PRESSE/TEXTE
Pop und Rock verdienen mehr Gehör
Die „Heimspiel“-Reihe in der Alten Mälzerei feiert mit „Rock For Amnesty“ ihre 100. Ausgabe.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Nach Ansicht von Hans Krottenthaler findet das rege Treiben der regionalen Pop- und Rockszene zu wenig Beachtung. Allzu häufig werde auch bei städtischen Veranstaltungen der Fokus ausschließlich auf die „E-Musik“, die ernste Musik, gelegt. „Die junge und viel versprechende Regensburger Musikszene hat gegenüber Klassik und Jazz das Nachsehen“ meint der Programmchef der Alten Mälzerei. Auch im kürzlich vorgestellten Kulturentwicklungsplan der Stadt spielten Rock und Pop eine zu unbedeutende Rolle.
Stefan Glufke, der im Mälze-Team für die Organisation der „Heimspiel“-Reihe zuständig ist, sieht das ganz ähnlich: „Überregional wird Bands aus Regensburg eine weitaus größere Aufmerksamkeit geschenkt.“ Als Beispiel führt er die unzähligen Gruppen an, die im BR-Jugendradio On3 als „Band der Woche“ vorgestellt wurden oder sich gar auf der „On3-Startrampe“ im Fernsehen präsentieren durften. Um die regionale Szene zu fördern, bietet die Mälzerei aufstrebenden Bands beim monatlichen „Heimspiel“-Abend eine Plattform, um den Ernstfall zu proben: „Von der großen Bühne über eine hochwertige Musikanlage bis zum ausgebildeten Tontechniker bieten wir professionelle Bedingungen an“ erklärt Krottenthaler.
Die Bands werden bereits in der Vorbereitungsphase miteinbezogen: Durch das Verteilen von Flyern bewerben sie die Veranstaltung selbst. So sind seit der Gründung der „Heimspiel“-Reihe im Dezember 1999 – damals noch unter dem Namen „Die Szene lebt!“ – insgesamt 382 Bands aufgetreten. Um den 100. „Heimspiel“-Abend gebührend zu feiern, lädt die Mälze am Samstag nun zum „12. Heimspiel-Festival“ ein, das mit einem Programm aufwartet, das laut Krottenthaler die angesagtesten regionalen Bands vereint.
Wie bei jedem „Heimspiel“ wird auch beim Jubiläum großer Wert auf musikalische Vielfalt gelegt. Die Allstargroup der Regensburger Punkszene, The Glorious Thieves, die den Abend mit melodischem Amipunk eröffnen, setzt sich aus Mitgliedern bereits etablierter Punkgruppen zusammen. Die Indie-Songwriter von Balloon Pilot, die ihre Debüt-CD auf Mehmet Scholls Label „Millaphon Records“ veröffentlichten, weisen Musiker der Weilheimer Kultband The Notwist in ihren Reihen auf.
Red Button um Sängerin Jule drücken den roten Alarmknopf und lassen schnörkellosen (Hard-)Rock mit Grungeeinflüssen auf ihr Publikum herunterprasseln. Die vier jungen Regensburger von Nice Guy Eddie zählen zu den großen Pop-Hoffnungen der Stadt und sind „mehr die netten Schwiegersöhne von nebenan“, so Glufke, „die mit aufgekratzten Gitarren und einem fetten Beat für reichlich Stimmung sorgen.“
Als „Special Guest“, konnte die Mälze die holländischen Punkrocker von Antillectual verpflichten, die gerade auf Tournee sind und mit ihren politischen Texten auch bestens zum „Nutznießer“ des Abends passen. Denn sämtliche Einnahmen des 100. Heimspiels kommen Amnesty International zugute, deren Regensburger Ortsgruppe mit ihrem 40. Gründungstag ebenfalls einen Grund zum feiern hat. „Die Heimspiel-Festivals sind traditionell Benefizveranstaltungen. Die Bands spielen ohne Gage und wir stellen kostenlos die gesamte technische und personelle Infrastruktur zur Verfügung“ erklärt Krottenthaler. Mit Amnesty International habe man bereits vier Mal zusammen gearbeitet und konnte der Menschenrechtsorganisation insgesamt bereits 5000 Euro überweisen.
Damit dieser Betrag noch steigt, hofft Krottenthaler auf einen regen Publikumszuspruch am Samstag, „außerdem haben die tollen Bands ein volles Haus verdient“.
Sa., 28. Januar, 20 Uhr, Alte Mälzerei, Galgenbergstraße
Mittelbayerische Zeitung, 27.1.2012
KONZERT DES JAHRES 2011
Die Würfel sind gefallen, das KONZERT DES JAHRES 2011 in der Mälze ist gekürt, die Kandidaten nehmen die Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen. Nicht nur das Publikum, auch Musiker, Journalisten, Fotografen, Kellner, etc. sollten zu Wort kommen. Aus den vielen Vorschlägen konnten sich schließlich LYDIA LUNCH & BIG NOISE, THE SLACKERS, GANES, ERDMÖBEL, JA PANIK, HUNDREDS und MONO&NIKITAMAN absetzen. Zum Sieger wurde aber (erneut) eine Band aus Skandinavien gewählt: Das KONZERT DES JAHRES 2011 heißt: FRISKA VILJOR. Gratulation an die Schweden. Wir freuen uns alle auf ein Wiedersehen mit den sympathischen Jungs und bedanken uns bei all den Teilnehmern, die sich bei der Wahl zum Konzert des Jahres 2011 beteiligt haben. Die Gewinner unter den Teilnehmern KONZERT DES JAHRES werden per email benachrichtigt.
FDP oder Finanzhaie: Er demaskiert sie alle
Max Uthoff begeistert in der Mälze mit seinem Programm „Oben bleiben“.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Vor zwei Jahren musste sich Max Uthoff die Bühne noch mit vier Kollegen teilen, die mit ihm in der Alten Mälzerei um den „Thurn und Taxis Kabarettpreis“ stritten. Den nahm er dann mit klarem Votum mit nach Hause. Im vergangenen Jahr wurde sein erstes Programm „Sie befinden sich hier!“ mit dem Förderpreis des Deutschen Kabarettpreises bedacht. Am Samstag nun, als er sein neues Programm „Oben bleiben“ vorstellte, war die Mälzerei bis auf den letzten Platz besetzt. Den Münchner Uthoff kann man mit Fug und Recht als den Shootingstar der deutschen Kabarettszene bezeichnen. Es gibt derzeit wohl keinen, der besseres politisches Kabarett macht.
Den fundierten Aussagen nach zu urteilen, die er in seinen Programmen trifft, bringt der 44-Jährige seine Vormittage mit intensiver Zeitungslektüre zu. Ob Politik, Wirtschaft, Geschichte oder das Absurde aus aller Welt – Uthoff extrahiert das Wesentliche, stellt Querverbindungen her und nutzt schnöde Statistiken, um seine Lacherquote zu erhöhen. Besonders bemerkenswert sind seine irrwitzigen Vergleiche, die an Originalität kaum zu überbieten sind und die der Kabarettist nicht an einem einzelnen Nachmittag aus dem Ärmel geschüttelt haben dürfte – alles andere würde an Übermenschlichkeit grenzen. Vielleicht ist ihm die wortakrobatische Virtuosität aber auch in die Wiege gelegt worden. Vater Reiner und Mutter Sylvia führten dreißig Jahre lang das „Rationaltheater“ in Altschwabing, wo der spätere Jurastudent auf und hinter der Kleinkunstbühne seine ersten kabarettistischen Erfahrungen sammelte.
Uthoffs Witz wirkt, weil seine Worte durchdacht und höchst originell sind. Wildes Grimassieren, zerzauste Haare oder das fast schon zum Standard gewordene Miteinbeziehen des Publikums sind bei ihm Fehlanzeige.
Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, Uthoff habe Philosophie studiert, so zahlreich sind seine Verweise auf Dichter und Denker vergangener Epochen. Und: er verortet seine Erkenntnisse im Hier und Jetzt. Der vermeintlich bedeutungslose Alltag eines Jedermanns wird politisch aufgeladen, seziert und mitunter den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Denn in seinem smarten schwarzen Anzug, der ja so harmlos erscheint, kann Uthoff auch richtig böse sein. Und wie es sich für politisches Kabarett gehört, zeigt er sich respektlos den Autoritäten gegenüber. Ob Religionen, Parteien oder Wirtschaftsvertreter – Uthoff demaskiert sie alle. Sein besonderes, geradezu aufklärerisches Verdienst besteht jedoch darin, dass er das gesamte kapitalistische System einer kritischen Analyse unterzieht und seine Funktionsweise offen legt. Und das auf so treffende, eloquente und wortschöpferische Weise, dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzuhören. Und man als Zuschauer nicht umhin kommt, irgendwann zu sich zu sagen: „Ja, dieser Mann hat recht.“
Während Krisenbewältiger Christian Wulff nicht mal mehr als „moralischer Luftbefeuchter“ taugt, liegen bei Uthoff die abzockenden Finanzdienstleister cocktailschlürfend am Mittelmeerstrand, wo die ausgemergelten Leiber afrikanischer Flüchtlinge angeschwemmt werden. Während Angela Merkel die Machtübernahme im Hause Europa probt, verbeißt sich die lernresistente Steuersenkungspartei FDP „wie ein Schaf immer wieder im Elek-trozaun.“ Um das reibungslose Regieren zu garantieren, werden die Menschen in den westlichen Demokratien in einen Zustand permanenter Angst versetzt. Pisa-Panik, Arbeitslosigkeits-Hysterie, Altersvorsorge-Unruhe ziehen den Bürger in einen fortwährenden Überlebenskampfstrudel. Und sollte sonntags mal tatsächlich die Gefahr bestehen, dass der Bürger anfängt, sich seine Gedanken zu machen, wird er schnell mit Stadtmarathons und ähnlichen Spaßveranstaltungen wieder davon abgebracht.
Clevere Einsichten bietet Uthoff zuhauf. Jeder politisch Interessierte sollte sich einmal eine seiner Shows angesehen haben. Mittelbayerische Zeitung, 18.1.2012
Er spielt den oidn und ewigen Blues
Willy Michl lebt in seinem 62. Winter. Von einem bürgerlichen Leben war der Isar-Indianer immer weit entfernt. Die Fans gehen seinen Weg mit.
Von Heike Siegel, MZ
Regensburg. Willy Michl gibt nicht die Hand. Er macht den Indianergruß. Legt die rechte Hand ans Herz und führt sie mit Pathos in weitem Bogen nach außen. Seine Fans erwidern den Gruß reflexartig. Klaus Mayer zieht fast andächtig ein abgegriffenes Plattencover von Michls LP „Ois is Blues“ aus der Stofftasche. „Könntest Du mir eine Widmung draufschreiben? Das war nämlich die zweite Platte, die ich mir in meinem Leben gekauft habe.“
Mit seiner Frau Cora sitzt Willy Michl, der „Isar-Indianer“, hinter einem Tisch mit CDs und Autogrammkarten. Fünf große Federn stehen ihm in alle Richtungen vom Kopf ab, sein beiger Fransen-Indianer-Anzug spannt ein wenig um den Bauch. Ein Hauch von Nostalgie weht durch die Alte Mälzerei, wo der Blues-Musiker am Donnerstag das Konzertjahr eröffnet hat.
Das scheint auch seine Frau Cora zu spüren. „Hier in der Mälze, an der Bar, hat mir Willy 1993 einen Heiratsantrag gemacht. Immer, wenn ich herkomme, sage ich: ‚Weißt Du noch?“, erzählt sie. Auf die Frage „Liebling, willst Du meine Frau werden?“ antwortete die Oberpfälzerin mit dem pechschwarzen Haar und den üppigen Lippen damals: „Ja, das wäre der schönste Tag in meinem Leben.“ Der Rest ist Geschichte. Am 22. Juli 1993 heirateten die beiden in München. Sie wirken auch nach fast 19 Ehejahren unglaublich glücklich miteinander. Das unterscheidet sie von vielen anderen Paaren, nicht nur ihr exzentrisches Äußeres. Willy Michl läuft seit Jahren als Indianer durch die Gegend. Doch das Outfit darf nicht davon ablenken, dass Michl ein exzellenter Blues-Gitarrist und Alleinunterhalter ist.
„Er ist natürlich und sympathisch“
Der Isar-Indianer ist mit seinem Publikum zwar alt („Es ist der 62. Winter, in dem ich jetzt schon lebe“), aber eben nicht bürgerlich geworden.
Er traut sich, seine Exzentrik zu leben, wird von seinen Fans aber nicht darauf reduziert. „Er ist ein natürlicher und sympathischer Typ geblieben, so wie er immer war. Wenn der Indianer-Kult sein Weg ist, dann ist das völlig o.k.“, findet Gudrun Schierlinger aus Regensburg. Die 48-Jährige kennt Michl seit den 80ern. „Damals haben doch nur er und die Spider-Murphy-Gang was Bayerisches gemacht.“ Der 60-jährige Gerhard Baumann aus Alteglofsheim ist Fan der ersten Stunde. 1969 arbeitete er im ehemaligen Hotel „Peterhof“ gegenüber dem Münchner Rathaus. Damals hat er Michl vor einem Kaufhaus als Straßenmusiker mit Lederjacke und langen Haaren erlebt und war sofort hin und weg. „Der hatte damals schon einen Elektroverstärker dabei. Mitten auf der Straße.“
Roland Breu (61) aus Wolfsegg und der 59-jährige Max Artmeier aus Straubing freuen sich vor dem Konzert auf „echten und ehrlichen“ Blues. Artmeier, Bäcker mit eigenem Laden, greift oft selbst zur Gitarre. „Ich spiele Willys Lieder immer noch gern.“ Junge Leute sucht man im Publikum wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Die 22-jährige Vroni Eibl aus Deuerling kennt Willy Michl von ihrer Mama. „Als ich noch ein ganz kleines Mädchen war, hat sie mir immer sein Lied ‚Indianer‘ vorgesungen. Deshalb wollte ich den schon immer mal sehen.“ Die meisten Zuhörer sind in Michls Alter und kennen die Songs in- und auswendig. Beim „Bobfahrerlied“ singen alle mit: „…wir sind die Männer mit einem harten Job, wir fahren mit dem Bob.“
Vielleicht gibt es eine neue Platte
Das Lied „Isarflimmern“ bringt er als zweiten Song. Der starke Bass seiner Gitarre korrespondiert mit seiner vollen Bluesstimme, die stellenweise an Wolfsgeheul erinnert. Die Riffs kommen ungestüm, aber sauber. Ein Plektron braucht Willy Michl nicht. Er streicht die Saiten mit den langen Fingernägeln seiner rechten Hand. Die Akkorde und sein Gesang sind leidenschaftlich und kraftvoll, auch wenn ihm die Stimme manchmal bricht. Es herrscht eine Stimmung zwischen Wehmut, Andacht und Lagerfeuerromantik. Der Blues funktioniert eben immer noch. Die gute, alte Zeit!
Aber auf Neues wartet man beim Schwelgen vergeblich. Michl hat noch immer keine neue Platte gemacht. „Eigentlich ist sie schon fertig, nur eben nicht aufgenommen. Vielleicht wird es diese Platte nie geben. Aber alle werden ewig darauf warten…“, prophezeit er lachend. Michl bleibt sich treu und schert sich nichts um den Mainstream: „So spui I mein oidn und ewigen Blues!“
Mittelbayewrische Zeitung, 15.1.2012
Ein schweißtreibendes Fest des Friedens
Das Dancehall-Duo Mono & Nikitaman feiert mit seinen Fans in der Mälze eine heiße Mitmach-Party.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Mono und Nikitaman stellen bei ihrem Auftritt in der Alten Mälzerei ihre Entertainerqualitäten unter Beweis. Sie lassen ihr Publikum einen russischen Backgroundchor imitieren oder mit Feuerzeugflammen eine heimelige Intim-Atmosphäre kreieren. Die Jungs sollen ihr T-Shirt ausziehen und das klatschnasse Ding in Hubschraubermanier über den Köpfen kreisen lassen. „Das ist das heißeste Konzert auf der gesamten Tournee“ merkt die 36-jährige Monika Jaksch alias Mono verzweifelt an. Irgendwann ordert ihr Kompagnon Nick Tilstra alias Nikitaman „100 Liter Wasser“, um die Konzertbesucher unentgeltlich vor der Dehydrierung zu bewahren.
Denn die Mälzerei ist gepackt voll. Die emporgereckten Arme hin und her zu schwenken oder einfach nur auf der Stelle in die Höhe zu hüpfen, gehört zu den obligatorischen Pflichten eines „M&N“-Fans. Die Texte mitzusingen sowieso. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin, das Schlachtfeld bleibt leer, und alle gewinn’, das Leben ist schön – ja, ja“ – ein früher Nikitaman-Song von 2002 – schallt hundertfach durch den Club.
Es ist kein Wunder, dass das mittlerweile in Berlin beheimatete deutsch-österreichische Duo einen so großen Zuspruch erfährt. Beide gehörten Anfang des neuen Jahrtausends – zunächst unabhängig voneinander – zur ersten Generation deutschsprachiger Sprechgesangskünstler, die jamaikanische Musik und Musikkultur auf die hiesigen Verhältnisse übertrug. Beide waren auch auf der Kompilation „Dancehallfieber Vol. 1“ vertreten, die den Stein für deutschsprachigen Dancehall-Reggae ins Rollen brachte. Ab 2002 traten Mono und Nikitaman dann gemeinsam auf, zwei Jahre später erschien das erste gemeinsame Album „Das Spiel beginnt“.
Erstaunlich ist, wie weit sich das Künstlerpaar von den jamaikanischen Wurzeln gelöst und im Verlauf der vergangenen zehn Jahre etwas Eigenes kreiert hat, das man auch als zeitgemäßes Update von Deutsch-Pop definieren könnte. Sicherlich brummt der Bass noch Reggae-typisch im Untergrund; die gesamte Musik – und eben auch die Livepräsentation – weisen jedoch einen Professionalitätsgrad auf, der eine breite Massenwirksamkeit entfaltet. Der Sprechgesang ist zugunsten des Singens zurückgeschraubt und Monos glatte Stimme erklingt so glockenklar, als wolle sie die Nachfolge Nenas antreten.
Dabei sind Mono & Nikitaman seit jeher fest in Independentstrukturen verwurzelt, sie organisieren von der Musikproduktion über die visuelle Gestaltung bis hin zu den Merchandisingartikeln alles selbst.
Da passt es auch, dass sie ihr im Frühjahr erschienenes, viertes Album „Unter Freunden“ getauft haben. Diverse Gastsänger und -produzenten mischen hier mit. Für den Klang des Albums zeichnet Olsen Involtini verantwortlich, der bereits für Seeed, Rammstein oder Peter Fox am Mischpult saß. Dass der perfekte Klang dann eins zu eins auf die Bühne übertragen werden kann, garantiert die eigene Backingband.
Das „Unter Freunde“-Motto bringen Mono und Nikitaman etwas inflationär unters Volk, die fortwährenden „Wir wollen alle friedlich zusammen feiern“-Sprüche betonen etwas zu penetrant das Offensichtliche. Dass sie sich klar gegen Faschismus und Rassismus positionieren, unterstreicht ihr Selbstverständnis als politisch engagierte „Dancehallpunks“. Nikitaman kann sich nicht die eine oder andere Spitze gegen die restriktive bayerische Drogenpolitik verkneifen: „Vor hundert Jahren wurden hier nicht nur Bierfeste, sondern auch Hanffeste gefeiert.“
Mittelbayewrische Zeitung, 19.12.2011
Kahns Klezmer ist Politik, zu der man tanzen kann
Daniel Kahns wilde Musik erinnert an Punk, Freejazz, Brecht/ Weill und Tom Waits.
Von Helmut Hein, MZ
Regensburg. „Wenn ich nicht (dazu) tanzen kann, dann will ich auch nicht Teil Eurer Revolution sein.“ Klare Worte aus dem Mund einer Frau, der Anarchistin und Feministin Emma Goldman, die schon den jungen Henry Miller bezauberte. Daniel Kahn, dieser Virtuose des „Verfremdungsklezmer“ (die taz in einer euphorischen Rezension) zitiert sie. So, wie er überhaupt gern ans „gute Alte“ anschließt. Auch wenn er, ein wenig paradox, das von Walter Benjamin überlieferte Brecht-Bonmot zum Motto seines Albums macht, im Fall der Fälle sei das „schlechte Neue“ die bessere Wahl. Ein modernistischer Irrtum, den der Drei-Groschen-Mann mit Rimbaud teilt.
Aber Kahn ist ein revolutionärer Traditionalist, der mit Vorliebe die verdrängten Energien von Songs freisetzt, die längst vergessen oder durch ihren Erfolg im weltweiten Kulturbetrieb neutralisiert sind. Er versteht viel vom Entertainment – Emma Goldman hätte ihre helle Freude –, aber zuerst und vor allem sieht er sich als „Agitator“.
Er stammt aus Detroit, „einer Arbeiterstadt“, wie er betont. Er liebt die Songwriter der amerikanischen Linken, vor allem Woody Guthrie und Bob Dylan. Und noch mehr die jiddischen Arbeiterlieder. „Über einen Arbeitslosen in den USA heute“, sagt Daniel Kahn, „kann ich ein Lied singen, das vor hundert Jahren in Minsk geschrieben wurde“. Wer nach einer Genre-Bezeichnung für das, was er macht, sucht, dem sagt er: „Ich mache eine Art jiddisches Punk-Kabarett.“
Das ist ein wenig irreführend. Jiddisch stimmt zwar. Punk stimmt auch, wenn damit gemeint ist, dass er das Glatte verschmäht, dass er es gern roh und wild und ein wenig schräg hat. Sogar Kabarett ist richtig, wenn man nicht unsere Kleinkunst vor Augen hat, sondern wüstes, ungeniertes revolutionäres Welttheater. Und doch tut das der musikantischen Qualität seines Programms ein wenig Abbruch. Die FAZ entdeckt bei Kahn sogar „Freejazziges“, weil diese Band sich an keine Ordnung hält, die nicht in genau dem Augenblick, in dem sich ihre Musik „ereignet“, einleuchtet.
Klezmer ist bei Kahn nie Folklore, Kitsch, der gern vergisst, sondern unversöhnte Erinnerung, Gedenken. „Vi Azoy“ hat Avrom Sutzkever 1943 im Wilnaer Ghetto geschrieben. Der Autor träumt, nah an der Auslöschung, vom Tag der Befreiung, von der „Freude“ und stellt sich die Frage, wo dann das bittere, dunkle Lamento bleiben wird. Hellsichtig bis zur Verstörung: David Edelstadts jiddisches Lied „Im Kamf“, 1889 geschrieben, das gleichsam mit dem Refrain jüdischer Existenz beginnt: „mir vern gehast un getriben/ mir vern geplogt un farfolgt ...“
Zunächst merkwürdig wirken da die deutschen „Songs“, von Daniel Kahn getreu und sehr eigen interpretiert. Weniger Brecht/Weills „Denn wovon lebt der Mensch“ in seiner a-moralischen Humanität. Aber sogar die bösesten Botschaften verbrauchen sich: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, das geht heute allzu leicht über die Lippen. Kahn macht es wieder fremd und nachdenkenswert. Und schließlich scheut er nicht davor zurück, „Lilli Marleen“ nach einem Spieluhr-Intro ins Jiddische zu drehen und ihm so nachzuhören.
Kahns eigene Songs „Sunday After The war“ und „Inner Emigration“ klingen manchmal fast nach Tom Waits. Sie handeln unter anderem davon, dass man, immer und überall, für die innere Emigration bereit sein soll, dass man es aushalten muss, ein Fremder, geradezu ein Außerirdischer zu sein in der immer schon verlorenen Heimat. Und wem gelten diese Lieder, wo kommen sie her? Kahn zitiert ein Sprichwort: „Der Sohn will sich an das erinnern, was der Vater vergessen will.“
Auf keinen Fall vergessen oder verpassen sollte man das Daniel-Kahn-Konzert in der Mälzerei. Das Album „Lost Causes“ hat, vollkommen zu Recht, den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.
Mittelbayerische Zeitung, 3.12.2011
Hochspannung im fulminanten Tanz-Finale
Uraufführungen und Deutschlandpremiere: Das Publikum bedankt sich zum Abschluss der Tanztage mit Beifallsstürmen.
Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Olaf Schmidts Erwartungen haben sich erfüllt. Um einige Minuten zu überbrücken, die die Tänzer hinterm Vorhang noch benötigten, erzählte er etwas zu den Choreografien und kündigte „Finale und Höhepunkt der 14. Regensburger Tanztage“ an. Ganz zu Recht, wie der Abend im voll besetzten Velodrom mit zwei Uraufführungen – „Rise and Fall“ von Anh Ngoc Nguyen und „Thinking outside the box“ von Walter Matteini – und der Deutschlandpremiere von Schmidts eigener Choreografie „Iamnot“ für die italienische Imperfect Dancers Company zeigte.
Ein Manko nur, das in allen Stücken auftauchte – laute, zu laute Musik. Anscheinend hat sich vergleichbar zur zeitgenössischen Popularmusik auch bei Bühnenkünstlern die Haltung breitgemacht, mit Lautstärke punkten zu wollen. Aber selbst dort, wo es künstlerisch intendiert ist, lenkt Lautstärke irgendwann mehr ab, als damit ausgedrückt sein mag. – Ein fulminanter Abend war es dennoch.
Eine vibrierende Erfahrung
Nahezu atemberaubend in Tempo, Dynamik und Geschlossenheit des Ensembles das mit üppig Kunstnebel, Händels rührender Arie „Lascia ch’io pianga“ und einer nackten Glühbirne abenteuerlich eingeleitete „Rise and Fall“ – Aufstieg und Fall (im Programm als „Raise and Fall“ angekündigt). Eine Frau, anarchisch gekleidet im schwarz-roten Trikot, ist gefangen im Nebel. Sie singt, schreit, ohne die Musik zu übertönen. Mutiert zum männlichen Gegenpart im Partnerlook. Die Bühne lichtet sich.
Mit den übrigen Tänzern des Regensburger Ballettensembles schwappt kaltes, weißes Licht und ein elektronischer Sound in den Raum, der wie Starkstrom alles unter Spannung setzt. Nahtlos springt die Energie auf den Tanz über, faltet sich zu einem ungemein dicht wirbelnden Feld von Anordnungen und Anschlüssen, Übergaben und Aufstellungen, Verknüpfungen und Lösungen auf. Präzise und eindringlich greifen die schnellen Sprünge, Läufe und teils grotesken Bewegungen der Tänzer im Solo, in Duetten und Gruppen ineinander. Atemlos vermag man kaum mehr zu folgen. Die Frage, wessen Aufstieg und Fall, gerät völlig in den Hintergrund. Die vibrierende Erfahrung mit den kraftvollen und hinreißend elastischen Körpern, die zu einer homogenen Einheit verschmolzen sind, löst sich in donnerndem Trampeln und einem Beifallssturm. Hier ist unmittelbar deutlich, warum der Gast aus Vietnam zu den gefragten Choreografen einer jungen Generation gehört.
Surreal und sparsam bebildert
Dieses Erlebnis wiederholt sich nach der Pause für die „Imperfect Dancers“ in der dramatischen, unter erotischen Flammen stehenden deutschen Erstaufführung von „Thinking outside the box“. Es ist eine kantige, um sich schlagende, ebenfalls emphatisch getanzte Choreografie. Mit surrealen, schönen Details sparsam bebildert, die die Tragik und Schwere des insgesamt etwas langatmigen Tanzstückes fein dosiert mit Humor abfedern. Hatte man sich erst einmal aus der Zwangsjacke der bedeutungsschwangeren, wuchtig lauten Klänge gelöst, einer Schnipselmusik aus Klassik, Vokalmusik, Industrial Sounds, dräuendem Klaviertritonus und knisternder Elektronik, ließen sich die sinnlich, von Sehnsüchten zitternden Pas de deux, ein beeindruckendes Solo über Bachs „Air“ und das wütende Anrennen gehen eine Wand befreit genießen.
Die aus heterogenen Charakteren zusammengesetzte Company entspricht als Gruppenbild tatsächlich dem widersprüchlich erscheinenden Namen „Imperfect Dancers“ – mangelhafte Tänzer. Tanzend ergibt sich, wie schon in Schmidts „Iamnot“, welches wenige Wochen vorher in Rom Premiere hatte, ein anderer Eindruck. Die unterschiedlichen Personen ergänzen sich in Reibungen und ihrer Verschiedenheit. Lediglich die kleinste Tänzerin nimmt ein wenig die Rolle eines Notnagels ein, der auch noch irgendwie untergebracht werden musste.
Dagegen fiel die über eine brisante gesellschaftliche Frage entwickelte Geschichte von Olaf Schmidt ein wenig ab. „Iamnot“ ist nach einem Film über menschliche Klone, die zur Entnahme von Organen gezüchtet werden, für die italienische Company entstanden und entwickelt sich, ausgehend von kindlichen und jugendlichen Outfits, linear. Dabei hat Schmidt für die am Ende stehende Organentnahme anrührende Bilder und Gesten gefunden, die auf subtile Weise an die „Mein-Bauch-gehört-Mir“-Kampagnen der 70er erinnern. Durch die erzählte Vorwegnahme des inhaltlichen Geschehens aber hat Schmidt die Fantasieschraube seines Publikums nahezu festgezurrt, so dass der Blick immer mit dem Ablauf im Hinterkopf auf die Tänzer fiel. Diese bebilderten vor allem in hinreißend synchron getanzten Passagen die Frage der menschlichen Duplikate erschreckend schön.
Ein würdiger, denkwürdiger Abschluss für die 14. Regensburger Tanztage. Davon wünscht man sich nächstes Jahr mehr. Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2011
Schwerer Abschied im Schneegestöber
Die 9. Internationale Aids-Gala im Velodrom: Ballettdirektor Olaf Schmidt erlaubt sich einen wunderbar ironischen Abgang.
Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. So konsequent und überzeugend und beifallumrauscht wie bei der 9.Internationalen Aids-Tanzgala am Samstag im wie immer ausverkauften Velodrom ist das klassische Ballett noch nie beerdigt worden, zumindest nicht in Regensburg. Es geht los mit einem Paukenschlag: Anh Ngoc Nguyen choreografiert das Regensburger Ensemble, ein Ausschnitt aus „Raise and Fall“, das am Tag darauf Premiere hatte. Ein eigenwilliges neunköpfiges Marionettenballett zu einer leicht nervigen Musik zwischen Zahnarzt und Science Fiction. Von der ersten Minute an ist klar: Der Zopf ist ab, hier wird in der Gegenwart getanzt, keine Zugeständnisse an etwaige nostalgische Bedürfnisse im Publikum.
Und so geht es dreieinhalb Stunden lang weiter: wenig Gefälliges, dafür viel Packendes, Berührendes, Mitreißendes. Am eingängigsten vielleicht noch das „Trio aus B(r)achland“ (der Teufel hole die ewigen Wortwitzeleien!) des Münchner Tanztheaters vom Staatstheater am Gärtnerplatz: Eine Frau (Hsin-I Huang), federleicht schwebend zwischen zwei Männern (Marc Cloot und David Valencia), in der Choreografie von Hans Henning Paar. Ein getanzter Traum zu einem Klavierkonzert von J. S. Bach, eine Dreiecksbeziehung unter Schmetterlingen, eine Menage à trois wie von einem anderen Stern.
Wie verletzlich der Mensch ist
Mit am meisten Beifall heimst die italienische Imperfect Dancers Company unter Walter Matteini ein. Der Ausschnitt aus dem Stück „Istante“ („Augenblick“) ist eine eigensinnige Inszenierung zu Musik von Vivaldi, J. S. Bach und Händel, unterlegt mit Flüsterstimmengewirr, voller Operntheatralik und Dramatik: Mann und Frau (Ina Broeckx und Julio Quintanilla), deren Auseinandersetzung allein schon bühnenfüllend wäre, doch zwei weitere Männer (Emanuele Rosa und Mattia de Salve) tanzen um sie herum einen spannungsgeladenen eigenen Tanz. Ein hochkomplexes, hochfragiles Geschehen: Unglaublich, wie beweglich der Mensch sein kann – und unglaublich, wie verletzlich er ist. Unter den Solotänzern sticht Charlotta Öfverholm mit „Flexible with Frozen“ heraus (Choreografie: Sean Curran). Die Schwedin legt zu Musik von Dvorák einen Maskentanz hin, der einem den Atem stocken lässt. Zwischendurch liegt sie schon wie tot am Boden, wird jedoch im nächsten Moment von Klavier und Geige wieder zum Leben erweckt. Als sie am Ende die Maske abnimmt, ist es wie das überraschende Finale einer stundenlangen Oper.
Dass es bei so einem explizit modernen Programm noch Gesangseinlagen bräuchte, gar Ulknummern zum „Schmunzeln“, um dem Publikum zwischendurch „Erholung“ zu gönnen und es bei der Stange zu halten, ist Unsinn. Das alte Schwanenseepublikum ist längst weg – oder es hat sich überzeugen lassen und ist geblieben. Die 600 Leute im Velodrom warten geradezu auf zeitgemäße Zumutungen, wollen keinen Schnee von gestern.
Standing Ovations im Velodrom
Und doch, am Ende schneit es: Ein Ausschnitt aus Olaf Schmidts jüngster „Nussknacker“-Inszenierung. Ganz zum Schluss doch noch eine Reminiszenz ans klassische Ballett, eine geballte Ladung Romantik: vier Männer, vier Frauen, die sich synchron und gefällig zum Walzer wiegen, die sich zu vier innig vereinten Paaren finden, Frauen, die mit hocherhobenen Armen im Kreis stehen und den Schneeflocken entgegenjauchzen. Nur die Alten fehlen diesmal. Nicht sie werden am Ende zum Sterben in den Schnee hinausgetragen, sondern ein noch sehr rüstiger Herr im Anzug, der, als er im Schnee abgesetzt wird, dem Publikum zuwinkt. Es ist Olaf Schmidt.
Wie sagte doch Moderatorin April Hailer zwischendurch: Gewisse Sachen sind auf der Regensburger Ballettbühne vor acht Jahren (als Olaf Schmidt hier ankam) noch nicht möglich gewesen. Das ist sehr diplomatisch ausgedrückt. Olaf Schmidt hat hier einiges auf den Kopf gestellt. Mit dem rückwärtsgewandten Schwelgen in biedermeierlichen Nettigkeiten ist es ein für allemal vorbei. Ein wunderbarer, hochironischer Abgang. Stehende Ovationen.
Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2011
Ein garstiger Poet und Philosoph des Banalen
„Ich mein’s doch nur gut!“ heißt sein Programm, doch Kabarettist Matthias Egersdörfer meint es nicht so.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das rote Hemd steht für den Gemütszustand, in den sich Matthias Egersdörfer immer wieder hineinkatapultiert. Die Zornesröte steigt ihm zu Kopf, seinen Unmut spuckt er geradezu heraus, sein hysterisch-heiserer Tonfall kann einem Angst machen. Der Kabarettist mit dem lichten Oberhaar und den mächtigen Koteletten ist ein Grantler wie er im Buche steht. Den kritisch-zweifelnden Blick oftmals zu Boden gerichtet, die Schultern nach vorne gebeugt, lässt er sich in seinem fränkischen Dialekt über die facettenreiche Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz aus. „Königsberger Klopse sind im Endeffekt auch nichts anderes als Fleischküchle. Der Regentag ist wie der Sonnentag, halt nur ohne Sonne.“ Im Prinzip ist immer alles das gleiche. Seine bodenständigen Themen haben philosophischen Tiefgang.
Nach einer in dickflüssigste Ironie getränkten Ode auf den Altruismus der Deutschen Bahn rastet der Mann komplett aus, weil ihm der eigene Anschlusszug rausgegangen ist. Auf dem einsamen Bahnsteig kommt ihm dann ein Zwerglein wie aus einem Märchen entgegen, das ihm aufzeigt, dass er immer schon der „Kategorie B“, der Verliererfraktion, angehört hat. Gründe zum Ausrasten hat der 42-Jährige also genug.
Er kann aber auch einfach nur garstig sein. Wenn er etwa über die Vorzüge des „Pubbelns“, des Nasetiefbohrens spricht, die Bahnmitreisende mit entstellendem Kropf fotografieren möchte oder dem Schreikind „kräftig in die Fresse schlagen“. In der U-Bahn imaginiert er sich in eine blutige Slasherszene hinein oder wird von einer älteren Dame angebaggert: „Geile, rüstige Rentnerin sucht junges, williges Fleisch für heiße, dreckige Liebe.“
Gleichzeitig ist Egersdörfers wortreiche Sprache voller Fantasie und sprechender Bilder. Ob in seiner Kurzgeschichte „Das leicht gebaute Fräulein“, wo er vor sexueller Erregung am ganzen „wamperten“ Körper geradezu aufquillt, oder in seiner wunderbar poetischen Liebeserklärung an den „Brezelmann“, der sehnsüchtigst vom Zugpersonal erwartet wird. Von großer literarischer Qualität zeugt auch seine parallel erzählte Geschichte von einem Badenden (er selbst), der in einem wahren Showdown, einem apokalyptischen Regensturm, auf die vermenschlichte Biene Gundel trifft. Der Kabarettist fabuliert sich in einen Rausch hinein, dem sich auch der Zuhörer nicht entziehen kann. Egersdörfer sollte Romane schreiben.
Dass das Wort auch zur Waffe werden kann, bekommt die erste Sitzreihe zu spüren, die immer wieder zur Zielscheibe seiner spöttischen Neugierde wird. Aber auch dem gesamten Publikum bescheinigt er „100-prozentige Blödheit“. Seine Fans scheinen ihn für diese außergewöhnliche Offenheit zu lieben. Ebenso wie für seine charakteristischen Sprachlosigkeitslaute, wie das angewidert-ablehnende „Ähhh!“ oder das ahnungslose „Buh?“
Nicht umsonst hat der Franke schon sämtliche namhafte Kabarettpreise abgegriffen und ist regelmäßiger Gast in Kabarettsendungen. Selbst das obligatorische Anpreisen der mitgebrachten Tonträger am Ende der Show absolviert er mit einer herrlich ironischen Selbstgefälligkeit.
Mittelbayerische Zeitung, 28.11.2011
Elektro-Pop ohne Risiken und Nebenwirkungen
Das Hamburger Geschwisterpaar Milner wagt sich als Duo Hundreds nicht aus dem Mainstream hinaus.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Die Bühne liegt im nebligen Halbdunkel. Konkav aufgestellte Strahlerleisten am Boden werfen von hinten ein rot-blau changierendes Licht auf die Umrisse der beiden Künstler. Flackernde Filmsequenzen und geometrische Figuren tanzen hier und da über ihre Gesichter.
Philipp Milner bedient den Synthesizer, entlockt dem Piano so manch gediegene Melodie mit Wiedererkennungswert. Bei den schnelleren Stücken erhebt er sich von seinem Schemel und wiegt den Oberkörper rhythmisch vor und zurück. Vom 36-Jährigen kommen die Beats, elektronisches Gezirpe, hin und wieder ein alles durchdringender Bass.
Im Mittelpunkt der Bühnenshow steht jedoch seine sechs Jahre jüngere Schwester Eva. Sie präsentiert sich ihrem Publikum zunächst mit einer mönchsartigen Kapuze auf dem Kopf, die ein asymmetrisch zugeschnittenes schwarzes Kleid verhüllt. Ihr grünlich-glitzernder Lidschatten hat etwas von Roaring Twenties und Glam-Rock. Barfuß verleiht sie der Musik mit theatralisch-tänzerischen Bewegungen, die manchmal etwas zu dick aufgetragen wirken, zusätzlichen Ausdruck.
Der helle, klare Gesang der 30-Jährigen erinnert mal an die Rainbirds-Sängerin Katharina Franck, mal an Englands Soul-Pop-Diva Lisa Stansfield: verträumt, lieblich, melancholisch, in Momenten Enya-mäßig sphärisch.
Der Gesang verpasst der Musik von Hundreds eine mainstreamige Pop-Note. Die Ecken und Kanten der elektronischen Musik, die hier als Vorlage dient, wurden glattgebügelt. Alles Abstrakte, Gebrochene, Harte, Kalte von Techno, House oder Drum’n’Bass wurde domestiziert. Ungerade Beats, spacige Acid-Sounds oder einen dröhnenden Bass traut sich Milner nur ansatzweise einzuspielen. Selbst eine tanzbare Uptempo-Nummer mit einem durchgehenden House-Beat wird keine weitere Ausformulierung gegönnt – gerade so, als habe man Angst, das Popformat zu verlassen.
So stehen Hundreds für die Fortführung des Trip-Hop-Sounds der Neunziger Jahre, ohne jedoch die emotionale Tiefe von Bands wie Massive Attack zu erreichen. Dafür ist ihre Musik angereichert mit Versatzstücken der elektronischen (Tanz-)Musik, der jede Wildheit ausgetrieben wurde. Gefällige Musik, die keine Risiken eingeht und niemandem wehtun möchte.
Mittelbayerische Zeitung, 25.11.2011
Ständiges Kreiseln um das eigene Ich
Solotanznacht mit Stuttgarter Preisträgern bei den Regensburger Tanztagen: Viel präzise Bewegungskunst, viel Stimmung und betont wenig Erzählung
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Im Hintergrund der dunklen Bühne ein Lichtstreif. Schemenhaft erkennbar eine Art Thron und darauf, hochaufgereckt, eine Person. Mit zunehmendem Licht und einsetzender Bewegung verschwindet der märchenhafte Eindruck. Der Thron ist eine Art rechteckiger Block und diese Person sitzt nicht, wie man meinen könnte, sondern steht, und beginnt, sich zu Musik, die so zart ist wie ein Windhauch, wie in Zeitlupe und scheinbar ohne Fixierung im Raum von dem Quader loszulösen. Um Aufbruch geht es in diesem minimalistischen Stück von Mischa van Leeuwen, um Neubeginn.
Die niederländische Tänzerin Maya Roest gestaltet dieses Vortasten in eine neue, unbekannte Welt mit bedächtigen Bewegungen, die mit der Zeit immer mehr Raum greifen. Vom Stelzen und eckigem Staksen wandeln sie sich zu suchendem Routieren, werden schließlich in ihrer komplizierten Struktur zielgerichteter und sicherer. Da findet jemand zu sich selbst.
Zelebrierte Langsamkeit
Das Kreiseln um das eigene Ich prägt die Stücke der Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart, die bei der Solotanznacht der Regensburger Tanztage im Uni-Theater zu sehen waren. Gemeinsam sind ihnen der äußerst sparsame Einsatz von Licht, eine größere Betonung der tänzerischen Bewegungskunst als des erzählerischen Tanztheaters, der Einsatz elektronischer Sounds neben ganz klassischer Musik und, zumindest bei den ersten drei Stücken, das Zelebrieren der Langsamkeit, einer spürbaren Nachdenklichkeit, die auch Rückschlüsse auf die Vorlieben dieser Stuttgarter Jury zulässt. Zu verwandt sind sich diese drei Preisträgerarbeiten vor der Pause in ihrer choreografischen Sprache und den philosophisch-abstrakt gehaltenen Themen.
Hervorragend getanzt sind alle fünf Stücke des Abends. Die französisch-russische Choreografin und Tänzerin Ioulia Plotnikova präsentiert mit fliegendem roten Haar ihr Stück „Doroga“. Vom marionettenhaften Schreiten bis zu wirbelnden Sprüngen und abenteuerlichen Drehungen, liegend um die eigene Achse quer über die Bühne, ist auch dieser Tanz der Suche nach dem eigenen Kern gewidmet – und der Überwindung der Zerrissenheit in der äußeren wie der inneren Welt.
Spinnengleiches Vierfüßlern
Was schon bei den Tänzerinnen beeindruckte, zeigt der aus Korea stammende Tänzer Moo Kim mit herausragender Präzision, Perfektion und großem Reichtum an Bewegungsformen in der Choreografie der Amerikanerin Sidra Bell „Grief Point“: Hand- und Beinarbeit, die von enormer, bezeichnender Klarheit ist. Um Zerrissenheit, um Leidensfähigkeit und Entwicklung geht es auch in dieser in Stuttgart sowohl mit dem 1.Preis für Choreografie wie dem 1.Preis für Tanz ausgezeichneten Arbeit: um die Selbstfindung eines Künstlers, der sich am Ende selbst Beifall klatscht.
Erzählerischer und auch witziger geht es nach der Pause zu. Der aus Japan stammende Yosuke Mino aus Kanada erweist sich in „Koji“ nicht nur als brillanter Tänzer mit großem und sehr fein eingesetztem Bewegungsvokabular. Er vermag es, Emotionen zu vermitteln. Das Getriebensein in hektischer Zeit, wie er durch einen Fahrer mit der Hand über das Gesicht die Masken wechselt oder mit dem Finger eine Träne in den Fokus rückt, ist sehr konkret – und berührend.
Mit einem lautstark gesungenen „Bom Bom“ tritt der aus Burkina Faso stammende Ahmed Soura auf und liefert mit „En opposition avec moi“ sicherlich das ungewöhnlichste und vielseitigste Tanzstück dieses hochkarätigen und insgesamt kurzweiligen Abends. Die Musik eine aufregende Mischung von Elektronic Rock und afrikanischer Perkussion, seine ausdrucksstarke Kunst eine traumhafte Verbindung von Streetdance- und Hip-Hop-Elementen mit zeitgenössischem modernen Tanz und afrikanischer Tanztradition, sein Thema, das Leben, mit einem Augenzwinkern serviert. Seine kraftvollen Sprünge, sein rasantes, spinnengleiches Vierfüßlern, vor allem aber das Weiße seiner Augen, das er aus dem zur Grimasse verschobenen Gesicht blitzen lässt, werden im Gedächtnis bleiben.
Mittelbayerische Zeitung, 24.11.2011
Meisterin des subtilen Humors
Luise Kinseher begeistert das Publikum mit ihrem neuen Programm „einfach reich“.
Von Ralf Tautz, MZ
REGENSBURG. Sie hat ihre Altersvorsorge aufgelöst, um sie in „optimalen Spaß umzuwandeln“ und schaffte sich einen Porsche an. Aber der war ihr nach einer Woche schon zu langweilig. – Nein, so geht’s nicht weiter, sagte sich Luise Kinseher und erwarb eine Hochalm in den Bergen. Kein Telefon, kein Fax, kein Handy, kein Internet soll sie mehr stören, sie will nur noch das Muhen der Kühe hören und der alt gewordenen Heidi auf der Nachbaralm zujodeln. In ihrem neuen Programm „einfach reich“ entsagt die Kabarettistin allen irdischen Gütern und geht dem Mysterium „Besitz“ auf den Grund. Das Regensburger Publikum schenkte ihr dafür am Freitag in der Alten Mälzerei tosenden Applaus.
„Geld ist eine einzige Projektionsfläche für Liebe, Macht und Sicherheit – und dann hocken die Leute beim Psychiater, weil sie Angst haben, dass jemand ihnen das Geld wegnimmt.“ Das Wachstum ist zu Ende, in der Höhe verliert der Mensch an Gewicht, der Wohlstand basiert auf Geld, das gar nicht da ist. Deshalb zieht sich Luise Kinseher auf eine Alm zurück, wo Geld völlig nutzlos ist. Sie verzichtet auf ihr Haus – der Ursprung aller Besitzprobleme –, auf die rund 20000 Dinge, die sich in Krusch-Ecken und im Keller tummeln und will den Zuschauern sogar das Eintrittsgeld zurückzahlen. Ein großer Fehler, denn das ruft ihre Buchhalterin Frau Rösch auf den Plan, die überhaupt nichts von diesem „modernen, elitären Eskapismus“ und der „Luxus-Askese“ hält. Die betrunkene Ex-Millionärin Maria sieht das schon viel lockerer und Frau Frese und Frau Lachner freuen sich schon darauf, Kinsehers Hab und Gut zu plündern.
Was Kinseher in ihrem rund zweistündigen Programm an Figuren, Szenen und Geschichten auf die Bühne bringt, ist einfach großartig. Ihr Humor ist mal feinsinnig, mal krachend und oft braucht sie nur ein kleine Geste und ihr Mienenspiel, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Sie packt ihre Zuhörer an den vielen kleinen Schwächen, in denen jeder sich wiederfindet. Sie baut ausgeklügelte Geschichten um ihre Pointen und treibt sie ins Absurde. Sie ist eine Meisterin des subtilen Humors und sie geht den Dingen auf den Grund. Zum Beispiel identifiziert sie das schlechte Wetter als den eigentlich Schuldigen an unserer Besitz-Misere. Nur deshalb haben die Menschen Häuser gebaut und nun sind die Häuser die schlimmsten Sklaventreiber des Menschen und geben laufend Befehle aus: „Putz mich! Repariere mein Dach!“ usw. usw. usw.
Scharfsinnig entlarvt Kinseher die Komik und Absurdität, die Geld und Besitz mit sich bringen, vom Kauf-Stress bei Douglas und Bijou über Schnäppchenjagd und Geldanlagen bis zu „Minus-Wachstum“ und den „Leoparden-Puschel-Weekendshoppern“ (Handtasche).
Eigentlich braucht man doch bloß eine Kuh. „Wiederkäuen ist das Sich Abfinden mit dem, was man hat“, und fünf Minuten am Tag Muhen ersetzt sämtliche spirituelle und meditative Techniken. Kinseher muht und jodelt mit ihrem Publikum bis vor Lachen die Tränen fließen. Dabei springt sie mühelos zwischen den Rollen hin und her, so dass man sich irgendwann fragt, ob jetzt tatsächlich nur eine Person auf der Bühne steht.
Das Eintrittsgeld gab’s natürlich nicht zurück und trotzdem nahm das Publikum etwas mit nach Hause: Die Erinnerung an einen unvergesslichen Kabarettabend.
