enthält einen ganzen Katalog an Emotionen. Sei es die Wut über seinen Nikotinentzug, der Hass auf den Rechtsruck der Bevölkerung, die Angst weißer Männer oder Zärtlichkeit als Waffe gegen Nazis, all dies entlädt sich mit voller Wucht auf das Publikum, das sich schon ab der ersten Minute vor Lachen kringelt.
Auf Anraten seines Therapeuten beginnt Neumeier sich im Alltag mit Fremden zu unterhalten. Es soll ihm helfen, sich zu öffnen. Dabei gerät er an Hendrik, Landwirt in Sachsen-Anhalt. Schnell driftet man ab ins Politische. Neumeiers Problem mit den Bauernprotesten sei ja nicht, betont er auf der Bühne, dass es inhaltliche Differenzen gäbe – jeder soll protestieren dürfen. Was er allerdings nicht verstehe, sei wie die AfD als Partei, die den Landwirten ebenso zahlreiche Subventionen streichen wolle, es geschafft habe, immer wieder in der ersten Reihe mitzulaufen. Aber nur weil da ein paar einzelne Rechte oder Rechtsextreme mitliefen, seien doch nicht alle Nazis, erklärt sein Gegenüber in altbekannter Manier. Jetzt redet sich Neumeier in Rage. Sein Opa habe auch nicht zum Großteil aus Darmkrebs bestanden und trotzdem sei es für ihn schlecht ausgegangen. Hendrik hat er damit verloren, der denkt sofort an eine Bekannte – ebenfalls Krebs. So ganz erfolgreich scheint die Therapie irgendwie nicht zu laufen.
Anarchische Wut
Verstärkung bekommt Neumeier von der Münchner Nachwuchs-Comedienne Ana Lucía, die mit ihrer schonungslos ehrlichen Reflexion der Generation Z vor Kurzem den Bayerischen Kabarettpreis in der Kategorie „Senkrechtstarter“ absahnen konnte. Die Apokalypse droht? Dann muss man seine Prioritäten wohl anpassen. Die Minderwertigkeitskomplexe kicken zu hart? Dann muss man wohl darüber lachen lernen. In einem kurzen Zwischenspiel erklärt Ana Lucía dem Publikum unter anderem, was es heißt, einfach mal die Notbremse zu ziehen.
Moritz Neumeier selbst wurde für seine präzisen politischen Beobachtungen, seine anarchische Wut und seine Fähigkeit, beim Publikum mit messerscharfen Pointen gleichzeitig brüllendes Gelächter und mulmiges Schlucken auszulösen, im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Kleinkunstpreis geehrt. Auch sein Auftritt in Regensburg wird zum vollen Erfolg. „Ich habe fünfundzwanzig Minuten länger gespielt als in jeder anderen Stadt“, kichert er nach der Pause und setzt in der zweiten Hälfte seines Programms nochmal einen drauf. Am Ende ist niemand frühzeitig gegangen.
Mittelbayerische Zeitung, 28.3.2025
Hagen Rether eröffnet den Kleinkunstfrühling
Der Kabarettist hält seinem Publikum im Marinaforum Regensburg mehr als drei Stunden in einem gewaltigen Monolog den Spiegel vor.
Peter Geiger
Als Hagen Rether zuletzt in Regensburg war, fast zwei Jahre ist das her, da tobte der russische Angriffskrieg seit 13 Monaten. Europa und die USA waren sich noch einig darin, der Ukraine militärisch gemeinsam helfen zu müssen. Gleichzeitig war die Druckerschwärze des auf Durchstechereien beruhenden Berichts über eine geplante Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes in der Bildzeitung erst am Trocknen. Der Sommer erhitzter Debatten über das, was vom Boulevard und auf Social Media bald „Heizhammer“ genannt werden sollte, das stand alles erst bevor. Ganz andere Zeiten also, der März 2023. In Hagen Rethers Erinnerung, so lässt er es uns, sein Publikum hier im Marinaforum wissen, war „damals noch Willy Brandt Bundeskanzler“.
Eine kindlich-infantile Entscheidung
Selbstredend liegt diese Zuordnung nicht an ungenügenden Faktenkenntnissen des Kabarettisten Hagen Rether. Nein, es ist nur einer seiner heiter verzweifelten Versuche, an diesem Samstagabend in den Iden des März des Jahres 2025, durch groteske Übertreibung zu zeigen, wie sehr uns der Boden unter den Füßen abhandengekommen ist. Und je mehr und je länger er uns die Absurditäten, in die wir da hineingeraten sind – allen voran der Klimawandel – um die Ohren haut, umso dringender verlangt er Antworten von uns: „Und da wollte ich mal fragen, ob Sie eine Idee haben!?“ Klar, das ist ein abgekartetes Spiel. Ganz genau weiß, dass niemand einen Masterplan in der Hosentasche hat. Auch er nicht, aber weiß wenigstens, was schiefgelaufen ist.
Etwa, dass Jimmy Carter, der Idealist auf dem Präsidentenstuhl, 1979 auf dem Weißen Haus Solarzellen hat installieren lassen. Sein Nachfolger ließ diese nicht nur abmontieren, sondern schuf mit den von ihm verantworteten „Reaganomics“ jene Voraussetzung für wirtschaftspolitische Liberalisierung, dass unter Nachnachfolger Bill Clinton die Höllentore des Finanzkapitalismus geöffnet werden konnten – die die Finanzkrise und damit die Wahl Trumps ermöglichten. Dass „Reformstau“ schon 1997 – da war Willy Brandts Nachnachfolger Helmut Kohl im fünfzehnten Jahr seiner Kanzlerschaft – das Wort des Jahres war.
Wie ein Psychoanalytiker sitzt Hagen Rether da, auf seinem Bürostuhl, inszeniert eine monologische Redekur und erzählt ganz ruhig. Und verlangt nicht nur uns eine ganze Menge Vorwissen ab (eine Dame, die ihm aus der Patsche hilft, als ihm der Name von Margot Friedländer partout nicht einfallen will, steht bei der Entschlüsselung von „MINT-Fächern“ ihrerseits auf dem Schlauch), er umkreist seine Themen, schweift ab, variiert sie. Mal wird er wütend, etwa, wenn er referiert, dass die mehrheitliche Entscheidung bei den jüngsten Bundestagswahlen für Friedrich Merz eine kindlich-infantile ist. Weil der Unionskandidat mit seiner Rhetorik von der Notwendigkeit der Schuldenbremse das ist, was in kühnsten Knabenfrühlingsträumen der Schoko-Onkel ist: Derjenige, der seiner Klientel Honig ums Maul schmiert. Wenn er verspricht, dass man im Bett noch naschen darf. Und anschließend auch nicht Zähne putzen muss. In solchen Momenten, da reißt Hagen Rether theatralisch seine Augen auf. Schweigt dann für einen Moment. Bleckt die Zähne. Um sich schließlich an den Griffen seines Bürostuhls abzureagieren.
Plädoyer für Veganismus und Feminismus
Natürlich weiß er, wie sehr er uns strapaziert mit der sprunghaften Quantität und der pointierten Qualität seiner Erkenntnisse. Gerade deshalb aber ist das, was Hagen Rether da dreieinviertel Stunden lang bietet, eine überkommene Weltbilder aus den Angeln hebende Rhapsodie. Weil er wie eine Telefonistin, die in der Frühzeit des Fernsprechverkehrs händisch die Verbindungen steckt, Diskurse miteinander verknüpft. Und so seine Leib- und Magenthemen Veganismus und Feminismus anbietet, um eine aus den Fugen geratene Welt wieder in die Spur zu bringen. Mittelbayerische Zeitung, 16.3.202
Kleinkunstfrühling der Alten Mälzerei mit vielen Preisträgern
Dieser Humor soll Menschen verbinden: Die Alte Mälzerei hat ein Paket mit mehrfach preisgekrönten Comedians und Kabarettisten geschnürt, mit dem man gut gelaunt durch den Frühling kommt.
Von Katharina Kellner
Manche stören sich an Dieter Nuhr, den Comedian, der regelmäßig öffentlich behauptet, er dürfe ja nichts mehr sagen. Standup-Comedian Moritz Neumeier, 2024 ausgezeichnet mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett, findet Nuhr geradezu inspirierend und produktiv, wie er bei einem Bühnenauftritt sagte: „Dieter Nuhr ist megawichtig. Es gibt keinen besseren Wutkatalysator. Wenn ich weiß, dass abends seine Sendung läuft, brülle ich tagsüber die Kinder nicht an, um mich aufzusparen.“ Sogar wenn die Tochter das Auto zerkratzt hat – all das kann Neumeier mithilfe von Nuhr bewältigen. Wofür er Nuhr allerdings nicht braucht: für Witze über Greta Thunberg. Die reißt Neumeier selbst: „Greta Thunberg sieht aus, als hätte Pippi Langstrumpf noch die Kurve bekommen und Germanistik studiert.“ Seine Spitze gegen Nuhr: „Dieter, Du weißt doch genauso wie ich: Das Problem waren nicht die Witze über Greta Thunberg, sondern dass die Hälfte der Fakten ausgedacht waren.“
Auch Trash und Schräges
Witzig sein, wo es wehtut, dafür ist Neumeier bekannt, wovon sich das Regensburger Publikum am 27. März überzeugen kann. Er fordert bei seinen Auftritten heraus – eine Eigenschaft, die Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Regensburger Alten Mälzerei, schätzt. Er diskutiert mit seinem Team jedes Jahr die Entwicklungen in der Szene, um die richtige Auswahl für den Kleinkunstfrühling zu treffen. Für 2025 hat die Mälze ein Paket aus Comedy, Kabarett und Musik geschnürt, das acht Trägerinnen und Träger des Deutschen Kabarett- und Kleinkunstpreises und des Bayerischen Kabarettpreises versammelt.
Krottenthaler erinnert daran, was Satire ausmacht: Ursprünglich war sie eine Waffe der Machtlosen gegen die Mächtigen. Comedians, die Minderheiten und Machtlose beleidigen, die Fake-News oder Sexismus verbreiten, könnten das nicht mit Meinungs- oder Kunstfreiheit rechtfertigen, sagt er. Er hat auch kein Verständnis dafür, dass man über Menschen mit anderer Meinung herfällt: Veganer als „Gschwerl“ zu beschimpfen, das ist in seinen Augen eine maximale Abwertung von Menschen, die anderen nichts tun. Lieber will Krottenthaler solchen Kabarettisten und Comedians eine Bühne bieten, die neben guter Unterhaltung ein positives Menschenbild haben und auf Missstände aufmerksam machen. Die besten Abende seien dabei jene, bei dem der Humor Menschen zusammenschweiße: „Lachen soll etwas Befreiendes haben“, sagt Krottenthaler. Dabei dürfe gerne auch über Schräges oder Trashiges gelacht werden – wie beim Stand-up-Comedian Tino Bomelino. Der klärt gerne Fragen mithilfe von Zeichnungen auf einem Flipchart: „Was ist das Gegenteil von Schwein? Wurst – weil beim Schwein ist das Schwein außerhalb vom Darm!“ Oder Friedemann Weise, bekannt aus der „Heute-Show“, der im Mai zu Gast in der Mälze ist: Er macht hintergründigen „Satirepop“ und hält es in seinem vierten Soloprogramm „Das bisschen Content“ mit dem Philosophen Descartes, der dazu sagen würde: „Ich mache Content, also bin ich.“ Etwas anderen Content macht Hagen Rether, ein Schwergewicht des gesellschaftspolitischen Kabaretts. Seine Abende dauern schon mal zwei bis drei Stunden. Ausgestattet mit Pferdeschwanz, Bananen und schwarzem Konzertflügel ist sein Programm, wie Krottenthaler sagt, „das Gegenteil von schnellem Witz“.
Starke Lokalmatadorinnen
Matthias Egersdörfer gibt auf der Bühne den fränkischen Griesgram. 2024 hat er den Hauptpreis des Deutschen Kabarettpreises bekommen. Er wurde schon als Kabarett-Psychologe bezeichnet, weil er sein Publikum in emotionale Ausnahmezustände bringt: Er bekommt Wutausbrüche, steigert sich rein, doch das habe bei ihm eine Meta-Ebene, wie Krottenthaler sagt. Lokalmatadorin Eva Karl Faltermeier bringt für ihren Auftritt zwei Gäste mit: Sara Brandhuber aus Landshut, die witziges Musikkabarett macht, und den Münchner Comedian Simon Pearce, der schon als Schauspieler in „Ziemlich beste Freunde“ am Regensburger Turmtheater zu sehen war. Teresa Reichls Auftritt mit ihrem neuen Programm „Bis jetzt“ war schnell ausverkauft – der Zusatztermin ebenfalls. Dass Regensburg mit diesen beiden Senkrechtstarterinnen so gut aufgestellt ist, nennt Krottenthaler „einen Glücksfall“. Denn auch im Jahr 2025 ist die deutsche Kabarett- und Comedy-Szene überwiegend männlich.
Der Kleinkunstfrühling 2025
Ins Marinaforum kommen Hagen Rether (15. März) und Moritz Neumeier (27. März). Rether kommt mit seinem Programm „Liebe“ und dem Aufruf, sein Publikum solle sich von Angst und Wut befreien.
In den Mälze-Club kommt Tino Bomelino am 16. April und Friedemann Weise am 15. Mai.
Ausverkauft sind die Abende mit Matthias Egersdörfer am 30. März, mit Teresa Reichl am 9. und 10. April und das Format „ Eva & Gäste “ am 4. Juni.
Wettstreit: Beim Comedy Slam für Newcomer haben am 22. Mai die Teilnehmer maximal zehn Minuten, bevor das Publikum sein Votum spricht.
Mittelbayerische Zeitung, 6.3.2025
Der Schauspieler als Musiker
Ein Typ zwischen den Zeiten: Robert Stadlober vertont Kurt Tucholsky
„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“: Die Zeiten verlangen nach deutlichen Texten. Robert Stadlober nimmt sich Tucholsky vor und zeigt, wie er im Licht der Gegenwart funkelt.
Robert Stadlober ist vor allem ein sehr berühmter Schauspieler. Nicht ganz unüblich ist es für solche Menschen, sich in unmittelbar benachbarten ästhetischen Disziplinen zu tummeln, wie der Musik und der Dichtung. Stadlober hat also im Berliner Verbrecherverlag zum einen eine 150 Seiten starke Anthologie mit Texten von Kurt Tucholsky herausgegeben(20 Euro), für deren Auswahl er laut Klappentext recht passend den Begriff „präzise“ reklamiert. Und zum anderen hat er sich zwei, drei Handvoll lyrische Texte daraus vorgenommen und vertont.
Es leuchtet durchaus ein, was sich da abspielt im Halbdunkel der Bühne, im ausverkauften Ostentorkino an diesem verregneten Spätwintervorfrühlingsabend: Robert Stadlober verkörpert einen Typen zwischen den Zeiten. Denn ein bisschen will er wie der echte Tucholsky sein, mit grauem Hut auf dem Kopf, dem etwas zu weit geschnittenen Sakko und der mehrfach hochgeschlagenen Hose. Und gleichzeitig ist er in Kombination mit seinem hauchfeinen Akkordeonbegleiter Daniel Moheit doch ein Musiker aus der Gegenwart – und zwar aus jener, die sich einer historischen Aufführungspraxis verschrieben hat. Seine polarblaue Eastwood Airline-Gitarre verfügt neben elektrischen Pick-ups auch über einen metallenen Resonator. Sie verkörpert damit jene Geschichte der Popularmusik, die die Phase von den 1930ern bis in die 1960er abdeckt.
Dramaturgisch – das kündigt Stadlober gleich zu Beginn an (nachdem er seiner Geige spielenden Tochter noch per Smartphone einen donnernden Publikumsapplaus als Gute-Nacht-Gruß hatte zukommen lassen) – ist die Sache simpel gestrickt: Eingebettet zwischen das von ihm verfasste Vor- und Nachwort des Lyrikbändchens (Titel: „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“) liest er zunächst einen journalistischen Text von Tucholsky. Im Anschluss folgt ein Lied. Das wirkt aufs Erste wie simple Kreuzstickerei, erweist sich aber als genaues Gegenteil davon. Das hat natürlich mit der unbedingten Qualität Tucholskys zu tun. Zum Beispiel der 106 Jahre alte Text, der den Titel „Was darf Satire“ trägt und dessen Schlusspointe („Alles.“) sich zum vermeintlichen Tischleindeckdich und Zauberspruch aller Populisten dieser Welt gemausert hat. Wie aktuell der Text ist, verraten die drei vorangehenden Seiten: ein flammendes Plädoyer für die Kunst der Übertreibung – weil sie „blutreinigend“ wirkt. So geht das im Wechsel, häufig entlang an Stichworten wie dem journalistischen „Neuschnee“, den Robert Stadlober mit lyrischem „Schnee vom vergangenen Jahr“ verpappt.
Der gebürtige Kärtner, der Wien als Wohnort angibt und Berlin-Kenner ist, hat Gedicht-Klassiker wie „Das Ideal“ oder „Augen in der Großstadt“ ein so melancholisches Leiberl zurecht geschneidert, dass man fast weinen möchte, wie in einem Konzert von „Element of Crime“ oder bei Tom Liwa. Weil wir wissen: Der echte Kurt Tucholsky verabschiedete sich 1935 in Schweden, wohin er sich geflüchtet hatte aus dieser immer grausamer werdenden Welt. Und weil wir – auch das bleibt uns, dem „Hochverehrten Publikum“ (sind wir wirklich so dumm und wollen nur die zuckrigen Sachen?) nicht erspart – auf Zeiten zusteuern, die nach „deutlichen Texten“ verlangen. Der Schluss-Song ist ein Stück, in dem sich der „Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:“ reimt auf: „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“. Mittelbayerische Zeitung, Peter Geiger, 12.3.2025
Souverän: Mathias Tretter zeigt die Welt im Ausnahmezustand
Wenn der Kabarettist und studierte Germanist darüber nachdenkt, wer denn Schuld trägt an der globalen Lage, bringt er das sprachlich bunt, lebendig und gleichzeitig präzise auf den Punkt.
Peter Geiger
Natürlich kann und will Mathias Tretter sein vollmundiges Versprechen, das er einleitend leistet, gar nicht einhalten: Denn wie sollte er einerseits seine Souveränität als politischer Kabarettist beweisen, wenn er andererseits ganz unsouverän die Gegenwart inklusive der von ihr produzierten Nachrichtenflut ausblenden würde? Nur deshalb, weil diese Gegenwart offenbar auch ihm, dem Mann mit dem Schlagscheitel, bis zum Hals steht? Nein, Tretter schont weder sich noch uns. Er nimmt in der Alten Mälzerei zwei Stunden lang keine Rücksicht auf etwaige News-Fatigue oder andere Unverträglichkeiten angesichts des fragilen Ausnahmezustands, in den die Welt geraten ist.
Wenn der studierte Germanist darüber nachdenkt, wer denn Schuld trägt an diesem globalen Schlamassel, bringt er das sprachlich so bunt, so lebendig und gleichzeitig so präzise auf den Punkt, dass einem die berühmte Zeitrafferformel aus Johann Peter Hebels „Unverhofftem Wiedersehen“ einfällt, in der Lissabon durch ein Erdbeben zerstört wird, König Gustav Russisch-Finnland erobert, die Französische Revolution anfängt und Amerika schließlich frei wird. Bei Mathias Tretter klingt die Aufsummierung der letzten zwei Jahrzehnte so: „Es begann 2008 mit dem Finanzcrash, der führte zur Eurokrise, begleitet vom internationalen Terrorismus, weiter in die Pandemie, direkt zum Ukrainekrieg mit Atomraketendrohung, durchs Nahost-Gemetzel, vorbei an Trump, über die AfD zum Klimawandel, mitten in das größte Fluchtgeschehen seit 1945.“ Der gebürtige Unterfranke, der in Leipzig lebt, ist aber kein Autor von Kalendergeschichten, sondern Inhaber einer Pointenfabrik, die unablässig und en gros Zugespitztes produziert.Abschließend umgarnt er seine Analysen mit Schleifchen wie diesen: „Und das zu Preisen wie in Norwegen!“
So munter also geht’s zu bei der Inaugenscheinnahme dessen, was den aktuellen Ausnahmezustand betrifft. Dabei nimmt sich Tretter jene im Publikum zur Brust, die sich bei Demonstrationen dem Populismus entgegenstellen, sich gleichzeitig aber als Smartphone-User jenen Tech-Broligarchen ausliefern, die ihrerseits willig das Knie beugen vor dem Potentaten im Weißen Haus. Nicht zufällig heißt Tretters Programm „Souverän“. Denn folgt man dem gefährlich funkelnden Staatsrechtler Carl Schmitt („Kronjurist des 3. Reichs“), kann nur der diese Eigenschaft für sich beanspruchen, der auch über den Ausnahmezustand entscheidet. An diesem Abend in der vollbesetzten Mälzerei ist das ganz ohne Zweifel: Mathias Tretter!
Mittelbayerische Zeitung, 7.2.2025
70 beinahe lustige Minuten: Comedian Fred Costea in der Alten Mälzerei
Der Künstler plaudert bei seinem Programm „Live“ über Unverfängliches – und das Publikum reagiert begeistert.
Von Michael Scheiner
Das wirkte, als sei etwas schief gelaufen: Beim ersten und wie sich herausstellte einzigen Mal, als Fred Costea eine politische Frage an sein Publikum stellte, blieb jede Resonanz aus.
Der Comedian gastierte am Mittwochabend mit seinem Programm „Live“ in der Alten Mälzerei. Als er sich im zweiten Teil des Abends dem Thema Bayern zuwandte, wollte er von Besuchern und Besucherinnen wissen, ob Fans von Markus Söder im Raum seien. Zuvor schnellten bei jeder Frage einige Finger nach oben oder es meldeten sich Gäste selbst bei albernen Fragen mit lautem Klatschen. Aber bei der Söder-Frage blieb es plötzlich mucksmäuschenstill. „Lügner, Lügner“ hätte der Käppiträger, der in Neumarkt und Rosenheim aufgewachsen ist, dem Publikum in der Alten Mälzerei entgegenschleudern müssen. So wie er es zuvor getan hatte, als er wissen wollte, wer sich denn bereits auf Datingplattformen herumgetrieben habe, um eine Frau zu finden.
Fred Costeas feine Bühnenantennen müssen bei der ausbleibenden Reaktion sofort rot geblinkt haben, denn der schlaksige 30-Jährige wandte sich prompt anderen, unverfänglichen Themen zu. Der angeblich immer gleichen Werbung für Bier etwa. Es sei sehr seltsam, dass in Bayern alle mit der Einhaltung des „Reinheitsgebotes von 1516“ werben würden, als wäre es ein „Qualitätsmerkmal, wenn etwas alt ist“. Es würde ja auch kein Krankenhaus mit „300 Jahre alten Methoden“ Patienten zur Behandlung in die Klinik locken, meinte Costea, fand damit sofort wieder Anschluss und konnte mit extra schmerzhaft wirkenden Gesten, die eine Knochensäge bei der Arbeit darstellten, Lachsalven verbuchen. Solcherart leichte, gefahrlose Themen waren es durchgängig in den angekündigten 70 Minuten Stand-Up-Comedy-Programm, mit denen der gebürtige Oberpfälzer sein Punktekonto füllte. Vom Kindergeburtstag mit Dramen um abgeluchste Pokemon-Karten, einer öden Jugend in der oberbayerischen Pampa mit nächtlichem Pinkeltheater auf dem McDonald’s-Parkplatz bis zur krummen Spendenaktion reichte das Spektrum manchmal fast lustiger Geschichten aus persönlichen Erfahrungen und eigenem Umfeld. Diese Selbstbespiegelung, die im Publikum ein willkommenes Gegenüber fand, reichte für den erfolgreichen Auftritt von Costa.
„Live“ ist das erste Programm, mit dem der heute in Berlin lebende Schauspieler und Comedian durch Clubs und Kleinkunsttheater der Republik tourt. Einen Namen hat sich der Bühnenneuling bereits gemacht. Seit einiger Zeit hat er mit viralen Charakter-Comedy-Videos die sozialen Medien aufgemischt und darüber soviel Resonanz erfahren, dass sein Regensburg-Debüt bereits Wochen vorher ausverkauft war. Jetzt kann man rätseln, ob dieser kometenhafte Aufstieg auf der Qualität und Relevanz der Themen beruht, mit denen sich Costa beschäftigt, oder ob die Algorithmen ein bestimmtes Userverhalten schlicht und einfach schwer begünstigen.
Vielleicht ist es auch das „Gespür für den Zeitgeist (und) eine Fähigkeit, die Dinge anzusprechen, die wir alle fühlen“, wie im Werbetext für die Veranstaltung zu lesen war, die den doch erstaunlichen Erfolg des Berliners ausmachen. Ein Gespür, das – inmitten einer begeisterten Zuhörerschaft von U-35-Jährigen – für den alternden Berichterstatter nur noch rudimentär nachvollziehbar war.
Mittelbayerische Zeitung, 24.1.2025
Konzert des Jahres 2024
Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2024 ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2024 heißt: THE NOTWIST, vor Bonnie "Prince" Billy und Voodoo Jürgens. Gratulation nach Oberbayern. Vielen Dank an die Teilnehmer:innen, die bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2024 mitgemacht haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.
Konzerte des Jahres 1996 bis 2023: Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016), Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi (2017), Granada (2018), Die Goldenen Zitronen (2019), Buntspecht (2022), The Tiger Lillies (2023), The Notwist, vor Bonnie "Prince" Billy und Voodoo Jürgens (2024)
Konzert des Jahres 2024
Seit 1996 wählen wir das KONZERT DES JAHRES in der Mälze. Nach THE TIGER LILLIES im letzten Jahr bieten wir für 2024 zur Auswahl: Dub Spencer & Trance Hill - Bipolar Feminin – Che Sudaka – Make A Move – Django 3000 – My Ugly Clementine – Maxi Pongratz – Tram des Balkans – Tex – Il Civetto – Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung – Juse Ju – Tito & Tarantula – Rocko Schamoni – Unlimited Culture – Peter Licht – Steiner & Madlaina – Folkshilfe – Dekker – Ivo Martin – Voodoo Jürgens – The Notwist – Bonnie „Prince“ Billy – Pascow – Peter Tosh Birthday Bash – Anda Morts – Endless Wellness – Kapa Tult – Redd Kross – Sarah Lesch – Coogans Bluff – Colour Haze – 5/8erl in Ehrn – The Tiger Lillies – The Toten Crackhuren im Kofferraum - Mälze Song Slam Jahresfinale – Telquist – Birth Control … und viele andere.
Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2024 per email info@alte-maelzerei.de gibt es wieder Freitickets, u.a. für die große Mälze-Geburtstagsparty, zu gewinnen.
Konzerte des Jahres 1996 bis 2023: Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016), Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi (2017), Granada (2018), Die Goldenen Zitronen (2019), Buntspecht (2022), The Tiger Lillies (2023)
Nackte Frotzeleien für das Publikum: Comedian Stefan Danziger in der Alten Mälzerei
„Was mache Sie eigentlich tagsüber?“, das Stefan Danziger gut gelaunt in der Alten Mälzerei vorstellte, erscheinen die Mächtigen und Wichtigen seiner Vergangenheit oft ziemlich unbekleidet. Und auch Regensburg und die Dackelparade bekommen ihr Fett weg.
Von Michael Scheiner
Regensburg. In der zweiten oder dritten Klasse am Gymnasium empfahl ein kluger Pädagoge Schülern, sich die Lehrer nackt vorzustellen, wenn sie sich vor ihnen fürchteten. Das war nicht verächtlich gemeint oder um eine solche Lehrperson bloßzustellen. Es sollte furchtsamen Kindern helfen, ihre Ängste zu minimieren, indem man die Autoritätsperson als ganz normalen Menschen mit all seinen körperlichen Mängeln und vielleicht Schwächen sieht. Heute würde vielleicht manche Lehrkraft für eine umgekehrte Handhabung plädieren.
Der gebürtige Dresdner ist ein Unikat
Comedian Stefan Danziger hält sich noch an den ursprünglichen Rat. In seinem Programm „Was machen Sie eigentlich tagsüber?“, das er gut gelaunt in der Alten Mälzerei vorstellte, erscheinen die Mächtigen und Wichtigen seiner Vergangenheit oft ziemlich nackt. Wenn Politfunktionär Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989 im Internationalen Pressezentrum der DDR-Regierung unsicher in Zetteln kramt, um die Re-porterfrage nach den neuen Reiseregelungen beantworten zu können, wirkt er bei Danziger eher wie eine hilfloser Türsteher, denn als ein Verkünder revolutionärer Neuerungen.
Der in Berlin lebende gebürtige Dresdener ist fast ein Unikat. Ein weitgereister, welt- und sprachgewandter Ex-DDRler, dem kaum etwas fremder ist als Ostalgie oder die Rückwärtsgewandtheit vieler seiner früheren Landsleute. Wenn er in seinen Erzählun-gen auf Kindheit und Jugend zu sprechen kommt, entwirft er persönliche, manchmal reichlich kuriose Geschichten. Selten stellt er darin die Menschen bloß, wirft lieber einen neugierigen Blick hinter das Offensichtliche, verweist auf strukturelle Umstände und Lebenszusammenhänge, welche die Menschen prägten und prägen.
Seine Erfahrungen als vierjähriger Knirps in einem Moskauer Kindergarten, wo er als deutscher „Faschist“ mit jüdischer Herkunft verprügelt und ausgegrenzt wurde, verweisen auf eine unrühmliche Kontinuität in der Geschichte. Diese feiert gerade wieder unfröhliche Urstände in vielen europäischen Ländern. Den Mauerfall, den er mit pointierter Ironie aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, erlebt er in Moskau. Dahin hat es ihn mit seinen Eltern verschlagen, bevor er Mitte der 1990er Jahre wieder zurück ins dann vereinte Deutschland kam.
Es sind nichtalltägliche Einblicke in die Psyche der Menschen in der DDR, die Danziger in seine gewitzten und pointierten Erzählungen einfließen lässt. Von den „Typen, die in Bautzen eingesessen sind“ und dort im Knast für Ikea oder Chio-Chips produziert haben. Er taucht anhand von Festen mit historischen Bezügen tief in die Geschichte von Orten wie Jena, Augsburg oder Görlitz ein. Über die Dackelparade – als größtes Ereignis von Regensburg – gerät er selbst derart ins Lachen, dass ihm die Tränen kommen.
Die lange Geschichte der Zuwanderung
Der Comedian, der tagsüber Touristen durch Berlin führt, mäandert mit lakonischem Witz und viel Menschenkenntnis durch seinen Alltag. Dabei fällt er von einem Thema ins nächste. Er lässt das Publikum an einer skurrilen Begegnung mit Udo Lindenberg in Hamburg teilhaben, erläutert Motive zum Erlernen von Sprachen. Mit gewitzter Lakonie blickt er auf die lange Geschichte von Zuwanderung in deutschen Landen seit den Hugenotten und macht sich grimmig lustig über deutsche (Neo-)Nazis, die gedankenlos Wörter jiddischen Ursprungs wie „Hals und Beinbruch“, „Reibach“ oder „Schlamassel“ benutzen. Das Fazit des Schnellsprechers über den ostdeutschen Mauerbau: „Eine rote Ampel hätte genügt!“ Besser lässt sich über die Rechtschaffenheit im Land kaum lästern. Mittelbayerische Zeitung, 6.1.2025
„Telquist“ und ihre Vorband „Umami Joon“ begeistern ihr Publikum in der Alten Mälzerei
Millionenfache Klicks auf Musikplattformen zu erzielen, das ist das eine. Den Lokalmatadoren von Telquist – so nennt Sänger und Gitarrist Sebastian Eggerbauer auch jene Band, mit der er ergänzt um drei Musikerkollegen auf der Bühne steht – aber gelingt es darüber hinaus auch spielend, Live-Publikum in großer Zahl anzuziehen.
Jedenfalls war ihre im Frühjahr begonnene „Glad to meet you“-Tour bereits restlos ausverkauft, als sie in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, München und Wien gastierten. Jetzt, im Winter, setzten sie diese Erfolgswelle fort: Tags zuvor hatten sie in Zürich für eine volle Halle gesorgt. Und auch in Regensburg, ihrer Homebase, gelingt ihnen dieses Kunststück in der Alten Mälzerei.
Vor sieben Jahren, da debütierte Sebastian Eggerbauer mit einer Platte, die er ganz selbstbewusst „Strawberry Fields“ genannt hatte. Damit zitierte er jenen psychedelischen Klassiker der Beatles von 1967, der für allerhöchste produktionstechnische Ansprüche steht. 22 war er da gerade, der aus dem niederbayerischen Mirskofen stammende Gitarrist. Sofort hatten Plattenfirmen ihre Fühler nach ihm ausgestreckt. Und weil ihn ein Wiener Label unbedingt unter Vertrag nehmen wollte, pressierte es plötzlich ziemlich mit dem Projektnamen.