Mittelbayerische Zeitung, 22.11.2012
Hier ist alles Rhythmus, Tempo, Pantomime, Schein
Großartig: „Deja-Donne“ und „En-Knap-Group“ bei den Regensburger Tanztagen
Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg. Tanztheater, das ist bei dem Stück „Not made for flying“ der tschechisch-italienischen Kompanie Deja Donne in Kooperation mit der slowenischen En-Knap-Group Musik, Bewegung, aber auch Sprache. Erzählt wird ganz klassisch eine Geschichte. Eine Geschichte, das ist vielerlei: die Geschichte einer Kultur und die von Individuen, die in ihr stecken und sich in ihr bewegen. Die Kultur wiederum ist die Musik, sind die Mythen, ist die Gewandung, die Art zu tanzen oder zu phantasieren. Eine Geschichte, das ist die Lebensgeschichte, die einer Entwicklung, einer Veränderung, auch die von Handlungen und Widerhandlungen, die von persönlichen Traumata, und es ist zugleich die gleichbleibende Geschichte von Aggressionen und Liebesbeziehungen, die man, Namen nennend, aufsagt, – nur von einem handeln all diese Binnengeschichten innerhalb der großen Geschichte nicht, von gültiger Wahrheit und eindeutiger Identität. Trotz aller biographischen Bekenntnisse. Als die Figuren gerade dabei sind, sich zu enthüllen und nackt auszuziehen, senkt sich das Licht und sie verschwinden hinter dem Vorhang. In der Maske. Es ist also eine Geschichte von Vordergrund und Oberfläche.
Individuum und Konvention
Der Vorhang selbst ist schon eine Maske: Die Batman-Maske, hinter der der kleine Mensch sich als etwas fühlt. In diesem Fall als großer Mann, der fliegen kann. Batmen, Cats und Zorros, diffuse Gestalten kollektiver Mythen einer gerade eben vergangenen Gegenwart, bevölkern die Bühne. Und tanzen zu höfischer Musik. Zu Musik einer Zeit, in der das Individuum hinter der Konvention verborgen war oder nur im Medium der Konvention auftauchte. Das hat sich heute nur scheinbar geändert. Darin besteht vielleicht die Kernaussage dieses neu erarbeiteten Stücks und wunderbaren Spektakels, das mit heftigem Applaus bedacht wurde.
Es strotzt nur so vor Leichtigkeit, (Selbst-)Ironie und traumhafter Sicherheit in der Virtuosität des Tanzes. Das Typische dieses Tanzes: die sehr feine, und doch dechiffrierbare Andeutung, das Zitieren und Herbeizitieren der Handlungen, Gesten, Symbole. Die Kämpfe sind Schattenboxereien, und die Geschehnisse, Verwandlungen und Wechsel passieren durch Zauberhand-auflegen. Betörend schön und fast kindlich naiv. Immer wieder treten eine Tänzerin oder ein Tänzer vor und erzählen aus ihrem Leben: von einem Modetanz, als sie selbst drei, vier Jahre alt waren. Dann wird er getanzt: aber als Nachempfundener aus der Erinnerung, nicht als simple Kopie. Später erzählt man Konkreteres, etwa Erinnerungen an Verletzungen und Heimsuchungen des eigenen Körpers. Es sind übliche Erinnerungen. Kein Anspruch auf Übergreifendes, Allgemeingültiges. Doch gerade so zeigt sich insgesamt etwas Allgemeines. Nämlich die Verzahnung von persönlichem Erleben, historischer Ausformung und zeitenübergreifenden Impulsen. Das alles als Wechselspiel von Maskierung und scheinbarer Enthüllung, bei dem man nie zum letzten Ursprung kommt. Eine Inszenierung also ganz auf der Höhe heutiger theoretischer Diskurse in unheimlich eingängiger Choreographie.
Nicht das immergleiche Palaver
Keine Entwicklung einer neuen Tanzsprache, auch kein Hingleiten zu alltäglichen Bewegungen, vielmehr und wie selbstverständlich ein eminenter Mix unterschiedlichster Tanztraditionen, derer man sich bedient, um sich auszudrücken. Alles ist Tempo, Rhythmus, Pantomime, Schein. Hier wurde abgelassen vom immergleichen Palaver der Gegenwartstanz-Programmhefte über die Suche nach Identität und Sinn. Hier wurde man konkret.
Mittelbayerische Zeitung, 21.11.2011
Tanzszene irritiert über vermeintlichen Plagiatsvorwurf
Die Regensburger Choreografin und Tänzerin Nylea Mata Castilla sieht sich durch eine Kritik in ihrer Ehre verletzt.
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Es wird derzeit viel diskutiert bei den Regensburger Tanztagen. Nach einer der ersten Vorstellungen des Festivals hatte eine MZ-Kritik über ein Stück der aus Spanien stammenden Choreografin Nylea Mata Castilla für heftige Irritationen in der Szene gesorgt. Ausschlaggebend war weniger die schlechte Beurteilung, sondern ein Satz in der Kritik von MZ-Autor Michael Scheiner: „Und sei es die, dass Schritte und Bewegungen einer früheren Choreografie von Alexandra Karabelas, die das Paar im Frühjahr dieses Jahres getanzt hat, eigentlich dort belassen bleiben sollten.“
Verunsicherung in der Szene und eine tiefe Verletztheit auf Seiten der Künstlerin: „Das geht über jede Grenze“, sagte Nylea Mata Castilla, die den herausgelesenen Plagiatsvorwurf nicht auf sich sitzen lassen will. „Die frühere Choreografie hat mit meiner jetzigen Arbeit nichts zu tun! In meinem Stück und meiner Arbeit gibt es keine Gemeinsamkeiten und keine Überschneidungen zur damaligen Choreografie von Alexandra Karabelas. Ich habe nur etwas sehr eigenes zu erzählen.“
„Ich habe es nicht als Plagiatsvorwurf gemeint. Das ist es auf gar keinen Fall“, betont Kritiker Scheiner. „Ich habe bestimmte Gesten und bestimmte Ausdrucksweisen innerhalb der Choreografie von Nylea Mata Castilla gesehen, wie ich sie auch in der zitierten Choreografie von Frau Karabelas bemerkt zu haben glaube.“ Nach seiner Ansicht sind solche Gesten und Bewegungen bei den Tänzern „wie in den Muskeln eingebrannt“, greifen sie unbewusst darauf zurück. „Ich habe überhaupt nicht darauf gezielt, ein Plagiat, eine Kopie oder ein irgendwie geartetes Nachmachen anzudeuten. Ich habe dies vergleichbar zur Musik gemeint, wenn bei Gitarristen Ähnlichkeiten zu anderen auftauchen. Da würde man auch nie und nimmer von Plagiat sprechen.“ Vielleicht wurde der Eindruck dadurch verstärkt, dass Nylea Mata Castilla mit demselben Tänzer wie in dem Stück von Karabelas, Adrian Navarro, und demselben Perkussionisten Reinhold Bauer auftrat. Das hatte ihn schon vorab irritiert.
Für Alexandra Karabelas ist die ganze Aufregung überzogen. „Ich habe niemals geglaubt, dass es sich hier um ein Plagiat handelt. In jedem Tanzstück gibt es mal stärker, mal dezenter Einflüsse aus Kooperationen und In-spirationen durch andere Künstler.“ Nachdem sie Scheiners Kritik gelesen hatte, hatte sie sich mit der Bitte um ein Video der Produktion an den Leiter der Tanztage, Hans Krottenthaler, und Nylea Mata Castilla gewandt. „Es hat mich einfach interessiert.“
Der Plagiatsvorwurf sei ihr gar nicht gekommen. „Ich habe in meinem Leben viele Tanzkritiken gelesen. Ähnliche Äußerungen haben auch berühmte Choreografen schon zu Lesen bekommen, da verweise ich nur auf Texte von Horst Koegler.“ Ein Video der Produktion gibt es leider nicht, so dass Karabelas nicht erfahren wird, wo sich die choreografischen Sprachen der beiden Künstlerinnen möglicherweise ähneln könnten.
Über die Tänzerin Nylea Mata Castilla ist Karabelas des Lobes voll. „Sie ist eine ganz wunderbare Tänzerin, ich habe sie im vergangenen Jahr sechs Mal für Neukreationen von mir engagiert. Als Choreografin kenne ich sie zu wenig, als dass ich was sagen könnte.“ Für ihr beim Schleudertraum-Festival im Frühjahr uraufgeführtes Stück „Hungry Butterflies“ hatte Karabelas extra deutschlandweit einen Partner für Castilla gesucht und schließlich den in Berlin lebenden Adrian Navarro gefunden. Dass Nylea Mata Castilla erneut mit Navarro und Bauer zusammenarbeitet, hätte Karabelas gerne von ihr oder Krottenthaler erfahren, der laut Karabelas ihre eigene Bewerbung für ein Solo für Navarro abgelehnt hatte. Auch hätte sie gerne eine Antwort auf ihre Frage nach einem Video erhalten. Aus freundschaftlichen Gründen. Nicht, weil diese Besetzung ungewöhnlich wäre. „Die freie Szene ist ein Zirkus, jeder mit jedem. Es gibt keine vertraglichen Verpflichtungen. Deshalb ist die Kommunikation untereinander ja so wichtig.“
Auch Festivalleiter Hans Krotten-thaler fand an der Besetzung für das von ihm mitinitiierte und von der Alten Mälzerei mitproduzierte Stück von Nylea Mata Castilla zum Thema Heimat nichts Ungewöhnliches. „Sie nimmt sich einen spanischen Tänzer und stellt ihre Heimat Spanien dar. Und sie arbeitet mit einem Musiker, der spanische Musik spielen kann. Das ist doch nur konsequent.“ Krottenthaler hat Karabelas’ Produktion im Frühjahr nicht gesehen und kann sich darum nicht zu dem unglücklich formulierten Satz in der Kritik äußern. Er findet allerdings die harte Kritik insgesamt überzogen. Auch dies habe zu Irritationen beim Festivalpublikum geführt. „Das hat auch nicht der Reaktion im Publikum entsprochen. Da gab es durchaus positive Reaktionen, Reaktionen … wie es auch auf dem MZ-Video zu sehen und zu hören ist.“
Nylea Mata Castilla stört sich nicht an negativer Kritik. Aber gegen einen Plagiatsvorwurf setzt sie sich zur Wehr: „Was er gesehen hat, geht über eine Grenze. Es handelt sich um seine eigene Wahrnehmung. Das hat mit meiner Arbeit nichts zu tun.“ Rund zehn Künstler habe sie auf der Bühne gehabt, also sei auch die angebliche Gleichheit der Besetzung unzutreffend. Die Choreografin hat eine harte Woche hinter sich: Sie sei von vielen Seiten auf den Artikel angesprochen worden, der ihrer Ansicht nach das Arbeitsverhältnis zu Alexandra Karabelas zerstört hat. So etwas verletze die Seele. „Das ist nicht gut“, sagt Nylea Mata Castilla. „Ich will nur reine Kunst, und die entstehen lassen.“
Mittelbayerische Zeitung, 19.11.2011
Die Komplexität der Beziehungen
Die bayerische Szene präsentierte sich bei den Tanztagen mit einem herausragenden Duett und teils dünnen Geschichten.
Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg . Sie kreisen umeinander wie Planeten. Anziehung, Abstoßung. Wieder und wieder. Große Fliehkräfte lassen Daria Reimann und Daniele Varallo im Theatersaal der Alten Mälzerei beinahe wie eine Supernova auseinanderfliegen. Verlangsamt, bringt sie der Tanz unweigerlich wieder in ebensolch intime Nähe. Choreografin Minka-Marie Heiß hat mit einfachsten Mitteln ein wunderbares Bild für dieses urmenschlich-archaische Spiel gefunden. Während ihres beeindruckend schönen, enorm präzise und federleicht gestalteten Tanzes verknüpfen die beiden jungen Akteure die Ärmel ihrer Jacken. Wie beim kindlichen Ringelreihen an den Händen hängt das Paar in diesem textilen Ring fest und setzt lebhaft und hochemotional die begonnene Auseinandersetzung im Nahkampf fort.
„To fish, to fly and to look for“ – etwa „fischen, fliegen und Ausschau halten“ – ist aber weit mehr als (Geschlechter-)Kampf. Es ist die herausragende Produktion des Abends „Tanzszene Bayern – Publikumslieblinge“ der Regensburger Tanztage. Und verkörpert die ganze Komplexität der Beziehung zwischen zwei Menschen. In wunderbaren Hebungen, eindringlichen Sprüngen und schnellen akkuraten Bewegungen erzählen die Tanzenden von Abhängigkeit, Zuneigung, Vertrautheit, Zärtlichkeit und Behauptungen, von harten Fights und großer Nähe. Hinreißend anzuschauen.
Erschaffung und Zerstörung
Dagegen hatten es die anderen vier kurzen und eine längere Choreografie durchaus schwer, obwohl mehrere Tanzende und Choreografen aus dem gleichen Stall, der Münchner Iwanson Schule, kommen. Katrin Hofreiter, vielen in Regensburg als eifrige freie Choreografin bekannt, hatte die Rolle des Opener mit ihrem „Ah! Non credea mirarti“ (Ah! Ich hätte nicht gedacht) inne. Das kurze, mit viel Bodenberührung getanzte Stück kann als groteske Satire auf die Erschaffung und Zerstörung der Welt – in Form eines albernen blau-weißgepunkteten Wasserballs – gelesen werden. Mit pathetischem Text, „Am Anfang schuf Gott…“, und ebensolcher Musik tunkte Hofreiter die tänzerisch nur sehr bedingt gelungene Geschichte in eine dicke Soße, die ihren Höhepunkt im italienischen „Spiel mir das Lied vom Tod“ fand.
Musikalisch-klangliche Aufdringlichkeiten fanden sich auch in einigen anderen Choreografien. Teilweise bis an die Schmerzgrenze gehend, wie in dem von Ivonne Kalter getanzten Solo „Into our larger selves“, Choreografie ebenfalls Minka-Marie Heiß. Zwischenfrage: Warum müssen Titel meist auf Englisch sein? Gibt die eigene Sprache zu wenig her? Ähnlich wie bei Hofreiter stieß ein Sprechender – Englisch – das Publikum mit der Nase auf die grüblerische wie verspielte Suche nach der eigenen Identität. „I am – am I?“ fragte die Stimme, was Kalter mit Gegenlicht, Vorhang zum Versteckspiel und wenigen Requisiten auch tanzend zu erzählen suchte. Immerhin verfügte sie über deutlich mehr Spannung und Ausdruckskraft, als die erste Tänzerin des Abends.
Nüchterner Sachbericht
An Ausdruck, auch mimischer und über die Körperspannung aufgebauter, fehlte es dem Paar Marie Preussler und Johannes Härtl bei ihrer mit „Dialog“ (Choreografie: Härtl) betitelten Erzählung über die Kommunikation zwischen zwei Tänzern leider fast völlig. Im Tanz über synchron gestaltete Abläufe, wechselnde Führungsrollen und gegenseitige Beeinflussungen durchaus ständig präsent, machte aber die Ausdruckslosigkeit die Geschichte zu einem nüchternen, faktenreichen Sachbericht, der so schnell wieder vergessen, wie erzählt ist.
Nicht so recht erschlossen hat sich die von Pia Fossdal choreografierte „Barrier“, gegen welche die Iwanson-Schulabgängerin Helen Aschauer mit viel Kraft, trotzig und um sich selbst kreisend antanzte.
Zeitlich breiten Raum nahm nach einer Umbaupause „e – motion – private space“ der vier Regensburger Tänzer Berenika Kmiec, Frank Späth, Eva Eger und Rainmark Escriva ein. Zwei Paare, die in einem kargen, kriminalistisch anmutenden Setting anfänglich zu Boden gehen. Wie in einer polizeilichen Ermittlung werden sie mit Kreideumrissen konturiert. Die Umrisslinien markieren am Boden und an der Wand Plätze und Räume. Innerhalb und zwischen denen finden Bewegungen, Kämpfe und Reibungsaktionen statt, die aber selten zu wirklichen Emotionen führen. Auch hier eine fast übertriebene Ausdruckslosigkeit und ausgedehnte Parts, die den Anschein erwecken, als sollten Lücken gefüllt oder eine Erzählung ausgedehnt werden, die besser und knackiger in verdichteter Form getanzt worden wäre. Ein wenig zu verkopft und verkrampft das Ganze, da würde man sich manchmal etwas mehr Leichtigkeit und tänzerische Gestaltungskraft mit neuen Bewegungen wünschen.
Mittelbayerische Zeitung, 15.11.2011
Lieder für gutgelaunte Neuanfänge
Friska Viljor triumphierte in der Mälze.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Ausverkauft, beste Stimmung, euphorische Musik. Wer die schwedische Indierock-Band Friska Viljor schon bei ihrem letztjährigen Auftritt in der Alten Mälzerei gesehen hatte, den wunderte dies nicht. Aus der Trauer des Verlassenwordenseins entwickeln die beiden grundsympathischen Musiker Daniel Johansson und Joakim Sveningsson eingängige Lieder zum Mitsingen oder Mitsummen, die vor Optimismus, dass das Leben schon irgendwie weitergeht, nur so strotzen. „Liebeskummer war schon immer der Hauptantrieb für künstlerische Arbeit“, schreiben sie auf ihrer Webseite. Der Titel ihres vorletzten Albums lautete „For New Beginnings“.
Für die Liveumsetzung ihrer melodiestarken Songs hat das Duo drei Kollegen aktiviert, wobei Schlagzeuger Markus Bergqvist als „William The Contractor“ singend auch das Vorprogramm bestritt. Dass ihre Wurzeln im Singer/Songwritertum liegen, deuten Johansson und Sveningsson an, als sie den Rest der Band von der Bühne schicken und mit folkiger Lagerfeuerromantik die Herzen ihrer Zuhörer erwärmen. Die beiden Musiker scheinen ja immer und überall auftreten zu können: Ihre ersten Erfahrungen auf deutschem Boden sammelten sie in Plattenläden und kleinen Clubs in Hamburg, wo sie spontan auftraten.
Romantisches von der Ukulele
Mit langen, blonden, strähnigen Haaren, Vollbart und Hut sieht Leadsänger Sveningsson wie ein alter Wikinger aus, der von seinen Weltreisen exotische Instrumente wie Mandoline und Ukelele mitgebracht hat, die er neben seiner Gitarre zum Einsatz bringt. Bezüglich der äußeren Erscheinung hat Gitarrist Johansson von allem etwas weniger zu bieten, seine bevorzugten Zweitinstrumente sind die Melodica und Trompete.
Charakteristisch für Friska Viljor – was soviel wie „gesunder Wille“ heißt – sind ihre hymnischen Falsettchöre, die etwas Bee-Gees-haftes haben und die die Band in einem Popkosmos verorten, der vor simplen Mitsingrefrains nicht zurückschreckt. Die Nummern „We Are Happy Now (La La La)“ und „Oh, Oh“ seien hier exemplarisch genannt. Ihre musikalische Offenheit beweisen sie auch mit einem tanzbaren Elektrohammer mit durchgehendem 4/4-Beat, der gegen Ende der Show ausgepackt wird, als das unersättliche Publikum die Band einfach nicht von der Bühne gehen lassen möchte.
Soundtrack eines Feelgood-Movies
Mit dem wunderbaren „Shotgun Sister“ und dem Gefühl, gerade ein gelungenes Feelgood-Movie gesehen zu haben, entlassen sie ihre Fans in die Nacht. Wenn sie nächstes Jahr wiederkommen, müssen sich die Veranstalter wohl ernsthafte Gedanken über eine größere Location machen. Auf der anderen Seite: Gerade die intime Club-Atmosphäre macht ein solches Konzert zu einem Ereignis.
Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2011
Zerrissenheit und Postkartenkitsch
Wie Tag und Nacht: Qualitativ weit voneinander entfernte Choreografien zu einem weiten Thema bei den Regensburger Tanztagen
Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Klänge, Puls, Rhythmus: Das Ohr, nicht das Auge, wird in den Choreografien des Abends zum weiten, unscharfen Thema Heimat zuerst angesprochen. Sucht man nach weiteren Gemeinsamkeiten zwischen Nylea Mata Castillas „Pais den Origen. Aberria. Heimat“ und Chia-Yin Lings „Lü/ Das Auftreten“ wird es allerdings schnell dünn. Krasser als an diesem Abend im Theater der Universität hätten die Unterschiede in den Geschichten, im Tanz, in Formen, Mitteln und der Ästhetik kaum ausfallen können.
Um zunächst bei der Musik zu bleiben: Zu Beginn ein schneller, vom Metronom vorgegebener pulsierender Rhythmus, der getanzte Bilder ausstaffiert, klangfarblich unterlegt, Erwartungen erfüllt. Später kommt die schicksalhafte Gitarre dazu, von Clemens Peters ganz hervorragend und seelenvoll gespielt. Dann, nach einer Umbaupause, ein freies, improvisiertes Klanggeträufel, Geknirsche, kaum je melodisches Gefiedel. Ein poetisch-eruptives Spiel zwischen Cello (Hugues Vincent) und Schlagzeug (Naoto Yamagishi). Ein Gespinst, das mit den Tanzenden korrespondiert und gleichzeitig eine eigene Qualität und Kraft entwickelt, die auch losgelöst von der Tanzperformance bestehen kann.
Fessel und Freiheit zugleich
Unwiederholbar, weil auch der von Chia-Yin Ling selbst choreografierte Tanz mit Improvisation arbeitet. Dissonante, geräuschhafte Klänge und Bewegungen, die äußere wie innere Räume erkunden, beeinflussen sich gegenseitig. Sie erzeugen Herausforderungen und so entschlossene wie offene Zustände, die von jäher Überwältigung bis zum erlösten Versiegen eine Tiefe erzeugen, in der man sich als Zuschauer verlieren kann. Harmonische Klanginseln und der Pas de deux mit dem jungen Darsteller (Nan Jong Lee), der schützend Räume des Wohlbefindens, der Entspannung baut. Letztlich bietet dieses private Glück auch nur vorübergehende Ruhe und Beruhigung in der Konfrontation mit dem Eigenen und der Herkunft, die einen festhält und gleichzeitig frei macht.
Mit einfachen Mitteln – einer spiegelnden Folienwand, dehnbaren Bändern, schmetterlingsartigem Kostüm – und manchmal etwas zu sparsam eingesetztem Licht erzeugt Ling Räume voller Intensität und großer ästhetischer Klarheit. Diese finden sich auch im Tanz selbst wieder. Kleine gestische Momente, Bewegungen und Abfolgen, die Elemente des chinesischen Volkstanzes, der Peking Oper und Tanzstile der westlichen Hemisphäre kunstvoll miteinander verbinden. Kaum Sprünge. Am Anfang und am Ende steht ein Lied – so gebrochen, rau, im Bairischen sagt man „schiach“, gesungen, wie die von widerstrebenden Kräften bevölkerten Heimatgefühle.
Derlei Affekte hätte man sich bei Mata Castillas mehr gespielter, als getanzter Heimatadaption mehr als einmal gewünscht. Vielleicht überwog – rein nach Minuten gezählt – tatsächlich der Tanz. Geblieben ist der Eindruck eines mehr an Klischees, touristischen Idyllen und unausgegorenen Ideen erstickten Bilderreigens, was Heimat nach ein paar Schulstunden sein kann oder soll. Wenn Mata Castilla getanzt hat, solo oder mit Adrian Navarro – die beiden könnten ein Traumpaar des Tanzes abgeben – kam immerhin etwas Spannung auf.
Nichts als Kitsch und Folklore
Die verebbte meist sofort wieder, wenn das nächste der insgesamt acht Bilder auftauchte, aus denen Castilla ihre von jeglicher Tiefe und Überwältigung freie Choreografie zusammengesetzt hat. Vielleicht hat sie ihren eigenen Gefühlen nicht getraut bei der Ausarbeitung. Vielleicht ist sie – eine wirklich gute und ausdrucksstarke Tänzerin, wenn sie von anderen geführt wird – aber auch einfach keine gute Choreografin, weil viel zu sehr mit sich selbst verstrickt, als dass dabei etwas Brauchbares herauskommen kann. Machte das leicht getanzte „Eintauchen in die Landschaften des Baskenlandes“ mit grasgrün behaarten Tanzenden wie bei einem symbolistisch-romantischen Tafelbild noch glucksend Spaß, waren die drei tratschenden Weiber oder das Abziehbild-Paar in „Entre dos“ nur noch Kitsch und Folklore.
Statt sich einer Erzählung anzuvertrauen und aus dieser die Bilder zu schöpfen, die getanzt werden wollen, hangelte sich Mata Castilla an Postkarten und abgegriffenen Gemeinplätzen entlang. Darin steckt zwar zugegebenermaßen auch das eine oder andere Körnchen Wahrheit. Und sei es die, dass Schritte und Bewegungen einer früheren Choreografie von Alexandra Karabelas, die das Paar im Frühjahr dieses Jahres getanzt hat, eigentlich auch dort belassen bleiben sollten. Zweimal „Heimat“ im Tanz – ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Mittelbayerische Zeitung, 8.11.2011
Das Grundrauschen des Seins
Zur Eröffnung lieferte die Choreografin Dalija A´cin die Zuschauer schonungslos sich selbst aus.
Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Warum ist es unheimlich, nachts durch den Wald zu gehen? Weil unser ängstlicher Kopf uns Schreckensbilder vorgaukelt, weil die Augen in Ästen Arme zu sehen meinen, die nach uns greifen, in Sträuchern die Umrisse dunkler Wesen, weil knisterndes Laub das Nahen von unbekanntem Grauen ankündigt. Horrorfilme spielen gerne mit diesen zutiefst menschlichen Täuschungen und Urängsten, von „Tanz der Teufel“ bis „Blair Witch Project“.
Die Tanzperformance „Handle with Great Care“ überlässt den Zuschauer auf die gleiche Weise sich selbst und seinen trügerischen Wahrnehmungen. Auf der Bühne nur eine weiche Matratze auf einem Podest, im Lichtkegel einer einzigen kleinen Lampe. Zwei schwarz gekleidete Frauen, ihrer Individualität vollständig beraubt – die Gesichter sind nie zu sehen – hängen kopfüber am Rand, minutenlang. Das Auge orientiert sich nur langsam, versucht die intime Szenerie einzuordnen und zu erfassen, doch dann entwickelt das Gehirn eigene Bilder. Die in die Höhe gestreckten Füße und Waden werden im stufenweise an- und abschwellenden Licht zu eigenständigen, eigentümlichen Erscheinungen.
Sehr, sehr langsam bewegen sich dann die Körper auf und entlang der Matratze, wie amorphe Wesen, wie Kriechtiere. Die ausgeklügelte Lichtregie lässt oft nur Körperteile erkennen, losgelöst vom Rumpf. Das tänzerische Element dieser Performance ist die Grundspannung der Körper.
Die Tänzerinnen tragen Perücken, deren Haare zu einem barocken, grotesken Wust hochgetürmt sind. Im diffusen Licht werden sie zu Fratzen. Die Beklemmung wird durch Musik, die keine ist, verstärkt. Ein tieffrequentes Rauschen dringt aus den Lautsprechern in die Gehirne. Die Frequenz variiert, und was zunächst beruhigt wird zwischendurch durchaus peinigend. Einmal, wie aus der Ferne, mischt sich ein Sopran darunter, einmal meint man ein Orchester zu hören.
Die Tänzerinnen positionieren sich rechts und links von der Matratze, nur die Füße sind zu sehen. Die einander zugewandten Fußsohlen setzen sich hell ab vom umgebenden Schwarz. Nach einer Weile sieht man darin zwei gesichtslose Wesen, die sich starr anblicken in einem unheimlichen wortlosen Dialog.
Wir sehen und hören, doch wir wissen nichts. Das ist irritierend, ja verstörend. „Handle with Great Care“ – sehr zerbrechlich – heißt die preisgekrönte Performance der Serbin Dalija A´cin und ihrer Kollegin Milica Pisi´c. 50 faszinierende, spannende Minuten, in denen der Zuschauer ganz sich selbst ausgeliefert ist, dem Grundrauschen des Seins, den jeweils ganz eigenen Bildern und Assoziationen. Eine Herausforderung, der sich zur Eröffnung der Regensburger Tanztage – und gleichzeitig Abschluss der donumenta 2011 – nicht jeder Zuschauer stellen mochte. Einige verließen am Freitag vorzeitig das Uni-Theater.
Tanz ist vor allem Kommunikation. Die scheitert häufig, meist daran, dass die Dialogpartner einander nicht richtig zuhören. Zeitgenössischer Tanz ist vielfach selbstreferenziell und läuft Gefahr, sein Publikum aus den Augen zu verlieren. Doch auch das Publikum muss sich einlassen können. 50 Minuten sitzenbleiben und damit wenigstens die künstlerische Anstrengung achten – so viel Respekt sollte sein.
Mittelbayerische Zeitung, 7.11.2011
Stories vom Pferd und eine „Dermatologie“-Moritat
„Dahoam is net dahoam“ für Georg Ringsgwandl. Er erforscht „Das Leben und Schlimmeres“ im Regensburger Antoniussaal.
Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. Regensburg: Spitze an der Donau! Wenn nicht überhaupt weltweit und im gesamten Universum unangefochten top town und pole position all over the world! Bis diesen Donnerstag um 20 Uhr schien es so. Doch dann betritt Dr. Georg Ringsgwandl die Bühne im Antoniussaal, und gleich im zweiten Satz macht er alles zunichte!
Stellt die altehrwürdige Stadt an der Donau als bis vor kurzem irgendwo weit hinterm Mond zurückgebliebene Provinzstadt dar, deren Bewohner gerade mal in der Lage gewesen seien, die verbliebenen Zähne im eigenen Mund abzuzählen. „Und jetz hams a FH!“ – Georg Ringsgwandl begrüßt sein Publikum mit einer Beleidigung, die jeden Lokalpatrioten rumpelstilzartig zerreißen müsste: Erstens hat Regensburg seit bald einem halben Jahrhundert eine Uni, zweitens ist selbst die FH schon lang euphemistisch zur „Hochschule Regensburg“ aufgemotzt, und drittens macht der Mann mal eben mit einer lockeren Bemerkung jahrelange harte Stadtmarketingarbeit zur Makulatur! Und wer springt ihm dafür an die Gurgel?
Niemand. Der Antoniussaal ist voll und hingerissen und begeistert. Ringsgwandl singt einen Song nach dem andern, spielt Gitarre, wird begleitet von einer dreiköpfigen Band, aus der Daniel Stelter mit seiner aufgeweckten Sologitarre heraussticht, erzählt zwischendurch Geschichten, dass sich die Balken der katholischen Mehrzweckhalle bedenklich durchbiegen – und zaubert zum Schluss noch die Raithschwestern aus dem Hut. Die stehen auf einmal mit ihm auf der Bühne und singen zwei Lieder mit: „Anders“ und „Wia de Johr vorbeigehn“. Wohl wahr: Der Song ist auch schon wieder zehn Jahre alt. Aber er hat nichts verloren, und mit den Raithschwestern als Backgroundsängerinnen dringt er direkt in apokalyptische Dimensionen vor: „Mir san beschäftigt alle, / mir ham no so vui vor, / mir gebn dem Tod koa Chance, / er trifft uns nia alloa.“ Wobei das Zusammensingen gar nicht so perfekt ist, da kann man durchaus noch dran feilen. Aber das spielt überhaupt keine Rolle, bei Ringsgwandl sowieso nicht: Wer rankingmäßig unterwegs ist und nur den ultimativ-harmonischen Zusammenklang sucht, der ist hier sowieso falsch.
Nein, es sind schon alle richtig hier. In diesem schönen „Kolpingheim“, wie Ringsgwandl stichelt, wobei er gleichzeitig versichert: „Aber mir reißn uns heit zamm, auf dem geweihten Boden!“ Im unmitttelbaren Anschluss folgt eine Nacherzählung der Versuchung des Heiligen Antonius, die das einschlägige Gemälde von Franz von Stuck vor lauter Eindringlichkeit und Ausweglosigkeit schier verblassen lässt. Übergangslos findet man sich „Auf der Straß“ wieder, einem Lied, das immerhin auf 1975 datiert ist, und auf einmal sitzt der wandlungsfähige Doktor an einer Zither und intoniert eine traditionelle Weise: „When the Rock’n’Roll is over, it comes all back to Stubnmusi.“ Im Vorbeigehen wird noch das Bayerische Fernsehen abgefotzt, dass es eine Art hat: „Wenn die Arbeit gmacht is, schaun sie alle fern, / Serien, wo sie nur als Deppen dargstellt werdn.“ („Dahoam is net dahoam“).
Dabei hätte man fast meinen können, der Abend sei als Lesung angekündigt worden. Immerhin hat Ringsgwandl unter dem Titel „Das Leben und Schlimmeres“ soeben „Hilfreiche Geschichten“ bei rororo vorgelegt (250 Seiten, 9,99 Euro). Aber er liest keine Zeile draus vor. Stattdessen bekommt das Publikum die eine oder andere Story vom Pferd bzw. vom Hund in freier Erzählung dargeboten, etwa die sehr lehrreiche Geschichte „Mein Kampf-Hund“ oder die Münchner Moritat „Dermatologie“. So vogelwild die Geschichten alle sind – sie münden immer wieder in ein altes Lied: „Glück im Mercedes“ von 1986: Das Glück – „es findet sich oft unerwartet ein und setzt sich zu dir auf ein Gläschen Wein.“ Und: „Das Glück, es lässt sich nicht zwingen, nicht mit Bier und nicht mit Heroin, nicht mit Cannabis und nicht mit Schampus“, denn: „eigensinnig ist es wie ein kleines Kind.“
Mittelbayerische Zeitung, 5.11.2011
Vom Weggehen und Zurückkommen
Am Sonntag gehen Choreografien einer Spanierin und einer Taiwanesin am Uni-Theater der „Heimat“ auf den Grund.
Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Wie tanze ich eine Corrida? Einen Kampf gegen Windmühlen? Ein stolzes, aber auch sprödes Volk? Eine ebensolche Landschaft? „Ich habe den ganzen Don Quijote von Miguel de Cervantes durchgelesen… von vorne bis hinten“, erklärt voller Stolz Nylea Mata Castilla, „erst auf Spanisch und dann noch einmal auf Deutsch“. Eine Fleißarbeit, welche die baskische Tänzerin noch in viele andere Ecken und Gebiete der spanischen Geschichte und Gegenwart geführt hat. „Ich habe viel dazugelernt, wieder erinnert und Neues erfahren“, sprudelt es förmlich aus Castilla heraus.
Bei der intensiven Recherche der kleinen, energischen Künstlerin ging es um den Begriff „Heimat“. Hans Krottenthaler, Chef der Regensburger Tanztage, hatte die Idee zu dem herausfordernden Thema und angefragt, ob sie sich vorstellen könne…? Sie konnte und fing bei den eigenen Gefühlen an. „Das ist nicht so einfach“, sinniert sie über ihren Heimatbegriff nach, „manchmal ist es wie ein Erdbeben, der Ausdruck davon…“ Heimat klinge auch nach „patria“, also Vater-land. Das habe allerdings eine Nuance, die sie selbst nicht teile. Deshalb benutze „ich lieber Herkunft, Ursprung“, also „pais de origen“, „wo du die ersten Gefühle gehabt hast, die dich geprägt haben“. Für die Koproduktion mit den Tanztagen, Premiere ist am Sonntag (20 Uhr) im Uni-Theater, nähert sich Castilla auf einem anderen Weg dem Thema.
Der Stierkampf und ein Gedicht
Über „unterschiedliche flashes“ hätten sich Räume aufgetan, die sie „wie Päckchen“ in acht Bereiche aufgeteilt hat: da der Stierkampf, die Emotion, die Landschaft Spaniens, der soziale, historische, kulturelle und persönliche Aspekt, ein Gedicht von Antonio Machado. Auf diesen, durchaus distanzierten Zutaten baut sie ihre Annäherung an die spanische Heimat auf, die bei ihr auch eine baskische ist. Neben dem Tanz, den sie in einem fast identischen Setting wie beim Schleudertraum im Frühjahr mit dem Berliner Tänzer Adrian Navarro entwickelt, bildet die Musik ein tragendes Element. Reinhold Bauer an der Percussion, ebenfalls aus der Schleudertraum-Choreografie mit übernommen, und Clemens Peters an der spanischen Gitarre gestalten den klanglichen Heimatrahmen.
Die Schuhe aus Gras
Eine ganz andere Herangehensweise hat die chinesische Tänzerin Chia-Yin Ling gewählt. Krottenthaler hat die aus Taiwan stammende Chinesin als weitere Choreografin geworben, etwas zum gleichen Thema zu erarbeiten. Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist die Entfernung, das Weggehen aus der Heimat, das Verlassen „eines warmen Gefühls von Familie, Gerüchen und Essen“. Vor allem das Essen sei wichtig, „es verbindet sich bei mir immer mit: Da komme ich her“. Als Metapher hat Ling „Lü“ ausgewählt, das zehnte Zeichen im Buch der Wandlungen I Ging. Es beinhaltet mehrere Bedeutungen, steht für Schuhe, keine gewöhnlichen, sondern solche aus Gras, als auch für Weggehen und Zurückkommen. „Dazwischen ist Lü“, versucht die offene Künstlerin ein Zipfelchen chinesischer Weltanschauung begreiflich zu machen. Auch in der Umsetzung ihrer Bilder und Ideen geht Ling eigene Wege. Zusammen mit dem französischen Cellisten Hugues Vincent und Naoto Yamagishi, einem Trommler aus Japan, erschließt sie das so diffuse wie starke Thema in einer gemeinsamen Improvisation. Hinweise Lings bilden den Faden, an dem sich die in der europäischen Improvisationsmusik wie in der japanischen Taiko-Tradition beheimateten Musiker entlanghangeln. Stets in Interaktion mit der Tänzerin. Diese reagiert auf Motive und klangliche Parameter ihrer gleichberechtigten Partner ebenso wie umgekehrt die Musiker Bewegungsabläufe und Energien der Tanzenden erspüren und aufnehmen.
Eines kann man jetzt schon sagen: „Pais Natal, Heimat, Home“ wird sicher ein ausgesprochen interessanter und erlebnisreicher Abend, aus dem wahrscheinlich einiges an Erkenntnisgewinn resultieren wird.
Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2011
Tanz – Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeit
Der erste Act des Festivals kommt aus Serbien. Susanne Wiedamann sprach mit dem künstlerischen Leiter Hans Krottenthaler über den Tanz in Osteuropa.
MZ: Die Regensburger Tanztage arbeiten seit Jahren mit dem donumenta-Festival zusammen und präsentieren somit kontinuierlich Choreografen aus den Balkanländern und Osteuropa. Was ist an deren Arbeit besonders spannend?
Krottenthaler: In vielen osteuropäischen Ländern konnte sich erst seit den 90er-Jahren eine freie zeitgenössische Tanzszene entwickeln. Das Spannende an diesen jungen Szenen sind deren oft sehr überraschende künstlerische Ansätze jenseits aller Konventionen und Traditionen. Dabei entsteht erfrischend Neues, das unseren stark westlich geprägten Blick auf den Tanz enorm bereichern kann.
Haben diese Künstler und Compagnien eine andere tänzerische Sprache, ein anderes Vokabular als die in Amerika oder Westeuropa? Gibt es diese Gegensätze auf die Kunst bezogen überhaupt?
Künstler aus dem Osten mussten über lange Zeit ihre ganz eigene Sprache finden. Sie wurden zwar nicht belächelt, aber doch bemitleidet, weil die politische Teilung Europas bewirkt hatte, dass sie dem Westen in mancher Hinsicht gnadenlos hinterherhinkten. Heute sind viele der Künstler, die den Tanz im Osten stark gemacht haben, auch im Westen etabliert, und vertreten ganz selbstbewusst ihre Ideen und Überzeugungen.
Dalija Acin gehört zu den herausragenden Choreografen und Tänzern bzw. Tänzerinnen Serbiens. Sie eröffnet am Freitag die Tanztage. Inwiefern spielt die jüngste Vergangenheit, spielen die Balkankriege in ihrer Arbeit eine Rolle?
Kunst spiegelt gesellschaftliche Befindlichkeiten – auch solche, die im Alltag oft nur unbewusst registriert werden. Dalija Acin gehört als Künstlerin, Organisatorin und Netzwerkerin zu den wichtigsten Vertretern des Tanzes in Serbien. Inwieweit die noch immer problematischen Verhältnisse in Serbien ihre Arbeit beeinflussen, kann ich nicht sagen. In Wahrheit wissen wir doch alle recht wenig über den Osten.
Wie narrativ oder wie abstrakt ist ihr Tanz?
Ihr Stück „Handle with great care“ handelt vom Phänomen des Erinnerns. Es verweist auf den sorgfältigen Umgang mit Erinnerungen, die ganz wesentlich unser Empfinden der Gegenwart beeinflussen. Die Elemente des Theaters auf ein Minimum reduziert, macht sich die Künstlerin dabei die Fähigkeit unseres Gehirns zunutze, aus abstrakten Wahrnehmungsfragmenten konsistente, vollständige Bilder zu fabrizieren. Eine herausfordernde Arbeit, die für ihren ebenso radikalen wie analytischen Ansatz mit einem der höchst dotierten europäischen Choreografen-Preise ausgezeichnet wurde.
Welche Arbeitsbedingungen finden Tänzer und Choreografen in Serbien vor und wie wirkt sich ein eventueller Mangel aus?
Grundsätzlich ist das Geld für zeitgenössischen Tanz dort knapp. Es gibt nicht genug Förderung für alle. Die serbische Tanzszene ist zudem sehr zentralisiert – fast alles ist in Belgrad. Es gibt einige große Namen, die den serbischen Tanz vertreten, aber für junge Künstler scheint es sehr schwer, sich einen Namen zu machen.
Wird Dalija Acin ein Festival-Auftakt nach Maß?
Ich freu’ mich auf den gesamten Festivalauftakt an diesem Wochenende: Zur Vorstellung von Dalija Acin kommt ja auch noch die Uraufführung der Produktion von Chia-Yin Ling und Nylea Mata Castilla. Und nicht zu vergessen: Unser ganz wunderbar zum Thema passender Jalla Worldmusic Club – die Festival-Party mit viel tanzbarer Balkan- und Osteuropa-Musik. Alle die gern selber tanzen, sind hier herzlich eingeladen.
Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2011
Das Publikum hat das letzte Wort
„on3“-Casting: Drei junge Autoren lasen in der Mälze um die Wette.
Von Felix Restorff, MZ
Regensburg. Preisfrage – nicht nur für Poeten: Was ist ein „Poetry Slam“? Im Grunde nichts anderes als eine Demokratisierung der Literatur. Der Autor trägt seinen Text vor Publikum vor und nimmt in Kauf, dass die Zuschauer ihre Meinung kundtun und den besten Dichter küren. Ein ähnliches Prinzip liegt der „on3 Lesereihe“ des Bayerischen Rundfunks zugrunde. Wer mitmachen will, bewirbt sich mit einem kurzen Beitrag. Am Ende wählt eine Jury drei Autoren pro Stadt aus, die ihr Werk öffentlich vortragen dürfen. Das letzte Wort hat das Publikum. Die bayernweite „on3“-Tournee gastierte in dieser Woche in Regensburg.
In der proppenvollen Alten Mälze, wo die Hamburger Band „1000 Robota“ für die musikalische Abrundung des BR-Events sorgte, wollte das meist sehr junge Publikum erfahren, was den Literatur-Debütanten zum Motto „Stadt, Land, Schluss“ eingefallen war.
Den Anfang machte Nadine Lorenz aus Runding. Sie berichtet von einem Pärchen, das Urlaub in Lissabon macht. Schnell jedoch wird klar, dass hier keine Hoffnung auf ein Happy-End besteht. Während die Ich-Erzählerin über die gemeinsame Vergangenheit sinniert, zeigt ihr Mann kaum eine Regung. Schließlich erfährt man, dass Peter bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Am Ende steht die Scheidung.
Eher schwere literarische Kost serviert auch Johannes Hoffmann. Seine Geschichte handelt von der Rückkehr eines Kriegsvertriebenen in seine serbische Heimatstadt Pancevo. Dort besucht er das Grab seiner Jugendliebe Anna. Ein Großteil des Geschehens spielt sich jedoch im Kopf des Helden ab. Hoffmann beschwört wortgewaltig, wenn auch arg metaphorisch die Gefühle seines Protagonisten.
Die 21-jährige Julia Fiederer konfrontiert das Publikum mit einem Text, in dem die 13-jährige Ich-Erzählerin auf einem Bauernhof lebt, auf dem Schweine geschlachtet werden. Mit bissiger Ironie beschreibt sie das ätzende Dasein mit dem trinkenden Vater, der übergewichtigen Mutter und der notorisch quengelnden Schwester. Immer wieder bindet sie die Schweine humorvoll in ihre Erzählung ein und hat dabei die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Zuletzt wird Julia Fiederer verdientermaßen zur Gewinnerin des Regensburger „on3“-Wettbewerbs gekürt. Dabei nimmt niemand im Publikum daran Anstoß, dass die Autorin der schweinischen Story überzeugte Vegetarierin ist. Mittelbayerische Zeitung, 29.10.2011
Schweinebraten mit Caipirinha
Die Indie-Popper von „Erdmöbel“ eroberten die Stadt der Wunder und mit „Retrospektive“ das Mälze-Publikum.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . „Es gibt zwei Regenburgs: Das schöne und das, wo unser Hotel steht“, sagt Bassist Ekki Maas. Die Kölner Gruppe ist extra einen Tag früher angereist, um sich Regensburg anzuschauen. „Wir haben die Brücken gesehen und waren in dem Brauhaus von der Gloria. Der Schweinebraten dort war sehr lecker“, macht Maas unbezahlte Werbung für die Domstadt an der Donau. „Und das Bier?“, möchte ein Besucher noch wissen. „Ich habe Caipirinha dazu getrunken.“
Zu dem brasilianischen Sommergetränk passt auch das sonstige Setting in einer mittelprächtig gefüllten Mälzerei. Bevor die Band anfängt, läuft gepflegter Easy Listening aus den frühen Sechziger Jahren. Die schrägen Anzüge der fünf Musiker – die Stammbesetzung plus Gast-Posaunist Henning Beckmann – sehen aus wie eine Kombination aus den 20er (Schnitt) und 70er (Farben und Muster) Jahren.
Sänger Markus Berges hat sich einen dünnen Zuhälter-Oberlippenbart stehen lassen. Zwischen den Liedern steckt er sich lässig einen Zahnstocher in den Mund. Kollege Maas‘ ergrautes, halblanges Wuschelhaar ziert ein zu klein geratenes, lustiges Hütlein. Das Dauergrinsen auf seinem Gesicht deutet den Konsum einer Substanz an, die auch Bill Clinton einmal probiert, aber nicht inhaliert haben soll.
Auch sonst scheinen die Musiker, die mit der aktuellen CD „Retrospektive“ und der begleitenden Tournee auf siebzehn Jahre Bandgeschichte zurückschauen, gut gelaunt zu sein: In den Pausen zeichnet sich ein feines, zufriedenes Lächeln auf ihren Gesichtern ab. Seit ihrem späten Durchbruch mit dem Album „Krokus“ im vergangenen Jahr, das das deutsche Feuilleton auf breiter Front abfeierte, hat sich aber auch eine gewisse Erwartungshaltung bei ihnen breitgemacht. „Wie ist es mit der Sangeskunst in Regensburg bestellt?“, wollen die Herren jenseits der 40 wissen. Dass das Publikum die Refrains auswendig kennt und mitzusingen weiß, setzt die Band voraus. „Unglaublich! Regensburg: Stadt der Wunder“, bemerkt Berges.
Die Kritiker lieben sie für ihre poetischen deutschsprachigen Texte, die von Berges stammen, der überdies mit seinem Debütroman „Ein langer Brief an September Nowak“ auf sich aufmerksam machte. Dass auch der Band selbst die Texte wichtig sind, ist daran zu erkennen, dass der Gesang ganz weit nach vorne gemischt ist und der Zuhörer wirklich jedes einzelne Wort verstehen kann. Die unaufdringlichen halb-akustischen Songs sind leicht, beschwingt und schwerelos. Erwachsenen-Pop, der die sehnsuchtsvoll-verträumten Saiten in den Zuhörern zum Klingen bringt. Welche bevorzugt mit den Händen in den Hosentaschen dastehen, sachte mit dem Kopf nicken und den Oberkörper hin und her wiegen. Oder sich gleich einen bequemen Sitzplatz auf dem Boden gesucht haben. Perfektionierter Pop, der in seinem kantenfreien Wohlklang gar so manches Mal an die fabelhaften Vier aus Liverpool erinnert. Aber in seiner Entspanntheit auch etwas Einlullendes hat. „Dann zum See nur hundert Schritte. Und ich bin aller Dinge ledig. Leg auf den Kieselstrand mein Handtuch. Und schlafe ein“, heißt es passend zu den einschlafenden Füßen, die den Zuhörer langsam überkommen.
Trotz ihrer Selbstverliebtheit interessieren sich die Indie-Popper doch auch für ihre unmittelbare Umgebung. „Sind die Oberpfälzer jetzt eigentlich Bayern?“, wollen sie wissen. Nach einem zögerlichen „Jaaa“ – „lauter Zugereiste hier“ , meint jemand aus dem Publikum – weisen die Kölner darauf hin, dass auch in ihrer Heimatstadt jetzt das Oktoberfest gefeiert wird – „allerdings mit Karnevalsliedern.“ Und Caipirinha statt Bier? Mittelbayerische Zeitung, 27.10.2011
Vier Kontinente bei den Regensburger Tanztagen
Das Programm steht – mit mehr als 20 hochkarätigen Produktionen und Uraufführungen. Künstler aus vier Kontinenten kommen.
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg. Diese 14.Regensburger Tanztage werden besondere werden. Nicht nur, weil Initiator Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei erneut ein attraktives, niveauvolles internationales Programm zusammengestellt hat. Vielmehr gibt es heuer noch ein paar Konstanten, die im nächsten Jahr, beim 15.Festival, in Frage stehen. Die Tanztage setzen ausdrücklich auf Kooperationen und sind damit auch immer gut gefahren. Das Kunst- und Kulturfestival donumenta ist einer der Partner. Doch die kulturelle Flussfahrt der donumenta durch die Anrainerländer ist mit Serbien vorerst beendet. Welche Konzeption folgt, ist unklar, und daher auch, ob eine Kooperation mit den Tanztagen 2012 wieder sinnvoll und befruchtend ist.
Heuer dagegen können beide Festivals noch klar voneinander profitieren. „Handle with great care“ heißt das Stück der Belgrader Tänzerin und Choreografin Dalija Acin, mit dem die Regensburger Tanztage (4. bis 27.November) eröffnet werden. Dalija Acin gilt als eine der herausragenden Vertreterinnen des zeitgenössischen Tanzes in Serbien. Ihr Stück über Erinnerungen wurde beim Festival ImPulstanz in Wien mit dem „Prix Jardin d’Europe“ ausgezeichnet.
Premiere für Ballett Regensburg
Eine weitere Konstante war die Zusammenarbeit mit dem Theater Regensburg. Im September 2012 steht der Intendantenwechsel an. Ob und inwieweit sich die Ballettcompagnie in welcher Zusammensetzung und mit welchem Ballettdirektor nächstes Jahr beteiligen wird, ist ungewiss. Krottenthaler sparte denn bei der Pressevorstellung des Festivalprogramms nicht an Lob für die Compagnie und Ballettdirektor Olaf Schmidt, mit dem das Ballett Regensburg eine Marke geworden sei. „Das Ballett unter Olaf Schmidt hat viel für den Tanz in Regensburg getan, ihn zeitgenössischer gemacht und ihn einem neuen Publikum eröffnet.“
Der Abend mit dem Ballett Regensburg zum Schlus der Tanztage ist einer der absoluten Höhepunkte, sagte Krottenthaler, und eine Art Premiere für die Compagnie. Die Imperfect Dancers Balletto 90, eines der führenden Ensembles in Italien, bestreiten eine Hälfte des Abends. Für die andere hatte Olaf Schmidt eine besondere Idee: „Es war mir wichtig, dass nicht ich choreografiere. Mich sehen die Regensburger ohnehin immer.“ Am Theater Regensburg gebe es keine Möglichkeit, Gastchoreografen zu holen. Diese Chance eröffneten die Tanztage: Mit Anh Ngoc Nguyen aus Vietnam holte Schmidt einen der gefragtesten und vielfach ausgezeichneten jungen Choreografen der internationalen Tanzszene nach Regensburg, der mit Schmidts Compagnie seit drei Wochen ein Stück erarbeitet. „Das ist sehr spannend“, sagt Schmidt. „Tanz muss immer wieder zeitgenössisch sein. Dazu gehört: Er muss auch von jungen Choreografen gemacht werden.“
Eigenproduzierte Uraufführung
Eine weitere Besonderheit dieser Tanztage: Das Kulturzentrum Alte Mälzerei als Veranstalter der Tanztage tritt erstmals als Coproduzent auf. „Wir haben die Idee zu dem Stück gemeinsam entwickelt, unterstützen finanziell, stellen den Probenraum“, sagte Krottenthaler. Die Rede ist von dem zweiteiligen Tanzabend „Heimat“, in dem die seit drei Jahren in Regensburg ansässige Tänzerin Chia-Yin Ling aus Taiwan und die seit acht Jahren hier lebende Spanierin Nylea Mata Castilla sich in ihren Choreografien auf ihre kulturellen Wurzeln besinnen. Und auch das ist neu: Es wird zu Livemusik getanzt.
Auch das restliche Festivalprogramm mit Künstlern aus vier Kontinenten reiht Höhepunkte aneinander: Die Aidstanzgala, für die Olaf Schmidt verantwortlich zeichnet, die Solotanznacht mit internationalen Preisträgern, der Abend mit Publikumslieblingen der Tanzszene Bayern, ein Wiedersehen mit der Compagnie Deja Donne aus Italien und der erste Auftritt der slowenischen En-Knap Group werden dem Festival wohl eine ähnlich gute Resonanz wie 2010 bescheren. Damals hatte es eine Auslastung von mehr als 90 Prozent bei etwa 2500 Besuchern. Freuen können sich Tanzfans auch auf „PINAmania“, die Tanzfilme, die der 2009 gestorbenen Choreografen-Legende Pina Bausch gewidmet sind. Mittelbayerische Zeitung, 21.10.2011
Ja Panik: Viel Rauch um nichts
Die jungen Indie- Rocker bemühen sich um Originalität der Texte, doch ihre Musik ist belanglos.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Ja, Panik – sind fünf junge Männer Mitte Zwanzig, die aus dem österreichischen Burgenland kommen und über die Zwischenstation Wien im vorvergangenen Jahr ins Musikermekka Berlin gezogen sind. Die Band macht Indie-Rock. Bezeichnete das Kürzel „Indie“ (für Independent) in den 80er Jahren noch Produktions- und Vertriebswege, die von der Musikindustrie unabhängig waren, dient es heute vor allem der Unterscheidung vom „einfachen“ Rock. Der trifft seine musikalisch wie inhaltlich ehrlichen Aussagen für eine Zielgruppe irgendwo zwischen Bergarbeiter und Kfz-Mechaniker. Siehe etwa Bruce Springsteen.
Indie-Rock dagegen spricht eher sensible, nachdenkliche Seelen an. Im Falle des deutschsprachigen Indie-Rocks also eher den Typ Germanistikstudent. Um sich interessant zu machen, geht die Musik nicht den geraden Weg, sondern nimmt gerne ein paar Umwege in Kauf. Stets befinden sich Indie-Rocker auf der Suche nach der schönen Melodie, die sich aus den Kompliziertheiten des Originellseinwollens herausschält.
Die Texte liegen Komponisten dieses Genres besonders am Herzen. Es geht um Befindlichkeiten, den Weltschmerz, das Verlorensein in einer großen Stadt oder eine verzehrende Liebe. Intellektuell und bedeutungsschwanger sollen sie klingen, die Aussagen. „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“ lautet der (ausgeschriebene) Titel der neuen „Ja, Panik“-Scheibe „DMD KIU LIDT“, die im Frühjahr erschienen ist. Der deutsche Gesang ist mit englischen Wörtern wie „situation“ oder „success“ angereichert. Das soll cool und sexy klingen. Auf der aktuellen Single heißt ein Refrain „Suicide is Passion.“ Auf einer Stofftasche am Merchandisingstand steht „Love is Passion“. Pathetische Phrasen, die aus dem Munde eines 27-Jährigen aufgesetzt wirken. Auf wahre Leidenschaft, die zur totalen Selbstaufgabe führt, verzichtet man doch lieber.
Dass sie es mit ihrer ostentativ ausgestellten Melancholie ernst meinen, steht außer Frage. Die Ja, Panik-Musiker sind von oben bis unten in Schwarz gekleidet. Der über die Bühne und das Publikum hinweggeblasene Trockeneisnebel sorgt für eine geisterhafte Stimmung. Die Musik selbst bleibt dagegen belanglos. Konventioneller Indie-Rock ohne irgendwelche Überraschungen. Vielleicht könnte man das sparsam orchestrierte Liebeslied am Ende noch als solche sehen. Während seine Bandkollegen in ihrem A-Cappella-Gesang immer leiser werden und den Refrain endlos wiederholen, verschwindet Sänger Andreas Spechtl schon mal theatralisch von der Bühne. Viel Rauch um nichts. Mittelbayerische Zeitung, 12.10.2011
Ja, Panik gaben Konzert des Jahres
Ja, Panik gaben am Sonntag ein Konzert, das hitverdächtig war. Die Chancen, dass die Burgenländer Indie-Popper in diesem Jahr bei der Wahl zum Konzert des Jahres einen Preis absahnen, stehen nicht schlecht.
Ja Panik gaben am Sonntag ein Konzert in der Alten Mälzerei.
Noch in der vergangenen Woche sich haben die Jungs um Sänger und Texter Andreas Spechtl in Wien darauf beschränkt, ausschließlich das aktuelle Album „DMD KIU LIDT“ (ausgeschrieben: Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit) in der exakt selben Reihenfolge wiederzugeben.
Doch in der Alten Mälzerei spielten sich Ja, Panik durch ihr Komplettwerk (bisher vier Alben). Sie ließen Hits aus („Marathon“), arrangierten Songs um („Nevermind“ wurde im Wechsel von allen Bandmitgliedern gesungen) und endeten mit ihrem „Manifest“, dem knapp 20-minütigen Monolog „DMD KIU LIDT“. Laut, gewaltig und intelligent.
Säm Wagner auf kult.de, 10.10.2011
Zwischen Tiefkühlpizza und Steckrüben-Carpaccio
Richtige Ernährung ist angesagt. Philipp Weber macht sich das in seinem schwer verdaulichen „Futter“ zunutze.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Bei Philipp Weber zuhause im Odenwald hieß es früher immer: „Gegesse’ wird, was auf den Tisch kommt!“ Essen sollte in erster Linie satt machen. Doch heute regiert die „Stoffwechsel-Hisbollah“, alles muss gesund sein. Frisch in der anonymen Großstadt, sitzt Webers Bühnen-Alter- Ego allein mit der Tiefkühlpizza vor dem Fernseher und sieht C-Prominenten beim Kochen zu. Bei einem spannenden „Tütensuppen-Raten“ mit dem Publikum zählt er Inhaltsstoffe auf, die samt und sonders aus dem Chemielabor stammen. Explosionsgetrockneter Sellerie weist nicht unbedingt auf eine Flädlessuppe nach Hausfrauenart hin.
Weber weiß, wovon er spricht: Der 36-Jährige hat in Tübingen Biologie und Chemie studiert. Fantasiekons-trukte der Lebensmittelindustrie wie die berühmt-berüchtigten Omega-3-Fettsäuren treiben ihn zur Weißglut. Er schreit, er tobt, er fährt aus der Haut – und das alles in charmantem Odenwäldlerisch. Bei den Zahlen, die er nennt, hat er auch allen Grund dazu: Jeder Bundesbürger werfe jährlich Lebensmittel im Wert von 360 Euro in die Mülltonne. Jeden Tag landeten 140 Tonnen Biogemüse aus China auf dem Frankfurter Flughafen. Biologisch-gesunde Ernährung sei zum oberflächlichen Lifestyle-Getue verkommen. In den 80ern war der Öko noch anti-kapitalistischer Asket gewesen, der Verzicht predigte und kratzige Kleidung zur Selbstkasteiung trug.
Zum Festival der Enthaltsamkeit wird das Slowfood-Abendessen, zu dem Weber Freunde einlädt. Zahlreiche exotische Lebensmittel-Allergien und -Intoleranzen machen es ihm nahezu unmöglich, den Gästen etwas Essbares zu kredenzen. Schnaps kommt zum Einsatz, bevor überhaupt Verdaubares in den Mägen ist. Dazu kommen erhellende bis unappetitliche Details über die zweifelhafte Herkunft von Honig und die wahren Eigenschaften von Süßstoff, Cholesterin, Vitamin C oder Himalaja-Salz. Webers Programm ist eine Nachhilfestunde in Sachen Ernährung. Fakten und Zusammenhänge werden flott und wortgewandt serviert. Auch wenn er erwähnt, dass er kein politisches Kabarett macht, ist es doch genau dies: Essen und Gesundheit gehen jeden etwas an, der Verbraucher hat Macht, die er nutzen sollte. Bei den Absurditäten der so genannten Fusionküche („Schweinshaxe Mykonos“) scheint Weber seinen Zuhörern aus dem Herzen zu sprechen. Im Duktus des Führers mimt er einen national gesinnten Kulinariker, der nicht-deutsche Begriffe in der Gastronomie („Steckrüben-Carpaccio“) brandmarkt. Für den ungestümen Verzehr einer Schweinshaxe findet er den wunderbaren Vergleich mit einer Python, die einen Sumo-Ringer verschlingt.
Per Abstimmung wird in der Slowfood-Runde eine Lebensmittelgruppe nach der anderen ausgeschlossen, bis die vier Freunde notgedrungen zu Frutariern werden. Die essen nur das, was die Natur freiwillig hergibt. Mittelbayerische Zeitung, 10.10.2011
Reggae, Romane und regionale Größen
Das Kulturzentrum zieht Bilanz und stellt sein Programm für das zweite Halbjahr 2011 vor.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . „Endlich geht’s wieder los“ sagt Hans Krottenthaler. Der Geschäftsführer und Programmplaner der Alten Mälzerei hat allen Grund zur Vorfreude, denn im ersten Halbjahr 2011 hat das Kulturzentrum an der Galgenbergstraße ein überdurchschnittliches Ergebnis eingefahren: „Mit knapp 50 000 Besuchern allein bei den Live-Veranstaltungen sind wir mehr als zufrieden“. Auch zwei Besucherbefragungen seien äußerst positiv ausgefallen: Das Kleinkunstfestival im vergangenen März habe die Schulnote 2 von seinen Gästen erhalten und werde von allen Altersgruppen gleichermaßen frequentiert. Und die Tanztheatertage im Herbst hätten ihr Einzugsgebiet bis weit in den ostbayerischen Raum hinein erweitert. „Und dann wurde unsere Auszubildende im Sommer auch noch als die Jahrgangsbeste Bayerns ausgezeichnet.“
Georg Ringswandl als Buchautor
Mit einer großen Bandbreite an qualitativ hochwertigen Künstlern aus dem In- und Ausland, die im Herbst und Winter ihr neues Programm vorstellen, möchte die Mälzerei an dieses tolle Halbjahresergebnis anknüpfen. Und auch der Nachwuchsförderung wird wieder ein Platz eingeräumt: Beim monatlichen „Heimspiel“ werden sich Newcomer der regionalen Musikszene ein Stelldichein geben.
Niveauvolle deutschsprachige Texte scheinen der gemeinsame Nenner der Bands zu sein, die sich der Kulturladen aus anderen Städten der Repu-blik eingeladen hat. Die Kölner „Erdmöbel“ werden schon seit Jahren vom deutschen Feuilleton massiv gefeiert. Mit ihrem neuen Tonträger „Retrospektive“ wagen sie einen Blick zurück auf 16 Jahre Bandgeschichte. Die in Berlin lebenden Österreicher von „Ja, Panik“ sind zwar erst Mitte zwanzig, ihre neue Platte „DMD KIU LIDT“ findet in der Musikpresse aber ebenfalls großen Anklang.
Als Geheimtipp sieht Krottenthaler das Hamburger Geschwisterpaar Eva und Philipp Milner, die unter dem Namen „Hundreds“ einen betörend minimalistischen Sound produzieren. Unter Insidern ebenfalls hoch angesehen: die schwedische Indie-Band „Friska Viljor“, die schon bei ihrem ersten Auftritt in der Mälze mit hymnischen Folk-Pop-Songs zu begeistern wusste. Connaisseure der Rockgeschichte werden sich hingegen den Auftritt von „Pavlov’s Dog“ dick in ihrem Kalender anstreichen. Die amerikanische Seventies-Progressive-Rockband mit dem markanten Falsettogesang präsentiert sich mit neuem Album. Das tut auch die bayerische Songwriterin Claudia Koreck, die sich auf „Menschsein“ gereift aus der Babypause zurückmeldet. Georg Ringswandl hat derweil ein Buch über das Scheitern geschrieben. Bei der Lesung darf freilich etwas Musik nicht fehlen. Ohne seinen Partner Werner Schmidbauer ist Martin Kälberer unterwegs. Auf seiner Solo-CD „Between the Horizon“ ist seine Liebe zur brasilianischen und afrikanischen Musik unüberhörbar. Kosmopolitischen Dancefloor bieten neben den drei bezaubernden Ladies von „Ganes“, die auf ihrem zweiten Album „mai guai“ sensibles Songwriting mit urbanen Beats verbinden, auch die partyerfahrenen DJs vom Münchner „Jalla Worldmusic Club“.
Tanz aus Taiwan und Spanien
Aufregend geht es auch bei einer neuen Lesereihe zu, die sich zwischen Krimi, Thriller und Trash bewegt. Der Senkrechtstarter des deutschen Psychothrillers, Sebastian Fitzek, gibt eine Kostprobe aus seinem aktuellen Roman „Der Augenjäger“.
Während sich in Philipp Webers neuem Kabarettprogramm „Futter“ alles um Nahrungsmittel und Verbraucherschutz dreht, macht sich Kollegin Luise Kinseher ihre Gedanken über das „Mysterium Besitz“. Aus der Kabarettisten-Hochburg Franken kommen Lizzy Aumeier, Matthias Egersdörfer und Das Eich nach Regensburg.
Bei den Tanztagen im November tritt die Mälzerei erstmalig als Koproduzent auf. In einem Stück mit Livemusik widmen sich die in Regensburg lebenden Tänzerinnen Chia-Yin Ling und Nylea Mata Castilla ihren Heimatländern Taiwan und Spanien.
„Da sollte doch für jeden etwas dabei sein“, glaubt Hans Krottenthaler. Die Besucherzahlen des zweiten Halbjahres werden’s zeigen. Mittelbayerische Zeitung, 21.9.2011
Sie bringen auch Nussbaumfurnier zum Klingen
Die Kölner Band Erdmöbel wird für ihre poetischen Texte und feinen Melodien gefeiert. Mit ihrer neuen CD kommt sie nach Regensburg.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das deutsche Feuilleton überschlug sich mit positiven Rezensionen. Kaum ein Musikmagazin, das im vergangenen Jahr das achte Erdmöbel-Album „Krokus“ nicht als Meilenstein in der deutschen Popgeschichte abfeierte. Die Süddeutsche Zeitung sprach von der „besten deutschsprachigen Band unserer Tage“, der Berliner Tagesspiegel lobte: „Erdmöbel rettet den deutschen Pop ... die bislang schönste deutschsprachige Platte des Jahres“. Diese ungebremste Euphorie hängt in erster Linie mit Markus Berges’ deutschen Texten zusammen, die mal rätselhaft, mal gefühlig-poetisch, Persönliches verhandeln. Der Blick richtet sich nach innen. Deswegen wäre es auch falsch, Erdmöbel in einem Atemzug mit dem Diskurs-Pop der Hamburger Schule zu nennen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben bei den Kölnern außen vor.
Berges, der 2009 mit „Ein langer Brief an September Nowak“ auch als Romanautor reüssierte, wird von Kritikern dafür geliebt, das er sperrige deutsche Wortungetüme wie „Nussbaumfurnier“ oder „Regenschirmetui“ wie selbstverständlich in seine Texte einbaut. Dem Klang der Wörter wird eine größere Bedeutung beigemessen als deren Inhalt. Vielleicht muss man, wie Berges, Germanistik studiert haben, um dies zu lieben.
Erdmöbel ist jedenfalls keine klassische Indierock-Band. Auf dem Erfolgsalbum „Krokus“ spielen Gitarren kaum noch eine Rolle. Berges und Kollege Ekki Maas haben ein Händchen für kleine, feine Pianomelodien mit großem Wiedererkennungswert. Elemente der elektronischen Clubmusik finden sich in ihren Stücken ebenso wieder wie Bläser und exotische Instrumente wie Balalaika oder Steelguitar.
Die aktuelle Single „Fremdes“ verbindet einen bläsergetriebenen Ska-Offbeat mit schwelgerischem Westcoastpop-Harmoniegesang, wie man in derzeit auch von amerikanischen Bands wie Animal Collective zu hören bekommt. „Au-Pair-Girl“ könnte in seiner loungigen Entspanntheit direkt aus der Feder von Burt Bacharach stammen. Die verfremdete Vocoderstimme zum durchgehenden Techno-4/4-Beat in „Dreierbahn“ versetzt den Hörer in einen knallbunten Bollywoodfilm. Auf der anstehenden Herbsttournee möchte die vierköpfige Band die altbekannten Songs in neuem Gewand und „mit heutigen Mitteln“ präsentieren, wie Gründungsmitglied Maas erklärt, der die Erdmöbellieder auch produziert: „Es werden neue Versionen von älteren Stücken zu hören sein, die wir live schon lange nicht mehr gespielt haben“.
Aus einem Songpool, der aus Nummern der 16-jährigen Bandgeschichte besteht, soll ein offenes Programm zusammengestellt werden: „Wir möchten auf Zurufe reagieren können“. Das am Freitag erschienene neue Album „Retrospektive“ setzt sich ebenfalls aus älteren Stücken zusammen. „Da uns viele Fans erst mit ‚Krokus‘ und dem Vorgängeralbum ‚No. 1 Hits‘ kennengelernt haben, wollen wir zeigen, was wir früher so gemacht haben“. Der Erfolg sei ihnen jedenfalls nicht zu Kopf gestiegen. „Dafür spielen wir schon zu lange zusammen“, sagt Berges, „wir machen einfach unser Ding weiter“. Mittelbayerische Zeitung, 24.9.2011
"Ja, Panik" kommen mit neuem Album in die Mälze
Musik Konzert der österreichischen Indie-Pop-Band ist der Höhepunkt im Oktoberprogramm des Regensburger Kulturzentrums.
Regensburg. Das Musik-Programm in der Alten Mälzerei für diesen Oktober wirft keine Frage auf: Diesen Monat wird das Haus gerockt! Von Reggae über Blues-Rock bis hin zu Indie-Rock ist viel geboten. Absoluter Höhepunkt ist dabei das Gastspiel der Ösi-Indie-Rocker "Ja, Panik".
Gleich am 2. Oktober (21 Uhr) kommen "White Flag" aus Los Angeles, um das einzige Deutschlandkonzert ihrer derzeitigen Tour zu veranstalten. Die aus vier Musikern bestehenden Punk-Rock-Band wurde schon 1982 gegründet und ist seither zu einer echten Punk-Legende geworden.
Am Sonntag, den 9. Oktober (Beginn: 20:30 Uhr), tritt die Indie-Rock. Band "Ja, Panik" auf. Die fünf Musiker aus Österreich stellen ihr neues Album "DMD KIU LIDT" vor. Die Band war 2009 für den "Amadeus Award", den größten österreichischen Musikpreis der Richtung Alternative-Rock, nominiert. Sie sind für ihre deutsch-englisch vermischten Texte bekannt und kannten sich schon zuvor durch die burgenländische Band "Flashbax".
Doch es wird nicht nur Musik geboten: Die "On3-Lesereihe mit 1000 Robota" am 21. Oktober (20 Uhr) ist ein Mix aus Literatur, Live-Konzert und Clubatmosphäre. Zwölf verschiedene Autoren tragen ihre eigene Texte zum Motto "Stadt, Land, Schluss" vor, die zuvor von der on3-Jury ausgewählt wurden. Die drei Musiker der Indierockband "1000 Robota" aus Münster performen dazu ihre Songs und tragen auch ihren eigenen Text zum Thema vor. Einen Tag später betreten dann die vier Musiker aus Köln von "Erdmöbel" die Bühne und unterhalten die Zuschauer mit großartigen Indie-Pop. Ihre acht Alben sind von Easy-Listening-Pop der 60er-Jahre ebenso beeinflusst, wie von den internationalen Hits großer Künstler, die einmal an der Spitze der Charts waren.
Neben diesen tollen Performances gibt es im Oktober noch weitere Auftritte von Reggae-, Gothic- und Alternative-Bands. Auch verschiedene Impro-Theatergruppen und der "Poetry Slam", ein Gedichtwettbewerb, finden statt. Auf jeden Fall dürfte der als grauer Monat verschriene Oktober in der Mälze nicht langweilig werden. Mittelbayerische Zeitung, 14.9.2011
Bürgerfest 2011: Die Bilanz
Viele Besucher, gute Umsätze, prima Stimmung, tadellose Organisation
Fest-Nachlese: "Das waren drei wunderbare Tage"
Das Wochenende in Regensburg ließ in den Augen der Veranstalter fast keine Wünsche offen. Nur die Gäste könnten ein bisschen spendabler sein.
Von Marianne Sperb, MZ
REGENSBURG. Am Tag nach dem Fest-Marathon hieß es für die Meisten der 25 Platzbetreiber erst mal: durchschnaufen. In der Rückschau zeigten sich die Partner der Stadt hochzufrieden. "Die Menschen waren fröhlich, die Organisation war top in Ordnung", sagte Hermann Goß, Chef der Bischofshof Brauerei, die den Domplatz bewirtschaftete. "Wenn es was zu verbessern gibt, dann höchstens Kleinigkeiten. Vor allem der Freitag lief sensationell gut an." Einen neuen Umsatzrekord beim Bier verregnete es allerdings am Samstag.
"Alles prima"
"Sehr entspannt, sehr schön", kommentierten Rüdiger Nowak und Konrad Seel, die mir ihrer Agentur Eventconcept Wiedfang, Fischmarkt und Stadtamhof bespielten. Frank Venus von der Bewerbergemeinschaft, die den Kohlenmarkt bewirtschaftete: "Das hat alles prima funktioniert. Wer sich an die Auflagen hielt, hatte keinerlei Probleme. Sehr gut getan hat die eine Stunde bis 23 Uhr; da war die Atmosphäre am schönsten."
"Wunderbar, vor allem das Wetter passte ideal", meinte Viktor von Hugo, der Haidplatz und Thon-Dittmer-Hof bespielte. "Die Stadt hat das schon alles prima durchorganisiert, vor allem Peter Ainöder vom Kulturamt: Der macht alles, was machbar ist." Albert Kellner von der Brauerei Kneitinger, die Weißgerbergraben/Arnulfsplatz gepachtet hatte, freute sich, dass der Bühnen-Mix gut ankam, etwa mit Line-Dance, Happy Shakers und einem Großmädelchor aus Rohr. "2013 kann`s wieder so werden - wir brauchen bloß die Wettergarantie."
Getränke finanzieren Bands
Tine Christa vom "Mischkultur e.V." freute sich über Riesenzulauf in der Maximilianstraße. "Sehr viele Besucher fanden es toll, dass Straßenkunst ein Teil des Bürgerfests war." Fürs nächste Mal hätte Tine Christa einen Wunsch: "Unsere Künstler sind Profis, das heißt: Die leben vom Hutgeld. Es wäre schön, wenn die Gäste das besser honorieren würden." Einen ähnlichen Wink gab am Montag Hans Krottenthaler vom Alte Mälzerei e.V.: Wer mit Wein und Bier bepackt zum Grieser Spitz kam, um dort Musik zu hören, dem sei offenbar der Zusammenhang nicht klar zwischen guten Bands und Getränkeverkauf.
Insgesamt, das betonte Krottenthaler ausdrücklich, fand er das Bürgerfest 2011 schön: "Das waren drei wunderbare Tage." Groß ins Abendprogramm und Spitzenbands zu investieren, sei richtig gewesen. "Der Grieser Spitz war ab 18 Uhr gut gefüllt, es war richtig Open-air-Stimmung." Alex Bolland, der die Uferpromenade Stadtamhof bewirtschaftete und ebenfalls viel Geld in Bands steckte, zeigte sich glücklich über die hohe Frequenz der lauschigen Oase vorm Andreasstadel. "Es war voll, trotzdem blieb die Stimmung entspannt." Das Duo Mark'n'Simon honorierte Bollands Verdienste als Kulturförderer mit der Ernennung zum neuen Regensburger "Burger-King" - per Papp-Krone.
Für die Sozialen Initiativen, die sich mit 22 Einzelinitiativen am Alten Kornmarkt präsentierten, wurde das Bürgerfest finanziell ein Erfolg: Insgesamt wurden etwa 25 000 Euro erlöst, die direkt in einzelne soziale Projekte fließen. Schwester Rita, Schulleiterin von Niedermünster, habe sich rührend um die Sozialen Initiativen gekümmert und Strom, Wasser und Umkleiden für Musiker und Bauchtänzerinnen zur Verfügung gestellt.
WEITE AUSSTRAHLUNG
> Das Bürgerfest strahlt weit über Regensburg hinaus: Die Bahn hatte noch um Mitternacht Sonderzüge in alle Himmelsrichtungen fahren lassen, um die zahlreichen Gäste von Auswärts nach Hause zu bringen.
> Das Stichwort "Bürgerfest Regensburg" fand am Sonntag bei Google rund 65 000 Treffer, auf facebook waren knapp 13 000 Kontakte registriert. Mittelbayerische Zeitung, 28.6.2011
Große Vorfreude auf das Regensburger Bürgerfest
Von 24. bis 26. Juni herrscht in Regensburg ein Wochenende lang ausgelassene Stimmung. Die Stadt wird zur großen Bühne.
REGENSBURG. „Wir sind Regensburg!“ – das Motto des Bürgerfests 2011 ist eindeutig: Die Bürger einer Stadt feiern ihre Stadt. Und diese soll sich beim größten Fest des Jahres so präsentieren, wie sie ist: lebendig, schön, gastfreundlich und vor allem alles andere als langweilig.
Das Kulturamt der Stadt hat in Zusammenarbeit mit vielen Einzelveranstaltern ein Riesen-Programm auf die Beine gestellt. Die verwinkelten Gassen und die offenen Plätze werden zur Bühne. In der gesamten Altstadt mit Stadtamhof findet das Programm statt. Bunte Stände mit Kunsthandwerk, heimische Schmankerln für jeden Geschmack, Performances für kleine wie große Gäste und ganz viel Musik… der Vielfalt ist 2011 kein Ende gesetzt.
Die Slick-50-Bühne am Weinmarkt entführt die Regensburger in die 50er-, 60er- und 70er-Jahre. „Bei uns hörst du Musik wie auf keinen anderen Bühnen beim Bürgerfest“, sagt Betreiber Thomas Gaschnitz vom Livekultur-Verein.
Der Alten Mälzerei ist der Preis für die „größte und lauteste Bühne“ wohl jetzt schon nicht mehr zu nehmen. Wie immer schlagen Hans Krottenthaler und sein Team ihre Zelte auf dem Grieser Spitz auf. Hauptact und Zugpferd sind die bekannten Speed-Folker „Fiddlers Green“, die am Samstagabend zum Tagesabschluss auftreten. Mit „Zwei Tage ohne Schnupftabak“ und „Zarate“ sind am Samstag zwei renommierte Local-Acts zu hören und der Sonntag gehört den großen Hits zweier großen Rock-Bands: Whitesnake und AC/DC.
In Sachen Kinderprogramm hat die Stadtmaus einiges zu bieten. Sie wird die Jahninsel zum großen Spiel-Paradies umgestalten. „Das Gelände ist dafür ideal. Wir haben einen abgeschlossenen Ort in all dem Trubel, der für Familien eine Rückzugsmöglichkeit sein kann“, erzählt Antje Schlagenhaufer von der Stadtmaus. Die Spielemöglichkeiten sind endlos: Vom Torwandschießen bis hin zum Kanufahren für die ganze Familie – langweilig wird es auf jeden Fall nicht. Mittelbayerische Zeitung, 22.6.2011
Ehrliche Musik aus dem Bauch
Claudia Koreck veröffentlicht ihr neues Album „Menschsein“.
Von Mario Kunzendorf, MZ
REGENSBURG. „Vielleicht bin ich ja nicht ganz normal“, sagt Claudia Koreck im MZ-Gespräch in Regensburg. Natürlich ist sie das nicht. Zumindest schien es bislang nicht normal, dass Traunsteiner Mädchen mit sieben Jahren eine Bühnenkarriere starten, mit 16 eine Band und mit 21 Jahren die Hitparade anführen. Und das als bayerische Pop-Liedermacherin, mit der Gitarre in der Hand, bayerische Texte singend. Steckt ein ehrgeiziges Elternhaus dahinter? Koreck winkt ab. Nein, der Vater habe zwar „Beatles“ und Aretha Franklin gerne, sei sonst aber musikalisch unauffällig. Also war es schlicht, wie die 25-jährige sagt? „Musik war einfach immer, was ich machen wollte.“
Tja, so einfach erklärt Claudia Koreck bisweilen die Welt. Sie schafft es, unverstellt von innerem Druck und äußerer Erwartung zu wirken. Dabei ist die Sängerin seit spätestens vier Jahren und dem Erfolg ihres Albumdebüts „Fliang“ mittendrin im Branchenrad. Dass sie dort denn doch Konflikte mit sich und anderen auszutragen hat, blitzt ab und an auf: „Wenn jemand in der Plattenfirma sagt, Musik ist nur ein Produkt, bekomme ich einen Kotzanfall. Ich halte Musik für überlebenswichtig.“
Widerstand kann helfen. Koreck hat sich gegen alle Wünsche von Vermarktern und Veranstaltern nach zwei CD-Veröffentlichungen eine Auszeit genommen, ihren Arrangeur und Mitspieler Gunnar Graewert geheiratet, im Vorherbst einen Sohn geboren, mit Bedacht angefangen, wieder Stücke zu schreiben. „Ich wollte mich nicht unter Druck setzen lassen“, sagt sie rückblickend. Vor wenigen Tagen hat sie ihr neues Album „Menschsein“ (Sony) veröffentlicht, dessen Titellied diese Episode zu beleuchten scheint.
„Menschsein“, das bedeutet für Claudia Koreck auch, in ihren Liedern frei aus ihrem Alltag zu erzählen. Und da es ihr, anders als noch auf dem einsam rohen Vorgänger-Album „Barfuaß um die Welt“ heute gut geht, sind die Stücke tendenziell nicht der Moll-, sondern der Dur-Seite des Lebens zugeneigt. „Menschen mit Musik glücklich machen“, das reizt die 25-Jährige jetzt auch für ihre Tournee. Dass sie dabei vom Sender „Bayern 3“ erneut massiv unterstützt wird, schätzt sie als Glücksfall. Dass sie nur deshalb von anderen Stationen geschnitten wird, ist Teil des Grobgeschäfts. Also der Teil, von dem sie sagt: „Nicht meins.“
„Ehrliche Arbeit“ ist, was sie leisten und liefern will. „Wertschätzung“ für ihre „Musik aus dem Bauch“ ist, was sie sich wünscht. Vereinnahmen will sie sich nicht lassen, weder von Schlagerwettbewerben noch Politik noch Feminismus-Projekten. „Das ist nicht meins“, sagt sie da wieder. Bayerisch konservativ eigentlich, keineswegs naiv, schon gar nicht übertrieben offen.
Denn alles erzählt die Musikerin nicht. Zum Beispiel nicht das Ende jenes Lieds „Hunger“, in dem ihr von nächtlicher Beißattacke geplagter Gatte sich dem Kühlschrank nähert, wo sich wiederum die Gattin als Festmahl feilzubieten gedenkt… – nun den Rest des Abenteuers verschweigt sie. Trotzdem noch ein Geheimtipp: Wer nächtens einer hungrig umherstreifenden Claudia Koreck begegnet, sollte gefüllte Paprikaschote anbieten. Mittelbayerische Zeitung, 24.5.2011
Ein Speedlandler am Heimatluftkompressor
Attwenger aus Österreich bot in der Alten Mälzerei Heimatabend und Club-Beats zugleich.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Markus Binder und Hans-Peter Falkner machen zu Beginn ihres Auftritts in der Alten Mälzerei einen eher schlecht gelaunten Eindruck. „Wir sind ja schon zehnmal hier gewesen. Der Bürgermeister sollte uns die goldene Ehrennadel verleihen“, erklärt Falkner. In seinem lang gezogenen Österreichisch versteckt sich eine gehörige Portion Sarkasmus. Auch auf aufmunternde Zurufe wie „Auf geht’s, Buam“ wollen sie nicht reagieren. Die beiden Linzer spielen lieber kommentarlos ihr Set herunter, das überwiegend aus Stücken des neuen Albums „Flux“ besteht.
Der schlaksige Binder beackert sein reduziertes Drumset (Bassdrum, Hi-Hat und Snare) wie ein Berserker. Das abendliche Ausgleichsjoggen kann sich dieser Mann definitiv sparen. Wenn er gerade mal eine Ruhepause braucht, kommen seine Maultrommeln zum Einsatz, die er behände wechselt.
Falkner nimmt die andere – übrigens angenehm dezent ausgeleuchtete – Bühnenseite ein, schickt mit einem Laptop-Tastendruck einen Playback-Loop auf den Weg und steigt dann mit seiner Steirischen Harmonika ein, die er so gedankenversunken spielt, als sei er der Gitarrist einer 70er-Jahre-Psychedelic-Rock-Band.
Diese spezielle Form des Akkordeons kommt ja vor allem in der traditionellen Volksmusik des Alpenraumes zum Einsatz. Spielt Falkner sie wie gewohnt, kommt zusammen mit Binders rasantem Schlagzeugspiel etwas heraus, das die Band als „Turbopolka“ und „Speedlandler“ bezeichnet. Also ein erbarmungsloser Zweidrittel- oder Dreivierteltakt in Drum’n’Bass-Geschwindigkeit.
Auch bei „Shakin’ my brain“, einem zackigen Alpen-Rock’n’Roll, geht’s mächtig nach vorne. „Duamasche“ und einige andere Nummern sind eher in der groove-orientierten schwarzen Musik verortet. Die Feier- und Tanzwütigen in der Alten Mälzerei freut es – Dirndl und Lederhose sind am heutigen Abend nicht nur auf der Regensburger Dult zu finden! In den interessanteren musikalischen Momenten ufern Attwengers Stücke in ausgedehnte Erfahrungstrips aus, die die Tänzer tranceartig gefangen nehmen. Beim repetitiven Gesang in „Song“ wird der Tracktitel ganz in die Länge gezogen – „Soooooong“ – und ein verdrehtes Wort, das wie Hebamme klingt, „Baba Heba“, endlos wiederholt. Wörter werden zu bloßem Sound. Und Falkners mit diversen Effektgeräten versehene Harmonika erkennt man nicht wieder: Mal brummt sie in tiefsten Bassregionen, mal quietscht sie verzerrt wie eine malträtierte Hardrockgitarre.
Interessant, was aus einem Instrument, das auch unter dem Namen Heimatluftkompressor firmiert, alles herauszuholen ist. Insgesamt also eine unterhaltsame Mischung aus Modern und Traditionell, aus zeitgenössischen Club-Beats und vertrauter Heimatabendbeschallung. Und doch: Die limitierte Instrumentierung sorgt jedoch auch für eine gewisse Einförmigkeit. Mittelbayerische Zeitung, 23.5.2011
Seelenstreichler mit Stimme und Schwiegersohnimage
Werner Schmidbauer und Martin Kälberer machen drei Stunden authentische Musik.
Von Ralf Strasser, MZ
REGENSBURG. Der Umzug von „seiner“ Mälzerei in die große Halle weckt bei Werner Schmidbauer gemischte Gefühle. Dort hat er – noch ohne Martin Kälberer – seine erste Live-CD an zwei Abenden mitgeschnitten. Viele mussten damals draußen bleiben, vor der knuddeligen Kneipen-Atmosphäre seiner Stammbühne. Also hat Mälzereichef Hans Krottentaler den Auftritt von Werner Schmidbauer und seinem Kumpel Martin Kälberer in den Antoniussaal verlegt, damit die Schmidbauer-Getreuen nicht in der lauen Frühlingsnacht stehen mussten. Und einige, die damals beim Livemitschnitt „Loan di an mi“ oder „Da wo de Leit san“ mitgesungen haben, sind auch an diesem „Momentnabend“ wieder dabei und singen die Strophen mit, die Schmidbauer ihnen vorgibt.
Mit einem Lied und mit einem lächelnden „Grias eich“ begrüßt er sein Publikum zur Momentnsammlertour und legt damit einen Schalter um. Von der quirligen Erwartungshaltung in ein entspanntes Gefühl von „dahoam“ sein. Viele neue Lieder aus der aktuellen Scheibe hat das Duo mitgebracht, aber auch den alten Songs mit neuen Tönen eine Chance gegeben. Es sei Zeit geworden für eine neue CD, meint der Liedermacher, schließlich sind sieben Jahre seit der letzten Scheibe vergangen. „Zeit der Deppen“ heißt diese, und „immer noch aktuell, allein schon wegen des Namens.“ Geändert hat sich beim neuen Tonträger nicht viel.
Schmidbauer ist immer noch ein Seelenstreichler mit Schwiegersohnimage, die Handmade-Lieder eine Wohlfühlsammlung von schönen, poetischen, optimistischen und spaßigen Momenten, die Stimmung ist nach wie vor außergewöhnlich, nur die Schmidbauer-Band ist seit zwölf Jahren auf Kälberer zusammengeschrumpft. Aber der macht dies mit einer musikalischen Kreativität wieder wett, die ihm „Bravo“-Rufe und viel Applaus einbringt. Er sei ein musikalischer Maler, beschreibt Schmidbauer seinen Freund und wer ihn auf dem ufoartigen Teil namens Hang spielen hört, kann ihm da nur zustimmen.
Die musikalischen Momente, die die Zwei mitgebracht haben, ähneln einem guten Wein – er schmeckt und je älter, desto besser, aber auch die jungen Augenblicke werden genossen.
Das Genießen teilt Schmidbauer mit seinem Regensburg. Er lässt mitsingen, „aber volle Kanne, lasst’s uns net hängen.“ Das tun sie nicht und die Mitklatschfraktion meldet sich beim Titelsong der neuen CD postwendend. „Schee habt’s g’sungen“, lobt der Schmidl. „Du aber auch“, kommt es aus dem Publikum zurück. Schmidbauer lacht, „nach über 30 Jahren das erste Kompliment auf offener Bühne“. „Am liabst’n daad i jetz“, „Daugn“, „Für vui Geld“, oder „Glück g’habt“ singt er aus den alten Zeiten, „Südhang“, „An am Aband so wia heit“ oder „Nach Gulu“ stehen für das Neue, das die Tourneen in den letzten Jahren begleitete. Zwischen den Songs plaudert er über Auftritte vor über 7500 Österreichern, die eigentlich den Wolferl (Wolfgang Ambross) hören wollen, aber einen Wernerl bekommen. Schmidbauer erzählt Geschichten aus seiner Kindheit, macht Witze, zieht Grimassen, blickt zurück auf eine Zeit ohne Handys oder erklärt den Jüngeren, wie ein Kassettenrekorder einst funktionierte. Es ist diese Schaukelbewegung, die fasziniert. Eine Mischung aus Bergwanderplauderei à la Gipfeltreffen und den musikalischen Erzählungen eines Lebens. Sie sind ihm zugeflogen, sinniert der Schmidl aus Aibling „aus Situationen, und weil sie eben da waren.“ So wie auf einem Berg im Mangfallgebirge. „Herobn“ nennt er das Stück, das über den Wolken entstanden ist und wer die Augen zumacht, der kann sie spüren, die friedliche Abendstimmung. „Nix is so schee wia der Moment, wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei“, singt Schmidbauer und nach fast drei Stunden mit authentischer Musik gilt das auch für Regensburg. „Schön wars bei euch, ich hoffe wir sehen uns wieder“, sagt er und entlässt die Fans mit einem seiner Lieblingslieder. „Loan di an mi“ – und 500 Zuhörer singen mit. Mittelbayerische Zeitung, 16.5.2011
„Momentnsammler“ zeigen ihre Schätze
Werner Schmidbauer ist TV-Gipfelstürmer und Liedermacher. Er mag das Leben und er mag Regensburg, wo er heute mit Martin Kälberer gastiert.
REGENSBURG. Werner Schmidbauer ist ehrlich und witzig, sinnt in seinen musikalischen Geschichten ironisch über das Leben nach, seine Liebeslieder sind anrührend, der Mann mit dem Image des idealen Schwiegersohns, ebenso bekannt als Journalist. Seit Jahren macht er sehr erfolgreich die Sendung „Gipfeltreffen“ im Bayerischen Fernsehen. MZ-Autor Ralf Strasser hat den bayerischen Liedermacher auf der Autobahn am Telefon aufgespürt, im Stau, auf dem Weg ins BR-Studio zu den Vor- und Nachbereitungen seiner nächsten Talksendung. In den Bergen trifft Schmidbauer Hubertus Meyer-Burkhardt. Auf der Bühne steht er heute, und zwar in Regensburg, mit Martin Kälberer als langjährigem Kompagnon an seiner Seite. Im Gepäck haben die beiden viele gesammelte Momente.
MZ: Herr Schmidbauer, Sie sind auf dem Weg zu einer neuen „Gipfeltreffen“-Sendung. Was ist interessanter: Selber Geschichten erzählen oder als Journalist Geschichten erzählt bekommen?
Schmidbauer: Ich bin kein Mittelpunktmensch. Manchmal komme ich mir vor, wie unsere Regentonne zuhause. Einerseits holt man Wasser heraus, verbreitet sich quasi selber und dann muss man aber auch wieder etwas nachfüllen. Als Journalist mache ich mich ganz leer und lasse mich auffüllen, und als Sänger erzähle ich dann meine Geschichten. Das ist eine Schaukelbewegung, beides ist mir sehr wichtig.
Die neue CD heißt „Momentnsammler“. Was dürfen wir bei Ihrem Auftritt im Antoniushaus erwarten?
In weiten Teilen spielen wir natürlich unsere neue CD. Wobei – für Fans, die uns auf den Tourneen begleiten, ist es gar nicht so neu. Seit unserer letzten Studio-CD sind ja sieben Jahre verstrichen und in dieser Zeit sind die ganzen neuen Lieder entstanden und je nachdem, wann sie entstanden sind, haben wir sie auch im Live-Programm gespielt. Ich halte nichts davon, erst eine CD zu produzieren und diese dann gleich auf der Bühne zu präsentieren. Wenn wir ein neues Lied haben, müssen wir auch gleich spielen, anders halten wir es gar nicht aus.
Wieviel Schmidbauer ist in dem Lied „Momentnsammler“?
In dem Lied ist alles autobiografisch. Wir Deutschen sind ja ein Volk der Sammler. Die einen sammeln Steine in Griechenland, andere Sicherheit in Form von Versicherungen, ganz viele sind Geldsammler. Aber du kannst es nicht mitnehmen. Was immer bleibt, sind die Momente. Die kannst Du in deinem Kopf sammeln. Diese Erinnerungen bleiben, und nicht die Gedanken an die Steuererklärung.
In Regensburg waren Sie schon öfter.
Wie oft, kann ich gar nicht sagen. Regensburg ist unsere Lieblingsstadt in Bayern. Wir waren erst vor Kurzem mit unseren Frauen ganz ohne Auftritt für zwei Tage in Regensburg und haben es wirklich genossen. Hier sind die Leute einen Tick anders, ein Tick sympathischer, frischer und jugendlicher. Nicht umsonst haben wir in der Mälze unsere erste Live-CD aufgenommen.
Auf der neuen CD steht auch „Instrumentensammler“. Ein Hinweis auf Martin Kälberer. Gibt es eine Gewaltenteilung im Duo Schmidbauer/Kälberer?
Wir machen wirklich alles gemeinsam und spielen schon seit 15 Jahren zusammen. Mit Gewichtungen natürlich. Ich schreibe die Songs und erzähle sie, Martin ist mehr auf der Produzentenseite, arrangiert, mischt bei den Liveauftritten. Auf der Bühne gibt’s dann nur noch die gleichberechtigte Freiheit. Ich bin immer wieder überrascht, was da alles passiert.
Stimmt eigentlich das Image vom netten Schwiegersohn?
Das ist eine Frage, mit der ich mich eigentlich nicht beschäftige. Ich bin kein Lebenszyniker, ich mag Menschen und gehe erst mal davon aus, dass die Leute o.k. sind. Ich mag auch das Leben. Allerdings kann ich auch grantig sein und am besten wissen das meine Frau und meine Schwiegermutter. Mittelbayerische Zeitung, 13.5.2011
Auf dem Marktplatz des Wissens
Franzose Alfons erklärte zum Abschluss des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals United Comedy die Welt
Von Andrea Potzler, MZ
Regensburg. Franzose Alfons lebt in Deutschland. Vielleicht, weil er als Bub bei der Familie Chirac so gerne Klingeln putzte und man ihn damals warnte, dass der kleine Jaques einmal Präsident werden würde - und Alfons dann aus Frankreich gehen müsste.
Vielleicht ist Alfons aber auch nur in Deutschland, weil er hier stark französelnd und mit riesigem Puschelmikrofon so wunderbare Interviews mit Humor und Herz fürs Fernsehen machen kann. "Aber", so sagt Alfons, der im echten Leben Emmanuel Peterfalvi heißt: "Ich ging ja nicht nach Deutschland, ich ging nach Bayern!".
Seine Ansichten präsentierte er am Wochenende zum Schluss des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals in der Alten Mälzerei. Kernstück seines Kabarettprogramms "Die Rückkehr der Kampfgiraffen" sind auf die Leinwand projizierte Interviews, die Alfons auf dem Hamburger Wochenmarkt gemacht hat. Der Blick des Ausländers auf Deutschland, die leichte Ironie dem eigenen Land und der Wahlheimat gegenüber, all das macht den Mann in der orangen Jacke und der Altmännerhose mit dem Kleinbubencharme aus. Mit seinem Puschelmikro und den zerfetzten Notizblättern tritt er unbedarft vor die Leute und kommt so an die verblüffendsten Einsichten.
"Befürchten Sie, dass es auf der Welt einen Menschen gibt, der von niemanden geliebt wird?", fragt er, und der interviewte Herr in der grauen Jacke antwortet ohne Zögern: "Meine Schwiegermutter!" Auch das Alleinerziehende Mütter Banditen seien, die nur auf Sozialhilfe warten, findet er so heraus. Als er einen Polizisten fragt, ob er genmanipuliert sei, antwortet der bierernst: "Da kann ich keine Auskunft geben, da müssen Sie sich an die Pressestelle wenden." Seine Interviews sind ein ganz eigenes Genre, vor allem, weil er die Leute auf der Straße ungeschminkt zu Wort kommen lässt.