Ein Name, der sich gut googeln lässt
Dass es nach einigem Hin und Her dann „Telquist“ wurde, das war für Sebastian Eggerbauer zwar eher eine Sturzgeburt. „Die wollten von mir einen Namen, der sich vor allem gut googeln lassen sollte.“ Mittlerweile aber findet er ihn „fein“, wie er sagt. Denn diese beiden Silben, sie setzen bunteste Assoziationen frei – ohne aber auch nur annähernd klare Antworten zu liefern. Weil es am Ende doch ein reines Fantasieprodukt ist. Und somit perfekt das verkörpert, was er seine musikalische Idee nennt. Und die lässt sich ganz einfach mit dem Motto „Ich erlaub mir alles“ umschreiben.
Live, hier in der Alten Mälzerei, „funktioniert“ (Sebastian Eggerbauer verwendet das Wort zwar, spricht es aber so aus, als würde er es nicht mit Händen anfassen wollen) diese bewusst in Szene gesetzte Regellosigkeit ein bisschen anders als auf Konserve: Die Band legt mehr Wert auf Dynamik, auf die Betonung der Differenz von „laut“ und „leise“, auf crashende Becken und verzerrte Gitarren. Und sucht gemeinsam nach „einfacheren Lösungen“ als auf Konserve. Christoph Hundhammer, der live Gitarre und Keyboard beisteuert, lobt die Zusammenarbeit mit dem „brain“ von Telquist, der ganz nebenbei auch noch sein bester Freund ist: „Natürlich, die Songs, die sind alle vom Sebi. Aber, wenn’s um die Umsetzung auf der Bühne geht, machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach den richtigen Vibes.“
Telquist präsentiert sich als eingespielte Einheit
Und genau das spürt das Publikum: Das hier ist eben keine um Sebastian Eggerbauer herum konzipierte Ego-Show, mit verpflichteten musikalischen Dienstleistern. Sondern man (hinzu kommen noch Markus Hiltl am Bass und der vielbeschäftigte Jonny Ebert an den Drums) präsentiert sich als eingespielte Einheit, als vier Freunde, die gleichzeitig enormen Spaß verspüren (und versprühen), wenn sie ihr gut 70-minütiges Programm inszenieren.
Und dass Freundschaft für sie mehr ist als ein blechernes Wort, das beweisen sie auch damit, dass sie als Vorband die formidablen „Umami Joon“ verpflichtet haben. Dabei handelt es sich um ein Projekt ihres gemeinsamen Kumpels Joshua Benker. Der war Mitglied bei den „Some Sprouts“ (der wohl erfolgreichsten aller Regensburger Bands, was Klickzahlen und Tourneen anbelangt) – und weil er jetzt in Wien studiert, musste er sich auch musikalisch neu orientieren. Und entert prompt nochmal die Bühne, um Telquist stimmlich zu unterstützen. Weil es auch ihm um die wichtigste Sache der Welt geht: um künstlerische Selbstverwirklichung. Live auf der Bühne, in der Gruppe. Peter Geiger - Mittelbayerische Zeitung, 18.12.2024
Tiger Lillies verwandeln die Alte Mälzerei in eine Totentanzhalle
Bei dieser Combo, 2008 für einen Grammy nominiert, sind die ansonsten geltenden Regeln außer Kraft gesetzt. Die Tiger Lillies sind die Mr. Hydes des Pop: Ein gleichermaßen seltener wie seltsamer Fall.
Peter Geiger
Auch für Nichtkenner der Tiger Lillies ist schon nach den ersten Takten klar: Bei diesen drei leichenblass geschminkten Herren, hier am Montagabend in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Alten Mälzerei (nicht einmal ein Stühlchen mehr war zu ergattern), da ist so ziemlich alles aus dem Takt geraten.
Bei dieser Combo, die schon seit den späten 1980er Jahren ihr circensisch anmutendes Unwesen treibt (und zwar nach allen Regeln jener Kunst, wie sie schwarze Romantiker definieren) und die 2008 für einen Grammy nominiert war, sind die ansonsten hier im Diesseits geltenden Regeln außer Kraft gesetzt.
„Going to hell“, so lauten prompt die ersten, im Falsett gesungenen Worte von Sänger und Pianist Martyn Jacques, der, wenn’s die Sache will, auch zur elektrischen Ukulele oder zum Akkordeon greift. Und seine beiden Mitstreiter – der aschfahle Adrian Stout und der horror-clowneske Budi Butenop – haben einen Heidenspaß, setzen musikalische Akzente, am elektrischen Stehbass, am Theremin und der Singenden Säge der eine und an den Drums und mit einer ergänzenden kurios-pfiffigen Geräusche-Show der andere. Adrian Stout und Budi Butenop grinsen teuflisch zu den Mörderballaden, reißen nicht nur Grimassen, sondern auch die Augen auf, so dass ihnen die Pupillen wasserleichengleich hervorquellen. Dazu blecken ihre strahlend weißen Haifischzähne.
Währenddessen berauscht sich Bandgründer Martyn Jacques, indem er das Hohelied auf legale (Gin) wie illegalen Substanzen (Heroin, Kokain) singt. Er lässt kleine Mädchen an einer Bar Süßigkeiten feilbieten und sodann für jedermann hörbar die Uhr ticken. Sowie das Totenglöcklein erklingen.
Die Tiger Lillies, sie sind die Mr. Hydes des Pop: Ein gleichermaßen seltener wie seltsamer Fall, die in ihrer Maskerade eine aus verfaulten Eiern gepellte Gegenwelt verkörpern. Diese Show findet ansonsten allenfalls ihre Entsprechungen bei so erklärtermaßen kruden Zeitgenossen wie Tom Waits, Nick Cave oder der ebenfalls auf Singende Sägen vertrauenden Band Tindersticks.
Vielleicht ist genau damit auch ein Problem benannt: Dass die Tiger Lillies es zwar verstehen, ihre Fans zu Jubelstürmen hinzureißen. Nichtkenner dagegen kratzen sich am Hinterkopf und fragen bald: Haben diese Ponys auch noch einen anderen Trick auf Lager? Oder reiten sie ihre tote Mähre nun endgültig zuschanden?
Jedenfalls: Nach eineinhalb Stunden ist die Luft in der Alten Mälzerei raus – aber konnte und wollte man überhaupt mehr erwarten, von einem solchen Totentanz? Mittelbayerische Zeitung, 10.12.2024
„Zamm Oida“ aufgenommen
Diese Rap-Single zeigt, wie einfach Inklusion sein kann
Von Peter Geiger
Maniac und Liquid haben mit Sick Snse und Flowin K Rollin einen Titel aufgenommen, der alles vereint, was gute Musik ausmacht.
Ja, dieses „Zamm Oida“, es hat tatsächlich alles, was gute Musik ausmacht: Einen Refrain, der unmittelbar ins Ohr geht. Und Worte, die ihrerseits zu Klängen werden und dafür sorgen, dass der Körper in Verzückung und Bewegung gerät. Hinzu kommt eine Botschaft, der sich niemand verschließen kann: „Mia hoitma zamm, Oida! Alle miteinand, Oida!“
Fragt man die vier Beteiligten, als was sie ihren Track bezeichnen würden, platzt gleich das Wort „Banger“ aus ihnen heraus: Das ist in der Hiphop-Community das Codewort dafür, wenn die Kombination aus Sound, Beat und Message überzeugt. Weil die Crowd – das Publikum also – dazu gebracht wird, mit dem Kopf im Takt der Musik zu wackeln.
Robert Seitz von der Caritas ist so etwas wie der Hintergrundverantwortliche, dass „Zamm Oida“ jetzt als Single auf allen Streamingplattformen abgerufen werden kann und auch auf Vinyl erhältlich ist. 2023, bei der von ihm „erfundenen“ Veranstaltungsreihe „Rock’n Roses“, standen Maniac und Liquid am Ende noch auf der Bühne und begannen, weil noch Beats aus den Lautsprechern ertönten, einen Freestyle-Rap: gemeinsam mit Flowin K Rollin (sein K steht für Kevin, und dass er den Flow hat, hört man; dass er im Rollstuhl sitzt, sieht man) und Sick Snse. „Das war so stark, dass uns klar war: Da sollte was Größeres draus entstehen!“
Die Vier buchten also einen Termin im Studio der Alten Mälzerei und nahmen zugleich ein Video auf. Auch da setzten sie ganz stark auf das Element Spontaneität: „Weil die Energie, die entsteht genau in dem Moment, in dem du sie brauchst!“ Maniac weiß um die Kraft von Hiphop: Als gebürtiger Niederbayer ist er in den Staaten aufgewachsen und wurde von hellhäutigen Klassenkameraden gedisst. Schwarze Jugendliche dagegen empfingen ihn mit offenen Armen und impften ihm Hiphop ein. Seit Jahren ist er mit Liquid aus Regenstauf ein Star der bayerischen Hiphop-Szene.
Auch Flowin K Rollin und Sick Snse, die gemeinsam zur Schule gegangen sind, haben schlechte Phasen in ihrem Leben immer dadurch überwunden, dass sie sich zu spontanen Rap-Sessions verabredeten. Mittlerweile agieren sie als Duo und nehmen gemeinsam Platten auf. Aber die Quartett-Lösung, für Kevin ist sie „ein Traum, der in Erfüllung geht!“ Mittelbayerische Zeitung, 3.12.2024
Festival-Finale
Wo die Konventionen Kopf stehen: CocoonDance bei den Tanztagen Regensburg
50 Minuten im Vierfüßlerstand: Das Ensemble verblüfft im Theater an der Uni mit körperlicher Höchstleistung.
Was für seltsame Wesen: Mit raubtierhafter Eleganz streifen sie umher, auf der schweißnassen Haut zeichnet sich das Spiel der Muskeln ab. Ihre glänzenden Leggings, blaue und schwarze Tape-Streifen am Oberkörper, erinnern an Schlangenhaut. Sie bewegen sich lautlos, mal rasend schnell, mal wie in Zeitlupe.
CocoonDance ist wieder in Regensburg. Im vergangenen Jahr verblüffte die Company, ebenfalls im Theater an der Uni, mit einer Art umgekehrtem Krebsgang: Ein ganzer Abend in der Horizontalen. Die Choreografien lassen eine Handschrift erkennen: Sie fragen nach dem „ungedachten Körper“, so nennt es Choreografin Rafaële Giovanola. Mit ihren Tänzerinnen und Tänzern erarbeitet sie Bewegungsabläufe, die man so noch nicht gesehen hat – weil sie eigentlich nicht existieren.
„Standard“ heißt die neue Choreografie, die sich mit dem Gesellschaftstanz auseinandersetzt. Standard ist dieser Abend keinen Moment lang – von Anfang an: Die sechs Tänzer beginnen ihn nicht mit einem Auftritt. Sie stehen schon da, als das Publikum seine Plätze sucht: Ihre eindringlichen wortlosen Blicke lassen die Gespräche verstummen. Mit langsamen Bewegungen legen sie los zu einem Sound, als würden Perlen auf eine harte Oberfläche fallen. Mit schlängelnden Bewegungen, unterbrochen durch abruptes Zucken, tasten sich die Tanzenden, ähnlich einem vielköpfigen Reptil, in den schwarzen Bühnenraum vor.
Das Zucken wird schneller, die Köpfe sausen umher, scheinen sich noch in der Bewegung auszutarieren. Dann sinken die Oberkörper nieder. Das Licht schwindet zum Glimmen, die Tänzer sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Eine neue Dimension tut sich da auf: Der spiegelnde Boden verfremdet die Körper zu abstrakten Skulpturen. Für die nächsten 50 Minuten bleiben die Tanzenden im Vierfüßlerstand. Diese körperliche Höchstleistung lässt einen staunen. Wie in Trance streichen sie mit den Händen den Boden entlang, wandern auf allen Vieren umher. Mal fühlt sich an die grazilen Beine von Giraffen erinnert, an eine Herde Elefanten, die über eine flirrende Savanne wankt. Die Tanzenden gehen in die Knie, lassen ihre Hinterteile nach oben schnalzen, bewegen sich – scheinbar anstrengungslos – auf diese Weise nach links und rechts. Als Zuschauer gerät man sofort in den Sog dieser Darbietung: Jeder Tänzer bewegt sich scheinbar selbstbestimmt, permanent ändert sich das Bild. Zugleich sind alle perfekt aufeinander abgestimmt und stets im Rhythmus des sich wandelnden Klangteppichs: Da wabern metallische Töne, dann ein dumpfes Stampfen. Ein Rasseln, ein Trommeln. Blubbergeräusch wird abgelöst von intensivem Kratzen.
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ie Köpfe immer nah am Boden, zitieren die Tanzenden Gesellschaftstänze: Die elastischen Bewegungen des Tango, der Schritt eines Walzers sind für einen Moment zu sehen. Mit den Händen vollziehen sie die Bewegungen des Spitzentanzes nach. Auch an die Yogafigur „Herabschauender Hund“ fühlt man sich erinnert. CocoonDance dekonstruiert die Konventionen der Gesellschaftstänze: Seit Jahrhunderten übersetzen diese erotische Anziehung in Disziplin und Anstand. Bei CocoonDance strecken die Tänzer konsequent die Pos nach oben, wirken geschlechtslos, der menschlichen Spezies nicht zugehörig.
Auch den Paartanz zerlegen sie konsequent: Von der überwiegend binär ausgerichteten Weltordnung, die wir kennen, bleibt hier nicht viel übrig. Die Tanzenden bilden permanent neue Konstellationen: Erst vereinzelt, finden sie sich zum Paar, um sich gleich zu Dritt zusammenzutun, wieder abzulösen und zur Gruppe zu vereinen, die zum Großkörper verschmilzt. Das stärkste Bild steht am Schluss: Die Tanzenden legen in gebeugter Haltung einander den Kopf auf die Schulter und schieben sich hin und her. Betrunkener Paartanz? Der Zweikampf von Kopffüßlern? Oder die Utopie einer anderen Gesellschaft?
Der Applaus ist enthusiastisch und will nicht enden. Es gibt wohl niemanden im Raum, den dieses intensive, minimalistische und hypnotisierende Gesamtkunstwerk aus neuen Bewegungsformen, extremer Körperbeherrschung, Licht und Sound nicht gepackt hat – ein glänzender Schlusspunkt dieser Tanztage. Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälze, gibt das Kompliment zurück: „Wir haben ein wunderbares Publikum – offen, neugierig, begeisterungsfähig und richtig kundig. Das gibt uns die Möglichkeit, Neues und auch Gewagtes zu zeigen.“ Mittelbayerische Zeitung, 2.12.2024
Kabarett
Kabarettistin Christine Prayon begeisterte in der Mälze mit ihrer geistreichen „Abschiedstour“
Bekannt wurde die Kabarettistin unter anderem als Außenreporterin „Birte Schneider“ in der „Heute-Show“, die sie 2023 überraschend kritisch nach 12 Jahren verlassen hat. In Regensburg zeigt sie, dass ihr das Um-den-heißen-Brei-herumreden nicht liegt.
Von Michael Scheiner
Regensburg.„Die zäumt doch das Pferd von hinten auf“. Die Mama des Berichterstatters von Christine Prayons „Abschiedstour“ hätte sich prächtig über die Kabarettistin amüsiert. Möglicherweise haben auch in der Alten Mälzerei einige Besuchende kurz gezweifelt, geht sie jetzt wirklich oder bleibt sie. Nachdem sie dynamisch die Bühne geentert hat, erklärte die Um-keinen-heißen-Brei-Herumredende dem erwartungsvollen Publikum lang und breit, warum sie auf Abschiedstour sei und auf Yogalehrerin umsatteln wolle. Die rote Nase, die bei ihr so deplaziert und gerade deshalb urkomisch wirkt, hatte sie bereits in ein leeres Glas gestopft.
Eine lange Geduldsprobe
In der nachfolgenden laaangen Pause empfahl sie den Zuhörenden die „restlichen 87 Minuten zu genießen“ und für dies oder das zu nutzen. Sie gebe den Job jetzt auf und machte überzeugende Anstalten die Bühne zu verlassen. Hier kam die Schauspielerin Prayon ins Spiel, die ohne mit der Wimper zu zucken eine Pause durchhalten kann, bis die Stimmung kurz vorm Kippen ist. Dann aber machte die Kabarettistin nicht einfach weiter, sondern konfrontierte das Publikum.
„Stellen Sie sich einen Moment lang vor“, nahm sie die Leute wieder an den Haken, „dass ich über das Demokratieversagen rede, das ungerechte Bildungssystem, darüber dass hundert Milliarden zur Kriegsertüchtigung bereit gestellt werden, aber nicht für Bildung, Gesundheit und bezahlbaren Wohnraum.“ Prayons Liste wurde länger und länger. „…dass nichts aus Fehlern gelernt wird“, setzte sie bitter nach, unterbrochen nur von Seufzern, „es ist das Immergleiche“ und „das kennen Sie alles schon“.
Publikum hängt an ihren Lippen
„Wenn Korruption und Lüge salonfähig sind, was soll dann (noch) Realität“ sein, stellte sie mit heroischer Untergangsmiene eine rhetorische Frage, um auf die Unmöglichkeit hinzuweisen in der heutigen Situation noch etwas „satirisch zuzuspitzen“. Längst hing das verschiedene Altersschichten umfassende Publikum wieder an Prayons Lippen. Geduldig wartete es auf die nächste Pointe und folgte ihr ins „alternative Leben“ allgegenwärtiger Transformationen, an denen die 50-Jährige sicher nicht nur als politische Spaßmacherin hör- und nachvollziehbar deutliche Zweifel hegt.
Eine Glanznummer legte sie vor der Pause als großkotziger Macho-Moderator mit frauenfeindlichen Brüllern hin. Der hat als GröCozt, Größter Comedian aller Zeiten, eine steile Karriere hingelegt und lässt Kritik an seiner Haltung, die scheinbar glasklar in den Beiträgen zutage tritt, cool an sich abperlen. Er habe die Texte ja nicht geschrieben, spielt er den Ball an die zur BrennpunktJournalistin mutierte Autorin zurück.
Es ist ein intellektueller Genuss, wie Prayon mit verschiedenen Ebenen spielt, darin hin und her switcht und tiefere Einsichten in eine unsichere Welt ermöglicht, als mit allzu eindeutigen Erkenntnissen. Mit solchen sie durchaus auch aufwartet, wie ihr für viele Anhänger überraschender Ausstieg aus der heute-show des ZDF im vergangenen Jahr. Es würde „Stimmung gegen Andersdenkende“ gemacht, warf sie der Redaktion vor, in der sie als boshafte Außenreporterin Birte Schneider über zwölf Jahre mitgewirkt hatte.
Bevor sie am Ende die Kurve zu ihrem Lieblingsthema kriegte, dem bedingungslosen Grundeinkommen, drosch sie als Radiomoderatorin einer köstlich ausgespielten Ratesendung mit wachsender Begeisterung auf Faschos, Rechte und Kapitalisten, aber auch engstirnig-dogmatische Linke ein. Den Dieter-Hildebrand-Preis 2019 hat die standhafte Kabrettistin völlig zu Recht bekommen. Ihre „Abschiedstour“ war dieser Auftritt sicher nicht. Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2024
Tanztage in Regensburg
Zufit Simon bringt Tanz und Protest zusammen
Mit ihrem Stück „Radical Cheerleading“ erschafft die Choreografin aus Israel eindrucksvolle Bilder kraftvoller Körper im Aufruhr.
Von Katharina Kellner
Cheerleaderinnen sind hübsch und sexy. Ihr Auftrag ist, als Pausenfüller bei Sportwettkämpfen gute Laune zu verbreiten: Vertraut sind sie aus Musikvideos und Highschool-Filmen. Mittlerweile ein eigener Wettkampfsport, haftet dem Cheerleading ein anachronistisches Frauenbild an. Bereits in den 1990er Jahren deuteten Aktivistinnen das Cheerleading um: Statt Männer zu bejubeln, befeuerten sie mit dessen Elementen ihren kreativen und gewaltfreien Protest gegen das Patriarchat.
Auch heute stehen fundamentale Selbstbestimmungsrechte auf dem Spiel, werden Ideologien und Glaubenskämpfe über den weiblichen Körper ausgetragen: Frauen im Iran, die ihr Haar nicht verhüllen, laufen Gefahr, verhaftet oder in Polizeigewalt umgebracht zu werden. In den USA tobt ein Kulturkampf um die Beschneidung von Abtreibungsrechten.
Das Stück „Radical Cheerleading“ von Zufit Simon, das am Dienstagabend bei den Tanztagen im Uni-Theater zu sehen war, ist damit hochaktuell. Die Tänzerin und Choreografin lotet damit aus, inwieweit zeitgenössischer Tanz eine Form von Protest sein kann. Dabei deutet sie vertraute Elemente des Cheerleadings lustvoll um, wie die glitzernden Pompons: Die zischen bei wilden Bewegungen nur so durch die Luft und sind am Ende arg zerfleddert.
„Nutze deine Stimme!“
Fünf Tänzerinnen treten zunächst mit ernsten Gesichtern zwischen den zwölf strengen Lichtstäben auf der in schwarz gehaltenen Bühne heraus. Sie tragen keine netten Röckchen, sondern eine Art Kriegsbemalung. Ihre Körper entsprechen keinem genormten Ideal. Bekleidet sind sie mit T-Shirts in pink, schwarz, weiß und mit kurzen schwarzen Hosen. Ihre Performance beginnt mit gleichförmigem, rhythmischem Klatschen, Bewegungen von fast militärischer Exaktheit. „Go!“, skandiert eine, „Come on, let‘s go!“ oder „Let‘s do it!“ Je weiter der Abend voranschreitet, umso mehr werden die Parolen explizit politisch: „Get up! Stand up for your rights!“, „Use your body, use your voice!“ und „Fight! Fight!“ Pochende Beats lassen, mit perfektem Timing abgestimmt, ihre Körper pulsieren, formen sie schließlich zu einem Ganzen: Einem Körper in Aufruhr – entschlossen, kraftvoll, kämpferisch. Sie stampfen, ballen die Fäuste, wiegen sich auf allen Vieren von einer Fußsohle auf die andere, reißen mit schneller Geste die Arme nach oben – alles zu pumpenden, nicht endenden Beats. „Silence is violence!“, skandieren sie und lächeln dabei ihrem Publikum herausfordernd zu.
Simon hat die Protestformen der Gegenwart eingehend studiert: Ähnlich dem russischen Performance-Kollektiv Pussy Riot oder Aktivisten, die sich auf Straßen kleben und an Bäume ketten, scheuen die Tanzenden keinerlei Körpereinsatz. Sie bilden eine Menschenkette, deren Glieder auseinanderzureißen drohen, sinken untergehakt zum pulsierenden Ring zu Boden oder wälzen sich dort, als seien ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt.
Nackt – und selbstbestimmt
Doch Simon geht weiter (und erst da merkt man: Einer aus dem Ensemble ist ein Mann): Mit nackten Brüsten, nacktem Po und später nacktem Unterleib zeigen die Tanzenden ihre Verletzlichkeit – und ermächtigen sich zugleich selbst: Schaut her, ich bin es, die über meinen Körper entscheidet! Überzeugend führen sie vor, dass es dabei nicht um eine sexuelle Anspielung geht. Wenn sie kurz darauf anzüglich den Unterleib kreisen lassen, zerplatzt die Sex-Assoziation wie ein gepiekster Luftballon: Zu einem gellenden „Ha!“ lassen sie die Fäuste hochschnellen. Mit der Nacktheit ist offenbar nicht jeder einverstanden: Einige (wenige) Besucher verlassen den Saal.
Höhepunkt des Abends ist nicht die demonstrative Nacktheit, sondern ein Auftritt mit Masken, ein beliebtes Accessoire des Protests. Simon sagt nach der Aufführung im Gespräch, das Ensemble habe damit experimentiert, sich die T-Shirts über den Kopf zu ziehen. Dann seien sie auf Tierköpfe gekommen. Dies fügt dem Stück eine weitere Ebene hinzu: Die Tanzenden stellen ihre Haut auf der Bühne zur Schau – jene, die ihre Selbstbestimmung beschneiden, wollten ihnen buchstäblich an die Haut. Ebenso sei es bei Tieren: „No more pain, no more fear!“ ist die Losung, zu der die Tänzerinnen mit Maskenköpfen auftreten: Als Hund, Katze, Ziege, Schaf bewegen sie sich wie in Zeitlupe, finden sich schließlich zusammen wie Ungleiche, die im Kollektiv Stärke suchen. Die Szene überrascht und fügt sich gut ein in die Choreografie.
Am Ende hält das Publikum inne, als brauche es Zeit, sich vom Erlebten loszureißen. Dann bricht lauter Beifall und Jubel los. Die Bilder dieses Abends, sie hallen kräftig nach. Mittelbayerische Zeitung, 27.11.2024
42 Minuten in Trance: Tanztage landen mit „Promise“ einen Coup
Sharon Eyal ist der große Name der internationalen Tanzszene. Im Theater Regensburg erlebt das Publikum ein Stück, das wie ein hochprozentiger Klarer ist: stark, konzentriert, pur – und geeignet, das Zeitgefühl auszuknipsen.
Von Marianne Sperb
Regensburg. Der Abend, im Vorfeld gehypt und lange ausverkauft, beginnt unspektakulär. Sieben Menschen – drei Frauen, vier Männer – trippeln über die Bühne am Bismarckplatz, in sparsamen Schritten, stets auf dem Zehenballen getanzt. Die Beine bewegen sich wie die feinen Nadeln einer Nähmaschine, gestochen scharf, im Takt treibender Musik, und die Schultern zucken auf und ab. Sehr viel mehr braucht Sharon Eyal nicht für den Auftakt ihrer Choreografie, die Mitglieder von Tanzmainz am Montagabend in Regensburg zeigen.
Die Kompanie trägt graue, eng anliegende Bodies, keine Schuhe (Ausstattung: Rebecca Hytting). Die Bühne ist kahl, ein, zwei Scheinwerfer leuchten von oben auf schimmernde Haut (verantwortlich: Alon Cohen). Ein wenig Bühnennebel steigt auf. Den Rest besorgen Rhythmus und Körper. „Promise“ ist wie ein hochprozentiger Klarer: stark, konzentriert, pur und geeignet, den Zuschauer wegzutragen und ihm das Zeitgefühl auszuknipsen.
Corona schenkte Zeit
Sharon Eyal ist aktuell der große Name der internationalen Tanzszene. Dass ihr Stück im Theater Regensburg auf die Bühne kommt, ist der Coup der Tanztage 2024 und nur möglich geworden, weil Veranstalter Hans Krottenthaler und sein Team von der Alten Mälzerei über Jahre hinweg ein stabiles Netzwerk geknüpft haben zu den angesagten Ensembles.
Corona, die große Verhinderin, war hier ein Glücksfall. Die Pandemie schenkte der weltweit viel beschäftigten Sharon Eyal unerwartet Zeit für ihre dritte Kooperation mit der Sparte Tanz des Staatstheaters Mainz und lieferte auch die Inspiration. Das Stück kreist um Isolation, Einsamkeit und um Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Die Musik im Saal am Bismarckplatz wird allmählich aggressiver, enervierend fast, „nervig“, sagt ein Besucher später sogar. Der Elektrosound schnauft, pocht und stampft. Der Rhythmus bleibt relativ gleichförmig, aber die Klangfarben wechseln im Lauf des Stücks (Komposition: Ori Lichtik). Ein Fetzen Westernmusik dringt durch, eine Prise Choral, Pferdegetrappel, eine Spur Walzer und Filmschnulze sogar, alles sehr subtil. Der Abend nimmt Fahrt auf. Anfangs überlegt man noch, wie die grauen Socken wohl befestigt sind, damit sie so zuverlässig oben halten, und stellt sich andere lässliche Fragen, bevor man sich dem Sog von „Promise“ überlässt, das Denken abgibt und nur noch schaut und hört und fühlt.
Die Beine stechen im unerbittlichen Rhythmus in den Bühnenboden, die Oberschenkel klappen zur Seite, die Arme fahren roboterhaft rechtwinklig aus, die Köpfe drehen sich wie Hochpräzisionsfräsen nach Links und nach Rechts, die abgespreizten Finger der Hände legen sich auf Brüste und Bäuche, formen Schwungfedern von Adlerflügeln oder deuten ein Geweih an. Die Szenen erinnern zum Beispiel an kuschelnde Flamingos, auch an Pinguine auf Pumps, die schnurstracks in eine Richtung streben. Die Körper bewegen sich wie gestanzt, dann wieder voll weichen Schwungs, während die Blicke und die Mimik die ganze Skala menschlicher Gefühle ausdrücken, von Schmerz bis Lust.
Sieben Körper vereint
Die Sieben umschmeicheln sich, umschlängeln einander, als wären sie verschmolzen zu einem Organismus. Immer wieder lösen sich Figuren aus der Gruppe. Starke Momente entstehen: Ein Mann wiegt eine Frau. Eine Figur im Abseits streckt sich flehentlich zu den anderen sechs aus. Zwei Tänzer finden sich in einem intensiven Pas des Deux. Ein Gesicht taucht aus der fest geschlossenen Reihe von Taillen auf und blickt unverwandt in den Saal. Zwölf Arme legen sich übereinander zu einem großen Herz. Oder dies: Ein Tänzer springt in die Höhe, nur ein bisschen, aber in dieser einen Sekunde wird seine ganze Kraft und Geschmeidigkeit sichtbar, wie bei einem Tiger, der lässig die Lefzen hochzieht, um seine Reißzähne aufblitzen zu lassen.
Nach 42 Minuten senkt sich der Bühnenvorhang, der Saal erwacht wie aus Trance und die sieben Menschen vorn verneigen sich schweißbedeckt: Amber Pansters, Maasa Sakano, Marija Slavec-Neeman, Zachary Chant, Finn Lakeberg, Cornelius Mickel und Matti Tauru. Mittelbayerische Zeitung, 19.11.2024
Tanztage holen die Avantgarde nach Regensburg
Körperkunst am Puls der Zeit: Das Festival bringt die besten, überraschendsten und aktuellsten Produktionen aus aller Welt nach Regensburg.
„Tanz“, sagt Hans Krottenthaler, „Tanz ist eine Kunstform, auf die man sich einlassen muss. Man muss zulassen, dass es einen berührt.“ Mehr fühlen statt denken: So ging es dem Mastermind der Regensburger Tanztage selbst vor vielen Jahren. Er sah in Linz ein Tanzstück und war so nachhaltig bewegt, dass er bald die Regensburger Tanztage an den Start setzte. Erst im kleinen Theatersaal der Alten Mälzerei, die er leitet, und mit Ensembles aus Regensburg, Nürnberg, München. Später im technisch gut ausgestatteten Theater an der Uni und in den Theatern Velodrom und Bismarckplatz.
27 Jahre nach der Erstauflage hat sich das Festival einen Ruf mit Strahlkraft erarbeitet. Es bringt die besten, die überraschendsten, die aktuellsten Produktionen aus aller Welt nach Regensburg. Mehr als 200 Vorstellungen, Künstler aus 40 Ländern, große Namen wie Nederlands Dans Theatre und Ultima Vez und seit vielen Jahren fast durchweg ausverkaufte Säle: Die Bilanz beeindruckt. „Die Tanztage bewegen sich auf der Höhe der Zeit und sie spielen in der ersten Liga“, sagt Krotten-thaler also selbstbewusst. Qualität, Ästhetik, Inhalt können sich mit den großen Festivals unbedingt messen und sind in Bayern – sieht man mal von München ab – top. „Kompanien, die weltweit unterwegs sind und gefeiert werden, kommen inzwischen gern nach Regensburg.“ Das liege durchaus auch am Publikum.
Tänzerinnen und Tänzer riskieren alles. Sie setzen sich auf der Bühne vollständig aus, mit Herz und Haut und ihrer ganzen Persönlichkeit. Die Reaktionen sind hier also elementar, noch mehr als in anderen Kunstgattungen. In Regensburg gibt das Publikum viel zurück, sagt Krottenthaler. „Es ist mit dem Festival mitgewachsen, unglaublich neugierig, begeisterungsfähig, konzentriert und auch sehr kundig. Das macht mich wirklich stolz.“ Hinzu kommt: Regensburg hat zwar eine ausgesprochen lebendige Kulturszene, aber in Sachen zeitgenössischer, auch widerständiger und urbaner Kunst, die man sonst in Metropolen erleben kann, ist Luft nach oben – eine Kategorie, die die Tanztage bespielen.