Zu Tränen gerührt ist nicht nur Alfons, als er Rentner Heinz einspielt. Ihn hat er auf dem Markt immer wieder interviewt und ins Herz geschlossen. Spätestens als Heinz Alfons mit einer eigenen Frage beindruckte: "Was macht Frau Merkel mit ihren alten Kleidern? Die trägt sie", freute sich Heinz diebisch. Heinz war neunzig, als Alfons ihn traf, und Heinz letzter Wunsch war, seine alte Schule in Berlin noch einmal zu besuchen. Heinz ist mittlerweile gestorben, aber seinen größten Wunsch hat ihm Alfons erfüllt. Der Zuschauer bleibt mit einem lachene3nden und einem weinenden Auge zurück.
"Heute Nacht werde ich übernachten mit Ihrem Applaus in meinem Herzen", sagt Alfons als er am Ende herzlich und reichlich beklatscht wird. Und das Beste daran: Man glaubt es ihm. Mittelbayerische Zeitung, 19.4.2011
Köstliche Renaissance des Anzugspießers
Helfried alias Kabarettist Christian Hölbling gibt sich in der Alten Mälze als böse und charmant.
Von Andrea Potzler, MZ
Regensburg. Pudelfondue, gepökelter Hamster, Spanrottweiler? Ja, Sie lesen richtig – Haustiere gehören nicht unter den Tisch, sie gehören auf den Tisch. Auch eine Bouillabaise im heimischen Aquarium ist ein Fest, angerichtet mit 100 bis 200 Suppenwürfeln, erwärmt durch einen Tauchsieder. So sieht das zumindest Käfersammler Helfried, der vom österreichischen Kabarettisten Christian Hölbling verkörpert wird. Mit „Helfried. Zehn Jahre Frohsinn – Die große Jubiläumsgala“ gab er bei United Comedy 2011 die „braune Eminenz der Kleinkunst“ und sein Publikum in der Alten Mälzerei freute sich.
Stocksteif steht der schmale Helfried in seinem braunen Anzug da, die schütteren Haare ordentlich an den Kopf geschleckt, die Lippen geflissentlich zusammengekniffen und versucht so normal zu sein, wie es nur irgend geht. Man hätte den Typus Anzugspießer der alten Schule längst für ausgestorben gehalten, feierte er hier nicht eine so köstliche Renaissance. Helfried imitiert Vögel und propagiert einen täglichen zehnminütigen Hopserlauf zur körperlichen Ertüchtigung, der Turnvater Jahn alle Ehre gemacht hätte. Hopserlauf nämlich hat „Schneid“. Hie und da darf es auch ein Liedchen oder ein Kunststückchen sein, um dem „Frohsinn“ Ausdruck zu verleihen. Aber keine so absurden Dinge wie Frauenzerschneiden – „das geht doch gar nicht, da stößt man doch auf einen Widerstand!“ Wir haben es mit feinstem Humor und ausgezeichnetem Gesang teils im Stil der Comedian Harmonists zu tun, klamaukiges Schenkelklopfen hat Hölbling einfach nicht nötig. Böse, aber doch charmant, eigenbrötlerisch und doch so liebenswert. Helfried erklärt uns aus seiner schrägen Warte nicht die heutige Zeit, aber das Männchen bleibt als wunderbare Schrulle im Gedächtnis.
Neben Helfried spielt Hölbling dessen Ziehtante Hedwig, von deren Erziehung er sagt, dass sie „antimodern und fundamentalistisch war – das hat mir nicht geschadet!“ Hedwig ist im grünen hochgeschlossenen Kostüm mit Haarnetz, Knipstäschchen und viel zu rotem Lippenstift ganz die alte Jungfer und scheint genauso aus einer ganz anderen Zeit zu entstammen wie Helfried. Den Eindruck bestätigt Hedwigs fisteliger Vortrag der „Christel von der Post“ und der „Unschuld vom Lande“. Hedwig zieht herrlich gemein über Helfried her, der „schon immer ein Sorgenkind war – nachweisen hat man ja nie was können....“ Und auch beruflich habe er sich „nie etablieren können, mit seinen Kursen über Käfer an der Volkshochschule.“
Als Helfried am Ende mit einem „Ave Maria“ im Falsett seiner Minis-trantentage gedenkt, führt das zu Klatschorgien und mehreren Zugaben. Seine ganz große Verwandlung legt Hölbling aber hin, als er ganz ohne Kunstfigur ein hinreißendes „It’s only a paper moon“ singt. Mittelbayerische Zeitung, 13.4.2011
Wallraff und der WAA-Widerstand
Lob vom Enthüllungsjournalisten für den einstigen Kampf gegen Wackersdorf: „Das war mächtiger als heute Stuttgart 21.“
Von Thomas Göttinger, MZ
REGENSBURG. Mehr Licht. „Licht auf die Gesichter, bitte“, sagt Günter Wallraff. „Ich möchte Reaktionen sehen.“ Und er will unterbrochen werden, falls jemand anderer Meinung sein sollte als er. „Wenn alle einer Meinung sind, dann liegt das oft an der Demagogie des Vortragenden oder an der Denkfaulheit des Publikums“, gibt er seinen Zuhörern in der „Alten Mälzerei“ gleich mal mit auf den Weg.
Wallraff ist nach Regensburg gekommen, um aus seinem aktuellen Buch „Aus der schönen neuen Welt“ zu lesen. Zuvor jedoch macht er noch einmal Station in der alten Welt, im Wackersdorf der 1980er Jahre nämlich und beim Aus der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA). „Da haben wir es ja geschafft“, ruft er in den Saal, „das war damals mächtiger als heute Stuttgart 21“.
Der Wutbürger Wallraff ist jetzt ganz in seinem Element. Genüsslich zitiert er in der Mälze aus seiner Rede, die er 1986 kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf dem legendären „Anti-WAAhnsinns-Festival“ in Burglengenfeld gehalten hat. Von Franz Josef Strauß und dessen selten dämlichen Ausspruch, dass die WAA nicht gefährlicher sei als eine Fahrradspeichenfabrik, berichtet er dann. Für Wallraff war damals klar, dass man aus dieser Logik heraus auch sagen könne, „eine Atombombe ist nicht gefährlicher als ein Knallfrosch“.
Als Türke Ali bei Strauß
Apropos Strauß. Wallraff springt mal kurz von Wackersdorf nach Passau in die Nibelungenhalle. Dass er zu assoziativen Ausschweifungen neige, davor hat er das Publikum gleich zu Beginn ja ebenfalls gewarnt. Beim politischen Aschermittwoch der CSU war er in Passau in seiner Rolle als „Türke Ali“ unterwegs. Und da habe er erlebt, wie sich die Anhänger von Strauß „bis zur Besinnungslosigkeit um ihren Restverstand gesoffen haben“.
Wallraff war eben immer schon einer, der da hingegangen ist, wo es so richtig wehtut. Er ist in unzählige Rollen geschlüpft und hat verdeckt recherchiert, um jenseits aller Verlautbarungsrhetorik und Pressesprecherlyrik darüber zu berichten, was tatsächlich ist. Auch in Regensburg. Zu Beginn der 1970er Jahre schlich er sich als Laienmönch bei Pater Emmeram in Schloss Prüfening ein. Seine Erlebnisse von damals können in dem Buch „Ihr da oben, wir da unten“, das er zusammen mit Bernt Engelmann herausgebracht hat, nachgelesen werden.
Kritik am Haus Thurn und Taxis
Während sich Engelmann darin überaus kritisch mit der Geschichte des Hauses Thurn & Taxis auseinandersetzt, auch und gerade mit den „kriminellen Machenschaften“, auf dem der Reichtum des Fürstengeschlechts aus seiner Sicht basiert, entlarvte Wallraff den Fürstenmönch Emmeram und dessen Elite-Denken. Klar, dass er daran auch in der Mälze nicht vorbeikommt. Und so zitiert er einfach den nicht zuletzt an der Mehrung des Familienvermögens interessierten Mönch: „Ich musste in meinem Leben schon viel erdulden. Man muss sich das mal vorstellen: In unserem schönen Schloss haben nach dem Krieg sogar Neger gewohnt.“
Ihr da oben, wir da unten? Wallraff schafft es schließlich doch noch über sein neues Buch zu sprechen. Um die „schöne neue Arbeitswelt“ geht es darin, um prekäre Beschäftigungsverhältnisse und die Missachtung von Arbeitnehmerrechten. Der Titel verweist nicht umsonst auf Aldous Huxleys berühmten Roman, in dem die Welt einer gesellschaftlichen Unterwerfung beschrieben wird.
„Wir entwickeln uns von einer Klassengesellschaft zu einer Kastengesellschaft“, sagt Wallraff. Er spricht von „Paria, die nicht mehr dazugehören dürfen“, verweist auf Hartz-IV-Empfänger und Leiharbeiter. Und auch auf jene vermeintliche (Geld-)Elite, die ihre gesellschaftliche Verantwortung von sich schiebe und sich bewusst abschotte. Zitat: „Solidarische Werte und das kritische Hinterfragen und Nachdenken werden mit Argwohn betrachtet, wenn nicht diffamiert.“ Zur Realität gebe es eben keine Alternative. „Basta!“
Alternativen, und das ist das große Thema von Günther Wallraff, gibt es freilich immer. Man muss dafür nur die Realität kennen. Und dafür braucht es mitunter – ja, genau: mehr Licht. Mittelbayerische Zeitung, 8.4.2011
Schmerzhafte Klarheit für die Dahindämmernden
Georg Schramm zeigte in der Region sein fulminantes Programm. Es lautet: aufbegehren bis zuletzt.
Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Wenn das Gelächter und Gejohle im Publikum zu laut wird, schüttelt Lothar Dombrowski energisch die Sitzungsglocke. „Lachen Sie nicht!“ fährt er seine Zuhörer im vollbesetzten Antoniushaus an. Am Tag zuvor hatte er die Chamer zur Ruhe gerufen. In der Selbsthilfegruppe „Altern heißt nicht trauern“, deren Vorsitzender er ist, wird nicht auf Apothekenrundschauniveau diskutiert. Hier reden alte Männer Tacheles. Sie wollen Unruhe stiften.
Ihr Antrieb ist der Zorn. Zorn auf die Hybris der Menschheit, auf die Habgier, diesen Kern des Bösen, der nie so wirkmächtig war wie heute. Georg Schramm analysiert mit scharfem Verstand, brillant, unnachsichtig und unnachgiebig. Die aktuelle Tagespolitik streift er in seinem einsamen Feldzug gegen die Dummheit und Verderbtheit nur, um die Strukturen klarer herauszuschälen. „Ist diese Bundesregierung das Böse? Nein, das Böse haben wir uns als etwas Großes vorzustellen. Sie ist allenfalls ein Furunkel am Gesäß des Bösen.“
Keine Zeit für das Gesindel
Er zieht einen Erinnerungszettel aus dem Sakko. Darauf steht: „Nicht zu lange mit dem Gesindel aufhalten“. Schramm macht politisches Kabarett, das jenseits der gängigen Merkel-Parodien und KT-Scherze Wirkung erzielen will. Hier soll man sich nicht wissend zunicken. Alle sind gemeint.
In vier Rollen schlüpft der Kabarettist in seinem zweieinhalbstündigen, hochspannenden Kammerspiel. Neben Dombrowski nimmt auch der ehemalige Drucker und Schrebergärtner August am Treffen teil. Der Arbeiter hängt den guten Zeiten der SPD und der Gewerkschaften nach. Diesen Zahn zieht ihm Dombrowski: „Ehe die SPD 100000 Leute für einen Mindestlohn auf die Straße bringt, kämpft die Polizei mit dem Laserschwert.“ Apropos: „Meister Yodas Ende oder die Zweckentfremdung der Demenz“ heißt das Programm. Über den tieferen Sinn des ersten Titel-Teils sollte man nicht in Grübeln geraten. Georg Schramm wird auch in 900 Jahren nicht eins mit der Macht sein.
Afghanistan und das Altern
Die Saat des Zorns auf die Auswüchse des Kapitalismus ist auch im kleinen Mann August gesät. Er würde gerne mal einem der Akteure eins verpassen. So wie die geprellten Rentner, die ihren Anlageberater entführten. „Af de Gass laufe, des bringt doch nix. Lieber was Praktisches mache!“ Neben dem rheinisch-frohsinnigen Pharmavertreter, der Magensonden für Pflegebedürftige anpreist, ist auch Presseoffizier Oberstleutnant Sanftleben zugegen, mit Kurzvorträgen zum Afghanistan-Einsatz. „Dort sind wir nur noch, weil der Westen noch nicht den Mut gefunden hat, sich sein Scheitern einzugestehen.“ Er kann das Elend und die Verlogenheit nur mit ein paar Pils im Schädel ertragen.
Das Private ist politisch und umgekehrt. Lothar Dombrowski, der unversöhnliche Rentner mit der Handprothese, spricht über die Gesellschaft und sein Altern. Er fürchtet die Demenz. „Jeder Depp kann die Frühsymptome erkennen. Nur ich bin vom Erkenntnisprozess ausgeschlossen.“ Er fürchtet, den rechten Zeitpunkt für den Freitod zu verpassen, fürchtet die Einweisung in die Psychiatrie, wo man – ein grässlicher Gedanke – versuchen würde, seine Stimmung aufzuhellen. Er will nicht ins Pflegeheim: „Ich werde die Hand beißen, die mich füttert.“ Dombrowski zitiert Horkheimer und Adorno: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils – Das werde ich schreien, bis zuletzt.“ Die Not des Individuums ist die Not der Welt. Die Demenz ist Sinnbild für den Zustand der vor sich hindämmernden Gesellschaft. Für die kurzen, klaren Momente, in denen dem Kranken sein Zustand blitzartig und schmerzhaft bewusst wird, sorgt Georg Schramm. Mittelbayerische Zeitung, 4.4.2011
Geister und Elefanten feiern Orgie
Das Musiker-Duo Unsere Lieblinge vertonte live das Impro-Geschehen vom Fastfood Theater.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Auch beim Improvisationstheater sollten die Rahmenbedingungen abgesteckt sein. Was an diesem Abend in der Alten Mälzerei offensichtlich nicht der Fall war. „Wir haben uns heute Abend erst kennen gelernt“ entschuldigte sich Theatersportler Andreas Wolf, der mit seiner Kollegin Maria Maschenka wohl davon ausgegangen war, dass sich die beiden Musiker von Unsere Lieblinge aktiv am improvisierten Geschehen beteiligen. Stefan Noelle und Alex Haas wiederum gingen davon aus, dass sie zu den spontan ausgedachten Szenen lediglich einen Soundtrack live einspielen sollen. Nachdem sich die dicke Luft verzogen hatte, brachte das doppelte Duo doch noch ein ansehnliches Zusammenspiel zustande.
Wilde Kurswechsel
In einem Szenen-Potpourri entwickelte sich aus einer Spielbankszene ein Stierkampf, der in eine japanische Karateübung umschlug, um schließlich in eine dramatische Erschießungsszene zu münden. Den Kurswechsel gaben Noelle an Snaredrum, Becken und Perkussionsinstrumenten und Haas am Kontrabass vor. Die Münchner machten aber nicht nur Musik, sondern brachten mit ihren Instrumenten und Stimmen auch bloße Geräusche hervor. Besonders gelungen untermalten sie eine pantomimische Beerdigungsszene mit gruseligem Knarren und sphärischen Geistergesängen. Beim „Bauchweh“-Song sorgten Unsere Lieblinge für allseits bekannte Verdauungsgeräusche, zum „Au-Au-Au“-Chor ihres Partners Wolf zauberte Maschenka einen erstaunlichen Rap aus dem Hut: „Ich bin eine kleine Luftblase, beweg’ mich schnell wie ein Hase.“ Das inszenierte Unwohlsein fand in einem fulminanten „Ich habe Bauchweh“-Refrain von Westernhagen’scher Intensität seine Erlösung. Aus dem Lieblinge-Reservoir von 3000 Liedern suchte sich das Publikum ausgerechnet einen Salsa aus, was sich trotz Zuschauerintervention – „Das ist kein Salsa!“ – doch recht ordentlich anhörte. Dazu legten die Fastfoodler einen Slapstick-artigen Gummibeine-Tanz aufs Parkett, den vor allem die Kinder zu goutieren wussten.
Story ohne plausibles Ende
Die jungen Zuschauer waren es auch, die sich für die spontan ausgedachte Geschichte „Der liebeskranke Leguan“ begeisterten. Hört sich der Titel noch lustig an, war die Story selbst so verworren, dass man nach fünf Minuten mehrere Knoten im Kopf hatte. Kostprobe: Die bärbeißige Frau Eder schikaniert Tierpfleger-Azubi Fridolin im Tierpark Hellabrunn mit drögen Reinigungsarbeiten, promiskuitive Elefanten feiern eine Orgie, Fridolins Nichte Sarah wird mit Plastik-Eidechsen in einen Käfig gesperrt, die Elefantenkühe werden trächtig, Fridolin sitzt mit zwei Leguanen in einem Flugzeug nach Galapagos. Oder so ähnlich. Die Geschichte mäanderte endlos vor sich hin, die armen Impro-Schauspieler fanden einfach kein plausibles Ende. Mittelbayerische Zeitung, 29.3.2011
Heimatlieder und Zersägungsfantasien
Bei den BR-radiospitzen kam es in der Mälzerei zu einem deutsch-österreichischen Kabarettisten-Gipfeltreffen.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Der Bayerische Rundfunk hatte seine Mikrofone positioniert, Moderator Hannes Ringlstetter instruierte das Publikum für die Aufzeichnung zweier Folgen der Kabarettsendung „radiospitzen“: „Wenn ich gleich noch mal auf die Bühne komm’, müssen Sie so tun, als wär’ ich noch nicht da gewesen und müssen ganz laut klatschen“.
Beim deutsch-österreichischen Kabarett-Gipfel traf der Wiener Klaus Eckel auf seine drei „Piefke“-Kollegen Sarah Hakenberg und Max Uthoff aus München und Lokalmatador Ringlstetter. Alle vier gehören einer jungen Generation von Kabarettisten an, auch wenn sie schon einiges an Erfahrung vorzuweisen haben. So ist Eckel der aktuelle Preisträger des deutschen Kabarettförderpreises und Uthoff konnte sich im vergangenen Jahr den Thurn & Taxis-Kabarettpreis sichern.
Die tiefe Depression nach YouTube
Am Anfang überraschte Ringlstetter aber zunächst mit einem Geständnis: „Ich habe ein Österreicher-Trauma“, einen tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex, der auf die grundsätzliche Überlegenheit der österreichischen Kollegen beruht. Zu Therapiezwecken hat er sich ein „Austria“-Lied verschrieben, in Stimme und Mimik eifert er seinen Idolen Ambros, Fendrich und Falco nach. Und Ringlstetter bekennt sich dazu, ein Klaus-Eckel-Fan zu sein: „Ich schaue mir nachts zwischen zwei und vier Uhr seine YouTube-Videos an und gehe dann mit schweren Depressionen zu Bett“.
Red Bull mit Blasentee
Dass Eckel das Lob nicht zu Kopf steigt, liegt wohl an seiner bodenständigen Vergangenheit als Billiglohnarbeitskraft: Das Arbeitsamt habe ihn früher zu unkreativen Jobs als Strichcodezeichner im Baumarkt oder Jugendsprecher des Rentnerbundes verdonnert. Auf deren Treffen durfte er sich an die Kreation innovativer Seniorencocktails machen: „Red Bull mit Blasentee“. Aufgrund dieser Kontakte zur älteren Generation zeigt der 36-jährige auch keinerlei Verständnis für die Versuche von Unternehmen, Servicetätigkeiten auf die Konsumenten abzuwälzen.
Den passenden Preisaufkleber an der unübersichtlichen Obst- und Gemüsewaage finden? Eine schier unlösbare Aufgabe. Die kostenlose Verköstigung im Supermarkt? Der Mensch als ahnungsloses Versuchsobjekt der Lebensmittelindustrie. Die Eröffnung eines neuen Bankkontos? Sorry, geht nur noch online im Internet. Eckel schwant da Böses: Demnächst geht man wohl mit dem IKEA-Verkäufer direkt in den Wald, um sich das Holz fürs Regal selbst zu schlagen. In hoher Taktzahl liefert Eckel seine Pointen, das Publikum ist begeistert.
Auch bei Max Uthoff ist jeder Satz ein Volltreffer. Der Münchner ist ein genauer Beobachter unserer Zeit. Vieles, was im Wust der täglichen Berichterstattung unterzugehen droht, zerrt er noch einmal genüsslich an das Licht der Öffentlichkeit. Tritt er in Regensburg auf, ist er stets bestens über die Highlights der aktuellen Lokalpolitik informiert: In einer Stadt, die ihre Turnhallen mit Formaldehyd baut, ist auch ein Laminatboden auf der Steinernen Brücke vorstellbar.
Und er stellt politische Zusammenhänge her: In Entwicklungsländern würden riesige Flächen gerodet, um Pflanzen nicht etwa für die Ernährung, sondern für unseren E10-Sprit anzubauen. Gleichzeitig gehen die Menschen im arabischen Raum wegen steigender Lebensmittelpreise auf die Straße. Wenn er diese Zusammenhänge ins Absurde überzieht, hinterfragt er die Wertigkeit dieser „Neuigkeiten“ in unseren Medien: Ist der Tod von Eisbär Knut genauso wichtig wie die ersten alliierten Bomben auf Libyen?
Schelmisch legt Uthoff die Doppelmoral der Politiker offen. Mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, glänzten CDU-Familienministerinnen als Powerfrauen, die Arbeit und Familie unter einen Hut bekommen – während sie eine minimale Erhöhung des Hartz-IV-Satzes für ausreichend hielten, um Kindern eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Kinder auf dem Weg in den Ruin
Aus ihrer Rolle als Mutter scheint auch Kabarettistin Sarah Hakenberg zu schöpfen. In Reimform beschreibt sie, wie sich Kinder zunächst gegenseitig mobben, um sich dann in Castingshows ihr angegriffenes Selbstwertgefühl von den Dieter Bohlens dieser Welt vollends ruinieren zu lassen. Ihr romantisches Liebeslied für den fünfjährigen Ingo offenbart so manchen Mutter-Frust, die als „Schlaflied“ getarnte Zersägungsfantasie beschreitet einen heiklen Grat ins Makabere.
Bei der wörtlichen Übertragung eines einfältigen Lady-Gaga-Songs ins Deutsche gibt sich Hakenberg als unschuldiges Mädchen, die Performance ruft ihre Poetry-Slam-Vergangenheit in Erinnerung. Ein schwungvoll am Klavier vorgetragenes „Heimatlied“ kritisiert die Vereinheitlichung deutscher Innenstädte mit den immer gleichen Geschäften.
Auch wenn der Wiener Klaus Eckel den stärksten Applaus einheimste, auch seine deutschen Kollegen wussten auf ganzer Linie zu überzeugen. Mittelbayerische Zeitung, 26.3.2011
„Mein Beruf ist, über die Mächtigen zu lachen“
Anarcho-Clown Leo Bassi setzt der globalen Krise eine Utopie entgegen. Am Samstag gastiert er in Regensburg.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Er ist Spross einer traditionsreichen italienisch-französischen Zirkusfamilie. Seine Urgroßeltern und Großeltern erzählten ihm von einer Zeit, als der Zirkus ein Gefühl von Freiheit in die Dörfer, zu den Menschen brachte. Elefanten, die durch die Straßen zogen, Akrobaten, die durch die Luft flogen. Da fiel plötzlich magischer Glanz auf den mühseligen Alltag, der für Momente alles verändern konnte. „Hinter all dem steckte die Nachricht: Seht her, wir sind einfache Menschen wie ihr, doch wir können sieben Bälle jonglieren. Wir können allein mit der Kraft unseres Willens erreichen, was wir uns erträumen. Das war der Zirkus früher: Ein Ort, an dem die einfachen Menschen träumen konnten, wo das Unmögliche möglich wurde“, erzählt Leo Bassi.
Suche nach der Seele des Zirkus’
Dieses ursprüngliche, ja bewusstseinsverändernde Potenzial schien dem Zirkus aber abhanden gekommen zu sein. Bassi verließ nach zehn Jahren den Familienbetrieb und begab sich auf die Suche nach der Seele des Zirkus. Er spielte Theater und Straßentheater und lernte, wie wichtig es ist, das Publikum zu überraschen. „Ich hatte immer im Sinn, zum Zirkus zurückzukehren, seine anarchische Seite wiederzuentdecken. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr entdeckte ich, wie sehr die Massen von einigen Wenigen manipuliert werden.“ Bassi hat eine politische Botschaft, er wendet sich gegen die Auswüchse eines entgrenzten Kapitalismus. Er möchte aufrütteln.
Nur wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 feierte sein Programm „12. September“ in New York Premiere. Bassi war einer der ersten, der auf die engen Verbindungen zwischen den Familien Bush und Bin Laden hinwies. Die Reaktionen waren heftig. Die Show kam 2004 unter dem Namen „La Vendetta“ („Die Rache“) in Deutschland auf die Bühne. Der Anarcho-Clown teerte und federte sich, zertrümmerte Cola-Dosen und schnitt Besuchern Markenlogos aus den Kleidern. Mit seinem kirchenkritischen Stück „Revelation“ („Offenbarung“) traf Bassi, der in Madrid lebt, christliche Fundamentalisten bis ins Mark. Er erhielt Morddrohungen.
Widerstand gegen „Wetten dass…“
Bassi tritt auch als Aktionskünstler in Erscheinung, engagiert sich für politische und ökologische Initiativen. Für sein Projekt „Polittourismus“ fährt er Landsleute mit dem „Bassi-Bus“ an Plätze und Villen, um vor Ort zu zeigen, wie Macht funktioniert, wie drastisch die Missstände sind, wo mafiöse Strukturen herrschen. Als das ZDF 1999 auf Mallorca unter Ausschluss spanischer Besucher eine Folge von „Wetten, dass..?“ produzieren wollte, organisierte Bassi den Widerstand. Vor der Arena verkleidete er sich als Che Guevara und verteilte Flugblätter.
Mit dem Programm „Utopia“ will Bassi in Zeiten globaler Hoffnungslosigkeit Optimismus und politisches Bewusstsein verbreiten: „Clowns haben die enorme Verantwortung, den Glauben an die Zukunft aufrecht zu erhalten. Es tut einer Gesellschaft nicht gut, wenn Komiker auf der Seite der Macht stehen. Clowns müssen Widerstand leisten. Mein Beruf ist, über die Mächtigen zu lachen, die Ignoranten, die uns in ihren Händen halten“. Mittelbayerische Zeitung, 17.3.2011
Splatterszenen-Fantasien auf dem Bauernhof
Kabarettist Alf Poier und „Die Obersteirische Wolfshilfe“ eröffneten das diesjährige Thurn und Taxis Kleinkunstfestival.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Für sein 15-jähriges Bühnenjubiläum hat sich der österreichische Kabarettist Alf Poier mit der „Obersteirischen Wolfshilfe“ wiedervereint – jener Band, mit der vor fünfzehn Jahren alles begann. Denn Poier ist eigentlich Musiker, Schlagzeuger um genau zu sein. Wobei dem kleinen Alf der wilde Rock von Haus aus nicht direkt mitgegeben wurde. Die Oma bezahlte schließlich die Rundfunkgebühren und sie war es, die bestimmte, welcher der beiden öffentlich-rechtlichen Sender geschaut wurde: „Seniorenklub“ statt „Jugendkultur“, Volksmusik anstelle von Rock’n’Roll. Da ist es auch kein Wunder, dass es dem Heranwachsenden in der Steiermark so richtig stinklangweilig war. Die Unheil verkündenden Sirenen der Polizei und Feuerwehr stellten eine willkommene Abwechslung dar. Das phantasiebegabte Kind malte sich das Geschehen dann in den blutigsten Bildern aus – inklusive splitternder Knochen und platzender Gedärme.
Noch dazu ist er neben einem Truppenübungsplatz des österreichischen Bundesheers aufgewachsen, da erinnert ihn jeder Knall, jede Detonation noch heute an die schöne Heimat. Zwangsläufig zog es den jungen Künstler dann aber hinaus in die große weite Welt, also nach Wien. Dort lebte er viele Jahre in bitterer Armut, schlug sich als arbeitsscheuer Tagelöhner durch, die Brausetablette ersetzte den Duschkopf. Für das seelische Gleichgewicht sorgte das Eintauchen in die ostasiatische Philosophie – gleich um die Ecke, im Chinarestaurant. Bei diesem Werdegang liegt der „Suizid-Metal“ nicht fern, der dann auf einer kunstnebelverhangenen Bühne mit tiefdröhnender Grabesstimme intoniert wird. Dem Poier ist nichts heilig, weder erleuchtende Sinnsuche noch tragische Todessehnsucht. Er bevorzugt den schwarzen Humor, „der normalerweise als ernst betrachtete oder makabre Themen wie Verbrechen, Krankheit und Tod in satirischer oder bewusst verharmlosender Weise behandelt“ (Wikipedia).
Dabei beteuert der Kabarettist mit dem Schlafzimmerblick, dass alles, was er da erzählt, auch wirklich wahr ist. Zum Beispiel seine ehemalige Band „Seppl & die Landsknecht“. Ein Musikerkollege sei Schwerstalkoholiker gewesen, der zweite ein Mörder, der seine Frau in einer Tiefkühltruhe aufbewahrte und der dritte wurde als mehrfacher Heiratsschwindler von „Aktenzeichen XY – ungelöst“ gesucht. Richtig charmant wird Poier, wenn er seinen vier (wieder) aktuellen Begleitmusikern ein paar verbale Watschn verteilt. Aber schließlich ermöglicht er ihnen ja auch, mal wieder vor einem großen Publikum zu spielen. Der erfolgreiche Künstler aus der „Hochkultur“ hat ein Herz für den einfachen Musiker von ganz unten – selbstironisch kann er auch sein, der Poier Alfred. Zum Teil aber auch etwas albern. Von seinem Gitarristen fordert er das „Zander“-Lied, und bekommt „Thunder“ von AC/DC. Seinen südafrikanischen Schlagzeuger hat er im Krankenhaus rekrutiert – weil der Drummer ja Rhythmus im Blut haben muss. Seine Begleitmusiker sind „Akkordarbeiter“, weil sie Akkorde spielen. Das hat dann das Niveau von Kindergeburtstag.
Aber der 44-jährige Musiker und Kabarettist ist sich halt für nichts zu schade. Bei der Titelfindung seiner Lieder geht er stets den direkten Weg („Litschis aus China“, „Mann mit Hut“), nämlich genau darum geht es in diesen Stücken. Und in den Gesangspausen gibt er gekonnt das Tänzerchen. Aber das konnte man schließlich auch erwarten, immerhin soll sein Jubiläumsprogramm „This isn’t it“ an den großen Michael Jackson erinnern. Mittelbayerische Zeitung, 15.3.2011
Gefährliche Musik
„Lydia Lunch & Big Sexy Noise“ beeindruckten mit hypnotisierendem Kopfnicker-Rock’n’Roll.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das Programm der Alten Mälzerei hatte ja schon vorgewarnt, die Musik von „Big Sexy Noise“ sei provokativ und gefährlich, Frontfrau Lydia Lunch berüchtigt. Und tatsächlich: vor Lunch musste man sich in Acht nehmen. Der Aufforderung, näher zu treten, wollte der weibliche Anteil im Publikum nicht so recht folgen – zu unberechenbar wirkte die Ikone des New Yorker Underground. Bei einem Ausflug ins Publikum packte sie ihre Fans an den Schultern und schüttelte sie headbangermäßig durch.
Ihre Texte könnte man als feministisch bezeichnen – würde sie sie selbst nicht als sexistisch charakterisieren. Aber natürlich unter umgekehrten Vorzeichen, denn bei ihr sind es die Männer, die nur für das Eine gut und ansonsten entbehrlich sind. „Another man comin’ (while the bed is still warm)“ heißt es da in einem Song. Frauen-Power, die keine Gefangenen nimmt. Den zurzeit in Regensburg herumgeisternden Pete Doherty nimmt Lunch ebenfalls aufs Korn. Sie sieht den englischen Sänger und Kate-Moss-Gespielen als billigen Posterboy der Boulevardpresse, der mehr mit kindischen Skandälchen von sich reden macht als mit seiner Musik.
Zusammen mit der britischen Band „Gallon Drunk“ bildet Lunch das Quartett „Big Sexy Noise“. Rauer Kopfnicker-Rock’n’Roll der tiefer gelegten Sorte, die Luftgitarrenhände bleiben in den Hosentaschen. Angeberisches Virtuosentum mit kreischenden Gitarrensoli bleibt dem Publikum erspart. Bassist James Johnston – vollkommen in die Musik versunken nimmt er die coolsten Rockerposen ein – und Drummer Ian White erzeugen einen tiefen, erdigen, unablässig mahlenden Soundstrudel, über den Lunch ihren aggressiven dunklen Sprechgesang legt. Terry Edwards versucht mit Keyboard und Saxofon schräg quiekende Farbtupfer darüberzulegen, was live leider etwas untergeht und auf Tonträger wesentlich besser funktioniert.
„Big Sexy Noise“ spielen einen verschleppt-urwüchsigen Garagen-Rock’n’Roll, der tief getränkt in Blues-Verzweiflung und Punk-Rebellion an großartige Bands wie „The Cramps“ oder „The Gun Club“ erinnert. Mittelbayerische Zeitung, 12.3.2011
Dreimal drei Träume
Anna Funk führte ihr Ein-Frau-Stück „Dreiklang“ in der Mälzerei auf.
Von Katharina Kellner, MZ
Regensburg. Sie sind denkbar verschieden und wollen doch dasselbe: Resi, Esther und Sonja, drei Frauen um die Dreißig, träumen von Selbstverwirklichung, von Liebe, vom Glück. Und leiden an der Welt, am eigenen Unvermögen – am Druck der Möglichkeiten. In „Dreiklang“, einem von Anna Funk geschriebenen und von ihr im Mälze-Theater erstmals in Szene gesetzten Stück geraten die Zuschauer schnell in den Bann dieser drei Frauen, die ihre Träume, Erfolge und Niederlagen schonungslos offenbaren.
Anna Funk ist der Schauspielerei schon viele Jahre zugetan. Sie spielte auf verschiedenen Münchner Bühnen und war drei Jahre lang festes Ensemblemitglied am Chiemgauer Volkstheater. Nun befasst sie sich in ihrem eigenen Stück mit den Nöten von Frauen ihrer Generation. Humorvoll und selbstkritisch leuchtet sie die drei Charaktere aus. Jede hat ja drei Auftritte, unterbrochen vom Spiel des Pianisten Ludwig Fuchs.
Da ist Gelegenheitsstatistin Rosi, die sich gerne als Musical-Star sähe. Die Frau mit dem derben bayerischen Zungenschlag schwätzt alle gnadenlos in Grund und Boden. Unvermittelt wird sie still und gibt zu, dass es mit der Musical-Laufbahn nicht geklappt hat und sie deshalb Pornostar wurde. Verunsichert fragt sie ins Publikum: „Gell, ihr seids meine Freind?“
Zu solchen Vertraulichkeiten lässt sich die kühle Karrierefrau Esther nicht herab. „Ich werde alles allein machen“, nimmt sie sich trotzig vor, um in der nächsten Szene aus Liebeskummer zusammenzubrechen. Die Frau, die sich gegen Gefühle wehrt, ist ein von Einsamkeit geplagtes, zerbrechliches Wesen. Sonja, die Träumerin, hofft, sich einen der Business-Männer zu angeln, die mittags in dem Lokal essen, in dem sie bedient. Als ihr einer den Wunsch nach „Penthouse, Sportwagen und teuren Fummeln“ erfüllt, ist ihr das aber schnell zu langweilig.
Anna Funk ist in jedem Augenblick auf der Bühne präsent. Spielerisch gelingen ihr die Stimmungswechsel ihrer Figuren – mal euphorisch, mal verzweifelt, mal laut, mal leise. Kaum zu glauben, dass das dieselbe Frau ist, die eben noch als Resi mit der Bierflasche in der Hand hinausschlurfte und Sekunden später als Esther hereinstöckelt. Für jede Szene wechselt Funk ihr Outfit – Resi trägt Getigertes, Leder und Nieten, Glitzersterne im Haar. Esther strenge, hochgeschlossene Kostüme, Sonja mädchenhafte Röckchen und Ballerina-Schuhe. Funk hat drei Frauentypen erschaffen, in denen sich viele wiederfinden. Und wenn die Schauspielerin Funk in ihre Charaktere schlüpft, ist sie immer genau die, die sie gerade verkörpert. Mittelbayerische Zeitung, 2.3.2011
Gebräu aus der wutbürgerlichen Küche
In Claus von Wagners Programm „Drei Sekunden Gegenwart“ trifft Ungerechtigkeitsempfinden auf Justiz, Persönliches auf aktuelle Politik.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg . Ob als Protestant im katholischen Bayern, als ordnungsliebender Münchner im chaotischen Berlin oder eben als entrechteter Vater, der vor Gericht einen Sorgerechtsstreit auszufechten hat: Claus von Wagner fühlt sich benachteiligt und fehl am Platze.
Deshalb zieht er sich auf den sicheren Dachboden des elterlichen Wohnhauses im oberbayerischen Miesbach zurück, wo er groß geworden ist und kruschtelt so lange in alten Kisten herum, bis er längst Vergessenes oder Verdrängtes zu Tage fördert.
Wer hatte die Finger im Spiel
Das sakrosankte Videoband mit den ersten Gehversuchen der Tochter wechselt urplötzlich zu einer spannenden Bundesligapartie. Wer hatte da wohl seine Finger im Spiel? Alte Schulhefte erinnern ihn an einen ehemaligen Schulkameraden, den das rigide dreigliedrige Schulsystem in die Hauptschule verwiesen hatte – nur weil der Vater Handwerker war.
Zuweilen nehmen von Wagners Ausführungen bitter-ernste Untertöne an, das Publikum wird dann ganz still. Seine klugen Analysen der politischen und ökonomischen Verhältnisse treffen ins Schwarze. Er macht Zusammenhänge klar, die im schnelllebigen medialen Tagesgeschäft leider allzu häufig hinten runter fallen.
Sein Programm „3 Sekunden Gegenwart“ hat mittlerweile schon zwei Jahre auf dem Buckel. Der 33-jährige Kabarettist hat es aber schlauerweise um aktuelle Themen erweitert. Polit-Star und Schummel-Doktorand zu Guttenberg bekommt als bevorzugtes Zielobjekt sarkastische Breitseiten ab. FDP-Mitgliedern empfiehlt er ein Aussteigerprogramm, wie es auch von den Taliban angeboten wird.
Zuschlagen mit Gehhilfen
Die Schlagstöcke der „gewaltbereiten“ Stuttgart-21-Gegner entpuppen sich als ganz normale Gehhilfen für Senioren. In den Wirtshäusern dieses Landes wird demnächst eine „wutbürgerliche Küche“ angeboten. Die falschen Versprechen von Versicherungen („Sie zahlen für das gute Gefühl, bevor etwas kaputt geht“), die oberflächlichen Reize der Konsumwelt, das desaströse Geschäftsgebaren internationaler Finanzinstitute, käufliche Politiker: all das ist nicht gerade dazu angetan, die Laune des frustrierten Geschiedenen zu heben.
Dafür sorgt sein dreistufiges CSU-Argumentationsmodell („Häh? – Wos? – Nah!“) für enorme Heiterkeit in der ausverkauften Alten Mälzerei, Kabarettist Wagner muss für mehrere Minuten sein Programm unterbrechen.
Keine Gerechtigkeit im Programm
Das Hemd hängt ihm aus der Hose, die Krawatte ist nachlässig gebunden, der Dreitagebart passt zur Wuschelfrisur. Die Verzweifelung steht ihm ins Gesicht geschrieben, er agiert sie aber auch in theatralisch-dramatischen Gesten aus. Kein Wunder: steckt die Richterin doch mit seiner Ex-Frau unter einer Decke und der eigene Verteidiger funktioniert wie eine Jukebox, die eben nur dann Musik spielt, wenn oben Geld reingeworfen wird. Gerechtigkeit wird er in diesem Programm wohl nicht mehr erfahren. Mittelbayerische Zeitung, 2.3.2011
Humorfestival mit vielen Facetten
Die Regensburger Alte Mälzerei stellte gestern das Programm für „United Comedy 2011“ vor.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Das Thurn und Taxis Kleinkunstfestival trägt nicht von ungefähr den Untertitel „United Comedy“. Das Humorfestival vereint Künstler aus mehreren Ländern, verschiedensten Stilrichtungen und Jung und Alt. Auch wenn der Kabarettpreis für Nachwuchs-Comedians erst nächstes Jahr wieder vergeben wird, bietet das Festival mit den „BR-Radiospitzen“ gleich vier der vielversprechendsten jungen Kabarettisten der deutsch-österreichischen Szene ein Podium.
Der Thurn und Taxis-Kabarettpreisträger des vergangenen Jahres, Max Uthoff, der mittlerweile zu den besten politischen Kabarettisten der jüngeren Generation gehört, trifft auf den Wiener Klaus Eckel, dessen fantasievolle Geschichten literarische Qualitäten aufweisen und die Lesekabarettistin Sarah Hakenberg. Durch den Abend führt mit Hannes Ringlstetter ein Regensburger Urgestein. Auf der anderen Seite der Altersskala findet sich der italienische Anarcho-Clown Leo Bassi, der mit weit über sechzig Jahren eine spektakuläre Bühnenshow bietet, die tiefschwarzen Humor mit Comedy und Zirkuskunst verbindet. In seinem neuen Programm „Utopia“ legt er einem entfesselten Raubtierkapitalismus die Daumenschrauben an.
Nach seinem Abschied aus der (ZDF)-Anstalt treibt sich Georg Schramm wieder auf den Brettern herum, die die Welt bedeuten. Sein neues Soloprogramm „Meister Yodas Ende“ war einszwei ausverkauft, auf eine größere Bühne wollte der Politkabarettist nicht ausweichen (der direkte Kontakt zu seinem Publikum ist ihm wichtig) und Anschlusstermine gab sein enger Terminkalender nicht her. Vom öffentlich-rechtlichen Konkurrenzsender im Ersten kennt man den charmanten Franzosen Alfons, der mit Puschelmikrofon und absurden Fragen Kultstatus erlangt hat. In seinem Bühnenprogramm „Die Rückkehr der Kampfgiraffen“ erzählt er die Geschichte von Heinz, einem schlagfertigen Rentner, dem Alfons bei seinen Umfragen begegnet. Der Veranstalter garantiert, dass niemand im Publikum befragt wird.
Auch diverse Jubiläen stehen heuer an. Der österreichische Kabarettist Alf Poier kehrt zu seinen Musikerwurzeln zurück und zelebriert mit seiner Begleitband „Die Obersteirische Wolfshilfe“ einen schrägen Musikabend, der vom „Suizid-Metal“ über Lionel Ritchie bis zu China-Pop reicht. In Erinnerung an Michael Jacksons letzte Konzerttournee nennt der „Rammsteinkasperl“ seine Show „This isn’t it“.
Zur Musik zieht es auch die amtierenden deutschen Theatersport-Meister. Die improvisierenden Schauspieler des Münchner Fastfood-Theaters bieten sich einen Wettstreit mit „Unseren Lieblingen“ Alex Haas und Stefan Noelle, die zu den renommiertesten Live- und Studiomusikern der Theater- und Filmszene gehören. Schlagzeug und Kontrabass werden wie Charaktere auf der Bühne bewegt, Theater und Musik verschmelzen zu einer neuen Einheit.
Seit vor zehn Jahren der Poetry Slam ins Programm des Thurn und Taxis-Festivals aufgenommen wurde, hat sich der moderne Dichterwettstreit auch im regulären Programm der Mälzerei zu einem „richtigen Brummer“ entwickelt, wie Programmchef Hans Krottenthaler verrät. Regensburg hat sich zur Poetry Slam-Hochburg Bayerns entwickelt. Diesem Statuszugewinn entsprechend treten zum „Super Slam“ vier nationale und internationale Champions an, die aus Bozen, Basel, Wien und Heidelberg stammen. Wie immer kann jeder mitmachen, der sich zu Beginn des Abends in eine Liste einträgt.
Und auch der österreichische Komiker Helfried feiert mit „zehn Jahre Frohsinn“ ein Jubiläum. Sein Best-of-Programm beschreitet den schmalen Grad zwischen Alltag und Wahnsinn, seine hochgradig abstrusen Weltanschauungen haben in den vergangenen Jahren die deutschsprachige Kleinkunstszene erobert. Mittelbayerische Zeitung, 15.2.2010
Gitarrenriffs für Bauch und Beine
Die US-Band Rhino Bucket zeigt in der Mälze, dass sie nicht nur eine Kopie ihres Vorbilds AC/DC ist.
Von Norbert Lösch, mz
regensburg. Gitarrenriffs müssen keinen künstlerischen Ansprüchen genügen, sie müssen nur in Kopf, Bauch und Beine gehen. Darauf versteht sich eine Band, die jetzt zum zweiten Mal ihre Visitenkarte in der Alten Mälzerei abgegeben hat: Rhino Bucket heißt das Quartett aus Van Nuys bei Los Angeles.
In den 90ern weg von der Bildfläche
Der gute alte Hardrock ist tot? Na ja, zumindest war die Mälze voll von Liebhabern dieser in den 70er-Jahren „erfundenen“ Musikrichtung. Damals wie heute brauchen Bands dieses Genres keinen Keyboarder oder viel technischen Schnickschnack. Zwei fette Gitarren, Bass und Schlagzeug – das reicht völlig. Und laut muss es sein.
Rhino Bucket war nach der Gründung Anfang der 90er-Jahre lange völlig von der Bildfläche verschwunden. Erst 2006 machten sich Rhythmusgitarrist Georg Dolivo und Bassist Reeve Downes wieder auf den Weg ins Studio und in die Hardrock-Clubs dieser Welt. Aktuell gehören Brian Forsythe an der Leadgitarre, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem jüngeren Jeff Beck hat, und der schwergewichtige Schlagzeuger Anthony Biuso zur Band. Derzeit tourt Rhino Bucket durch Europa. Der Gig in der Mälze kam erneut auf Vermittlung der AC/DC-Revival-Band zustande, die auch gleich als Vorgruppe agierte. Beiden Bands gemeinsam ist das Vorbild AC/DC, speziell deren Frühphase mit dem legendären Sänger Bon Scott.
Eine Band gibt kräftig Gas
Rhino Bucket spielt ausschließlich eigene Songs, auch wenn viele Riffs und Melodien stark an das Original aus Australien erinnern. Georg Dolivo schreit einen Song nach dem anderen ins Mikro, und seine Mitstreiter geben kräftig Gas. Das Quartett stellt seine neue CD „Who’s got mine?“ vor, dazu auch ein paar ältere Nummern. Immer mit Volldampf, immer geradeaus. Dabei sorgt vor allem Brian Forsythe mit seinen Gitarrenläufen für Authentizität. Hier ist keine Kopie von AC/DC am Werk, sondern eine Band, die sich halt ebenso dem Hardrock verschrieben hat. Und dafür gibt es nach wie vor ein Publikum. Mittelbayerische Zeitung, 15.2.2010
Kultur und Sport punkten im Wettbewerb
Städte werden 2030 um Menschen buhlen, weiche Standortfaktoren werden wichtiger. Regensburg arbeitet an seinem Angebot.
regensburg. 2030 werden kleinere Städte auf Menschen mehr Anziehungskraft besitzen als die großen Metropolen. Gleichzeitig werden qualifizierte, kreative Köpfe rar sein. Die Kommunen werden buhlen um dieses Potenzial. Die weichen Standortfaktoren werden in diesem Wettbewerb der Städte Trümpfe sein. Die Welterbestadt Regensburg hat da bereits viel zu bieten: die historische Bausubstanz, kurze Wege, eine reizvolle Landschaft im direkten Umland mit einer Reihe von Sport- und Freizeitmöglichkeiten, gute Bildungsmöglichkeiten und eine Fülle an Kulturangeboten.
Stefan Göler und Georg Fiederer, die die Akademie Andreasstadel leiten, sehen im Angebot noch Lücken, „ganz eklatant bei der bildenden Kunst“, so Göler. Ein Instrument, um kreatives Potenzial anzuziehen, sei etwa eine Kunsthochschule. „Das allein reicht aber nicht. Der kreative Nachwuchs braucht auch Anreiz, um zu bleiben.“
Für Kulturförderung braucht’s Geld. Das geplante Haus der Musik, das zehn Millionen Euro Investition verschlingen wird, wertet Göler da als „Bedrohung, als möglichen Kultur-Killer“: „Wenn alle Mittel in dieses große Projekt fließen, laufen wir Gefahr, dass wir ein Haus der Musik haben werden – aber nichts anderes mehr.“ Ohne Geldzufluss würden die freie Szene, aber auch kleinere städtische Einrichtungen wie die Galerie im Leeren Beutel austrocknen. Mit der Musikakademie Alteglofsheim besitze man bereits eine Einrichtung mit dem Konzept, wie es das Haus der Musik vorsieht. „Regensburg sollte besser da fördern, wo Defizite sind“, sagt Göler, der selbst Maler und Musiker ist.