Der ideale Einstieg
Das Festival hat einige Standards etabliert. Immer ist die Sparte Tanz des Theaters Regensburg vertreten, 2024 mit „Next To Me“, der neuen Choreographie von Gabriel Pitoni, die am 3. November am Bismarckplatz Uraufführung hat und bei den Tanztagen am 10. November zu sehen sein wird. Immer steht auch die Aids-Tanzgala mit internationalen Stars auf dem Spielplan, dieses Mal am 16. November. Und immer versammelt eine Solotanznacht internationale Preisträger, heuer am 23. und 24. November. An den kurzen und sehr unterschiedlichen Choreographien lassen sich auch sehr gut Trends und Entwicklungen ablesen, sagt Krottenthaler. „Für viele Gäste ist das der ideale Einstieg, viele entdecken da die wunderbare Welt des Tanzes.“
Eine Regensburger Besonderheit ist das Choreo Lab: Tanz Süd, eine süddeutsche Tanz-Connection, die vier Ensembles, vier Choreographien und vier Städte paart. Bei „The Last Dance“ am 28. November bestücken Simone Elliott aus Regensburg, Pablo Sansalvador aus Ulm, Eva Borrmann aus Nürnberg und Nestor Gahe aus Stuttgart gemeinsam einen Abend, der in allen vier Städten Premiere feiern wird. „Wir wollen dem Tanz und der Szene Sichtbarkeit geben“, sagt Krottenthaler über das Format, das auch ein wenig am Nord-Süd-Gefälle in der Kunstform Tanz drehen will.
Gewagt, zukunftsweisend, animierend ist das Profil der Tanztage. Den Beweis tritt das Festival 2024 mit Sharon Eyal an, einer Ikone der internationalen Szene mit unvergleichbarer Handschrift. Sie schickt am 18. November eine siebenköpfige Gruppe des Staatstheaters Mainz auf die Bühne. Für „Promise“ kooperieren die israelische Choreografin, die ihre Ensembles zu maximaler Präzision, Hingabe und Ausdruck antreibt, und die Kompanie das dritte Mal. „Soulchain“, die zweite Koproduktion, hatte mit dem „Faust“, dem deutschen Bühnen-Oscar, höchste Ehren geholt und Tanzmainz berühmt gemacht. Für „Promise“ nun war Corona ein Glücksfall. Die Pandemie schenkte Sharon Eyal Zeit für das Stück und prägte auch den Stil. Intimität ist hier Programm. Tänzer und Tänzerinnen, die sich zu treibendem Elektrosound dicht umkreisen, stetig berühren, hochemotional, theatralisch und beinahe animalisch, verkörpern einen Gegenentwurf zu Isolation.
Mit Zufit Simon, ebenfalls Israel, und Rafaèle Giovanoia aus der Schweiz gastieren zwei weitere gefeierte Choreografinnen. Zufit Simon steht für den Trend zu politisch geprägtem Tanz. „Radical Cheerleading“ – für den „Faust“ nominiert – feiert am 26. November die Protestkultur und wirkt wie ein Weckruf, aufzustehen und Bekenntnis abzulegen für das, was einem wichtig ist, mit viel Drive und von harmlos bis keck bis drastisch nackt.
Als Kopffüßler auf der Bühne
Die Cocoondance Company hat sich zum Regensburger Publikumsliebling entwickelt. Dieses Jahr stellt die Schweizer Kompanie mit „Standard“ (am 30. November) die Welt auf den Kopf – buchstäblich. Die sechs Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich eine Stunde lang kopfüber als Vierfüßler über die Bühne und setzen Kontrolle und Konventionen die Idee von Freiheit und Individualität entgegen. Mittelbayerische Zeitung, Marianne Sperb, 30.10.2024
Helene Bockhorst: Distanz und Nähe im grellen Outfit
Die Comedienne überzeugte mit ihrem neuen Programm, Improvisationslust und lokalen Bezügen in der Regensburger Alten Mälzerei.
Von Michael Scheiner
„So“, meinte der Sexpartner entschieden zu Helene Bockhorst, „jetzt bin ich aber auch mal dran!“ Statt verschnupft oder empört zu sein, überlegte die Hamburger Comedienne erstaunt, wann sie denn dran gewesen sei. Die Pointe saß, das Publikum – beileibe nicht nur der gut besetzte weibliche Teil – in der Alten Mälze bog sich vor Lachen.
Ausgereizt war das urmenschliche Thema damit keineswegs, es nahm aber in Bockhorsts „genre-sprengender One-Women-Freakshow“, wie sie ihr Soloprogramm „Nimm mich ernst“ selbst beschreibt, keinen herausgehobenen Platz ein. Der gebührte eher ihren Erfahrungen mit Depressionen und daraus resultierenden Erlebnissen, denen sie bei ihrem zweiten Regensburger Auftritt allerhand komische Seiten abgewinnt. Resolut wischte ihre Großmutter, als sie von der bis dato unbekannten Krankheit erfährt, das Thema beiseite. Das kenne sie schon das ganze Leben, erwiderte sie der Enkelin. „Und der Opa hat estrotzdem einfach durchgezogen“, setzte sie einen Schlusspunkt.
Ausstehende Raten fürs Island-Pony
Es ist ihr eigenes Leben, das die in einem prachtvollen, augenkrebssfördernden Body auftretende Komikerin in ihrer Show durchforstet: zwischen sich abgelehnt fühlen und dem Buhlen um das Angenommensein. Tragische und vergnügliche Momente halten sich dabei keineswegs die Waage, denn mit einer überstrapazierten Tränendrüse würde die Künstlerin nicht allzu lange überleben. Dennoch erfährt man ganz nebenbei, dass die Raten fürs angeschaffte Pferd, ein Island-Pony unter ein Meter vierzig Schulterhöhe, wohl noch abbezahlt werden müssen. Und der wirtschaftliche Schaden durch die Verluste der Corona-Zeit sei auch noch längst nicht wieder aufgeholt.
Manchmal scheint es schwierig zu sein, gute Pointen zu finden. Vor allem, wenn alles in Butter ist. Bockhorst fleht deshalb den tollen Freund, mit dem sie in einer rundum harmonisch-glücklichen Beziehung lebt, an: „Schatz, gib mir Probleme!“ Der liefert prompt. Die Toilettenpapierrolle sei nie gewechselt, wenn sie leer ist und sie, die Freundin, würde nie die Tetrapacks mit Saft und Milch richtig zuschrauben. Das, warnt die bis auf ihr Outfit bieder wirkende Comedienne die Zuhörer, führe zwangsläufig dazu, dass der Freund nach dem Schütteln die Küche putzen müsse. Keine gute Idee, das könnte die Harmonie aus dem Gleichgewicht bringen. Gute Verbindungen baut Bockhorst zum Publikum auf, denn „Kundenbindung ist mir wichtig“. Sie lädt die Zuhörenden in der Pause ein, Lieblingswitze auf ausliegende Zettel zu notieren: „Die Stifte sind aber abgezählt und mit meinem Namen bedruckt“, warnt sie noch. Maritimes Feeling verbreitet sie mit einem schrägen Song mit der universellen Botschaft, dass „ich Fische toll finde“. Danach steigt sie in die „Witzeforschung ein“ und liest die Jokes des Publikums vor. Dabei gelingt es ihr, selbst frauenfeindlichen Witzen noch vergnügliche Seiten abzugewinnen. Improvisationslust und geschicktes Timing legt die 37-Jährige bei der Verwendung lokaler Bezüge an den Tag. Mit einer Meldung aus unserer Zeitung über ein blutrot beschmiertes „Klimakleberräumfahrzeug“ eröffnet sie ihren Auftritt und kommt im Verlauf des Programms immer wieder darauf zu sprechen.
Dadaistisch angehauchter Humor
Lustvoll zelebrierend deutet sie fehlende eigene Talente, wie Hellsehen und jonglieren, in vorhandene um und punktet damit ein ums andere Mal. Dadaistisch angehauchten Humor beweist mit einem patentgeschützten Satz: „Frauen gehören an den Pferd“. Eine sympathische Unterhalterin, der es gelingt, Ernstes humorvoll zu vermitteln und Distanz und Nähe zu sich selbst prima auszubalancieren.
Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2024
Von Rock bis Hip Hop: Regensburg feierte bei inklusivem Musikprojekt
Caritas und Katholische Jugendfürsorge veranstalteten zum 14. Mal Inklusives Musikprojekt in der Alten Mälzerei. Bei "Rock'n'Roses" standen dabei Nachwuchskünstler und alte Hasen auf der Bühne.
Von Claudia Erdenreich
Die Stimmung war sofort sehr gut und das Publikum sang schon bei den ersten Liedern begeistert mit: Am Sonntagnachmittag spielten drei Bands und Musiker auf der Bühne der Alten Mälzerei beim inklusiven Musik-Projekt "Rock'n'Roses".
"Das ist ein legendäres Konzert", freute sich Harry Landauer. Der Sprecher des Diözesan-Caritasverbandes Regensburg begrüßte die zahlreichen Gäste. Die Caritas veranstaltet die Reihe zusammen mit der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) bereits zum 14. Mal. Die Organisatoren werden dabei von der Stadt Regensburg unterstützt. "Das ist gelebte Inklusion", betonte Landauer und überließ die Bühne sofort den Musikern.
Das Rote Motorrad spielt seit über 30 Jahren
Die Regensburger Band Power Pack besteht aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Sie ging vor über 15 Jahren aus einer Schülerband hervor und spielte bereits das zweite Album ein. Das Rote Motorrad ist ebenfalls eine inklusive Band, die vor über 30 Jahren gegründet wurde. Zwei Gründungsmitglieder sind heute noch mit dabei und spielen mit sichtbarer Begeisterung. Die Rockmusiker gehen gerne auf Tour und treten bayernweit auf Festivals auf. Sie gewannen mit ihren deutschen Songs und der mitreißenden Art bereits verschiedene Preise.
Ganz andere Musik präsentierten die beiden Rapper Kevin und Niklas unter ihren Künstlernamen Sick Snse und Flowin K Rollin. Sie kennen sich von der Schule und fanden sich erst vor einem Jahr beim Festival. Inzwischen treten sie gemeinsam auf. Für ihre Musik schreiben sie sehr persönliche und authentische Texte, die sich damit vom üblichen Gangsta-Rap klar unterscheiden. "Wir wollen greifbar sein für die Menschen", verdeutlichten die beiden Musiker ihre Entscheidung. Sie rappen über Freundschaft und Träume, erst vor kurzem traten sie bei einem inklusiven Musikfestival in Österreich auf. "Das war super", beschrieben beide begeistert ihre Erfahrungen.
Liquid und Maniac produzieren neue Songs
Schon am Nachmittag vor dem Konzert drehten die Rapper Liquid und Maniac zusammen mit Sick Snse und Flowin K Rollin ein Live-Video. Das präsentieren die Künstler zusammen mit neuen Rap-Songs. Diese Lieder wurden in den vergangenen Monaten in Maniacs Tonstudio in der Alten Mälzerei aufgenommen, gefördert von der Caritas Stiftung. Der Song und das Video werden in Kürze auf sozialen Medien präsentiert. "Wir fördern die Musik und die Kooperation sehr gerne", betonte auch Robert Seitz schon zu Beginn des Projekts. Er ist bei der Caritas für die Bereiche Bildung und Soziales zuständig.
An der Bar herrschte am Sonntagnachmittag reger Betrieb, die Beleuchtung im Konzertsaal war duster und die Atmosphäre wie auch bei anderen Festivalnächten. Sämtliche Musiker erhielten anhaltenden, lauten und begeisterten Applaus. Rock'n'Roses bewies auch in der 14. Auflage, dass Musik vereint und behinderte wie nichtbehinderte Fans anzieht. Regensburger Zeitung, 4.11.2024
Popkulturfestival
Push5 gibt die Bühne frei für die Subkultur
60 Veranstaltungen, 20 Spielorte: Von 25. bis 27. Oktober feiert Regensburg die Gegenwartskunst mit Musik, Theater, Literatur, Film und Bildender Kunst.
Es ist ein kleines Jubiläum: Das Popkulturfestival Push feiert dieses Jahr seine fünfte Ausgabe. Weil es alle zwei Jahre stattfindet, gibt es Push damit zehn Jahre. Ausgangspunkt war, die ganze Bandbreite regionaler Popkultur zu zeigen. Vor der ersten Ausgabe 2014 fühlte sich die freie Szene nicht gut wahrgenommen, wie Mälze-Geschäftsführer und Organisator Hans Krottenthaler sagt. Das Popkulturfestival hat Reichweite und wird gut angenommen. Musik, Theater, Literatur, Film und Bildende Kunst lassen dem Publikum den Puls der Gegenwartskunst fühlen.
Was sich in Regensburg in den zehn Jahren verändert hat: „Die Kulturszene ist bunter, vielfältiger und selbstbewusster geworden“, sagt Krottenthaler. Mittlerweile gebe es neue Formate, Veranstaltungsorte, neue Labels und Netzwerke wie das feministische Netzwerk musicBYwomen*. Es setzt sich für eine Musikbranche ein, die gerecht, divers und gut vernetzt ist. musicBYwomen* stellt für das Festival ein Programm zusammen: Es lädt ein zum Songwriting-Salon mit der Regensburger Sängerin Rebekka Maier alias Die Nowakn, sowie zu Lesung und Talk zum Buch „Row Zero“, in dem es um Machtmissbrauch in der Musikindustrie geht.Markenzeichen des Festivals ist, dass die freie Szene ihre eigenen Ideen einbringt. Bei den vergangenen Ausgaben seien rund 300 Leute beteiligt gewesen. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus der Subkultur laufe nicht immer ohne Widerstände ab, sagt Krottenthaler, „aber es funktioniert und man kennt sich oft über drei Ecken“. Dass die freie Szene das Festival gestaltet und sich dort vernetzt, trage zum Gefühl der Zusammengehörigkeit bei.
Leerstellen mit Kunst füllen
Wichtig ist den Machern, dass beim Festival Raum bleibt für das Unvorhersehbare. Potenzial für Überraschungen gibt es zum Beispiel beim Format Nischenkunst: Kommunikationsdesignerin Michaela Lautenschlager zieht mit Interessierten und einem Bollerwagen voller Materialien los, um die Stadt zu verschönern und Nischen, Risse und Leerstellen mit witziger, schräger und bunter Kunst zu füllen. Den öffentlichen Raum erobern kann man beim „Schwammerl-Rendezvous“: Am Milchschwammerl beim Bahnhof gibt es Gelegenheit zum Tanzen und Mitsingen. Bei der Plattenversteigerung „Dig & Bid“ werden jene Vinylscheiben, die keinen Käufer finden, vom Hammer eines Wikingers zertrümmert.
Hauptfokus des Festivals ist Musik: Yannick Twelkmeyer, Programmplaner der Mälze, zählt die Genres auf: Rock, Indie, Elektro, Pop, Singer-Songwriter-Musik und Jazz. Es gebe Acts mit klassischem Ansatz und solche, die auf die Bühne bringen, was in der jungen Szene verbreitet ist: Zum Beispiel Trap, ein Subgenre des Hip-Hop. Mittlerweile habe sich die Szene deutlich bunter und diverser entwickelt, sagt Twelkmeyer: „Vor zehn Jahren waren viele Bands nur mit Männern besetzt.“ 18 der Bandprojekte kommen aus Regensburg – wie die Sängerin und Songwriterin Riva Leon oder Swirlpool und Jasna. Der Film „Jukebox“ zeigt in der Filmgalerie einen Streifzug durch die Regensburger Musikszene der letzten Jahre mit Musikvideos.
Mit Anda Morts aus Linz, Kapa Tult aus Leipzig und Endless Wellness aus Wien kommen drei angesagte junge Acts der deutschsprachigen Indie-Pop-Szene. Beim „Bandkarussell“ im Leeren Beutel spielen drei Bands im Kreislauf jeweils immer eine Nummer. Dabei kann es zum Musikermix kommen. Mit dabei sind Luisa Funkenstein und die Formationen Zustand und Diamond Dogs.
„La Mer Sauvage“ heißt eine Festivalparty mit Techno, House und Electronica mit dem gleichnamigen Veranstaltungskollektiv. Twelkmeyer freut sich auf eine Lichtinstallation mit künstlerischem Anspruch. An einem besonderen Ort präsentiert das Kollektiv Elekronisches Gemüse eine Party: in der Kaffeerösterei Rehorik im Regensburger Osten. Dabei sind nach dem Motto „Live-Set oder Vinyl only“ Künstler aus den Genres House und Techno zu erleben. Dazu schillern Projektionen ausgewählter Visual-Artists.
Workshop zur Drag-Kunst
Carolin Binder vom Kulturamt freut sich, ein Projekt gefunden zu haben, „das nicht besser ins M26 passen könnte“: Mit der Gruppenausstellung „Echo: Spuren des Selbst“ wird am Freitag in dem städtischen Kulturraum das Festival eröffnet. Der Regensburger Paul Dittmann hat eine Schau zum Thema Identität kuratiert. Was formt das Selbst?, fragen Künstler mit Fotografie, Video, Performance und Installationen. Dabei geht es um politische, geschlechtliche und familiäre Identitäten, solche von Männern und von Menschen mit Migrationserfahrung. Bei der Vernissage gibt es eine Performance der Schauspielerin Emma Meyer: Ihre Arbeit „Gewehre“ führte sie zuletzt am Wiener Max-Reinhardt-Seminar auf.
An drei Festivaltagen zeigen das W1, der Andreasstadel und das Zentrum für kurze Kunst Malerei, Grafik, Fotografie, Plastik und Installationen. Letzteres ist eine Kunstaktion, bei der das Herz der Popkultur im öffentlichen Raum spürbar wird. Abends ist jeweils das Videomapping „Elephantasia“ in der Ludwigstraße zu sehen – ein Lichtspiel am historischen „Haus des Elefanten“.
Weil die Festivalmacher Identität als wichtiges Thema der Popkultur ansehen, steht auch die queere Szene im Fokus: „Queer in Regensburg“ heißt ein Live-Podcast mit Talkgästen aus der Community. Bei einem Workshop führt Drag-„Quing“ Merritt Ocracy in die Kunst des Drag ein und zeigt, wie man dadurch neue Identitäten erschaffen und Rollenbilder hinterfragen kann.
Das Festival unterstützt die Szene auch praktisch – wie beim Thema Förderung. Kulturberaterin Binder macht aus Kulturschaffenden Förderfüchse und erklärt, wie sie Räume finden und Projekte finanzieren können.
Push 5 von 25. bis 27. Oktober
Festival-Bändchen gibt es im Vorverkauf in der Alten Mälzerei, im What The Kiosk und am Milchschwammerl. Bei den Workshops und Nachmittagsveranstaltungen ist der Eintritt frei.
Infos: www.regensburg-popkulturfestival.de
Veranstalter sind das Kulturamt der Stadt Regensburg und das Kulturzentrum Alte Mälzerei. Bereits am Donnerstag, 24. Oktober, gibt es mit „Spotlight“ ein Netzwerktreffen für die Musikbranche aus Regensburg und der Oberpfalz im Degginger
Mittelbayerische Zeitung, 19.10.2024, Katharina Kellner
Duo „Suchtpotenzial“: Brachialer Humor, ganz subtil
Ein Abend gegen schlechte Laune: Ariane Müller und Julia Gámez Martin begeistern mit hinreißender Musik und feministischer Comedy in der Mälze.
Pöbelei und Flachwitze, die von der Bühne auf das Publikum hereinprasseln, sind in der aktuellen deutschen Comedy-Landschaft keine Neuigkeit – und auch nicht alleine Luke Mockridge anzulasten. Doch beim Duo „Suchtpotenzial“ verwundert es einen doch: Hier blödeln und pöbeln zwei Frauen, was das Zeug hält. Und es macht richtig Spaß, ihnen dabei zuzuschauen und zuzuhören – wie nun bei ihrem Auftritt in der ausverkauften Alten Mälzerei in Regensburg.
Es geht gleich gut los: Die beiden Comediennes erscheinen mit Bademantel, Sonnenbrille und Bierdose, reimen im ersten Song „Geilomat“, „Wurstsalat“ und „Dentagard“ auf „Bällebad“. Dass ihr Programm „Bällebad forever!“ heißt, liegt an ihrem zehnjährigen Jubiläum als Duo 2023. Seither haben sie wichtige Preise abgeräumt wie den Deutschen Kleinkunstpreis und den Bayerischen Kabarettpreis.
Zum Feiern braucht man gute Laune und dazu ist das Bällebad ist für das Duo der ultimative Ort. Doch leider auch der von viel Mikroplastik. Deshalb predigt Sängerin Gámez Martin zu sakralen Keyboard-Klängen, das Bällebad zu internalisieren: „Brüder und Schwestern, das Bällebad ist in Euch!“ Die Essenz der zehn Jahre sind letztlich unzählige Kilometer mit der Bahn und ebenso viele Liter Kaffee. Und Gámez Martin lacht ziemlich dreckig, als Pianistin Ariane Müller fragt: „Und? Wie viele Groupies hattest Du?
Früher war alles besser!
Pöbeln, saufen, Mansplaining – all das beherrschen diese Beiden ebenso gut wie die Jungs. Aber: Auch wenn sie sich zotig zu Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll bekennen, sind ihre Pointen stets hintergründig und zielen auf relevante Debatten. Zudem sind sie begnadete Musikerinnen: Sie haben alle Genres drauf, von Musical bis Rock und Opernmusik. Müller singt die zweite Stimme, haut in die Tasten und zugleich die Pointen raus. Gámez Martin beherrscht mehrere Stimmlagen. Sie schafft es, „Dumm fickt gut!“ als Rock-Röhre zu intonieren, aber auch im Vibrato wie in der Oper – fürs bürgerliche Publikum eben. Höhepunkt des Abends ist ihre gegrölte feministische Hymne: „Männer, wir sind genauso scheiße wie ihr!“
Im Gegensatz zu manch männlicher Rampensau lachen sie herzlich über sich selbst. Wenn sich Müller und Gámez Martin locker die verbalen Bälle zuspielen, ist ihr Spaß ansteckend und ihre Blödelei oft überraschend. Über ein Zeitgeist-Thema kriegen sie sich schnell in die Haare: „Sehr geehrte Damen und Herren“, setzt Gámez Martin an, da blafft Müller: „Immer dieser Gender-Wahnsinn! Am Ende muss ich noch Hafermilch trinken! Kannst Du nicht ganz normal reden, so wie früher? Da ist man reingekommen und hat gesagt: ,Hallo Männer!‘ – und alle anderen sind mitgemeint. Du musst es gleich so kompliziert machen!“ Früher hätten die Leute schöner geredet.
Gámez Martin pampt zurück: „Sollen wir wieder so reden wie im Mittelalter?“ Sie könne das – zufällig habe sie eine berühmte Verwandte, Waltraud von der Vögelweide. „Wohlan, holde Maid, drehe Sie die Drehleier!“, fordert sie Müller auf und schmettert zu deren Mittelalterklängen vom Keyboard den Refrain „Früher war alles besser, tandera tandera dei“. Sie singt von guten alten Zeiten mit Pest und Pocken, Beinamputationen mit der Säge, dem Herrenrecht „Ius primae noctis“, kirchlichem Ablasshandel und Hexenjagd.
Auch die 1990er waren nicht viel besser: Da habe sie frieren müssen, empört sich Müller – wegen der bauchfreien Tops, die „in“ waren. Auf der Straße sei es supergefährlich gewesen: Wegen der Grunge-Frisur, die sie damals trug – „Danke für nichts, Kurt Cobain!“
Viel schöner ist da die unmittelbare Gegenwart – weil alle so achtsam sind: „Wie geht‘s Dir, Ariane?, fragt Gámez Martin sanft. „Das geht Dich einen Scheißdreck an“, blafft Müller, die sich als Yoga-Coach „Guru Müller“ präsentiert. Bei ihr koste die Klangschale nur 79,90 Euro, sagt sie und schlägt einen Löffel gegen ihre Bierdose, während sie am Keyboard harmonische Klänge produziert.
Ein Krafttier für alle
Sie lässt Gámez Martin den „Leck mich am Asana-Sitz“ machen, bei dem man ans Finanzamt oder an die Schwiegermutter denken könne. Und dann gibt es noch ein Battle um das beste „Krafttier“ – nicht zu verwechseln mit Craft-Beer. Während Gámez Martin den Nacktmulch bevorzugt, haut Müller für den Komodovaran in die Tasten. Beide versuchen, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen, bis Müller entsetzt ruft: „Wir sind Trump! Wir haben das Publikum gespalten!“ Sie beschließen, einen „Nacktkomodomull“ oder einen „Nacktvaran“ zu erschaffen, der schneller ist als die Bahn und beliebter als Jens Spahn. „Wenn ihr ihn jetzt vor Euch seht, dann ist das jetzt Euer Krafttier!“, rufen sie dem entzückten Publikum zu, unter dem auch viele Männer sind.
Nach kurzweiligen zweieinhalb Stunden verteilen Müller und Gámez Martin Aufkleber vom „Nacktkomodomull“, offenbar einer Kreuzung von blassem Würstchen und Essiggurke. Und geben Autogramme, wie es sich gehört für einen Abend mit Suchtpotenzial. Katharina Kellner, Mittelbayerische Zeitung, 13.10.2024
The Notwist wird im Aurelium heftig gefeiert
Poetische Tiefe zwischen Soundwällen: Die Weilheimer Indieband zeigt bei ihrem Auftritt in Lappersdorf, dass sie auch nach über drei Jahrzehnten eine bedeutende Stimme in der zeitgenössischen Popmusik ist.
Wenn Veranstalter einen Wunschzettel verfassen, steht „Ausverkauft“ möglichst mit Ausrufezeichen an erster Stelle. Direkt danach das sehnlichste Bedürfnis, dass man mit einem Konzert in eine größere Location umziehen muss, weil die eigene zu klein für die erwarteten Besuchenden erscheint. Das Kulturzentrum Alte Mälzerei konnte das Konzert von The Notwist ins Lappersdorfer Aurelium verlegen – eine Win-win-Situation. Hinterher gab es auf allen Seiten zufriedene Gesichter.
Dem Publikum war geholfen, weil es sich lockerer bewegen und mehr sehen konnte. Der Band stand eine größere Bühne und mehr Licht zur Verfügung. Beim Veranstalter stimmte trotz Mehrkosten die Rechnung und Klaus Wenk, Leiter des Aureliums, freute sich unverhohlen, weil mit der prominenten Indie-Band neue Besucher den Weg ins Haus gefunden hatten. Trotz der Nähe zur Stadt hatten viele Fans, die mehrheitlich der sogenannten autonomen und alternativen Szene zuzurechnen sind, vorher noch nie einen Fuß in das markante Gebäude gesetzt.
Schrill heulende Sounds
„Ich kannte das noch gar nicht“, gestand Manfred Schimchen, der als Zuhörer gekommen war. Mit Bands wie Delir Noir hat sich der Regensburger Gitarrist und Tontechniker auf ähnlichen musikalischen Pfaden bewegt wie die Weilheimer Clique um die beiden Brüder Markus (Gitarre und Gesang) und Micha Acher (Bass). Die starteten ihr Lappersdorf-Debüt mit „Into Love/Stars“ von ihrem 21er-Album Vertigo Days. Geschrieben haben den eher ruhigen Song über den Schmerz der Liebe die Achers zusammen mit Keyborder Cico Beck. Unter den sägenden Klängen, die Karl Ivar Refseth mit Bögen den Metallzungen seines Vibraphons entlockte, entfaltete das poetisch-surreale Liebeslied langsam eine dramatische emotionale Kraft, die unter hoher Dynamik in schrill heulende Sounds mündete.
Übergangslos tauchte die Band mit magischem Soundgezwitscher in die „Exit strategy to myself“ ein. In diesen verloren klingenden Song wird man unweigerlich hingezogen. Es gibt keine Ausstiegsoption, man muss sich mit der Suche nach dem Eigenem beschäftigen, den rauschenden Gitarren folgen und sich vom Beat tragen lassen.
Übertragen auf die alltäglich gewordenen Auseinandersetzungen vieler Menschen mit der eigenen Identität würde man diesen am liebsten den Song zu Füßen legen, um ihnen einen Ausstieg aus ihrer Sackgasse zu ermöglichen.
Wenig später „Pick up the phone“ – „Ein Song, so abgrundtief traurig, dass man sich wie Markus Achers Stimme am liebsten im warmen Sound verkriechen möchte“, schreibt der Rolling Stone über diese Hymne. Tatsächlich klingt der Sänger fast verloren im düster-heftigen Soundraum von Keyboards, elektronischen Klängen, Gitarren und Schlagzeug, der Gesang wie ein Flehen. Beleuchtet von kleinen Geisterbildschirmen, die neben jedem Musiker stehen, bekommt der Auftritt einen Drift ins Horrorgenre. Dann schaltet die Band um und surft auf einer orchestralen Welle, bis diese langsam im Geplänkel verebbt.
Bei The Notwist gibt es keine Vorband, keine Ansage, die Fans kennen viele der Songs, und auch keine Egotrips mit ausufernd langen, genialen Soli. Das würde tatsächlich dem Selbstverständnis der Band und der Gründer widersprechen, die aus dem Kollektivgedanken des Punk und Noise entstanden ist. Damit haben die Weilheimer zumindest musikalisch, bis zu einem gewissen Grad auch in der Haltung Parallelen zu einer deutschen Rockband, die sich aus ihren Punkanfängen in eine andere Richtung entwickelt hat. Notwist mit Rammstein in Bezug zu setzen oder gar zu vergleichen ist sicher für die meisten Anhänger ein No-Go.
Mal laut, mal melancholisch
Dennoch ist es möglich, auf Entsprechungen in der Bedeutung des Sounds, der musikalischen Energie und der Mehrdeutigkeit der Text einzugehen. Während die Meister der Gigantomanie buchstäblich mit dem Feuer und der Mehrdeutigkeit ihrer Songs spielen und in Kauf nehmen, dass diese falsch verstanden werden, setzt Notwists Uneindeutigkeit eine poetische Energie frei, die in die Tiefe geht. Musikalisch wird diese Poesie von wuchtigen Soundwällen, heftigen Lärmorgien, melancholisch-getragenen Stimmungen und feinen Passagen bis fast zur Stille getragen. Das macht die Band auch nach über drei Jahrzehnten zu einer bedeutenden Stimme in der zeitgenössischen Popmusik, bedeutender als die erfolgreicheren Brachialrocker aus dem Osten. Michael Scheiner – Mittelbayerische Zeitung, 4.10.2024
Zusätzliche Kilos im Dienst der Völkerverständigung
„Europa ist voller skurriler Speisen und Getränke“, sagt der Autor. In seinem neuen Buch erzählt er von seiner kulinarischen Reise durch Europa – von Fischköpfen mit Zwiebeln und geheimnisvollen Mezenterija.
Die Tücken des Alltags, Weltpolitik und skurrile Begegnungen – daraus speist sich der Witz, mit dem Wladimir Kaminer seit mehr als drei Jahrzehnten Bücher schreibt. Zudem ist er eine viel gefragte Expertenstimme mit (post-)sowjetischer Migrationserfahrung. Am 4. Oktober (20 Uhr) liest Kaminer in der Alten Mälzerei in Regensburg aus seinem neuen Buch „Mahlzeit! Geschichten von Europas Tischen“. „Europa ist voller skurriler Speisen und Getränke“, sagt der Autor. In seinem neuen Buch erzählt er von seiner kulinarischen Reise durch Europa – von Fischköpfen mit Zwiebeln und geheimnisvollen Mezenterija. Im Interview spricht er über Spezialitäten von Bayern bis Serbien, seine „Russendisko“ und Russland.
Herr Kaminer, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie, Sie hätten in Bayern den Überblick über all die Biersorten verloren.
Kaminer: Ja, man muss sich mit Bier auskennen, wenn man Bayern verstehen will.
Außerdem schreiben Sie, in bayerischen Biergärten würden die Leute „eine Mass pro halber Stunde“ trinken. Wie kommen Sie darauf?
Kaminer: Das ist so eine Einschätzung. Aber was ich gelernt habe bei meinen Reisen, dass die Bayern tatsächlich vor dem Frühstück Weißbier trinken, fast wie woanders Orangensaft, um fluffiger in den Tag zu kommen. Seit ich das weiß, verstehe ich auch die Nachrichten aus Bayern besser. Wenn ich das Bier dazurechne, dann passt es auf einmal von der Logik her viel besser. -
Bei welcher Nachricht haben Sie sich das zuletzt gedacht?
Kaminer: Die Fröhlichkeit und Aufgeschlossenheit, mit der Söder sich zunächst als Kanzlerkandidat sieht und dann im nächsten Augenblick nicht mehr. Wenn man die Sache mit dem Frühstück bedenkt, dann ist das okay.
Der Rückzug war wohl eher unfreiwillig.
Kaminer: Eine Erklärung folgte da nicht. So kenne ich es aus dem Biergarten. Da schwankt man auch schnell von einer Meinung zur nächsten.
Sie schreiben seit dem Jahr 2000 ungefähr ein Buch pro Jahr. Haben Sie noch einen Überblick über Ihre rund 30 Bücher?
Kaminer: Meine Bücher sind die Fortsetzungsgeschichte meines Lebens. Da ich mich sehr für meine Außenwelt interessiere, ist das für mich auch die Geschichte Deutschlands der letzten 30 Jahre.
Wie sind Sie jetzt auf das Thema Essen gekommen?
Kaminer: In meinem aktuellen Buch „Mahlzeit! Geschichten von Europas Tischen“ geht es darum, wie wir diese zerbröselte Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet, wieder zusammenbringen. Meine Beobachtung ist, dass die Menschen am Tisch am besten miteinander ins Gespräch kommen, egal wie unterschiedlich sie sind. Natürlich muss das ein Tisch mit den richtigen Getränken sein. Ich bin durch ganz Europa gereist – nach Bulgarien, Serbien, Moldau, Italien, Österreich und sogar nach Island. Im Buch geht’s um die Suche nach einem Zusammenhalt für die Gesellschaft.
Es liest sich, als hätten Sie ziemlich viel Spaß gehabt bei den Gesprächen.
Kaminer: Für mich ist eine Küche eine perfekte Lebenssituation. Damit möchte ich Europa nicht auf eine Küche reduzieren, aber die Küche ist wichtig. Ich glaube, das hauptsächliche Problem ist fehlende Kommunikation. Das Buch gibt viele Beispiele, wie wir besser kommunizieren können.
Sie schreiben über Deutschlehrerinnen in Moldawien, Wikinger mit Schweineohren und Trollfrauen in Island, Trinksprüche aus Georgien – wie kam es dazu, dass Sie in all diese Länder gereist sind?
Kaminer: In der Republik Moldau war ich beim Deutschlehrertag eingeladen, in Bulgarien war ich bei einem Filmfestival. Ich mache für für 3sat Filme über Österreich, Deutschland und Schweiz zu bestimmten Themen. Letztes Jahr war das: „Wie isst ein Land, wie schmeckt es?“ So habe ich überall einen Blick auf regionale Tische geworfen. Daraus entstanden viele komische Situationen, Europa ist voller skurriler Speisen und Getränke.
Sie schreiben von Fischköpfen mit Zwiebeln und nicht löslichem Kaffee. Wie weit gehen Sie für die Recherche? Probieren Sie wirklich alles?
Kaminer: Ja, ich bin offen. Meine Priorität ist: Was die Menschen vor Ort wertschätzen und unbedingt anbieten wollen, das möchte ich verstehen.
Was hat Sie herausgefordert?
Kaminer: Als ich in Serbien Mezenterija gegessen habe, wusste ich überhaupt nicht, was das ist. Ich habe den Kellner ganz vorsichtig gefragt: „Wie werden die denn gemacht?“ und er meinte: „Nach Art des Hauses.“ Ich konnte nicht herauskriegen, was das ist, denn die Speisekarten dort sind in kyrillischer Schrift. Ich konnte sie wunderbar lesen. Aber ich konnte nicht verstehen, was da steht. Also habe ich die deutsche Übersetzung gegoogelt – heraus kam: „Gekröse“.
Sie mussten nicht nur beim Essen abenteuerlustig sein, sondern auch ganz schön trinkfest.
Kaminer: Das nehme ich auf mich. Ich bin bereit, ein paar Kilo zuzunehmen, wenn es der Völkerverständigung dient.
In Georgien hat Sie ein Polizist nach einer Kontrolle mit nach Hause genommen, damit Sie seinen Hauswein verkosten. Wie viel davon ist Fiktion?
Kaminer: Das ist die Wahrheit. Die Georgier identifizieren sich dermaßen mit ihren Weinen, da übertreiben sie eindeutig. Egal, wo du bist, ob im Bus oder in einem Reisebüro, als erstes gibt es Wein.
Die von Ihnen erfundene legendäre „Russendisko“ gibt es seit Anfang der 2000er. Wie sieht es heute damit aus?
Kaminer: In Zeiten des russischen Angriffskriegs ist das schwierig. Die Russen drohen mit Atomwaffen, setzen unseren Frieden aufs Spiel. Deswegen ist derzeit alles, was mit dem „R“ beginnt, nicht gerade in. Meine Haltung ist: Diese Musik ist wunderbar. In unserem „Russendisko“-Programm hatten wir schon immer fast bis zur Hälfte ukrainischen Ska-Punk. Das ist in meinen Augen ein Teil der europäischen Kultur. Und warum sollten wir diese Musik dem Regime überlassen? Das Regime wird an diesem Krieg scheitern, die Russen und Europa, wir bleiben Nachbarn und auf einander angewiesen. Die „Russendisko“ soll eine Friedensbrücke sein.
Sie hatten sie doch bereits in „Ukrainedisko“ umbenannt?
Kaminer: Die Veranstalter wollten keine „Russendisko“ mehr machen, dann habe ich gesagt: Ihr könnt das auch „Ukrainedisko“ nennen. Aber das kennt kein Mensch. Wenn ich heute eingeladen werde, mache ich die „Russendisko“ weiter – aber nur mit Musikern, die nicht den Krieg befürworten. Allerdings haben fast alle guten Musiker den Krieg verurteilt und mussten deswegen das Land verlassen. Einige Rapper kamen sogar in den Knast in Russland, andere werden angeklagt und gesucht. Die russischen Musiker haben mehr Anstand als russische Schauspieler gezeigt. Nicht alle haben die Möglichkeit, auszureisen. Außerdem sind Schauspieler viel stärker als die Musiker an ihre Sprache gebunden.
Wie stehen Sie zur Diskussion über die Auftritte russischer Künstler in Deutschland?
Kaminer: Sofern die russischen Künstler keine Kriegshetzer sind, sollte man ihnen unbedingt eine Bühne geben. In Russland ist die Mehrheit gegen diesen Krieg, das ist Fakt. Die Kulturschaffenden, vor allem diejenigen, die ein großes Millionenpublikum in Russland haben, die müssen unterstützt werden, damit die Russen sehen, dass sie jetzt nicht als Volk gecancelt werden.
Im Buch schreiben Sie: „Dann kam Putin und mit ihm die Nostalgie. (...) Russland verwandelte sich in ein autokratisches, aggressives, von Arschlöchern in grauen Anzügen regiertes Land.“ Wie könnte Russland Putin wieder loswerden?
Kaminer: Ich glaube, die meisten dieser Arschlöcher in grauen Anzügen unterstützen Putin nur solange er ihnen etwas bringt. Sobald er ihnen nichts mehr bringt außer der Option, irgendwann mal selbst als Held auf dem Schlachtfeld für Unsinn zu sterben, werden sie die Schuld ihm zuschieben und ihn wegschaffen. Nervt es Sie, dass Sie ständig Fragen zu Russland und zu Ihrer Haltung im Ukraine-Krieg beantworten müssen?
Kaminer: Ich beantworte gerne solche Fragen – ich denke, besser ich als ein anderer. Zum einen habe ich viele Freunde und Verwandte in Russland, ich kenne die russische Opposition, die emigriert ist und zum anderen habe ich eine notwendige Distanz, um das alles einschätzen zu können. Interview Katharina Kellner – Mittelbayerische Zeitung, 23.9.2024
Starke Frauen
Doppel-Premiere in Regensburg: Vier Tänzerinnen setzen neue Stücke von Thea Sosani um
Michael Scheiner
Blau, gelb, rot und grün. Frau ist vielfarbig, bunt wie ein Schmetterling oder eine Blumenwiese. Direkt und unverstellt nennt Thea Sosani ihre Choreografie mit vier farbig gekleideten Tänzerinnen „Cherchez la Femme“, also etwa: Da steckt eine Frau dahinter. Die Künstlerin aus Georgien, die Tanz auf hohem Niveau vermittelt und die in ihrer Arbeit Frauenrollen hinterfragt, hätte die Vorstellung auch so nennen können: Da steckt eine Frau drin.
Für die Doppelpremiere am Wochenende in der Alten Mälzerei hat Sosani ihr kunterbuntes Stück mit einer zweiten Choreografie verknüpft. „Monom“ wird ebenfalls von vier Frauen getanzt. Sie schreiten, springen und bewegen sich allerdings ganz im unbunten Schwarz über den Tanzboden im Theatersaal. Tritt das bunte Quartett exaltiert, manchmal verrückt, mit schnellen, bisweilen hektischen Bewegungen und Tanzfiguren auf, gibt sich das dunkle Quartett streng und unnahbar. Soli und Duette wirken gelegentlich fast schematisch in ihrer formalen Klarheit. Sie sind von Dominanz, Überlegenheit und Kontrolle über die anderen geprägt.
Verschiedene Seiten einer Persönlichkeit zum Leben erweckt
Beim ersten Stück übernehmen noch ein Tisch mit drei Stühlen und eine an der Wand hängende Geige einige Aufgaben. „Monom“ aber kommt gänzlich ohne Requisiten aus. Eine tragende Rolle spielt bei Sosani zeitgenössische Musik. Sie setzt auf Beiträge von Klangkünstlern und Komponisten wie Ryoji Ikeda und Phil Glass. Minimalistische Wiederholungen, starke Grooves und pathosgeschwängerte Klangwucht prägen die Stimmung und den dynamischen Tanz. Das Licht (Georg Sosani) ist dezent eingesetzt, die Tänzerinnen bleiben meist im Halbdunkel aktiv am Tisch, während die Aufmerksamkeit auf dem Solo einer Tänzerin vor ihnen liegt. Die Möbel selbst werden Teil der Choreografie, wenn sie zum Trommeln dienen oder einer sitzenden Tänzerin unterm Hintern weggezogen werden. Es sind verschiedene Seiten einer Persönlichkeit, die zum Leben erweckt werden: heiter im Fangenspiel, wütend oder um der einen oder anderen eins auszuwischen. Dabei sind die Tänzerinnen beider Stücke nicht nur tänzerisch gefordert, sondern auch schauspielerisch. Die bunt Gekleideten sind Absolventinnen einer neunmonatigen Tanzfortbildung bei Sosani; „Cherchez la Femme“ ist ihre gelungene Abschlussarbeit. Sie tanzen das Stück mit drängender Energie und einer Leidenschaft, die jeden Gedanken daran, dass hier keine Vollprofis am Werk sind, beiseite wischen.
Die Kräfte, die Frauen innewohnen, im Mittelpunkt
Die Frage, was Frauen sind, wie sie sich verhalten und was sie – alles – erreichen und sein können, beschäftigt Thea Sosani seit Langem. Auch in früheren Tanzstücken hat sie diese Fragestellungen immer wieder aufgegriffen, manchmal nur als nebensächlichen Aspekt. In ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema bezieht sich Sosani weniger auf patriarchale Strukturen, wie sie vielfach immer noch vorherrschen. Vielmehr sind es die Kräfte, die Frauen innewohnen, die sie aufzeigen und aktivieren will. In der Ästhetik von kraftvollem Körpereinsatz spiegelt sich die Entwicklung hin zu selbstbewussten Individuen, die vorgegebenen Rollenerwartungen ausweichen und neu geformte Rollen einnehmen können.
Dass sich Thea Sosani dabei auch bei Klischees bedient, kann als Verweis auf ihre eigene künstlerische Unabhängigkeit gelesen werden. Als Mitglieder ihrer Tanztheater-Company setzen die schwarz gekleideten Tänzerinnen eine Facette selbstbewussten Frauenlebens mit kontrollierter Aggressivität in der spannenden Choreografie „Monom“ perfekt um. Das hochkonzentrierte Publikum in der Alten Mälzerei reagierte begeistert.
Mittelbayerische Zeitung, 23.7.2024
Ungefilterte Ekstase: Die Leoniden reißen beim Konzert in Regensburg alle mit
Es fühlte sich an wie ein Garagen-Konzert: intim, schwitzig, dreckig und mit enorm viel guter Laune. Die fünf Musiker waren unberechenbar – und das Publikum reagierte elektrisiert.
Von Hannah Eder
Ein Sternschnuppenschauer ging am Donnerstag über Regensburg nieder – oder eher: Die Kieler Indie-Rock Band Leoniden nahm den Club der Alten Mälzerei für einen Abend in Beschlag.
Ursprünglich als Schülerband gestartet, haben es die Leoniden mittlerweile eigentlich auf die großen Bühnen geschafft. Seit ihrer Gründung 2015 haken sie zu fünft ein bekanntes deutsches Festival nach dem anderen ab und ihre Tour zum neuen Album „Sophisticated Sad Songs“, die für Herbst 2024 angekündigt ist, wird sie in die Münchner Muffathalle, aber auch nach Dänemark und ins Vereinigte Königreich führen. Davor wollte die Formation aber nochmal zurück zu ihren Wurzeln – zurück zu Garage-Punk und Grunge, kleinen Spielstätten und intimen Crowds.
Zwei Synthesizer kombiniert mit schmutzigem Gitarrensound tragen die Stücke und lassen die Ohren klingeln. Kaum dröhnen die ersten Akkorde aus den Boxen, explodiert die Stimmung auf und vor der Bühne. Übersteuern und Rückkopplungen – geplant oder unabsichtlich – gehören zum unpolierten Flair der Band, genauso wie die direkte Interaktion mit dem Publikum. Die Bandmitglieder verlassen dann schon mal die Bühne und lagern sich und ihr Equipment ins Publikum aus.
In den letzten Jahren war es eher ruhig um die Leoniden geworden, sehnsüchtig warteten ihre Fans seit dem letzten Album 2021 auf neuen Sound. Nicht ohne Grund war das Konzert in der Alten Mälzerei daher in weniger als einer Stunde ausverkauft. Das Warten hat sich gelohnt, denn die Kostproben der neuen Platte machen Lust auf mehr – mehr Liebeskummer, mehr Ekstase und vor allem mehr Live-Konzerte. Denn die Leoniden sind durch und durch eine Live-Band, egal ob auf Festivals oder eben im ganz kleinen Rahmen. Ihre Musik ist für die Bühne gemacht.
Bei Konzerten sind die fünf Musiker unberechenbar. So auch an diesem Abend. Sie verteilen Eis ans Publikum – eine willkommene Abkühlung für alle, die eine Waffel zu greifen bekommen. Gleichzeitig ist kein Equipment vor Gitarrist Lennart Eicke sicher. Ob das Griffbrett der Gitarre wohl zwischen Clubdecke und Lautsprecher passt? Er probiert es aus, nur um sein Instrument Sekunden später weiter wild durch die Luft zu wirbeln, während er weiterhin irgendwie ein paar Saiten zu greifen bekommt.
Das Publikum ist ähnlich elektrisiert. Natürlich spielen die Leoniden zwischen den neuen Stücken „Never Never“ und „Keep Fucking Up“ auch ältere Klassiker wie „Sisters“, „Love“ oder „Nevermind“. Mit grinsendem Gesicht und erhobenen Händen kann nahezu jeder im Club die Texte dazu im Schlaf mitsingen und wer nicht auf und ab hüpft, stürzt sich in die Circle Pits, die immer wieder im Mälze Underground entstehen. Insgesamt fühlt es sich an wie ein Garagen-Konzert – intim, schwitzig, dreckig und enorm gute Laune.
Auch die Band kann sich das Grinsen nicht verkneifen. Da wird dann statt der Hook auch mal ins Mikrofon gelacht, weil es so Spaß macht. „Das ist echt sauschön“, ruft Sänger Jakob Amr einmal und man kauft ihm jedes Wort ab.
Einer der bewegendsten Momente des Abends ist dann sicherlich die Zugabe, bei der die neueste Single-Auskopplung des neuen Albums „A Million Heartbreak Songs“ noch ein zweites Mal performt wird. Diesmal nur von Jakob Amr mit Akustik-Gitarre. Auf einmal springt und tanzt niemand mehr, sondern alle sitzen andächtig am Boden des Clubs oder am Bühnenrand und genießen die Intimität des Auftritts.
Für den Frontmann handelt es sich bei dem Song um das „Herzstück“ der Platte, das passenderweise um Mitternacht seinen Release feiert und bei Bedarf bis zum Albumrelease am 23. August in Dauerschleife gehört werden kann. Mittelbayerische Zeitung, 20. Juli 2024
Im ausverkauften Ostentor-Kino:
Rocko Schamoni beschwört wilde Hamburger Nächte
Der Musiker, Schauspieler und Clubbesitzer ist in Regensburg als Buchautor zu erleben: „Pudels Kern“ erzählt ein turbulentes Leben. Am Ende empfiehlt Schamoni besonders Bahn-Fahrern Schmuck aus seiner „Scheiße“-Kollektion.
Anne Nothtroff
Er nennt sich selbst Rocko Schamoni und hat viele Berufe: Als Musiker, Autor, Humorist, Schauspieler und Clubbesitzer ist er auf Bühne, im Film und im Fernsehen zu erleben. Jetzt stellte er im ausverkauften Ostentor-Kino sein neues Buch vor: „Pudels Kern“ , im April erschienen. Schamoni hat das Buch seinen Freunden und seinen Eltern gewidmet. Beruhend auf Erinnerungen und Aufzeichnungen aus Kalendern und Tagebüchern, ist es die lang ersehnte Fortsetzung des modernen Klassikers „Dorfpunks“. Die Inspiration für seine Romane nimmt der Autor aus seinem eigenen Leben. Das bietet Stoff genug, denn Schamoni kann auf eine ereignisreiche Jugend zurückblicken.
In seinem Heimatdorf an der Ostsee merkt Rocko Schamoni, dass er aus der Spur fällt. Er bezeichnet sich selbst als heimatlos, erfindet sich schließlich neu in der Punk-Rock-Szene: Kleidung schneidern, Comics malen und eigene Musik machen. Im Buch „Pudels Kern“ reflektiert er seine späte Jugendphase. Der Bruder ist bereits ausgeflogen, da verlässt auch Schamoni sein Heimatdorf. Nach Hamburg Sankt Pauli soll es gehen. Sein Auszug ist ein Sprung ins Leere – ohne Plan und ohne Ziel. In Erinnerungen schwelgend erzählt Schamoni von Nächten im „Totenschiff“ – Hamburgs Punk-Rock Club Nummer 1 – und vom Nachhauseweg durch den Kiez in die Schanze, nackt unterm langen schwarzen Ledermantel. Immer wieder präsentiert er dem Publikum a cappella seine ersten Songs und nimmt sich dabei selbst nicht allzu ernst. Damals waren seine Songs ihrer Zeit voraus, heute wären sie sicherlich Hits geworden, meint er so überzeugend, dass kein Raum für Zweifel bleibt. Als Pausenakt der Toten Hosen, die Rocko Schamoni liebevoll „Hosis“ nennt, wird er mit Gemüse beworfen. Auch hinter den Kulissen ging es wild zu: Das Waschbecken im Zimmer wurde regelmäßig als Toilette benutzt. Gab’s kein Waschbecken, musste der Schrank herhalten. In der Bar an den Tresen pinkeln? Nun ja, kam vor. Musikalisch wird es, als Schamoni mit seinem alten Produzenten Michael Beckmann Songs aus alten Bandzeiten performt.
Nach der Pause tauscht Schamoni, zur großen Freude des Publikums, seinen Hamburg-Slang kurzzeitig gegen bayerischen Dialekt aus. Auch sonst scheint sich der Norddeutsche in Bayern wohlzufühlen. Über Regensburger Bier hat er sich zumindest sichtlich gefreut. Nur die Anreise mit der Bahn klappte nicht ganz, wie er es sich gewünscht hätte. Selbst für Menschen wie Schamoni macht die Deutsche Bahn also keine Pünktlichkeitsausnahmen.
Zurück in die Hamburger Punk- und Undergroundszene: Schamonis Karriere hat Fahrt aufgenommen. Die eigene Band ist gegründet, der erste Plattenvertrag in der Tasche, ein komplettes Album aufgenommen. Für das große Titelbild auf der „Bravo“ hat es nie gereicht. Aber bei einer Ausgabe hat zumindest sein Gesicht aus dem „O“ des „Bravo“-Schriftzugs herausgeschaut. Trotzdem wurde er nicht der Nachfolger der Ärzte. Seine Platten stapelten sich im Lager, zur Vernichtung freigegeben, geschreddert und zu Parkbänken verarbeitet.
Rocko Schamoni beendet den Abend mit der Erinnerung an die Eröffnung seines eigenen Clubs im Hamburger Hafen. „Goldener Pudelclub“ heißt der und so wird auch der Buchtitel klar. Trotz gescheiterter Musikkarriere ist Schamoni stolz und glücklich, fühlt sich im Leben angekommen.
Im Anschluss an die Lesung signiert er noch Bücher und wirbt für Schmuck aus seiner „Scheiße-Kollektion“ – für alle, wie er sagt, die mit der Bahn fahren müssen. Mittelbayerische Zeitung, 78.6.2024
Vom Regen in die Mälze
Ersatzkonzert für Regensburger Jahninselfest ein Erfolg
Am Freitag wurde das Jahninselfest wegen der Hochwasserlage und Dauerregen abgesagt. In der Alten Mälzerei gab es ein Ersatzkonzert am Samstagabend. Was dort geboten war.
Von Isabella Rutherford
Die Sonne strahlt, die Flaschen und Gläser klingen beim Anstoßen und von weitem hört man schon die durchdringenden Riffs auf Punk und Rock'N'Roll gestriegelter Gitarren - so hätte man sich das Ganze zumindest vorgestellt. Doch tatsächlich kam es für das Jahninselfest 2024 anders, denn wegen des Dauerregens und der Hochwassergefahr wurde es am Freitag abgesagt. Ein kleines Trostpflaster war das Ersatzkonzert am Samstagabend in der Alten Mälzerei. Für ein "abgespecktes" Programm gestaltete sich der Abend jedoch tatsächlich "ziemlich fett", wie ein Gast den Abend zusammenfasste. Nach Einlass war bereits klar, dass die Fans es ernst meinten: "Punk's not dead". Immer mehr Gäste, Punk- und Alternativ-Begeisterte jeden Alters kamen.
Für die spontane Möglichkeit, nun doch spielen zu können, waren die Bands sichtlich dankbar. Die "Soviet Space Dogs" boten mit sauberem Skate-Punk zum Mitfeiern einen lautstarken Auftakt. Mit der kehlig-vollen Stimme der Frontfrau gaben sie eine aktive Bühnenshow zum Besten, mit der auch Bewegungsdrang bei den Fans geweckt wurde. Das Besondere bei der bereits im Regensburger Raum in der Szene bekannten Band: Der Kontrast des fast souligen Gesangs zu den schrillen Klängen der Instrumente.
So straff getaktet die Show war, war spätestens nach der ersten Band klar, dass sich das Ganze zeitlich doch nach hinten verschieben würde. Nach dem donnernden Show-Start ging es weiter mit Female-Power-Punk von den "Grippers". Extra aus Spanien angereist, ließen die es sich nicht nehmen, in der Mälze junge und alteingesessene Oldschool-Fans mit ihrem starken Rock'N'Roll-Einfluss zu begeistern.
Als die zwei österreichischen Energiebündel von "Heckspoiler" dann - ganz in weißen Rollkragenpullovern - etwas verspätet die Verstärker zum Glühen brachten, gab es kein Halten mehr: Mit Rums und Rumble - natürlich nur im spaßigen Sinne - ging das Pogen los. Vor fast genau zwei Jahren haben der Bassist und der Drummer ihr Album "Tokyo Drift" herausgebracht und sprechen damit auch sozialkritische Themen in ihrem oberösterreichischen Schmäh an. Mit "Uh, ah, alles im Arsch!" heizten sie die Menge zunächst auf, danach folgten klare Worte des Sängers und Bassisten gegen Faschismus und rechtes Gedankengut als Einleitung zum nächsten Song: "Wir sind wir, so wie wir sind, wir brauchen keine Nazisau!"
Kurz nach neun dröhnte dann der ganze Boden des Clubs der Alten Mälze: Mit "The Dead End Kids" war eine weitere female-fronted Band am Start, zu der sogar lokale Punk-Größen wie Julia Melzer von "Erection" im Publikum zu sehen waren. Die powervollen Stimmen der Gitarristin und der Drummerin in den Backing Vocals - sowie ihr schmuckes Outfit frei nach ihrem Motto des "Glitzerpowerpunk" - brachten auch den letzten Rest zum Tanzen.
Die Band "Snuff" aus dem Vereinigten Königreich gab sich zum krönenden Abschluss die Ehre: Groß in der Tourwelt unterwegs, machten sie auch Halt für das Jahninselfest - und nun eben für die Ersatzveranstaltung. Die für ihre teilweise unverhältnismäßig langen Song- und Albumtitel bekannte Band gab Vollgas: Von wildem Rumgehüpfe über Pogen bis gedankenverlorenem Wiegen im Bassgewummer war alles dabei, es war volles Haus: "Es ist momentan alles so viel mit spontaner Orga und die Leute… - Wahnsinn! Geil ist es!", kann Florian Gmeiner von Scants of Grace Performance, der Organisation des Festivals, das Ganze kaum in Worte fassen.
Tatsächlich haben "Snuff" mit ihrem Programm sogar fast die Zeit überholt, sogar noch vier Minuten vor Mitternacht und dem offiziellen Ende des Konzerts gingen die Musiker zwischen verschwitzten Tanzwütigen von der Bühne. Danach gab es noch hier und da Gespräche, einzelne Grüppchen bei den Merch-Ständen und kühles Bier - während draußen im Regen die Fluten der Donau die Jahninsel immer weiter verschluckten. Regensburger Zeitung, 2.6.2024
Max Goldt: Texte, die einfach richtig gut flutschen
Der Schriftsteller las vor allem aus seinem Comic-Werk – und stiftet hin und wieder Momente der Verwirrung.
Von Peter Geiger
Normalerweise gilt: Über eine Veranstaltung zu schreiben, bei der ein Kolumnist seine Arbeiten vorstellt, das ist vergleichbar mit jener Situation, die in Bayern gemeinhin als „gmahde Wies’n“ bezeichnet wird. Oder die kuhzureitende Amis kaugummikauend mit einem legeren „As simple as that“ kommentieren. Denn als Chronist muss man für gewöhnlich nur ein paar Schlüsselwörter mitnotieren, um so seinem eigenen Lesepublikum erfolgreich eine Ahnung davon zu vermitteln, wie breit das thematische Spektrum war. Und welche gedanklichen Tiefen dieses Unterfangen in Kombination mit der Anzahl der Lacher erreichte. Copy, paste und Konjunktion – fertig ist die Rezension.
Nichts für Flachlandtiroler
Trotz jahrelanger Erfahrung in diesem Mitschreibbusiness muss der Chronist im Falle von Max Goldt gestehen: Diese Wiese, sie ist ganz anderer Natur. Sie kann nicht einfach im Vorübergehen an einem wolkenverhangenen Nachmittag nach dem Motto „mir nichts, dir nichts“ abrasiert werden. Und anschließend das Heu in Gestalt von Nacherzählung eingefahren werden, um daraus journalistisches Katzengold zu spinnen. Was fast ein bisschen schade ist, denn wäre der Rezensent privat da gewesen, er hätte sich ganz einfach köstlich amüsiert. Aber um diesen zweiteiligen und dabei ziemlich komplexen Abend abzubilden, das ist nichts für Flachlandtiroler, dazu bedarf es eben dann des Einsatzes von Spezialwerkzeug und denkbar leichtem Gerät. Denn diese Wiese, diese Goldt’schen Textflächenlandschaften – Kolumnen zum einen, Comicstrips zum anderen – sie sind ausgestattet mit Maulwurfshügeln, die flugs zu Sprungschanzen mutieren und warten auf mit gleichzeitigen Unterminierungen, in denen man sich als etwaig unaufmerksamer Zuhörer verfangen kann. Max Goldt verwendet Sprache und Floskeln, die eines Thomas Mann würdig sind. Zitiert Benn. Und sieht im Profil manchmal aus, als wäre er der Bruder von Roland Kaiser.
Mysteriöse „Zuckerlsaugergesellschaft“
In der Alten Mälzerei war er mindestens schon zehn Mal, sagt er. Und kommentiert, natürlich nicht frei von Selbstironie, dass sich heute wohl deshalb nicht so viel Publikum wie üblich versammelt hätte, weil ja schließlich Dult sei. Wie groß die Zahl derjenigen war, denen die Entscheidung „Bierzelt“ oder „Mälzerei“, „Predator“ oder „intellektuelles Top-Vergnügen“ Kopfzerbrechen bereitete, das ist einem Mann, der die Berufsbezeichnung „Humorschriftsteller“ „ganz scheußlich“ findet und sich lieber als „Stilist“ bezeichnen lässt, ganz bestimmt kloßbrühenklar. Aber gerade die von ihm gestifteten Momente der Verwirrung – wenn er etwa einen Text liest, den er fürs anstehende „Black Humour Festival“ in Linz vorbereitet hat (in dem von einer sehr mysteriösen „ostoberösterreichischen Zuckerlsaugergesellschaft“ die Rede ist) oder jenem Weihnachtsmarkttext, von dem er sagt, er hätte ihn aus dem eigenen Giftschrank befreit, erweisen sich als die Gewinner dieses Abends. Daneben hat er das im Angebot, was er als „Texte, die richtig gut flutschen“ bezeichnet: Kolumnenklassiker wie den über die feinen Unterschiede von Zufriedenheit und Glück. Nach knapp zwei Stunden vermag diese Gemütszustände niemand zu unterscheiden, sie vermengen sich wie weißes Limo und Bier zum Radler. Alles fließt. Reines Wohlbefinden! Mittelbayerische Zeitung, 18.5.2024
Alte Mälzerei feiert Geburtstag
Kulturzentrum ist auch Ort der Begegnung
Die Mälze feiert Geburtstag. Seit 1988 und stets am Puls der Zeit verläuft im Kulturzentrum Alte Mälzerei die Feldforschung aus Konzerten, Kabarett, Theater, Lesungen und zeitgenössischem Tanz. Die Mission in den alten Gemäuern des ehemaligen Brauereigebäudes: gepflegte kulturelle Nahversorgung mit heimischen und internationalen Größen und Förderung der jungen Szene in allen Bereichen.
Rund 150 Live-Veranstaltungen gehen jährlich über die Mälzerei-Bühnen. Zum laufenden Programm kommen immer wieder neue Projekte, Veranstaltungsreihen und Festivals: Vom Kleinkunstfestival über die Regensburger Tanztage bis zum Regensburg Popkultur Festival. Von der Heimspiel-Reihe für regionale Bands über den U20-Poetry Slam und die Sommertanztage bis zum Kabarett-Nachwuchs-Preis. Dabei ist die Alte Mälzerei nicht nur Veranstaltungs- sondern auch Produktionsstätte und kreatives Zentrum und bietet ein umfangreiches Kurs- und Fortbildungsangebot.
Auf den vier Etagen und in mehr als 20 Räumen des Gebäudes sind regelmäßig Menschen in den unterschiedlichen Sparten aktiv - von den Musikerübungsräumen über die Künstlerateliers bis zum Theatersaal. Als wichtiger Ort der Kommunikation und Begegnung ist das Kulturzentrum auch ein Identitätspunkt für den gesamten Stadtteil. In den letzten Jahren wurde die Alte Mälzerei vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien zweimal mit dem Spielstättenprogrammpreis ausgezeichnet. Ein Preis auf den das Team um Hans Krottenthaler, Elke Straubinger, Roland Dachs, Stefan Glufke, Susanne Müller, Melanie Stich und Yannick Twelkmeyer sehr stolz ist.
Party auf drei Etagen
Einst als Überlebensfest gefeiert, ist die große Mälze-Geburtstagsparty am 30.4. längst zur Tradition geworden. Zum Line Up gehören diesmal auf der Clubbühne die Party-Giganten von Jamaram meets Jahcoustix und ihrer großartigen Live-Show aus Reggae, Dubwise und Modern Roots. Danach folgt DJ BUZMAN mit Funk, Reggae, Boom Bap und HipHop. Im Underground sorgt mit AERA TIRET eine der derzeit aufregendsten audiovisuellen Live-Electronic-Bands für sphärische Klanglandschaften und Urban Beats. Anschließend verbindet das DJ-Duo SURV diverse Stilrichtungen, Kulturen und Genres wie Pop, Dance, Funk, Indie, Disco und House. Und im Theatersaal lässt das wunderbare Kollektiv LA MER SAUVAGE mit dem Besten aus Techno, House und Electronica die Nacht pulsieren! Visuals kommen von RMO. Geburtstagskinder haben freien Eintritt. Infos und Tickets unter www.alte-maelzerei.de Regensburger Zeitung, 27.4.2024
Eignet sich das frühere Porsche-Zentrum als Eventhalle für Regensburg?