Alle Projekte sollten durch die Kulturverträglichkeitsprüfung
Wie Regensburg sich bis 2030 kulturell entwickelt will, ist noch offen: Die Formulierung eines Kulturentwicklungsplans (KEP) steht noch ganz am Anfang. Linz hat den Prozess vor Jahren durchlaufen – und sehr davon profitiert, sagt Siegbert Janko. Es ist ehemaliger Kulturdirektor von Linz. Die österreichische Stadt, die über keinerlei kulturelle Tradition verfügte, wandelte ihr Image – auch dank KEP und Arc Electronica – vom Industriestandort zur In-Adresse für junge Kreative. In Regensburg wirkt Janko am KEP mit: als Mitglied in der städtischen Lenkungsgruppe Kultur wird eine entscheidende Rolle spielen für die Attraktivität Regensburgs, sagt Janko. Für die Entwicklung einer lebendigen, modernen Stadt sei es elementar, Kulturpolitik so wichtig zu nehmen wie etwa Verkehrs- oder Gesundheitspolitik. Idealerweise müssten alle Projekte – vom Wohnungsbau bis zur Bildungspolitik – eine Kulturverträglichkeitsprüfung durchlaufen. „Alle Säulen müssen gleichwertig ausgebaut werden. Und das muss auf breiter Basis bewusst werden.“ Der KEP-Prozess, bei dem viele gesellschaftliche Gruppen eingeladen sind, mitzudenken, habe sich in Linz als ausgezeichnetes Instrument bewährt. Der Diskurs bewirkte eine breite Identifikation der Menschen mit der Kultur in ihrer Stadt. Janko: „Ich denke, in Regensburg wird das ähnlich sein.“
Die kulturelle Entwicklung Regensburgs wird, auch, eine mühselige Arbeit, die nicht sofort Quoten bringt, bekennt Janko. „Dazu gehört Feldarbeit, aktiv auf die viele Menschen zuzugehen.“
Die medialen und technischen Möglichkeiten werden 2030 fast unumschränkt sein, schätzt der Linzer Kultur-Stratege. „Die Frage bleibt: Welche Rolle spielt der Mensch? Was braucht er für Lebensqualität?“ „Das unmittelbare Erleben wird nicht ersetzbar sein“, meint Stefan Göler. Grundlegende Bedürfnisse – nach direkter Kommunikation mit Menschen, nach kreativer Betätigung – werden bleiben, sagt auch Siegbert Janko. „Das heißt: Es wird nicht reichen, einfach alle neuen technologischen Möglichkeiten zu nutzen.“
Heute liegt die Quote der kulturellen Dauernutzer, also jener, die regelmäßig und aktiv Kultur- und Bildungsangebote wahr nehmen, generell noch bei unter 20 Prozent. Regensburg werde versuchen müssen, den Zugang zu Kultur für alle Menschen, nicht nur einige Privilegierte, offen zu halten. Es werde wichtig sein, Kulturkompetenz auf breiter Basis zu vermitteln und niedrigschwellige Angebote zu entwickeln, zum Beispiel für Migranten beim Spracherwerb, so Janko. „Diesen Rahmen steckt die öffentliche Hand ab.“
Flexible Sportmöglichkeiten werden 2030 gefragt sein
Wie treiben die Regensburger im Jahr 2030 Sport? Und vor allem: Was brauchen die Menschen dafür? Bernhard Plutz, Leiter des städtischen Sportamts, hat sich mit einem Blick in die Zukunft schon ausführlich beschäftigt. Schließlich gibt es bei der Stadt einen langfristigen Sportentwicklungsplan, der auf einen Zeitraum von 15 Jahren ausgelegt ist. In diesem Plan wurden Bedarfsprognosen aufgestellt und die entsprechenden Maßnahmen empfohlen.
Die Planer des Sportamts sind sich sicher: In den kommenden 20 Jahren wird der Trend weiter weg vom Vereinssport hin zum Individualsport gehen. „Natürlich sterben die Vereine nicht aus und sind weiter der Anker für Wettkampf- und Leistungssport“, sagt Plutz, „aber wir haben ja bereits die vergangenen Jahre beobachten können, dass sich die Bedürfnisse des Einzelnen verändert haben.“ Moderne Lebensentwürfe der Menschen erfordern flexible Sportmöglichkeiten. Vor oder nach der Arbeit oder in der Mittagspause schnell eine halbe Stunde ins Fitness-Center oder zum Joggen gehen – kurze Anfahrtswege sind ein wichtiger Aspekt bei der Sportentwicklungsplanung. „Wir müssen flächendeckend Angebote schaffen, am Stadtrand genauso wie in der Altstadt.“ Die Stadt werde dadurch entlastet, dass ein Teil durch kommerzielle Anbieter abgedeckt wird, etwa mit privaten Fitness-Centern oder Kletterhallen.
Für die öffentliche Hand gibt es laut Plutz in punkto Freizeitsport aber noch genug zu tun. So denkt er an eine Ausleuchtung der beliebten Laufstrecke am Baggersee im Donaupark, „denn viele Menschen finden heute eben nur abends Zeit für Sport“. Weitere Maßnahmen könnten ein Badestrand am Regenufer mit weiteren Freizeiteinrichtungen wie einem Beach-Volleyballfeld sein.
Für eine Sportentwicklung bis ins Jahr 2030 müssen laut Plutz aber nicht immer Bagger anrollen. In etlichen Feldern könnte auch organisatorische Verbesserungen erreicht werden. „Wir wollen die Zusammenarbeit von Vereinen, etwa über Spielgemeinschaften oder auch Fusionen fördern.“ Dadurch könne man Kompetenzen bündeln. Dies gelte laut Plutz auch für die „wichtige Zusammenarbeit“ von Schulen und Vereinen.
Die Senioren werden mobiler, gesünder und sportlicher sein
Senioren sind im Jahr 2030 gesünder, mobiler, qualifizierter – und treiben auch mehr Sport. Auf der Basis dieser These ist im Entwicklungsplan ein Konzept für Seniorensport enthalten. Sport im Alter: Das bedeutet laut Plutz, dass die Stadt prüfen werde, ob Schulturnhallen, die tagsüber stundenweise nicht belegt sind, künftig auch von Senioren genutzt werden können. Wichtig seien auch generationsübergreifende Bewegungsangebote: „Eltern und Großeltern sollen nicht bloß auf der Bank sitzen und zuschauen, sondern sich mit den Kindern oder Enkeln bewegen.“
Die Sportstadt Regensburg in 20 Jahren: Zwei Großprojekte gehören dazu. Plutz macht aus seinen Wünschen kein Geheimnis: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir 2030 im Fußball mit einem neuen Stadion eine feste Rolle, zumindest in der 2. Bundesliga spielen werden.“ Zudem werde bis dahin eine Leichtathletikhalle entstanden und das Uni-Stadion ausgebaut sein: „Dann können dort auch internationale Wettkämpfe durchgeführt werden.“ Mittelbayerische Zeitung, 28.1.2011
Konzert des Jahres 2010
Die Würfel sind gefallen, das beste Live-Konzert 2010 gekürt, die Kandidaten nehmen ihre Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen und alle sollten zu Wort kommen. Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmal für die vielen Vorschläge. Hier nun der ebenso definitive wie subjektive Final-Countdown. Zum Konzert des Jahres 2010 wurde gewählt - und das ist keine ganz große Überraschung - BONAPARTE.
Hier nochmal alle Gewinner der letzten Jahre: Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King's X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008), La Brass Banda (2009)
Stubnmusi mit den Girls vom Berg
Ganes präsentieren in der Alten Mälzerei moderne Weltmusik, Mini-Choreografien und, vor allem, den Dreiklang des Jahres.
Von Jürgen Scharf, MZ
Regensburg. Nach dem Konzert nehmen die drei Gesangsfeen am Rand der Bühne Platz. In ihrer Mitte eine Kasse und ein Karton CDs. Vor ihnen staut sich schnell eine Menschenschlange, in die sich wohl die Hälfte der rund 100 Zuhörer brav einreiht. Die drei Damen von Ganes kennen das. Wie schon in vielen Städten zuvor haben sie ihre Zuhörer in der Alten Mälzerei verzaubert. Und die wollen nun zumindest ein kleines Stück von Ganes mit nach Hause nehmen.
Ganes – so bezeichnet man in Südtirol Wasserfeen und magische Märchenwesen. Und so nennen die Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen samt Cousine Maria Moling ihre Band. Das passt, denn wenn die drei ihre Stimmen zusammenwerfen, liegt Magie in der Luft. Ein umwerfender Dreiklang, der in dieser Selbstverständlichkeit wohl nur aus jahrelanger Praxis der Südtiroler Stubn- und Jodlmusi entspringen kann.
Ganz und gar irdisch sind die Themen, die die drei Feen in ihre Texte gepackt haben. Sie singen auf Ladinisch, ein Dialekt aus den Dolomiten. Weil sich das zwar wunderbar anhört, es außer ihnen aber niemand versteht, geben sie immer eine Einführung.
Ein Lied geht über die Masken, die manche Menschen tragen, eines über das mit sich selbst zurechtkommen und ein anderes übers Kaffee ans Bett gebracht bekommen. Dies bringt ihnen – wie nicht anders zu erwarten – ein paar flehende Zwischenrufe der Männer im Publikum ein.
Ihrer optischen Reize sind sich die drei Damen schließlich durchaus bewusst. Wenn sie bei ein paar Songs zu naiven, fast ungelenken Mini-Choreografien ansetzen, ist ihnen anerkennendes Nachpfeifen gewiss. Fürs musikalische Rückgrat sorgen derweil Nick Flade am E-Piano und Kilian Reischl an der Gitarre. Beide halten sich zurück, der Star sind hier die drei Damen. Die singen ihr Album „rai de sorëdl“ von vorn bis hinten durch. Weltmusik 2010 muss man ihren Stil wohl nennen. Folklore trifft auf Pop. Stubnmusi auf Groove.
Dabei ist es fast egal, welches rhythmische Gewand oder Arrangement sie für ihre Songs ausgewählt haben – man wartet sowieso immer auf den Einsatz des Harmoniegesangs. Das Publikum hört gebannt zu, verzichtet aufs Mitklatschen oder sonstige Störereien. Ja nichts verpassen, vom Gesang der betörenden Berg-Girls.
Denn wie meint nicht ein Zuhörer, als er nach eineinhalb Stunden Ganes mit der gerade gekauften CD nach draußen geht: „Wenn die Beach Boys als Frauen in Südtirol geboren worden wären, hätten sie sich wohl genauso angehört.“ Mittelbayerische Zeitung, 4.11.2010
Säuseln, brüllen, grunzen
Beim „Heimspiel“ in der Mälze heizten drei Bands gehörig ein.
Von Felix Restorff, MZ
Regensburg. „Heimspiel“, so nennt sich eine Konzertreihe, bei der Bands aus Regensburg und Umgebung, die bislang eher Insidern ein Begriff sind, ihr Schaffen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Dass die Region über ein beachtliches Potenzial an vielversprechenden musikalischen Talenten verfügt, das belegte ein Act in der alten Mälze. Zum „Heimspiel“-Auftakt heizte die Band „SickSickSick“ dem Publikum gehörig ein. Mit markanter Rockmusik und einer Sängerin, deren Stimmkraft als Guinness-Buch-rekordverdächtig bezeichnet werden muss, bescherte die dreiköpfige Band eine fulminante Ouvertüre. Danach übernahm die Gruppe „science“, spezialisiert auf eingängigen, fast ohrenbetäubenden Progressiv-Grunge. Der Gitarrist – auf seinem T-Shirt prangte das Kurt-Cobain-Zitat „I hate myself and want to die“ – animierte den Saal zum Tanzen und glänzte durch virtuose Soli. Wie auch „science“ spielte die Band rund 30 Minuten und verabschiedete sich, ohne die geforderte Zugabe zu geben. Nicht die feine Art.
Das Finale bestritten „Apron“. Die Band aus München schmückt sich sogar mit dem Nimbus des Weltrekordhalters – einen ihrer Auftritte dehnten die fünf Marathon-Musiker auf sage und schreibe 63 Stunden, angeblich das längste Konzert der Welt. Dass die Jungs allemal über rekordverdächtige Energie verfügen, stellten sie in der Mälze unter Beweis. Weiß geschminkt, mit Dreadlocks und spärlich bekleidet präsentierten sie sich auf der Bühne – ein ziemlich gruseliger Anblick. Mit brutalem Metal zogen „Apron“ das Mälze-Publikum in ihren Bann und sorgten für gehörige Dynamik. Jeder folgte den wilden, animalischen Bewegungen der Band und schmetterte mit dem Sänger um die Wette. Beizeiten ließ die Gruppe zähe Bluesriffs oder Bossa-Nova-Beats in ihre Brachialmusik einfließen. Beeindruckend nicht zuletzt die stimmliche Variationsbreite des Sängers: Er flüsterte, grunzte, säuselte, keifte, sang und brüllte. Ein Auftritt, der durch Mark und Bein ging. Ganz klar der Höhepunkt dieses „Heimspiel“-Abends. Mittelbayerische Zeitung, 2.12.2010
Ein Meister der präzisen Pointe
Max Uthoff zeigt sich in der Mälzerei erneut gnadenlos und gut.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Max Uthoff hat heuer den Thurn und Taxis Kabarettpreis gewonnen, überzeugte Jury und Publikum. Bereits im Frühjahr zeigte der Münchner, dass er der Kategorie „Nachwuchskabarettist“ entwachsen ist. Und auch sein Soloprogramm „Sie befinden sich hier!“ beweist: dieser Mann spielt in der ersten deutschen Kabarett-Liga – um die Meisterschaft.
Der ehemalige Jurastudent (mit Abschluss) muss die Vormittage mit intensiver Zeitungslektüre verbringen, er ist gut informiert. Ob über die Zusammenhänge der Bankenkrise oder den Kruzifix-Skandal in einer Regensburger Schule. Genüsslich zitiert er Aussagen von Politikern und Papst, die im täglichen Medienüberfluss unterzugehen drohen. Aussagen, die bei genauer Betrachtung, erschreckend (verräterisch) sind. Meist sind Uthoffs Beobachtungen ironisch gebrochen, doch manchmal nehmen sie auch einen bitteren Tonfall an: Der Entertainer meint es ernst mit dem Wörtchen Politik in „politischem Kabarett“. Seriös, im weißen Hemd mit schwarzem Schlips, stellt er Zusammenhänge her, die auch mal schön absurd sein dürfen. Mit Umkehrschlüssen entlarvt er die Abstrusität der Verlautbarungen unserer Volksvertreter. Wortspielerisch stark, topaktuell und super-sarkastisch ist Uthoff ein genauer Beobachter unserer Wettbewerbsgesellschaft, die bei der Wahl des Kaffees die absolute Konsumfreiheit gewährt. Extrem clever und durchdacht, pointiert und präzise, erklärt der Kabarettist nicht nur, wie Männer und Frauen funktionieren, sondern auch Weltreligionen und Nationen. Er treibt Westerwelles nichtssagend-pathetische Aussagen über das Verwandtschaftsverhältnis von Freiheit und Verantwortung noch ein paar Gedankengänge weiter, setzt Parteien mit Organen gleich: Der politische Körper funktioniert lediglich als vegetatives System, ganz ohne Gehirn. Uthoff ist knochentrocken und manchmal so böse, dass der Atem stockt. Er besitzt auch die Gabe der gelungenen Parodie: vom bayerischen Polizeioberwachtmeister, der im Amtshochdeutsch schlechte Nachrichten zu überbringen hat über den lässigen Jung-Schwaben, der im waffenproduzierenden Gewerbe sein Geld verdient bis zu Kaiser Napoleon, der sich auf kulinarischer Eroberungsekeltour bis zur Berliner Currywurst vorarbeitet. Mit Schalk in den Augen fordert der Kabarettist den Literaturnobelpreis für Ikea: Deren Gebrauchsanweisungen decken auf geniale Weise die gesamte menschliche Bandbreite an Emotionen ab.
Wer ihn verpasst hat, sollte sich die nächste Gelegenheit nicht entgehen lassen: am 23. März tritt Uthoff beim deutsch-österreichischen Gipfeltreffen im Rahmen des T&T-Kleinkunstfestivals auf. Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2010
Ein Fenster in die Welt der Ästhetik
Die Regensburger Aids-Gala als große Bühne aktueller Tanzentwicklung bewegte sich auf hohem internationalem Niveau.
Von Harald Raab, MZ
REGENSBURG. Der unmittelbar erlebte Tanz ist die sinnlichste aller menschlichen Äußerungen. Er manifestiert innere Befindlichkeiten und ist gleichzeitig wegen seiner körperlichen Erfahrungen die Hohe Schule der Ästhetik. Dieses Potenzial ist von zunehmender Bedeutung für jede Gesellschaft. Deshalb sind die Regensburger Tanztage mehr als ein weiteres Event zur Zerstreuung eines Publikums, das immer mehr auf der Flucht vor sich selbst ist.
Tanz zu fördern, den der Kompanie des Theaters Regensburg unter Olaf Schmidt, den der freien Gruppen und den der Tänzerinnen und Tänzer, die Hans Krottenthaler (Alte Mälzerei) bei den Tanztagen in Regensburg versammelt, das ist kulturelle Bildungsarbeit auf hohem Niveau. In welchem Maß diese Leistungen gefördert werden, ist ein Gradmesser dafür, wie ernst man es mit Kultur in Regensburg wirklich meint.
Das klassische Ballett ist nicht tot
Schluss- und Höhepunkt der Tanztage ist traditionell die AIDS-Tanzgala. Was am Samstag in Velodrom geboten wurde, ist absolut internationaler Standard. Das Programm der 8. AIDS-Tanzgala muss sich nicht verstecken vor dem, was in Stuttgart bei internationalen Tanzfestivals zu sehen ist – oder vor kurzem auch beim großen Tanzwettbewerb „no ballet“ in Ludwigshafen.
Und das ist der weitere Gewinn: Tanz ist grenzenlos. Er öffnet ein Fenster zu dem, was in der Welt des Ästhetischen passiert. Mit dieser Öffnung nach außen tut sich Regensburg ansonsten ja so schwer. Man schmort im eigenen Saft und verschläft zu oft wichtige Entwicklungen.
Inhaltlich hat diese AIDS-Tanzgala zwei Botschaften: Zum einen ist das klassische Ballett, beziehungsweise sein Bewegungsrepertoire, nicht tot und lebt in vielen Elemente des modernen Tanzes weiter. Zweitens hat der aktuelle Tanz souverän seinen Platz zwischen klassischem Bühnentanz und dem oft zu alltagsfixierten Tanztheater gefunden.
Man beharrt auch nicht mehr auf so etwas wie abstraktem Tanz pur. Man erzählt wieder Geschichten. Doch die reflektieren das Drama der nach außen gewendeten psychischen Zustände. Emotion wird physische Bewegung. Das ästhetische Ziel dabei ist, mit neuen Bewegungsformen und kreativen Figurenabfolgen dem Körper ein erweitertes Ausdrucksspektrum zu geben.
Undankbare Aufgabe für Elevinnen
Es ist eine höchst undankbare Aufgabe für die Ballettschule des Opernhauses Zürich gewesen, die AIDS-Tanzgala mit Pas de Quatre von Jules Perrot zu eröffnen. Dieses Ballett-Divertissement für die berühmtesten Ballerinen des 19. Jahrhunderts von Elevinnen tanzen zu lassen, konnte nur in Nippes enden. Danse d‘Ecole im knielangen romantischen Tutu, mit vor Anstrengung ernsten Gesichtern und klappernden Spitzenschuhen, das desavouiert den klassischen Tanz. Aber das war auch der einzige Schwachpunkt in dem sonst atemberaubend spannenden und vielseitigen Programm.
Neoklassik in Vollendung beim 2. Satz des „Klavierkonzerts Es-Dur“ von Mozart. In der berühmten Choreografie von Uwe Scholz lassen Blythe Newman und Admill Kuyler vom Badischen Staatstheater Karlsruhe Musik schiere Körperlichkeit annehmen: Posen voll Zärtlichkeit, formvollendete Drehungen auf Spitze, elegante Hebungen: ein Wechselspiel zwischen fließenden Strukturen und Emotionen. Ja, man kann Mozart tanzen, wenn man Mozart tanzen kann.
Wallace Jones, vormals beim Regensburger Ballett, jetzt am Landestheater Linz, bot mit seinem „Nachmittag eines Fauns“ in der Choreografie von Fabrice Jucquois eine Hommage an die Schönheit des männlichen Körpers. Seine Eroberung des Raums, sein Selbstverliebtheit, sein somnambules Spiel mit einer imaginierten Geliebten oder einem Liebhaber, das gerät zum intensiven Austausch von sinnlicher Bewegung und der hoch romantischen Musik von Debussy.
Rhythmus, Erotik, Komödiantentum
Eine Ménage à trois ist Eric Gauthiers „Threesome“ vom Theaterhaus Stuttgart. Isabelle Pollet-Villard, Armando Braswell und William Moragas bringen in dieser unschwer zu dekodierenden Dreiecksbeziehung erstaunlich innovativ ästhetisches Potenzial mit frischen Bewegungsideen ein. Körper umschlingen sich, werden eins, um sich wieder zu entflechten. Es sind offene Formen, die eine Nahsicht auf den menschlichen Körper in komplizierten Beziehungen ermöglichen.
In die gleiche Kategorie ist der Pas de deux aus „Anna Karenina“ in der Choreografie von Jochen Ullrich einzuordnen. Anna Sterbova und Ziga Jereb vom Landestheater Linz tanzen ihn hoch dramatisch, voll erotischer Spannung, wild rhythmisch und mit imposanten Hebungen. „Air Guitar“ ist ein weiterer Beitrag von Eric Gauthier, dem international gefragten Choreografen, der den Deutschen Tanzpreis 2011 bekommt. Hier agiert er virtuos und lustvoll selbst als pantomimischer Gitarrenspieler und beweist, dass er zu Recht der charismatische Publikumsliebling der Stuttgarter ist. Raffaele Morra von Les Ballets Trocadero de Monte Carlo setzt dem mit einer hochkomödiantischen Parodie auf den Sterbenden Schwan noch eins drauf.
„Thinking outside the Box“ von den I’mperfect Dancersaus Bologna ist im Wortsinn ein kinästhetisches Agieren außerhalb von tradierten Formen. In der Choreografie von Walter Matteini tanzen Veronica Bracaccini, Ina Broecks, Valentina Lo Giudice, Matteo Boldini, Mattia de Salve und Marco Magrini unsicheres Ertasten mit inneren Brüchen, das sich zu einem Furioso der abrupten, hochkonzentrierten Bewegungssequenzen mit kraftvollen Schrittfolgen, Hebungen und aggressiver Bodenarbeit steigert. Ein vielschichtiges Assoziationsspektrum ist geboten. Das gilt auch für den zweiten Auftritt der Kompagnie mit expressiven Ausschnitten von „Polvere“ und „Sacre“.
Ein Liebes-Duo ist „What the body doesn’t remember“ von LaMov aus Zaragoza. Luciana Croatto und Mattia Furlan tanzen diese Victor-Jiménez-Choreographie körpernah mit ein- und auswindenden Begegnungen im unermüdlichen Bestreben, sich selbst und den anderen zu erkunden. Neo-klassisch mit typischer Perfektion im Ausloten der tänzerischen Möglichkeiten des Körpers durch Disziplin und ausgefeilte Technik sind die beiden Soli Bridget Breiners, „Tué“ und „Behind this Shadow“.
Mit der Uraufführung von „Twin Shadow“ erweitern Erik Constantin und Ngoc Khai Vu vom Gärtnerplatztheater München die Grenzen des synchronen Tanzes, zwei Körper ein Leib, sich dem Partner im blinden Vertrauen ausliefernd – sehr poetisch. Eine intelligente, sehr auf die kleinen Bewegungsdetails bedachte Choreographie von Hans Henning Paar, dem künstlerischen Leiter und Chefchoreografen am Gärtnerplatz.
Ein rundum beglückendes Erlebnis
Es war eine lange, aber an keiner Stelle langatmige Tanznacht im Regensburger Velodrom. Das Publikum dankte mit einem Begeisterung signalisierenden stürmischen Applaus, nicht nur für die außerordentlichen Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer, sondern auch für den Regensburger Ballettdirektor Olaf Schmidt, der wieder einmal Tanzqualität der Extraklasse nach Regensburg geholt hat. Verdienten Beifall gabe es auch für Georgette Dees souveräne, lockere Moderation und ihre Chansons. Rundum ein beglückendes Tanz-Erlebnis. Mittelbayerische Zeitung, 29.11.2010
Wenn du geschwiegen hättest, Sara
Die Portugiesin Rita Soares sticht bei der Solotanznacht als einsames Highlight heraus.
Von Florian Sendtner, MZ
Regensburg. „I am alive! I feel alive!“ Sara Pons Martinez läuft auf der Bühne hin und her und hört nicht auf, auf das Publikum einzuschreien, einzuflüstern, eindringlich und beschwörend: Sie ist ja ach so lebendig! Und das Publikum möge sich doch bitte von ihr anstecken lassen! – Das Publikum bleibt standhaft, Gott sei Dank. Irgendwann, als klar ist, dass das Ansinnen der Frau auf der Bühne auch beim besten Willen nicht ironisch zu verstehen ist, fangen die Ersten an zu lachen, und am Ende gibt es Anstandsapplaus, wo Pfiffe besser angebracht gewesen wären. Sara Pons Martinez ist nämlich keine Motivationstrainerin und keine Menschheitsbeglückerin und das hier ist auch nicht der Morgenappell von Wal Mart. Die junge Spanierin hat sich offensichtlich in der Veranstaltung geirrt: Das hier ist die Internationale Solotanznacht der 13. Regensburger Tanztage, bei der die preisgekrönten Produktionen des Internationalen Solo-Tanztheater-Festivals von Stuttgart gezeigt werden. Dass sie tanzen könnte, wenn sie wollte, beweist Sara Pons Martinez zwischendurch sogar, wenn auch mit einer eher konventionell-traditionellen Einlage zu rasanter spanischer Gitarrenmusik.
Als eindringliche Vorführung dessen, was eine Tänzerin unbedingt bleiben lassen sollte, ist der Auftritt von Sara Pons Martinez sehr lehrreich („Always look at the sea“, Choreografie: Joaquin Sanchez); aber dafür hätte man sie nicht ans Ende dieser Solotanznacht platzieren dürfen, zumindest hätte sie unbedingt vor Rita Soares tanzen müssen. Denn die Portugiesin ist mit ihrem Stück „She“, choreografiert von dem Franzosen Antonin Comestaz (seit 2008 am Münchner Gärtnerplatz), das leuchtende Highlight des Abends. Im kurzen schwarzen Kleid legt Rita Soares einen atemberaubenden Tanz um einen knallroten Stuhl hin, anfangs noch ohne Musik, nur mit spärlichen Geräuschen aus den Lautsprechern. Da brizzelt es, wenn sie nur versucht, die Stuhllehne zu berühren, und der Funke schlägt unmittelbar aufs Publikum über: Man hat sofort die Erschaffung des Adam von Michelangelo vor Augen. Eine Frau, die wie besessen kämpft, mit sich selbst und mit der Welt, die dann aber endlich in einen erlösenden Tanz und am Ende unvermutet doch wieder zu einer Einheit mit dem umgekippten Stuhl findet: ein Sieg im Scheitern. Das glatte Gegenteil eines plappernden Girlies, eine Frau, die elektrisiert.
Gegen Rita Soares kommen nicht mal die ersten drei Tänzer an, obwohl auch sie ausgesprochen eindrucksvolle Stücke zeigen. Bei der Belgierin Anneke Ghysens liegt das an der selbst choreografierten, ein bisschen kindischen Story („The M.O.X. pill Hermitage“): Sie schluckt fünf verschiedene Pillen, die die choreografischen Fertigkeiten jeweils in einer anderen Art manipulieren und eine entsprechende Musik evozieren. Mit den Bachschen Cellosuiten und bei Vivaldis Jahreszeiten wird sie nicht recht glücklich, erst bei Yann Tiersen geht die Post ab.
Eldad Ben Sasson dagegen legt gleich die richtige Platte auf: Erik Satie. Der Auftritt des israelischen Tänzers („Heterotopia“, selbst choreografiert) ist der eigenwilligste und vertrackteste. Wie sich dieser Mann um sich selbst windet und an sich selbst abarbeitet, das hat gar nichts Gefälliges, und es geht auch nicht gut aus. Ein sperriges, melancholisches Einmanndrama.
Auch bei dem Mexikaner Geovanni Pérez gibt es kein Happyend. Sein Stück „Susurros raídos, ángulos de fúria“ (Choreografie: Laura Vera) bietet die „gegenständlichste“ Geschichte an diesem Abend: Ein Mann ist gefangen, sitzt gefesselt auf einem Stuhl, kämpft leidenschaftlich gegen ohrenbetäubendes Geschrei, gegen einen Choral aus schrillen, wirren Stimmen – und schafft es für ein, zwei Minuten, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen und sich aus den Fesseln zu befreien, bevor es ihn wieder auf den Gefangenenstuhl zurückwirft. Eine kampfsportmäßige Meisterleistung, die mit rauschendem Beifall bedacht wurde. Mittelbayerische Zeitung, 23.11.2010
Versehrte Körper und erschöpfte Seelen
Die „Publikumslieblinge“ der Regensburger Tanztage zeigten ein beeindruckend breites Spektrum.
Von Michael Scheiner, MZ
Regensburg. Am Ende sitzt die Tänzerin reglos, erschöpft in einer Ecke ihres gläsernen Käfigs. Die Scheiben von innen dick beschlagen durch ausgeatmetes, besser: ausgehecheltes, gekeuchtes Kohlendioxid. Eine innen installierte Kamera überträgt ihr in Schatten getauchtes Bild auf die rückwärtige Wand im Theater in der Alten Mälzerei, ein Mikrofon die Atemgeräusche. Ein wenig erinnert der Glaskubus an Damian Hirsts riesige Aquarien, in denen tote Tiere in Formalin schwimmen. „Abdrücke“ nennt die hochgelobte Münchner Choreografin Anna Konjetzky diese Tanz-Video-Installation, beeindruckend getanzt von Sahra Huby. Eine zweite, kürzere Performance stellte das Duo mit „Elefantengedächtnis“ im ersten Teil des Abends unter dem Titel „Tanzszene Bayern – Publikumslieblinge“ vor.
Konjetzkys Tanzbilder bleiben im Gedächtnis. Für „Elefantengedächtnis“ hat sie bei der „euro-scene“ 2009 in Leipzig den 1. Preis für das „beste deutsche Tanzsolo“ erhalten. Anfänglich eher absonderlich, wirkt der stolpernde, stürzende, durch kurze und längere Holzstöcke prothesenartig verlängerte Körper (der Tänzerin) behindert, versehrt, beschädigt. In Kniekehlen, Armbeugen und unters Kinn gebohrt, sind die Stöcke Stütze und Erweiterung der Gliedmaßen und zugleich – mangelhafter – Ersatz und Brandzeichen des Ausgestoßenen, des Verfalls und eines bohrenden Schmerzes, der allerdings auch in ein – befreites? verzweifeltes? – Lachen übergehen kann.
Keinen Deut weniger ausdrucksvoll: Huby als suchende Frau im gedeckelten Glaskasten, wo sie immer hektischer und manischer ihre Umrisse zeichnet, kritzelt, ins Papier presst. Es ist ein zunehmend verzweifelteres Anrennen gegen das sich auflösende Spiegelbild, ein seelenwundes Bemühen, sich selbst zu erschaffen und zu fassen. Ein vergebliches Bemühen, Sisyphos nicht unähnlich, diesem aber durchs Scheitern überlegen.
In fünf weiteren, meist kurzen, knackigen Choreografien präsentierten die Regensburgerinnen Annette Vogel und Eva Eger, die Absolventinnen der Iwanson-Schule Amanda Billberg und Maria Härenstam und Ivonne Kalter und Johannes Härtl als Tänzer meist eigene Geschichten. Im Uneindeutigen sind Vogels „Tellerrandgeschichten“, beeindruckend getanzt, über innere Kämpfe um Freiheit und Unabhängigkeit steckengeblieben. Aus einem stoffumspannten Eisengestell befreit, sich ihrer – schützenden und identitätsstiftenden – Kleidung entledigt, kehrt sie doch wieder Zuflucht suchend in den kleinen, engen Raum zurück. Kalter und Härtl zeigten ein altes Geschlechterspiel zwischen Abstoßung und Hingabe, ein wenig unambitioniert in einem Ausschnitt aus der Produktion „Gesellschaftsspiel“ der Choreografin Pia Fossdal.
Ein dickes Ei legte der für Licht und Ton zuständige Techniker Maria Härenstam ins Nest. Minutenlang fand er die passende Musik zu ihrer Choreografie „Andy“ über das amerikanische Fotomodell Edith „Edie“ Sedgwick nicht, eine Muse Andy Warhols, und ließ die Tänzerin im Dunkel auf der Bühne stehen. Kaum vorstellbar, dass darunter der wacklig und unsouverän wirkende Auftritt, wenn „Andy“ vollgedröhnt und besoffen herum stolpert und schreit, nicht gelitten hat. Das hätte nicht sein müssen.
Dagegen erwies sich Egers pessimistisches „The Eyes of Perception-1: Slices“, erster Teil einer Trilogie, als starke Parabel über Wahrnehmung und Überflutung. Mit bedrohlichen, sich überlagernden Klängen, die ihren Körper immer stärker durchdringen und beherrschen, bis ein roboterhaftes Überdrehen zwangsläufig im „Tilt!“ der modernen Burnout-Gesellschaft endet. Mit raumgreifenden Gesten und Bewegungsabläufen, die vom Boden bis zur Raserei durch den ganzen Bühnenraum reichen, gibt Amanda Billberg der Eifersucht in „Beauty is the beast“ mit jugendlicher Abgebrühtheit sehr überzeugend eine nachdenkenswerte Gestalt. Mittelbayerische Zeitung, 16.11.2010
Was in der Erinnerung bleibt
Der erhoffte Höhepunkt des Festivals DANCE 2010 war die Uraufführung Helena Waldmanns "revolver besorgen". So nüchtern und ergreifend zugleich hat man Demenz auf der Bühne noch kaum gesehen. Die grandiose Tänzerin Brit Rodemund wechselt von klassischen Tanzposen mal subtil, mal grotesk und verschreckend in die Demenz-Zustände. Tonband-Einspielungen mit Experten und Betroffenen liefern Wissen. Ein wunderbar starkes Stück.
Gabriella Lorenz, Abendzeitung 6./7.11.2010
Ein Berg von Nichts
Die Ballerina Brit Rodemund demonstriert fußflink in Ballettvariationen, wie das Körpergedächtnis plötzlich aussetzt und damit jede Bewegung sterben lässt. Die Off-Stimme eines Neurologen erläutert bei einer Hirn-Sektion die Symptome von Gehirnschwund und erklärt damit nichts. Die Hand der Ballerina wandert in den Schritt und zeigt, dass das Begehren nicht aufhört, dass aber das Schamgefühl schwindet mit dem Verstand. Waldmann findet wie je kluge und klar konturierte Bilder für das, was sie erzählen will.
Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung 6.11.2010
Das Einzige, was gilt: der Augenblick
TANZTAGE Helena Waldmanns Stück „revolver besorgen!“
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Vielleicht war es das Thema, das dazu führte, dass bei diesem Abend der Regensburger Tanztage die hinteren Zuschauerreihen im Uni-Theater nahezu ungefüllt blieben. Demenz ist, auch wenn so viele Menschen unmittelbar oder indirekt betroffen sind, tabubehaftet. In keinem Fall scheint das Thema geeignet, einen genussvollen Ballettabend zu füllen. Helena Waldmann trat den Gegenbeweis an. Wer ihre Arbeit kennt, weiß, dass sie nicht schwarz-weiß malt, dass sie sich auch bei gesellschaftskritischen Themen nicht nur auf die bedrückenden Seiten stürzt, sondern ein differenziertes Bild zeichnet. Eines, bei dem der Humor nicht zu kurz kommt.
„revolver besorgen!“ ist ein Stück, das die Verunsicherung durch den Gedächtnis-Verlust zeigt, aber auch die glücklichen Momente des Neu- und Wieder(er)findens der eigenen Identität, des Gefühls, der Dinge – und sei es auch nur für einen Augenblick. Waldmanns Stück kämpft gegen einseitige Sichtweisen an, die dazu führen, Demenzkranke als denkende und entscheidende Menschen abzuschreiben.
Die Berliner Tänzerin Brit Rodemund setzte Waldmanns Choreographie beeindruckend um. Zu Beginn schreitet sie militärisch perfekt, superkontrolliert. Doch der Bewegungsablauf bekommt Sprünge. Ihre Schuhe, die sie auszieht und mit denen sie sich in einen unhörbaren Dialog verstrickt, machen sich selbständig, schlagen nach ihr, führen zu Ausweichbewegungen. Sie macht Galoppsprünge zu Nat King Coles „Unforgettable“, fängt an, sich auf dem Boden liegend, zu befriedigen. Sie erkennt in einer Plastiktüte mal eine Pistole, mit der man sich seinem Schicksal entziehen könnte, oder auch einen Ball. Sie schneidet hinter einer Scheibe Gesichter. Und endet wie ein Baby glücklich lachend in einem weichen Tüten-Berg.
Zu Rodemunds beeindruckendem Tanz gibt es aus dem Off Interview-Splitter: Anschauungsunterricht für einen dementen Mann in Sachen Klitoris und schauerlich pragmatisch klingende Erläuterungen eines Pathologen bei einer Hirn-Sektion. Beiträge zum Thema Demenz, die sich nicht leicht mit dem Getanzten in Übereinstimmung bringen lassen, die eher Fragen aufwerfen. Doch vielleicht ist das der Sinn: Offenheit zu signalisieren für alles und jeden Augenblick. Das Publikum feierte das ebenso packende wie irritierende Stück mit viel Applaus. Mittelbayerische Zeitung, 9.11.2010
Wenn alle Sinne zusammenfallen
Donumenta und Regensburger Tanztage zeigen „InTimE“ der ungarischen Compagnie Pal Frenak
Von Gabriele Mayer, MZ
Regensburg. Ist es eine Nummernrevue, eine Begegnung mit der condition humaine, ein Stationenweg, ein Endspiel oder alles zusammen übereinandergestapelt? Es ist grandios, das Stück der ungarischen Compagnie Pal Frenak, dessen Titel „InTimE“ man als „In der Zeit“ sowie als „intim“ lesen kann. Der Boden bedeckt mit blutroten Blüten, ein knallrotes Sofa in der Mitte, dahinter ein monumentaler halbtrüber Spiegel. Die Bühne als Welt und die Welt als Bühne, in der wir uns von hinten gesehen selbst betrachten. Erster Auftritt. Die Musik: Erschlagende Techno-Töne, Metall kratzt, das Zirpen einer Viper und das Zittern des Tänzers wie eine Schlange. Er dreht sich wie ein Schraubenschlüssel, verrenkt sich und wird von der pathetisch lauten Musik angetrieben, als wäre sie sein Innerstes. Auffällig ist an dieser atemberaubenden Choreographie und den exzellenten Tänzern der absolute Einklang von Ausdruck und Bewegung mit der Musik, einer Bewegung, die oft konträr zu den Tönen steht, sie neu interpretiert und ihnen doch nicht fremd wird. Zum Swing in der zweiten Szene, in der sich zwei Repräsentantinnen des weiblichen Geschlechts vorstellen: Das wackelige Stöckeln in den aufreizenden High Heels und der verzerrte offene Mund, dies scheint bereits in der Musik angelegt, die wir sonst doch nur als smart erleben. Zu Klassik und Klavier: Torkeln, Betrunkenheit, Angst. Dann kommt der Geschlechterkampf auf dem Sofa, dann das Hochheben und Fallenlassen der homoerotischen und der Machtbeziehung. Und schließlich als Endspiel die Kopulation zu Dritt halb in der Luft als orgiastischer Höhepunkt nach der de Sadeschen Mechanik. In aller pointierten Eile und aller Ausführlichkeit und Präsenz wird hier das Altbekannte über den Menschen neu erzählt, über seinen Körper, seine Sehnsüchte, seine Schwächen. Und wenn die beiden Frauen in ihren schwarzen Kleidchen auf dem roten Sofa sitzen und das Licht angeht, dann fehlt ihnen wie abmontiert zuerst der Kopf, sie sind nur leerer Körper, sie holen ihren Kopf kühn von unten herauf, er ist über die Lehne hinter das Sofa gerutscht.
Dieses Stück hat alles: Rhythmus und Melodie, drastischen Ausdruck auf der Höhe der Zeit und ihrer Inszenierungen des Menschlichen. Es hat die Power, uns das glaubwürdig und faszinierend erscheinen zu lassen, was wir wissen und nochmal erzählt bekommen. Körper und Psyche erscheinen in diesem Tanz als stets prekäre Zusammengehörigkeit, ganz so wie dies von jeher Sache vor allem des Tanzes war. Am Ende platzieren sich alle Figuren im Gruppenbild vor dem Sofa in goldenen Gewändern. So artig und edel verabschieden sie sich, als wären sie himmlische Elemente. Einer freilich bleibt sitzen, grau, nackt, zusammengekauert und verrenkt auf dem Sofa. Er lässt sich auch vom Applaus nicht wegdrängen. Er bleibt zurück und da, nachdem das Stück aus ist, das irgendwie auch kitschige Seiten hat. Mittelbayerische Zeitung, 8.11.2010
Veitstanz des modernen Arbeitslebens
Das Tanztheater Annette Vogel und die Keiga Dance Company aus Uganda sorgten für einen mitreißenden Auftakt der Regensburger Tanztage.
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Eine Frau tritt aus dem Schatten des Mannes und verschwindet wieder hinter ihm. Erneut streckt sie sich heraus und zieht sich wieder zurück. Beide sind geschäftsmäßig gekleidet. Graue Hose, weißes Hemd, Krawatte. Der Konkurrenzkampf kann beginnen. Binnen Minuten wimmelt es auf der Bühne von Karrieristen, die mit unsichtbaren Handys am Ohr, wild gestikulierend, mit Fingern nachrechnend über die Bühne fegen. Die Regensburger Tänzerinnen Annette Vogel und Valeria Witt und die drei Tänzer der Keiga Dance Company kochen da zu zunächst irreführend poetischer Musik den ganz normalen Wahnsinn des mitteleuropäischen Büro-Alltags zusammen.
Es herrscht Hektik. Jeder strebt nach nahezu Unerreichbarem, macht die unvorstellbarsten
Verrenkungen, alle strecken sich – wie Gestrandete, die eine Kokosnuss entdeckt haben – nach der Insignie der Macht, einer Aktentasche in diesem Fall, die auch nicht hält, was sie verspricht. Denn statt Reichtümern, Geheimnissen oder Wissen, birgt sie nichts. Das werden die Streber später erfahren. Das Sprüngemachen verfolgt hier nicht nur tänzerisch-ästhetischen Zweck, sondern ist Sinnbild vergeblicher Mühe.
Der Oberste gibt den Mächtigen – und wünscht sich doch, während er die anderen noch im Veitstanz mit Aktentasche triezt, schon wieder weg. Witzig, ironisch, äußerst turbulent, mit einigen poetischen Momenten und tänzerisch wunderbar umgesetzt ist dieses von Annette Vogel choreografierte Tanzstück „Mit Faust und Raub“, das die Zuschauer gleich mit euphorischem Applaus quittieren.
Markerschütternder Schrei
So flott und vertraut die Atmosphäre in „Mit Faust und Raub“, so fremd und zeitweise bedrückend ist Jonas Byaruhangas Stück „Scars of innocence“, mit dem er die Genitalverstümmelung von Frauen, wie sie auch heute noch in Uganda praktiziert wird, anprangert. Eva Eger und Annette Vogel zeigen vor Beginn des eigentlichen Stücks, was es zu verlieren gilt. Eva Eger ist die Verführerin, unversehrt und daher der anderen, im Schmerz Zuckenden, weit überlegen.
Was dann von den drei Tänzern aus Kampala, Rainmack Kilima, Andrew Mawejje und Karim Senyondo, auf die Bühne gebracht wird, ist eine berauschende Mischung aus Elementen des zeitgenössischen Modern Dance und traditionellem afrikanischen Tanz, aus wilder Perkussion, eindringlichem afrikanischen Gesang, archaisch anmutenden Bildern von unglaublicher Schönheit – und gleichzeitig dem Schock, dem Grauen. Blutige Gewalt wird hier ausgeübt, der die Tänzer nicht nur durch Bewegung ergreifend Ausdruck verleihen. Markerschütternd schreien die Opfer ihren Schmerz hinaus.
Drei Männer vertanzen als Frauen eines der schwierigsten Probleme auf dem afrikanischen Kontinent. Unglaublich fesselnd ist ihr Tanz, künstlerisch ausgefeilt die Choreografie, und erschütternd und lange nachwirkend sind die Bilder zu diesem Thema.
Nach der Pause gibt es so etwas wie ein Wiedersehen: „Lebed Lebend“, jenes Stück von Annette Vogel, das dem hässlichen Entlein gewidmet ist und dem Wertvollen im Leben nachspürt, das schon in Regensburg zu sehen war, kommt in einer Weiterentwicklung auf die Bühne. Souverän und entspannt wirkt der Tanz von Eva Eger, Annette Vogel, Valeria Witt, Rainmark Kilima, Andrew Mawejje und Karim Mukwano, der sich nach der märchenhaften Einleitung durch die Sprecherin immer mehr und kunstvoller verdichtet.
Der Schwan und die Neider
Wer hier das hässliche Entlein ist und wer der Schwan, ist nicht eindeutig auszumachen. Annette Vogel gefällt das Rollenspiel, die Täuschung, und sie hat wunderbare Formen und Bewegungsmuster, eine poetische, kraftvolle, technisch anspruchsvolle und gleichzeitig ironisch hinterfragende Choreografie erarbeitet, in der die sechs Tänzerinnen und Tänzer brillieren können. Das Regensburger Publikum ist begeistert und jubelt mit den Händen und den Füßen. Mittelbayerische Zeitung, 5.11.2010
Im Zwischenreich von Gestern und Heute
Helena Waldmanns neues Stück „Revolver besorgen!“ kommt nach der erfolgreichen Münchner Premiere zu den Tanztagen.
Regensburg . Helena Waldmann gehört zu den Großen unter den Choreografen. Die 1962 in Burghausen geborene und in Berlin lebende Regisseurin, die unter anderem bei Heiner Müller, George Tabori und Gerhard Bohner gelernt hat, feierte bereits in den 90ern für ihre radikalen Choreografien internationale Erfolge. Im vergangenen Jahrzehnt wandte sie sich verstärkt politischen Inhalten zu. In Teheran erarbeitete sie mit sechs iranischen Frauen 2005 das Stück „Letters from Tentland“. Die Rolle der Frauen war auch in ihrer letzten fesselnden Performance „BurkaBondage“ Thema, in der sie den islamischen Schleier und das japanische Bondage in einer temporeichen Beziehung von Fessel und Schutz darstellte.
Nur drei Tage nach der Münchner Uraufführung kommt nun ihr neues Stück nach Regensburg: „Revolver besorgen!“ hat die Demenz zum Thema. „Was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder…“, schreibt der argentinische Autor Jorge Luis Borges, auf den sich Helena Waldmann bezieht.
„Das Theater sieht sich gern als ein ,lebendes Archiv‘, das ausdrücklich gegen das Vergessen und für die Bewältigung des noch Unbewältigten eintritt. In meinem neuen Stück stelle ich dieses Selbstverständnis in Frage und widme es den 1,2 Millionen Dementen in Deutschland“, sagt die Choreografin. „Die Entwicklung ihres Hirns kehrt sich so um wie bei jedem, der ahnt, dass das Vergessen auch die Bedingung dafür ist, produktiv zu sein.“ Die Uraufführung am Donnerstagabend in München wurde gefeiert. „,Revolver besorgen‘ ist keine Sekunde kitschig oder bitter oder zynisch – in diese Richtung gleiten andere Alzheimer-Geschichten auf der Bühne gern ab. Hier sorgen kraftvolle Bilder und berührendes Wortmaterial für eine schöne Erkenntnis“, lobt Willibald Spatz im Internet auf nachtkritik.de. „Revolver besorgen!“ wird bei den Regensburger Tanztagen am Sonntag im Theater der Universität gezeigt. (sw) Mittelbayerische Zeitung, 5.11.2010
Glücksgrinsen, Liebesbussi und ein Überraschungssieg
Bei der on3-Lesereihe traten Juli Zucker, Lucia Mederer und Manuel Niedermeier mit völlig unterschiedlichen Texten an.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Der Begrüßungsapplaus für die drei Teilnehmer der on3-Lese-reihe nahm das Endergebnis eigentlich schon vorweg. Bei Juli Zucker war er gewaltig, vermutlich konnte die 20-jährige Abiturientin die meisten Freunde und Bekannten mobilisieren, sich an einem herbstlichen Montagabend auf den Weg in die Alte Mälzerei zu machen.
Die Lesereihe der BR-Jugendredaktion „bringt Literatur in die Clubs“, so Moderatorin Fiva, die mit ihrem selbstbewusst-lockeren Moderationsstil ohne weiteres auch für MTV arbeiten könnte. Zum musikalischen Rahmenprogramm gehörte das Hamburger Duo Bratze, das mit Gitarre, Keyboards und Gesang eine abgespeckte Lo-Fi-Version seines herkömmlichen Techno-Programms spielte. In „Fluten“ setzten sich die Nordlichter kritisch mit Internet und sozialen Netzwerken auseinander, forderten gar: „Hol dir dein Leben zurück!“ Einen Telefonverstärker für Schwerhörige funktionierten sie zum unkonventionellen Effektgerät um und natürlich durften auch die beiden Musiker Selbstgeschriebenes zum Besten geben. Norman Kolodziej beschrieb auf äußerst humorvolle Weise, wie ein Mega-Techno-Event in der thüringischen Provinz floppte, Kollege Kevin Hamann beklagte ironisch erste Ausfallerscheinungen als Anfang Dreißigjähriger.
Mit den Belanglosigkeiten, die in sozialen Netzwerken wie Facebook tagtäglich millionenfach ausgetauscht werden, beschäftigte sich auch Lucia Mederer (geb. 1987) in ihrer Geschichte „Schalttag“. Der unterhaltsamste der drei Wettbewerbsbeiträge war so episodenhaft aufgebaut, wie die kurzen Meldungen, die kontinuierlich bei ihrem Protagonisten Eric eintrudeln. Glücksgrinsen, Liebesbussi – mit zeichenhaften Zuneigungsbekundungen wird nicht gespart. Das Leben zieht an dem jungen Mann vorbei, die Wohnung verdreckt, das Studium ist irgendwann aufgegeben. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit moderner Online-Netzwerke, die überfällig ist. Dass Mitbewerber Manuel Niedermeier Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“ in seine Kurzgeschichte „Wie ich“ mit einfließen ließ, war sicher kein Zufall. Wie der amerikanische Autor verwebte auch der 1984 geborene Niedermeier kunstvoll mehrere Handlungsebenen miteinander: der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il trifft auf eine Seismologieforscherin im Schwarzwald und einen Werbetexter beim Bewerbungsgespräch. Erschütterungen, Vibrationen durchziehen die drei Handlungsstränge. Ein Text, den man aber besser selbst lesen sollte, der zu anspruchsvoll ist, um ihn hörend wirklich zu verstehen. Gewinnerin Juli Zucker erzählte in ihrer nachdenklichen Geschichte „Mimikry“ „vom anderen Kind“, das sich in der Phantasie des Zuhörers nach und nach zu einem sozio-pathologischen Außenseiter formierte, der durch sein unangepasstes Verhalten unangenehm auffällt. Ob man dafür gleich die Terroristen-Metapher auspacken muss, sei dahingestellt. Das angenehme Gruselgefühl löste sich dann aber leider in Luft auf und zum Vorschein kam ein Toleranz predigendes Pädagogik-Lehrstück. Dass sie sich am Ende für das Finale in München qualifizierte, war doch etwas überraschend. Mittelbayerische Zeitung, 20.10.2010
Das Leben als Tanz
Die Kunst der Bewegung als Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen: Diese spannende Melange bieten die Tanztage 2010.
Von Luise Frank. Regensburg. Vor 13 Jahren stellte die Alte Mälzerei zum ersten Mal ein kleines Festival mit fünf Darbietungen von zeitgenössischem Tanz auf die Beine. „Das hat eingeschlagen!“, erinnert sich Hans Krottenthaler, Programmchef der Alten Mälzerei, in der am Montag das Programm vorgestellt wurde. Durch den Erfolg beflügelt, führte das Team die Tanztage fort. In diesem Jahr findet die Veranstaltungsreihe bereits zum 13. Mal statt. Es ist das einzige regelmäßige Tanzfestival
in Bayern außerhalb von München. In diesen 13 Jahren hat sich ein begeistertes Publikum etabliert, das das Angebot an zeitgenössischem Tanz zu schätzen weiß.
Tanz aus Afrika
Über 20 Produktionen warten 2010 auf das Publikum, darunter viele Uraufführungen und Premieren. Der thematische
Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen. Es werden abendfüllende Stücke, Installationen und Soli zu sehen sein. Begleitet wird das Festival von Tanzfilmen, einer Ausstellung
mit Tanzfotografien von Hubert Lankes und der inzwischen schon legendären „AuVtakt“-Party. Ein außergewöhnliches interkulturelles Projekt steht am Anfang der Tanztage: Annette Vogel (Choreographie), die in Neutraubling eine Tanzschule betreibt, und die Keiga Dance Company aus Uganda zeigen zwei Stücke, unter anderem „Scars of Innocence“, das die grausame Genitalverstümmelung von Mädchen zum Thema hat, die auch heute noch in Uganda praktiziert wird (4. November). In Zusammenarbeit mit der donumenta präsentieren die Tanztage das Stücke „InTimE“ des ungarischen Choreographen Pál Frenák 6. November). Als Sohn taubstummer Eltern entwickelte er früh eine besondere Sensibilität für Gestik, Mimik und Körpersprache. Sein Stück thematisiert die Komplexität menschlicher Beziehunge und ist voll glühender Erotik. Die Tänzerin Helena Waldmann thematisiert in „Revolver besorgen!“ die Tragik der Demenz, von der in Deutschlandschon 1,2 Millionen Menschen betroffen sind. „Revolver besorgen!“ hat erst zwei Tage vorher in München Uraufführung (7. November).
Regionale Szene
Ein fester und sehr beliebter Bestandteil der Tanztage sind die Beiträge der regionalen Szene und die Solotanznacht. „Publikumslieblinge“ heißt der Abend mit Tänzern und Choreographen aus Bayern, unter anderem mit den ostbayerischen Tänzerinnen Annette Vogel und Eva Eger und der jungen, preisgekrönten Choreographin Anna Konjetzky (14. November). Die Solotanznacht zeigt wieder internationale Preisträger des Solo-Theater-Festivals von Stuttgart. Der Solotanz, so Hans Krottenthaler, „ist Tanz, reduziert auf den Kern von Körpersprache und Ausdruck“ (7. November). Das Ballett Regensburg stellt sein aktuelles Stück „Die Geschichte Lilith“ vor (25. November). Thema ist hier die erste Partnerin Adams, Lilith, die
sich widersetzt und sich nicht unterdrücken lassen will. Den glanzvollen Abschluss der Tanztage bildet traditionell die Aids Tanz-Gala (27. November). Ballettdirektor Olaf Schmidt bringt international renommierte Ensembles zusammen, um mit dieser Veranstaltung Aids-Hilfe-Projekte zu unterstützen. Regensburger Tanztage von 29. Oktober bis 27. November an mehreren Veranstaltungsorten, Karten an den bekannten Vorverkaufsstellen. Karten für die Vorstellungen im Velodrom gibt es an der Theaterkasse. Rundschau Regensburg, 13.10.2010
Die glühende Erotik der Bewegung
Die „Regensburger Tanztage“ zeigen die stilistische Vielfalt zeitgenössischen Tanzes.
Larissa Vogl, MZ
Regensburg. Mehr als 20 Produktionen der aktuellen regionalen, nationalen und internationalen Tanzszene werden ab 29. Oktober beim „13. Festival für zeitgenössischen Tanz“ zu sehen sein. An zehn Veranstaltungstagen soll es auch darum gehen, das Publikum für diese moderne Kunstform zu begeistern. „Wir haben mit unserem Projekt maßgeblich dazu beigetragen, zeitgenössische Tanzkunst regional zu etablieren“, sagt Hans Krottenthaler, Programmchef vom Kulturzentrum Alte Mälzerei, über das Festival, das ursprünglich nur als Experiment gedacht war. Das Interesse sei groß, im vergangenen Jahr seien über 90 Prozent der Karten verkauft worden.
Kulturelle Brücke nach Ostafrika
„Wir zeigen ästhetischen, intelligenten, emotionalen Tanz, der sich mit gesellschaftlichen Umbrüchen auseinandersetzt“, betont Krottenthaler. So beschäftigt sich Helena Waldmanns Inszenierung „Revolver besorgen“ mit dem heiklen Thema Altersdemenz. Annette Vogel schlägt in ihrem Tanztheater „Scars of Innocence“ eine kulturelle Brücke nach Ostafrika und thematisiert die bis heute in Uganda praktizierte Genitalverstümmelung von Frauen. Das Stück ist eine Gemeinschaftsarbeit mit der „Keiga Dance Company“ aus Uganda.
Als Sohn taubstummer Eltern entwickelte der ungarische Choreograf Paul Frenak früh eine besondere Sensibilität für den Gebrauch von Mimik, Gestik und Körpersprache. Er beschäftigt sich in seinem furiosen Stück „InTimE“ mit der Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen. Es gilt als eines seiner markantesten Werke, das laut Krottenthaler „eine unglaubliche Wucht entwickelt und wegen seinem Hang zu gewaltvoller Erotik umstritten ist“. „InTimE“ wird in Kooperation mit der donumenta 2010 aufgeführt.
Die Inszenierung „Revolver besorgen“ von Helena Waldmann beginnt mit dem Dialog eines dementen Ehepaares. „Du musst einen Revolver besorgen“, sagt er. „Und wer erschießt mich, wenn ich dich erschossen habe?“, antwortet sie. Waldmann gilt als eine der radikalsten Künstlerinnen der aktuellen Tanz- und Theaterszene, ihre Produktionen erregen weltweit Aufmerksamkeit als Theater der politischen Avantgarde.
Unter dem Titel „Tanzszene Bayern – Publikumslieblinge“ ist eine Auswahl herausragender junger Tänzer und Choreografen aus Bayern zu sehen. Die Regensburgerinnen Annette Vogel und Eva Eger zeigen ihre Soli „Tellerrandgeschichten“ und „The eyes of perception“, die Münchnerin Anna Konjetzky ihr preisgekröntes Stück „Elefantengedächtnis“ sowie ihre Tanz-Video-Installation „Abdrücke“.
Junge Choreografen zeigen sich
In der „Solotanznacht internationaler Preisträger“ ist zeitgenössischer Tanz in seiner ursprünglichen, reduzierten Form zu sehen. Die Gewinner des diesjährigen internationalen Tanz- und Theaterfestivals in Stuttgart zeigen eine breite Palette von Tanztheater bis hin zu abstrakter Choreografie. Die Solotanznacht der jungen Choreografen aus Spanien, Portugal, Israel, Mexico und den Niederlanden ist deshalb vor allem für „Einsteiger“ gut geeignet.
Außerdem im Programm steht das Tanzfilm-Porträt „Breath Made Visible“ über die 90-jährige US-Tanzpionierin Anna Halprin. Während zur Eröffnungsparty „AuVtakt“ mit Videokunst, elektronischer Musik und einer Tanzperformance der Regensburger Künstlerin Nylea Mata Castilla gezeigt werden, endet das Festival mit der internationalen Aids-Tanzgala in Kooperation mit dem Jazzclub. Mittelbayerische Zeitung, 12.10.2010
Bonbons und Bananen für die Fans
Die Berliner Band Bonaparte bietet im ausverkauften Kulturspeicher ein berauschendes Punk-Varieté-Spektakel, das seinesgleichen sucht.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Freakshow, Anarcho-Circus, Varieté, bizarre Jahrmarktsattraktionen und burleske Stripshow – der quicklebendige Auftritt von Bonaparte lässt die Assoziationen beim Betrachter nur so sprießen. Schon das nostalgische Einführungsfilmchen zu Beginn verweist auf das revueartige Unterhaltungstheater des vorvergangenen Jahrhunderts. In die Jahre gekommene lausige Tierkostüme, die aussehen, als wären sie im Fundus eines ehemaligen DDR-Theaters zufällig entdeckt worden. Phantasievolle Masken, geschminkte Gesichter, altertümliche St.-Pepper-Soldatenuniformen des 18. Jahrhunderts. Bunte Bonbons, pralle Weintrauben, reife Bananenstückchen, wie beim Karneval ins Publikum geschmissen oder an die erste Reihe verfüttert. Immer neue seltsame Charaktere, die sich unbemerkt aus dem dunklen Bühnenhintergrund schälen, auf der Bühne herumstolzieren, sich lasziv auf Dompteurspodesten räkeln, mit anderen Figuren herumschäkern. Der Keyboarder als weißer Hase mit Engelsflügeln. Der Alien-Kopf des Bassisten in einem blau-rot gestreiften, mit kleinen Spiegeln besetzten Lampenschirm steckend.
Verpuppung im Minutentakt
Der schmächtige „Kanonenmann“ stürmt im knallengen glitzernden Polyestereinteiler und goldenem Schutzhelm auf die Bühne und vollführt monotone Tanzbewegungen, bis er total erschöpft zusammensackt. Eine Braut „häutet“ sich, bis nur noch Fetzen ihres weißen Brautkleids übrig sind. Ein unbeweglicher Rabenmensch mit langem schwarzem Umhang verkündet wortlos ein bevorstehendes Unheil. Eine vollbusige Ärztin doziert über ihre gestrenge Brille lugend aus ihrem Lehrbuch. Schwer zu sagen, wie viele Personen sich auf der Bühne tummeln, es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die Akteure verpuppen sich im Minutentakt. Die Musik ist nur Beiwerk, so sehr ist man vom Geschehen auf der Bühne gebannt. Manche sind auch damit beschäftigt, hinaufzugelangen, man möchte sich auf den Händen des Publikums davontragen lassen. Der „Hausmeister“ der Bonapartes (im roten Overall) sieht das gar nicht gerne und schickt sie gleich wieder runter. Ansonsten ist er unablässig damit beschäftigt, Fotos zu schießen. Eine der beiden weiblichen Darstellerinnen hält das Stage-Diving ebenfalls für eine gute Sache: entspannt auf den nach oben gereckten Armen ruhend, zieht sie sich die roten Lippen nach. Cooler geht’s nimmer.
Heruntergerotzte Punksongs
Ach ja, die Musik. Die robusten Vierminüter kommen ziemlich gerade daher, erinnern an die heruntergerotzten Punksongs der New Yorker Hip-Hopper Beastie Boys, die Lyrics mehr gesprochen als gesungen. Manchmal hat man auch Mark E. Smith im Kopf, den amphetamingetriebenen Sänger der englischen Avantgarde-Rockband The Fall. Bonaparte-Anführer Tobias Jundt stammt zwar aus der Schweiz, hört sich aber an, als ob er sich längere Zeit in Manchester herumgetrieben hätte. Der elektronische Soundhintergrund ist nur dann erkennbar, wenn Gitarre, Bass und Schlagzeug einmal schweigen.
Das furiose Spektakel scheint nach einer Stunde vorüber zu sein. Die energiegeladene Show fordert ihren Tribut. Die Band weg, das Putzlicht an. Nach wenigen Minuten taucht dann aber ein adrettes 20er-Jahre Zimmermädchen auf und saugt geräuschvoll den Bühnenboden. Nach getaner Arbeit wirft sie den Filmprojektor an und guckt Popcorn-essend einen Stummfilm. Die Darsteller: die soeben entfleuchten Bandmitglieder. Unauffällig gesellt sich der Keyboarder hinzu, programmiert sein Tasteninstrument auf Wurlitzer-Piano und lässt einen quirligen Livesoundtrack erklingen, der in jeden Circus passen würde. So sieht die Pausenunterhaltung bei Bonaparte aus. Die internationale Truppe aus Berlin wechselt im Verlauf des Abends übrigens kein einziges Wort mit den Zuschauern, sie lassen das Visuelle für sich sprechen. 2009 haben die Mälze-Besucher ihr Konzert zum Besten des Jahres gewählt. Ein Anschlusserfolg ist nicht ausgeschlossen. Mittelbayerische Zeitung, 13.10.2010
Im Rockschiffraumschiff zum Heimspiel
Nach langer Sommerpause startet die Alte Mälze mit einem bunten Programm in den Herbst.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Nach einem „fast kulturfreien Sommer“, so Mälze-Geschäftsführer Hans Krottenthaler, startet im Kulturzentrum an der Galgenbergstraße jetzt ein abwechslungsreiches Programm. 60 Veranstaltungen sind noch bis Jahresende geplant. Die fünf Sparten des Hauses – Konzerte, Kabarett, Theater, Lesungen und Tanz – werden bestens bedient. Es sei ein Programm entstanden, das der „kulturellen Daseinsvorsorge“ diene – nicht nur für Regensburg, sondern für den gesamten ostbayerischen Raum, sagte Krottenthaler.
Neben nationalen und internationalen Bands läge der Schwerpunkt im Musikbereich auch bei der regionalen Förderung. An jedem letzten Donnerstag im Monat kommen lokale und regionale Nachwuchsbands in der Heimspiel-Reihe zum Zuge, am 18. Dezember steigt das große Heimspiel-Festival. Aber auch jungen Dichtern und Schreibern bietet die Mälze ein Podium: zum Beispiel am 9. Oktober und 19. November beim Poetry Slam.
Junge Autoren kommen zu Wort
Bei der on3-Lesereihe des Bayerischen Rundfunks, die am 18. Oktober in der Mälze gastiert, tragen die Regensburger Nachwuchsautoren Manuel Niedermeier, Lucia Mederer und Juli Zucker Geschichten zum Thema „Wie war ich?“ vor. Der Publikumsfavorit darf zum Finale nach München reisen. Von eben dort stammt Kabarettist Max Uthoff. Der Gewinner des diesjährigen Thurn und Taxis Kleinkunstpreises präsentiert am 27. November sein politisches Kabarett-Programm „Sie befinden sich hier!“.
In einem rumpelnden Rockraumschiff namens The Happy End kommt Andi Teichmann am 9. November von Berlin aus in die Domstadt geflogen. Im Laderaum hat der bekannte Technoproduzent weitere Ex-Regensburger versteckt. Im Vorprogramm spielt da Musikkollektiv Containerhead. Mit Die Sterne aus Hamburg kommen alte Freunde in die Mälze. Die Lehrmeister der Hamburger Schule waren schon 1993 zu Gast. Am 31. Oktober stellen sie ihr neues Album „24/7“ vor, das ein Sound irgendwo zwischen Disco, House und Pop kennzeichnet.
Audiovisuelle Clubnacht „Auvtakt“
Ums Tanzen geht es auch am 29. Oktober bei der audiovisuellen Clubnacht „Auvtakt“. Zur Housemusik verschiedener DJs bestrahlt das VJ-Team von Blink and Remove die Wände und Decken des Mälze-Theaters. Ein Gastauftritt von Nylea Mata Castilla leitet dann direkt über zu den Regensburger Tanztagen, die bis zum 27. November internationale Größen des zeitgenössischen Tanzes bieten. „Das Festival hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Publikumsmagneten mit enormer Strahlkraft entwickelt“, so Krottenthaler.
Ein Dauerbrenner sind schon seit Jahren Caveman und Cavewoman. Da der Kulturspeicher im Frühjahr 2011 schließen soll, ist es fraglich, wo die Veranstaltungen in Zukunft stattfinden sollen. Für Kabarett und ruhigere Konzerte käme das Antoniushaus infrage, erklärt Krottenthaler, „aber Rockkonzerte passen da nicht hin“.
Bonaparte spielt am 11. Oktober im Kulturspeicher. Das Konzert der Visual-Trash-Punker aus Berlin im vergangen Jahr war laut Krottenthaler „spektakulär“. 500 Tickets wurden bereits verkauft, 800 werden es am Ende wohl sein. Werde keine adäquate Ausweich-Location für den Kulturspeicher gefunden, könnten solche Konzerte zukünftig nicht mehr in Regensburg stattfinden, warnt Krottenthaler. Mittelbayerische Zeitung, 22.9.2010
Nach Schließung des Kulturspeichers: Kein Platz mehr für Konzerte
Im Februar schließt der Kulturspeicher als Veranstaltungsort und hinterlässt eine riesige Lücke.
Von Mathias Wagner
Regensburg. In wenigen Monaten schließt mit dem Kulturspeicher ein Veranstaltungsort, der in Regensburg einzigartig war. Nicht nur wegen seinem Ambiente, sondern auch, weil in dem Mehrzwecksaal neben Firmenveranstaltungen und Hochzeiten Konzerte möglich waren, die für Veranstaltungsorte wie die Alte Mälzerei zu groß und für die Donau-Arena zu klein waren.
„Vieles ist dann nicht mehr machbar“, weiß Hans Krottenthaler, Geschäftsführer und Programmplaner der Alten Mälzerei. „Und es wird sehr schwierig, weil man das in Regensburg nicht auffangen kann.“
Gerade läuft der Vorverkauf zum Konzert der Band Bonaparte, die im letzten Jahr in der ausverkauften Alten Mälzerei aufgetreten waren und deren steigender Erfolg und die große Nachfrage nach Tickets inzwischen eine größere Örtlichkeit nötig macht. Für das Bonaparte-Konzert mietet sich die Alte Mälzerei wie so oft im Kulturspeicher ein. Viele andere Konzertveranstalter taten das bisher auch.
Im Saal, der bis zu 800 Zuschauer fasst, traten neben den Sportfreunden Stiller in den letzten Jahren auch Bands wie die Bloodhound Gang, Tocotronic oder La Brass Banda auf. Künstler, die sich in den Charts tummeln, deren Anziehungskraft aber nicht ausreicht, um eine riesige Halle wie die Donau-Arena mit einer Konzert-Kapazität für 7700 Gäste zu füllen. Bei der Tourneeplanung vieler Bands, wird künftig ein Bogen um Regensburg gemacht. Für Rock- und Popkonzerte, die mehr als 400 Zuschauer ansprechen und für die sich eine Einmietung in die Donau-Arena nicht rechnet, wird es in der Welterbestadt eng.
Viele Comedy- und Kabarett-Veranstaltungen, die bisher im Kulturspeicher stattfanden, können dagegen künftig in Sälen wie dem Audimax an der Universität oder im Antoniushaus stattfinden. Auch die beliebte Caveman-Reihe wird, so Krottenthaler, auch weiterhin in Regensburg stattfinden. Für unbestuhlte Rock- und Popkonzerte klafft aber eine Lücke im Regensburger Saalangebot.
„Eine Halle für 500 bis 1500 Personen wäre in Regensburg nötig“, meint Hans Krottenthaler. „Und so etwas muss eine Stadt von der Größenordnung auch haben.“
Er hofft, dass die Verwaltung bei der Stadtplanung auch an eine Veranstaltungshalle für Rock- und Popmusik denkt. Zum Beispiel bei der zukünftigen Nutzung der ehemaligen Nibelungenkaserne der Bundeswehr. Dass in einem geplante Regensburger Kultur- und Kongresszentrum (RKK) neben der Hochkultur auch Rockkonzerte stattfinden werden, glaubt Krottenthaler nicht: „Darauf brauchen wir nicht bauen.“
Das glaubt auch Anton Sedlmeier, Leiter des Amts für Stadtentwicklung: „Rockkonzerte im Kultur- und Kongresszentrum? Eher nicht.“ Sedlmeier ist skeptisch, ob ein Betrieb einer Konzerthalle auf Dauer rentabel ist und erteilt dem Wunsch nach einer solchen Halle auf dem Gelände der Nibelungenkaserne eine Absage: „Eine kulturelle Nutzung der Nibelungenkaserne ist derzeit nicht geplant.“. Auch Arthur Theisinger, Geschäftsleiter von Power Concerts, veranstaltet regelmäßig Konzerte im Kulturspeicher. Er hofft auf Ersatz und dass man bei den Planungen zu einem zukünftigen RKK nicht nur auf Tagungen und die Hochkultur setzt: „Das wäre ein großer Fehler. Da sollte man wegen der Auslastung unbedingt auch Popkonzerte mit einplanen, um die Halle lukrativ zu betreiben.“
Als Grund für die Schließung des Kulturspeichers wurde die angespannte Situation mit den Anwohnern genannt. Außerdem will sich Betreiber Alex Bolland künftig auf seine Konzertagentur konzentrieren. Doch auch er benötigt dafür den geeigneten Raum. „Ich bin derzeit auf der Suche, ob sich nicht doch ein Ersatz auftut. Ob das dann aber auch für die lauteren Konzerte funktioniert, glaube ich eher nicht.“ Regensburger Rundschau, 1.9.2010
Wenn Sprache zur Spitze mutiert
Christian Ritter gewinnt die bayerische Meisterschaft – nach dreieinhalb heißen Stunden.
Von Susanne Wiedamann, MZ
Regensburg . Der Bayern Slam 2010 – das ist nicht irgendein Wettbewerb. Es ist die erste bayerische Meisterschaft der Poetry-Slam-Künstler überhaupt. Wer hier gewinnt, hat den optimalen Startplatz für die Deutsche Meisterschaft. Riesig ist am Samstagabend das Interesse am Wettstreit der zehn Finalisten. „Wir haben den Saal voll bekommen!“, jubeln die moderierenden DJs Ko Bylanzky und Rayl Patzak zu Beginn der großen Ausscheidung im Regensburger Velodrom.
Der Poetry Slam in der ehrwürdigen Theaterhalle – kein Problem! Das Publikum ist bestens drauf. Im Hintergrund der Bühne gibt der samtig blaue Vorhang dem Bayern Slam einen extrem würdigen Anstrich. Eine kleine rote Lampe hält auf der Konsole von DJ Patzak trotzig dagegen. Statt in Lichtorgel-Geflimmer stehen im Fokus sanft ausgeleuchtete Poeten und Wortkunst pur. Dennoch ist einiges anders: Während bei „normalen“ Slams das Publikum johlend, trampelnd oder buhend über Sieg oder Niederlage entscheidet, wurden diesmal vor Beginn fünf Juroren aus dem Publikum gefischt, die nach jedem Auftritt ihre Wertungsnoten in die Höhe strecken. Statt dass der Saal nach den Performances kocht, herrscht meist atemberaubende Stille.
Das „Flammende Mikro“
Selbst Klemens Unger wetzt ungeduldig auf seinem Stuhl, bis die jeweilige Note steht. Der Kulturreferent, der bei der Frage zu Beginn des Dichterwettstreits, wer zum ersten Mal einen Slam besucht, unumwunden per Handzeichen seine Premiere eingesteht, wird während der kommenden dreieinhalb Stunden infiziert und zum Fan. Als er zum Schluss das von der MZ gestiftete „Flammende Mikro“ dem Sieger überreicht, findet er knapp und präzise die richtigen Worte: „Starke Nummer!“
Von neun Uhr abends bis eine halbe Stunde nach Mitternacht dauert der Wettkampf – für das Publikum ein Hochgenuss! Drei Ausscheidungsrunden, in denen die Künstler in fünfminütigen Beiträgen ihr Bestes geben.
Diese Kunst packt zu Recht: Sprachlich gewitzt, gespitzt, stilistisch bis in die letzte Silbe ausgefeilt, inhaltlich so kunstvoll gedrechselt, so fantasievoll und dabei entlarvend, intelligent Wirklichkeit analysierend und gleichzeitig Traumwelten fabrizierend, witzig, aber manchmal auch zutiefst berührend, von der Darstellungskunst her mal bloßer Vortrag – mal echte Schauspielkunst mit vollem Körpereinsatz: Poetry Slam ist alles!
Worte von brillanter Schlagkraft
Der amtierende Weltmeister Joaquin Zihuatanejo, Stargast dieses von der Alten Mälzerei initiierten und durchgeführten Festivals, heizt nun mit einem Love Poem den Saal an. Er zeigt, was alles machbar ist, wie die Worte in Bewegung übergehen und ihre unschlagbare Kraft dadurch nur noch brillanter wirkt.
Danach die bayerische Auswahl, die ebenfalls Brillantes zu bieten hat: Lucas Fassnacht aus Nürnberg legt mit einem Rap über gierige Banker, Politiker, dreist verdummende Medien und unersättliche Unternehmen furios los. Der Ausbruchsversuch seines Otto-Normal-Verbrauchten bleibt im System stecken, in der „Norma-Lidl-tät“. Fassnacht gehört zu den dreien, die in der letzten Runde um den Titel kämpfen. Und er tut es extrem mutig, mit einem Text über Nazis, die sich darin gefallen, kleine Kinder zu töten. Das betroffene Publikum wird ganz leise –bis zum stürmischen Applaus.
Lasse Samström aus Ingolstadt sorgt mit seinem Schüttel-Gedicht „Stirbelwurm“ über einen Ausflug durch das wirbelsturm-erschütterte St. Pauli, „wo die Netten waren nutt“, für viel Gelächter. Andivalent aus Landshut liefert einen berührenden Rap, in dem er den Drogen-Tod eines Freundes und die eigene Rettung verarbeitet hat. Michael Jakob aus Weißenburg wütet über die Bühne und fordert ein Abschiednehmen von den Trugbildern des ersten und des Second Life.
Moritz Kienemann aus München – auch er schafft's in die letzte Runde – statuiert glänzend ein ums andere Exempel seines Postbeziehungstraumas. Bumillo aus Freising buxiert mit seiner Jammen-statt-Jammern-Session den Regensburger Thomas Spitzer, der sich mit dem angeblich beginnenden Avatar-Zeitalter auseinandersetzt, mit Minimalst-Vorsprung aus dem Rennen. Selmar Klein begeistert als Getriebener seiner Interessen, der nach dem Motto schreibt: „Dada is' Muss“. Nur Ariane Hussy aus Passau, beim Super Slam des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals Zweite, kann mit ihrem „Mädchentext“ nicht landen.
Christian Ritter aus Bamberg pustet mit seiner Collage aus Fernsehschnipseln aus Nachrichtensendungen und Soaps TV-Süchtlingen das Hirn frei. Er schafft es nicht nur durch alle drei Runden, sondern legt jedes Mal zeitmäßig eine Punktlandung hin. Er ist nach diesem Abend der Meister, „wohlverdient“, wie Unger sagt. Ritters Text, in dem er verkatert in einer fremden Wohnung aufwacht, sich am Telefon als Eismann-Vertreter ausgibt und die Freundinnen der Wohnungsbesitzerin ungerührt und vergnügt einer Razzia preisgibt, ist eine Perle des schwarzen Humors, die noch nachwirken wird, wenn er bei der Deutschen Meisterschaft schon den nächsten Geniestreich in den Wettstreit schickt. Mittelbayerische Zeituzng, 17.5.2010
We are Slamily: Die Familie der Live-Poeten
Der 19-jährige David Friedrich hat den Nachwuchswettbewerb des Bayern Slam gewonnen. Er ist stolzes Mitglied im Club der slammenden Dichter.
Von Helene Vilsmeier, MZ
Regensburg . Er dichtet, rappt, philosophiert, gerät vor dem Publikum in Rage, gestikuliert, wirft mit Wortspielen um sich und reißt Witze zum Abbrechen – David Friedrich aus München überzeugte beim U20-Wettbewerb der bayerischen Poetry-Slam- Meisterschaft durch Facettenreichtum, starke Bühnenpräsenz, Dynamik und Humor. Die Jury – die sich aus Jugendlichen aus dem Publikum rekrutierte – war begeistert und katapultierte den 19-Jährigen als Punktbesten ins Finale.
„An Deinen Worten ist nichts dran“ – metaphorisch sprach der Finalist über Menschen, die Masken tragen, um ihre wahre Identität zu verstecken, das aufgesetzte Lächeln und das zwanghafte Reden am Frühstückstisch und den fehlenden Mut, die alltägliche Monotonie zu durchbrechen.
Damit sicherte er sich den Sieg – doch für den Nachwuchsdichter geht es beim Poetry Slam um weitaus mehr als ums Gewinnen: „Wir sind eine ‚Slamily‘ – eine Slam-Family. Das Besondere am Poetry Slam ist, mit anderen Slammern rumzutouren, zusammen in Hostels abzusteigen, zu feiern und Leute kennenzulernen.“ So entsteht eine Gemeinschaft, in der die alteingesessenen Poeten den Anfängern mit Rat und Tat zur Seite stehen und nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen.
Vor vier Jahren stand David mit seinem Partner Ivo Rick zum ersten Mal auf der Dichterbühne. Geübt hat er bei regelmäßigen Slam-Workshops in der Schauburg, dem Theater der Jugend in München. Solche Workshops für angehende Dichter finden in den meisten deutschen Poetry-Slam-Städten statt. David hat Glück, denn München hat die größte Slam-Szene Bayerns: „Alleine in München gibt es drei Poetry Slams und sehr viele in der Umgebung.“ Auch seine Mitstreiter im Finale kommen alle aus der Gegend: Leonie Mühlen aus Landsberg, Sonja Popp aus München, Fridolin Kerner aus Gauting. Und natürlich kennt er sie alle, Dank der Gemeinschaft der „Slamily“.
In der bayerischen Hauptstadt findet einmal im Monat der „Substanz Slam“, der bekannteste Poetry Slam Europas, statt. Er verhalf David auf seiner Karriereleiter nach oben. „Ich war drei, vier Mal dabei und habe im März 2009 gewonnen. Das war der letzte Schliff.“ Daraufhin lud ihn unter anderem Lars Ruppel, einer der bekanntesten deutschen Slampoeten, zu Wettkämpfen in Mainz und Frankfurt ein.
Bei den nationalen Meisterschaften war David einmal als Moderator und zweimal im U20-Teamwettbewerb dabei. Den Deutschland-Slam im Herbst 2010 wird er nicht verpassen. „Der Sieger des Bayern-Slam nimmt automatisch am deutschsprachigen Wettbewerb teil“, erklärt Moderator Ko Bilanzky.
David freut sich darauf, durch die deutschen Metropolen zu touren, doch im beschaulicheren Regensburg fühlt er sich auch sehr wohl: „Regensburg hat in Bayern einen der besten Slams. Die Stimmung in der Mälze ist super, das Publikum jung und der Funke springt wahnsinnig gut über.“ Der Nachwuchs der Dichter-Familie strotzt vor Ideenreichtum, Talent, Können und jugendlicher Begeisterung. Mit Sicherheit sprang der Funke auf die begeisterten Zuhörer über. Mittelbayerische Zeitung, 17.5.2010
Reimende Echsen im Literaturassic Park
DICHTKUNST Poesie aus Leidenschaft: Mit preisgekrönten Wortkünstlern hat der BayernSlam 2010 begonnen.
VON HELENE VILSMEIER, MZ
REGENSBURG. Von den Dichterbühnen der Welt ins Herz der Oberpfalz - die besten Poeten Deutschlands und der amtierende Poetry Slam-Weltmeister, Joaquin Zihuatanejo aus Texas, kamen nach Regensburg und bescherten dem Publikum ein u8nvergessliches poetisches Abenteuer. Sie stimmten ein auf d8ie allerersten Bayerischen Meisterschaften der Slammer - "ein historischer Moment", wie Moderator Ko Bylanzky voll Stolz bei der Eröffnung in der Alten Mälzerei befand.
"Ich bin ein Straßenpoet und schreibe über schlimme Dinge", verkündete Joaquin Zihuatanejo, der 2009 die Weltmeisterschaft in Paris gewann. Der Einwanderer-Sohn ist politisch und sozialkritisch, spricht über die Hoffnung, dass Menschen jeder Herkunft friedlich zusammenleben können. Er philosophiert über die guten alten Zeiten, "back in the days", als Sonntage noch heilig waren und im Fernsehen immer "coole Shows" liefen. Er nennt die drei Dinge, die seinen texanischen Landsleuten heilig sind: "Jesus Christus, Football und der Wall-Mart, weil man in dem Einkaufszentrum von Patronen bis Tampons alles bekommt." Allen die sich beschweren, weil George W. Bush acht Jahre lang ihr Präsident war, bietet er die Stirn: "Er war davor vier Jahre lang mein Gouverneur. Ich hatte also ganze zwölf Jahre mit ihm zu tun." Die preisgekrönte deutsche Lyrikerin Nora Gomringer steht ihm als Dolmetscherin zur Seite und Zihuatanejo beweist mit Pathos, Charme und Humor, dass er zu Recht der Meister ist.
Aus dem nationalen Lager war der deutsche Poetry Slam-Meister Philiupp "Scharri" Scharrenberg aus Stuttgart angereist. Er mimte einen Hypochonder mit Migräne, kaputtem Magen, Tinnitus, Milzbrand und Thrombose. Weil "krank not dead ist" schwingt er trotz Schmerzen das Tanzbeim beim "Immun-Walk" und packt als "Maserfucker" seine Rap-Skills aus. Er macht Werbung für "Marihuana-Jones - Auf der Suche nach dem heiligen Gras - erstmals in THC und Breitwand."
Als Trio PauL - "Poesie aus Leidenschaft" - gewannen er und die die Münchner Heiner Lange und Christian Bumeder alias Bumillo den deutschen Teamwettbewerb 2009. Sie spielen ein Pack geiziger Bänker, das sich um der Karriere willen keine freie Minute gönnt. "Eine halbe Stunde Lesen kostet mich 1500 Euro, zwei Stunden Sex mit meiner rau 6000 Euro", rechnet Scharrenberg. Ihr erstes Gebot lautet: "Du sollst die Bank lieben wie Dich selbst." Die drei Poeten sind Virtuosen des gesprochenen Wortes. Sie spielen damit, verändern es und schaffen neue Kreationen. "Wir sind reimende Echsen im Literaturassic Park."
In eine traumwandlerische Welt der Philosophie und Sinnsuche entführt das Musikprojekt "Großraumdichten", das gesprochene Poesie mit elektronischen Beats vereint. Die Slammer Pauline Füg aus Eichstätt und Tobias Heyel aus Stuttgart sinnieren über den Trott des Alltags und gesellschaftliche Zwänge.
Mit atemberaubend schönen, mal verträumten und mal galaktischen Klängen lässt DJ Ludwig Berger aus Eichstätt die Worte lebendig werden. Seine eindringlichen Melodien und die nachdenklichen Texte bilden eine wundersame Melange, die noch lange nachklingt. Mittelbayerische Zeitung, 15.5.2010
Eine literarische Schlacht der jungen Poeten
In Regensburg beginnt am Donnerstag die erste Bayerische Meisterschaft im Poetry Slam.
Von Claudia Bockholt, MZ
Regensburg. Aus seinem „Baby“ ist eine Persönlichkeit mit Ausstrahlung geworden: Hans Krottenthaler, Chef der Alten Mälzerei, ist stolz auf die Entwicklung, die der Poetry Slam in Regensburg genommen hat. Und nun wird die Adoleszenz groß gefeiert: mit der ersten Bayerischen Meisterschaft.
Der Mann, der den Poetry Slam in den 80-er Jahren in Chicago erfunden hat, kann entgegen ersten Ankündigungen nicht dabei sein, wenn aus dem mehrtägigen Dichterwettstreit ein bayerischer Meister hervorgeht. Marc Kelly Smith hatte einen Unfall, statt seiner reist der Weltmeister unter den Stegreifpoeten aus dem texanischen Denton an: Joaquin Zihuatanejo, Nachfahre mexikanischer Einwanderer, dessen eindringliche, fast beschwörend vorgetragene Texte sich unter anderem mit Leben und Kultur der Chicano in den USA auseinandersetzen. Mitveranstalter des BayernSlam 2010 ist die Stadt Regensburg. Kulturreferent Klemens Unger findet, dass die innovative Premiere hervorragend zum Jahresthema der Stadt passt: „Aufbruch“. An das Forum für junge Musiker – das Festival überBrücken – schließt sich nahtlos ein Podium für junge Literatur an, die sich gerade erst auf den Weg in den etablierten Kulturbetrieb gemacht hat.
Als vor knapp zehn Jahren der erste Wettbewerb in Regensburg veranstaltet wurde, sei Slammen noch Untergrund-Kunst gewesen, sagt Krotten-thaler. Doch mittlerweile ist daraus ein wichtiger und eigenständiger Bereich der jungen Literatur geworden. Das beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass längst auch der Kultursender arte über die Schlachten („Slams“) der Dichter berichtet. 300 Besucher kommen zu den regelmäßigen Poetry Slams in der Alten Mälzerei. Beim BayernSlam rechnet Krottenthaler mit bis zu 1000 Besuchern. 23 bayerische Städte entsenden ihre besten Stegreifdichter. Um überhaupt teilnahmeberechtigt zu sein, müssen in den Städten im vergangenen Jahr mindestens drei Wettbewerbe stattgefunden haben. Normalerweise stimmt das Publikum mit den Händen über die Beiträge ab. Beim BayernSlam wird eine Publikums-Jury Punkte vergeben. Exakt fünf Minuten hat jeder Poet, um die Zuhörer auf seine Seite zu bringen. Ob Prosa oder Lyrik – Hilfsmittel wie Instrumente oder Verkleidung sind nicht zugelassen. Beim Poetry Slam zählt allein das gesprochene Wort. Buh-Rufe sind selten, sagt Krottenthaler: „Der Mut, sich auf die Bühne zu stellen, wird immer honoriert.“ Mittelbayerische Zeitung, 11.5.2010
40 Poeten beim ersten Bayernslam
LITERATUR Drei Tage im Mai wird Regensburg zum Zentrum der bayerischen Poetry-Slam-Kunst und-Szene.
REGENSBURG. Der Poetry Slam als eines der letzten großen Abenteuer für Literaturfreunde erfreut sich großer Beliebtheit. Vom 13. bis 15. mai kämpfen nun erstmals die besten bayerischen Poeten in zwei Kategorien um den begehrten Titel "Bayerischer Poetry Slam-Meister". Die Zuschauer, die über den Sieger entscheiden, erlweben drei Tage Poesie mit rund 40 Teilnehmern aus 25 bayerischen Städten.
Veranstalter sind das Kulturzent5rrum Alte Mälzerei und die Stadt Regensburg. Kooperationspartner sit das Theater Regensburg, in dessen Velodrom das große Finale stattfindet. Die Mittelbayerische Zeitung stiftet den Pokal. "Diese 1. Bayerischen Poetry Slam Meisterschaften sind eine Herzensangelegenheit für uns - ähnlich wie die Regensburger Tanztage oder das Kleinkunstfestival", betont Initiator Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei. "Wir veranstalten seit 2001 die Poetry Slams in der Mälzerei. Mit inzwischen durchschnittlich rund 300 Besuchern hat sich der Poetry Slam in Regensburg neben München zur größten regelmäßigen Veranstaltung dieser Art in Bayern entwickelt."
Slam-Ikone Marc Kelly Smith
Ehrengast und Schirmherr der Bayerischen Poetry Slam Meisterschaften ist der Erfinder des Poetry Slams, Marc Kelly Smith aus Chicago, der auch die Eröffnungsshow mitbestreitet. 1986 fand in Chicago der erste Poetry Slam statt. Von dort breitete sich diese Veranstaltungsform über die USA und ab Anfang der 90er Jahre über Europa aus. Seit 1996 wird im Münchner Substanz monatlich geslamt. Im April 2001 veranstaltete die Alte Mälzerei den ersten Regensburger Poetry Slam.
"Regensburg hat sich so zur heimlichen Slam-Hochburg in Bayern entwickelt und ist damit der ideale Austragungsort des BayernSlams. Natürlich sind wir stolz, dass die Konzeption dieses Projektes so viel Unterstützung findet und das Bayerns erstes und bisher größtes Festival für Bühnenliteratur nun in Regensburg stattfinden kann", sagt Krottenthaler. Unterstützt wird das Festival auch von der Fürstlichen Brauerei Thurn und Taxis Vertriebsgesellschaft und der Regensburger Kulturstiftung der Rewag.
Hochkarätiges Poesiefestival
Rund 40 Teilnehmer aus allen Teilen Bayerns wollen bei diesem Dichterwettstreit das Publikum begeistern. Die Slamgrößen Ko Bylanzky und Rayl Patzak als künstlerische Leiter haben ein attraktives Rahmenprogramm zusammengestellt und sorgen für ein hochkarätiges Poesiefestival. Es beginnt am Donnerstag, 13. Mai (20 Uhr, Alte Mälzerei) mit der Eröffnungsshow mit Slam-Legende Marc Kelly Smith, der preisgekrönten Dichterin Nora Gomringer, den aktuellen deutschsprachigen Meistern PauL und Philipp Scharrenberg sowie dem Trio Großraumdichten, die gesprochene Poesie mit elektronischen Beats verbinden, ebenso wie DJ Rayl Patzak. Am Freitag, findet ab 13.30 Uhr in der Alten Mälzerei der "Bayernslam 2010 - U20"-Wettbewerb statt. Am Freitag ab 19 Uhr laufen in der Mälze die Vorrunden zum Einzelwettbewerb des "Bayernslam 2010", die am Samstag, 15. Mai, um 20 Uhr ins große Finale im Velodrom münden. Die Zuschauer entscheiden, wer "1. Bayerischer Poetry Slam Champion" wird. (Mittelbayerische Zeitung, 16.4.2010 sw/mz)
Für den "Bayernslam 2010 - U20" ist der Eintritt frei, für alle übrigen Veranstaltungen gibt es Karten unter Telefon (0941) 788810. Infos im Internetz unter www.alte-maelzerei.de
Sie befolgen die goldene Regel des Rock'n'Roll
Eläkeläiset spielen im Kulturspeicher populäre Rockklassiker im lustigen Humppa-Gewand.
Von Fred Filkorn, MZ
Regensburg. Humppa wurde in Finnland früher bevorzugt von älteren Menschen gehört. Eläkeläiset folgen dieser Tradition, bedeutet ihr Name ins Deutsche übersetzt doch „Die Rentner“. Am Merchandisingstand im Foyer des Kulturspeichers verkaufen sie ein T-Shirt mit dem Slogan „Old is not Dead“ – frei übersetzt „Wer alt ist, muss nicht tot sein“. Passenderweise sitzen die fünf Herren fein herausgeputzt in Hemd, Weste und Krawatte an aufklappbaren Multifunktionstischen, die es auch in der Gemeindehalle ihrer finnischen Heimatstadt Joensuu geben dürfte. Seit den Achtziger Jahre machten sich Bands wie Eläkeläiset Humppa in ihrer Heimat auch unter jungen Menschen wieder populär. In Deutschland spielten sie – nachdem sie jahrelang durch kleinere Clubs getingelt waren – 1999 beim großen Metal-Festival in Wacken.
Die Musik erinnert an Polka und klingt wie ihr Name: um-paa, um-paa, um-paa – mal schneller, mal langsamer. Eine gewisse Nähe zur Zirkus- oder Kasperletheatermusik ist nicht zu leugnen. Das Besondere an Eläkeläiset ist nun, dass sie bekannte Pop- und Rock-Gassenhauer in diesem Stil nachspielen. „We will rock you“ von Queen, „Jump“ von Van Halen oder etwa „I can't get no satisfaction“ von den Stones bekommen mit Bass, Schlagzeug, Akkordeon und zwei Keyboards ihre Humppa-Behandlung: „I can't get no Humppa“. Die finnischen Texte dürften von den Originalen erheblich abweichen, nehmen doch Eläkeläiset sich und andere nicht allzu ernst. Die Zwischenansagen radebrechen sie in rudimentärem Deutsch oder Englisch oder gleich in Finnisch – auch wenn kein Mensch ein Wort versteht. Nach jedem Stück erheben sie sich von ihren Stühlen, ziehen ihre Kapitänsmützen vom Kopf und bedanken sich überschwänglich beim Publikum. Auch bei ihren spontanen Anarcho-Aktionen scheinen sich die Finnen an der britischen Komikertruppe Monty Python zu orientieren. Keyboarder Onni Varis – der sich zwischenzeitlich ein Handtuch um den Kopf gebunden hat und mit seinem Bart wie ein Talibankrieger aussieht – springt unvermittelt auf, holt sich eine Flasche Bier und öffnet sie ungestüm an der Tischkante. Sein Keyboard bearbeitet er auch mal mit dem Fuß. Überhaupt ist der ungezügelte Alkoholkonsum das große Thema bei Eläkeläiset. Als irgendwann das Bier nicht mehr reicht, fordern sie Wodka – „Unser Motor braucht 100 Prozent Oktan!“ – und flößen sich diesen gegenseitig ein. Thema Nummer zwei, wie könnte es anders sein, ist Sex: Die Bandmitglieder ziehen sich gegenseitig damit auf, keinen zu haben. Eläkeläiset entsprechen mit „(Kein) Sex, Alkohol und Humppa“ also der goldenen Rock'n'Roll-Regel.
Das jugendliche Publikum jedenfalls ist begeistert. Ein Mutiger lässt sich von der Bühne aus auf den empor gestreckten Armen der Zuschauer über die Köpfe der Menge hinweg tragen. Weiter hinten im Saal wird der raumgreifende Ausdruckstanz zelebriert. Vor der Bühne hat sich eine enthusiastische Menschentraube gebildet. Die anarchistische „Rentnergang“ sorgt also für ausreichend Ausgleichsgymnastik bei ihren alkoholgeschwängerten Auftritten. Mittelbayerische Zeitung, 28.4.2010
Erleuchtung ist bei ihm nicht garantiert
UNITED COMEDY Der Österreicher Alf Poier beschließt das 15. Internationale Kleinkunstfestival in Regensburg.
REGENSBURG. "Die Wiener Zeitungen schrieben mein Programm wäre niveaulos", berichtet Alf Poier gegen Ende seines Auftritts im Kulturspeicher. Das scheint ihm aber schnurzpiepegal zu sein, denn schließlich sein er "zum Kasper geboren". In roter Cordschlaghose und violettem T-Shirt mit Tattoo-Verzierungen hat er sich zum "Botschafter für Bewusstsein, Scheißdreck und Kunst" gemausert und residiert vor den Toren Wiens in seinem eigenen Museum, wo auch ein Alf Poier-Altar steht - durch Selbstanbetung steigere er das eigene Bewusstsein. In einer Diashow führt Poier über sein Anwesen, legt Wert auf Details wie ein Grasbüschel am Wegesrand und provoziert mit blasphemischer Ikonenmalerei, die ihm schon den ein oder anderen Prozess eingebracht hat.
Seine Mission ist, die Menschheit von Wahn und Illusion zu befreien. Als Hauptfeind hat er jedoch nicht die Religion, sondern die Philosophie ausgemacht, jene Disziplin, die versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu erklären.
Poer, ganz der Mann aus dem Volk, gibt Nachhilfeunterricht in Sachen Kunst. Eine grün angemalte Leinwand soll Kunst sein? Oder wie ein von Kinderhand gemaltes Strichmännchenbild? Poier zeigt sich solidarisch mit dem Stammtisch, der ablehnt, was er nicht versteht und lässt das Publikum über seine selbstgebastelten Objekte abstimmen: Kunst oder Scheißdreck? Dazu fallen ihm so wahnsinnig komische Dinge ein Hai, der ein Hitlerbärtchen trägt: "Hai Hitler!" Das ist solides Grundschulniveau. An platten Wortspielen ist der Comedian, der sich schon im "Quatsch Comedy Club" im Privatfernsehen zeigte, nicht verlegen: Er trinkt stilles Wasser, wei8l es nicht so viel redet. Er rät von der Zweitwohnung ab, weil diese ja "zweit draußen" ist (hier kommt sein charmant-österreichischer Akzent zum Tragen). Er geht aus Langweile zur Unternehmensberaterin, die ihm einen Tipp geben soll, was er unternehmen könnte. Als verkleideter Putzteufel mit Heliumstimme droht er, so lange zu putzen, bis die Reibung ein "Fege-Feuer" entfacht. Eine Überdosis Wortspielerei für den Comedy-Junkie.