Veranstaltungen statt Edel-Sportwagen? Die Brücke Stadtratsfraktion hat eine Idee für die Neunutzung des früheren Regensburger Porsche-Zentrums.
Rainer Wendl
Die Jepsen-Autogruppe ist auf der Suche nach einer neuen Nutzung für das aktuell leerstehende ehemalige Porsche-Zentrum in der Merowingerstraße/Johann-Hösl-Straße im Stadtsüden. Die entsprechende Berichterestattung in der Mittelbayerischen hat die Brücke-Stadtratsfraktion auf eine Idee gebracht:
Sie will prüfen lassen, ob sich das einstige Autohaus als städtischer Veranstaltungsort für kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse eignet. Zu diesem Zweck soll die Stadtverwaltung bei den Eigentümern der Immobilie vorfühlen.
Die Initiative für diesen Vorschlag kommt von Stadtrat Thomas Mayr. In seinen Augen hätte das frühere Porsche-Zentrum das Potenzial, den in Regensburg bestehenden Mangel an mittelgroßen Veranstaltungshallen zu lindern. Weitere Vorzüge: Die nächste Wohnbebauung ist einigermaßen weit weg, während die riesigen Parkplatzflächen des Jahnstadions nur einen Katzensprung über die Autobahnbrücke entfernt liegen.
„Spannende Geschichte“
Mayr ist überzeugt, dass die von ihm angedachte Nutzung „nicht nur der lokalen Kulturszene zugutekommen würde, sondern auch zur Attraktivität unserer Stadt als Veranstaltungsort beitragen könnte“. Als mögliche Nutznießer erwähnt er die Alte Mälzerei und den Jazzclub.
Mälze-Geschäftsführer Hans Krottenthaler ist durchaus angetan von dem Vorstoß. Das Gebäude hat seiner Meinung nach genau die richtige Größe, um Events für 500 bis 1000 Besucher beherbergen zu können. „Und es sieht von außen sehr cool aus. Das wäre eine spannende Geschichte.“
Wie hoch der bauliche Aufwand für eine Umnutzung wäre, kann Krottenthaler freilich nicht abschätzen. Zudem weiß er nach den Erfahrungen aus den Nuller-Jahren, als mit dem Kulturspeicher in der Bruderwöhrdstraße eine Konzerthalle dieser Größe zur Verfügung stand, dass für einen kostendeckenden Betrieb eine hohe Auslastung nötig wäre. Doch reizvoll fände er das Projekt allemal, weshalb er sagt: „Die Initiative ist sehr begrüßenswert. Wir würden uns freuen – und andere sicher auch.“
Defizit in Sachen Veranstaltungen
Zu diesen „anderen“ gehört der Jazzclub. Vorstandsmitglied Bernhard Lindner kann die Diagnose von Brücke-Stadtrat Mayr teilen. „In Sachen Veranstaltungssäle hat Regensburg ein Defizit.“ Zwischen dem Leeren Beutel mit einer Kapazität von maximal 250 Plätzen und dem Audimax mit 1500 gebe es nach dem Wegfall des Antoniushauses so gut wie kein Angebot mehr. „Bedarf ist sicher da. Aber vor allem halt in der Innenstadt.“
Dass ein Mangel an mittelgroßen Hallen herrscht, bestätigt auch Michael Lehner. Der Chef der CSU-Stadtratsfraktion hält aber wie Lindner die Lage für wichtig. „Beim früheren Porsche-Zentrum gibt es keine Hotel-Infrastruktur, für Kongresse wäre der Standort daher schon mal nicht geeignet.“
Anders als Mayr sieht er zudem das Thema Nachbarschaft und verweist auf die südlich der Otto-Hahn-Straße entstehende Neubebauung: „Die ist zwar bei Weitem nicht so nah dran wie beim Marinaforum, wo es sicher nicht die allerklügste Entscheidung war, so dicht hinzubauen. Doch völlig ohne Anwohner ist auch das Porsche-Zentrum nicht.“
Lehner schaut genauer hin
Lehner bezeichnet die Brücke-Idee daher als „nicht völlig schlecht“, meint aber: „Wenn man genauer hinschaut, tun sich viele Fragen auf. Vor allem hätte ich zuerst mit den Eigentümern geredet." Die wollten Einnahmen generieren − und für die Stadt wären die Kosten enorm. Laut Immobilienanzeigen stellt sich die Jepsen-Autogruppe eine Monatsmiete von 39 000 Euro vor.
„Ob sich das wirtschaftlich vertretbar darstellen ließe?“, fragt SPD-Fraktionschef Thomas Burger und gibt die Antwort gleich selbst: „Das ist eine schnelle Idee aus der Hüfte, die charmant klingt – aber ich bin skeptisch. Eigentlich suchen wir als Stadt ja gerade nach Einspar-Möglichkeiten.“
Tot ist die Brücke-Initiative dennoch nicht, betonen Burger und Lehner. Sofern eine Vorprüfung der Verwaltung positiv ausfalle, könne demnächst im Kulturausschuss darüber diskutiert werden.
Mittelbayerische Zeitung, 25.4.2024
Komiker-Duo Ulan & Bator begeistert mit „Krazy Kabarett“ in der Alten Mälzerei
„Krazy Kabarett“ mit dem Komiker-Duo Ulan & Bator: In Regensburg zeigten sie ihr preisgekröntes Programm.
Hannah Eder
Es ist wieder Kleinkunstfrühling in der Alten Mälzerei. Im Hintergrund spielt leise Loungemusik, zwei ernsthaft dreinblickende Herren in grauen Anzügen treten auf die Bühne und setzen sich auf die bereitgestellten Stühle. Man wartet gespannt, bis es losgeht. Wer hier auf wen wartet, ist allerdings nicht ganz klar. Zur Sicherheit wird im Publikum zaghaft geklatscht. Die beiden Herren klatschen ebenfalls. Hoppla, was nun?
Die beiden Herren, das sind Sebastian Rüger und Frank Smilgies, die sich Anfang der 2000er Jahre nach ihrem Schauspielstudium und Engagements an diversen Theatern als Kabarett-Duo Ulan & Bator zusammengefunden haben. Wer von ihnen Ulan und wer Bator ist, bedarf noch finaler Klärung. Mit ihrem Programm „ZuKunst“, für das das Duo 2022 mit dem deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde, gastierten sie vergangenen Samstag in Regensburg.
Ernsthaft bleibt es dabei nicht lange. Sobald die Kabarettisten nämlich ihre charakteristischen gestreiften Mützen aufsetzen, entspinnt sich vor den Augen des Publikums ein wahnsinniger Fiebertraum. In kurzen, episodischen Sketchen jagt eine Absurdität die nächste. Aus dem Sportgeschäft geht es in die Bahn, die Sportschau, die schwedische Akademie der Wissenschaften – der kreativen Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Zwischendurch fallen große Namen – Borchert, Žižek, Van Gogh – und es schleicht sich das Gefühl ein, dass man die philosophische Tiefe mancher Sketche nur erahnen kann. Andere Gags dagegen, wie die Zitronenfalter im Gleisbett vor Berlin-Südkreuz, warten mit eingängigerem, aber nicht weniger kreativem Humor auf.
Ulan & Bator verhandeln an diesem Abend menschliche Verfehlungen aller Art – von fingierten Ehekrisen oder den Unzulänglichkeiten des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs bis hin zum individualistischen Geltungsbedürfnis der Menschheit. Ganz nach Brecht’scher Manier spielen die beiden Mützenträger in einer konzertierten Mischung aus groteskem Theater, musikalischen Einlagen und hochkomplexem Humor mit der Irritation des Publikums. Allein die lautmalerische und pantomimische Gestaltung einzelner Sketche ist ein Genuss.
Nicht nur die Stimme, sondern der gesamte Körper wird hier zur Projektionsfläche für Absurditäten aller Art. Da ist zum Beispiel der gefährlich geifernde „Zwerg aus Käse“, das pelzige Überbleibsel eines lange übersehenen Mindesthaltbarkeitsdatums im Kühlschrank, der von Rüger zum „fleischgewordenen Symbol unserer menschlichen Verfehlung“ inszeniert wird. Oder die Kostprobe aus dem fiktiven modernen Opus „Gaumensegel Dekonstruktion“, bei dem das Duo ekstatisch mit ihren Stühlen über das Parkett der Alten Mälzerei schrammt.
Ganz nebenbei kratzen sie auch an der Frage, die bereits im Titel des Programms mitschwingt: Was gilt denn eigentlich als Kunst und Kultur? Besonders kritisch nehmen sie sich der seichten deutschen Abendunterhaltung an, verbannen Rosamunde Pilcher kurzerhand ins Jenseits und Veronica Ferres ins Kloster. Bierzelt-Schlager und Deutschpop werden in schrägen Gesangseinlagen bis kurz vor die Unkenntlichkeit verzerrt und das literarische Quartett erfährt eine skurrile Neuauflage. Viele der dargestellten Szenarien wecken trotz ihrer Skurrilität klare Assoziationen zum Alltagsgeschehen.
Sie sind gekommen, um die Grenzen der Realität auszuhebeln – und beim abschließenden begeisterten Applaus des Publikums, zeigt sich, das hat fabelhaft funktioniert. Nachdem sie die Mützen wieder abgenommen haben, folgt die Rückkehr ins Jetzt. Doch der nächste Fiebertraum steht kurz bevor, denn ein neues Programm ist bereits ausgeheckt: Mit „UndSinn“ werden Ulan & Bator am 24. Mai im Lustspielhaus München Premiere feiern. Mittelbayerische Zeitung, 25.3.2024
„FameLab“ - Science-Slam in Regensburg:
Drei Minuten Spaß an der Wissenschaft
Wissenschaft hat keinen Unterhaltungswert? Beim Science-Slam „FameLab“ in der Alten Mälzerei wurde das Gegenteil bewiesen.
Alexandra Wessel
Für verblüffende Phänomene und verrückte Fragen ist man beim Science-Slam „FameLab“ richtig: Live auf der Bühne präsentierten die Kandidaten des wissenschaftlichen Kurzvortragsturniers ihre Forschungsthemen. Je drei Minuten blieb den vier Teilnehmern, um die Zuschauer zu überzeugen.
Am Dienstagabend war die Alte Mälzerei voller begeisterter Zuhörer beim eintrittsfreien „FameLab“. Unter großem Applaus überraschten die Kandidaten mit viel Humor und Kreativität das Publikum mit ihren Slams. Auf jeden dreiminütigen Slam folgte eine kurze Fragerunde mit den vier Juroren.
Science und Spaß
Veranstalter ist das Stadtmarketing Regensburg. Die Projektleitung übernahm Lisa Meyer (Stadtmarketing Regensburg). Stella Agomor geleitete als Moderatorin durch den Abend. Michael Quast, Geschäftsführer von Stadtmarketing Regensburg e.V., begrüßte alle zu Beginn der zehnten Ausgabe von FameLab – auch in Vertretung der Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Für den Bayern-Vorentscheid kamen die Teilnehmer aus ganz Bayern nach Regensburg. Weiter geht es mit dem Deutschland-Finale in Bielefeld.
Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Stadt Regensburg, BioPark Regensburg GmbH, Continental Automotive Technologies GmbH und Vector Informatik GmbH. Die diesjährige Jury bestand aus Professor Christoph Skornia (OTH-Vizepräsident für Digitalisierung und Nachhaltigkeit), Thomas Diefenthal (Geschäftsführer BioPark Regensburg GmbH), Pia Vornholt (Theater Regensburg, Dramaturgin für Musiktheater und Konzert) und Professor Susanne Leist (Vizepräsidentin Universität Regensburg).
Unter den vier Teilnehmern waren Alissa Wieberneit, Claudio Paganini, Michael Lößl (alle drei Universität Regensburg) und Marco Gustav (Technische Universität Dresden). Wieberneits Thema „Spinning-Man: Into the (Nano-)Fiber-Verse“ beschäftigte sich mit negativ bzw. positiv geladenen Nanofasern und Antigen-Selbsttests (Beispiel Corona-Virus). Drei Regensburger dabei
Paganini demonstrierte mit „I have a theory!“ das Aufstellen bzw. Entkräften von wissenschaftlichen Theorien, Lößl zeigte mit „Liposome – kleine Bläschen, große Signale“, wie kleine Fettbläschen (Liposome) beispielsweise beim Antigen-Selbsttest (Corona) helfen können.
Gustav ging unter dem Titel „Ich sehe was, was Du nicht siehst? KI in der Histopathologie“ auf die Unterstützung von Kliniken durch die KI ein, zum Beispiel beim Erkennen von Krebszellen bei MRT-Bildern.
Mittelbayerische Zeitung, 20.3.2024
Kleinkunstfrühling mit Mützenträgern und Plaudertaschen
Die Alte Mälzerei bietet Kabarett, Comedy und Satire mit Preisträgern und Newcomern. Neu ist ein Slam-Format.
Von Katharina Kellner
Das Wort „Einbauküche“ eignet sich für Komik – eine gewisse Spießigkeit schwingt mit, zudem sind Verwerfungen für Paarbeziehungen vorprogrammiert. Doch wie steht es um das komische Potenzial des Wortpaars „keine Einbauküche“? Dass dieses erstaunlich hoch ist, wenn man Talent für absurden Nonsens mitbringt, zeigen Ulan & Bator. Das Duo mit den Pudelmützen macht in einer großartigen Kabarett-Nummer vor, wie man ein aberwitziges Verkaufsgespräch darüber führt, keine Einbauküche kaufen zu wollen.
Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, freut sich auf das vielfach preisgekrönte Duo. Ulan & Bator bedienten nicht den Mainstream, sondern mit ihrer Vorliebe für wilde Assoziationen die Freunde skurrilen Humors. Das Duo kommt vom Theater. In Regensburg treten Ulan & Bator am 23. März mit dem Programm „Zukunst“ beim Kleinkunstfrühling 2024 der Mälzerei auf. Krottenthaler hat eine überraschende Begründung parat, warum man den Kleinkunstfrühling auf keinen Fall verpassen sollte: Dieser sei gesundheitsfördernd. Krottenthaler verweist auf ein Interview mit Volker Busch, das er kürzlich in der MZ gelesen hat. Der Neurowissenschaftler aus Regensburg hatte Humor explizit als wirksame Strategie gegen psychische Belastungen empfohlen. Krottenthaler sagt mit Blick auf aktuelle Krisen: „Humor hat etwas Befreiendes, Auflockerndes und hilft gegen Stress.“ Recht hat er.
Geheimnisvolle Botschaften im Bushäuschen
Der Kleinkunstfrühling biete eine Auswahl interessanter Künstlerinnen und Künstler aus Kabarett, Comedy und Satire. Die Auftretenden seien entweder mit dem Deutschen oder dem Bayerischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Mit dem „Comedy Slam“ am 17. April gibt es zudem einen Abend, bei dem das Publikum aktiv mitmischen darf. Fünf Newcomer treten hier an. Das Publikum entscheidet über die Comedienne oder den Comedian des Abends. Damit knüpft die Mälze an ihr Aushängeschild, den Poetry Slam an, der quasi jeden Freitagabend ausverkauft ist. „Der Comedy-Abend gibt den Jungen Gelegenheit, unter ernsthaften Bedingungen, aber mit einem Augenzwinkern aufzutreten“, sagt Hans Krottenthaler. Der Wettstreit biete Spannung für das Publikum, während die Comedians zeigen wollten, „was sie drauf haben“.
Zwei Schwergewichte der deutschen Kabarettszene eröffnen die Reihe: Till Reiners und Luise Kinseher treten beide im Marinaforum Regensburg auf. Die Veranstaltung mit Reiners am 8. März ist bereits ausverkauft. Kinseher ist am 9. März mit ihrem Programm „Wände streichen, Segel setzen“ zu erleben, in dem sich für die Kabarettistin überraschend der Boden unter den Füßen auftut. Konfrontiert mit einem Seerosenteich im Wohnzimmer muss sie sehen, wie sie damit klarkommt.
„Begnadete Plaudertasche“, „Philosoph unter den deutschen Comedians“ – so bezeichnen Kritiker Jan Philipp Zymny. Der findet Inspiration für seinen Mix aus Lesung, Stand-Up, Vortrag und Kabarett zum Beispiel auf rätselhaften Botschaften in Bushäuschen. In der Mälze macht er am 11. April „Quantenheilung durch Stand-Up-Comedy“ und richtet sich dabei an jene, „denen gewöhnliche Comedy zu doof, Philosophie zu anstrengend und die Realität zu langweilig ist“.
Den zehnten Geburtstag feiert das Musikcomedy-Duo „Suchtpotenzial“ im „Bällebad Forever“. Ariane Müller, Pianistin aus Ulm und Julia Gámez Martin, Sängerin aus Berlin, lassen auf der Bühne schon mal die Fetzen fliegen. Beim letzten Mälze-Auftritt habe der Saal getobt, erzählt Krottenthaler: „Die beiden sind unglaublich witzig, schlagfertig und musikalisch. Sie haben es drauf, die Stimmung richtig aufzuheizen.“ Das Frauen-Duo sei im immer noch männerdominierten Bereich Kabarett und Comedy „richtig stark und mischt die Szene auf“.
Scharf, humorvoll und zugleich berührend sind die Auftritte von Jean-Philipp Kindler. „Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, ist ihm Bedürfnis“, sagt Krottenthaler, der sich über einen sehr jungen Kabarettisten freut, der dezidiert politisch und dabei authentisch ist. Kindler, geboren 1996 in Duisburg, kommt vom Poetry Slam her und ist Satiriker, Moderator und Autor. In der Mälzerei stellt er sein neues Programm „Klassentreffen“ vor und bringt den Comedian Abdul Kader Chahin als Gast mit.
Amüsante Taxifahrt
Zum Abschluss der Reihe hat Kabarettpreisträgerin Eva Karl Faltermeier am 10. Juni im Antoniushaus ein Heimspiel. Die Lokalmatadorin erzählt gerne Geschichten aus dem Leben – mit ihrem Solo „Taxi, Uhr läuft“ nimmt sie das Publikum mit auf eine Fahrt durch die Irrungen des Alltags mit Beruf und Kindern. Mit dabei ist der bayerische Kabarettist und Wortakrobat Bumillo. Karten in der Alten Mälzerei und auf www.alte-maelzerei.de Mittelbayerische Zeitung, 5.3.2024
Maxi Pongratz in Regensburg: Schräge Lieder eines Unverkorksten
Der Sänger und Akkordeonist aus Oberbayern gibt Einblick in sein Leben und zeigt uns die Welt mit einem Blick, wie ihn Kinder haben: offen und ungekünstelt.
Von Michael Scheiner
Was haben sich Medienleute nicht schon abgemüht, um für Maxi Pongratz ein Kastl zu finden, wo er reinpasst: Musikanarchist, Polka-Krautrocker, Folk-Volksmusiker. Letztlich ist der Oberammergauer immer entschlüpft, ausgebüxt, hat den nächsten Schritt getan und neue Türen aufgestoßen.
Vielleicht kommt man dem Sänger und Akkordeonisten ein wenig näher, wenn man in ihm eine männliche Alice erkennt. Eine, die statt im Wunderland auf immer neue Seltsamkeiten zu treffen, im katholischen Oberbayern ins Leben geworfen worden ist. Und dort stößt Maxi-Alice vom „Death Valley“, wie ein Song heißt, und den Passionsspielen, von der „Gärtnerlehre“ und der Angstschweiß auslösenden Altöttinger Musikschule bis zum trotzigen „Lebenserwartungsblues“ auf reichlich reale Ungereimtheiten. Daran und an seinem Vater – Maurer und Passionsspiel-Aktivist – kämpft und strampelt sich Maxi Pongratz ab.
Aus diesen Erfahrungen und Eindrücken destilliert der 37-jährige Musiker heute seine Lieder und Instrumentalstücke. Erst mit der Blasmusik-Gruppe Kofelgschroa, benannt nach dem Hausberg der Oberammergauer, und, nachdem die Band auf Eis gelegt war, als Solokünstler. Im Ostentor-Kino stellte er nun Lieder und Geschichten aus seinen drei eigenen Alben vor, die er, unterstützt von befreundeten Musikern, in den letzten Jahren beim Münchner Trikont-Label herausgebracht hat. Musikalisch begleitet wurde er im Kinosaal von Simon Ackermann, der mit sanftem Groove Pongratz’ Musik am Kontrabass einfühlsam unterfütterte.
Im „Augenlied“ – nicht zu verwechseln mit dem Augenlid, das auch seinen Auftritt hat – konstatiert Maxi Pongratz staunend, dass die Augen „ununterbrochen schauen / rund um die Uhr“ und mit den „Wimpern klimpern im Augenlied-Takt“. Es ist dieser umgedrehte Blick auf und in die Welt, die den Musiker, der zwischen Obergiesing und Oberammergau pendelt, in die Nähe von Karl Valentin und der Dadaisten rückt. Ein Blick, wie ihn Kinder oder eben Alice haben. Diese Perspektive lässt die instrumentalen Stücke und Passagen auf dem Akkordeon manchmal so selbstvergessen klingen, dass man beim Zuhören wie von selbst ebenfalls darin versinkt. Pongratz öffnet in seinen Liedern eine skurrile Sicht auf die Welt und ihre alltäglichen Absonderlichkeiten.
Der Musiker lässt die Zuhörer in sich selbst hineinblicken. Er singt von seinen Ängsten, die er „begrüßt wie Freunde“, und von seinen Leiden. Die sind auch nicht annähernd so schlimm, wie vieles, was Menschen aktuell in vielen anderen Regionen der Welt und unter teils furchtbaren Umständen erleben müssen. Pongratz’ Leiden hängt an seiner Unfähigkeit fest, sich zu entscheiden, und das kostet er aus, subtil, selbstironisch, schonungslos und reflektiert. Auch in seinen manchmal gestopselten und nur mühsam nachvollziehbaren Moderationen geht er offen und ohne eine Spur von Koketterie mit seinem Stottern und seinen inneren Befindlichkeiten um. Das hat gelegentlich fast therapeutischen Charakter, ist aber nur das, was prominenteren Menschen oft abgeht – ein ehrlicher und unverkorkster Umgang mit sich selbst.
So gesehen kann Maxi Pongratz vielleicht sogar ein Vorbild sein, menschlich, aber auch musikalisch und künstlerisch mit seinen wundervoll kantigen und schrägen Liedern zwischen Volksmusik, Schlager und Pop. Mittelbayerische Zeitung, 29.2.2024
Hochkarätiges Kabarett
Kulturzentrum Alte Mälzerei präsentiert Kleinkunstfrühling Regensburg 2024
Unter dem Motto „Kleinkunstfrühling Regensburg 2024“ vereint das Kulturzentrum Alte Mälzerei zum Frühlingsbeginn eine Auswahl herausragender Künstler aus den Bereichen Kabarett, Comedy, Satire, Literatur und Musik. Zu erleben sind neben den Bayerischen und Deutschen Kabarettpreisträgern der beiden letzten Jahre auch spannende Neuentdeckungen der Szene.
Den Auftakt macht Till Reiners am 8. März im Marinaforum. Diese Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Darauf folgt am 9. März die mit dem Deutschen Kabarettpreis frisch prämierte Luise Kinseher im Marinaforum. In ihrem neuen Programm „Wände streichen, Segel setzen“ nimmt die begnadete Kabarettistin, Komödiantin und Verwandlungskünstlerin ihr Publikum mit auf eine abenteuerliche Reise zu den Weiten der menschlichen Seele.
Die Kabarettisten Ulan & Bator verbinden am 23. März in der Alten Mälzerei Theater, Musik, Comedy, Improvisation und Wortwitz.
Mit „Quantenheilung durch Stand Up-Comedy“ liefert der Autor und Comedian Jan Philipp Zymny am 11. April in der Alten Mälzerei ganz erstaunliche Erkenntnisse zur Verbesserung des Allgemeinbefindens.
Beim Comedy Slam stellen sich am 17. April in der Alten Mälzerei mehrere Newcomer und Comedians einem gnadenlosen Wettbewerb. Alle Teilnehmer haben maximal zehn Minuten Zeit ihr Talent zu beweisen. Am Ende des Abends entscheidet das Publikum, wer sich als Sieger küren darf.
Deutschlands erfolgreichstes Alkopop-Duo „Suchtpotenzial“ präsentiert am 26. April in der Alten Mälzerei sein „Bällebad Forever“. Das gefeierte Programm verspricht ein Bad in betörender Musik, brutalen Kalauern, bittersüßen Gefühlen und bekloppten Ideen.
Jean-Philipp Kindler gastiert am 9. Mai in der Alten Mälzerei und schafft es wie kaum ein anderer das Politische scharf, humorvoll und zugleich berührend darzustellen. Der inzwischen mehrfach prämierte Künstler stellt sein neues Programm „Klassentreffen“ vor und bringt den Comedian Abdul Kader Chahin als Gast mit.
Zum Abschluss bietet die Kabarettpreisträgerin und Lokalmatadorin Eva Karl Faltermeier am 10. Juni im Antoniushaus in ihrem Solo „Taxi, Uhr läuft.“ eine amüsante Fahrt durch die Irrungen des Lebens. Mit dabei ist der bayerische Kabarettist und Wortakrobat Bumillo.
Alle Vorstellungen des Festivals beginnen um 20 Uhr. Über die einzelnen Vorstellungen des Kleinkunstfrühlings Regensburg 2024 wird an dieser Stelle in den kommenden Wochen noch ausführlich zu lesen sein.
Karten für alle Vorstellungen im Marinaforum und in der Alten Mälzerei sind an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie im Internet unter der Adresse www.alte-maelzerei.de erhältlich. Regensburger Zeitung, 17.2.2024
Mälze präsentiert Februar-Programm
Von Poetry Slam und Tanzkunst bis Brass-Funk und neuer Volksmusik ist alles dabei
Das Kulturzentrum Alte Mälzerei in Regensburg hat wieder ein vielfältiges Programm für den Februar.
Los geht es am 2. Februar um 20 Uhr mit dem beliebten Mälze Poetry Slam. Dieser Dichterwettstreit im Club des Veranstaltungsorts ist Wortsport, ist rasante Darbietung zeitgenössischer Literatur, ist eine Lesung der ganz anderen Art mit Publikumsabstimmung. Der Mälze Slam gehört seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten und beliebtesten Veranstaltungen dieser Art in Süddeutschland. Mitmachen kann wie immer, wer sich am Abend in die Liste der Poeten einträgt. Ob Lyrik oder Prosa, ob ernst oder lustig – jede Textform ist erlaubt, wenn es darum geht, das Publikum für sich zu gewinnen. Voranmeldung für Poeten und Poetinnen möglich unter maelzeslam (at) planetslam.de
Mit rasanter Unterhaltung geht es direkt am 3. Februar weiter. Um 20 Uhr zeigt das Fastfood-Improtheater im Club ihr „Best of“ – das Beste, was die Gruppe zu bieten hat. Seit 1994 gastiert das Fastfood-Theater regelmäßig in der Mälzerei und ihre „Best of Impro-Show“ hat sich längst zum Unterhaltungsklassiker entwickelt. Die Gruppe wurde bereits ausgezeichnet mit dem Publikumspreis der Bayerischen Theatertage. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über sie: „Kann man ein Theaterstück erst auf der Bühne erfinden? Ja, das geht. Aber nur mit einem Ensemble, das die Kunst des Improvisierens bestens beherrscht.“
Von Wortkunst zu Tanzkunst: Am 4. Februar um 15 Uhr im Theater findet das Inklusive Tanztheater statt. Es ist offen für alle, die mitmachen oder zuschauen möchten. Annette Vogel und Laura Meißauer haben mit Tänzerinnen und und Menschen im Rollstuhl das Tanzstück "klapptbestimmt24" geschaffen. Dazu ist auch ein Dokufilm entstanden. An dieses erfolgreiche Projekt knüpfen die beiden Choreografinnen jetzt mit einem regelmäßigen Treffen für Tanzinteressierte an. Eingeladen sind Menschen mit und ohne Behinderung, Tänzer und Laien jeden Alters. Unter geleiteter und freier Improvisation werden kleine Stücke erarbeitet. Treffen sind jeden ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr. Eintritt ist frei.
International wird es am 7. Februar um 20 Uhr im Club mit Che Sudaka. Die Musikgruppe fand sich in Barcelona zusammen und besteht aus Musikern aus Kolumbien und Argentinien. Mit über 2000 Konzerten in 45 Ländern auf allen fünf Kontinenten, positiver Attitüde und Energie und einem unverwechselbaren Sound-Mix aus rebellischer Cumbia, party-fröhlicher Rumba, Ska mit Latino-Einschlag und Punk-Attitüde haben Che Sudaka in den letzten 20 Jahren für ordentlich Furore gesorgt. Mit ihren sozialkritischen Texten hat sich die Band noch ganz nebenbei zum Aushängeschild einer Lebenseinstellung und kulturellen Bewegung gemacht.
Eine besonders waghalsige Liveshow wartet am 21. Februar um 20 Uhr im Club mit Make a Move. Mit einem Mix aus Brass, Funk und Rap, irgendwo zwischen Deichkind und Moop Mama, nehmen Make a Move sämtliche Konzerthallen auseinander. Egal ob kleine Bühne oder großes Festival, bei ihnen wird getanzt, gesungen und geschwitzt. Bei den verrückten Auftritten gibt es Bläser in Tutus, fette Bässe und Gitarren – Und alles wird angeschoben von einem rappenden Drummer im Badeanzug.
Den Abschluss macht am 28. Februar Maxi Pongratz mit einem Konzert um 20 Uhr im Ostentor Kino. Seit 2019 ist der Ex-Kofelgschroa-Musiker solo unterwegs. Seine Konzerte sind ein Besinnen auf die Ursprünge und eine Liebeserklärung an die Volksmusik. Er durchleuchtet mit Akkordeon, Gitarre und Klavier das Leben. Er mischt Folk und Volksmusik und seine dadaistischen und valentinesken Texte sowie sprunghaften und spröden Ansagen runden seine Kompositionen ab. Mittelbayerische Zeitung, 17.1.2024
Konzert des Jahres 2023
Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2023 ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Der Sieger bei der Wahl zum KONZERT DES JAHRES 2023 heißt: THE TIGER LILLIES. Gratulation nach London. Vielen Dank an die Teilnehmer:innen, die bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2023 mitgemacht haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.
Konzerte des Jahres 1996 bis 2023: Stereolab (1996), The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009), Bonaparte (2010), Friska Viljor (2011), Sportfreunde Stiller (2012), The Notwist (2013), La Brass Banda (2014), Fiva & Band (2015), Moop Mama (2016), Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi (2017), Granada (2018), Die Goldenen Zitronen (2019), Buntspecht (2022), The Tiger Lillies (2023)
Konzert des Jahres 2023
Seit 1996 wählen wir das KONZERT DES JAHRES in der Mälze. Nach BUNTSPECHT im letzten Jahr bieten wir für 2023 zur Auswahl: Pablo Brooks, Dekker, Zed Mitchell Band, Truckfighters, Die Sterne, Tram des Balkans & Melissa Zantman, Supercharge, Robocop Kraus, Sharktank, Zustand, Beardyman, Jamaram, Eläkeläiset, Lonely Spring, Il Civetto, The Tiger Lillies, Betterov, Belzebong, ZSK, Afrob, Henrik Freischlader, Popa Chubby, Hammerhead, Poxrucker Sisters, Madeline Juno, Simon & Jan, Folkshilfe, Moop Mama, Kytes, Mola, Bombadil Hotel Rimini, Wonk Unit, Teichmann & Söhne, Klangphonics, Unlimited Culture, Mälze Song Slam Finale … und viele andere.
Unter den Meldungen KONZERT DES JAHRES 2023 per email info@alte-maelzerei.de gibt es wieder Freitickets, u.a. für die große Mälze-Geburtstagsparty, zu gewinnen.
Drei Teichmänner: Vater und Söhne gestalten in Regensburg eine grandiose Session
Von Peter Geiger
Uli Teichmann, vor Kurzem 80 geworden, war ein Pionier des Jazz, seine Söhne Andy und Hannes sind Aushängeschilder elektronischer Musik, international unterwegs. Und alle Drei stellten jetzt ihr höchst hörenswertes Album „Flow“ vor.
Der Bandname Teichmann & Söhne, klingt er nicht so, als handle sich um ein traditionsreiches Familienunternehmen? Um ein örtlich verankertes Handwerksimperium, das mit dem Logo auf der firmeneigenen Kleintransporterflotte unterwegs ist, um verstopfte Abflüsse frei zu spülen, Kurzschlüsse zu beseitigen oder Dachstühle zu zimmern?