Eigentlich komisch, macht Poier doch den Eindruck, sich wirklich einmal mit Philosophie beschäftigt zu haben. Sein Erscheinungsbild eines Alt-Hippies legt eine Reise nach Indien nahe. Seine Erleuchtung hat er dort scheinbar aber nicht gefunden.
Ab und an setzt er sich an sein Schlagzeug, spielt Gitarre und gibt garstige Lieder von sich, der Abschiedsbrief eines amerikanischen Amokläufers dient als Textvorlage. Die Konsumgesellschaft mit ihrem Markenfetischismus könne ihn auch noch so weit bringen - aber glücklicherweise hat Poier ja die Bühne, um sich abzureagieren. Mittelbayerische Zeitung, 12.4.2010
In der Mälze wird für Amnesty gerockt
Das Heimspiel-Festival feiert seinen zehnten Geburtstag. Am Samstag spielen sieben Bands für einen guten Zweck.
Von Jürgen Scharf, MZ
REGENSBURG. Regensburg rockt: Regelmäßig treten in der Alten Mälzerei bei den Heimspiel-Abenden regionale Bands auf. Gesponsert werden die Auftritte von der Regionalbandförderung. Als Höhepunkt der Konzertreihe gibt es einmal im Jahr ein Heimspiel-Festival, bei dem ausgewählte Gruppen auftreten. Dieses Festival, das bereits zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden ist, feiert heuer zehnten Geburtstag – und zum Jubiläum lassen es die Macher richtig krachen: Es wird gleich zwei Festivals geben. Das erste steigt am kommenden Samstag und steht bereits wie in den vergangenen drei Jahren unter dem Motto „Rock for amnesty“. Die Einnahmen werden an die zwei Ortsgruppen von Amnesty International in Regensburg, der „Gruppe 1100“ und dem Asyl-Arbeitskreis, aufgeteilt. Das Kommen dürfte sich aber nicht nur wegen des guten Zwecks lohnen. Für acht Euro Eintritt (Beginn: 20 Uhr) spielen am Samstag in der Mälze auf beiden Etagen sieben Bands. Im Underground heizen Settle Down (Punkrock), Riot In Cell Block 10 (HC/Metal) und als Keller-Headliner Null8sprachrohr (HipHop/Elektro/Thrash) aus Regensburg mit einer bunten Mischung von Hardcore bis Hip-Hop ordentlich ein. Im Club werden Sullen Silence (Indie/Pop), Orange-Code (Alternative/Funk), Manati (Polka/Swing) und als Headliner Lokomotive Blokschoij (Balkan/Klezmer) für Stimmung sorgen. Danach steigt die After-Show-Party mit dem Hi-Kevin-Soundsystem (HipHop/Dub-step/Breakbeats). Das zweite Heimspielfestival wird im Dezember statt finden. Auch der Erlös dieses Festivals wird gespendet, soll nach Angaben der Veranstalter dann aber Menschen in der unmittelbaren Region zu Gute kommen. Mittelbayerische Zeitung, 9.4.2010
Überraschungsei aus buntem Wortgefetz
DICHTKUNST Spannend, vielseitig und unterhaltsam: Der Poetry Super Slam beschert der Mälze ein volles Haus.
REGENSBURG. Am Karsamstag einen Dichterwettstreit vor Publikum auszutragen, zeugt von Mut. Doch die Macher des Thurn und Taxis Kleinkunstfestivals „United Comedy 2010“ behalten recht. Der Saal in der Alten Mälzerei ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, rund ein Viertel der Zuschauer bezeugt mit hochgerecktem Arm, das erste Mal bei einem Slam zu sein. Spannung kommt auf. Auch an Dichtern herrscht kein Mangel: Neben sechs geladenen Gästen melden sich elf weitere Poeten an. Drei müssen vertröstet werden, denn mit 14 Auftretenden ist das Programm rappelvoll. Fünf Minuten bekommt jeder, um mit seinem Selbstgeschriebenen das Publikum zu betören, das den Sieger kürt.
Dreieinhalb Stunden dauert die Prozedur. DJ Rayl Patzak lässt zu Beginn die Scheiben kreisen und bringt das Publikum mit harten Rhythmen auf Kurs. Patzak und Ko Bylanzky führen als Slam Master durch den Abend, erklären Regeln, losen die Auftritte aus, sagen die Künstler an, fassen nach jeder Runde die Darbietungen kurz zusammen, damit das Publikum klatschend seine Wertung abgeben kann. Und sie haben das absolute Gehör, wer beim Publikum die Nummer Eins ist.
Creme de la Creme der Szene
Die Konkurrenz ist groß, nicht nur, weil mit den Gästen die Creme de la Creme der Szene aufgeboten ist: Renato Kaiser ist der erfolgsreichste Slam-Poet der Schweiz. Und die deutschen Slamer Pauline Füg aus Eichstätt, Julian Heun und PEH aus Berlin, Björn Dune aus Dublin/München und Ariane Hussy aus Passau sammeln Slam-Siege wie andere Leute Briefmarken.
Doch auch die angereisten Überraschungs-Slamer haben viel drauf. Nicole Huber amüsiert mit ihrer international affair „An Englishman in Regensburg“, bei der ein Engländer seine liebe Not mit dem Oberpfälzischen hat, während seine Liebste dem Englischen beim Sex entschieden mehr abgewinnen kann. Thomas Spitzer bezaubert das Publikum mit seinem satirischen Märchen einer hässlichen Prinzessin, die mit Backfett im Gesicht und schiefer Krone auf dem Kopf ihr Glück sucht – und nach Glasschuhen, wie sie Aschenputtel trug. Doch der Glasbläser, den sie um Glasschuhe bittet, „machte ein Gesicht, wie ein Pferdeflüsterer, wenn das Pferd zurückflüstert“ und kann nicht helfen.
Der Aasgeier ist platt
Die Lacher auf seiner Seite hat auch Benno Kreuzmaier, der sich schelmisch als „echte Alternative“ zu den jungen, auswendig vorsprechenden, lustigen Poeten anpreist. Doch für ihn selbst unerwartet landet er mit seinem Endlos-Gedicht „Der Parkfriedhof“ einen Treffer, in dem sich ein Geier nach dem anderen, seinen plattgefahrenen Artgenossen essend, überfahren lässt. Englisches ist unter den vorgestellten Werken , Absurdes aus Alliterastan, buntes Wortgefetz – und höchst artifizielle Texte, intelligent, mitreißend, emotional berührend. Der von der Krankheit des Dichtens befallene Renato Kaiser hadert mit seiner literarischen Qualität: Lehrer soll er werden, raten die Eltern. Doch: „Was immer ich schreibe, ist vielleicht nicht so klug. Um nicht Lehrer zu werden, ist`s allemal genug“, rettet sich Kaiser.
Julian Heun besticht sprachlich und von seiner ausgefeilten Performance her mit seiner Zementa Meier, die ein mathetriefendes Banakldiktat schaffen muss. Mit hoher Slamerkunst schafft er es ins Finale. Finalistin der zweiten Runde ist Ariane Hussy, die für den erkrankten „Der Koschuh“ eingesprungen ist, und die eine wilde, witzige Speed-Dating-Story einer Sammlerin von Vaginalzäpfchen rauschhaft und rasant über dem Publikum abfahren lässt. Auch im Finale treibt sie skurrile Blüten. Doch der Sieger des Abends ist Julian Heun, der mit seiner Darstellung eines ungeschickt die Liebe Suchenden den meisten Applaus erhält. Ein gewitztes sprachliches Meisterwerk – und ein klasse Ausklang eines spannenden Abends. Mittelbayerische Zeitung, 6.4.2010
Publikum als Gewinner
Mit bitterbösem Polit-Kabarett erspielte sich der Münchner Max Uthoff am Samstag den Thurn und Taxis Kabarettpreis 2010.
Von Luise Frank
Regensburg. Es war tatsächlich eine „Nacht der Sieger“, wie der Höhepunkt des Kleinkunstfestivals 2010 offiziell heißt. Sieger waren die fünf aus 25 Bewerbern ausgewählten Finalisten, weil sie die Chance hatten, sich auf der Bühne zu präsentieren. Moderiert wurde der Abend von Jörg Schur vom Fastfood Theater. Der große Sieger des Abends war aber das Publikum, das die ganze Kabarett-Bandbreite in hoher Qualität erlebte – und sich prächtig amüsierte!
Der Münchner Max Uthoff ging mutig in die Vollen – und wurde belohnt! Sein Politkabarett auf bestem „Scheibenwischer“-Niveau brachte ihm den Publikumspreis und den ersten Preis der Jury ein. Uthoff nahm die Politik gehörig aufs Korn, zum Beispiel den stets perfekt frisierten Verteidigungsminister zu Guttenberg: „17 Uhr, Kabul – die Frisur hält!“
Auch über Regensburg hatte er sich informiert und bedauerte die arme Stadt: „Von Müller gesegnet, von Schaidinger regiert“. Da helfe nur noch, sich auf die erfolgreichsten deutschen Tugenden zu besinnen: „jammern, verreisen, die Nachbarn verklagen“.
In die Abgründe des Allgäuer Landlebens (samt Balzverhalten und Ernährungsgewohnheiten) blicken ließ der Zweitplazierte Maxi Schafroth. Begleitet von seinem Gitarristen Markus Schalk, überzeugte er auch musikalisch.
Den dritten Platz teilten sich die weiteren Finalisten: der Liedermacher El Mago Masin, der den neuen Dildo von Tupperware besang oder seine traumatischen Erlebnisse mit einer Kirschkernkissen bastelnden Freundin. Marco Vogl aus Landshut, der hinter die Kulissen von Gemeinderäten und Rathausverwaltungen blickte, und Stefan Eichner („Das Eich“), bei dem die Stars der Volksmusikszene ordentlich ihr Fett wegbekamen.
Max Uthoff und Maxi Schafroth werden mit ihren ganzen Programmen demnächst in der Alten Mälzerei zu sehen sein. Regensburger Rundschau, 31.3.2010
Qualität setzt sich durch
Von Luise Frank, (0941) 207-321, kultur@rundschau-mail.de
Ein bisschen überrascht hat es mich schon: Nicht die launige Comedy überzeugte beim Thurn und Taxis Kleinkunstfestival das Publikum, sondern messerscharf sezierendes, intelligentes Polit-Kabarett. Ist jetzt das intelligente Kabarett wieder groß im Kommen? Ein Blick in die Comedy-Formate der Privatsender, und man ist vom Gegenteil überzeugt. Eher ist die Entscheidung beim Kabarettpreis ein Beweis, dass in Regensburg Kenner im Publikum sitzen, die Qualität zu schätzen wissen. Regenmsburger Rundschau, 31.3.2010
Beim 15. United Comedy setzte sich ein Polit-Kabarettist mit Zukunft durch
Dabei bildeten die fünf Kabarettisten jeden Bereich der Comedy ab, den man sich vorstellen kann. Maxi Schafroth etwa nahm die zahlreichen Zuhörer mit auf eine Reise, die direkt in die Untiefen des Allgäuer Alltags führte. Mit hochgezogener Cordhose und Tirolerhut brachte Schafroth das Publikum zum Brüllen.
Doch sowohl die Jury als auch das Publikum votierten klar für Uthoff. Und der hatte es eigentlich nicht eben leicht – denn politisches Kabarett, ohne musikalische Begleitung und Show-Einlagen ist nicht nur die anspruchsvollste Form der Unterhaltung, sie ist auch sicherlich die schwerste.
Doch Uthoff legte eine unglaubliche Qualität politischen Kabaretts an den Tag. Der Jurist riss mit bissigsten Texten das Publikum mit, schockierte es zunächst mit heftiger Kritik an Politikern, Kirche und Gesellschaft. Ein kleiner Ausschnitt: „Eigentlich haben wir ja ein Kabinett aus sozialen Randgruppen. Ein philippinischer Vollwaise als Gesundheitsminister, ein debiler Senior als Wirtschaftsminister, einen schwulen Außenminister und eine geschiedene Protestantin aus der Uckermark als Kanzlerin. Fehlt eigentlich nur noch eine Prostituierte als Frauenministerin“, ätzte Uthoff.
Doch was seinen Auftritt vor allem auszeichnete war, dass er zu aktuellen regionalen Ereignissen Stellung bezog – und rasierklingenscharf parlierte. In Sachen Bayern LB etwa: „Hans Schaidinger klebt nicht an seinem Stuhl, nein, Schaidinger ist der Stuhl“ – die Alte Mälze tobte. Oder über den Regensburger Bischof: „Wenn das Opfer erst beim Kreuztod beginnt, ist es kein Wunder, dass die Latte so hoch liegt und er sich selbst als Opfer sieht“. Da werde die Weidenrute schnell zum Opferstock …
Ein toller Abend jedenfalls in der Alten Mälzerei, ein wunderbares Programm. Nur soviel: Auch Maxi Schafroth, Marco Vogl, El Mago Masin und Stefan Eichner waren absolut preiswürdig! Regensburger Wochenblatt, Christian Eckl, 31.3.2010
Kräftig eingeschenkt
Max Uthoff gewinnt den „Thurn und Taxis Kabarettpreis“.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Das Publikum und die Experten-Jury waren sich einig: Nachdem die fünf kabarettistischen Kombattanten einen jeweils zwanzigminütigen Einblick in ihr Können (und die Dialekt-Vielfalt des Freistaats) gegeben und sich die sechsköpfige Jury, darunter MZ-Kulturredakteurin Susanne Wiedamann, ins stille Kämmerlein zurückgezogen hatten, verkündete Moderator Jörg Schur die Entscheidung. Max Uthoff aus München hatte nicht nur den Publikumspreis, sondern auch den mit 1000 Euro dotierten „Thurn und Taxis Kabarettpreis 2010“ gewonnen.
Ganz wunderbar unkorrekt
Knochentrocken und bitterböse schenkte Uthoff im smart-biederen Business-Outfit Volksvertretern und Würdenträgern kräftig ein. Provokant sezierte er den bedenklichen Zustand der „bayerischen Einheitspartei“ CSU, besetzte deren Prominenz in Neuverfilmungen großer Kinohits (Seehofer in „Liebesgrüße aus Ingolstadt“) und spottete über die durchschaubaren Anbiederungstaktiken zu Guttenbergs auf AC/DC-Konzerten.
Wunderbar politisch unkorrekt sah er in Merkels Kabinett „eine von der Caritas aus sozialen Randgruppen zusammengestellte Reisegruppe“. Lokalpolitisch auf der Höhe der Zeit erkannte Uthoff in Bischof Müllers „geistigem Reichtum“ und OB Schaidingers Tätigkeit als Aufsichtsrat der verschuldeten BayernLB ein natürliches Gleichgewicht – „Yin und Yang“. Als schwäbelnder Unternehmer des waffenproduzierenden Gewerbes drängte er Gummibärchen-kauend einem Mitreisenden in der Bahn ein Gespräch über Rüstung und Moral auf. Uthoffs Programm „Sie befinden sich hier!“ wird demnächst in der Alten Mälzerei zu sehen sein.
Trauma Kirschkernkissen
Der zweitplatzierte Landwirtssohn Maxi Schafroth aus Ottobrunn kontrastierte sehr lebendig das Allgäuer Landleben mit seinen Erfahrungen, die er während einer Ausbildung zum Bankkaufmann in München sammeln konnte. Hier der wortkarge, mürrische Allgäuer, der sich auf der Landstraße ein Traktorduell mit dem Nachbarn liefert, dort der selbstverliebte, dauergrienende Banker, der sich nur noch in Business-Denglisch artikulieren kann. Die Breitkordhose bis unter die Achseln gezogen („1/3 Oberkörper, 2/3 Haxn“), den Rücken gekrümmt, vermochte es der mimenreiche Schafroth, die „Faszination Allgäu“, so der Titel seines ersten Programms, anschaulich zu vermitteln.
Den dritten Preis teilten sich El Mago Masin aus Nürnberg, der Kulmbacher Stefan Eich und Marco Vogl aus Altdorf bei Landshut. El Mago Masin verpackte Gitarre spielend seine geballte Lebenserfahrung in flotte Songs, den Refrain funktionierte er zur Pointe um. Traumatisierende Erlebnisse mit Kirschkernkopfkissen bastelnden Ex-Freundinnen thematisiert der Franke ebenso wie luststeigernde Tupperware-Parties. Ob der eingebaute „Synapsenbeschleuniger“ eine gegenteilige Wirkung zeitigt und einen angefangenen Satz auch einmal im Nichts enden lässt, konnte nicht abschließend geklärt werden.
Stefan Eich echauffierte sich wild gestikulierend über die Unzulänglichkeiten der deutschen Fernsehlandschaft: „Andy Borg im Schlumpfkostüm – ja, geht's noch?“, Volksmusik als Körperverletzung. Nach Zauberstückchen, etwas hastig und zusammenhangslos dargeboten, konfrontierte „Das Eich“ das Publikum mit bohrenden Fragen wie: „Was machen Sommersprossen eigentlich im Winter?“
Die Reinheit deutscher Abgase
Anglizismen in der deutschen Sprache zu beklagen, ist derzeit en vogue im deutschen Kabarett. Das scheint auch der „Dorfbewohner mit Stadterfahrung“ Marco Vogl erkannt zu haben. Deutsche Autos hält er für so rein, dass man ihre Abgase inhalieren kann, Umweltzonen für eine Schnapsidee. Der „Hämorrhoidensalbe in der Apotheke“-Witz hat allerdings schon einen langen Bart. Alles in allem war der Kabarettwettbewerb ein ausgesprochen kurzweiliger Abend, denn: in der Kürze liegt die Würze. Mittelbayerische Zeitung, 29.3.2010
Durch den wilden Blätterwald
Das Schweizer Duo „Ohne Rolf“ hat eine pfiffige Idee: Kabarett, ohne zu sprechen.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Ein Kabarett ohne Worte. Ohne gesprochene Worte, um genau zu sein. Denn das Luzerner Duo „Ohne Rolf“ kommuniziert untereinander und mit dem Publikum über große weiße Papierbögen, auf denen Sätze, Wörter oder Zeichen stehen. Das können sogar Gedanken sein, die sind dann in Klammern gesetzt. Außerdem können Wörter auch noch groß oder klein, fett oder blass, falsch oder richtig geschrieben werden. Oder auf Deutsch mit französischem Akzent. So zum Beispiel, wenn Jonas Anderhub den Chef de Cuisine mimt und sein Kompagnon Christof Wolfisberg ihm die Zutaten reicht. Das Publikum in der Alten Mälzerei staunt nicht schlecht, als aus dem kleinen Topf tatsächlich Rauch aufsteigt. Immer wieder greifen die beiden tief in die Trickkiste – kein Wunder, Christof ist auch gelernter Zauberer. Als ein fehlendes i-Tüpfelchen plötzlich wieder auftaucht, fallen die Besucher in ein anerkennendes „Uhhhh“ ein. Sprachlos ein Lied zum Besten geben? Auch dies kein Problem für die schwarz gewandeten Herren. Als Jonas von seinem Leiterchen hinabsteigt und sich für ein Nickerchen hinlegt, lässt Christof dem Kärtchen „Bruder Jakob“ eines mit „Hörst Du nicht die Glocken?“ folgen – und schon hat man die bekannte Kindermelodie im Kopf.
Überhaupt nicht vertraut hört sich dagegen der kasachisch klingende Rap nach der Pause an. Begleitet wird er von einem Mini-Megaphon, das verzerrtes Kuhmuhen entlässt und absurden Aktionen – die Leitern werden kurzerhand in Hirschgeweihe umfunktioniert. Aber eigentlich sind die zwei „Blattländer“ gekommen, um von uns „Stimmberechtigten“ das Sprechen zu lernen. Wenn da nicht diese beiden kleinen bösartigen Kassettenrecorder wären, die in den Händen der Zuschauer über deren Köpfe hinweg miteinander kommunizieren. Sie haben nur ein Ziel: Sie wollen die Renegaten wieder einfangen. Nachdem die Probleme mit den japanischen Schriftzeichen der Gebrauchsanweisung gelöst sind, können die Kassettenrecorder-Häscher aber glücklicherweise abgestellt werden. Nun haben „Ohne Rolf“ endlich die Chance, sich von einem Zuschauer das Geheimnis des Sprechens offenbaren zu lassen. Heinz Jenni, so nennen sie ihren Auserwählten, lernt schnell auf einer Leiter zwischen den „Blattländern“ stehend die „Umblätter-Sprache“. Sogar einen gelungenen Witz hat er auf dem Papierlager: „Welches Tier dreht sich nach seinem Tod noch 120 mal um die eigene Achse? – Das Hähnchen“. Als Zugabe fangen „Ohne Rolf“ mit einem rotsamtenen Schmetterlingsfänger noch ein paar Gedanken der „Stimmberechtigten“ ein und veröffentlichen sie auf ihrer Blättertafel. Dabei ist die Frage „Gibt es von ‚Ohne Rolf‘ auch eine CD?“ wohl die hintersinnigste Grübelei. Mittelbayerische Zeitung, 20./21.3.2010
Senkrechtstarterin
Kleinkunstfestival. Die Österreicherin Nadja Maleh versetzt die Alte Mälzerei in den Ausnahmezustand.
VON FLORA JÄDICKE, MZ
REGENSBURG. So hat man die Alte Mälzerei selten erlebt. Männer pfeifen den Frauen in der ersten Reihe vor ihnen fast das Trommelfell weg und die Frauen können sich auch kaum halten vor Begeisterung. Denn um sie dreht sich fast alles in dieser Show. Der Grund für dieses Publikum außer Rand und Band war Nadja Maleh, die Senkrechtstarterin der österreichischen Kabarettszene. Und an dieser Frau ist nichts zu Unrecht hochgejubelt. Sie ist ein absoluter "Topact", eine Ausnahmeerscheinung und Schauspielerin. Und zwar eine, die bei ihrem Programm "Flugangsthasen" in circa zwölf verschiedene Rollen schlüpft. Wenn es sein muss, auch im Sekundentakt.
Sie bietet eine Show der Extraklasse. Einziges Requisit ist eine Packung Dinkelbrezen vom Ökohersteller für den geduldigen (männlichen) Zuschauer, den sie während ihres zwei Stunden-Programms immer mal gerne nervt. Sei es mit kleinen Bosheiten, einfach weil er ein Mann ist, oder mit den Beschuldigungen der indischen Karma-Expertin Mandalah, die ihn unverhohlen für die schlechte Energie im Raum verantwortlich macht. "Spüren Sie das? Das schlechte Karma? Das kommt aus dieser Richtung?" Denn Malehs Flugangsthasen haben eigentlich wenig mit dem Fliegen an sich zu tun. Vielmehr spielt sich da hoch oben über den Wolken ein wahres Panoptikum an bizarren Gestalten ab: Eine Revue gescheiterter Künstler, denn "Maleh Airlines" will die Themen Arbeitslosigkeit und Künstler zusammenbringen.
Für den Zuschauer wird das zu einer sensationellen Zerreißprobe zwischen "Aua" und "Aua - ist die gut". Da ist zum Beispiel die muntere Ex-DDR-Tussi Ramona, die sie schräg in selten gehörten Frequenzen singt, dass man sie am liebsten über Bord werfen würde. Und die fast schon genial gespielte Frau Professor Huber, die mit dem verwirrten Charme eines Hans Moser wissenschaftlich ergründet, ob die Emanzipation der Frau umsonst war.
"Machen Männer heute die Hälfte der Hausarbeit und wenn ja, wer macht die andere Hälfte?" Ein bisschen Kalauern ist erlaubt, bevor sie dann tatsächlich über Bord geht. Denn die aalglatte Stewardess muss ihr Programm durchziehen und Frau Professor Huber war gerade erst am Beginn ihres köstlichen Weltentwurfs.
Was Nadja Maleh zu einer der frischesten und herausragendsten Nachwuchskomödiantinnen macht, ist ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Sie spricht die wildesten Verhaspler so exakt und schnell, dass ihre Zuhörer nur staunen. Genauso schnell wechselt sie auch die Rollen und trifft dennoch jeden Charakter auf den Punkt genau: Zum Beispiel den amerikanischen Teenager, der zur "American Teen-Princess" gewählt wurde und erzählt, warum sie keinen Sex vor der Ehe hat.
Ganz nebenbei: Mit Nadja Maleh steht soviel Frau auf einer Kleinkunstbühne wie selten. Sinnlich, attraktiv und intelligent glänzt sie mit einer prickelnden Bühnenpräsenz. Und so ist es kein Wunder, dass die Stimmung den ganzen Abend kocht. Daran ändert auch ihre höchst eigenwillige "Männer"-Darbietung für Taubstumme nichts, bei der sie sich mit jedem "Männer", das Grönemeyer über die Lippen kommt, in den Schritt fasst.
"Flugangsthasen" ist ein grandioser Höhenflug der Comedy durch die Nationen. Die "rassige Italienerin" fliegt ebenso mit wie Leila, die Hobby-Terroristin. Nadja Maleh entlarvt die typischen Rollenbilder und Klischees in einem unglaublichen Ritt über die Lachmuskeln. Die Tochter eines Syrers und einer Tirolerin wurde schon mit vielen Preisen ausgezeichnet. Von den intelligenten Texten bis zur Bühnenshow ein echtes Erlebnis, das keiner verpassen sollte. Mittelbayerische Zeitung, 16.3.2010
Rosinen-Picker
Horst Evers begeistert mit seinem Programm „Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen“.
REGENSBURG. VON FLORA JÄDICKE, MZ
Da steht er nun. Rotes Kordhemd, schwarze Jeans. So kennt man Horst Evers. Begleitet von Schreibtisch, Mikrophon und von seiner unnachahmlich scheinbar naiven Sicht auf die Welt. Die Knie zusammengezogen wie ein artiges Mädchen, blickt er ein wenig schüchtern drein. Keine Spur von der Hinterlist, die uns gleich in die Abgründe des menschlichen Seins führen wird.
Mit kindlichem Blick findet Horst Evers seine luftig-leichten Anekdoten und Geschichten. Und zwar genau die, die einem direkt vor Füßen liegen, mitten unter dem Gestrüpp des Alltags. Dabei erweist er sich als echter Rosinen-Picker und Meister des Kopfkinos. Wer sonst würde in einem Drucker, der nicht druckt, statt eines nervtötenden Elektrogeräts eine Diva sehen. „Nichts is! Hab ich doch gesagt.“ Er könne ja das druckerinterne Programm starten, empfiehlt die mal wieder verschnupfte Drucker-Diva. Warum sie nicht druckt? „Weiß ich auch nicht. Vielleicht drucke ich ja heute Nacht. Alles auf einmal und gleich viermal. Ich werf's dann wieder dahin, wohin sonst auch.“ Während Evers seine manikürten Nägel prüft und mit Schmollmund das Seelenleben des Druckers darlegt, steigen dem Publikum Lachtränen in die Augen.
Alltagsecht und kalauerfrei
Eigentlich ist er kein Kabarettist im üblichen Sinne. Sondern ein Geschichtenerzähler, irgendwo angesiedelt zwischen Kabarett und Comedy, 100 Prozent alltagsecht und kalauerfrei. Das macht die Komik dieses königlichen Fabulanten, der eigentlich Gerd Winter heißt, aus. Dabei liegt die Übertreibung nicht einmal in den Worten, sondern ganz allein in der bestechenden Logik seiner Szenen und der penibel genauen Beschreibung dessen, was uns Tag für Tag umgibt. Manchmal hat er umwerfende Ideen: Zum Beispiel wie man heute für morgen das Brot von gestern kauft und nur den halben Preis zahlt. Was ihm sein Publikum mit tosendem Applaus dankt. Am Ende ist die Bäckereiverkäuferin nahe am Nervenzusammenbruch.
In Evers' Programm „Schwitzen ist wenn Muskeln weinen“ geht es aber auch um Sport: „Nur fehlt mir für den immer die Zeit“, sagt er zu Beginn. Und so leuchtet der Titel des Programms auch erst mit dem Schlusssatz wirklich ein. Da erinnert er sich an den Geruch seiner Kindheit, als der ganze Raum nach Seniorengymnastik roch“, just in dem Moment, da die junge Ärztin ihn wegen der Gelenke ermahnt. „Nur diesmal war dieser Geruch von Seniorengymnastik ich. Und da dachte ich „Schwitzen ist wenn Muskeln weinen“.
Die Psyche des Toasters
Wenn der Niedersachse erzählt, dann ist sein Tonfall Stilmittel. Mal unaufgeregt, mal gedehnt oder im Telegrammstil erzählt er seine Geschichten. Und manchmal fuchtelt er dazu mit den Armen, wenn er die Welt erklärt, damit auch der Letzte versteht wie alles miteinander verwoben, leicht ineinandergleitend und aufeinander aufbauend in dieser Welt funktioniert.
Manchmal liest er von einem Stapel bedruckter Papiere, die er unentwegt sortiert und ordnet. Da entdeckt er, wie es um Psyche und Rollenverteilung von Toaster und Waschmaschine bestellt ist: Ersteres Gerät hatte kein Selbstbewusstsein und „toasten war irgendwie nicht sein Ding“. Dagegen sei die Waschmaschine klar zur Führungsposition geboren: „Da zittern alle anderen Geräte und wenden sich ihr langsam zu.“ Behutsam kleidet er seine Protagonisten in eine liebenswert skurrile Komik, ob sie nun Verschwörungstheoretiker sind oder nur das ewig gestohlene oder doch vergessene Fahrrad. Mittelbayerische Zeitung, 16.3.2010
Voltaire im Chefsessel am Steinway-Flügel
Hagen Rether im Antoniussaal: Dreieinhalb Stunden intellektuelles Vergnügen
Regensburg. Von Florian Sendtner, MZ
Soll in einem Klassenzimmer ein Kreuz an der Wand hängen? Über dieser Frage wäre in Bayern 1995 beinah der Bürgerkrieg ausgebrochen. Dabei lautet die viel interessantere Frage: Darf in einem katholischen Pfarrsaal mit einem Trumm Kruzifix an der Wand ein Kabarettist auftreten, der ebenso genüsslich wie ausführlich die Kirche schmäht? Doch es hat schon recht gut gepasst, dass Hagen Rether am Samstag ausgerechnet im Antoniussaal aufgetreten ist. Immerhin war der klavierspielende Kabarettist aus Essen, der schon so ziemlich alle Kleinkunstpreise eingesammelt hat, die es gibt, vermutlich der erste seit Jahren in diesem Saal, der dem Kreuz an der Wand überhaupt Beachtung geschenkt hat: „Da hängt er!“
Was der gerade 40 gewordene, schlanke, hochgewachsene Mann mit dem Pferdeschwanz zum Thema Kirche vom Stapel lässt, ist nicht der gegenwärtigen Flut von Missbrauchs-Aufdeckungen geschuldet. Den Pädophilieskandal der katholischen Kirche tippt Rether nur an und macht sofort kurzen Prozess: „Warum macht man den Laden nicht einfach dicht: Wegen Menschenverachtung geschlossen?“ Rauschender Beifall im Pfarrsaal. Ansonsten ist Rether bei dem Thema beileibe kein Trittbrettfahrer. Er hat die Religion im allgemeinen und den Katholizismus im besonderen schon immer im Visier; die Nummer „Bin Beten“ auf seiner aktuellen CD „Liebe zwei“ ist mit Abstand die längste. Vom Papst lässt Rether nicht viel übrig: „Ratzinger hat jetzt die Vorhölle abgeschafft. In der Psychiatrie sitzen Leute für weniger.“ Übertrieben, so heftig auf den armen Papst einzuprügeln? Ach wo: „Die hatten 2000 Jahre Zeit, was Vernünftiges draus zu machen, da wird ja wohl Zeit sein für 20 Minuten Gegendarstellung.“
Aber sollten unter den 650 lachenden Seelen im Saal welche sein, die vom Papst abgefallen sind und sich stattdessen dem Dalai Lama ergeben haben – auch dem wird umgehend heimgeleuchtet, diesem „Peter Lustig für enttäuschte Christen“, diesem „Automaten für Binsenweisheiten“, diesem „77-jährigen Wackeldackel, der ständig grundlos kichert.“ Nein, Wellnesskabarett ist nicht Hagen Rethers Sache.
„Das ist nicht lustig!“ unterbricht er das gackernde Publikum, und oft genug erstirbt das Lachen auch ohne seinen Einspruch. Mehr als einmal ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören würde. Aber im nächsten Moment macht er dann selber wieder einen Witz über die Paranoia des Politikbetriebs, greift endlich, endlich in die Tasten des von ihm bis dahin nur in einem Anfall von Putzwahn blank polierten Steinway-Flügels, legt eine wunderbare Grönemeyer-Parodie hin, die das hirnerweichende „Mensch“-Gebrabbel akkurat auf den Punkt bringt und in einer Travestie von Grönemeyers „Männer“-Song endet: „Frauen sind Schlampe und Fee, pinkeln kein Muster in den Schnee.“ Man könnt meinen, Voltaire persönlich sitzt am Piano. Die ruhige Überlegenheit der Aufklärung im Chefsessel. Über dreieinhalb Stunden dauert Rethers Sinnieren und Räsonieren, sein Singen und Spielen und Moralisieren und Predigen. Und Hingabe und Andacht des Publikums sind ihm von der ersten bis zur letzten Sekunde sicher. Mittelbayerische Zeitung, 8.3.2010
Sound – ganz groß geschrieben
Sonische Reise mit den „Sofa Surfers“ aus Wien.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Sie erklimmen die Bühne, drehen ihre Verstärker auf, fahren die Laptops hoch und fangen – bescheiden wie sie sind – einfach an, zu spielen. Dass sie die „Sofa Surfers“ sind, erwähnt der Mann an der Elektronik irgendwann nach dem dritten oder vierten Stück ganz nebenbei. Das gemütliche Sofa haben die sechs Enddreißiger allerdings mit ihrem vorletzten Album „Sofa Surfers“ (2005) hinter sich gelassen. Auch in den Stücken des neuen Albums „Blindside“ rocken sie wieder kräftig drauf los, ohne dabei ihren charakteristischen „Sofa Surfers“-Sound zu verleugnen.
Live sind sie ein echtes Erlebnis. Es geht ihnen um „Sound“, groß geschrieben und fett gedruckt. Die Einzelbestandteile ergeben ein Ganzes, greifen ineinander, als Zuhörer fühlt man sich von der Musik komplett umgeben und weggetragen. Im Vordergrund stehen Bass und Drums. Schlagzeuger Michael Holzgrubers virtuos gespielte Breakbeats nehmen den geneigten Hörer auf eine sonische Reise mit, die vielleicht in einem New Yorker Jazzclub der Sechziger Jahre enden könnte. Wolfgang Schlögl legt dazu einen vibrierenden, knietiefen elektronischen Klangteppich aus, der perfekt zu Timo Novotnys auf den Bühnenhintergrund projizierten Filmen passt.
Kino für den Kopf
Verwischte abstrakte Bilder zeigen diese Filme, die nicht allzu viel verraten, außer vielleicht, dass man in ständiger Bewegung ist. Nicht zufällig hat Regisseur Wolfgang Murnberger die „Sofa Surfers“ seine Wolf-Haas-Verfilmungen „vertonen“ lassen. Auch bei ihrem Live-Auftritt in der Alten Mälzerei erzeugen sie eine kinematographische Atmosphäre. Und der Film, den sie zeigen, spielt in einer tristen, menschenfeindlichen winterlichen Großstadt, nachts. Ein diffus bedrohliches Gefühl macht sich breit. Kino für den Kopf, mitten in einer (Sound-)Kathedrale. Die latente Aggressivität einer urbanen Betonwüste bringen die „Sofa Surfers“ immer wieder durch punkig-rockige Explosionen zum Ausdruck. Punk als Aufschrei gegen als unhaltbar empfundene Verhältnisse. Musik, ohne Text, als politisches Statement. Gitarrist Wolfgang Frisch und Bassist Markus Kienzl nehmen in den härteren Passagen eine nach vorn drängende Körperhaltung ein – jetzt bitte anschnallen, auf der Stadtautobahn gibt's kein Tempolimit.
Eine Live-Band
Emmanuel Obeya, in Nigeria geborener und in England aufgewachsener Sänger, kontrastiert und ergänzt den düsteren Bandsound. Seine Soulstimme verleiht den Stücken wieder etwas mehr „Menschlichkeit“. Soul-Rock, wenn man so will. „Sofa Surfers“ sind eine Band, die man live erleben muss. Ein Tonträger kann die überwältigende Energie ihrer Auftritte nur bedingt wiedergeben. Schon jetzt eines der besten Konzerte des Jahres! Mittelbayerische Zeitung, 26.2.2010
Weg von der Elektronik, zurück zu den Wurzeln als Band
In den späten 90ern waren sie Aushängeschild der Wiener Trip-Hop-Szene. Jetzt sind sie eine veritable Rockband. Morgen spielen die Sofa Surfers in der Mälze.
Wien/Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Für die Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis steuerten die Sofa Surfers die Soundtracks bei. Mit ihrem Ende März erscheinenden Album „Blindside“ gastieren sie am Mittwoch in der Mälze. Die MZ sprach mit Sofa Surfer Markus Kienzl (36).
Ihr habt vergangenes Wochenende in Istanbul gespielt. War dort zum ersten Mal Euer neues Programm zu hören?
Nein, wir haben nach und nach die neuen Stücke in unser Repertoire eingebaut. In Istanbul haben wir ein Set gespielt, wie es auch in Regensburg zu hören sein wird.
Hat sich an Eurer Live-Präsentation im Laufe der Jahre etwas verändert?
Wir haben uns definitiv weiterentwickelt. Vor der Veröffentlichung des Albums „Sofa Surfers“ 2005 hat jeder für sich am Computer gearbeitet. Jetzt sind wir wieder mehr als klassische Band unterwegs, machen gemeinsam Musik, entwickeln die Songs gemeinsam beim Jammen im Studio, sind also weniger abhängig von der Elektronik. Im Prinzip war's auch eine Art Zurückkommen: In den Anfangstagen der Band, bevor wir die Elektronik entdeckten, haben wir auch klassisch als Band zusammengespielt.
Mit dem Album „Sofa Surfers“ hat die Band einen Schritt weg vom typischen Sofa-Surfers-Sound gemacht, hin zum Rock.
Das hat sich aus der Neuorientierung in Sachen Live-Präsentation ergeben, wobei rockige Ansätze schon vorher in unserer Musik zu erkennen waren. Einige Hörer waren sicherlich irritiert. Aber das Live-Programm fand ein gutes Echo und wir konnten auch neue Hörer dazugewinnen. Aber eigentlich sind wir auch mit den rockigen Stücken unseren Grundintentionen treu geblieben. Wir wollten 2005 neu durchstarten.
Die Sofa Surfers haben die Soundtracks zu Wolfgang Murnbergers' Verfilmungen der Wolf Haas-Krimis komponiert („Komm, süßer Tod“, „Silentium“, „Knochenmann“). Wie seid Ihr dazu gekommen? Und wie war die Zusammenarbeit mit Murnberger, Autor Wolf Haas und Schauspieler Josef Hader?
Zum einen hatten wir zuvor schon selbst Musikvideos gedreht und auch Filmmusiken geschrieben. Zum anderen wollte es der Zufall, dass Murnbergers Stiefsohn damals viel Sofa-Surfers-Musik gehört hat und seinem Stiefvater vorschlug, uns zu engagieren. Das Angebot haben wir natürlich dankend angenommen.
Bei der Produktion seiner Filme sind wir bereits in einer frühen Phase involviert. Wir bekommen das Drehbuch zu lesen und versuchen, für unseren Soundtrack Stimmungen, Farben und die Geschwindigkeit des Films einzufangen. Mit Haas und Hader haben wir an sich nicht so viel zu tun. Ist das Drehbuch geschrieben, ist Haas' Arbeit getan. Und Hader gibt während der Produktion ab und zu seinen Senf ab. Insgesamt ein sehr angenehmes Team.
Ihr komponiert die Musik auch für die nächste Haas-Verfilmung „Das ewige Leben“, der 2011 in die Kinos kommen soll. Sitzt Ihr schon dran?
Haas und Hader haben zurzeit viel zu tun, sind ständig auf Tournee. Das Drehbuch muss also erst noch geschrieben werden. Wir werden uns erst nächstes Jahr ans Produzieren machen. Wir arbeiten zu dritt am Soundtrack: Wolfgang Frisch, Wolfgang Schlögl und ich. Unser Schlagzeuger Michael Holzgruber ist dann für das Webdesign zuständig.
Euer letztes Album erschien vor fünf Jahren? Was habt Ihr in der Zwischenzeit gemacht?
Nach dem letzten Album haben wir erstmal viele Konzerte gegeben. Danach haben wir an Soloprojekten und Filmmusik gearbeitet. Die Stücke des neuen Album „Blindside“ haben wir immer wieder neu aufgenommen, da wir mit den Zwischenresultaten nicht ganz zufrieden waren. Da unser bisheriges Label „Klein Records“ wegen der Download-Problematik nicht mehr viel verkauft und seine Aktivitäten eingeschränkt hat, waren wir gezwungen, uns um das ganze wirtschaftliche Set-Up zu kümmern: Label, Distribution und so was.
Ihr entwerft in Euren Texten ein ziemlich pessimistisches Gesellschaftsbild.
Wir waren ja noch nie die großen Optimisten. Aber für die Texte auf „Blindside“ war ausschließlich unser Sänger Mani Obeya zuständig, der einen sehr lyrischen Zugang hat. Er war bei unseren Sessions mit im Studio und hat die Stimmung eingefangen, Lyrics und Musik haben sich also gegenseitig beeinflusst. Inhaltlich geht es, grob gesagt, um fragile zwischenmenschliche Beziehungen und politische Themen. So wie im letzten Song der CD, „Safe Zone“: Regierungen sind mal rechts, mal links, für die Bevölkerung bleibt alles beim Alten.
Euer Auftritt im Jahre 2002 ist in der Alten Mälzerei zum Konzert des Jahres gewählt worden. Kannst Du Dich an den damaligen Auftritt noch erinnern?
Oh ja, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Wir waren mit dem New Yorker Rapper Oddatee unterwegs. Wir hatten zunächst technische Probleme mit unseren Projektionen. Nach dem Konzert haben wir richtig viel Merchandising verkauft. Ja, ich erinnere mich und freue mich auf den Auftritt in Regensburg. Mittelbayerische Zeitung, 23.2.2010
Absurdes von Evers bis Rether
Das Thurn- und Taxis Kleinkunstfestival United Comedy 2010 präsentiert Newcomer und Stars der komödiantischen Kunst.
REGENSBURG. VON FLORA JÄDICKE, MZ
Eine handverlesene Auswahl von Kabarettisten, Komödianten und „Theater-Sportlern“ wird zum Thurn und Taxis Kleinkunstfestival (6.März bis 9.April) erwartet. Auch der Bayerische Rundfunk ist vor Ort, wie Organisator Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei ankündigt. Gesendet wird unter anderem die Verleihung des Kabarettpreises 2010, der dieses Jahr unter fünf Finalisten aus Oberfranken, Niederbayern, Schwaben und Oberbayern vergeben wird. Der Preis wird zum achten Mal ausgelobt.
Sprung auf die Bühne inklusive
An die 100 Kabarettehrungen gebe es inzwischen, sagt Programmchef Krottenthaler. Aber der Thurn und Taxis Kabarettpreis zähle zu den wenigen, bei denen der Sprung auf die größeren Bühnen inklusive ist. Lizzy Aumeier, Martina Schwarzmann oder Nepo Fitz können das bestätigen. Neben der Jury entscheidet auch das Publikum in der „Nacht der Sieger“ am 27. März mit. Ebenso gespannt darf man auf den Rest des Programm des 15. Festivals sein. „Wir sind international und offen für alle Formen“, sagt Krottenthaler. „Kabarett, Comedy, Slapstick oder Theatersport, alles ist dabei. Und wir fördern gezielt unbekannten Nachwuchs.“ Mit von der Partie sind Neuentdeckungen und Stars aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Flugangsthasen unterwegs
Hagen Rether (6.März) startet mit Musik- und Politkabarett. Er zieht zu Felde gegen Heuchelei, Angstmacherei, Ungerechtigkeit und Verdummung. Horst Evers (12.März) versteht sich mehr als Geschichtenerzähler, der die „absurden kleinen Begebenheiten“ ins Rampenlicht hebt. Als besonderes Highlight kündigt Krottenthaler die Österreicherin Nadja Maleh an. Von der Presse bejubelt, bringt sie in „Flugangsthasen“ (13.März) eine „Sensation und selten viele tolle Frauen auf einen Quadratmeter Bühne“. Auch „Ohne Rolf“ (18.März) aus der Schweiz sind ein absolutes Novum. 1000 Plakate sagen hier mehr als gesprochene Worte. Sie versprechen absurdes Theater in eine „komplett neuen Kleinkunstform“.
Beim „Impro-Match“ (21.März) treten „Fastfood“ aus München gegen „Für Garderobe keine Haftung“ aus Wiesbaden an. Sie gehören beide zu den Besten Deutschlands. Ebenfalls mit den Füßen abstimmen wird das Publikum beim „Poetry Super Slam“ (3.April). Zu Recht bezeichnet „Der Spiegel“ den Poeten-Wettstreit als „eines der letzten großen Abenteuer – für Fans von Literatur und Intelligenz“. Mittelbayerische Zeitung, 10.2.2010
Juri Gagarin, Spiderman und Biene Maja
Wladimir Kaminer bezaubert seine Zuhörer im Kulturspeicher mit russischem Akzent und schrägen Geschichten, die das Leben schreibt.
Regensburg. Von Katharina Kellner, MZ
Alle schreiben irgendwo ab. Die frisch gebackene Bestsellerautorin Helene Hegemann hat deshalb mächtig Ärger, Sebastian, der Sohn von Wladimir Kaminer, auch. Er hat in einer Englischarbeit abgeschrieben, weshalb seine Lehrerin vom Vater eine schriftliche Erklärung verlangt. „Die hätte ich auch gerne von jemandem abgeschrieben, ich hatte aber niemanden“, erklärt Kaminer seinen Zuhörern im Regensburger Kulturspeicher. Zumindest war es sein bester Text der vergangenen Woche, meint er. Der 42-jährige Kultautor hat vor zehn Jahren sein erstes Buch „Russendisko“ vorgelegt, das als neuer großer Berlin-Roman gefeiert wurde. Darin erzählt er von seinen Anfängen in Berlin, wohin er 1990 ausgewandert ist: Das Ticket von Moskau in die ehemalige DDR kostete damals nur 96 Rubel. Seine Tage im Plattenbau-Ausländerheim von Marzahn sind lange vorbei, heute hat Kaminer zwei Kinder, die sich rasant auf die Pubertät zu bewegen. Deshalb hat er ein neues Thema, das eine unerschöpfliche Quelle für komische, tragische, kuriose und absurde Erzählungen ist: Die Schule. Treu geblieben ist Kaminer seiner Gewohnheit, in witzigen, hintergründigen Kurzgeschichten den ganz normalen Alltagswahnsinn zu schildern. Eigentlich schreibe er am „Buch des Lebens“, sagt Kaminer: „Nur mein Verlag hat das noch nicht kapiert, die machen jedes Mal ein neues Cover. Letztes Jahr sind sogar zwei Bücher von mir erschienen: Ein rotes und ein grünes.“
Im Kletterwald am Karabiner
Kaminer liest zunächst mehrere bislang unveröffentlichte Texte. Er wühlt in einem Haufen verstreuter Manuskripte auf dem Tisch der Bühne, zieht eines heraus. Er setzt sich nicht während des Lesens, sondern bleibt den ganzen Abend vor dem Tisch stehen – nahe am Publikum. Er liest über den Ausflug in den „Kletterwald“ am Schulwandertag mit der Klasse seiner Tochter Nicole. Die will ihn dabei haben, damit er den Vater von Marie ablenkt, einen raubeinigen Polizisten, der schon Ausbilder in Afghanistan und im Kosovo war. „Wir wollen im Zug in Ruhe Musik hören“, erklärt Nicole. Im Kletterwald angekommen, findet sich Kaminer schnell auf der „Extremroute“ wieder – „in mörderischer Höhe zwischen zwei Seilen an einem Karabiner hängend“. Nicht weniger gefährlich erscheint ihm das Dickicht der deutschen Bürokratiesprache. „Wörter wie ,Einverständniserklärung‘ oder ,allgemeine Geschäftsbedingungen‘ haben keine Entsprechung im Russischen“, erklärt er. In Deutschland müsse man dagegen ständig Einverständniserklärungen unterschreiben – sogar für den Kindergeburtstag, weil der in einem Abenteuerpark stattfindet.