Kenner wissen: Die beiden Junior-Chefs, die Söhne Andi und Hannes, sie haben, nachdem sie als Berufsanfänger mit den Bands Totalschaden und Beige GT Pionierarbeit in Sachen Punk und Rock geleistet haben, ihren Unternehmenssitz längst verlagert – und zwar nach Berlin. Dort sind sie in Sachen elektronischer Musik eines der Aushängeschilder. Als DJ-Team legen die Gebrüder Teichmann im Berghain und im Suicide Circus auf. Und sie sind auch, als Interpreten eigener Clubmusik, weltweit im Auftrag des Goetheinstituts unterwegs.
Uli Teichmann ist der Patron. Gerade ist er 80 geworden. Er hat in Zeiten, als es noch einfacher war, einen Jazzclub zu gründen als einen Job als Physiker zu bekommen, in Kneiting einen solchen Hotspot unterhalten. Dort hat er sich schon als künstlerischer Mentor erwiesen, als Andis Beine noch zu kurz waren, um an die Bass Drum ranzukommen, und als Hannes, der Jüngere, im Takt des Jazz auf dem Boden herumgekrabbelt ist. So also hat sich Vater Uli, der ins Kriegs-München hineingeboren wurde, als lebenslanger Lehrer in Sachen Freiheit erwiesen – gemeinsam mit der mittlerweile verstorbenen Mutter Lu, der vierten im Teichmann-Bunde.
Uli Teichmann war nach klassischen Anfängen mit Geige und Flöte bald beim Jazz gelandet. Jazz war damals, als seine Freunde erste Elvis-Singles ihr Eigen nannten, für die Eltern so kontrovers wie das heute nicht einmal mehr Death Metal sein kann.
All das bedeutet also: Wenn Teichmann & Söhne noch einmal zu einem generationsübergreifenden Unternehmen fusionieren – wie am Wochenende im restlos ausverkauften Regensburger Ostentor-Kino geschehen –, dann verschmelzen sie Handgemachtes und Maschinengeneriertes, Genres und Historien für eine – im wahrsten Wortsinn – gute Stunde zum Trio.
Die Drei präsentieren im Kinosaal ihr extrem hörenswertes Album „Flow“. Im zweiten Set vereinen sie ihre Klangwelten mit jenen Musikern, die sich einst „Negerländer“ nannten (und damit keineswegs rassistisch beleidigen wollten, sondern allenfalls darauf verwiesen, welchen Außenseiterstatus frei interpretierter Jazz genoss) zur finalen Schnittmenge. Altväterliche Avantgardismen, lose Enden und fremde Klänge werden hier zusammengehalten vom eisernen Ring, den die beiden Buben mit ihren elektronischen Kastln und den Kabelstopseln beisteuern. Was, wie der Bayer sagt, am Ende „ein Gsicht“ hat! Und obendrein auch eine eigene Geschichte. Mit den Bläsern Heinz Grobmeier und Bertl Wenzl stehen nämlich Brüder im Geiste auf der Bühne, die Freude haben am Experiment. Und wenn Drummer Roland H.H. Bisswurm plötzlich aufspringt und aus Morgenstern’schem Erinnerungsschlamm heraus ein Gedicht über Donauhechte und Teichkarpfen improvisiert, ist das am Ende, drüben in der Kinokneipe, das Thema des Abends!
Mittelbayerische Zeitung, 11.12.2023
Tango zwischen Teppich und Kampfarena
Regensburger Tanztage: Die neue Tanzplattform ChoreoLab TanzSüd begeistert mit ihrer ersten Produktion
Michael Scheiner
In typisch bissig-boshafter Manier sah George Bernhard Shaw im Tango den „vertikalen Ausdruck eines horizontalen Verlangens“. Simone Elliott, Sade Mamedova, Emese Nagy und Pablo Sansalvador, die vier Choreograf*innen des Tanzabends „It takes four to Tango“, haben sich bei der Kreation ihres jeweiligen Parts an die unbekannte Weisheit gehalten: „Life is like tango: sad, sexy, violent and quiet“. In ihren Beiträgen waren heiter und ironisch gebrochene Klischees ebenso zu finden wie dramatisch-traurige Momente, Kampf, Stille und Sexiness. Und noch einiges mehr, etwa dass Tango auch nach Reggae, Swing oder einem schnellen Techno-Beat klingen kann. Die thematisch verbundenen Choreografien – getanzt von Fabio Calvisi und Vittoria Franchina aus Italien, dem Spanier Julian Lazzaro und Katharina Ludwig aus Deutschland – trieben das Publikum im ausverkauften Regensburger Theater an der Uni zu standing ovations.
Den Anfang bildete „The Sound of Silence“ der in Russland geborenen Mannheimerin Mamadova. In ihrem Teil verarbeitete sie mit zwei Tanzpaaren noch am deutlichsten Tangoschritte und -formen. Doch schon bald begannen diese sich aufzulösen, als Tänzer aus den Armen der Partnerin glitten und zu Boden fielen. In einer ruhigen, in sich gekehrten Atmosphäre – Musik: Nils Frahm und Asaf Avidan – zerbröselten die traditionellen Formen immer mehr. Es bildeten sich neue Paare, ein Trio entdeckte seine Zuneigung, dem setzte eine Tänzerin ein intensives, intimes Solo entgegen. Schließlich fand keine*r mehr zum/zur anderen. Einer rollte sich lieber im Teppich ein, bis sich die Tanzakteure nach Vereinzelung und in synchronen Schritten und Bewegungen wieder aufeinander einließen.
Zwischen grimassierender Komik, Groteske und Vorsicht fand in „Unbind“ von Simone Elliott eine sukzessive Annäherung zweier Frauen statt. In klischeehaftem Nachkriegsambiente mit Nierentisch und Stehlampe begegnen sich die Tänzerinnen zu schnulziger Musik im Wohnzimmer und öffnen sich nach und nach. Dabei entdeckten sie eine unerwartete und neue Nähe, die zunächst auch verunsichert und Angst machte, was sich in bizarr verzerrtem Puppenlachen äußerte. Auch wenn die Tänzerinnen/Frauen bei ihrem manchmal komischen Stolpern daneben griffen oder in den Armen der anderen querlagen, fanden sie zur Freiheit und einem starken Ausdruck zugewandter Verbundenheit.
Dramatisch und aufwühlend die Begegnung zweier Tänzer in „Un Abrazo“ (Umarmung) von Pablo Sansalvador. In einer spannungsvollen Lichtführung trafen die Männer aufeinander, entwickelten über kleine Streichelbewegungen und hingebungsvollen Figuren eine Nähe, die notwendigerweise zu Gefühlen von Verlust und Trauer führen mussten. Sansalvador ließ sich für seine bewegende, poetische Erzählung von den Anfängen des Tangos im 19. Jahrhundert anregen, als wegen Frauenmangel Männer oft miteinander übten.
„Endlich Kampf“, rief ein Zuschauer begeistert aus, als bei „Underground Resistance“ von Emese Nagy LED-Streifen auf dem Tanzboden einen (Box-)Ring markierten. Nach und nach sprangen, rasten, schlenderten drei Tanzende in Trainingsklamotten in den „Ring“. Vor dem Publikum warfen sie sich machohaft in Pose und vollführten zu nervigen Technosound grelle Solos zwischen Gegockel, Anmache und prolomäßigem Angebertum. Dabei schreckten die Tanzenden – Calvisi, Ludwig und Franchina – weder vor häßlichen Fratzen, pubertären Überheblichkeitsformen oder übersteigerter Selbstgefälligkeit zurück. Ein kühnes, herrlich unterhaltsames, aber auch (selbst-)entlarvendes Stück zwischen Straßenkunst, ridikülem Humor, Trash und komödiantischem Horror. Ein wunderbarer, tänzerisch fantastischer Abschluss für einen überraschend vielfältigen Abend.
Wenn ChoreoLab TanzSüd dieses Niveau ausbauen kann, ist von dieser neuen Plattform noch viel zu erwarten.
Tanznetz.de – 1.12.2023
Die Meeresgöttin und die Fratze
Bei der Solotanznacht stellen sechs junge Tänzerinnen und Choreografen preisgekrönte Stücke im Uni-Theater vor. Die Themen drehen sich um Identitätsfindung, persönlicher Akzeptanz und Überwindung von Ängsten.
Michael Scheiner
Regensburg. Am Schluss, als die anderen Tänzer bereits am Gehen sind, schaut sich Louis Gillard suchend um. Am Rand der Tanzfläche findet er eine Mütze, murmelt etwas von „für sie getanzt“ und „bitten um Spende“ und platziert die Kopfbedeckung so, dass die Besucher der Solotanznacht daran vorbei gehen müssen. Eine Aufforderung, ein Mitfühlappell, von dem man nicht weiß, ob er ernst gemeint ist oder Teil der Performance des französischen Künstlers.
Gespielte Lässigkeit
Bereits vor Beginn der Vorstellung im Uni-Theater ist der große Mann im Schlapperlook, mit mächtigem, leicht rötlichen Bart aufgefallen, als er sich im Schneidersitz seitlich der Zuschauertribüne auf den Boden setzte. Seine preisgekrönte Choreografie beginnt er mit kleinen Gimmicks, die er Zuschauern zuwirft. Was folgt, ist eine selbstironische, gewitzte Vorstellung aus gespielter Lässigkeit und Übermut. Gillard hüpft, springt und steht sinnend, ganz ohne Musik und Sounds, als überlege er mit welchem Streich er das Publikum als nächstes zum Lachen bringen oder es eher noch verunsichern kann.
„Pif paf pouf“ ist ein ebenso unterhaltsames, wie selbst reflektierendes, das eigene Verhältnis zum Tanz auslotendes Happening, das mit dem Publikum spielt und kommuniziert. Dazu gehört auch, es ein wenig hinters Licht zu führen. Die weiteren Solodarbietungen sind sichtlich ernster und dramatischer im tänzerischen Ausdruck, wie im inhaltlichen Anliegen. Gleich mehrere der Tanzstück setzen sich mit dem gesellschaftlich höchst relevanten Thema der Identität, persönlicher Akzeptanz und Überwindung von Zwängen und Konventionen auseinander.
Tanz auf dem Boden
Eine ganz eigene Form bietet die litauische Tänzerin Dominyka Markevičiuté mit „She Dreamt of Being Washed Away To the Coast“, einer eigenwilligen Choreografie von Lukas Karvelis. Der Tanz findet fast ausschließlich am Boden statt, wo sich Markevičiuté mit festgezurrten Händen wie ein Wurm oder eine Schlange windet, dreht und über seitliche Drehungen kriecht. Die Geschichte, so ist im Programm zu lesen, dreht sich um die Meeresgöttin Juraté, „die Schöpferin alles Lebewesen“. Am Boden beginnen auch die beiden folgenden Choreografien, „Drown“ von Liao Szu-Wei, der auch selbst tanzt, und „Saudade“ von Carlos Aller, kraftvoll und mit fast kämpferischer Attacke getanzt von der Italienerin Cecilia Bartolino. Begleitet wird Szu-Weis zuweilen depressiv wirkende Zwiesprache mit dem eigenen Unterbewusstsein von einer Off-Stimme und pathetischer Musik. Am Schluss findet er seinen Frieden.
Schwieriger findet Nunzia Picciallo einen angemessenen Platz für sich mit ihrer mutigen, selbstentblößenden Choreografie „WAMI“, was soviel bedeutet wie „What AM I“. Was oder wer bin ich, setzt sich auf eine beinahe rührend offene, tänzerisch weiträumige Weise mit der Frage auseinander, ob es überhaupt notwendig ist, nach dem Geschlecht zu fragen, sich einer binären Einordnung zuzurechnen. Oder ob es nicht gescheiter ist, sich dem zu entziehen und von solchen Zuschreibungen ganz zu lösen. Eine tänzerisch expressive Provokation für autoritär und politisch rechts gestimmte Menschen, von denen scheinbar niemand im Zuschauerraum gesessen ist.
Im Gewand eines buddhistischen Mönches tanzte Charles Brecard aus dem französischsprachigen Kanada das von ihm entwickelte Stück „Il pleut, il plaint, il rage“ über die Transformation eines Menschen, der Rationalität und Moral hinter sich lässt. Zu folkloristischen Ethnosounds wandelt sich der Tänzer mit zunehmendem Furor, der sich in Mimik und Gestik abzeichnet, zu einer heimtückischen Fratze. Mit gelungener Dramaturgie und tänzerischer Raffinesse steuert Brecard auf ein dramatisches Ende zu – und geht würgend und schreiend unter. Ein ebenso spannender wie aufschlussreicher Einblick in die jüngsten Entwicklungen der internationalen Tanzszene, nach Regensburg geholt vom Mälze-Team. Mittelbayerische Zeitung, 26.11.2023
Von der Haarwurzel bis zum Zeh
Sofia Nappi begeistert mit der Compania Komoco bei den Tanztagen in Regensburg
Von Michael Scheiner
Eine Seniorenresidenz? Mit Bewegungsangeboten für halbwegs rüstige Alten? Auch wenn es provokativ, gar boshaft klingt: Der eine oder die andere Zuschauerin hatte vielleicht ähnliche Assoziationen, als sich die ersten Tattergreise auf die in Nebel getauchte Bühne zitterten. Weißhaarig, mit Gehstock und Gesichtern voller Runzeln hinkten, tänzelten und schlenkerten die fünf Mitglieder der Compania Komoco ins trübe Licht der Scheinwerfer am Theater an der Uni.
„Ima“, nach dem japanischen Begriff für den gegenwärtigen Moment, nennt Choreografin Sofia Nappi ihr Tanzstück, das unter pandemischen Einschränkungen entstanden ist. Sie verbindet verschiedene Zeitebenen und Bedeutungen und verknüpft sie mit emotionalen Transfers. Die leicht grotesk wirkenden, maskierten Greise und Greisinnen können sowohl Zukunft – Vergänglichkeit – wie Vergangenheit bilden. Sie schwelgen in Erinnerungen. Die Truppe tanzt voll kindlicher Freude mit Erinnerungen, die sie in Form von Kinderinstrumenten aus einem beleuchteten Schrankkoffer zieht. Schlager, Tango und Chanson nehmen musikalisch Bezug auf eine Vergangenheit, die ihre Korrespondenzen durchaus auch in der Gegenwart hat.
Der Übergang kündet sich mit zugänglichen elektronischen Klängen an. Nach und nach fallen die Masken und es kommen jugendliche Frische, forsche Dynamik und lebhafte Beweglichkeit zum Vorschein. Erst aber müssen die Tanzenden die ungelenke nostalgische Verstaubtheit, die sich auch wenig originell in den Kostümen zeigt, abstreifen. Sie schütteln und rütteln alle Knochen durch. Es wirkt, als würden sie sich aus einer steifen Verpupptheit winden, um sich befreit und voller Lebenslust in neue Abenteuer zu tanzen.
Das scheinbar Ungelenke, die hölzerne Schlappheit und Tapsigkeit der Alten verlangt den Tänzern und Tänzerinnen von Komoco vermutlich mehr ab als die flüssige Beweglichkeit und wirbelnde Schnelligkeit der Gegenwart der jungen Figuren. Über den Schrankkoffer aber bleiben auch die Spuren des Alterns gegenwärtig. Immer wieder gruppieren sich Mitglieder um das Requisit, verharren in Ruhe und nachdenklich oder in zeitlupenartigen Bewegungen. Gleichzeitig rangeln und kämpfen zwei Tänzer in hinreißender Geschmeidigkeit und kraftvoller Zugewandtheit einen atemberaubenden Pas de deux.
Die Parallelität zweier gegensätzlicher Bewegungen gehört zu den ins Auge fallenden Bedeutungssträngen der fanstastischen Choreografie. Langsamkeit und Schnelligkeit, Alter und Jungsein, stürmische Lebenslust und ruhige Gelassenheit – alles existiert nebeneinander und passiert gleichzeitig. Hier kommt das fundamentale philosophische Prinzip des japanisch konnotierten Titels voll zum Tragen.
Sofia Nappi nimmt die mit Veränderungen und Ungewissheiten verbundenen Ängste ernst und gibt ihnen tänzerisch Raum. Dabei bleibt immer deutlich, dass die Körper im Gegenwärtigen verankert sind, während der Menschen im Kopf nahezu dauernd zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her springen.
Die fünf Tänzer – darunter zwei mit begeisternder Wucht tanzende Frauen – bewältigen die herausfordernde Choreografie mit schwindelerregender Perfektion und Leidenschaft. Mit einem Körpereinsatz, der sprichwörtlich von den Haarwurzeln bis in den kleinen Zeh reicht, erzählen sie Geschichten vom Leben und von stetem Wandel. Sie agieren perfekt als Gruppe in synchronen ausgreifenden Bewegungen und Stopps. Leicht und fließend interagieren sie, lassen die Melodien mal mit würzigem Groove, mal mit barocker Noblesse zu einem Countertenor durch sich hindurchfließen und geben ihnen Gestalt. Ein fantastischer Abend.
Die junge italienische Choreografin hat das bedeutende Alvin Ailey American Dance Theatre in New York absolviert. Bereits ihre ersten Kreationen mit der Compania Komoco wurden mit Auszeichnungen überhäuft. „Ima" ist eine Auftragsarbeit für Biennale Venedig 2020. Als freie Choreographin arbeitet Sofia Nappi heute weltweit mit verschiedenen Tanz-Kompanien. Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2023
Bei den Tanztagen: Hybride Wesen in der Horizontale
Die Cocoondance-Company lotet in Regensburger die unerwarteten Möglichkeiten des menschlichen Körpers aus
Von Katharina Kellner
Tanz spielt sich meist in aufrechter Haltung ab, der Spitzentanz im klassischen Ballett steigert die vertikale Bewegung zusätzlich. Mit diesen Sehgewohnheiten bricht Rafaële Giovanolas Choreografie „Vis Motrix“: Sie spielt sich fast vollständig in der Horizontalen ab.
Die Schweizer Choreografin lotet mit der von ihr gegründeten Cocoondance-Company aus, was an unerforschten Bewegungen existiert. „Vis Motrix“, nun bei den Regensburger Tanztagen zu erleben, wurde bei der Tanzplattform Deutschland als „Werk von hypnotischer Bewegungsintelligenz“ gefeiert. Erst 2022 hat Giovanola den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ in der Kategorie Choreografie erhalten.
In Regensburg sagt sie, sie habe sich für „Vis Motrix“ mit Breakdance und Krumping, einem expressiven Freestyle-Tanz befasst. Am Breakdance interessierte sie die Beweglichkeit der Beine bei gleichzeitig steifem Oberkörper. In nur neun Wochen habe sie gemeinsam mit den Tänzerinnen die Choreografie erarbeitet, die bisher 50 Mal aufgeführt wurde.
Wie bei „Tetris“ schmiegen sich Körper aneinander
Zu Beginn des Abends im ausverkauften Theater an der Uni liegen vier ganz in schwarz gekleidete Tänzerinnen auf dem schneeweißen Boden. Unterlegt von einem grollenden Sound, hebt eine der Tänzerinnen die Brust, immer höher, als werde sie von einer unsichtbaren Kraft gezogen. Als sie noch das Bein himmelwärts streckt, wirkt das durch ihre Körperspannung so plastisch, als hebe sie gleich vom Boden ab. Dann schieben sich alle zusammen rückwärts über den Boden, roboterhaft, langsam, als würden sie sich anschleichen. Synchron gleiten sie mit fließenden Bewegungen seitlich, um sich wieder zu vereinzeln und ihre Körper passgenau aneinanderzufügen. Das erinnert an die Elemente des Spiels „Tetris“. Rätselhaft ist, wie die Tänzerinnen, die permanent zur Decke blicken, ihre Bewegungen so exakt aufeinander abstimmen können.
Rhythmisches Schnaufen dringt aus den Boxen und gibt einen schnellen Takt vor. Ein paar Moves vor, ein paar zurück, dann eine Vierteldrehung um die eigene Achse, um sich neu auszurichten. Die Körper wirken in einer Art umgekehrtem Krebsgang wie Teile einer komplexen Maschine, ständig bemüht, den Prozess zu optimieren.
Nicht nur die scheinbar anstrengungslosen Bewegungen rückwärts, auf allen Vieren, mit massivem Einsatz von Handgelenken und Unterarmen, ziehen die Zuschauer in den Bann. Es ist das so stimmige Zusammenspiel von Lichtregie, Sound und tänzerischem Ausdruck in einem vom Minimalismus geprägten Stück. Scheinwerfer an der Decke und am Boden tauchen das Schwarz-Weiß auf der Bühne in harte Schatten, auch dann, wenn ihre Schlaglichter im schnellen Takt tanzen. Dazu dröhnt der maschinelle Sound stellenweise laut wie ein heranrasender Zug.
Im Sog des Schnaufens, Dröhnens, Klackens wandeln sich die roboterhaften Tänzerinnen in Spinnentiere: Sie stampfen kräftig mit dem Fuß auf, bäumen sich auf, ein Zucken geht durch ihre Körper, wie vom Schlag getroffen sinken sie zurück, werfen sich erneut in die Luft, kommen in einer einzigen fließenden Bewegung auf die Beine, um sofort nieder zu fallen.
Kraftvolle, selbstbestimmte Weiblichkeit
Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der titelgebenden bewegenden Kraft, der Seele (vis motrix) gibt das Stück nicht: Bei den hybriden Wesen, die Maschine, Tier und Mensch zugleich verkörpern, fließen selbst- und ferngesteuerte Bewegungen ineinander. Giovanola sagt, sie habe sich mit Donna Haraways Essay „A Cyborg Manifesto“ von 1985 befasst, der starre Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine ablehnt.
Augenfällig ist Giovanolas eigenständige Erzählung von Weiblichkeit. Die Tänzerinnen haben nichts Gefälliges an sich. Sie zeigen sich breitbeinig, raumgreifend. Aggressiv wirkt das nicht, vielmehr kraftvoll und selbstbestimmt.
Nach intensiven 45 Minuten jubelt der Saal. „Was für eine Wohltat, etwas zu erleben, das die eigenen Sehgewohnheiten so auf den Kopf stellt“, strahlt die Sitznachbarin. Mittelbayerische Zeitung, 18.11.2023
Fliegend durch Zeit und Raum
Das Publikum erlebt bei den Regensburger Tanztagen einen Abend mit Goldrand
Von Marianne Sperb
Der Abend im Theater am Bismarckplatz beginnt ganz leise, ganz unspektakulär: Eine Frau geht im Kreis, zieht in völliger Stille und in fahlem, gedimmtem Licht größere und wieder kleinere Runden und vermisst in zügigen Schritten den Raum, stetig und unbeirrbar.
„Made of Space“, etwa: gemacht aus Raum, so heißt die Choreografie des Libanesen Guy Nader und der Spanierin Maria Campos, die den Regensburger Tanztagen 2023 am Montagabend ein Krönchen aufsetzen. Mit dem Stück schreiben das international gefeierte Duo und ihre Kompanie ihre Trilogie rund um Rhythmus, Raum, Zeit und Vergänglichkeit zu Ende. Wie mit dem Vorgänger „Set of Sets“, 2022 in Regensburg bejubelt, bringt die Gruppe den Saal zum Beben. Auch der Rahmen bleibt ähnlich: Die Kompanie trägt schlichte schmale Hosen und Shirts im Grau-Blau von Himmel und Meer, den Farben von Hokusais ikonischer „Welle“. Das Bühnenbild bleibt unaufgeregt, braucht nicht mehr als ein zartes, leicht geschlungenes Band, das einen Horizont andeutet. Für Klangtupfer und Rhythmus reichen Marimbaphon und Schlagzeug, von Miguel Marin und Daniel Munarriz feinst abgestimmt auf die Körper vor ihnen.
Zu der Frau auf der Bühne kommen bald ein, zwei, sechs Tänzer und Tänzerinnen hinzu. Sie beschreiben im Gehen Figuren, die an Notenschlüssel erinnern, an spätbarocke Rocaille-Ornamentik, an Muscheln und Schneckenhäuser. Nach dem entschleunigten Anfang gewinnt das Stück Tempo. Die Körper drehen sich erst um die eigene Achse, beschreiben Pirouetten wie Eiskunstläufer, umkreisen sich wie die Zahnräder einer präzisen, geheimnisvollen Mechanik und wie durch unsichtbare Schnüre aneinander gespannt. Sie nähern sich, umschmeicheln sich und gewinnen wieder Distanz, berühren sich schließlich – und heben ab.
Die Körper fliegen schwerelos über die Bühne, wie durch einen Teleporter vom Raumschiff „Enterprise“ gebeamt. Ohne Zeichen von Anspannung erobern sie geschmeidig den Luftraum vorwärts und rückwärts, horizontal und vertikal, um weich, beinahe schlaff in die Arme der Partner zu fallen, die wie ein Sprungtuch unter ihnen ausgebreitet sind. Der Tanz geht weiter, der Nächste setzt zum Höhenflug an. Eine Bewegung geht organisch und bruchlos in die nächste über, erst sacht untermalt und im Lauf des Abends immer mehr und immer heftiger getrieben vom klug variierten Mantra der Percussion. Nur ganz kurz wird hier und da der Fluss der Bewegungen unterbrochen, wenn eine Figur plötzlich innehält und starr in den Saal blickt. Das Publikum, das dort sitzt, schwankt zwischen gebannter Bewunderung – und Sorge. Geht das gut? Oder brechen gleich Knochen? Das ist artistisch und choreografisch brillant gemacht, gleichzeitig poetisch und philosophisch aufgeladen. Über blindes Vertrauen zum Beispiel kann man da viel lernen.
Zum Abheben ist diese Choreographie. „Made of Space“, 2021 beim Grec Festival in Barcelona uraufgeführt, hat 2022 den Preis der Tanzkritik Katalaniens als beste Performance geholt, und auch sonst sind Guy Nader und Maria Campos mit Auszeichnungen reichlich versehen. Für „Fall Seven Times“ erhielten sie 2017 den Oscar der Szene: den „Faust“.
Die Inszenierung in Regensburg wird am Ende, nach knapp 70 Minuten, buchstäblich ein Abend mit Goldrand. Zum Wirbel von Körpern und Klängen materialisiert sich auf der Bühne ein goldenes Band aus Licht, glimmt erst und glüht immer intensiver, bis es – Zack! – erlischt. Einen Moment dauert es, dann bricht der Jubelsturm im Saal los.
Regensburger Tanztage
Programm: Es sind noch vier Tanzabende zu erleben: Cocoondance Company (16. November), Compania Komoco / Sofia Nappi (18. November), Solotanznacht internationaler Preisträger (24. und 25. November) und Choreo Lab: Tanz Süd (26. November). Tickets: Alte Mälzerei (0941)788810, www.regensburger-tanztage.de
Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2023
26. Regensburger Tanztage
Breites Spektrum des zeitgenössischen Tanzes
Rhythmus, Raum, Zeit und Vergänglichkeit: Internationale Choreografien befassen sich mit existenziellen Fragen
Von Katharina Kellner
Diese Tanztage bringen ein Jubiläum mit sich: In ihrer 26. Ausgabe finden sie zum 25. Mal statt – wegen der coronabedingten Absage 2020. Ein Vierteljahrhundert, in dem sich viel getan hat in Sachen Tanz, wie Hans Krottenthaler, Geschäftsführer der Alten Mälzerei, sagt: 1998, im ersten Jahr, verstanden die meisten unter Tanz vor allem Spitze und Tütü. Kaum jemand kannte zeitgenössischen Tanz.
Und heute? „Regensburg liebt den Tanz“, sagt Krottenthaler: Das Publikum sei seit den Anfängen mit dem Format mitgewachsen und heute sehr kundig in Sachen zeitgenössischer Tanz.
Ein Tanzabend in Linz inspirierte Krottenthaler 1998, den Auftritt bayerischer Compagnien im Theater der Alten Mälzerei zu planen – die erste Ausgabe der Tanztage. Die Resonanz des Publikums sei positiv gewesen, deshalb machten sie weiter. In den folgenden Jahren kamen neue Spielstätten und Kooperationspartner hinzu, Tanzkollektive und Solotänzer wurden internationaler.
Zerrissenheit und Inspiration
Mittlerweile sind die Regensburger Tanztage das zweitälteste Festival in Bayern nach der Münchner Tanzwerkstatt Europa. Heute ist das Theater Regensburg Mitveranstalter – und dessen Tanzcompany-Chef Wagner Moreira für jene Produktion verantwortlich, mit der die diesjährigen Tanztage am 9. November starten: mit einer Aufführung von „Transit“,in dem es um die existenzielle Erfahrung des Lebens im Übergang geht. Für Künstler bedeutet ein solcher Zustand zwischen zwei Welten Zerrissenheit, aber auch Inspiration.
Die Internationale Aids-Tanzgala ist bereits zum 20. Ma fester Bestandteil der Tanztage – internationale Gäste und Solisten bedeutender europäischer Kompanien tanzen mit der Tanzcompany des Theaters Regensburg für einen guten Zweck. Auch die Solotanznacht ist ein festes Format – sie präsentiert die Preisträger des internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart mit ihren prämierten Stücken.
Bei der aktuellen Ausgabe sind zwei Träger des renommierten Theaterpreises „Der Faust“ zu erleben: Einen erhielt die Schweizer Choreografin Rafaële Giovanola. Sie und Dramaturg Rainald Endrass sind treibende Kraft der Cocoondance Company, die mit ihren innovativen Arbeiten in der europäischen Tanzszene heraussticht. Das Regensburger Publikum staunte 2022 über körperliche Hochleistungen der Company, die mal mit dem Bauch nach oben krabbenartig auf allen Vieren über die Bühne sauste, dann wie zuckende Maschinen oder Wellen. Der andere „Faust“ ging an Guy Nader und Maria Campos für ihr jüngstes Werk „Made of Space“: Hier erzeugen sieben Tänzer und zwei Livemusiker eine mitreißende Welle aus Tanz und Klang. Damit vollendet das libanesisch-spanische Choreografen-Duo ihre Trilogie um Rhythmus, Raum, Zeit und Vergänglichkeit. Alter und Jugend verschmilzt Sofia Nappi aus Italien in ihrem Maskenspiel „Ima“ auf der Suche nach dem Zauber des „gegenwärtigen Moments“: Hier wirbeln Tänzer durch die Luft, die uralt aussehen. Mit diesem Widerspruch fordert die vielfach prämierte Choreografin das Publikum in ihrem jüngsten Stück heraus.
Tanz – ein universales Bedürfnis
Auch mit einer Festival-Party warten die Tanztage auf: Fernab konventioneller Konzepte bietet der Rupidoo Global Music Club mit DJ Rupen & Co eine tanzbare Mischung aus Weltmusik und Clubkultur.
Zum Abschluss vereint am 26. November die neue Plattform Choreo Lab:Tanz Süd in einer bislang einmaligen Zusammenarbeit unter dem Motto „It takes four to tango“ vier Uraufführungen von vier Choreografen aus vier süddeutschen Städten – darunter Simone Elliott aus Regensburg.
Krottenthaler hofft, mit breitem Spektrum und starken neuen Produktionen auch Menschen für Tanz zu begeistern, die sich bisher reserviert geben. Er erzählt von einer Frau, die ihren extrem skeptischen Mann mitgeschleppt habe und bei dem der Funke heftig übersprang. Kein Wunder, meint der Mälze-Chef – das Bedürfnis, sich durch Tanz auszudrücken, sei universal. Zeitgenössischer Tanz sei keine Frage des richtigen Verstehens: „Wenn man sich auf die Bilder einlässt, die bei einem selbst entstehen, dann ist Tanz wirklich ein Geschenk.“ Mittelbayerische Zeitung, 23.10.2023
Inklusives Konzert
Hip-Hop ohne Grenzen: Rock 'n' Roses brachte die Mälze zum Kochen
Am Ende des Abends sitzt fast keiner mehr in der Alten Mälze: Beim alljährlichen „Rock 'n' Roses“, den die Caritas seit 2011 zusammen mit der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg organisiert, bringt das aufstrebende Hip-Hop-Duo Flowin K Rollin, Sick Snse und Maniac den Saal zum Kochen.
„Rock'n' Roses“ steht als Konzertabend von Menschen mit Behinderungen für inklusive musikalische Begegnungen auf Augenhöhe.
Musik kennt keine Grenzen, heißt es. Dass das auch für körperliche Einschränkungen gilt, bewiesen die Künstler in der Alten Mälzerei am frühen Sonntagabend auf eindrucksvolle Weise. Den Anfang machte die Saint Wolfgang Gang, das Chorprojekt des St. Wolfgang Bildungszentrums aus Straubing. Unter der Leitung von Christoph Lanzinger (Sänger der Indie-Band The Red Aerostat), der die Jugendlichen mit der Gitarre begleitete, sang die Gruppe verschiedene Lieder wie „Ich bin gut, so wie ich bin“ über Genügsamkeit, Zusammenhalt und Liebe, viele im Publikum sangen mit.
Beats aus dem Synthesizer
Weiter ging es mit einem gänzlich neuen Musikprojekt aus dem Pater-Rupert-Mayer-Zentrum der katholischen Jugendfürsorge: "Die BSTen" unter Leitung von Musiklehrer Klaus Kracker standen hinter dem Mischpult und gaben elektronische Beats aus dem Synthesizer zum Besten.
Die Stimme dazu lieferte der Regensburger Rapper Maniac, der für sein amerikanisch-bayerischen Crossover-Stil in der Hip-Hop-Szene bekannt ist. Das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum erfindet sich mit verschiedenen musikalischen Formationen regelmäßig neu. Die Band PowerPack, mit der Krack 2011 beim ersten „Rock 'n' Roses“ auftrat, ging ebenfalls aus dem Bildungszentrum hervor und stand inzwischen sogar schon mit der Spider Murphy Gang auf der Bühne.
Das Highlight des Abends war jedoch der Auftritt des Rap-Duos Sick Snse & Flowin K Rollin. „Ich habe früher immer davon geträumt, auf dieser Bühne zu stehen, oder zu sitzen“, rief Flowin K Rollin in das Mikrofon, der selbst im Rollstuhl sitzt. „Wir werden immer unterschätzt“, so der Rapper. „Egal, ob mit oder ohne Behinderung.“
Filmreifer Auftritt
Danach legten die beiden einen filmreifen Auftritt hin, an dessen Ende fast das gesamte Publikum vor der Bühne stand und mittanzte. Zum Schluss gab es noch einen spontanen Freestyle (eine Rap-Gattung bei der der Text improvisiert wird) zusammen mit Profi-Rapper Maniac – Hip-Hop-Stimmung pur.
Es sind Kategorien wie „behindert“ oder „nicht behindert“, die dank der Künstler auf der Bühne am Sonntag verblassten. Gute Musik steht für sich, egal von wem sie kommt, so die Botschaft des Abends. „Die Menschen kommen mit unterschiedlichen Eigenschaften auf die Welt“, sagte Robert Seitz, Abteilungsleiter Soziale Einrichtungen der Regensburger Caritas. „Wichtig ist, zu erkennen, wie wertvoll jeder Einzelne ist.“ Ermutigende Worte hatte außerdem Rapper Flowin K Rollin im Gepäck: „Lasst euch nicht unterkriegen, verfolgt eure Träume!“ Mittelbayerische Zeitung, 14.11.2023
Faszination der Choreographie
Kulturzentrum Alte Mälzerei präsentiert die 26. Regensburger Tanztage
Auf dem Sektor der Tanzkunst ist vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine interessante Entwicklung zu beobachten. So probierten und etablieren sich immer mehr progressiv orientierte freie Solisten und Ensembles in ihrem Genre, während traditionelle Ballettkompanien oft mit Existenzproblemen zu kämpfen haben und nicht selten sogar aufgelöst werden.
Mit den Regensburger Tanztagen 1998 betrat das Kulturzentrum Alte Mälzerei damals Neuland und spielte dabei auch eine gewisse Vorreiterrolle. Auf das erfolgreiche Festival in Regensburg mit fast durchwegs ausverkauften Veranstaltungen folgten weitere Festivals für zeitgenössischen Tanz in Passau und Ingolstadt. Die diesjährigen Regensburger Tanztage finden vom 9. Bis 26. November statt und zeigen an neun Veranstaltungstagen ein breites Spektrum an aktuellem zeitgenössischen Tanz. Zu erleben sind einige der aktuell herausragenden Tanzkompanien der internationalen Tanzszene, darunter spannende Neuentdeckungen.
Nader und Campos vollenden Trilogie
Am Montag, 13. November, um 20 Uhr gastieren der libanesische Tänzer und Choreograph Guy Nader und die spanische Tänzerin und Choreographin Maria Campos mit ihrem neunköpfigen Ensemble im Rahmen des Festivals im Theater am Bismarckplatz. Mit ihrem jüngsten Werk „Made of Space“ vollenden Nader und Campos ihre Trilogie rund um Rhythmus, Raum, Zeit und Vergänglichkeit. Sieben Tänzer sowie zwei Livemusiker erzeugen eine Welle aus reinem Tanz und reinem Klang und damit einen rauschhaften Strudel aus Lebensenergie.
Die Cocoondance Company stellt am 16. November um 20 Uhr im Theater an der Universität ihre Produktion „Vis Motrix“ vor, in welcher die Gruppe nach der treibenden Kraft und der Seele fragt. Die Tanzenden entführen das Publikum in eine Welt ebenso bizarrer wie faszinierenden Wesen zwischen Mensch und Maschine.
Alte und Jugend verbindet die Choreographin Sofia Nappi in ihrem Maskenspiel „Ima“ (18. November, Theater an der Universität) auf der Suche nach dem Zauber des „gegenwärtigen Moments“.Die Solotanznacht präsentiert am 25. November um 20 Uhr im Theater an der Universität die Preisträger des internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals von Stuttgart mit ihren prämierten Stücken.
Auch die Aids-Tanzgala (11. November, Theater am Bismarckplatz) bietet wieder ein hochkarätiges Programm international renommierter Ensembles und Künstler. Zum Abschluss vereint am 26. November um 20 Uhr im Theater der Universität die neugeschaffene Plattform Choreo Lab: Tanz Süd einer bislang einmaligen Zusammenarbeit unter dem Motto „It takes four to tango“ vier Uraufführungen von vier Choreographen aus vier Städten in Süddeutschland. Für alle, die gern selbst tanzen wollen, gibt es auch in diesem Jahr die Worldbeat-Festival-Party (25. November, 21 Uhr, Alte Mälzerei).
Informationen zum gesamten Festivalprogramm und Karten sind bei den bekannten Vorverkaufsstellen sowie in der Alten Mälzerei und unter Telefon 0941/788810 sowie im Internet unter www.regensburger-tanztage.de erhältlich.
Regensburger Zeitung, 13.11.2023
Regensburg liebt den Tanz
Die Tanztage sind seit 25 Jahren der Beweis dafür – Über die Jubiläumstage
Regensburg. (red) Nach fünfundzwanzig Jahren Regensburger Tanztage lässt sich eines mit Sicherheit sagen: Regensburg liebt den Tanz! Fast durchwegs ausverkaufte Vorstellungen und ein ebenso kundiges wie begeisterungsfähiges Publikum belegen das eindrucksvoll. Grund genug, voller Vorfreude auf das kommende Festival zu schauen: Die Regensburger Tanztagen 2023 zeigen an zehn Veranstaltungstagen ein breites Spektrum an aktuellem zeitgenössischem Tanz. Zu erleben sind einige der aktuell herausragenden Tanzkompanien der internationalen Tanzszene, darunter spannende Neuentdeckungen, mit ihren gefeierten Arbeiten.
Mit ihrem jüngsten Werk „Made of Space“ vollenden Guy Nader|Maria Campos ihre Trilogie rund um Rhythmus, Raum, Zeit und Vergänglichkeit. Sieben Tänzer:innen und zwei Livemusiker erzeugen eine Welle aus reinem Tanz und reinem Klang, einen rauschhaften Strudel aus Lebensenergie. Cocoondance fragen in „Vis Motrix“ nach der treibenden Kraft, der Seele, der Bewegung und entführen in eine Welt ebenso bizarrer wie faszinierender Wesen zwischen Mensch und Maschine.
Tanz lässt Alter und Jugend verschmelzen
Alter und Jugend verschmilzt die Choreografin Sofia Nappi in ihrem beeindruckenden Maskenspiel „Ima“ auf der Suche nach dem Zauber des „gegenwärtigen Moments“. Das neue Stück „Transit“ der Tanzcompany Theater Regensburg handelt vom Ankommen und Weggehen, von einem Dasein zwischen zwei Welten. Die Solotanznacht präsentiert die Preisträger:innen des internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals von Stuttgart mit ihren prämierten Stücken und auch die Aids-Tanzgala bietet wieder ein hochkarätiges Programm international renommierter Ensembles und Künstler:innen.
Zum Abschluss vereint die neugeschaffene Plattform Choreo Lab-Tanz Süd in einer bislang einmaligen Zusammenarbeit unter dem Motto „It takes four to tango“ vier Uraufführungen von vier Choreograf:innen aus vier Städten in Süddeutschland. Für alle, die gerne selbst tanzen wollen, gibt es auch in diesem Jahr die Worldbeat-Festival-Party.
Regensburger Zeitung, 18.10.2023
In der Alten Mälzerei Regensburg: Geballte Ladung gegen Herbstblues
Songs, Comedy, Lesungen: Das Kulturzentrum am Galgenberg bietet 40 Veranstaltungen auf. Start ist mit der Punkband ZSK und ihrem „Soundtrack für alle, die nicht entmutigen lassen“.
Von Lena Michalowski
Wer im Herbst seine Zeit trotz Kälte und verregneter Tage nicht nur daheim verbringen will, kann in der Alten Mälzerei unterschiedlichste Künstler aus verschiedenen Genres erleben. In der Alten Mälze finden im Oktober und November mehr als 40 Veranstaltungen statt.
Der Oktober startet mit dem bekannten inklusiven Tanztheater an der Uni und einer der wichtigsten deutschen Punk-Bands: Am 5. Oktober spielt ZSK in der Mälzerei. 2022 war ihre Show dort ausverkauft. Mit „HassLiebe“ liefere ZSK „den Soundtrack für alle, die sich trotz finsterer Zeiten nicht entmutigen lassen“, heißt es in der Ankündigung.
Ein ganz anderes Genre vertritt am 11. Oktober Afrob. Der HipHop-Künstler steht seit 25 Jahren auf der Bühne. Mit seiner neuen Platte „König ohne Land“ setzt er ein Statement zum Zustand der Welt und zu den Abgründen im Business.
Am 20. Oktober wird es dann unterhaltsam in der Mälzerei: Zuerst kombiniert der Comedien Patrick Salmen in seinem Programm „Yoga gegen rechts“ Kurzgeschichten mit trockenem Humor, bissigen Dialogen und scharfen Beobachtungen. Selbstironisch entlarvt er die „pathologischen Züge achtsamkeitsbesessener Stadtneurotiker“. Die Botschaft: Uns kommt das Gegenüber oft nur deshalb so schräg vor, weil man gerade in einen Spiegel schaut.
Am 22. Oktober, spielt der aus Funk- und Fernsehen bekannte Maxi Gstettenbauer sein neues Programm „Gute Zeit“. Damit bietet er womöglich, was alle suchen. Die „gute Zeit“ scheint so weit weg. Überall lauern die drei K’s der schlechten Laune: Kriege, Krankheiten und Klimawandel. Gstettenbauer stellt sich gedrückter Stimmungslage mit viel Humor und einer Prise Gesellschaftskritik entgegen.
Aus Straubing: Tales of Ojela kommt
Wer sich für alternative Musik interessiert, ist am 26. Oktober in der Alten Mälzerei richtig. Die Straubinger Band Tales of Ojela gastiert im Regensburger Kulturzentrum. Ihre Art von Musik? Schwer zu beschreiben. Tales of Ojela sind weder Indie-Band, noch machen sie Deutschrap oder Metal. Als Singer-Songwriter kann man sie aber auch nicht bezeichnen. Stattdessen treffen schräge Linien auf verrückte Harmonien, schnellere Passagen mit treibender Rhythmik changieren ins Funkige oder entladen sich in schweren Grooves.
Wer Synthesizer und Beatmaschinen in Kombination mit Gesang favorisiert, dürfte am 19. Oktober in Mälzerei glücklich werden. Zwei Münchnerinnen liefern als Duo Umme Block eine Performance voller experimentellem, analogem Handwerk. Es ist ein sphärischer Sound, mal leichter, mal schwerer.
Im November warten eine Reihe von Glanzlichtern. Folkshilfe liefert am 14. November mit Quetschn, Synthesizer, mehrstimmigem Gesang, Gitarre und Schlagzeug eine vielfältige Mischung aus Austropop und Alpenrock, samt Grooves und Bass.
Im Anschluss wird’s dann noch mal literarisch. Rokko Schamoni kommt am 18. November mit seiner Lesung „Dummheit als Weg“ ins Regensburger Ostentor-Kino. Er aus seiner beim „Rolling Stone“ erscheinenden Kolumne, die pointiert den Weg der Menschheit in den von ihr selbst gehäkelten Untergang begleitet.
Ohne Verklärung: die Songs von Mola
Freunde des gepflegten Indie-Pops können sich auf den 23. November freuen. Mola gastiert in der Alten Mälzerei. Ihre Musik ist die ungeschönte Antithese zu einer rosaroten Welt. Sie feiert sich kaputt, zeigt ihr inneres Chaos und verzichtet auf übliche romantisierende Verklärungen.
Bei der Auswahl für das Programm berücksichtigte Geschäftsführer Hans Krottenthaler vor allem „Vielfalt, Aktualität und Qualität“. Er selbst würde am liebsten alle Veranstaltungen sehen. „Wir haben die ja nicht ohne Grund ausgewählt.“ Alle Gastspiele selbst zu erleben, werde aber zeitlich knapp. Krottenthaler: „Ich suche mir gern Sachen raus, die ich noch nie gesehen habe.“ Mittelbayerische Zeitung, 2.10.2023
Vorschau auf das Festival
Im November in Regensburg: Tanz auf der Höhe der Zeit
Marianne Sperb, MZ
Nach einer pandemiebedingt schwierigen Zeit ist der Tanz zurück, „mit wunderbaren neuen Produktionen und Projekten“, sagt Hans Krottenthaler vom Team der Tanztage, der eine erste Vorschau auf das Festival gibt.
Den Auftakt bestreiten Guy Nader und Maria Campos. Das Paar sorgte bei den Tanztagen 2022 für Begeisterungsstürme. Das preisgekrönte Duo und seine Kompanie bringen ihre jüngste Arbeit „Made of Space“ mit. Sieben Tänzerinnen und Tänzer erzeugen „einen rauschhaften Strudel aus Lebensenergie“, verspricht das Programm (13. November, Theater am Bismarckplatz).
Die Cocoondance Company erschafft in ihrer Choreografie „Vis Motrix“ bizarre, faszinierende Wesen. Wie aus einer anderen Welt bewegen sie sich durch den Raum, werden zu einem Organismus aus Mensch und Maschine und stellen ans Publikum die Frage, was denn die bewegende Kraft dieser Hybridwesen ist. „Vis Motrix“ wurde als „ein Werk von hypnotischer Bewegungsintelligenz“ gefeiert und als „Aufführung des Jahres“ in der Kritikerumfrage des Fachmagazins Tanz nominiert (16. November, Theater an der Uni).
Die Compania Komoco schwingt suggestiv die Hüften und fliegt in hohen Sprüngen durch die Luft. Aber die Haare sind schneeweiß, die Gesichter uralt. Faszinierende Widersprüche sind es, mit denen die vielfach prämierte Jungchoreografin Sofia Nappi das Publikum konfrontiert. „Ima“, der Titel ihres Stücks, benennt im Japanischen den „gegenwärtigen Moment“ (18. November, Theater an der Uni).
Herausragende junge Künstler sind bei der Solotanznacht zu erleben. Die Preisträger des Stuttgarter Solo-Tanz-Theater-Festivals 2023 geben in ihren prämierten Stücken einen spannenden Einblick in die neue Entwicklungen der internationalen Szene (24. November, Theater an der Uni). „Choreo Lab: Tanz Süd“ stellt vier Stücke aus vier süddeutschen Städten vor (26. November, Theater an der Uni).
Tickets: Alte Mälzerei, Tourist-Info und www.alte-maelzerei.de bzw. an der Theaterkasse Bismarckplatz und unter www.theaterregensburg.de
Mittelbayerische Zeitung, 27.9.2023
Hackedipiciotto im Regensburger Kino: Dunkles Wabern, verrätseltes Nichts
„Schwarze Milch am Mittag“: Die Songs von Alexander Hacke und Danielle de Piciotto drohen im Überwältigungspathos zu ertrinken.
Michael Scheiner
„Schwarze Milch am Mittag“ singt Danielle de Picciotto im Ostentor-Kino. Hinter ihr auf der Leinwand sind Zeichnungen von großäugigen Gesichtern und altertümlich gekleideten Menschen zu sehen, die ein Filter zerfließen lässt. Natürlich stolpert man bei der Songzeile über Paul Celans „Todesfuge“, doch wenn mit dunkel dräuender Stimme „Rosenwasser (dein/mein) Herz ergreift“ und ein „blaues Wunder (auf-)blühet...“, zerbröselt die literarische Assoziation ins verrätselte Nichts.
Alexander Hacke, der zweite Musiker des Duos hackedepicciotto, zieht in der genuschelten Anmoderation eine Verbindung zu Eric Satie. Zu den vielen Marotten des genialen Komponisten zählte nämlich eine absonderliche Essgewohnheit: Der Franzose aß nur Weißes wie Fisch und Kokosnüsse. „Schwarze Milch“, erläutert Hacke, sei „einem Freund, Roland, gewidmet“, der sich entschieden habe, nur schwarze Lebensmittel zu essen. Ob die Story erfunden oder eine Metapher ist, um Celan eine andere Seite abzugewinnen, bleibt im Dunkeln.
Nach der Eröffnung von de Picciottos Ausstellung in Kallmünz (noch bis Ende Oktober) ist der Gig im Kino ein zweiter Auftritt des Duos in der Oberpfalz. Anfangs stimmen Vogelstimmen auf einen wie auch immer gearteten Bezug zur Natur ein. Darüber legen sich wuchtige Bassakkorde, de Picciotto schrammelt auf der umgebauten Zither, die sie bäuchlings hält. Über Loops und elektronische Beats weitet sich der Song, gerät über glossolalischen Lautgesang in die Nähe schamanistischer Weltmusik.
Beim nahezu ausverkauften Auftritt stellt das Duo vorwiegend Songs und Instrumentals dem neuen Album „Keepsakes“ (Mute Records) vor, das als „eine Ode an die Freundschaft“ annonciert wird. Hacke greift in äußerst knappen Hinweisen auf die Songs den hoch gesteckten Anspruch gelegentlich auf und wünscht sich einen freundlichen Umgang aller mit allen – vergleichbar mit Haindling. Musikalisch allerdings trennen Welten die Musiker. Hackedepicciotto setzt neben Geige, E-Gitarre und eine Stand-Tom stark auf elektronische Sounds und repetitive Beats. Das führt gelegentlich zu musikalischer Redundanz, die solistische Beiträge nicht in jedem Fall auffangen können.Insgesamt dominiert dunkle Stimmung den Sound, der voller Pathos steckt und sich häufig zu orchestraler Wucht aufbläht. Dazu passen Titel wie das biblisch intendierte „The seventh day“ (Der siebente Tag). Von der Dynamik her wachsen sich die strukturell eher einfachen Kompositionen zum Überwältigungspathos aus, wie es auch manchmal Kirchenmusikern zu eigen ist. Da hinein kuscheln sich Songtexte wie im „siebenten Tag“, die in quasi religiösen Bildern allumfassende Harmonie verbreiten. „I´m a drop / let me be a river“ (Ich bin ein Tropfen / lass mich einen Fluss sein) heißt es da mit esoterisch inspiriertem Ernst.
Den vokalen Einsatz gestalte das Paar oft im Sprechgesang. Die bedeutungsschweren Texte verstärken da den Eindruck einer gelegentlich allzu üppigen pathetischen Schwere.
Mittelbayerische Zeitung, 29.9.2023
Öffnung von Regensburger Kulturstätten: Sommerpause gefällig – oder nicht?
Mitte September sind alle Regensburger Theater und Kleinkunstbühnen aus der Sommerpause zurück. Braucht es diese Schließungen im Sommer eigentlich? Die Debatte stieß zuletzt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des deutschen Kulturrats, an. Die Situation in Regensburg ist speziell.
„Es wäre vernünftig, das ganze Jahr über ein gutes Angebot für die Menschen zu machen. In Berlin gehen im Sommer viele Touristen in die Museen. Warum sollten die in dieser Zeit nicht auch einmal in das Theater gehen können?" formulierte er es in einem Interview.
Er konkretisierte seine Idee: Theater müssten nicht gänzlich auf eine Pause verzichten – stattdessen könnten sich die verschiedenen Häuser in einer Stadt aber absprechen und zeitlich versetzt in die Ferien gehen. Der Vorschlag fand Unterstützer, stieß allerdings auch auf Gegenwind. Auch in Regensburg – aus unterschiedlichen Gründen.
Statt-Theater kämpft schon jetzt um Besucher in den Sommermonaten
Die Stadt ist mit Berlin nicht vergleichbar. Da sind sich viele Verantwortlichen der lokalen Kulturstätten einig. „Ich glaube das kulturelle Angebot in Regensburg ist selbst in den Sommermonaten hoch“, sagt Matthias Nikisch vom Statt-Theater. Sein Haus macht aktuell im Juli Pause. „Das nur, weil in Regensburg sonst einfach zu viel los ist.“ Heißt konkret: Nikisch bekommt die Karten nicht los. „Wir mussten im August deswegen schon Veranstaltungen absagen.“ Für das Statt-Theater wäre es quasi eine mittelschwere Katastrophe, wenn in den Sommermonaten auch das Stadttheater oder andere Kleinkunstbühnen Vorstellungen anböten.
Auch Maria Kammerer vom Künstlerischen Betriebsbüro der Akademie für Darstellende Kunst fürchtet bei kürzeren Pausen zu wenig Publikum. „Ich könnte mir höchstens konkret gebuchte Veranstaltungen vorstellen, die zielgerichtet beworben werden.“ Ferner glaube sie nicht, dass Touristen Angebot missen würden. „Die Leute wollen bei gutem Wetter einfach raus.“ Dazu kommt: Viele Touristen kommen von den Schiffen und sind daher ohnehin nur einen oder maximal zwei Tage in der Stadt. „Die haben schon genug Programm, Theater steht da glaube ich, eher hinten an.“
Hans Krottenthaler, Geschäftsführer des Kulturzentrums Alte Mälzerei, sieht das ähnlich: „Für mein Empfinden hat Regensburg ein äußerst umfangreiches und vielfältiges kulturelles Angebot.“ Die Mälze macht im August einen Monat Pause. Krottenthaler weiß außerdem: Je kleiner ein Betrieb, desto schwieriger ist es, nicht einige Wochen komplett zuzumachen. „In großen Firmen mag es möglich sein, den Betrieb trotz weniger Personal aufrechtzuerhalten.“
Doch auch für große Häuser wie das Stadt- bald Staatstheater scheint eine Veränderung schwierig zu sein: „Wir sind ein komplexer Betrieb, bei dem eine Änderung viele andere Änderungen erzwingen würde“, sagt Pressesprecherin Andrea Hoffmann. Wenn man im Sommer ein Stück für Touristen aufführen wollte, dann müsste nicht nur das Ensemble arbeiten, sondern auch die Kasse, Garderobe, Technik, Pforte und so weiter. Die Arbeitszeiten für Beschäftigte in Theatern und Bühnen seien gesondert geregelt – und das tarifvertraglich. „Das Stadttheater kann die sechswöchige Sommerpause also nicht einfach aufheben oder verändern“, sagt Hoffmann.
Regensburger Häuser nutzen Pause für Wartungsarbeiten
Das Turmtheater hat indes die Sommerpause des Stadttheaters genutzt – so wie sich Zimmermann vom Kulturrat sich das wahrscheinlich vorstellt: Sie haben den August durchgespielt. Dafür von Mitte Juni bis Mitte Juli Pause gemacht.„Das hat gut geklappt, aber die vielen Regentage haben uns in die Karten gespielt“, sagt Christina Matschoß, zweite Vorsitzende. Das sei eine rationale Entscheidung gewesen, die immer ein gewisses Risiko mit sich trage. Heuer habe es sich für das Turmtheater gelohnt.
Der Geschäftsführer des Landestheaters Oberpfalz (LTO), Wolfgang Meidenbauer, „muss den Kollegen aus Regensburg beipflichten.“ Es sei in einem kleinen Haus nicht nur „kapazitätentechnisch“ schwierig. „Das ganze Team braucht diese Pause – zum Durchschnaufen.“ Auch das kulturelle Angebot sieht der Chef im Sommer nicht in Gefahr: „Im Juli und August gibt es bei uns eine Menge Freiluftspiele und die werden bei gutem Wetter eh viel besser angenommen.“
Laut Matschoß ist eine längere Sommerpause aber für jedes Haus notwendig. Schließlich könnten und müssten in dieser Zeit auch Wartungsarbeiten erledigt werden.
Mittelbayerische Zeitung, 14.9.2023
Scheinwerfer und Texte und irgendwohin
Musiker „Betterov“ gastiert heute bei den Mälze-Sommerkonzerten im Thon-Dittmer-Palais
Von Christian Muggenthaler
Die vielleicht schönsten oder vielleicht seltsamsten Blüten, die erstaunlichsten und die melodiösesten Pflanzen, die lautesten Espenlaubgehölze und die wortreichsten Wisperbäume gedeihen keineswegs in den Großstädten.
Da wo sowieso alles prangt und klingt und laut und bunt ist. Sondern als schillernde Einzelwesen, als solide Eremiten dort, wo sonst wenig ist und wächst, was kreative Lust und Kraft vermitteln würde. Diese Abgeschiedenheit macht sie dann so kräftig, diese Einzelgewächse. Das ist seit langem so, dass die Talente des Komponierens, des Schreibens, des Schaffens von Sonstwoher kommen und dann die großen Zentren schmücken und beglücken. Bei Betterov ist das auch so. Betterov – bürgerlich: Manuel Bittorf – kommt aus einem kleinen Ort bei Eisenach („Ich war mal ein Ultraschallbild, ist lange her“); man muss sich das als eine Art Geiselhöring Tübingens vorstellen. Dort sagen sich Fuchs und Hase ‚Gute Nacht’, aber dort rieseln auch seltsame Ideen und Gelüste der Kreativität runter grad so wie Sternenstaub.
Wie ein Durchlauferhitzer für das eigene Potenzial
Und mit etwas Glück finden sich dann Geschwister im Geiste, so wie Betterov, der in Eisenach ein freies Theater fand, wo er sich mit seinen musikalischen Talenten zu Hause fühlen konnte: „Hier gab es Scheinwerfer und Texte, ich wusste schnell: So ein Ort kann für einen Menschen wie mich nicht schlecht sein.“ War es nicht, denn hier konnte wie in einem Durchlauferhitzer sein Potenzial wachsen. Es folgten beiderseitige Entdeckungen: Er entdeckte sein Publikum und das Publikum ihn. Er ging nach Berlin. Ein Umfeld für völlig neue Inspirationen, Erfahrungen, Zwischenmenschlichkeiten: „Berlin ist keine
Stadt, nur ein Ort der Erinnerung/ Für mich, an Dich/Und Du schwebst über allem, so wie der Fernsehturm/Doch ich – empfang’ nichts.“ Diese Lyrik ist sehr dinglich, sehr beobachtend. Das ist die aktuelle Empfindungs-Pop-Lyrik, die auch Betterov nutzt, aber er geht einige Schritte darüber hinaus.
Betterov baut sich ganz eigene Welten
Schritt für Schritt ging’s also voran, und ein Schrittchen führt ihn jetzt auch nach Regensburg, wo man ihm und seinen Songs bei den Mälze-Sommerkonzerten im Thon- Dittmer-Palais lauschen kann. Sein aktuelles Album heißt „Olympia“. Melodisch baut er sich ganz eigene Welten, sehr poetisch sind wie gesagt die Texte. Die Komplexität der Lieder kommt aus der Dreidimensionalität, die Text und Melodien bauen: ein bisschen träumerisch, ein bisschen hymnisch, ein bisschen sphärisch und immer voll Leidenschaften. Man kann da eintreten und jederzeit gedanklich mit den Songs losfahren. Irgendwohin. Das steht natürlich in der Tradition des klugen deutschen Indiepops, Hamburger Schule und so. Man könnte die Musik aber zugleich auch ankoppeln an andere großartige sehr viel frühere Projekte aus dem Osten wie „Die Art“ – diese Traditionen knüpfen sich nicht zuletzt in Berlin unentwegt zusammen. Und ergeben ganz modernen, nachdenklichen Pop wie eben den von Betterov. Regensburger Zeitung, 29.6.2023
Musikalische Kunst- und Wunderkammer
Heute gastieren The Tiger Lillies bei den Mälze-Sommerkonzerten im Thon-Dittmer-Palais
Von Christian Muggenthaler
Über 30 Jahre Bandkarriere müssen ja schließlich ihren Niederschlag finden, und so gibt es jetzt „The Worst of Tiger Lillies“ als Kompilation ihrer – natürlich muss man bei den drei Herren nicht alles streng und genau nehmen – besten Stücke. In geringer Auflage, auch natürlich, wenn man die Band kennt. Eine Preziose also. Aber wenn sie jetzt auf Tour sind und heute in Regensburg Station machen und alle was davon haben, wird man auf eine aberwitzige Kombo stoßen, die das Zeug dazu hat, mit Erwartungshaltungen konsequent zu spielen, sie umzustoßen und zu konterkarieren. Es ist alles völlig ernst zu nehmen, wiewohl nichts davon völlig ernst zu nehmen ist.
„Schräger, komödiantisch-tragischer Stil“
Im Barock und Rokoko gab es einst die Kunst- und Wunderkammern, heute gibt es The Tiger Lillies. Eine Webseite beschreibt das Schaffen der Musikgruppe weitgehend treffend so: „Schräger, komödiantisch- tragischer Stil, Kostüme und Masken, Falsettgesang, eine Instrumentierung aus Akkordeon, Drums, singender Säge und Piano, eine Mischung aus Varieté, Kabarett, Punk und Gypsymusik.“ Sie erzählen Geschichten, maskiert und theatralisch, musikalisch und originell, oft witzig und manchmal erschreckend, weil sie thematisch vor nichts zurückschrecken. Aber sie überheben alles in eine künstliche Welt: mit ihrer Schminke, dem Falsett, der Vaudeville-Anmutung. Kein Wunder, dass sie einem immer wieder auch bei Theaterprojektenbegegnen. Am bekanntesten ist sicherlich ihre Fassung des „Struwwelpeter“, der „Schockheaded Peter“, der einen Triumphzug über die Bühnen hingelegt hat und immer noch dabei ist; auch am Theater Regensburg war der „Schockheaded Peter“ schon zu sehen. Zum famosen Musical „Pinocchio“ in Ingolstadt vor gut zehnJahren steuerte Bandmitglied Martyn Jacques die Basis der Musik bei. Der Pianist und Multiinstrumentalist Jacques ist der Gründer und Kopf der Band, mit dabei sind Adrian Stout am Bass und Christoph Butenop am Schlagzeug. Die Nähe des Trios zum Theater ist nicht direkt ein Wunder. Eine der deutlich erkennbaren Traditionen, in die sie sich stellen ist die Musik der 1920er Jahre, auch Anklänge beispielsweise an Kurt Weill sind zu spüren, der zusammen mit Bertolt Brecht und anderen die „Dreigroschenoper“ erarbeitet hat. Aus dem
Brecht-Theater-Konglomerat kommt auch die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, dazu Tingeltangel und die selbstzerstörerischen Tendenzen von Menschen wie der Tänzerin Anita Berber: Fertig ist die Wunderwelt der Tiger Lillies. Regensburger Zeitung, 28.6.2023
Beliebte Plätze beim Regensburger Bürgerfest: Gestrichen, umkämpft und jetzt doch dabei
Der Countdown läuft, in zwei Wochen ist Bürgerfest. Diese Regensburger Institution feiert heuer ihr 50-Jähriges, das große Jubiläum wirft schon seit Langem seine Schatten voraus.
Von Rainer Wendl
Regensburg. Nicht zuletzt wegen zwei beliebten Arealen, die zunächst vom Ausschluss bedroht schienen, nun aber doch dabei sind. Es geht um die Grünfläche vorm Andreasstadel in Stadtamhof sowie um die Keplerstraße. Bereits mitten im Winter platzte bezüglich des Andreasstadels die Bombe: Anfang Februar sickerte durch, dass die Stadt hier mit keiner Bürgerfest-Bühne mehr plant.
Als Begründung wurden Aspekte des Arten- und Baumschutzes angeführt, die Grünfläche daher als nicht mehr geeignet für Großveranstaltungen mit Bühne und weiteren Buden bezeichnet. Vor allem Bürgerfest-Traditionalisten hatte diese Nachricht schockiert. „Vorm Andreasstadel war einer der wenigen Bereiche, wo noch das alte Bürgerfest-Flair herrschte und es noch nicht zu dultmäßig geworden ist“, meinte etwa Jürgen Blochberger von der Band Tana Nile.