Die gute deutsche Wertarbeit
Dabei sind die Deutschen in Russland für ihre Pingeligkeit hoch geschätzt, wie Kaminer in einem Moskauer Spielzeugladen festgestellt hat. Dort weiß eine gut informierte Verkäuferin, dass die Deutschen wahre Wertarbeit leisten: Wenn sie einen Porsche bauen, der auch nur einen Millimeter zu kurz oder zu lang ist, dann „werfen sie ihn sofort in die Tonne und bauen einen Neuen.“ Und auch das deutsche Ordnungwesen ist ein organisatorisches Wunderwerk: Ruhestörern und Fußgängern, die bei Rot über die Straße laufen, wird noch im Augenblick der Gesetzesübertretung die Strafe von ihrem Konto abgebucht, erklärt die Verkäuferin dem verdutzten Kaminer. Der fragt sich, was die Frau wohl in Deutschland erlebt haben muss. Aus seinem neuen Buch „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ stammt die Geschichte über „Die Helden des vorigen Jahrhunderts“. Darin erzählt Kaminer von den Flughelden, die es in jedem Land gab: Die Deutschen hatten Biene Maja, die Schweden Karlsson vom Dach, die Amerikaner hatten Superman, Batman und Spiderman. „Der größte Flugheld Russlands war natürlich Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltall. Nach ihm wurden Straßen, Schulen und ganze Städte benannt, seine Fotos wurden an allen Ecken als Souvenirs verkauft, er blickte einen von überallher an, er war allgegenwärtig.“ Einer Bekannten, die als Proktologin arbeitete, sah Gagarin sogar aus dem Hinterteil eines Patienten entgegen – aus einer „kleinen Plastikrakete mit einem Gagarin-Dia in der Mitte, die als Souvenir sehr beliebt war.“ Kaminers Geschichten sind vergnüglich zu lesen, noch besser ist es aber, sie vom Autor selbst vorgelesen zu bekommen. Er kultiviert seinen russischen Akzent, rollt das ,R‘ und hat seine ganz eigene Sprachmelodie – und einen eigenen Blick auf die Dinge. Eine Kaminer-Lesung ist also eine höchst vergnügliche Angelegenheit, da waren sich die Zuhörer im Kulturspeicher hörbar einig. Im Grunde fallen auch Kaminer seine Geschichten zu. Aber nicht durch Abschreiben, wie seinem Sohn oder Helene Hegemann, sondern das Leben selbst steckt sie ihm. Kaminer beobachtet genau. Sein Sinn für das Schräge und Absurde hilft ihm, das Leben zu verstehen. Mittelbayerische Zeitung, 13.2.2010
Treffer ins Schwarz
In „3 Sekunden Gegenwart“ verknüpft Claus von Wagner private Vergangenheitsbewältigung mit aktuellem Politikgeschehen.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Claus von Wagners Bühnen-Alter-Ego heißt Joachim, ist 32 Jahre alt und ziemlich verbittert. Auf dem Speicher des heimatlichen Elternhauses im oberbayerischen Miesbach kruschtelt er in seinen zurückgelassenen Habseligkeiten herum. Die alte Videokamera zeigt Aufnahmen der zweieinhalbjährigen Karla. Seine Ex, die jetzt als Bonusmeilen-sammelnde Unternehmensberaterin Karriere macht, habe ja jetzt einen Neuen. „Humor-Firewall“ Heiko ist Wirtschaftsjurist und „hat so weiße Zähne, dass man bei Stromausfall denkt, es leuchtet einem Flutlicht entgegen.“ In einem Gerichtsverfahren macht ihm die Ex das Umgangsrecht für die Tochter streitig. Geheiratet haben die beiden ja nie: Hochzeitsgäste sind doch wie Katastrophentouristen. Auch das Versenden eines Neugeborenenfotos haben sie sich gespart. Auf seinem Rechner befänden sich mittlerweile Aufnahmen von zwanzig wildfremden nackten Kleinkindern – da erginge es ihm bei der nächsten Onlinedurchsuchung schlecht. Das Hemd aus der Hose, die Ärmel hochgekrempelt, der Dreitagesbart ungepflegt – Herr Wagner macht einfach keinen guten Eindruck auf dem Jugendamt und vor Gericht. Und es war auch nicht gerade clever, seinen Sorgerechtsanspruch mit einem verwegenen Gleichnis zu untermauern: Wenn er eine Münze in einen Colaautomaten stecke, gehöre die Dose anschließend ja auch ihm.
Claus von Wagner setzt die Pointen in der Alten Mälzerei mit hoher Schlagzahl. Seine fließenden Übergänge vom Privaten ins Politische treffen ins Schwarze. Ein Söder-Interview sei wie das Universum, unendlich leer. Die BayernLB, ein Schwarzes Loch. Die Verzweiflung über das private Leid, das ihm von Amts wegen zugefügt wird, findet ihre Entsprechung in seiner politischen Desillusionierung. Wie kann der deutsche Wähler mitten in den Trümmern des Finanzkapitalismus den Bock zum Gärtner machen? Gibt es ein Aussteigerprogramm für die FDP? In der neu interpretierten Weihnachtsgeschichte verlangt Ursula von der Leyen mehr Krippenplätze und Steinmeier erhält die Rolle der Stalltüre: immer offen für alles. Russische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass der Moment, welchen man als Gegenwart wahrnimmt, genau drei Sekunden dauere. Genauso lang wie die Botschaft, mit der man hierzulande einen Wahlkampf gewinne: Steuern runter. Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger, Volksvertreter verkaufen…. Mittelbayerische Zeitung, 8.2.2010
Konzert des Jahres 2009
Die Würfel sind gefallen, das beste Live-Konzert 2009 gekürt, die Kandidaten nehmen ihre Plätze in unserem Pantheon ein. Dem Zwang zur Objektivität wollten wir uns beugen, bedingungslos sachlich sollte es wieder zugehen und alle sollten zu Wort kommen. Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmal für die vielen Vorschläge. Hier nun der ebenso definitive wie subjektive Final-Countdown. Zum Konzert des Jahres 2009 wurde gewählt - und das ist keine ganz große Überraschung - LA BRASS BANDA. Aber nur sehr knapp - und das ist beachtlich - vor BONAPARTE. Hier nochmal alle Gewinner der letzten Jahre: Stereolab (1996) , The Soulsociety (1997), 22 Pistepirkko (1998), Eläkeläiset (1999), King`s X (2000), Maceo Parker(2001), Sofa Surfers (2002), Mother Tongue (2003), Karamelo Santo (2004), Tocotronic, vor Go Betweens (2005), Eläkeläiset (2006), Sophia (2007), Donuts (2008).
Mit ihnen möchte man ein Bier trinken
Gute Gefühle beim Publikum erzeugte das Duo Werner Schmidbauer und Martin Kälberer mit der „Oiweiweida-Tour“.
Regensburg. Von Ralf Strasser, MZ
Nein, einen Hit hat er noch nicht geschrieben. Dennoch, der musikalische Bekanntheitsgrad von Werner Schmidbauer ist phänomenal und als Schwiegersohn-Wunschkandidat vieler Mütter rangiert der 48-Jährige immer noch locker in den Top Ten. Und er füllt Hallen. Das macht er seit zwölf Jahren nicht alleine. Im Regensburger Kulturspeicher standen Schmidbauer und sein kongenialer Kumpel Martin Kälberer auf der Bühne, zwei auf der „Oiweiweida-Tour“; zu einem zehnjährigen Jubiläum, das sich jetzt schon zwei Jahre hinzieht.
Bewährte Melodien und neue Lieder
Grau ist er geworden, der Meister der Wertevermittlung, der zugleich bayerische Antwort auf Reinhard Fendrich ist. Graues Haar, graues Hemd, angegraute Jeans. Doch sein Lachen steckt immer noch an und seine gefühlvollen Geschichten vermitteln ein „Ich-bin-angekommen-Gefühl“. Die Atmosphäre im weiten Rund des Kulturspeichers ist für „Schmidl“-Fans ein wenig gewöhnungsbedürftig. Auch wenn er, wie vor zwei Jahren, den Zirkus-Krone-Bau füllte und auf dem Tollwood-Festival in München an die 3000 Zuhörer begrüßt – irgendwie wünscht man sich die Zwei etwas intimer, auf kleiner Bühne, hautnah.
Doch das Gefühl der Ferne verschwindet nach den ersten Liedern, irgendwann sitzt man im gefühlten Wohnzimmer und schwelgt zwischen Poesie, Liebesliedern, Nachdenklichem, Humor und viel Optimismus. Das Repertoire, das Schmidbauer und Kälberer dabei haben, ist bekannt. Und auch wieder nicht. Aus der Kategorie „Schon in die Jahre gekommen“ werden die bewährten Melodien aufgefrischt und neu arrangiert. Mit „Herobn“ geht's zum Gipfeltreffen, bei „Pfeilgradaus“ wird mitgesungen und mit „I bleib steh'“ dem hektischen Multitasking getrotzt. Viele „Must-Be's“ sind dabei: „Am liabst'n daad i jetz'“, „Glück ghabt“ oder „Felder voller Gold“. Drei brandneue Lieder haben die beiden mitgebracht, eines davon der Titelsong der neuen CD, die im Juli erscheint. „Momentensammler“ heißt das gute Stück. „Alles, was sich lohnt zu sammeln, sind die guten Momente im Leben“, meint Schmidbauer. Davon hat er offenbar viele. Kaum einer beherrscht die Gratwanderung jenseits des Mainstreams zwischen den Emotionen so wie Schmidbauer. Es steckt viel Autobiographisches in seinen Liedern und gerade deshalb ist er, der „Schmidl“ aus Aibling, so authentisch, einer, den man bedenkenlos zum Kaffee oder auf ein Bier in die Stammkneipe einlädt. Wer Schmidbauer sagt, meint auch Kälberer, längst ist er der Musikbegleitung entronnen, ist zum vollwertigen Partner geworden. Auch wenn sich sein sprachlicher Beitrag auf zwei Sätze reduziert, ist er von Schmidbauers Seite nicht mehr wegzudenken.
Wunderbare Klangwelten
Während dieser singt und plaudert, brilliert Kälberer mit allem, was irgendwie mit Musik zusammenhängt und sei es ein „Hang“, das aussieht wie ein zusammengeschweißter Wok in D-Moll oder einer Daumentrommel namens „Kalimba“. Kälberer erzeugt mit Klavier, Keyboard, Percussion, exotischen Trommeln oder Mandoline wunderbare Klangwelten und damit Stimmungen, die einfach guttun. Der Groove, der von dem Multiinstrumentalisten kommt, ist beeindruckend und sei es allein mit schnippenden Fingerspitzen oder einem überraschenden „Fozblattln“. Am Ende eine interessante Statistik zu drei Stunden Schmidbauer und Kälberer: 400 Mal lacht ein Kind am Tag. Wir Erwachsene sind mit zwölf Mal täglich knapp dahinter. Die beiden haben diesen Schnitt mit ihrem Auftritt deutlich nach oben gezogen. Mittelbayerische Zeitung, 2.2.2010
Hymnen des hohen Nordens
Friska Viljor begeistert mit ungewöhnlichem Instrumentarium.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Mit ihren blonden, langen, zerzausten Haaren haben sie das Aussehen von zwei groß gewachsenen Wikingern, die mit einer hölzernen Zeitmaschine in die Gegenwart transportiert wurden. Dort haben sie die Identität von Zimmermännern angenommen, die sich auf der Walz in ausgebeulten Ausgeh-Klamotten in das Nachtleben stürzen. Auf dem Cover des aktuellen, dritten Albums „For New Beginnings“ erscheinen Daniel Johansson und Joakim Sveningsson auch in Hemd, Krawatte und legerem Anzug – und wirken wie Jahrmarktmusiker auf einem Wild-West-Plakat. Die beiden Herren kommen jedoch aus dem hohen Norden, wo sie sich vor fünf Jahren im Stockholmer Nachtleben kennengelernt haben. Beide waren kurz zuvor von ihren Freundinnen verlassen worden und ertränkten ihren Liebeskummer in reichlich Alkohol. Aber da dieser in Schweden nahezu unerschwinglich ist, verarbeiteten sie ihren Herzschmerz irgendwann in wunderschönen Melodien.
Live um drei Mann an Bass, Keyboards und Schlagzeug verstärkt, zelebrieren Johansson und Sveningsson unter dem Bandnamen Friska Viljor einen hymnischen, ja fast euphorischen Indierock. Der mehrstimmige Gesang erklimmt Falsetto-Höhen, und die mitreißenden La-La-La- und Oh-Oh-Oh-Refrains scheinen beim Regensburger Publikum längst keine Unbekannten mehr zu sein. Dafür spricht auch eine prall gefüllte Mälzerei, deren feuchtigkeitsgesättigte Luft Sänger Sveningsson augenzwinkernd seinen Fans anlastet: „Wenn Ihr nicht gekommen wärt, wäre die Luft jetzt besser“. Die beiden Nordmänner gönnen ihren Gitarren immer wieder Verschnaufpausen und reichern ihre eingängigen Songs mit folkigen Mandoline-, Ukelele- oder Melodica-Klängen an. Schmissige Indierock-Nummern lassen die Sohlen qualmen. Der Basslauf von „If I Die Now“ – einer der vielen Ohrwürmer von Friska Viljor – erinnert an Patrick Hernandez' 70er-Jahre-Disco-Stomper „Born to Be Alive“. Lebendig dürfte auch die weitere Karriere der Skandinavier verlaufen. Mittelbayerische Zeitung, 30.1.2010
Poetry Slam boomt
Regensburg hat sich zur Hochburg des Poetry Slam gemausert. Während der Nachwuchs in Workshops übt, bereitet die Alte Mälze die ersten Bayerischen Meisterschaften vor.
Regensburg. Als vor gut acht Jahren der erste Poetry Slam in der Alten Mälzerei stattfand, gab es zwei Vortragende und eine Handvoll Publikum. "Inzwischen ist Regensburg nach München der zweitgrößte Slam in Bayern", freut sich Hans Krottenthaler, Programmchef der Alten Mälze. "Regensburg ist eine Slam-Hochburg in Bayern geworden. So ist uns die Idee der Bayerischen Meisterschaften gekommen." Gesagt, getan: Die Alte Mälzerei veranstaltet im Mai die ersten Bayerischen Meisterschaften im Poetry Slam! Alle 25 Veranstalter im Freistaat werden ihre besten Poeten zum Dichterwettstreit schicken. Auch der Nachwuchs wird bestens vorbereitet: "Wir haben schon immer die Möglichkeit gesucht, in Regensburg Basisarbeit zu machen", sagt Ko Bylanzy. Der Münchner veranstaltet mit seinem Schulfreund Rayl Patzak seit 14 Jahren in der Landeshauptstadt den "Munichslam", den wichtigsten Poetry Slam-Wettbewerb Deutschlands. Vor über acht Jahren Jahren starteten die Beiden auch einen Slam-Wettbewerb in der Alten Mälzerei und der entwickelte sich zum Riesenerfolg. "Die letzten drei Veranstaltungen waren wieder ausverkauft", freut sich Bylanzky über den Publikumszuspruch und kündigt an, dass es ab heuer noch mehr Slams in der Mälze geben wird. Zusätzlich bereiten die Beiden gemeinsam mit dem Theater Regenbogen aber auch den Poetry Slam U 20 für den Poetennachwuchs vor. Nicht nur mit drei Slams, die im Foyer des Velodroms stattfinden, sondern auch mit Workshops, die derzeit im Theater Regensburg stattfinden. 13 junge Poetinnen zwischen 14 und 20 Jahren und ein Poet haben sich am vergangenen Mittwoch zum ersten Mal getroffen, um laut Ko Bylanzky "zuerst die Essentials" wie Mikrofon-Einstellung und kreatives Schreiben zu lernen, bevor ihnen gezeigt wird, wie sie an ihrer Performance arbeiten. Davor veranstaltete das Moderatoren-Duo Schnupperkurse an vier Regensburger Schulen. Der Nachwuchs hat die Möglichkeit, am Samstag, 27. Februar beim ersten Schüler Poetry Slam im Foyer des Velodroms aufzutreten. Die Nachfrage beim war groß, die Aufteilung in Gruppen ermöglicht aber, dass interessierte Teilnehmer weiterhin einsteigen können. Die Poetry Slams, bei denen Kandidaten mit eigenen Texten gegeneinander antreten und sich einem Publikumsvotum stellen, boomen in ganz Deutschland. Lokale Teilnehmer der Slams schaffen immer wieder den Sprung auf überregionale Bühnen. Der Regensburger Thomas Spitzer wird, so Ko Bylanky, als großer Newcomer im deutschsprachigen Raum gehandelt. Spitzer wurde auch für die deutschsprachige Meisterschaft nominiert. "Das Niveau ist sehr hoch", sagt auch Hans Krottenthaler über die Darbietungen in Regensburg. "Es gibt viele, die da schon sehr professionell unterwegs sind." Der Erfolg des Poetry Slams in der Mälze war auch der Grund, warum die Alte Mälzerei in diesem Jahr die erste Bayerische Meisterschaft im Poetry Slam in Regensburg veranstalten. "Ich freue mich sehr drüber. So ein tolles Projekt gibt's nicht jedes Jahr", so Hans Krottenthaler. Gefördert wird die Bayerische Meisterschaft im Poetry Slam von der Rewag-Kulturstiftung. 13. bis 15. Mai; Alte Mälzerei und (voraussichtlich) Velodrom. Regensburger Rundschau, 27.1.2010
Alles ist möglich: Ska und Salsa für eine bessere Welt - Che Sudaka aus Barcelona sorgen in der Mälze mit energiegeladenem Mestizo-Sound für ein bewegtes Publikum
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
„Guten Abend, Regensburg. Are you ready?“ fragt der in ein knallgelbes Fußballtrikot gewandete Sänger Kachafaz in einer Mischung aus Deutsch und Englisch.
Eigentlich ist es ja mehr eine Aufforderung als eine Frage, denn Che Sudaka aus Barcelona treten sofort kräftig in die Pedale und erwarten von ihrem jugendlichen Publikum, dass es mitmacht. Die eingängigen Refrains sind noch leicht mitzusingen, auch wenn man des Spanischen nicht mächtig ist. „Jump up, jump up“ – bei den Luftsprüngen muss der geneigte Konzertbesucher dann aber eine solide Kondition vorweisen.
Als Kachafaz und sein ebenfalls singender Bruder Leo ihr Publikum zu einer Umarmung auffordern, traut sich erst mal niemand so richtig. Ihre Botschaften sind jedoch klar: „Love, Unity and Happiness“ und – so der Name ihrer neuen CD – „Tudo É Possible“. Alles ist möglich, man muss nur dafür einstehen und dann ist auch eine bessere Welt möglich.
Wie andere Lateinamerikaner auch, sind die Musiker von Che Sudaka Anfang des neuen Jahrtausends aus Argentinien und Kolumbien nach Barcelona immigriert und haben sich dort anfangs als Straßenmusiker durchgeschlagen. Die katalanische Hauptstadt am Mittelmeer entwickelte sich zur Brutstätte für einen Musikstil, der später als Mestizo bekannt wurde. Die Verbindung aus Ska, Punk, Reggae, Rock und Rap mit traditionellen lateinamerikanischen Musikformen wie Cumbia, Salsa oder Flamenco wurde bereits seit Ende der 1980er-Jahre von der französischen Band Mano Negra gespielt, ihr Leadsänger Manu Chao avancierte mit seiner im Jahre 2000 veröffentlichten Solo-CD „Clandestino“ zum internationalen Superstar.
Neben den bunt zusammengewürfelten Bands aus dem Schmelztiegel Barcelona sind es zurzeit vor allem solche aus Lateinamerika selbst, die in Deutschland für volle Kulturzentren und Jugendclubs sorgen. Panteón Rococó aus Mexiko, Karamelo Santo aus Argentinien oder Abuela Coca aus Uruguay gehören zur Speerspitze einer internationalen Musikszene, die im links-alternativen Milieu verwurzelt ist.
Che Sudakas sozialkritische Lieder speisen sich aus ihren Erfahrungen, die sie als marginalisierte Migranten in Spanien gemacht haben. Kein Zufall ist es also, wenn sie in Regensburg den Slogan der deutschen Anti-Abschiebungspolitik-Bewegung, „Kein Mensch ist illegal“, skandieren. „Englishman in New York“ von Sting wird dann folgerichtig in „Simpatizar con Immigrantes Illegales“ umgetextet, „Unterstütze illegale Immigranten“. Ihre Forderung nach einem selbstbestimmten Leben bringen die sechs Bandmitglieder auch durch ihr unkonventionelles Äußeres zum Ausdruck. Fußballtrikots und Irokesen-Haarschnitt sind aber natürlich auch geradezu ideal für eine energiegeladene Bühnenshow. Mittelbayerische Zeitung, 22.1.2010
Niemals Pärchenabend in Umpfenbach
In „Honeymoon Massaker“ versammelt Philipp Weber so stichhaltige wie unterhaltsame Argumente gegen die männliche Reproduktionspflicht.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Umpfenbach, ein idyllischer kleiner Ort im unterfränkischen Odenwald. Ein Bus verkehrt hier zwar, nur gibt es eben keine Haltestelle. Hase und Igel sagen sich nicht nur Gutenacht, sie geben sich gegenseitig Sterbehilfe.
Ein sicherer Ort also fürs Kinderkriegen. Keine Drogen, aber wozu braucht man die auch, wenn der Opa den Keller voll Most hat, fragt sich Kabarettist Philipp Weber in seinem liebenswürdigen hessischen Idiom. Mit Freundin Ulla stattet er seinem Heimatdorf mal wieder einen Besuch ab. Johannes heiratet. Weber war in der letzten Zeit auf acht Hochzeiten. Und der Druck steigt. Wann ist es bei Euch so weit, wird er allenthalben gefragt. Aber Weber hat so seine Probleme mit dem Übergang in eine kleinbürgerliche Existenz. Mit Pärchen, die nur noch im Plural von sich reden („Aber Johannes, wir müssen doch noch gar nicht auf die Toilette“), und im Neubaugebiet die Pärchenabende mit dem Brettspiel „Siedler von Catan“ verbringen.
Kombucha statt Bier
Früher fand sich in Johannes' Kühlschrank immer ein Bier, heute steht dort das Wellnessgetränk Kombucha, ein mit Hefe fermentierter Grüntee. Ulla habe ja kürzlich eine Molkekur gemacht – mit einer Substanz also, die früher höchstens an Schweine verfüttert wurde. Zuvor hatte sie ihre Actimel-Phase, der Joghurt in Ampullen soll die Darmflora fördern. Ja, will sie denn zur Bundesgartenschau?, fragt Weber voller Unverständnis. Und auf den Hochzeiten gebe es dann Rohkostbuffets mit Huflattichsalat. Kann man den überhaupt verdauen oder muss man ihn wie ein Wiederkäuer jede halbe Stunde wieder hochwürgen? Und die durch das Biogesundessen gewonnene Lebenszeit solle man dann wohl beim „Siedler“-Spielen verbringen.
Ulla und die Tierwelt
Ohne Musik- oder Gesangseinlagen, ohne Kostümierung oder Requisiten – Webers Alltagserlebnisse sind sich selbst genug. Skeptisch beobachtend, was um ihn herum passiert, trifft den Nagel auf den Kopf. Und das Publikum erkennt sich in Webers Erfahrungen wieder. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lässt der Kabarettist dabei nicht außer Acht. Zuwanderung frische den verarmten Genpool auf, der Deutsche drohe sonst zu verblöden. Die angedrohte Gesundheitsreform bringe uns Aktionswochen beim Frauenarzt („Los Wochos bei McGyn“). Seine Generation sei mitnichten politisch desinteressiert, sondern vielmehr desillusioniert. In den Achtzigern wollte man den Wald retten, heute die Banken. Ehemalige Grünen-Politiker sitzen heute als Berater bei Energiekonzernen am Tisch. Aber Weber weiß auch, dass er seine politischen Botschaften am besten mit Humor verabreicht. Und den gibt es reichlich in „Honeymoon Massaker“. Die Schlagzahl der Pointen ist hoch, für Kurzweil ist gesorgt. Nicht umsonst heimste er 2008 den Deutschen und 2009 den Bayerischen Kabarettpreis ein. Als studierter Reproduktionsbiologe kennt er sich ja auch aus mit den Fortpflanzungsmechanismen und überträgt Verhaltensweisen aus dem Tierreich gerne auf seine Beziehung mit Ulla. Bei der Überlegung, welchen zeitlichen Umfang der Zeugungsakt im Leben einer dänischen Eintagsfliege einnimmt, bekommt Weber ganz große Augen. Am Ende kann der Mittdreißiger aber argumentieren wie er will, seine Ulla kennt den wahren Grund für seine Vorbehalte gegenüber Heirat und Ehe: Er wolle halt einfach nicht erwachsen werden. Mittelbayerische Zeitung, 18.1.2010
Jodeln muss wie Death Metal klingen
Die unkonventionellen Bläser von La Brass Banda füllen die Hallen – auch außerhalb Bayerns.
Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Wie der Rattenfänger von Hameln ziehen zu Beginn des Konzerts die drei Bläser von La Brass Banda Trompete, Posaune und Tuba spielend durch ihr Publikum. Ähnlich wie in der deutschen Sage kommen die „Kinder, Knaben und Mägdlein in großer Anzahl gelaufen“. Das Konzert war anfangs in der Alten Mälzerei geplant, wo sich die fünf Jungs aus Oberbayern im November 2008 erstmals dem Regensburger Publikum vorstellten. Wegen der großen Nachfrage wurde die Veranstaltung in den Kulturspeicher verlegt und durch ein Zusatzkonzert ergänzt – das ebenfalls in kürzester Zeit ausverkauft war. Die Band aus dem Chiemgau existiert gerade einmal zwei Jahre und sorgt allerorten für volle Hallen – selbst dort, wo ihr Bayrisch nicht sofort verstanden wird. Das Goethe-Institut lud sie dieses Jahr als Vertreter modernen deutschen Kulturguts nach Russland ein, die Deutsche Botschaft in Simbabwe nach Harare. Auch in den europäischen Metropolen wie London oder Berlin sorgen die Oberbayern für Euphorie. In Wien spielen sie Ende des Jahres an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Die Toten Hosen haben sie für ihr traditionelles Weihnachtskonzert als Vorband nach Düsseldorf eingeladen.
Alle fünf sind studierte Musiker und der ein oder andere hat tatsächlich bei der örtlichen Blaskapelle in Übersee am Chiemsee seine ersten musikalischen Schritte getan. Doch von einer konventionellen Blaskapelle sind sie meilenweit entfernt. Unterstützt durch die dynamische Rhythmus-Sektion Oliver Wrage (Bass) und Manuel da Coll (Schlagzeug) greifen die drei Bläser Stefan Dettl (Trompete), Andreas Hofmeir (Tuba) und Manuel Winbeck (Posaune) zeitgenössische Musikstile auf und verpassen ihnen ein ungewohntes, energiegeladenes Blasmusikgewand. Die tief dröhnende Tuba sorgt neben dem Bass für eine subsonische Tiefenwirkung, die in der elektronisch erzeugten Clubmusik zum guten Ton gehört. Was der Unterschied zwischen Techno und seiner bayrischen Variante sei, fragt Dettl sein Publikum. „Der bayrische Techno ist gemütlicher“ – auch wenn die anschließende Nummer mit einem ordentlichen Bumm-Bumm-Bumm zur Sache geht. Das darauffolgende entspannte Reggae-Stück „We like the Battyman“ haben sie eigens für das diesjährige Chiemsee Reggae Summer Festival komponiert. Nach einer Unterrichtseinheit in Sachen Jodeln – „tief und inbrünstig wie beim Death Metal muss es klingen“ – stimmt die Band eine atmosphärisch dichte Soul-Nummer an, die die Sonne hinter den Alpen aufgehen lässt.
Auch wenn La Brass Banda nur vereinzelt Balkan Brass Stücke spielt und auch die neue CD „Übersee“ sich deutlich von diesem Stil entfernt hat, wird die Band doch gerne in diese Schublade gesteckt. Als Band, die mit traditionellen Instrumenten moderne Tanzmusik spielt, haben sie sicherlich vom Balkan-Trend der vergangenen Jahre profitiert. Als führender Vertreter dieses Genres gilt der Frankfurter DJ und Produzent Stefan Hantel, der unter seinem Künstlernamen Shantel traditionelle osteuropäische Blasmusik nach Deutschland brachte. Selbst gelangweilt von der stagnierenden Entwicklung elektronischer Musik, welche die 1990er Jahre popmusikalisch dominierten, ging der vormalige Downbeat-Produzent 2001 nach Czernowitz, in die Heimatstadt seiner Großeltern. In der Hauptstadt der Bukowina im Karpatenvorland, in der westlichen Ukraine, lernte er Blasmusikkapellen kennen, die den musikalischen Rahmen für ausschweifende Feste liefern. Auch wenn Shantel diese Musik in Deutschland popularisierte, so war es doch der bosnisch-serbische Regisseur Emir Kusturica, der in seinen mehrfach preisgekrönten Filmen „Die Zeit der Zigeuner“ (1989), „Underground“ (1995) und „Schwarze Katze, weißer Kater“ (1998) das Feld bestellte. Eine der ersten Balkan Bands, die auf einer deutschen Bühne für Furore sorgte, ist die zwölfköpfige Roma-Blaskapelle Fanfare Ciocorlia. In Fatih Akins Kinofilm „Gegen die Wand“ (2004) sind sie bei einem Auftritt zu sehen. Im August war die „schnellste und populärste Balkan Brass Band der Welt“, so der Veranstalter, beim Klangfarben-Festival zu erleben. Beim Finale sammelten die Musiker beim Zug durch das Publikum Geld ein und spielten eine fulminante Zugabe mitten unter den tanzenden Besuchern. Auch La Brass Banda drehten zum Abschluss ihres Konzerts eine musikalische Ehrenrunde mitten durch die Zuhörer. Eine einfache, aber effektive Art zu sagen: Wir sind Musiker aus dem Volk und brauchen eigentlich gar keine Bühne. Echte Volksmusik eben. Mittelbayerische Zeitung, 18.12.2009
Blumfeld ist tot, es lebe Blumfeld
Jochen Distelmeyer lüftet das Geheimnis: Er macht einfach weiter wie bisher – und das ist gut so.
REGENSBURG. Von Jürgen Scharf, MZ
Jochen Distelmeyer macht einen auf alleine. Vor zwei Jahren hatte der Hamburger Songschreiber seine Band Blumfeld aufgelöst. Und es wurde viel orakelt: Was macht der Mann jetzt bloß? Wird er Schauspieler, Autor, TV-Moderator – oder eröffnet er gar ein Café? Seit seinem Regensburger Konzert wissen wir: Wo Distelmeyer drauf steht, ist weiterhin Distelmeyer drin. Er macht Musik. Ein paar Stunden zuvor hatte er ein Kurzkonzert an der Universität gegeben. Im besetzten H2 spielte Distelmeyer nachmittags den streikenden Studenten, die diszipliniert in ihren Stuhlreihen saßen und eifrig mitwippten, ein paar Songs vor. Hernach verriet er, dass er ja selber nie studiert habe und ihm eigentlich der direkte Zugang zu den Streikthemen fehle. Aber dass die Studenten gegen Gebühren und den Bachelor sind, ja, das finde er gut. Hauptsache dagegen! Sein Eröffnungsstück am Abend in der Alten Mälzerei ist in diesem Kontext gut gewählt: „Wohin mit dem Hass?“ Fast bluesig kommt die Rocknummer von Distelmeyers erstem Solo-Album „Heavy“ daher. Immer wieder röhrt er es ins Mikro: „Wohin mit dem Hass?“ Mitsingen leicht gemacht. Distelmeyer hat ein Dutzend Gitarren dabei. Zu fast jedem Lied hängt er sich eine andere um, auch wenn sie alle nur ein klein wenig anders klingen. Es lebe die Liebe zum Detail. Zusammen mit seiner Band arbeitet er sich Stück für Stück durchs neue Album und garniert das Set mit handverlesenen Blumfeld-Songs. Distelmeyer wirkt erleichtert, von der Last befreit, immer und immer wieder ,„Tausend Tränen tief“ spielen zu müssen – und dennoch nicht mit der Vergangenheit brechen zu müssen. Denn Distelmeyer hat sich nicht neu erfunden. Muss er auch nicht: Er ist und bleibt Berufsmusiker. Der Zuhörer zahlt Eintritt und darf dafür einen Mann bei der Arbeit beobachten, der sein Handwerk versteht. Distelmeyer kann, das darf ruhig mal gesagt sein, einfach gut singen. Und Gitarre spielen auch. Musik ist für ihn keine Laune der Muse. Er macht Platten und geht auf Tour. So wie es sich gehört.Am Ende, nach dem letzten Lied, blickt er glücklich ins Publikum: „Haut rein“, sagt er. Genau, du auch, möchte man ihm antworten. Blumfeld ist tot, es lebe Blumfeld, auch wenn Distelmeyer drauf steht. Mittelbayerische Zeitung, 17.12.2009
Akribisch beschrieben, dass schon wieder nichts passiert
Wolf Haas las im Kulturspeicher aus seinem neuen Krimi „Der Brenner und der liebe Gott“.
Regensburg. Von Florian Sendtner, MZ
„Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.“ Genau darauf hat der Herr Simon, der eigentlich Brenner heißt, auch immer vertraut, auf die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Doch zweihundert Jahre nach Kleist steht der Brenner in der Tankstelle, die ominöse schöne Südtirolerin mit der Milch und der Zeitung geht an ihm vorbei, dem Brenner ist vollkommen klar: „Man muss sich in so einer Situation einfach möglichst weit aus dem Fenster lehnen, sich in eine Gefahrensituation bringen, dann schwimmt auf dem Adrenalin schon ein guter Spruch daher.“ Aber dann Fehlkalkulation: „Weil leider kein Spruch weit und breit.“
Nebensächliche Details
Jetzt ist schon wieder was passiert? Von wegen! Die meiste Zeit passiert in den Büchern von Wolf Haas so gut wie nichts. Stattdessen ergeht sich der Erzähler in eingehenden Betrachtungen über irgendwelche Phänomene des alltäglichen Lebens und teilt akribische Beobachtungen nebensächlicher Details mit, die actionmäßig wirklich nicht sonderlich weiterhelfen, retardierendes Moment Hilfsausdruck. Wolf Haas gibt das bei der Lesung aus seinem neuen Krimi „Der Brenner und der liebe Gott“ (Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 18,99 Euro) im ausverkauften Kulturspeicher offen zu. Nachdem er die ersten vier Kapitel (leicht gekürzt) in einem irrsinnigen Tempo, aber ohne einen einzigen Versprecher vorgelesen hat, verkündet der promovierte Sprachwissenschaftler, er lasse jetzt 50 Seiten aus, fasse aber deren Inhalt nicht zusammen, weil: „Es ist eh nicht viel passiert.“Ja, die Inhaltszusammenfassung. Sie ist ja ein gewichtiges literarisches Genre, mit dem Deutschlehrer ihre Schüler bis zum heutigen Tag traktieren. Was sich sehr schön im Internet niederschlägt, in dringlichst formulierten Suchanfragen an die literarisch versierte Welt, wer denn um Himmels willen dieses oder jenes komische Buch gelesen habe und eine passable Inhaltswiedergabe abliefern könne.
Der tragikomische Chor
Wolf Haas hat so ein Chatroomdrama mal aus dem Internet kopiert, die Grazer Literaturzeitschrift „Schreibkraft“ hat es unverändert abgedruckt, und als Haas den Text im Kulturspeicher vorliest, wird auch klar, warum: Die verzweifelten Hilferufe gequälter Schülerkreaturen, die von einem besonders aufgeschlossenen Lehrer mal ein ganz und gar nicht verstaubtes Stück Literatur zur Lektüre verpasst kriegen (in dem Fall den zweiten Brenner-Krimi „Der Knochenmann“), das sie aber genauso wenig lesen wollen wie Storms „Schimmelreiter“ oder Droste-Hülshoffs „Judenbuche“ – sie ergeben einen tragikomischen Chor, der der Parole „Lesen!“ ein vielstimmiges „Um Gottes willen!“ entgegenschmettert. Am Ende meldet sich tatsächlich einer: „Hey, ich habe eine Inhaltsangabe! Ist aber ziemlich lang!“ Nachfolgend das Internetpseudonym des Erlösers und sein Post Scriptum: „Das ist so ein scheiß Buch!“Zu dem gleichen Befund kam die „Süddeutsche Zeitung“ bei „Der Brenner und der liebe Gott“, natürlich distinguierter ausgedrückt. Die 450 Zuhörer im Kulturspeicher waren anderer Meinung, und das zurecht: Der neue Wolf Haas, der sich um ein entführtes Kleinkind, eine Abtreibungsklinik, einen Wiener Baulöwen und, wie gesagt, um eine schöne Südtirolerin dreht, ist ein theologisch riskantes göttliches Vergnügen in Schwarz, abgrundtief komisch, das reine Leseglück. Mittelbayerische Zeitung, 1.12.2009
Tausendundein Schritt in die Gegenwart
Die 7. Internationale Aids-Tanzgala im Velodrom war ein Abend der tänzerischen Superlative.
Regensburg. Von Florian Sendtner, MZ
„Das Velodrom steht gegen das Provinzielle, sein Bau war durch und durch modern, und nach seiner Eröffnung fühlten sich viele Bürger dem neuen Jahrhundert einen Schritt näher.“ Der Satz stammt aus dem Festvortrag von Hans Dieter Schäfer zur Hundertjahrfeier des Velodroms 1998; mit dem neuen Jahrhundert ist das 20. gemeint. Doch er passt auch auf das 21. Jahrhundert. Am deutlichsten wird das jedes Jahr im Herbst, bei der Aids-Tanzgala. Am Samstag fand sie zum siebten Mal statt und im ausverkauften Velodrom fühlten sich viele dem nicht mehr ganz neuen Jahrhundert nicht nur einen Schritt näher, sondern ein paar Tausend Schritte, ein paar Tausend wunderbar leichtfüßig getanzte Schritte.
Witzige Reflexion über das Tanzen
Bei Armando Braswell (Gauthier Dance, Stuttgart) allein sind es ja schon 101. In einer atemberaubenden Nummer führt der dunkelhäutige New Yorker die 101 Positionen und Schritte vor, die das Repertoire des Tanzes bilden sollen. Die Stimme des Meisters aus dem Off gibt das Kommando, nummeriert die Schritte und Bewegungen zuerst von 1 bis 101 durch, und nennt anschließend nur noch die Nummer, die der Tänzer auf der Stelle ausführt. Das Ergebnis ist eine marionettenhafte Akrobatik von einer eigenartigen Grazie, die dem Zuschauer die scheinbare analytische Zergliederung der kompliziertesten Bewegungen bietet. Doch die Nummern werden immer schneller aufgerufen, der Tänzer kommt ins Rotieren – und kollabiert. Eine ebenso witzige wie schlaue Reflexion über das Tanzen (Choreographie: Eric Gauthier). Man kann aus diesem Abend der Superlative nur Beispiele herausgreifen: den meisterhaften Solo-Flamenco von José Moro, oder das faszinierende Doppel-Pas-de-Deux „Staub einer alten Affäre“ des Tanztheaters Darmstadt, das zwei Paare gegenüberstellt, das eine in barocken Perücken und Kostümen, das andere modern, und während das „alte“ Pärchen damit beschäftigt ist, tänzerisch Schicht um Schicht die Konventionen, sprich: die hinderlichen Klamotten abzulegen, tobt zwischen dem „neuen“ Paar ein heftiger erotischer Kampf, bei dem die Frau eine lustvolle Attacke nach der anderen vollführt – aber der Mann weiß sie alle abzuwehren (Choreographie: Mei Hong Lin).
Bei den Pas de deux ist es gerade die Vielfältigkeit, die diese siebte Aids-Tanzgala auszeichnet: Da tanzen Anna Yanchuk und Marian Meszaros vom Landestheater Salzburg die Beziehung zwischen Marilyn Monroe und Arthur Miller – eine ausgesprochen temperamentvolle Affäre. Und da erzählen Ayumi und Alister Noblet und Rutzuki Kanazawa vom Theater Regensburg die bewegende Geschichte von Kazu Kun, der „nicht normal“, sprich: behindert ist – aber durch die Anteilnahme seiner Schwester schließlich doch ins Leben findet und zum Tanzen kommt. Schließlich der Höhepunkt: „Two“, ein Pas de deux der „I'mperfect Dancers“ aus Italien. Was Matteo Boldini und Vincenzo Lacassia da in der Choreographie von Walter Matteini hinlegen, ist ein schlicht umwerfender Tanz eines Männerpaars, dessen Harmonie die Gesetze der Schwerkraft vergessen lässt.
Man denkt an Simon Oberdorfer
Auch der eingeschworenste heterosexuelle Mann, so er nicht völlig verbohrt und vernagelt ist, wird beim Anblick dieser beiden Tänzer butterweich. Oder, anders gesagt: Vergangene Woche ist der Antrag von Berlin, Bremen und Hamburg, das Verbot der Diskriminierung von Homosexuellen im Grundgesetz festzuschreiben, im Bundesrat gescheitert. Man hätte die Abstimmung eine Woche später machen und die Mitglieder des Bundesrats in die Regensburger Aids-Tanzgala schicken müssen: Der Antrag wäre einstimmig angenommen worden. Am Ende dieses von Gayle Tufts witzig moderierten Dreieinhalb-Stunden-Tanzabends, der wie im Flug vergangen ist, stehen drei Dutzend Akteure zum rauschenden Schlussapplaus auf der Bühne, und die einzigen beiden, die einen deutschen Nachnamen haben, das sind die zwei Israelis Yossi Berg und Oded Graf. Man denkt unwillkürlich an Simon Oberdorfer, der 1898 das Velodrom baute und damit den Provinzmief aus der Stadt verbannte. Heute beginnt in München der Prozess gegen John Demjanjuk, einen seiner mutmaßlichen Mörder: Er soll im April 1943 Wachmann im Vernichtungslager Sobibor gewesen sein, in dem Oberdorfer ermordet wurde.
Der Gute Zweck der 7. Internationalen Aids-Tanzgala
Der Erlös der diesjährigen Internationalen Aids-Tanzgala geht, wie schon vor zwei Jahren, an das Projekt CARE. Professor N.M. Samuel berichtete am Samstagabend im Velodrom von seinem Projekt in der indischen Stadt Namakkal: Dort wird eine medizinische Versorgung für schwangere HIV-infizierte Frauen aufgebaut. Die Tänzer der Tanzgala treten immer umsonst auf. Die zahlreichen Sponsoren decken alle übrigen Kosten wie Fahrt, Essen und Übernachtung. Das Eintrittsgeld (Karten von 21 bis 61 Euro) geht damit vollständig an CARE. Die Aids-Tanzgala ist der krönende Abschluss der von Hans Krottenthaler 1998 ins Leben gerufenen Regensburger Tanztage. Veranstalter sind der Jazzclub Regensburg, die Aids-Beratungsstelle und das Theater Regensburg. Mittelbayerische Zeitung, 30.11.2009
Tanz: Befreiung aus Verstrickungen
Stuttgarter Finalisten und Preisträger begeisterten mit Perfektion und kreativer Kraft das Tanztage-Publikum.
Regensburg. Von Susanne Wiedamann, MZ
Zwei Laternen stehen weit voneinander entfernt auf dem Boden des verdunkelten Bühnenraums des Uni-Theaters. Im diffusen Licht wird ein weiblicher Körper sichtbar, der mit weit kreisenden Armen bedächtig den Raum durchschreitet. Während der Blick der kanadischen Tänzerin folgt, fängt ihre Kunst schon an zu wirken. So geschmeidig, so bis ins kleinste Detail beherrscht, mal ganz natürlich, mal wie automatisiert, puppengleich sind die Bewegungen von Helen Simoneau, mit denen sie das Tanztage-Publikum fesselt. Mucksmäuschenstill, scheinbar atemlos, schauen die Tanzbegeisterten zu, wie Simoneau sich an einer unsichtbaren Wand entlangtastet, die für das Publikum ganz real zu sein scheint. Die Illusion ist perfekt.
Nach Helen Simoneaus Choreografie „The gentleness was in her hands“, die in Stuttgart mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, scheint in dieser Regensburger Solotanznacht mit Finalisten und Preisträgern des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart eine Steigerung des tänzerischen Niveaus kaum möglich. Doch gleich darauf reißt Kiriakos Hadjiioannou das Publikum in der Choreografie „Monogram“ von Tomi Paasonen mit. Auch der Grieche spielt mit maschinellen Bewegungsabläufen, die er mit beeindruckender Akkuratesse und Präzision ausführt. In die Luft schreibend nähert er sich dem eigenen Kern. Als Magier in Schwarz liefert er in dem temporeichen Stück zu allerlei verblüffendem Geräusch Aktionen, von denen unklar ist, ob er Auslöser oder Getriebener ist, Akteur oder der zur Reaktion Gezwungene. Ein Zauberer, der nicht immer die Oberhand behält. Ein Individuum im Kampf um den eigenen Willen: ein Zwiespalt, den Tänzer Hadjiioannou mit viel Witz und traumhaft in Szene setzt.
Fünf Tänzer stehen an diesem Abend mit Solo-Stücken im Uni-Theater auf der Bühne. Gemeinsam sind ihnen nicht nur das enorme tänzerische Vermögen: Der weitgehende Verzicht auf Requisiten, der Einsatz überwiegend sphärischer Klänge, das zarte Spiel mit Licht sowie auch die thematische Verwandtschaft fällt auf. In allen Stücken geht es um Verstrickungen, um das Eingebundensein in Systeme, um unsichtbare Fäden, auch um Befreiung, Veränderung, Weiterentwicklung. Bei der Japanerin Kazue Ikeda wird dies in ihrer wunderbaren Choreografie „Re/lease“ überdeutlich, in der sie sich ziehend, robbend, drehend und windend immer mehr in ein Seil verstrickt. Selbst als sie sich befreit hat, bleibt der Strang liegen, durchzieht den Raum wie ein ordnendes Element, bleibt als Pfad bestehen.
Der anmutig und doch mit martialischer Kraft tanzende Amerikaner Shamel Pitts darf in Sidra Bells Stück „Conductivity“ manche Bewegungsmuster fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken zitieren, um seine persönlichen Herausforderungen zu meistern. Sein Körper zeigt sich mal muskelgestählt, dann zitternd, verunsichert, im Todeskampf. Sehr packend! Und noch einmal große Bewegungskunst, emotional bewegender Tanz bei Teresa Alves da Silva in André Mesquitas Stück „Lake“: Mit fließenden und dann wieder blockierten Bewegungen, merkwürdigen Pirouetten und Sprüngen verleiht sie Worten Ossip Mandelstams aus einem Zwangsarbeiterlager sehr poetisch und sensibel Ausdruck. Das in Stuttgart mit dem 1.Preis für Tanz geehrte Stück wird vom Regensburger Publikum ebenso euphorisch gefeiert und umjubelt wie die anschließende Zugabe, bei der sich die fünf Solotänzer zu einer faszinierenden Improvisation im Quintett zusammenfinden. Großartig. Mittelbayerische Zeitung, 24.11.2009
Wie der Tanz auf die Leinwand kommt
Heuer waren die Tanzfilme mit zeitlichem Abstand zur Regensburger Kurzfilmwoche zu sehen.
Regensburg. von Gabriele Mayer, MZ
Auch in diesem Jahr waren „Tanzfilme“ ein Programmpunkt der „Regensburger Tanztage“ (in Kooperation mit der „Kurzfilmwoche“). Und auch diesmal drängte sich die Gretchenfrage auf, die alle Filme betrifft, in denen es zentral um Tanz, Theater oder Performance geht. Soll sich die Kamera zurückhalten, aus angemessenem Abstand die Gesamtheit des Geschehens aufzeichnen und den Zuschauer in die Lage eines privilegierten Theaterbesuchers versetzen, der seinen Blick selbst justieren kann.
Oder soll der Regisseur sich einmischen und bestimmte Ausschnitte fixieren und anderes ausblenden, soll er etwa, wenn es ihm einfällt, nur Gesichter zeigen statt auch die Füße und die ganzen Körper, das ganze Ensemble, die ganze Szenerie und ihre Dynamik?
Der Film „Isabella“ ist ein Beispiel für das Misslingen eines Tanz-Kurzfilms, der einen zähen Einfall hat, welcher, auch filmisch, uninspiriert umgesetzt wird. „Double Take“ ist eine Tanz-Performance aus London und führt in die Zeit der vornehmen, irrlichternden 1920er Jahre. Sehr schön zeigt uns die Kamera zu Beginn des Films im Zeitraffer den Aufbau der Szenerie, führt uns heran an die Bühne, hinein in die Atmosphäre und lässt uns dann weitgehend selbständig schauen und teilnehmen. Der Film präsentiert sogar die einzelnen Mitglieder der Tanz-Gruppe, die, etwa zu „Stranger in the Night“, Begrüßungsrituale und Einsamkeitsgesten und die Welt als Show inszenieren. Die Tänzer in strengen Anzügen sind pokerfaceartig geschminkt und sausen mit einfallsreich ironisierter Zackigkeit durch die Großstadtbühnennacht. Gleichwohl gelingt es ihnen nicht, etwas fühlbar mitzuteilen, die inszenatorische Zeitsprung-Idee findet keine Resonanz und entwickelt keine Überzeugungskraft.
Atemberaubend ist dagegen die Choreographie, die William Forsythe im Jahr 2000 auf die Bühne brachte und die von Thierry de Mey filmisch ausgereizt wurde: indem ein tunnelartiger Hintergrund sich öffnet, oder indem die Kamera rasch auf Nahtstellen und Kontrapunkte springt, aber ansonsten der Musik und dem Tanz Raum lässt. 17 Tänzer und 20 im engen Rechteck sperrig aufgereihte Tische: Darunter, darauf, darüber und dazwischen schlängeln sich die Körper in züngelnden, für Forsythes Formensprache typischen Bewegungen. Die Glieder der Tänzer scheinen sich in ausufernder Geschwindigkeit schier abzunabeln von den Körpern, sich abrupt, aggressiv, unausgesetzt zu verselbständigen, durchdrungen von den unentwegt archaisch vibrierenden, technoiden Klängen der Musik. Körper und Klang sind nicht mehr zu trennen. Zufall und animalische Eigendynamik scheinen alle (E-)motion des Geschehens an sich gerissen zu haben. Die Menschen, so wie Forsythe sie allein durch die Inszenierung ihrer Bewegungen darstellt, sind affektgesteuerte Reiz-Reaktionsmodule im Kampf ums Überleben. Die Orchestrierung Forsythes übersteigt das optische Fassungsvermögen des Zuschauers. Er wird mitgerissen. Mittelbayerische Zeitung, 18.11.2009
Ein ganzer Raum wird in Bewegung gesetzt
TANZTAGE Junge Tänzer aus ganz Bayern begeistern mit ausdrucksstarken Soloproduktionen
VON FLORA JÄDICKE, MZ
REGENSBURG. Es wäre ein Fehler, sie vergleichen zu wollen. Sechs junge Tä