Zusammen mit seinem Kollegen Stefan Adler hatte er im Auftrag der Alten Mälzerei über viele Jahre das Programm für diesen Standort organisiert – dass die Bühne dieses Mal fehlen sollte, sorgte vor allem in der Regensburger Musikerszene für lauten Protest. Dieser blieb nicht ungehört und auch nicht folgenlos.In einer Sitzung des Kulturausschusses Ende März wurde beiläufig erwähnt, dass die Fläche vorm Andreasstadel vielleicht doch bespielt werden könnte. In abgespeckter Form zwar, aber immerhin.
Lieb und diesmal auch teuer
Kurz vor dem Fest weiß man nun, wie das aussehen wird. „Uns steht unter den neuen Rahmenbedingungen etwa ein Drittel weniger Fläche auf der Wiese für Aufbauten zur Verfügung. Anstatt der 15 Versorgungsstände beim letzten Mal bringen wir aktuell gerade mal fünf unter. Diese Gegebenheiten machen es natürlich schwierig, die Kosten zu decken“, schildert Mälze-Geschäftsführer Hans Krottenthaler die Situation.
Der Standort ist also nicht nur lieb, sondern diesmal auch teuer. Gleichwohl betont Krottenthaler: „Wir haben uns aber trotzdem entschieden, den Andreasstadel beim Bürgerfest zu bespielen. Weil sich wirklich sehr viele Menschen dafür eingesetzt haben, dass dieses beliebte Areal auch diesmal wieder dabei sein kann.“ Dazu zählt er auch die Mitarbeiter der betroffenen Fachstellen der Stadt, vom Kulturamt über das Umwelt- und Gartenamt bis zum Ordnungsamt: „Sie alle haben sich um eine Lösung bemüht. Dafür möchten wir uns bedanken.“
Obwohl das Hin und Her im Vorfeld viel Zeit gekostet hat, klingt das auf die Schnelle von Alter Mälzerei sowie Blochberger und Adler zusammengestellte Musikprogramm vielversprechend. Unter anderem werden Luisa Funkenstein, Maxi Pongratz von Kofelgschroa, Axel Prasuhn, Trio Salato sowie natürlich Tana Nile für viel Abwechslung und Qualität auf der Bühne sorgen.
Ebenfalls bereits im Winter hatte ein weiterer traditioneller Bürgerfest-Bereich für Irritationen gesorgt: Die Donau-Parallele vom Wiedfang über Fischmarkt und Keplerstraße bis hin zur Weinlände war ein weißer Fleck auf der Feier-Karte. Damit schien auch die Obdachlosen-Hilfe Strohhalm, für die das Bürgerfest eine wichtige außertourliche Einnahmequelle ist, außen vor zu sein.
Strohhalm ist doch mit integriert
Hier stellte sich die vermeintliche Streichung aber schnell als Kommunikationspanne heraus. Das genannte Areal ist beim Bürgerfest sehr wohl dabei, nur anders als gewohnt: Er wird zur Nachhaltigkeitsmeile. Das städtische Kulturamt präsentiert in der Keplerstraße in Kooperation mit dem Bio-Donaumarkt Kunst, Kultur und Kulinarik rund um 17 Nachhaltigkeitsziele. Zwei Bühnen mit großem Band- und DJ-Programm, ein Spielareal für Kinder an der Weinlände sowie verschiedenste Infoständen und Mitmachaktionen gehören ebenfalls dazu.
Sowohl die Keplerstraße als auch die Grünfläche vorm Andreasstadel werden also eine geänderte, aber wichtige Rolle spielen. Dass schon Monate vorher über sie diskutiert wurde, spricht für den Stellenwert des Bürgerfests. Mittelbayerische Zeitung, 1.6.2023
Kraftvoll wie ein Gewitter: „Kreisky“ in Regensburg
Die österreichische Band legt einen begeisternd-theatralischen Auftritt hin
Von Peter Geiger
Regensburg. In Österreich ist „Kreisky“ zum Motto geworden: Wer auch immer sich beruft, auf diesen Kanzler, beschwört das Gute. Denn Bruno Kreisky verlieh seinem Land nicht nur internationales Ansehen. Er regierte, elegant gekleidet und mit sonorer Stimme, recht erfolgreich von 1970 bis 1983. Wenn sich also heutzutage eine Band nach dieser Ikone benennt, will sie entweder selbst Kanzler werden. Oder, noch viel besser: Sie will was damit sagen, ein Statement abliefern, über diesen mythischen Punkt, um den seither konsensual alles kreist, an der gerade wieder so blauen Donau.
Mörderische Riffs
Das Quartett, das am Mittwochabend in Regensburg gastierte, ist aber alles andere als eine urfesche Buberlpartie, die sich nur drauf verstehen würde, dem Publikum Zuckerl zuzuwerfen. Nein, nein, ab der ersten Minute ist klar: Den Herren im feinen Zwirn ist ziemlich ernst, mit ihrem brachialen Rundumschlag. Die Band um Franz Adrian Wenzl (der unter diesem Namen auch Romane veröffentlich und als „Austrofred“ recht erfolgreich der Tätigkeit eines höchst eigenwilligen Freddie Mercury-Interpreten nachgeht), sie nährt sich aus den Resten vom Besten, was Jahrzehnte von Gegenkultur hervorgebracht haben. Am Heimweg hat man deshalb plötzlich „Television“ im Ohr, und deren mörderische Riffs. Kreisky-Gitarrist Martin Max Offenhuber, im Hauptberuf Architekt, versteht sich seinerseits auf diese Kunst, seine Konstellationen nicht zu anheimelnd zu gestalten. Sondern sie auszustatten, mit scharfen Kanten und Widerhaken. Sie setzen sich fest, in tiefdunklen Speichern unserer Gehirne und bleiben doch ewige Fremdkörper. Die 80 Minuten, während der „Kreisky“ grandios performen, sie sind so kraftvoll wie ein Gewitter, das den Schmutz erst so richtig aufwühlt.
Der „Tatort“ kreiste um Kreisky
Nicht alles ist zu verstehen, aber es reicht schon, Textfetzen zu hören wie „Wem gehört die Welt? Den Mutigen? Den Blutigen?“. Und dann reimen sie „Roman“ auf „Thomas Mann“ und beklagen immer wieder ihr Schicksal: Als „Veteranen der vertanen Chancen“ fühlen sie sich. Ach! Erst im Februar kreiste im Tatort aus Wien alles um eine hängengebliebene Kreisky-CD. Manchmal, da ist die Welt doch gerecht. Mittelbayerische Zeitung, 18.5.2023
Kabarett-Frühling: Helene Bockhorst spricht über Sex, Therapie und Dackel
Von Katharina Kellner
Regensburg. Es soll ja Bühnenmenschen geben, die schmettern ihrem Publikum ein überzeugtes „Guten Abend, Oldenburg!“ hin – und merken nicht, dass sie in Osnabrück sind. Das passiert der gebürtigen Hamburgerin Helene Bockhorst nicht: Sie hat akribisch recherchiert, mit wem sie es zu tun bekommt am Donnerstagabend beim Kabarett-Frühling in der Alten Mälze. Als sie auf die Bühne kommt, gratuliert sie erst einmal zum jüngsten epochalen Ereignis in der Stadt: der Eröffnung des Dackelmuseums. Und setzt ihre erste Pointe: „Alle, die hier sitzen, sind nicht im Dackelmuseum und wollen mich anschauen anstatt 5000 Dackel!“ Das passt gut zum Titel ihres Programms – „Die Bekenntnisse der Hochstaplerin Helene Bockhorst“. Doch bald zeigt sich: Hier ist eine wahre Tiefstaplerin am Werk – eine mit unglaublichem Charme und vielen Stärken.
Eine davon ist: An vielen Stellen ihres Auftritts reagiert sie mit schlagfertigem Witz auf lokale Gegebenheiten und spontane Einwürfe. So bringt sie zwei Besucher dazu, sich als „JJ (gesprochen Dschäi dschäi) und Irmala“ vorzustellen und dichtet ihnen dann eine verborgene Existenz als Sexualberater an, deren Mission es sei, sie zum Schweigen zu bringen.
Das richtige Zeitfenster bei Männern
Der quietschbunte, eng anliegende Jumpsuit, den sie trägt, verbirgt nichts – genauso wie seine Trägerin: Sie spricht obsessiv über all jene Themen, die Andere nicht freiwillig ausbreiten – notorische Unsicherheit, Sexbesessenheit, Depression. Letztere plagt nicht nur ihr Bühnen-Ich, sondern auch die reale Helene Bockhorst, die 2020 ein Buch vorgelegt hat, in der sie Depression mit Witz begegnet.
Das tut sie auch auf der Bühne, nach dem Motto: „Mein Problem ist gar nicht mein Selbstwertgefühl. Ich bin kacke.“ Bockhorst wandelt da auf schmalem Grat: Bei manchen Geschichten bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Zum Beispiel, als sie von ihrem Vater erzählt, der ihr Döner mitbringt. Als sie ihm von ihren Depressionen berichtet, sagt er: „Hätte das nicht Zeit gehabt bis nach dem Essen?“
Doch die Stand-up-Comedienne bringt das derart trocken rüber, dass die Stimmung nicht kippt. Und inszeniert gleich darauf ihr Bühnen-Ich als neurotische Nervensäge: Ihre Therapeutin will die Praxis aufgeben, ihre „angefangenen“ Patienten aber noch „zu Ende machen“. Doch Bockhorst hält die Therapeutin mit allerlei neuen Problemen noch „ein paar Jahre“ hin.
Bei Männern verpasse sie oft das Zeitfenster, in dem sie zu haben sind – zwischen der jeweiligen „Liebe des Lebens“, was oft nur wenige Stunden dauere oder einen Drink lang, sagt sie: „Ich möchte eine Push-Nachricht, wie bei Zalando, wenn der Artikel wieder frei ist.“
Sie ist schonungslos – zu sich selbst
„Blanken Neid“ spürt sie angesichts des schlichten Songtexts von „Ich bin ein Döner“, mit dem der Friseur Tim Toupet sich wochenlang in den Top-ten der Charts gehalten hat: „Ich hab ’ne Zwiebel auf‘m Kopf, ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner“ heißt es da. Sie selbst, sagt Bockhorst, könne leider weder singen noch tanzen. Doch man sollte ihrer schüchtern-naiven Bühnenfigur nicht auf den Leim gehen. Am Ende geht sie unter begeistertem Klatschen ab und kommt dann erneut auf die Bühne – jetzt mit einem Oberteil, das eine riesige Sushi-Rolle zeigt. Sie singt und tanzt „Ich hab’ Wasabi auf dem Kopf, ich bin ein Sushi“. Bei Bockhorst wirkt das nicht klamaukig – das Publikum jubelt über den uneitlen Humor einer Frau, die an diesem Abend oft überrascht hat.
Am Ende fühlt man sich erfrischt – von einem Ton, der ganz anders ist als der schrille Sound manches Oldschool-Kabarett-Kollegen. Auch Bockhorst ist auf der Bühne schonungslos – zu sich selbst. Sie ist im besten Sinn bei sich – und berührt damit ihr Publikum. Mittelbayerische Zeitung, 29.4.2023
Kulturzentrum Alte Mälzerei in Regensburg feiert 35. Geburtstag und erhält Rückenwind
Von Jürgen Scharf
Regensburg, Stadt. Von der Oberbürgermeisterin gibt es ein dickes Lob. Gertrud Maltz-Schwarzfischer spricht von einem „besonderen Spirit“, den die Alte Mälzerei seit ihrer Eröffnung vorlebe. Das Regensburger Kulturzentrum am Galgenberg feiert nun seinen 35. Geburtstag.
Am 30. April 1988 war es soweit. Alex Bolland und Walter Kotschate eröffneten den Live-Club Alte Mälzerei. Diese zwei lebten den besonderen Spirit, von dem die Oberbürgermeisterin spricht, damals leidenschaftlich vor.Ihr Ursprungskonzept war einfach und radikal: so viel Live-Musik wie möglich, am besten jeden Tag. Und das in einer Stadt, in der es bis dahin kaum Konzerte gab. Die neue Anlaufstelle für Musiker sprach sich schnell in ganz Deutschland herum. Mit dem wachsenden Erfolg wurde die Alte Mälzerei auch ein politisches Thema. Und zwar zur Frage: Ist der Kommune das etwas wert? Anfang der Neunziger Jahre gab es eine klare Antwort: Ja. Der Stadtrat segnete einen umfangreichen Um- und Ausbau des Gebäudes ab. 1994 wurde es als Kulturzentrum Alte Mälzerei wiedereröffnet.
Auf fünf Säulen gesetzt
Hans Krottenthaler ist seit den Anfangsjahren mit dabei. Mittlerweile ist er Geschäftsführer. Wenn er über 35 Jahre Alte Mälze spricht, findet er eines besonders erwähnenswert: „Wir haben in den Anfangsjahren ein Programm auf fünf Säulen entwickelt: Konzerte, Kabarett, Theater, Lesungen und Tanz. Und dieses Konzept hat sich bis heute bewährt.“
Tanztage, Popkultur-Festival, Heimspiel-Reihe, U20-Poetry-Slam, Kleinkunstfestival – die Liste der Veranstaltungen, die es in dreieinhalb Jahrzehnten in der Mälze gab, ist schier endlos. Die Programmzusammenstellung wurde schon zweimal mit dem „Applaus“-Preis des Bundes ausgezeichnet. Krottenthaler zufolge ist das Kulturzentrum aber weitaus mehr als „nur“ ein Ort für Events: „Es gibt Künstler-Ateliers, Proberäume, ein Tonstudio, einen Theatersaal und es werden Seminare und Workshops durchgeführt.“
Den Nerv des Publikums treffen
Auf dem Erfolg vergangener Zeiten kann sich in der Kulturbranche aber niemand ausruhen. Es gilt, ständig aufs Neue den Nerv des Publikums zu treffen. Der Mälze scheint das zu gelingen. „Die Corona-Pandemie war natürlich auch für uns sehr hart“, sagt Krottenthaler. Zuletzt sei es aber deutlich aufwärts gegangen, die Besucherzahlen seien beinahe wieder auf dem Stand von 2019.
Jedes Jahr bekommt die Mälze einen Zuschuss von etwas über 200.000 Euro von der Stadt. Dies bedeute aber keineswegs, dass die Mälze im luftleeren Raum vor sich hin wirtschaften könne, sagt Krottenthaler. Etwa 70 Prozent des Gesamtetats müssen selbst erwirtschaftet werden. Hier habe das Kulturzentrum derzeit auch wie viele andere mit den steigenden Energiekosten zu kämpfen. Andererseits wolle die Mälze den Trend zu allseits steigenden Ticketpreisen nicht einfach mitgehen. Dadurch würden noch mehr Menschen vom kulturellen Leben abgeschnitten werden, findet Krottenthaler: „Wir mussten letztlich auch ein bisschen höher gehen, schauen aber, dass das moderat bleibt.“
Mit dem Zuschuss der Kommune kann die Mälze derweil weiter rechnen. Die politischen Signale sind eindeutig. Oberbürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer von der SPD sagt: „Selbstverständlich wird die Stadt die Mälze weiter finanziell unterstützen.“ Eine lebenswerte Stadt verlange kulturelle Vielfalt und Teilhabe – hier sei die Mälze nicht wegzudenken. Die CSU, die größte Gruppe in der Regierungskoalition, sieht das ziemlich ähnlich. Fraktionschef Jürgen Eberwein spricht von einem „wichtigen Bestandteil der Regensburger Kulturszene. Man sollte es auch weiter fördern“.
„Funktioniert immer noch“
Alex Bolland steht am Galgenberg nun schon lange nicht mehr in der ersten Reihe. Er konzentriert sich seit knapp 20 Jahren auf seine Kulturagentur. Der Mälze ist er aber immer noch mit ganz viel Herzblut verbunden, wie er sagt: „Ich finde es Wahnsinn, wie lange der Start jetzt schon her ist, und dass die Mälze immer noch so gut funktioniert.“ Es werde schlicht „nach wie vor ein Spitzen-Programm“ zusammengestellt, „das mit seiner Mischung zeitlos und nicht von Trends abhängig ist“.
An der Existenzberechtigung der Alten Mälze dürfe es Bolland zufolge deswegen auch keinerlei Zweifel geben: „Eine Stadt wie Regensburg braucht so etwas einfach. Hoffentlich gibt es ein 40-Jähriges. Und dann noch ein 45-Jähriges. Und immer weiter.“
Die große Geburtstagsparty
Am Sonntag, den 30. April, gibt es nun die große Geburtstagsparty. Auf allen drei Ebenen wird gefeiert. Geburtstagskinder haben dabei freien Eintritt. Auf der Club-Bühne werden The Robocop Kraus auftreten, Sie gelten als starke Liveband und bieten eine Mischung aus Indie, Soul, Pop und Punk. Anschließend gibt es eine Indie-Party mit dem DJ-Team Moxy & Pacult. Auf der Underground-Bühne treten Make a Move auf – „eine der spannendsten neuen deutschen Bands mit bombastischem Brass-Funk-Rap“, wie die Mälze ankündigt. Danach legt DJ Buzman Boom Bap, HipHop und Funk auf. Und ganz oben im Theatersaal der Mälze gibt es dann noch das Veranstaltungskollektiv La Mer Sauvage mit Techno, House und Electronica zu hören. Mittelbayerische Zeitung, 11.4.2023
Mälzerei-Kleinkunstfrühling
Zwei Stunden Eindreschen auf den Zeitgeist
Zotige Schenkelklopfer, brachiale Provokationen: Helmut Schleichs Auftritt im Marinaforum Regensburg
Von Katharina Kellner
Regensburg. „Nur noch Flachwurzler“ befindet Helmut Schleichs Bühnenfigur an einer Stelle seines gut zweistündigen Auftritts. Augenfällig flach sind an diesem Abend allerdings Schleichs eigene Ergüsse. Wer sich spritzige Pointen, messerscharfe Analysen oder neue Gedanken zu Gegenwarts-Fragen erhofft hat, wird enttäuscht. Stattdessen bewegt sich Schleich ermüdend hartnäckig zwischen Geifern und Raunen.
Seinen Auftritt beginnt er mit einem Gag, der nur in Regensburg funktioniert: dem Hinweis, er habe bei seiner Anreise einen Stopp in Pentling eingelegt, um „heiliges Benzin“ zu tanken. Eine seiner treffenden Ratzinger-Parodien folgt aber erst zum Schluss. Zunächst jagt Schleich seine Zuhörer weiter: „Der Frühling ist da – man merkt’s daran, dass der Klimakleber aus dem Bali-Urlaub zurück ist.“ Seine nächste Bemerkung ist so derb, dass er sie lieber einem Stammtischbruder zuschreibt. Der schmeißt Klima-Klebern Fruchtgummi-Apfelringe hin mit den Worten: „Für Euch grüne Arschlöcher“.
Abrechnen mit der „Generation Schnösel-Woke“
Im ersten Teil verzichtet Schleich auf Parodien. Er will sich offenbar nicht mit einer komödiantischen Figur aufhalten, sondern unmittelbar abrechnen mit jenen, die ihn in Rage versetzen: Mit der „Generation Schnösel-Woke“, „Rhabarberschorle-Deppen“ oder Leuten, die „Sehr gerne!“ oder „Bleiben Sie gesund!“ sagen. Damit werde „Verlogenheit in unsere Alltagskultur hineingebohrt“.
Dazwischen blitzt auf, wie gut Schleich als Typenkabarettist sein kann: Er mimt seine Paraderolle des Franz Josef Strauß mit eingezogenem Hals und den Mann im Bahn-Reisezentrum Cham, der ihn in der dritten Person anspricht: „Wo er reinkomma is, hob i ma denkt, wann ers niad is, na frog i eam.“
Doch statt feinsinnig aufspießen will Schleich über weite Strecken lieber brachial provozieren: Humor sei in Deutschland schwierig geworden, klagt er, es regiere die Verbissenheit. Seine eigene Auffassung von Humor im neuen Programm „Das kann man so nicht sagen“ erweist sich allerdings als beschränkt: Wer ihm politisch nicht in den Kram passt, wird abgewatscht – mit dem bayerischen Grundsatz vom „Leben und leben lassen“ ist es da nicht weit her. Beim Bashing der Ampel-Minister reiht sich ein zotiger Schenkelklopfer an den nächsten. Robert Habeck? „Ein Kinderbuchautor als Wirtschaftsminister, was kommt als nächstes? Ein Hampelmann als Kanzler?“ Die Außenministerin betitelt er als „Anakonda Baerbock“. Lacher sind ihm da sicher. Inhaltliche Auseinandersetzung bleibt er schuldig.
Keine Zeit für Feinheiten
Übel geraten Schleichs Einlassungen zum Ukraine-Krieg, wenn er Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt in dieselbe Ecke rückt wie den NS-Verbrecher Hermann Göring. Bei seiner Bewertung der deutschen Ukraine-Politik ist ihm Schrillität näher als Wahrheit: Kriegstreiber sollten sich persönlich auf dem Schlachtfeld treffen, sagt er sinngemäß und benutzt tatsächlich den Plural, obwohl es in der Ukraine (die den Kontext bildet) nur einen einzigen Kriegstreiber gibt: Den im Moskauer Kreml. Wohl absichtlich lässt Schleich offen, was er genau meint: Dass Deutschland sich durch die Lieferung von Panzern zur Kriegspartei mache, wie es von russischer Seite behauptet wird? Ob sich die Ukrainer lieber ohne Gegenwehr umbringen lassen sollten, damit Schleich es sich in seinem „Pazifismus“ bequem einrichten kann?
Doch so ein herkömmliches Kabarett-Format bietet keinen Raum für Einwände. Schleich bellt unwidersprochen weiter. Zum Beispiel gegen die Gender Studies, über die die AfD seit Jahren Lügen verbreitet. Eine davon nimmt Schleich bereitwillig auf: Angeblich gebe es in Deutschland 200 Lehrstühle dieser wissenschaftlichen Disziplin. Das ist nachweislich falsch – es gibt überwiegend Professuren, die Gender-Themen als Teil ihrer Disziplin bearbeiten.
Doch wer wie Schleich so schön dabei ist, auf den Zeitgeist einzudreschen, den stören solche Feinheiten nur. Mittelbayerische Zeitung, 31.3.2023
Kleinkunstfrühling
Ein Kabarett als Bußpredigt aus dem Bürostuhl
Hagen Rether mahnt mit seinem Programm „Liebe“ das Publikum zur Mäßigung
Von Peter Geiger
Regensburg. Schwarz, das war einmal. Hagen Rether, er war der „Man in Black“ des deutschen Kabaretts. Sein korrekter Anzug, der polierte Klavierflügel und auch das lange, zum Pferdeschwanz gebundene Haar – alles: schwarz wie Ebenholz.
Aber das war vor der Pandemie. Und vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Vor dem augenblicklichen „Clusterfuck“ also – womit er darauf anspielt, dass klar war, dass ungebremstes Wachstum irgendwann sämtliche Kipppunkte erstürmen würde. Und daraus Verstärkereffekte resultieren, die in die gegenwärtigen Krisenkaskaden münden.
Jetzt ist Hagen Rether 54, ergraut und trägt Vollbart. Und leidet, wie er zu Beginn bekennt, unter Depressionen. Weshalb man auch sagen könnte: Es graut ihm. Vor uns? Immerhin hat er seinem Publikum rund 20 Jahre unter dem programmatischen Motto „Liebe“ von der Bühne herab die Ohren langgezogen. Die Leviten gelesen und gepredigt, dass wir naiv wie die Kinder agierten. Weshalb wir uns über die Resultate nicht zu wundern brauchen.
Veganer im Ex-Schlachthof
So in etwa ließe sich das dreieinviertelstündige Bühnengeschehen, das sich hier am Samstagabend bis nach Mitternacht hinzieht, zusammenfassen. Und doch ist damit nichts gesagt, über all die Nuancen und Feinheiten, über all die Verknotungen und Überschneidungen, die diese Suada, diese große, teils improvisierte Bußpredigt aus dem Bürostuhl, diese große Sprechkur eines Sozio-Analytikers, im Innersten zusammenhält.
Und es entbehrt auch nicht feinster Ironie, dass das Marinaforum ein ehemaliger Schlachthof ist. Hagen Rether, der sich seit Jahren vegan ernährt, sieht im Fleischkonsum eines der Grundübel. Und nimmt so diese Steilvorlage dankbar auf. Und verwandelt sie stilsicher zur Pointe, dass eben nicht nur Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden können, sondern auch Orte des Tierleids zu kulturellen Begegnungsstätten.
Aber wenn man jetzt beginnt, kleinteilig seine Sprüche nachzuerzählen, stellt man sich ins Abseits. Weil die Magie, die er abendfüllend zu entfachen vermag, aus ganz anderem Holz geschnitzt ist. Der in Essen lebende, als Sohn einer rumänendeutschen Familie in Bukarest geborene Musikkabarettist, ist vor allem ein großer Erzähler. Einer, der in einem von Wiederholung und Variation getragenen, an Thomas Bernhard erinnernden Ton, das „Anthropozän“ (unser vom Menschen geprägtes Zeitalter also) in Worte zu kleiden vermag. Obwohl er, wie man im Bayerischen sagt, dabei vom Hundertsten ins Tausendste kommt, gerät er aber weder ins Faseln noch verliert er den roten Faden. Sondern hat stets sein Publikum im Fokus. Und erreicht alle und alles. Packt die Leute bei der Ehre, indem er die Kant’sche Frage, was denn Aufklärung sei, ernst nimmt. Und Mündigkeit einfordert, denn die Fakten, die „kennt heute jeder Sechstklässler!“
Beethoven und Maus-Song
Dass er dabei zwischen Grün und Böse unterscheidet, dass er den Bundesbürgern die jeweils 16-jährigen Kanzlerschaften Kohls und Merkels ebenso verübelt wie die augenblickliche Regierungsbeteiligung der FDP und uns Bayern die Dauerherrschaft der CSU vorhält – das mag zwar ausschließen, dass sein Publikum über Parteigrenzen hinauswächst. Ist aber wiederum Ausdruck einer auf der Bühne legitimen Subjektivität und eröffnet den freien Blick auf seine politische Seelenlandschaft.
Am Schluss, nachdem er noch die Causa Ratzinger gestreift hat und sein Wirken hier als „Regensburger Rede“ veredelt wissen möchte, da greift er tatsächlich noch in die Tasten. Spielt ein Requiem, Beethoven, den Maus-Titelsong und landet schließlich bei „Over the Rainbow“. Denn dort, über dem Regenbogen, dort wohnen jene Träume, die man uns einst verheißen hat, in Gute-Nacht-Liedern.
Hagen Rethers hier anklingendes Vertrauen in Utopien ist Ausdruck tiefster Verzweiflung. Weil er weiß, dass es fürs „Prinzip Hoffnung“ ausschließlich solche Alternativen für Deutschland und die Welt gibt, die allesamt viel schlechter wären. Eine schwarze Seele? Nein, die Grautöne dominieren! Mittelbayerische Zeitung, 27.3.2023
Geboren im Zeichen der Disco-Kugel
Frank Spilker gastierte mit seiner runderneuerten Band „Die Sterne“ in der Alten Mälzerei
Von Peter Geiger
Regensburg. Es gab Zeiten, da wurde das heute omnipräsente Wort „Narrativ“ ausschließlich als Adjektiv benutzt. Und begegnete einem allenfalls in wissenschaftlicher Literatur. Damals schon – in den mittleren neunziger Jahren – da zeichneten sich die Texte von Frank Spilker, Sänger und Kopf der „Sterne“, immer dadurch aus, dass bei aller flatterhaften Paradoxie und flanierenden Passagenhaftigkeit am Ende Handfestes stand, ja sogar: Sinnstiftendes. „Denn von allen Gedanken, schätze ich doch am meisten, die interessanten“, das war so ein Satz, der 1997 das vierte Album der Band überschrieb. Mit solchen Slogans bogen sie auch ein, in die Phase ihrer größten Erfolge.
Spilker immer mittendrin
Neben Blumfeld waren sie die namhaftesten Vertreter jener aus der Kreuzung verschiedener Minderheitenmainstreams entstandenen und stilistisch erstaunlich breit angelegten musikalischen Jugendbewegung, die sich „Hamburger Schule“ nannte. Und als solche waren sie Stammgäste, auch in Regensburg, sei‘s im Villapark, sei’s in der Mälze. Wenn Spilker heute also, als Mittfünfziger, wieder auftaucht, als Kopf seiner personell runderneuerten Kapelle (mit den beiden „Von-Spar“-Musikern Phillip Tielsch am Bass und Jan Philipp Janzen an den Drums, erweitert um Dyan Valdes an den Keyboards), dann könnte man tatsächlich befürchten: Ah, da startet einer auf seine mittelalten Tage noch einmal durch, und begibt sich auf den Egotrip. Mit eigener Coverband, um Diskurshoheit zu behaupten, über die Mythen einer viel zu schnell entschwundenen Vergangenheit. Und getragen von dem Willen, dies alles live auf der Bühne zu beschwören. Genau diesem Affen gibt Frank Spilker auch reichlich Zucker, wenn er nicht nur auf dem neuen Album, sondern auch hier einen Song platziert, der „Spilker immer mittendrin“ heißt.
Aber genau deshalb ist alles so wohltuend anders am Mittwochabend in der rappelvollen Mälze. Weshalb an dieser Stelle ein kurzes Wort zum Publikum eingeschoben werden muss: Dass Angela Aux – so das Pseudonym des Aloa Input-Sängers Flo Kreier, der mit seinen von akustischer Gitarre begleiteten Eigenkompositionen durchaus brillant den Spirit von Nick Drake oder Lou Reed beschwört – als „Vorband“ gegen eine in Permanenz quasselnde Lärmwand anspielen muss, das ist nicht nur respektlos.
Diese Ignoranz zeigt auch, wie wenig Passion und Interesse eigentlich dafür da ist, was auch die Sterne im Wesenskern antreibt. Auf ihrem jüngsten Album, dem ziemlich gelungenen „Hallo Euphoria“, heißt es im Titelsong nämlich: „Es gibt nur die Kunst, Musik und das Leben. Was soll es sonst geben? Verdammte Euphorie. Ich freu mich sonst nie! Ich hock immer nur so da! Viva Euphoria!“
Ja, was für eine starkes und optimistisches, der Dialektik abgerungenes Bild. Da steht man also in diesen von multiplen Krisen erschütterten Zeiten am Bühnenrand. Und lässt sich auch als Angehöriger jener Generation, die sich noch farbkräftig erinnert, ans Erscheinen des wohl größten Singlehits „Was hat Dich nur so ruiniert“ im Jahr 1997, wegtragen, von den Beats.
Extreme Tanzbarkeit
Die, wie Frank Spilker zwischenrein nuschelt, von ihm und Carsten Meyer (der sich als Produzent Erobique nennt) gemeinsam entwickelt werden. Von Zweien also, die „im Zeichen der Discokugel“ ihre musikalischen Prägungen erfuhren. Ja, die Sterne, sie stehen eben nicht nur für intelligente Texte. Sondern noch viel mehr für extreme Tanzbarkeit. Der handgemachte Sound ist hypnotisch wie Techno, der Bass immer repetitiv, aber auch ornamentierend, Spilkers Rhythmusgitarre funky wie aus der Hölle – und Orgelsounds pumpen das Ganze ordentlich auf. Angesichts dieses eineinhalbstündigen Wall of Sound verstummt auch der Chor der Desinteressierten. Oder lässt er sich sogar eines Besseren belehren und tankt voll, an der Euphorie-Zapfsäule? Jedenfalls ist nach rund eineinhalb Stunden Schluss, obwohl auf der am Bühnenboden klebenden Playlist zu lesen ist, dass die Band noch munitioniert gewesen sei, für weitere Zugaben. Ob die Sterne die Ehre von Angela Aux retten wollten?
Am Ende sind alle glücklich und aufgeräumt, und am Verkaufsstand taucht sogar der Chef persönlich auf, um CDs, Alben und T-Shirts zu signieren. Ob er noch immer, wie er mal in Regensburg verriet, ausschließlich „Spiegel und Joyce“ lese? „Nein“, antwortet Spilker, „Den ‚Ulysses‘ hab ich eh nie fertig gelesen. Aber ‚Krieg und Frieden‘ und die ‚Brüder Karamasow‘ fand ich super.“ Na also: Auch erzählerisch ist Spilker immer mittendrin!
Säm Wagner, Popkulturbeauftragter des Bezirks, sagte über das Konzert: „Obwohl ich ein Fan der frühen Sterne-Mitglieder bin, von denen ja nur noch Frank Spilker übrig ist, hat mich die neue Besetzung überzeugt. Das aktuelle Album ist eines der besten-Sterne-Platten seit Jahren. Und live auf der Bühne ist die jetzige Band nochmal deutlich mehr funky und tanzbarer gewor
